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Winkelquartett

Anna Croissant-Rust: Winkelquartett - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleWinkelquartett
authorAnna Croissant-Rust
year1908
firstpub1908
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
titleWinkelquartett
pages286
created20131105
sendergerd.bouillon@t-online.de
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168 Unter dem Zwang seiner neuen Stellung als Meister entschloß er sich auch, seinen äußeren Menschen etwas zu renovieren, obwohl ihn dieser Entschluß mißvergnügt machte, denn er kostete Geld. Viel zu lange waren ihm die alten Gesellenkleider gut genug gewesen, eine schmierige schwarzseidne Kappe für die Werktage, sowie ein recht windiges keckes Hütlein, Wunschhütl genannt, für die Feiertage. Wenn's ihm gefiel, setzte er aber auch gerade Sonntags seine schäbige Seidenkappe auf, um die »Burschowas« zu ärgern, und um sich auf diese Weise auszuzeichnen; es war seine Art von Eitelkeit.

Nun galt es aber nicht mehr, die Leute zu ärgern, man mußte ihnen imponieren, um sie für sich zu gewinnen.

Zum Imponieren aber gehörte vor allem ein Zylinder, das stand bei ihm fest – diese Weisheit hatte ihm Kampelmacher père, aus seiner Pariser Zeit stammend, noch vermacht, – und ein schwarzer Anzug. Ein Zylinder aber und ein Bratenrock mit Zubehör kosteten neu 169 immenses Geld, man konnte sie aber doch auch beinahe neu kaufen, nicht wahr?

Und so geriet er in den Laden des alten Aaron und zum Rosinchen.

Als er über die Schwelle ging, war er gar nicht in Stimmung, erstens weil das Geldausgeben ihn stets herabstimmte, und zweitens weil das allzu einförmige und bis jetzt ziemlich tugendhafte Leben als Meister ihm überhaupt unbehaglich zu werden begann.

Sobald er jedoch das Rosinchen sah, fiel plötzlich ein grelles Licht in seine beginnende Seelenverdüsterung, Kombinationen stiegen vor ihm auf – kurz, der kleine Meister Kampelmacher, Jean Ressers Nachfolger, blühte auf wie eine Jerichorose, die mit Wasser besprengt wird. Das Wasser war in diesem Fall der wohlassortierte Laden mit der Ladenglocke, die sich eine ganze Weile, während er drinnen war, nicht beruhigen durfte, so oft wurde die Türe aufgeklinkt und so oft mußte sie bimmeln, ferner das undefinierbare Fluidum von, zwar verschwiegener, aber ziemlich komprimierter Wohlhabenheit, sowie ein bezaubernder Klang, kling, kling, nur Fritzls feinem Ohr vernehmlich, aus dem Nebenzimmer mit dem verhangenen Glasfenster kommend. Dazu das rührige fixe Frauenzimmerchen, das Augen wie ein Luchs machte, sämtliche 170 Kunden bediente, und sämtliche Hände sämtlicher Kunden dabei überwachte.

Vorderhand hatte er ein dumpfes Gefühl, wie wenn er irgendwie oder irgendwo in grauer Vorzeit einmal nicht alle Tugenden eines Kavaliers gegen die Miniaturausgabe dieser graugekleideten, nicht mehr ganz jungen Dame ausgeübt hätte, und er glaubte auch, in ihren Augen etwas aufdämmern zu sehen, was einer ähnlichen Vermutung glich. –

Hing es nicht mit einem Baschlick und dem Eise zusammen?

Als Mann von Welt jedoch, nonchalant und würdig zugleich, brachte er sogleich seine Wünsche fest und bestimmt vor, und nun waren sie beide ganz Geschäft.

Im Rosinchen war's nicht nur aufgedämmert, sondern ganz klar stand die Eisgeschichte vor ihm. Oh, es kannte ihn noch, es hatte ihn nicht vergessen, ihn nicht und die abgepreßten Kreuzer nicht! Gleich war ihm die Geschichte eingefallen, als in der Stadt die Neuigkeiten über ihn umgingen! Aber der hatte sich verändert, und der war ein Vorsichtiger geworden!

