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Winkelquartett

Anna Croissant-Rust: Winkelquartett - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleWinkelquartett
authorAnna Croissant-Rust
year1908
firstpub1908
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
titleWinkelquartett
pages286
created20131105
sendergerd.bouillon@t-online.de
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192 Am Abend, als der Date und die Tante schliefen, das Rosinchen aber sein volles Herz nicht zur Ruhe zwingen konnte, setzte es sich hin und schrieb an die teure Freundin, die Krinolineline.

»Wessen das Herz voll ist, dem geht der Mund über. Ich muß es in Dich ausschütten, geliebteste Freundin meiner Seele: ich habe mich heute verlobt!!! Du kennst ihn und kennst ihn vielleicht nicht mehr; nein, so wie er ist, kennst Du ihn nicht, und ich will Dir von vornherein nicht verraten, wer es ist. Du weißt, daß ich von jeher die geistlichen Quantitäten hoch einschätzte, das Fleischliche ist mir Nebensache, darum ist eigentlich auch nicht so viel an seiner Aeußerlichkeit. Irdische Schönheit brauche ich darum nicht bei ihm anzustreben. Dafür trägt er den Stempel höheren Gedankenflugs schon von außen aufgedrückt, und das schlug mich von Anfang an in Fesseln. Meine schwärmerischen Intensionen befriedigt er also vollauf, auch die rauhere Männlichkeit und das Zielbewußtsein ist ihm an der Stirne geschrieben.

193 Er ist ebenfalls bewandert in Schiller, Goethe und dem Theater, und so kann ich Dir nur zurufen: »Beneide mich, Teuerste! und erkenne die Magik darin, daß ich mich rettungslos in ihn verlor, obwohl ich es nicht merken ließ, und er es dennoch erkannte. Ach Line, könntest Du ihn sehen und seinen Geist! Außerdem hat er ein Geschäft, fast schuldenfrei, und ein Konversationslexikon auf Abzahlung, was obligat viel mehr ist, als äußere Schönheit. Meinst Du nicht auch? Wenn er auch kein Adonis ist – Du denkst jetzt gewiß an jenen, der mich auf dem Eise geführt, und den Du geliebt hast? er ist dick geworden und trinkt, und der Meine ist mir lieber.

Ich habe ein bängliches Vorgefühl, als möchte ihn der Papa nicht so nach seinem reellen Werte beurteilen – wärst Du doch hier, daß ich mein Herz manchmal ausleeren könnte – (bei ihm allein kann ich das doch nicht, es muß auch nach der andern Seite geschehen!). Du hast ferner eine merkwürdige Andeutung gemacht in Deinem letzten Brief, als wolltest Du Deine Tätigkeit nicht mehr auf dem Lande ausüben, seit Dir eine alte Base gestorben ist, und als wolltest Du eine Stelle annehmen? Frage doch mich um Rat, rede nicht so hinten herum, ich kann so was nicht leiden. Willst Du am Ende 194 gar hieher? Oder hast Du gar schon eine Stelle? Kommst Du, wenn ich's haben will? Dann wirst Du ihn ja sehen.

Schreibe aber klar, daß ich weiß, woran ich bin. Ich umarme Dich als Deine überglückliche

Rosine,
noch Mahn, später G . . . . e, Du weißt
trotzdem nicht, wer es ist!!!«
       

Nicht ganz so überschäumend gebärdete sich der Fritzl; im Gegenteil, er war der Jungfrau, seiner verlobten Braut, die ihm die Decke zu fünf Mark angehängt, gar nicht grün.

Da hatte auch der Teufel die Hand im Spiel gehabt, daß es zu einer Verlobung gekommen war! Jetzt galt es, da es so weit gediehen, die Sache als Philosoph aufzufassen. Und um sich zu kräftigen und zu stärken, sagte er vor sich hin: – Reminiszenzen aus dem Konversationslexikon – »Philosophen sind: Hegel, Fichte, Schleiermacher, Feuerbacher, Hartmann und andere. So will ich's machen wie die, und werde deshalb meinen Mann stellen.«

Als er am nächsten Sonntag um drei Uhr das Haus Mahn betrat, angetan mit dem schwarzen Anzug, dem Zylinder und neuen Stiefeln, erworben bei der Firma Aaron Mahn, schlief der Date nicht, wie das Rosinche verheißen, 195 sondern er war hellwach und sah den Besuch mitsamt dem Rosinchen sehr mißvergnügt an, erwiderte den Kratzfuß des Herrn Fritz Glocke, Jean Ressers Nachfolger, mit einem dito Kratzfuß, der eher einer Verspottung gleichkam, und drückte sich, nachdem er ihn exekutiert, allsogleich ins Hinterzimmer. Die Tante war ganz perplex und ließ ihre großen runden Augen ratlos an ihm auf- und absteigen. Ein Besuch im Hause Mahn? Was wollte er? Es kamen nie Besuche ins Haus Mahn.

Diese ganze, ihm fast feindliche Atmosphäre witterte der Fritzl heraus, das machte ihn sofort befangen. Ueberhaupt die ganze Luft vom Flur bis oben in die Stuben, der Duft des ganzen reichen aufgestapelten Krams hatten ihn vorhin beim Eintritt schon überwältigt und – wer glaubt's? – der Fritzl war genau wie ehemals die Krinolineline eine Zeit lang im Hausflur gestanden, ehe er es gewagt hatte, die Treppe hinaufzugehen. Es war da ein undefinierbares Etwas, nicht der vereinigte Geruch der großen imponierenden Vorräte allein, es war da noch etwas Hintergründigeres, ein verborgenes, verstecktes Klingen wie von Goldstücken; das ganze gut gehaltene Haus mit den Treppenläufern und den dunkel gebeizten Stiegen hatte nicht bloß die Basis solider Bürgerlichkeit, für den Fritzl hatte 196 es mehr, fast etwas Aristokratisches, Beklemmendes, und das »Dagerl« aus der Obstlerkeuche bekam auf einmal einen Schrecken über seine Geburt. Verlobter, er, der Galgenvogel mit den drei mystischen Vätern, die sich verflüchtigten, wenn man ihnen nachforschte, mit dem alten schwammigen, zerfließenden Höckerweib als Mutter, Verlobter, richtiger Verlobter einer Tochter aus diesem, ach so reichen Hause?

Das machte ihn linkisch, und als er dazu noch droben den Alten mit den bösen mißtrauischen Augen traf, und das Rosinchen ihn ganz fremd behandelte, verlor er allen Boden. Von Ueberlegenheit, von seiner Patzigkeit oder gar von »die Führung übernehmen« keine Spur. Dafür mußte jetzt das Rosinchen sorgen.

»Es ist so schönes Maiwetter, wenn es Ihne keine Moleschtatione macht, könnten mir uns drauße ä bißl ergehe,« meinte diplomatisch die Tochter des Hauses. Und er, in dem halbdunklen gegen die Sonnenstrahlen verwahrten, gediegenen Zimmer mit den tiefen Nischen sich ganz und gar auf schwierigem Terrain fühlend und dem Milieu erliegend, sagte sofort zu, kratzte und schabte als Zustimmung auf dem Teppich, obwohl ihm nichts ferner lag, als sich mit Aaron Mahns Tochter zu zeigen.

Das Rosinchen band nunmehr die Bänder 197 des Herrenwinkers unter dem Kinn zusammen, nahm ihren Knicker, ein Sonnenschirmchen, grün von Farbe und mit Fransen, das schon das schöne Malche selig gehabt, das aber noch »fast wie neu« war, und folgte dem Fritzl, der sehr unzeremoniell dem Ausgang zustrebte.

