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Wintergespinst

Moritz Heimann: Wintergespinst - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleMärkische Novellen
authorMoritz Heimann
year1993
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-11776-3
titleWintergespinst
pages27-33
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Moritz Heimann

Wintergespinst

Novelle


1

Die stillen, unbewegten Novembernebel hatten sich nicht einmal zum Regen verdichtet; da fegte über Nacht eine rauhe, stürmische Kälte sie weg. Der bisher zähe, dem Fuß stehende Sand wurde hart mit allen seinen Erhöhungen und Vertiefungen von Wagengeleisen und Stapfen von Mensch und Tier. Die wenige feinzersprühte Feuchtigkeit des Nebels, gefrierend in dem jähen Kältesturm, sprengte in der obersten Schicht des Erdbodens; und so lag ein dünner, wie mit engstem Sieb gebeutelter Staub auf Wegen und Straßen. Zuweilen stieß ihn und blies ihn der Wind auf, wirbelte ihn durch die trotz der Kälte nicht klare Luft und schleuderte ihn unbehaglich auf Mensch, Tier und Baum.

Es war eine bösartige Kälte, von der Sorte, die auf dem Wetterglas ihre Tücken nicht verrät. Schlich ein Handwerksbursche daher, so hielt er die Hände in den Taschen bis fast zu den Ellenbogen und klemmte Stock und Bündelchen an den Leib. Er machte den Hals so kurz wie möglich und konnte sich nicht helfen, wenn Auge und Nase weinten. Die Akazie, unter der er dahinstrich, zwickte grade noch seinen verbeulten Hut, begab sich aber übrigens der Schadenfreude und stand mit ihren paar schwarzen Blattfächerlein im harten Kummer da.

Wer es besser hatte als der kahle Baum und der kahle Mensch und im Wagen wohlverwahrt seiner Straße zog, stellte den Kragen seines Überrockes hoch, daß die Ohren zugedeckt waren, und freute sich, wenn der Wind ihm die Staubwolke, die die Räder aufstörten, zur Seite jagte.

Fuhrleute, die an einem dieser Tage, kurz vor Mittag, in einem leichten Schuckeltrab dem Dorfe zustrebten, hatten es so freundlich nicht. Sie saßen auf ihren Wägen, die, zum Fahren von Bauholz bestimmt, nur aus den kahlen Radgestellen bestanden, ungeschützt auf hartgedrückten Heusäcken zwischen den Rungen des Vorderwagens; sie kamen in der Richtung des Windes und wurden von ihm überholt.

Ihr Fahren klirrte und stieß; schweigsam saßen sie da. Und nur wenig ließen sie sich aus ihrer starren Haltung aufstören, als eines der Fuhrwerke sich aus der Reihe löste und unter heftigem Antreiben der Pferde die Spitze gewann. Etwas ärgerlich, doch auch belustigt und nicht sonderlich überrascht sahen sie dem Ausreißer nach.

Der nun entfernte sich schnell von den Kameraden. Er saß fest auf seinem Heusack, das eine Bein bequem umgeschlagen; er hatte es einmal gebrochen, und es war krumm geheilt; so beim Fahren nutzte er das Gebrechen zu seiner Bequemlichkeit. Seine mageren Pferde ließen sich befeuern, ihr Blut wurde warm, und bald hatten sie mehr den Zügel als die Peitsche nötig. Beides aber, Zügel und Peitsche, schwang und schüttelte ihr Herr. Und während er mit seinem schwerfälligen Wagen, daran die Ketten immer etwas wie einen Klang versuchten und es doch nur zu einem bald wieder toten Klappern brachten, eine Fahrt verübte, wie sie einer Sonntagskutsche angestanden hätte, verstellte er sein lederfarbenes Gesicht zu einem wehleidigen Ernst, gleichsam, als ob er Vorwürfe, die man ihm machen könnte, von vornherein ins Unrecht setzen wollte.

So donnerte er dahin, hinter ihm, immer mehr sich verlierend, die anderen Wägen, vor ihm die giftige Sandwolke. Er beschleunigte noch die Fahrt, als ihm die ersten Häuser des Dorfes entgegenkamen, und gewohnt, unwillige Aufmerksamkeit zu erregen, zog er in scheinheiliger Ehrbarkeit die Stirne immer krauser. Der Nacken stand ihm gerade, und man hätte meinen können, daß seine Augen nichts anderes gewahrten, als die zwischen den beiden Pferden hart springende Deichsel. In Wirklichkeit errafften seine listigen Funkelblicke fast alles, was ihnen nicht durch Mauern und Zäune versteckt war. Und so blitzte ihm denn auch ein Vorgang ein, der sich auf einem Hof abspielte, dessen Flügeltüren offen waren. Dort stand eine übergroße, knochige Frau und sprach auf Kinder heftig scheltend ein, und dem einen von ihnen, einem zwölfjährigen Knaben, schlug sie eben ins Gesicht.