Darin waren sich beide gewachsen. Manchmal schmunzelte der Fritzl, wenn er das Chlonnenchltrählche auf einer kleinen Finte ertappte, und manchmal lächelte das Rosinche, wenn er 171 sich in seinem Uebereifer etwas verriet. So wurde es ein langer und komplizierter Handel. Fast kam er einem Messen der Kräfte gleich. Das Rosinchen strengte alles an, ein gutes Geschäft zu machen und zugleich den neuen Kunden zufrieden zu stellen, und der neugebackene Meister stellte die Ohren, um nicht übertölpelt zu werden.

Und je länger sie miteinander handelten, desto mehr Respekt kriegten sie vor einander.

›Der hat sich gemacht!‹ dachte das Rosinchen, und:

›Die ist gewiß nicht auf den Kopf gefallen,‹ der Fritzl. Zuletzt, während das übereifrige Chlonnenchltrählche immer noch mehr Auswahl herbeischleppte, und er noch wählerischer wurde, gerieten sie in eine Unterhaltung, die der Fritzl meisterhaft dirigierte, um seine glänzenden geistigen Eigenschaften spielen lassen zu können. So viel hatte er heraußen, das verfing bei der; zwar stellte er sich's nicht zu leicht vor, sie zu gewinnen, das war wohl ein schwieriges und kitzliges Stück Arbeit, mochte sich aber immerhin lohnen. Kühn warf er also die Angel aus.

»Ma g'wohnt sich nicht gar so leicht ein in so einem Nest, wenn ma' auswärts war,« ließ er so nebenbei fallen.

»Sind der Herr kein Hiesiger?« interpellierte 172 mit erstaunt aufwärts gezogenen Brauen das Rosinchen.

»Wie man's nimmt, ja und nein. Ich war lang im Ausland.«

»Ach mein Traum!« flötete das Rosinchen und legte die gefalteten Hände an die Stelle, die bei ihr sehr stiefmütterlich, bei der fernen Freundin Lina zu deren keuschem Schmerz zu reichlich bedacht war. »Erzählen Se doch, ich brenn ja drauf! – Waren Se auch in Paris? – Und in London? – Ach Gott! Ach Gott!«

»Paris! hm, ja Paris,« sagte der Meister Kampelmacher und schnob durch die Nase, »nicht ohne, gewiß und wahr, Paris ist eine große Stadt, die wo sehr viel prachtvolle Häuser, Kirchen und Gebäulichkeiten hat, und London, ja London ist auch gar nicht zu verachten. Oh nein! Im Gegenteil, sehr schön ist's und hat eine Menge Gebäulichkeiten, als da sind: Paläste, Schlösser, Kirchen und Fabriken. Ich, für meinen unmaßgeblichen Teil, zieh Paris vor, die Franzosen überhaupt, da ist mehr Schwung in der Kraft.«

»Sehen Sie, da könnt ich immer zuhöre, da werdet ich nit müd! Wann man halt so reisen kann –!«

»Ja wissen's, meine Dame, das Reisen bildet ungemein, schauen Sie. Man kriegt schon einen 173 viel höheren Gesichtspunkt. Eh man sich umschaut, ist man gebildet. Das Landl Bayern und all die andern Nester schaut man dann ganz anders an, so aus der sogenannten Vogelsperspektive. Sie, da schauen's erbärmlich aus! Schad, daß Sie nicht nauskommen sind, meine Dame, ein Interesse, scheint mir, hätten Sie.«

Das Rosinchen schlug die Augen nieder und wurde rot.

»Gott! – Wissen Se, den Drang hätt' m'r ja, aber die Erfüllung laßt warten.«

»No, lassen S' Ihnen Zeit, das ist noch nicht verredet. Sie können ja eine Hochzeitstour dahin machen.«

Das Rosinchen, immerhin schon gut dreißig, über manche törichte Liebeshoffnung hinaus, empfand die Worte, die Fritzl sprach, wie eine feine Huldigung.