Auf der Straße war der Alp und Spuk wieder von ihm gewichen, er war jeder Zoll der Meister Fritz Glocke, Jean Ressers Nachfolger, und fuhr demgemäß das Chlonnenchltrählche sofort an: »Sie (er sagte wieder »Sie«!), warum ham Sie denn Eahnan Vatern nix g'sagt von der Verlobung und dem alten Frauenzimmer da? Han? Tuat man so, wenn man verlobt is? – Und was ham S' denn für a G'spreiz g'habt, daß eine Verlobung is und koan Verhältnis? Sie g'fall'n mir! Was ist denn des nachher wie a Verhältnis? Des mecht' i schon wissen!«

»Aber Gott, was sagschte dann Sie! Und was redschde so wüscht oberpfälzisch! Ich kann's nit höre! Hab ich dir versproche, gleich zu proklamiere die Verlobung in der Familie? Du warscht doch in der Wohnstub, und ä Verhältnis kommt doch nit in die Wohnstub! Es is ä Verlobung, und daß alle des sehen, häng ich mich in dich ein, Fritz, alle Leut sollen's sehe, ich bin die Braut.«

Richtig hing sie sich auch fest in seinen Arm 198 trotz seines Widerstrebens, und Frédéric le petit hatte auf einmal ein feines Parfüm in der Nase, Parfüm Mahn, ein hintergründiges Parfüm, komponiert aus ranzigen Stiefeln, muffigen Mänteln und allerlei Verstocktem, die ganze Ladenatmosphäre, die ihm eine Reihe von Vorstellungen auslöste – er ergab sich und dilettierte einstweilen in der ihm neuen Rolle des Bräutigams.

Sie regte ihn aber noch sichtlich auf, denn er schlug, mit dem Rosinchen am Arm, ein Tempo an, daß das arme bebänderte Lamm und Hinkebein kaum folgen konnte. Die Locken wehten (heut zum unwiderruflich erstenmal Locken!), die Bänder flatterten, wie eine schaukelnde Fregatte glitt das Rosinche hinter ihrem Herrn und Meister her und hatte Mühe, die äußerste Spitze seiner Hand in den schwarzen Rockärmel eingekrallt zu lassen.

Aber es ging, und nun fühlte es sich getragen, gebläht von Liebe und Eitelkeit und Ueberhebung, denn es war eine wirkliche Braut! Es lächelte unausgesetzt, auch wenn der Fritzl heftiger im Tempo wurde, denn es wußte, was sich einer Braut geziemt, Holdseligkeit und Glück. Es brachte es sogar dahin, den Fritzl durch einen Druck seiner Hand zum Stehen zu zwingen, und ihm sein hold errötendes Gesicht vor die 199 Augen zu halten, quasi sich in Erinnerung zu bringen.

»Fritzl!« flötete es und schaute verzückt aufwärts. Ja, das war die Liebe! Ein Duft von Männlichkeit umschwebte den Fritzl, zusammengesetzt aus schöner Schweigsamkeit, einem feinen Nachklang billiger Seife, von Horn und Eiseninstrumenten, der auch in den Sonntagskleidern haften blieb, über alles dominierend ein starker Tabaksgeruch, denn der Fritzl war ein leidenschaftlicher Raucher. Die Atmosphäre verwirrte (der Babe hatte nie geraucht!), machte fast unsicher und doch wieder so glücklich. –

Ja, das war die Liebe! und: »Fritzl!« flötete das Rosinchen zum zweitenmal.

»Ja, was ist denn? Was willst denn? Was denn?«

»Ach, wie lieb du grad ausgesehe hascht! Könnten mir nit langsamer gehe? Siehscht, es macht mich müd, und die Leut solle uns doch als Brautpaar richtig sehe könne, die gucke immer und ärgern sich.«

»So, Schneckerl, so?« – Die ärgerten sich? Die schauten sie an? – Da war er dabei. Daß er auch die Geschichte noch nicht von dem Standpunkt aus angesehen hatte!

Und sofort begann er, dem Rosinche zärtliche Augen anzumachen, tätschelte die Hand, die auf 200 seinem Aermel lag, und war eifrig bestrebt, seinen Arm um Rosinchens Taille zu legen. Es sah alles ungemein verliebt aus, so sehr, daß das Bräutchen begann, sich zu genieren.

»Nit so arg, Fritzl, es braucht's jetzt lang nit so arg,« flüsterte es, »wart' vielleicht, bis es dunkel wird.«

Aber dem Fritzl war's gerad um das Hellsein zu tun, er wußte, was er dem Publikum schuldig war, und so führten sie zum Gaudium der Leute einen Kampf auf zwischen Zärtlichkeit, Verliebtheit, Verschämtheit und Abwehr, bis sie am Ziel ihrer Wanderung, einem Waldwirtshaus, anlangten.

Dort erregte das kleine wunderliche Brautpaar Sensation. Das empfanden die beiden und streckten sich und schnäbelten wie Turteltauben. Mit dem Sitzen hatte es dann einige Schwierigkeiten, die Bänke waren alle zu hoch und das Chlonnenchltrählche mußte sich mit vieler Anstrengung hinaufbefördern, dabei kam es in einen sittlichen Konflikt mit der Krinoline, die ganz selbständig wurde und, allem Willen Rosinchens entgegen, stets bestrebt war, die untere, etwas stiefmütterlich behandelte Partie Rosinchens, die in weiß und dottergelb geringelten Strümpfen, und von oberhalb der Knöchel angefangen in Beinkleidern mit steif herausstehender Stickerei 201 stack, zu entschleiern. Der Kampf dauerte einige Zeit und wurde unter dem Tische lautlos exekutiert, also quasi nur von der unteren Partie; der oberen sah man nichts von der entfernten Unruhe an. Er saß würdig, steil aufgerichtet sogar, mit einem Lächeln, als ob ihn der Tumult der finsteren Mächte der Unterwelt nichts anginge.

Das Rosinche war sich bewußt, daß es sitzend die beste Figur mache. Der aparte Kopf und die zu lange Taille wirkten gewiß imponierender, wenn sie nicht von den zu kurzen – Tribut ihrer Rasse – und wackligen Beinen herumgetragen wurden.

Daneben nahm sich der Fritzl wirklich klein aus, da er sonst ganz richtig gewachsen, nur zu winzig geraten war.

»Ich bin trotzdem wohlproportioniert,« hatte er vorhin gesagt, als es ihm Mühe machte, auf die Bank zu kommen.

Das Chlonnenchltrählche verstand wohl, was er meinte, und gab den Trumpf zurück: »Ich imponier viel mehr, wann ich sitz, wie du. Ich weiß, ich hab en bedeutende Kopp, ich fall auf. Schön bin ich nicht, aber anziehend.«

Der Fritzl brummte etwas als Antwort, er vertiefte sich in sein Weinglas, was ihm das Rosinchen schier übel nahm.

202 »Trinkst du jeden Sonntag Wein?« bemerkte es mißliebig.

»Bei festlichen Gelegenheiten, und wenn's mich freut, oder nix kost't.«

Dafür erhielt er einen süßlichen Blick des Bräutchens, der ihm aber doch etwas angesäuert dünken wollte; das Rosinchen saß bei einem kleinen Gläschen Bier.

»Die Leut am Tisch interessieren sich alle vor uns,« flüsterte das Rosinchen, »mach' und erzähl was von deine Reisen, aber laut. Ach,« rief es, »von Paris und London möcht ich hören und vom Theater, ich kann mich ja nit satt höre!«

Und prompt begann der Fritzl:

»Paris ist eine große Stadt, eine sehr, eine große Stadt, und London, das muß man sagen, ist auch eine große Stadt und umfaßt viele Meilen Landes. In Paris fließt die Seine und in London heißt man ihn die Themse, sind beide schön groß und breit und haben viel Wasser, auch Schiffe. Und Theater haben sie in jedener Stadt. Man hat grad die Wahl. Große und kleine und billige und teuere. Kannst eine Oper sehen oder ein Trauerspiel oder gar eine Operette. Nur reden's in Paris französisch und in London dagegen englisch.«

»Und das hast du verstanden?«

»Oho! Soll mir nur einer hergeh'n! Mit 203 jedem Franzosen und mit jedem Engländer sprich i wie ein Eingeborener: Bonjour Monsieur, Madame Mademoiselle, good morning Mister, Miss und Mistres

Das Rosinchen schaute ihn verzückt an.