Der Mann auf seinem Wagen verzog wutvoll den Mund und dachte nicht mehr daran, mit seinen Mienen zu spielen; das geschlagene Kind war sein eigenes. Noch wilder fuhr er darauf los und bog, wo die Dorfstraße einen Winkel machte, so kurz um die Ecke, daß er den untersten Treppenstein eben noch vermied. Von den Höfen flogen ihm Schimpfwörter nach; die Pferde ließen sich nicht mehr halten und nur gerade noch lenken; sie rasten in Galoppsprüngen des Wegs, bis ein scharfer Ruck sie herumriß und sie vor den geschlossenen Torflügeln ihres Gehöftes stillstanden. Ihre Flanken tobten, und von ihren Leibern stieg der dicke Dampf in die Luft.

Niemand kam, das Tor zu öffnen. Nur ein mittelgroßer, schwarzer Hund strich um den Pfosten einer Seitentür und näherte sich träg und hämisch.

Der Mann auf seinem Wagen ließ lieber die Pferde kalt werden, als daß er abstieg. Nicht aus Faulheit aber blieb er auf seinem Sack, sondern mit jeder halben Minute, die es ihn warten ließ, wollte er die Schuld seines Hausgesindes wachsen lassen. Endlich kam im Trab der vorhin auf dem fremden Hof geschlagene Knabe herbei; er schlüpfte durch die Pforte, zog die Torriegel zurück und öffnete die beiden Flügel. Er hatte den Vater nicht gegrüßt und tat es auch jetzt nicht. Während der Wagen tief in den Hof hineinfuhr, ging der Knabe neben den Pferden her mit gesenktem Kopf und wie abwesend.

Der Vater war schon von seinem Sitz gekrochen und betrat eben das Haus, als die Mutter durch eine Lücke im Nachbarzaun ihre schmale Gestalt hindurchzwängte und eilends auf das Fuhrwerk zukam. Sie hatte sich bei der Nachbarin ein wenig verschwatzt und war nun, da sie ihren Mann so früh nicht erwartet hatte, voll Furcht. Sie machte sich daran, dem Jungen beim Ausspannen zu helfen. Ohne daß sie des Knaben achtete, stutzte sie plötzlich vor etwas in seinem Wesen, und während sie einen gelösten Strang über den Rücken des Pferdes zurückschlug, fragte sie auf das hellhaarige Haupt ihres Sohnes hernieder: »Junge! was hast du?« Der Knabe, der mit unsicheren Händen an einem Riemen knotete, zuckte sein Gesicht empor, und seiner aufgeschreckten innersten Natur nach strahlte ein freundliches, fragendes Lächeln in seinen Mienen auf. Doch fast im gleichen Augenblick erstarrte dieses Lächeln zu einem Schrecken, seine Augen füllten sich mit Tränen, und sein Kopf beugte sich so schwer vornüber, daß er die Schultern mitbewegte. Aber er gab keine Antwort. Die Mutter wurde ratlos, zwang sich aber, damit der Vater nicht aufmerksam würde, nicht in das Kind zu dringen. Auch hatte sie es eilig, das Mittagessen zu rüsten und aufzutragen, und so ließ sie den Jungen die Pferde in den Stall geleiten und sprang ins Haus. Der Knabe besorgte, wie von einem schweren Traum befangen, sein Geschäft, dann ging auch er zum Essen.

Das Gehöft war leer; nur auf dem Reisighaufen in der Nähe des grünmoosigen Bretterzaunes stand der schwarze, schwarzäugige Hund. Er wurde mit dem wunderlichen Namen »Wasser« gerufen und war keine gewöhnliche Kreatur. Er bellte nie nach den Vorübergehenden, noch biß er; aber er hatte, vielleicht weil kein weißer Punkt in seinem ganzen Fell war, etwas hämisch Unheimliches, wenn er von seinem erhöhten Platz über den Zaun musterte.