Wo er nur das herhatte, und das Geschäft sollte fast schuldenfrei sein! In einem Widerstreit der Gefühle überließ sie ihm den Zylinder um ein Erkleckliches billiger, als sie vorgehabt, und als er ihn aufsetzte und in den schwarzen Bratenrock kroch, sagte sie mit ehrlicher Ueberzeugung: »Nobel! Wie vom Schneider gemacht. Wie aus Paris sehen Se aus. Wann Se den ganze Anzug anhabe, müssen Se vorbeigehe, daß ich Se sehe kann!«

174 Nun könnte man meinen, des Fritzls Herz hätte gelacht, und er wäre freudigst darauf eingegangen, glücklich, in der kurzen Zeit so weit gekommen zu sein, und wäre allsogleich des nächsten Tages vorbeigewandelt?

Weit gefehlt! Der Fritzl befolgte eine ganz andere Taktik! Zappeln lassen! Reif genug war sie wohl, nur durfte man jetzt nichts »verpatzen«.

So tat er, als überhöre er ihre Bemerkung, legte mit einigem Zögern das Geld auf den Ladentisch, machte eine gemessene Verbeugung und sagte: »Gelten's Fräulein, lassen Sie mir aber das gleich hinb'sorg'n, Kammachermeister Fritz Glocke, Jean Ressers Nachfolger. Habe die Ehre!«

Fast hätte er vor der Ladentüre gepfiffen, er besann sich aber noch rechtzeitig, und ging, so gravitätisch er es nur immer zustande brachte, dem Marktplatz zu.

Das Rosinchen blieb mit einem halb süßen, halb sauren Lächeln zurück und räumte die vielen Kleider zusammen, die es für den verwöhnten Kunden hatte herbeitragen müssen.

»Und hinschicke muß ich se auch,« sagte es vor sich hin. Das vermehrte den Respekt, kein Kunde hatte das je begehrt. So verlor sich das saure Lächeln allmählich, und das Rosinche dachte 175 darüber nach, wie anders der Fritzl sei als die jungen Kleinstädter, wie fein und liebenswürdig er war!

Und in dem verwaisten und empfänglichen Herzen ging der Enthusiasmus wieder auf. Da war jemand, der sie anerkannte, endlich wieder einmal!

Der Vater beachtete ihren geistigen Drang gar nicht mehr, ja belächelte sie zu Zeiten, die Tante hatte für ihre tieferen Qualitäten kein Verständnis und Line, die sie so ausgiebig verehrt hatte, war seit längerer Zeit schon fort, in ihr Heimatdorf zurückgekehrt. Die alte Haushälterin, ihre zweite Mutter, war gestorben, allein brachte sich die Line in der Stadt nicht fort, sie war zu langsam und zu träumerisch, was blieb ihr übrig, als auf das Land überzusiedeln und den Bauern eine Kenntnis im Kleidermachen nach neuester Methode und Fasson vorzumachen, die sie nicht besaß?

Der Abschied von der guten dicken Krinolineline hatte beim Rosinchen eine wunde Stelle zurückgelassen, und diese wunde Stelle – nein darüber gab sich die kleine Dame in dem grauen Mixkleid in Aaron Mahns Geschäft, die vor ein paar Stunden noch recht grämlich und verdrossen ausgesehen und nun rote Bäckchen hatte, keine Rechenschaft.

176 Sie fühlte sich nur zum höchsten Erstaunen der alten Tante plötzlich gedrängt, ein bißchen in die schöne Frühlingsabendluft hinauszugehen.

»Bischde krank, mein Kind?« – die Alte sagte jetzt nicht mehr Chlonnenchltrählche, denn es würde doch selbst bei der alten Tante allzu hyperbolisch geklungen haben – »was brauchlchte frichle Luft?«

Das war doch im Hause Mahn nicht Sitte. Auch der Date Aaron streckte den Kopf aus der Türe des Nebenzimmers, die Hornbrille auf den Nasenlöchern.