»All sin se weg, was du rede kanscht, und ich selber bin so verliebt, ich tät dich vom Fleck weg heirate.«

»Hm,« machte der Fritzl, »aber wollen wir nicht etwa gar gehn? Es wird zu spät –«

»Noch ein bißche wart, es is so wunderschön, und nachher wird's auch dunkel,« bat verschämt das Rosinchen. »Ach, ich weiß gar nit, was des auf einmal is, ich war früher doch auch verliebt und arg dazu, aber von dir möcht ich gar nimmer weg, und ich mein, ich müßt' dich immer nmhalse!« – und es begann zu zitieren:

»In deinen Augen hab ich jetzt gelesen,
Es blitzte drinn von Liebe, Glück und Schein!«

– auf einmal kreischte es auf: »Nein, nein! was sag ich dann! Da heißt's ja: »Behüt dich Gott, es wäre zu schön gewesen,« – nein, Fritzl, nein! nit gewese! Nur des nit! Es ist doch jetzt zu schön! Findst du nit? Zum Verrücktwerde schön, und des soll sein und bleibe!«

So legte sie selig, aber vorsichtig, das herrenwinkerbehutete Haupt auf des Geliebten Schulter, vorsichtig, denn mit der großen Krempe des 204 Herrenwinkers, die drahtlos war, war nicht zu spassen, auch mußte sie die Hüte länger tragen als ein Jahr oder zwei, ferner war acht zu geben auf die Haare, die der Festtagslocken ungewohnt, mit der äußersten Vorsicht behandelt werden mußten.

Der Fritzl hielt sich steckensteif; recht fest saß der neue Zylinder nämlich nicht, und er war nicht ganz von der Ueberzeugung durchdrungen, daß er einem Ansturm entfesselter erotischer Mächte von seiten der Braut standhalten würde, bei nur einigem Entgegenkommen seinerseits. Da er aber doch von der Notwendigkeit – auch von der Nützlichkeit – durchdrungen war, seinerseits etwas tun zu müssen, sagte er gerade in die Luft hinaus: »Ja Schneckerl, mein Schneckerl, mein Schneckerl bist.«

Plötzlich stieß er aber das »Schneckerl« nachdrücklich von sich, daß es erschreckt und argwöhnisch den mühsam sonntäglich frisierten Kopf aus der zärtlich anschmiegenden Pose hob. Was war denn auf einmal in ihn gefahren? Warum duldete er denn nicht einmal ihr schüchternes Kosen mehr?

Wie saß er da! Böse, nein wütend, Mund und Augen zusammengekniffen, rot wie ein Puterhahn. –

»Fritzl, was haschde?!« – da sah sie, wohin 205 seine Augen gingen. Das war weiß Gott ein seltsames Trio, das auf sie zukam – auch das Rosinchen wurde rot wie ein Puterhahn, genau wie der Fritzl und: »Maxl!« schrie der kleine Kammachermeister in einem Tone, wie wenn er irgend einen Buzi oder Waldl rufen würde: »Da gehst her!« und: »Die Line!« kreischte das Rosinchen in den höchsten Fisteltönen des Zorns. Wie kam denn die da her, wie kam denn die zum hinkenden Maxl! Den beiden aber voraus, von Herrn Fritz Glocke und seiner Braut keine Notiz nehmend, die Blicke gesenkt, ganz demütiger Stolz, wandelte der Kaplan im langen schwarzen Rock mit der stillen Sicherheit, zwei zagende und tappende Seelchen, zwei ratlose Schäflein an einer festen und soliden Schnur hinter sich drein zu ziehen.

Der Fritzl sah nur den Maxl und lotste ihn förmlich mit beschwörenden Blicken herbei, während das Rosinchen an allen Gliedern vor Wut bebte und böse Worte, die es nur vor Erregung nicht aussprechen konnte, auf seinen Lippen zitterten. Ja, es genoß schon im voraus die ätzende Freude eines hämischen Triumphes über die fassungslose und überrumpelte Freundin, das Herrschaftsbedürfnis aus der Kindheit Tagen wurde wieder groß im Rosinchen. Doch der Fritzl ließ ihm keine Zeit zur Entfaltung, nicht einmal einen Atem 206 lang, denn er fiel gleich mit einem Schwall von Anklagen über den stillen Maxl her, der ihm nur eine stolze und beleidigt verschlossene Miene entgegenstellte. Das Rosinchen sah schnell ein, daß es neben dem Bräutigam nicht aufkommen werde, und änderte seine Taktik. Es drehte sich kurzerhand um, dicht vor der Line, als die eben zaghaft die Hand ausstrecken wollte, und blieb so, ohne Wort und Gruß, den Rücken der Verblüfften zugewendet, stehen. Daß die Line sie um den Effekt der Vorstellung des Bräutigams gebracht hatte, verzieh sie ihr, abgesehen von dem heimtückischen selbständigen Handeln, nie! nie! Auch dem Fritzl grollte sie, der so hingenommen von seiner Wut war, daß er das, was ihm jetzt das Wichtigste hätte sein sollen, ihre Vorstellung, die Vorstellung seiner Braut, vergaß. Er redete sich so in die Wut, daß seine Stimme überschnappte, er geriet ganz außer Rand und Band; denn der Maxl protestierte! Protestierte scheinbar ganz gelassen und stand fast überlegen, wenn auch in der Stellung eines trotzenden Jungen vor ihm. Was er sagte, wurde allerdings vom Wirbel der Worte des im Innersten aufgewühlten Kampelmachers verschlungen. Einmal kriegte er aber doch Oberwasser, nämlich als der Fritzl nicht mehr schreien konnte. Und da sagte er ganz gelassen: »Warum sollte ich mir denn keine andere 207 Gesellschaft suchen dürfen? Du suchst dir ja auch Gesellschaft und schaust dich nicht um mich um. Wenn es auch »ein Pfaff« ist, mit dem ich gehe. Er hält was von mir, und er hat mir etwas verschafft – du wirst es noch nicht wissen – ich werde studieren können – er ist schuld! Und du? Du bist doch ebenso falsch wie ich, hast du mir von dem Verhältnis zu diesem Fräulein etwas gesagt?«

Hier wurde das Rosinchen wild.

»Was Verhältnis? Ich geb Ihnen ein Verhältnis! Bei mir gibt's kein Verhältnis. Wenn er's Ihnen nicht sagt, sag ich's!« Damit drehte sie sich halb herum, um ja der Line nicht den Anblick ihrer bräutlichen Erscheinung zu gönnen, knixte und sagte: »Ich habe hiermit die Ehre, mich vorzustellen als die legitime Braut Ihres Freundes, des Kammachermeisters Fritz Glocke; Fräulein Rosina Mahn, wenn ich bitten darf!«

Der Maxl zog, etwas aus der Fassung gebracht, seinen Hut, einen feinen neuen schwarzen, – nicht bei uns gekauft, konstatierte das Rosinchen – und murmelte: »Ich gratuliere, aber wir kennen uns doch von früher schon, Fräulein Mahn!«

Doch ehe das Rosinchen, das etwas sauersüß lächelte, antworten konnte, brach der Fritzl mit einem Hohngewieher in das friedliche 208 Intermezzo ein: »Halt's Maul! Um das handelt sich's nicht. Um den handelt sich's! Der soll sich verantworten! Was gilt denn da die Verlobung! Um den gilt's! Leben oder Tod gilt's, verstanden? Ich oder der Pfaff, da gibt's nix, da hat er zu wählen. Ich bin nicht der Mann, der sich auf die Seite schieben läßt! Da wollen mir erst sehen! Mann gegen Mann, Aug um Aug, Zahn um Zahn.«

»Ganz mein Fall,« unterbrach das Rosinchen, und schleuderte einen bösen Seitenblick nach der Line, die stumm und verständnislos dastand, ganz wie sie in ihrer Jugendblüte im Mahnschen Hausgang gestanden war.

»Deine Fälle interessieren mich jetzt nicht! Es handelt sich gar nicht um dich, um den da handelt sich's, den Schleicher –« tobte der Fritzl.

»Du bist nicht zurechnungsfähig,« sagte der Maxl und stand ganz steif und gestreckt auf seinem gesunden Bein und sah völlig groß und würdig dabei aus, »ich rede später mit dir, jetzt such ich den Herrn Kaplan auf. Habe die Ehre!« Damit grüßte er auch das Rosinchen steifer als nötig war, und humpelte dann, der Line den Vortritt lassend, davon.

»Geh zum Kaplan, geh zu deinem Gönner, geh zu seiner Gönnerin, ich weiß schon, geh zum Teufel!« schrie ihm der Fritzl nach. »Ich geh 209 auch, ich hab genug!« und er wäre wirklich gegangen, nein fortgestürzt, hätte ihn nicht das Rosinchen ängstlich an den Schößen seines Bratenrockes festgehalten: »Zahlen!« rief es, »erst zahlen.«

Da hielt er an, wurde lammfromm, setzte sich, wenn auch noch immer laut schmähend, und wartete. Auch das Rosinchen wartete.

