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Wippchens Russisch-Japanischer Krieg

Julius Stettenheim: Wippchens Russisch-Japanischer Krieg - Kapitel 1
Quellenangabe
typesatire
booktitleWippchens Russisch-Japanischer Krieg
authorJulius Stettenheim
year1904
firstpub1904
publisherVerlag von Dr. jur. Demcker
addressBerlin
titleWippchens Russisch-Japanischer Krieg
pages159
created20090831
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der russisch-japanische Krieg.

I.

Tokio, den 2. Dezember 1903.

Trotz ihrer Weiblichkeit ist die Mandschurei der Zankapfel der Neuzeit. Wer mir dies vor zehn Jahren gesagt haben würde, den hätte ich ausgelächelt, daß er mir das Mitleid angesehen hätte. Wer bekümmerte sich um die Mandschurei? Du etwa, lieber Leser? Deine Wangen wären dir eher eingefallen, als dies. Du magst es mir glauben. Kaum wußte man in Europa, wo die Mandschurei liegt, und man hatte die Empfindung, sie wisse es selber nicht. Die Mandschuren waren uns ein völlig fremdes Volk. Während viele Völker bei uns öffentlich auftraten, um sich uns gegen Entree zu zeigen, blieben uns die Mandschuren völlig fern, obschon sie doch gewiß gern Geld verdienten. Wir kannten, wenn nichts weiter, von den Chinesen den Tee, von den Buren die reisenden Generäle, von den Japanern die Operette Mikado, von 2 den Lappen die Flicken, von den Isländern das Moos, von den Eskimos die Kälte, von den Tartaren die Nachricht. Wer hat jemals einen lebenden Mandschuren gesehen? Die Frage nach dem kleinen Kohn wäre rascher bejaht. Und plötzlich liegt die Mandschurei als Zankapfel vor uns!

Ich weiß absolut nicht, wie der Apfel dazu kommt, nicht weit von dem Stamm zu fallen, der einen anderen Stamm in einen Streit oder in eine Fehde verwickelt. Der Apfel ist ja ursprünglich etwas Harmloses, Genießbares gewesen. Man aß ihn, man hatte ihn im Auge, man ging in kein Theater, in welchem er nicht zur Erde fallen konnte, und in der Verbindung mit Schimmel, Wein, Torte und Sine hatte er etwas Vornehmes für jeden, der ihn so erwähnen hörte. Aber was ist mit ihm geschehen! Ich will nicht auf das Paradies zurückgreifen, obschon der Paradiesapfel förmlich dazu zwingt. Das alte Testament wird indes jetzt von jedem babelnden Bübel in Abrede gestellt, so daß man in andere Äpfel beißen muß, z. B. in den des schönen Paris und in den Erisapfel, um zu beweisen, daß der Apfel das Schicksal erleiden muß, sogar bei Gelegenheit der russisch-japanischen Krisis genannt zu werden. Kein anderes Obst wird in dieser Weise verkannt.

Ich wohne im Mikadohof, in dessen Speisesaal allabendlich Versammlungen stattfinden, welche die Regierung wingen wollen, den Russen die Zähne zu zeigen. »Diez Regierung« sagte ein gestriger Volksredner, »will das nicht. Aber warum denn nicht? Wir sind mit China fertig geworden und werden mit Rußland noch fertiger werden. Aber wenn wir uns hüten, mit ihnen – verzeihen Sie das 3 harte Wort! – zu brechen, so werden sie fortfahren, uns auf der Nase herumzutanzen, und das ist ein Tanz, den ich la Décadanse nennen möchte, weil wir zugrunde gehen, wenn wir es uns gefallen lassen. Wir müssen die Russen aus der Mandschurei treiben. (Rufe: Raus! Raus!) Wenn sie sich erst eingenistet haben, dann kriegen sie keine zehn Pferde heraus, genau wie die Rebläuse, die Ratten, die schweren Rätsel. Also: Krieg! Krieg mit Moskau!« Und nun folgte ein Durch und Durcheinander von Stimmen: Krieg! Krieg mit Moskau! daß ich glaubte, in Laubes Demetrius von Schiller zu sein, ein wüstes Schreien, das sich wie ein Kaninchen auf die Straße fortpflanzte, so daß niemand mehr imstande war, sein eigenes Schreien zu hören. Und daran schloß sich der Gesang des neuen Kriegsliedes, das nach meiner flüchtigen Uebersetzung ungefähr lautet.