Es war ein verfallener, vernachlässigter Hof. Die Strohdächer auf den Ställen und auf dem Haus waren, seit Jahren nicht ausgebessert, mit dicken Moosknöpfen besetzt. Schon war das Gebälk des Hauses an einigen Stellen morsch geworden und das Dach gesunken, so daß das Haus wie ein sich schmerzhaft vom Liegen aufrichtendes lebendiges Wesen aussah. - - -

Bei dem Essen wurde kaum ein Wort gesprochen. Auch das jüngste Kind, ein Knabe von vier Jahren, kannte zur Genüge alle drohenden Anzeichen und verhielt sich furchtsam und still; um so mehr, als der Bruder nicht wie sonst das dumpfe Schweigen mit Neckereien unterbrach. Die Frau wurde immer ängstlicher, und die großen, schwarzen Augen in ihrem Vogelgesicht wurden starr, wenn sie auf ihren Jungen sah. Es wurde ihr, sie wußte nicht wie, gewiß, daß ihr mehr als einer der gewohnten tobenden Anfälle ihres Mannes drohe. Sie bangte darnach, den Sohn auszufragen; aber als das Essen beendet war und die kleine Gesellschaft sich auflöste, fand sie nicht gleich die Gelegenheit, ihn beiseite zu nehmen. Dann ging der Mann in den Stall, sie sah sich nach dem Knaben um, aber sie suchte und rief ihn vergeblich. Er war gegen seine Gewohnheit, ohne ihr ein Wort zu sagen, verschwunden. Sie stand in der Haustür, der Kälte nicht achtend, und murmelte ein über das andere Mal die gewohnte Formel ihrer Freuden und Ängste: »Jesus Christus! Jesus Christus!« Ihr Mann kam mit einer starken eisernen Kette aus dem Stall und humpelte nach der Hoftür. Er kehrte um und sagte, lauernden Blicks, die Kette sei geplatzt, er müsse sie zum Schmied bringen. Sie erbot sich, die Besorgung auszuführen; er müsse doch seine Ruhe haben, ehe er wieder zur Arbeit fahre. Da aber bekam sie zu hören, was sie schon hatte kommen fühlen: er fahre nicht mehr in die Heide heut, und sinnlos wiederholte er, daß die Kette geplatzt sei und daß er die Kette müsse ausbessern lassen. Damit ging er. So wußte sie, daß wieder die Leidenszeit für sie und das Haus angebrochen sei, die langen Wochen, in denen der Mann trank, tobte und müßig ging.

Qual und Erbitterung darüber konnte sich, beunruhigt durch die Angst um den Jungen, nicht ganz in ihr festsetzen. Sie ging in das Wohnzimmer zurück und, als sie dort das Bübchen auf der Ofenbank eingeschlafen und mit roten Bäckchen, unbequem wie Kinder liegen, und selig atmend sah, fiel ihre Mutter ihr ein, die sie schon lange nicht gesehen hatte, da die alte Frau, die ihr armes Witwenleben in einem eigenen Häuschen zubrachte, schon seit Jahren nicht mehr die Schwelle ihres Schwiegersohnes überschritt.

Einen Augenblick dachte sie nach, dann nestelte sie, entschlossen, das Band, das ihre Kleider wirtschaftlich aufschürzte, los, schüttelte sich zurecht, schlug ein grauwollenes Tuch um Kopf und Schultern und huschte von dannen, zur Mutter hin.

Und wirklich erfuhr sie von der alten Frau, daß etwas Schlimmes geschehen sei. Der Frau Barleben waren, während sie Futter stampfte, zwei Taler gestohlen worden, die nebeneinander auf dem Glasspind gelegen hatten. »Und sie«, sagte die Großmutter, »hat den Verdacht auf den Franz geschmissen, der ist das einzige Fremde im Haus gewesen. Vorher war das Geld noch an seinem Platz, und nachher nicht.« »Jesus Christus«, flüsterte jach die Frau und faltete und rang die Hände. Sie glaubte das Ungeheuerliche nicht; aber es fiel ihr auch nicht ein, daß der Vorfall aufgeklärt werden müsse und aufgeklärt werden könne und daß es für unschuldige Menschen von Verdächtigungen eine Reinigung gebe.

In ihrer Not siedete eine unsinnige Zärtlichkeit gegen den Jungen in ihr auf; sie vergaß, daß Menschen an dem Vorfall beteiligt waren, mit denen zu reden war: Frau Barleben und deren Sohn, den Franz besucht hatte; und hilflos klagte sie, warum nur der Junge zu jenen Leuten gegangen sei; – nicht anders, als wenn man ihr erzählt hätte, er sei in eine Grube gefallen.

Die Großmutter mißhörte das als einen Vorwurf; und die von Alter und Krankheit wie ein Winkeleisen gebogene Greisin verwies ihre Tochter, wobei sie den Wacholderkrückstock derb aufstieß und die Rede noch unwirscher als sonst aus ihrem vertieften Munde hervorgehen ließ.

Sie brachte ihre Tochter zum Weinen damit, und das war der einzige Trost, den sie ihr geben konnte.

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