»No?« sagte endlich der Fritzl.

»No?« sagte das Rosinchen, aber keines zog den Beutel.

Während die Kellnerin anhaltend grinste, brachte der Bräutigam endlich unter viel Beschwer sein Portemonnaie heraus und berappte zornig murmelnd das Seine, die Hebe mit ausdrucksvoller Gebärde an das Rosinchen weisend.

Das nahm sehr umständlich und mit Falten auf der Stirne auch sein Beutelein zur Hand und, da es eine gute Rechnerin allezeit war und darin durch nichts beirrt werden konnte, legte es die paar Nickel klipp und klar, ohne einen Pfennig zu viel oder zu wenig auf dem Holztisch zurecht und hing sich, nun sofort zum Gehen bereit, an Fritzls Arm, grüßte auch noch angelegentlichst zu Maxl hin, wobei Krinoline, Locken und Herrenwinker wichtig mittaten, und folgte dann dem Fritzl, der ein wahres Sturmtempo eingeschlagen 210 hatte, das gar nicht dem Rosinchen, aber ganz seiner Stimmung angemessen war.

Der Heimweg in der Dämmerung war ganz und gar nicht so schön, als sich die liebende Braut den ersten Abend mit dem Geliebten geträumt hatte. Zwar störte er sie nicht darin, ihr Haupt auf seinen Arm zu betten, – bis zur Schulter reichte sie nicht ganz – es wurde ihr aber auch das einigermaßen schwer, denn der Fritzl, von innerer Erregung getrieben, war stets einen halben Schritt voraus, was sie nötigte, die Sache nur andeutungsweise vorzunehmen und ihre Phantasie dafür spielen zu lassen. Doch störte sie der neugebackene Bräutigam zu ihrem nicht geringen Aerger immer dann, wenn sie gerade anfing, sich mit der Illusion abzufinden.

Zum Beispiel schimpfte er: »Das ist doch ein Malefizschleicher, der Maxl.«

»Ach, laß ihn! Jetzt bin ja ich da,« flötete das Rosinchen.

»Ich werd'n aber dem Pfaffen abjagen, dem Bauernfänger –«

»Ach Gott!« sagte das Rosinchen ungeduldig, »das ist doch nit wichtig! Wichtig bin doch jetzt ich!«

»Du –?« machte der Fritzl gedehnt. »Du hast auch ein Verständnis von der Sachlage! Wie lang kenn ich denn dich? – – Aber der Maxl 211 ist mein Jugendspielgenosse, verstehst? Das ist was anderes, den will ich wieder haben, und den muß ich wieder haben!«

»Ah – ah – ah!« spottete das Rosinchen, »den mußt du habe! Was ist denn an dem?«

»Du! red mir net a so! Der Maxl ist ein Feiner! Einen Kopf hat der! Ich hab schon früher eine Angst g'habt, der wird mehrer als ich. Mit dem sein Kopf! Man muß das nur kennen! Alles, alles könnt der werden, wenn er meine kolossale Energie hätt', alles, sag ich dir, was er wollt. Ich bin der Mann der Praxis, aber er ist wie ein Gelehrter, oder ein Dichter –«

»Ach, geh mer doch! mach keine Faxen! Ihr alle zwei dürft froh sein, wann ich mit euch umgeh; ich bin aus'm feine Kaufmannshaus.«

»Aaron Mahn, Gott der Gerechte, handelt mit alte Kleider und Schuh und die Mamme Malche, geborene Blumenstätter –«

»Jetzt schweigste aber, Fritzl, wer wird denn so mit dem Heiligste Spott treibe? Du traust dir so was zu sage? Was bischt denn du für ä Geborner? Hä – und dein Vater? – Und deine Mutter? Hä! Gelt, jetzt sagste nix! Meinscht, ich weiß die Geschichte nit? Ich war aber nobel und hab dein Affäre totg'schwiege; jetz sei du nobel –«

»Was Geborener! Was Geborene!« brummte 212 der Fritzl, »ich bin geboren, und das genügt mir, von wem ist effektiv Nebensache. Ich bin ich und damit basta. Wenn dir das nicht genügt, so sprich nur deine Intention aus, ich bin mir Mannes genug!«

»Gott, Fritzl, nur des nit!« schrie das Rosinchen erregt. »Ich bewundere dich doch durch und durch, ich will dich ja ungemein gern heirate, weil du anderscht bist wie andere Leut, und ich war immer fürs Aparte.«

»Jaja!« sagte der Fritz noch etwas unwirsch, und duldete ihre Umarmung; so blieben sie eine Zeitlang stehen, anzusehen wie ein liebendes Paar, da fuhr's dem Fritzl unversehens heraus: »Donnerwetter! Die Line ist aber ein Frauenzimmer worden! Die hat aber eine Figur! Und weiß und rot ist sie auch –«

»So! so! so hascht du se angeguckt?«

»Ja warum denn net? Sie ist doch dick genug, und gefallen hat sie mir auch; ich war nämlich von jeher total für die Starken eingenommen.«

»Fritzl, jetzt beleidigst du mich, und wie!« Schluchzend entzog das Rosinchen dem Bräutigam den Arm. »Ich bin nit stark und werd nit stark, du mußt schon auf so was verzichte! Nachher wär ich aber auch so anständig und tät bei de Annere nit drauf gucke und grad bei der Line 213 nit, sie war ämol mei Freundin und kann's wieder werde, und sie schämt sich sowieso so arg deswege, und mich kränkschte damit! Siehscht, es wär ja mein Ehrgeiz gewese, und es is mir so arg, daß es nit sein kann« – und schwupps lag sie schluchzend an seinem Halse, und er tätschelte ziemlich ratlos und ziemlich mechanisch ihren Rücken, dem der Ehrgeiz auch nichts geholfen hatte, und sagte: »Mei Schneckerl, ja, ja, ja, mei Schneckerl bist,« und brachte sie endlich etwas getrösteter, aber in einem Tumult von Gefühlen nach Hause.

Jetzt wäre ihr die Line gerade recht gekommen. Nicht etwa, um ihr bedrücktes und etwas ratloses Gemüt zu entladen, oder sich dies und das vom Herzen zu reden, nein, sie wähnte sich gerade in der Verfassung, die Line auf den Platz herabdrücken zu können, der ihr gebührte.

Hatte die sich nicht geradezu empörend selbstständig benommen? Wie kam sie überhaupt hieher und zu diesen Leuten, ohne das Rosinchen zu fragen? Was tat sie überhaupt da? Was waren das für Heimlichkeiten? –

Am meisten ärgerte sich aber das Chlonnenchltrählche immer noch, daß es um den Effekt der Vorstellung des Bräutigams gekommen war, ja, es mußte sich mit dem widerwärtigen Eindruck herumschlagen, daß in dem Augenblick der 214 Begegnung die beiden Begleiter der Line eigentlich dem Fritzl überlegen waren. Er hatte sich gar nicht wie ein stolzer Mann und Bräutigam gebärdet. Und das sollte sie nicht erzürnen, daß er sich gerade diesem Kaplan gegenüber die Blöße gegeben hatte, wo er doch gerade mit ihm rivalisieren wollte? Und daß ihn die Line zum erstenmal so sehen mußte! Und noch eines beunruhigte das Rosinchen ganz besonders. Wie kam die Line dazu, keine Krinoline mehr zu tragen? Die Röcke lagen eng über ihrer Ueppigkeit – das war geradezu skandalös! Kein Wunder, wenn die Männer danach schauten! Wer hätte der Line je so etwas zugetraut! Ach, jetzt wäre sie in der Stimmung gewesen, die Abtrünnige tüchtig herzunehmen, es wäre ihr ein Genuß gewesen, ihr alles vorzuwerfen, und sie wartete ungeduldig auf diesen Genuß.

Doch – war es denn möglich – die Line kam nicht! Das Rosinchen sah vergeblich Tag für Tag die Straße hinauf und die Straße hinab, die Line wollte nirgends auftauchen. Es mußte ja etwas vorliegen, es war undenkbar, daß die Line sich überhaupt getrauen würde, in der Stadt zu sein, ohne sich einzufinden! So was ließ sich die Line nicht zu Schulden kommen, dazu hatte sie ja gar nicht die Courage! Das wußte das Rosinchen so sicher, so sicher!