Sie sollen sie nicht haben
Die liebe Mandschurei,
Nach der sie wie die Raben
Schon schnappen mit Geschrei:
    So lange noch die Mandschu-
    rei in Ostasien liegt,
    So lang' noch mit dem Kantschu
    Der Russe Schläge kriegt!

Sie sollen sie nicht haben,
Die liebe Mandschurei,
So lang' nicht sind die Knaben
Und Mädchen einerlei,
    So lang' noch ganz unmäßig
    Für Frieden schwärmt der Zar,
    Doch ihn zugleich gefräßig
    Stört siebenmal im Jahr.

4 In diesem chauvinistischen Ton geht es weiter, genau wie in dem Lied »Die Wacht am Sumidagawa«, am japanischen Rhein.

So das japanische Volk. Se. Majestät der Mikado aber hat keine rechte Lust, sich auf das gefährliche Abenteuer einzulassen und die Streitaxt vom Leder zu ziehen. Man stellt sich wohl den Mikado in meiner Heimat anders vor, als er in der Tat ist. Man meint, weil er, von Sullivan in Musik gesetzt, einen großen Lacherfolg hatte, er spiele auch in Japan eine solche Rolle. Weit gefehlt. So wenig wie der Zar, als er noch Zimmermann war, Lortzings Lieder gesungen, oder sie gar, wenn das Publikum es verlangte, wiederholt hat, so wenig geht der Mikado unter allgemeiner Heiterkeit über die Bretter. Ich möchte es überhaupt keinem Menschen raten, hier beim Erscheinen des Mikado zu lachen. Der Lacher würde in demselben Augenblick keinen Schritt mehr unter den Lebendigen wandeln, ohne über seinen eigenen ihm vor die Füße gelegten Kopf zu stolpern. Der Mikado ist ein ernster Monarch, der der Titelrolle in der berühmten englischen Operette so unähnlich ist, wie ein trinkbarer Ti- dem Stachelschwein. Wenn der komponierte Mikado auf der Bühne erscheint, sitzen die Zuschauer, während die Zuschauer, welche sich beim Erscheinen des Originalherrschers nicht erheben und in den Staub knien sollten, ganz gewiß mehrere Tage im Gefängnis sitzen müßten. Wer wie der Kapellmeister vor dem echten Mikado einen Stab schwingen würde, darf sicher sein, daß ihm der Scharfrichter die Henkersmahlzeit servierte, welcher bekanntlich ein ewiges Schläfchen folgt, eine post coenam also, nach welcher von 5 Stehen oder gar von tausend Schritten gehen nicht mehr die Rede sein kann. Nein, nein, dieser Mikado ist kein Operettensänger, ist im Gegenteil ein Herrscher, der keinen Spaß versteht, auch wenn dieser so deutlich wäre, daß ihn jeder verstehen müßte. Er unterschätzt also die Macht nicht, mit der das kriegslustige japanische Volk anbinden will. Kriegslustig! Ist das nicht eine contradictio, welche in einem Widerspruch mit dem Adjecto steht, wie er nicht krasser gedacht werden kann? Krieg und lustig! Gegensätze wie Schaden und Freude, Ver- und Lust, Nase und Weisheit, Mit und Gift usw. Der Mikado sagt sich: »Jeder Anfang mag schwer sein, nur ist nichts leichter, als einen Krieg anzufangen. Aber der Kriegslustigkeit folgt die Kriegstraurigkeit nur zu prompt als ein Bote, dessen Hinken nichts zu wünschen übrig läßt, hinterdrein. Dem Unheil ist leicht ein Tor geöffnet, aber ich wäre doch einer, wenn ich dem Sirenengebrüll des Volkes folgte. Denn wenn dann der Kriegsgott schief geht, dann will es natürlich niemand gewesen sein, und ich kann dann versuchen, auf dem Sündenbock, der ich schließlich sein werde, die Flucht zu ergreifen. Davon aber will ich nichts wissen!«