215 Aber da hörte es im Geschäft so mancherlei, was zu denken gab. Die Line sollte hier in Stellung, die Line sollte sogar in einem vornehmen Hause, bei der Baronin Lohberg sein, die nach dem Tode des Barons von ihrem Gute in die Stadt übergesiedelt war. Daher die Beziehungen zum hinkenden Maxl und zum Kaplan, der, wie die halbe Stadt wissen wollte, der eifrigste Besucher der fromm gewordenen Baronin war!

Das sollte die Line alles allein zustande gebracht haben, ohne den Rat der Freundin? Wer das glaubte! Das Rosinchen lächelte ungläubig und zugleich etwas spöttisch vor sich hin. Würde die Line wohl in dem vornehmen Hause auch stundenlang im Vorplatz stehen bleiben, bis sie endlich jemand glücklich entdeckte? Und war sie etwa, dies ungewandte und linkische Ding – haarsträubend, sich das auszumalen! – Kammerjungfer dort, oder gar Gesellschafterin?

Das Rosinchen platzte fast, so breit machten sich diese Fragen in seinem Innern. Es war keine Kleinigkeit, sie allein mit sich herumtragen zu müssen, eine ganze Woche lang!

Der Babe und die Tante, die anfing, schwerhörig zu werden und nichts richtig verstand, waren gar nicht dazu veranlagt, solch wichtige Sachen gebührend zu behandeln, und der Fritzl – 216 es war eine Schande! – ließ sich überhaupt nicht sehen, das Rosinchen war außer sich!

Von fern erblickte sie ihn wohl einmal, eifrig auf den Maxl einredend. Das war eine saubere Welt!

Der Bräutigam scherte sich jetzt, wo sie noch nicht einmal so richtig verlobt waren, wo er in den höchsten Flammen hätte stehen sollen, überhaupt nicht um sie, es war ihm scheinbar viel wichtiger, mit seinem alten Spezl ins Geleise zu kommen! Und die Line kümmerte sich gar nicht um die ehemalige Intimität, die doch jetzt dem Rosinchen so innig erscheinen wollte, nicht einmal ein paar Zeilen zur Aufklärung oder ein Brieflein, das, wie sich's gehört hätte, um Verzeihung bat, schickte sie! –

Am Sonntag Nachmittag tönte herzhaft die Hausglocke, viel zu herzhaft für den Fritzl (das Rosinchen hätte ihm auch dies freche an-der-Glocke-Ziehen übelgenommen!), und es erschien, ganz wie wenn sie das Recht zu dieser Art von Einführung hätte, die Line.

Und wie erschien sie! In einem nagelneuen schwarzen Kleid, Trauer für das Haus Lohberg, eng anliegend, letzte Mode, feiner Stoff, die blonden Haare üppig frisiert.

Die ganz veränderte Erscheinung der Line machte das Rosinchen wütend, ja fast ward es ein 217 wenig aus der Fassung gebracht durch die neue Line. War denn das dieselbe, über die das Chlonnenchltrählche so viel Macht gehabt hatte? War das die Line, die stundenlang unten im Vorhaus gewartet hatte, ohne es zu wagen, die teppichbelegte Treppe hinaufzusteigen? Da stand sie und senkte nicht einmal die Augen, geschweige denn den Kopf. Zwar, die Verlegenheit brannte ihr sichtbarlich auf den dicken roten Backen, aber, aber, da war ein Etwas, was das Rosinchen nicht definieren konnte, ein Hauch vom Hause Lohberg, adelige Luft wohl; trotz des bescheidenen Grußes der Line roch man sie heraus. Natürlich die Courage ließ sich das Rosinchen nicht abkaufen, dazu gehörten andere Leute als die Line, aber es war ungemütlich, herzhaft ungemütlich, denn das Rosinchen fand auch nicht den rechten Ton.

»So!?! Du bischt wohl aus Anstand gekomme, denn ich kann's nit glaube, daß du etwa so spät aus Freundschaft kommst!«

»Aber Rosinerl, sieh mal an, ich bin doch in Stellung bei der Baronin Lohberg –«

»Ach, tu doch nit so affektiert »sieh mal an«, und prahl nit mit deiner Baronin, ich will nix wisse von ihr; von dir will ich wisse, und wie das menschemöglich ist, daß du das alles ohne mich gemacht hast! Des is a Verrat an der 218 Freundschaft, daß du's nur weißt, und ich vergeß dir des nit; aber jetzt erzähl, setz dich und red!«

Die Line setzte sich; auch nicht mehr wie früher auf die äußerste Kante des Stuhles, sondern so fest mit ihrer ganzen Fülle hinein, daß der alte Stuhl ordentlich knurrte.

»Du bist jetzt ja recht ungeniert nobel geworde scheint's,« sagte das Rosinchen pikiert. »Und dick bischte! 's is nimmer schön.«

»Aber schwarz macht mich schlank und steht mir sehr, sagt die Frau Baronin.«

»Sagt se? Sagt se? Und sonscht nix? Weiß die nix, wie dir Eitelkeite in de Kopp zu setze?«

»Ach nein, liebes Rosinchen, du kennst sie ja gar nicht!«

»Ich bin nit dein »liebes Rosinchen«, und ich kenn se und hab von ihr gehört, von ihr und von dem Kaplan –«

»Ach, das ist es ja,« fiel die Line ganz gegen ihre frühere Art leidenschaftlich ein, »deshalb bin ich ja engagiert, es ist ein Vertrauensposten; sieh, ich habe eine unendlich verantwortungsvolle und einflußreiche Stellung, ich bin diejenige, die die Unantastbarkeit der Frau Baronin nach außen vertritt, ich bin die Gardedame sozusagen.«

»Bei der alten Schachtel,« lachte das Rosinchen giftig.

219 »Sie ist doch nicht alt und sehr stattlich, und sie will doch auch ihre Reputation haben.«

»Was stattlich! Wie wenn des auch ä Verdienst wär, sich Speck anzuschaffe! Und ihren Reputation will se hawwe! Blech! Ihren Pfaffe will se hawwe!«

»Das ist empörend!« schrie die Line, »es ist ein frommes Haus, es ist ein vornehmes Haus! Das muß ich besser wissen! Ich bin dafür da und immer in ihrer Umgebung, sie ist eine fromme Dame, ja stundenlang betet sie mit dem Herrn Kaplan, ihr Sinn ist ganz dem Weltlichen abgewandt, und ich wurde deshalb von dem Herrn Kaplan hinberufen, der mich vom Onkel her noch kennt, und der ihre Eigenschaften und die meinen wohlabgewogen nebeneinander verglichen hat und zu dem Endziel gekommen war, daß ich sehr gut geeignet sei, diese Funktionen auszufüllen, wo ich nebenbei auch noch nähe und verschiedenes in der Umgebung der Baronin ausbessere. Ach Rosinchen, was ist das dort herrlich! Diese Feinheit, diese Mehlspeisen! Das Dorf, die Bauern – entsetzlich! Sie haben mich nie verstanden und haben mich unglücklich gemacht, wie ich ihre Kleider. Das war wirklich ein Geschenk des Himmels, daß ich von der alten Base erbte, da stand auch gleich mein Entschluß fest, dem Antrag des Herrn Kaplans zu folgen.«

220 »Was?« schrie das Rosinchen, »geerbt, richtig geerbt haschde, du? Des auch noch?!«

»Ja, ganz wie der Maxl, wir zwei Armen! Nur nicht so viel –«

»Also darum! So sehe die Leut aus, wenn se erbe, und so werden se gegen frühere Freund! Pfui Tausend! Und was wird's denn sein? Hundert Mark? Ich hab gemeint, alte Kleider!«

»Rosinchen, du bist nicht nett mit mir!«

»Gott, wie gebildet! Die Posse tät ich dir gern vertreibe. Nein, ich bin nit nett mit dir. Warst du etwa nett mit mir? Ich will doch gar nit nett mit dir sein! Merkst du denn des nit, daß ich mich halb tot ärger über dich! Ich ärger mich auch, daß du geerbt hascht, daß du's nur weischt! Und ich ärger mich arg, daß der Maxl geerbt hat. Das wär auch besser an andere Leut gekomme, die hätten was draus gemacht, wo se doch Geischt und Unternehmung und das Genie dazu hawwen! Ich wer's dem Fritzl gar nit sage! – Ist das Geld von dem alten Baron? –«

»Ja, der Maxl ist ja nun leider der außereheliche Sohn, mit Respekt zu sagen, des Seligen, er wird's schon sühnen, der Maxl. Der Herr Kaplan hat dem Herrn Baron selig so viel erzählt von den vielen Anlagen, die er hat. Von Aug zu Aug den seligen Herrn Baron zu sehen, 221 hat er freilich nimmer das Glück gehabt, aber zur Frau Baronin darf er hie und da kommen.«

»Hör mer auf! Du redst, wie die Dienerschaft in eme vornehme Haus! Ich laß dir dein' Vornehmheit. Irgend was muß so ä armseliger Mensch hawwe. Und dein bißl Erbschaft! Es langt doch nit zu em Bräutigam. Da hab ich ein, auf den kann ich mit reiflicher Ueberlegung stolz sein, wenn ich auch nit so üppig und so vornehm bin wie du, 's Geld und de Bräutigam hab doch ich!«

»Ja, das hast du, und ich kann's sehr wohl verstehen, daß du stolz darauf bist, besonders auf den Bräutigam. Er muß sich ja merkwürdig entwickelt haben, so eine Art Gewaltnatur und sehr mächtig in der Liebe, wie mir der Maxl sagte, der, wo er doch schwächlichere Eigenschaften besitzt, gar viel Respekt vor ihm hat. Weißt du, Liebe, so was, so eine Herrschernatur, so ein Machtmensch imponierte mir auch. Das wäre etwas Feines. Der Maxl, ach! das ist so ein Träumer, so ein Stiller, Schüchterner, ich glaube am liebsten wär er ein Dichter, meint die Frau Baronin! Er traut sich's nur nicht zu sagen; denk dir, so einer, der in den Zeitungen steht, an dem man sich begeistern kann auf andere Art! Das ist auch sehr schön und sehr begehrenswert, aber bei der Männlichkeit lieb ich mehr das 222 Reale. So zart und träumerisch sein kann ich selber. Wer hätte das gedacht, Rosinerl, daß das aus den zweien werden sollte! Stell dir doch vor, Liebste, wie die früher waren, der Maxl und gar der Fritzl, auf dem Eis zum Beispiel!«

»Red doch nit von so dumme Sache! Das is ä Ewigkeit her, davon weiß mer nix mehr. Da sagt se auch noch, sie is zart! A Gans bischde! Von so Sache red m'r doch weiß Gott nimmer. Der Fritzl is, wie er jetzt is, kapierst des nit! So ganz ä Mann und ä gemachter Mann. Da red't mer nit von »was war«, da scheniert m'r sich. Und so affektiert brauchscht du auch nit zu sein und mich »Liebste« heißen, davor hab ich de Fritzl!« sagte stolz das Rosinchen. »Was de sonst sagscht über dein Geschmack von de Männer interessiert mich nit arg, ich hab mein eigene.«

»Aber das gehört sich unter Freundinnen, die Frau Baronin heißt das Confidencen machen.«

»Hat se dir auch schon Confidencen gemacht?« höhnte das Rosinchen. »Sie hat ja heimliche Sachen genug zu reden, die edle Seel'.«

»Sie hat nichts zu verbergen, diese makellose Frau. So rein, so edel, so – – nun eben ganz wie der Herr Kaplan auch, ich muß dich bitten, da ich sie hochverehre und die Hand für sie ins Feuer lege –«

»Is mir ja eigentlich egal; meinetwege bet 223 se mit zehn Kaplän und du bet'st mit. Ich hab mein Fritzl, und das is was anderes, und da wirste gucke, und da kommt er.«

Die Line wollte sich sofort empfehlen: »Ich kann diskret sein,« sagte sie.

»Ach was! Dadrum handelt sich's doch nit! Ich will dir de Fritzl zeige und du bleibscht da.«

Das war ganz der frühere Kommandoton, und die Line blieb. Steckensteif, ganz wie in alten Zeiten, stand sie in der Ecke, aber steckensteif stand auch der Fritzl. Noch immer überwältigte ihn das Interieur des Hauses Mahn, noch immer revoltierte er aber auch gegen diese Vergewaltigung, ohne sie abwehren zu können, das sah man ihm am Gesicht an. Wenn nur wenigstens der alte Aaron nicht hinter ihm dreingehumpelt wäre!

Es lief ihm fast ein Frösteln über den Rücken, als er seine Stimme hörte:

»Nun, Monsieur Cloche, Frédéric le petit, setzen Sie sich. Ich will Sie aber vorher der Line vorstellen, die so schon große Augen an Sie hinmacht. Also Line, des is der Herr, nein der Monsieur Cloche aus Paris und London, Fritz Glocke vun hier. Paß uff und guck ihn genau an. So sehen die gefährlichen Weiberkenner aus! Er wird uns jetzt gewiß gern was 224 von seinen Reisen erzählen, das kann er prächtig!«

Die Line schaute verwirrt von einem zum andern. Wie sonderbar sah diese Verlobung aus! Der Bräutigam saß da, wie die Maus in der Falle, und das Bräutchen rutschte unsicher auf dem Stuhl umher, schoß böse Blicke nach dem Date und bittende nach der Line, die endlich verstand: das war noch eine Brautschaft sub rosa, und die Beziehungen waren sehr zart. Da reckte sich die Line auf, nun sollte das Rosinchen sehen, daß Zartheit und Diskretion ihr Fall waren! Sie stieß das Rosinchen vertraulich an und sagte:

»Ach ja, meinst du nicht auch, es wäre schön und sehr angebracht, wenn Herr Glocke von Paris erzählte?«

»Ach freilich, Herr Glocke, so erzählen Se's doch noch ämol!« bat das Chlonnenchltrählche und sendete Blicke nach ihm, die, der Situation Rechnung tragend, bewundernd, genau besehen auch sehr bräutlich sein konnten.

Der Fritzl legte die beiden Schöße seines Bratenrockes zurecht, und versetzte den Zylinder, den ihm niemand abgenommen, in drehende Bewegung und begann, irritiert durch die zwinkrigen Augen des alten Mahn, sich öfter räuspernd:

225 »Jaja, Paris ist eine große Stadt, die wo ungemein viel große Plätze hat, und viel hohe Häuser. Es hat einen Fluß, die Seine, wo viele Schiffe darauf sind, ich bin selbst darauf gefahren, auch auf dem Omnibus oben auf. Es gibt dort Straßen, so lang und so breit, zehnmal so lang wie die Girgengaß, g'wiß und wahr. Und Theater hat's, prachtvolle, man wird darin gebildet, ohne daß man's darauf abgesehen hat. Das Reisen bildet überhaupt und man kriegt einen Gesichtskreis.«

Der alte Mahn legte den Kopf bedächtig bald auf die eine, bald auf die andere Seite, drückte auch immer ein Auge dabei zu, genau wie ein Papagei sah er aus, der intensiv zuhört und lernen will. So hörte er sich Paris an und wollte auch nach London mit.

»Line, is des nit ä gebildeter Mann? Wie er erzählt! So wesentlich und so eingehend! Nit Monsieur Cloche, Sie waren doch auch in London?«

»Aber gewiß,« sagte der Fritzl stolz. »Ist auch eine große Stadt, ich für mein Gusto ziehe Paris vor. Nebel hat's viel, und einen Fluß, der wo die Themse heißt, und prachtvoll viele Gebäulichkeiten. Man kriegt auch dort einen höheren Gesichtspunkt, aber Paris hat das Höhere für Menschen meines Schlags. Verkehr ist ein 226 großer, ich glaub, im Konversationslexikon steht, eine Million Menschen kommen am Bahnhof jeden Tag an und strömen in sein Inneres, so viel Industrie hat's.«

»Sind Sie auf der Walz bis London gekommen?« fragt der alte Aaron dazwischen.

»Nein,« entrüstete sich der Fritzl, »was net gar! Mit der Bahn, alleweil mit der Bahn. Mir hat's im Ausland was tragen!«

»Respekt, Monsieur Frédéric Cloche! Bis nach London mit der Bahn –«

»No, warum denn net?« sagte plötzlich patzig der Fritzl.