Es kommt nun allerdings alles auf die Haltung der russischen Regierung an. Bisher besteht diese Haltung darin, daß sie den Mund hält, keine Silbe laut werden läßt und keine Antwort gibt. Das macht die Japaner nervös, und sie verlangen, daß die Regierung dem Zaren ein derartiges Ultimatum stelle, daß er es für ein derunartiges halten müsse. Gestern sagte ein Landtagsmitglied zu mir: »Wenn ich der Mikado wäre und Sie fragte, was die Uhr sei, und Sie sehen auf die Uhr und geben 6 mir keine Antwort, so würde ich Sie, lieber Freund, zum Harakiri verurteilen. Denn das Antwortgeben ist eine Pflicht. Aber Rußland gibt keine Antwort. Darum würde ich diesem Weltreich den Krieg erklären, der sein Untergang würde. Denn der alte Römer hat Recht: »Die, welche Gott perdere vult, schlägt er mit demantat prius vorher.« Dies ist die zum Krieg drängende öffentliche Meinung.

Ueber das Harakiri das Folgende: Es ist eine barbarische Sitte, welche darin besteht, das man sich auf Befehl des Mikado den Bauch aufschneiden muß, eine Ehrung für den Verurteilten, wenn er von Adel oder ein höherer Beamter ist. Der Gemütsstaat spart die Hinrichtungskosten, und der Verurteilte stirbt als Selbstmörder. Ist das Aufschneiden schon hin- und widerlich, um wie viel mehr ist es das des eigenen Bauches, den man sich in glücklichen Tagen so oft vor Lachen halten mußte und den man sich so gerne vollgeschlagen, wobei man wahrlich nicht an die Scheußlichkeit des Harakiri gedacht hat. Das Harakiri ist einfach eine Unkultur, und die Japaner, welche jetzt Rußland mit einer gewissen Vonobenherabigkeit betrachten, sollten diese Todesart abschaffen, wenn ihnen die Russen nicht mit Recht eines Tages zurufen sollen: »Fege selbst an Deiner Nase vor Deiner eigenen Tür!«

Unterdessen denken England und Frankreich darüber nach, was im Fall eines russisch-japanischen Krieges zu tun sei. Da will ja jeder einen Brocken, unter dem allerdings nicht unser Blocksberg, also ein Stück deutschen Territoriums verstanden werden darf, einstecken. Zugleich tun die Koreaner alles, um ihr gespanntes Verhältnis zu Japan noch schärfer zu spannen, während die Chinesen in der 7 Mandschurei eine sehr feindselige Haltung gegen die Russen annehmen und daselbst die Räuberbanden ärger hausen, als die Schillerschen in einer besonders gut inszenierten Aufführung. Das alles sind Schatten, welche große Ereignisse vorauswerfen, und man braucht nicht einen Haufen Neger vor sich zu haben, um schwarz zu sehen.

Ich will mich aber nicht wie ein Säugling abhalten lassen, trotzdem den furchtsamen Leser mit der Hoffnung zu erfüllen, daß alles noch wieder gut werden könne. Im letzten Moment werden Rußland und Japan sich doch noch die Hände reichen, so daß der jetzt klarsehende Lärm rasch zu einem blinden wird. Vielleicht auch mischt sich der Haager Friedenskongreß nicht hinein, und dann ist das alte Geleise gelegt, in das noch alles wieder kommen kann. Wir wollen es hoffen. 8

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