»So? Ei! ei! Hawwe se ä Bahn übers Meer gebaut?«

Der Fritzl wurde dunkelrot. Wenn er nur dem Alten an die Gurgel hätte springen dürfen!

»Natürlich zuerst mit dem Schiff,« schrie er, »das weiß doch jeder, das braucht man doch net zu sagen.«

»Ich nit, Monsieur, entschuldigen Se, ich bin so altmodisch und les' auch nix und weiß so viel nit. Drum bin ich so froh, daß Se uns manchmal beehren. Und lasse Se sich jetzt nit störe; das nächstemal erzähle Se mir altem, unwissende Mann von Amerika und Hinterindien.« Damit machte er dem Fritzl eine tiefe und ironische Verbeugung und ging.

227 »Lesen Sie des im Konversationslexikon nach, wenn Sie sich bilden wollen, wie andere Leut auch!« rief ihm der Fritzl wütend nach. Dann sprang er auf, ganz außer sich, und schrie das Chlonnenchltrählche an, ganz uneingedenk der Line:

»Dein Alter sieht's darauf ab, mich zu blamieren! Der will mich gewiß hier ruinieren! Grad wie wenn ich ein Schwindler wäre, tut er. Und du stehst dabei und läßt dir das bieten! Was soll denn ein gebildeter Mensch davon denken?«

Das Rosinchen hielt sich tapfer. Es war der Situation ganz gewachsen. Zwar hatte es Tränen in den Augen, was sich eigentlich nicht übel machte, aber es hüpfte entschlossen und liebreich zugleich auf den empörten Kampelmacher zu, legte den bedeutenden Kopf an ihn an, und in dieser bräutlich hingebenden Pose sagte es feierlich: »Hier bin ich! Vor der ganze Welt nehm ich dich in Schutz, und an deiner Brust fordr' ich mein Jahrhundert in die Schranken!«

Darauf schmiß es einen bedeutsamen, fast triumphierenden Blick auf die Line, und dann erst sah es wieder schmachtend zu Fritzl auf. Der tat zwar noch etwas männlich empört, besonders als er Linens furchtsame Blicke auf sich gerichtet sah, und meinte dann wegwerfend:

228 »In dem Haus mag ich nicht bleiben jetzt, gehn wir spazieren.«

»Wo werschde!« kreischte das Rosinchen, immer noch an seiner Brust, »wo mer so schön im Gekose sind!«

Doch der Fritzl versöhnte sie: »Mir gehn extra per Arm, Schneckerl.«

Drunten auf der Straße rückte er seinen Zylinder unternehmungslustig auf die linke Seite, »ganz pariserisch,« bemerkte er wohlgefällig, spreizte seine beiden dünnen Arme wie Henkel aus und lud freundlichst ein, daß sich je eine Dame an einen dieser spitzen Henkel hänge.

Die Line nahm verschämt und verlegen, und das Rosinchen bloß verdutzt den Henkel an.

So, eine weiße Dame links (das Chlonnenchltrählche war in Weiß erschienen) und eine schwarze rechts, ging er, den Zylinder schaukelnd und eine lange Virginia im Munde, durch die Hauptstraße. Hinter ihnen sang ein Range, ganz Fritzl früherer Zeiten:

»Ich und mei Knipperlknapp,
Gehn mer spazieren;
Geh nur her, Knipperlknapp,
Laß dich schön führen.«

»Gehn mir an der Frau Mama vorbei, so zu dritt, ich und die zwei feinen Damen,« kicherte er in plötzlich erwachter Laune, »du sollst sehen 229 und merken, was ich durch mich bin, und wie ich meine Herkunft verachte.«

Als sie an Mama Vevi Glockes Behausung vorüberkamen, legte er, wie wenn er gebieterisch Besitz ergreife, seine Hand fest auf des Rosinchens Arm, Rosinchen aus dem Hause Mahn, das jeder kannte, Rosinchen mit den Achtzigtausend, das Knipperlknapp.

Und richtig stand sie da, die unverehelichte Mutter Glocke, und hinter ihr sonderbarerweise eine zweite, etwas verjüngte Mutter Glocke, ebenso dick, ebenso hilflos in den Konturen, und dahinter, man denke, tauchte noch etwas auf, das die verwandtschaftlichen Linien durchaus nicht verleugnete, sehr jugendlich zwar, etwas bleich und zart, und die drei Generationen starrten nach dem Fritzl mit seinen Damen, wie eine elektrische Zündung war das von vorn nach hinten übergesprungen. – Der Fritzl hob die Beine ordentlich hoch und trug den Nacken steif. Da war endlich wieder einmal etwas, was den Menschen erhob, er drückte vor Ueberschwang der Gefühle die Arme der beiden Frauenswesen an seiner Seite gleichermaßen heftig an sich.

Nachdem sich die Line verabschiedet hatte, verdarb ihm freilich das Bräutchen die hochgemute Stimmung etwas.

Es überhäufte ihn mit Vorwürfen:

230 »Du hascht immer nach der schwarze Seit' hingesehe! lüschderne Blick haschde hingeworfen!« war aber zuletzt doch ganz Weh und Zärtlichkeit.

»Mußt es ausnützen, wenn sie elegisch ist,« dachte der Fritzl und wurde prompt seinerseits ganz Liebe und ganz Leidenschaft. So sehr, daß das Rosinchen im Abenddunkel oft jüngferlich aufkreischen mußte, und außer Atem und zaghaft hervorstieß: »Gott, schickt sich denn des, wann mer doch nit so eigentlich verlobt is?«

Beständig kämpfte es – auch in der Folge – einen Kampf zwischen der Sitte und der Leidenschaft, die es haben zu müssen glaubte, um diesen gewiegten Kenner des weiblichen Geschlechtes, dieses Hätschelkind der Weiber, zu befriedigen, sich nichts zu vergeben, und ihn doch nicht zurückzustoßen. Das hing ja immer an einem Haar!

Man wurde ordentlich zapplig dabei, beinahe nervös, was dem Rosinchen bisher sehr verächtlich erschienen war, das »nervös sein«. Und – schade! schade! das frühere kecke und unbefangene Drauflosgehen in der Liebe, die ehemalige süße Benommenheit, der holde Taumel waren dahin.

»Fascht is es ä Verstandeslieb, wär' nit die Unsicherheit dabei,« meditierte Rosinchen.

231 Sie fürchtete, sich vor diesem Eingeweihten in der Liebe zu blamieren, denn sie wollte sich erfahrener zeigen, als sie war, freilich nicht allzusehr, das konnte ihn ja verscheuchen! Es war herzlich schwer, mit ihm verlobt zu sein. Auch in den folgenden Wochen empfand sie das.

Stets kam er auf dasselbe, ihr durchaus fatale Thema: »Siehst es, Schneckerl, die Liebe besteht nicht nur im Gernhaben und Küssen, und dadavon verstehst du net gar viel, das sind nur die sogenannten Anfangsstadien. Die Liebe muß obligat zu Opfern bereit sein. Schau, zum Beispiel die Kuni.«

Nun kam immer wieder die Geschichte von dem »schönen Mehlwurm«, den schon ihr Vater nicht hatte leiden können. Nichts blieb ihr erspart. Alle Stufen von Kunis Liebesbezeugungen mußte sie mit durchmachen, von den unschuldigen Dampfnudeln an bis zur weniger unschuldigen Remontoir der späteren Jahre.

»Die hat eine einfache und recht verständliche Art gehabt, Zweifel in der Liebe zu zerstreuen.«

Kravatten, Busennadeln, Taschentücher, Goldfüchse, Zigarren, nichts verschwieg er ihr. »Da zweifelt man nimmer.«

»Gott, Fritzl, wie blöd muß se gewese sein! Und so was hascht du geliebt?«

232 »Da sieht man ja dein Verständnis! Mit dir kann man ja nicht über Kardinalpunkte in der Liebe reden!« schnaubte der Fritzl.

Auch wenn die Line dabei war, drehte er mit Vorliebe das Gespräch nach dieser Seite, und die Line brachte ihm scheinbar mehr Verständnis entgegen als die Braut, sie war ganz Ohr.

»Die ist viel verständnisreicher als du!« bemerkte der Fritzl anzüglich.

»So? is se des? Und wie hascht du des rausgebracht? Paßt du so auf se auf? Und warum muß se denn immer dabei sein und in dich neirede und du in sie? – Meenscht, des paßt mer? Des paßt mer gar nit! Die Hauptperson bin ich, verstande? Mach du nur verstohlene Auge an sie hin, an den dicke Sack, g'fallt se dir denn gar so?«

Der Fritzl drauf mit Würde: »Ich hab nie kein Hehl nicht daraus gemacht, daß ich eine Neigung zur molligen und weichen Aeußerlichkeit bei Damen habe. Deshalb sind mir geistige Kapazitäten, so wie du sie hast, auch sehr hauptsächlich. Das war ja grad anzüglich für mich an dir. Alles wäre schön und recht, aber du verstehst die Liebe nicht. Bist du denn zu einem Opfer zu bringen? Zu gar nichts. Nicht einmal die Verlobung setzst du durch bei deinem Vatern. 233 Keinen Verlobungsring kann ich nicht aufweisen, nicht das Geringste, das zeigt, daß du mich aus dem teuersten deiner Gefühle heraus liebst, wie es einem Manne meiner Konstitution erwünscht ist. Nichts hab ich aufzuweisen, was meine Liebe befriedigen könnte!«

Das Rosinchen heulte direkt hinaus vor Ratlosigkeit: »So, des is die Lieb! Hab ich mir auch anderscht vorgestellt! Ich bin ganz konfus. Was soll ich denn noch tun? – Ich widerstreb dem Babe, ich widerstreb meiner eigene Jungfräulichkeit, denn ich küß dich und bin nit verlobt, ich häng mich in dich ein und bin nit verlobt, ich geh bis an die Grenz, wo mer gehe kann, und du bischt noch immer nit zufriede! Ich bin keine glückliche Braut! Weit gefehlt!«

Und schluchzend hing sie sich wieder einmal an seinen Hals, daß er Mühe hatte, sie loszukriegen. Ja, der Sieg war ihm leicht geworden, aber es war ein Sieg, der ihm nachher Schlappe auf Schlappe beibrachte. Er kam um keinen Fuß breit weiter, und nichts wollte sie verstehen, an ihrem naiven Geiz scheiterte alles. Schon längst hätte er alles über Bord geworfen, aber wirft ein Mann von Welterfahrung achtzigtausend Mark über Bord, auch wenn sie sehr in der Ferne stehen? – Der Alte! der Alte! Es schüttelte ihn ordentlich, wenn er daran dachte, wie der im Hinterzimmer 234 saß, und wie ironisch er ihn dort als Fremdling behandelte! Man bot ihm in diesem Heiligtum keinen Stuhl an, geschweige denn ein Glas Wein oder Bier. Nicht nagelsgroß, nichts, nichts, nichts konnte er vorzeigen aus dem Hause Mahn, außer er hatte es bezahlt. Trotz aller Verliebtheit saß das Rosinchen wie angeleimt auf dem Geldsack. Fiel ihm gar nicht ein, auch nur einmal zu bezahlen, wenn sie des Sonntags nach den Vergnügungsplätzen zogen, fast immer von der Line begleitet, die, ohne Aufforderung, meist puterrot und verlegen, an irgend einer Ecke auftauchte und auf Fritzens Einladung hin sich anschloß, ohne auf des Rosinchens sichtbaren Protest zu achten.

Die Line berappte auch manchmal sehr rasch und sehr verlegen für alle drei, zu Rosinchens Gespött.

»Natürlich! ›Die Kapitalistin!‹ spottete es.

»Wieso?« meinte der Fritzl interessiert.

»Hat se nit gemacht ä Erbschaft?«

Daraufhin sah der Herr Kampelmachermeister die Line, oder »die Fräulein Lini«, wie er sie nannte, noch einmal an, und sie verlor durchaus nichts bei ihm mit der Aureole der Erbschaft. Das Rosinchen witzelte und spottete aber so lange fort über die Erbin, bis die Line 235 überhaupt ausblieb. Doch das konnte die Freundin erst recht nicht ertragen.

»Was is denn des mit der Line?« fauchte sie den Fritzl an. »Was bleibt se aus ohne Entschuldigung? Is doch ä Frechheit!«

»Die Fräul'n Lini meint, sie geniert doch nur, und mit deiner Freundschaft sei's überhaupt aus.«

»So? Sie soll nur allein komme, dann will ich ihr zeige, was Freundschaft is. Und wo siehst du diese Dame, möcht' ich bitten, fragen zu dürfen, diese Dame, die du Lini heißt!«

»Wo? Ich bin doch ein öffentlicher Geschäftsmann! Jede Weiblichkeit kann mich frequentieren. Ich muß doch florieren! Soll ich denn das nette runde Fräulein zu der Türe hinauswerfen? Da wär ich ein Industrieller! Da mußt du dich dran gewöhnen! Das bringt Geld, meine Liebe, die Freundlichkeit, das is Geschäft, da denk ich anders geartet als wie der Maxl zum Beispiel.«

»Der Maxl!« machte das Chlonnenchltrählche verächtlich. »Der! der will ä Dichter werde, der geht auf die Universität und studiert auf die Dichterei!!«

Der Fritzl hielt in seinem gewöhnlichen Sturmschritt, der das Rosinchen noch immer aus der Fassung brachte, inne, und seine Stimme zitterte, als er sprach:

236 »Auf die Universität? Wie des?«

»Wie des?! Geerbt hat er und Talent hat er, sagt der Schutzgeist von der Baronin, der Herr Kaplan, und da schicken se ihn fort, daß er ihnen nit gar so im Weg is, und daß was aus 'm wird, vielleicht wird er gar noch der richtige Sohn! Hat denn die Line nix davon gesagt?«

»Oh nein! Die ahnt, daß mir so etwas weh tun könnt! Die ist net wie du, die ist eine Seele von einem Herzen.«

»Was du nit sagscht? Und wie merkschde des?«

»Das hat ein Mann meiner Erfahrung im Gefühl. Sie redet überhaupt net übern Maxl.«

»Warum, wenn ich bitte darf?«

»Er hat sich halt stark in sie verliebt.«

»In die Line?« Das Rosinche schlug ein unbändiges Gelächter auf: »Des is zum Totlache!«

»Was ist des? Zum Totlachen? Hätt nur die Line deine achtzigtausend, ich wüßt, was ich tät!«

Und damit schob er sein Wunschhütlein vom einen Ohr aufs andere, schmiß – das Ende des Gespräches fand im Laden statt – die Ladentüre dröhnend hinter sich zu und stürzte fort.

Das Rosinchen wollte ihm noch etwas Spöttisches nachrufen, ließ es aber und hinkte in das Hinterzimmer. Dort sank es kraftlos auf den Drehstuhl, hob die Arme auf das Pult, das es 237 nur schwer erreichte, und legte den gequälten und wirren Kopf darauf. Sich seiner Meisterschaft im Hinaufdrehen zu bedienen, fiel ihm gar nicht ein, es würde das auch in der Stimmung für gemein gehalten haben.

So, die Füße in der Luft hängend, mit Mühe die Platte des Pultes erreichend, lag es und ließ sich von wüsten Vorstellungen zerquälen und ließ sich von garstigen Gedanken foltern, die sich fluchtartig jagten. Kein Halt, wohin es schaute, und da drinnen tat's so weh, so stachlich die kleine Person auch nach außen tat. – –

Plötzlich fühlte es eine Hand auf dem Haar, und eine Stimme, die sich umsonst hart und gleichgültig zu machen suchte, sagte: »Nono! Des is ä bißl zu arg, Rosinche! Schäm' dich! Die Bücher – 's Geschäft – was wär' dann des? Denkschde dann gar nimmer dran?«

Und als es verwirrt und doch schon ein wenig getröstet, wenn auch noch immer benommen von seinen eigenen bösen Gedanken, den Kopf hob, schob sich ein schwerer Foliant ihm zu und der Dade sagte, kurz, daß es fast geschäftsmäßig klang:

»'s Hauptbuch, Rosinche! Acht Tag vergesse! Pack's mit zwei Händ an, da is Halt drin for dich!«

Und das Rosinche nahm es dankbar an, 238 wirklich wie an einen Halt verankerte es sich dran, und bald kritzelt es darauf los, daß die Feder nur so spritzte, und holte alles nach und hatte Sorgen und Kümmernisse und Liebe und Eifersucht und Not und Zorn vergessen.

 

 

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