»Was hat se? Spazieren will se heut noch gehn? Stuß! Jetzt sag nur noch, du willst nehme ä Bad! Solche Posse!«

Das war eine ganze Umwälzung im Programm des Mahnschen Hauses. Ein Spaziergang am Werktag! Ein Spaziergang am Abend! Sollte man noch vor demselben essen oder danach? Es wurde immer schwieriger, mit dem Kind umzugehen.

Das Rosinchen hatte inzwischen Toilette gemacht, das graue Kleid ab und ein grünes – es liebte noch immer Grün – angelegt, den großen Herrenwinker aufgesetzt – auch dies Fasson bevorzugte es noch immer – und wandelte nun, ohne sich um die Not der Tante zu kümmern, 177 von der Frühlingsluft weicher gestimmt, durch die Gassen.

Wie lange war es nicht mehr um diese Zeit außer dem Hause gewesen! Der Abend war mild, und vor den Türen saßen und standen Leute, die halblaut schwatzten.

Gegen Westen hing noch ein Streifen hellen Tages, aber am Ende der Straße über dem Marktplatz gegen den Hügel zu, der die Wallfahrtskirche trug, war der Himmel schon nächtlich.

Ein mäßiger Wind, der noch von sonnendurchwärmten Orten kam, brachte herbe Düfte wie von jungen Pappelblättern, den ersten Kastanienblüten, vermischt mit dem Geruch des Flieders, der an den Abhängen des Stadtgrabens versteckt, in Massen blühte. Der Marktplatz lag groß und still, mächtig stiegen die Massen der St. Martinskirche auf. Nur einzelne Fenster der hohen Häuser, die enggedrängt den Platz umstanden, waren schon erleuchtet, an vielen sah man trotz des Dunkels deutlich die weißen Vorhänge, die sich im Nachtwind bewegten. Und als hinter den immer schärfer werdenden Konturen des langgestreckten Berges ein breiter Schein heller und heller wurde, als der Vollmond endlich wie ein riesiger silberner Ballon sich über die Silhouette der Tannen hob – 178 schwebte – und es wie flüssiges Silber überall herunterrieselte, von Dach und Giebel, von Baum und Berg, als alles in ein zerfließendes, fast märchenhaftes Licht getaucht war, und der hinkende Maxl als stellvertretender Meßner stumm am Rosinchen vorbeischlich, der Pforte von St. Martin zu, und bald darauf die ersten Töne des Gebetläutens vom Turme kamen, während da und dort die andern Glocken einfielen, da wollte es dem Rosinchen ganz schwärmerisch zu Mut werden. Es blieb sogar vor dem alten Rathaus mit seinem gotischen Zackengiebel stehen, es sah zu schön aus, wie das weiße Mondlicht förmlich aus den Lindenbäumen troff, – ›wie ä Theaterdekoration,‹ dachte das Rosinchen, aber es verlor seinen Zweck deshalb nicht aus dem Auge. Schon stand es der Breitseite des Rathauses gegenüber.

Zuerst kam ein großes Tor, dann ein schmales Fenster, in dem noch Licht war, daneben eine finstere Bohlentüre, das Gerippe eines primitiven Standes, und darüber eine hinaufgezogene Markise, Schauplatz des Großhandels von Mama Vevi Glocke. Daneben, etwas erhöhter, ein Gewölbe mit einem spitzbogigen Schaufenster, dann, abermals ansteigend eine Gewölbtüre, und, spitzbogig, ein Schaufenster wie das vorige, über Fenster und Türe ein großes 179 rotes Firmenschild (das erste rote im Städtchen!) mit weißen, nach rückwärts geneigten Buchstaben: Jean Ressers Nachfolger.

»Fein!« sagte das Rosinchen unwillkürlich.

Am Ende des Rathauses kam dann die Wohnung, ein schmales Parterre, weil die Eingangstüre – Türe zum Paradies der schönen Kuni – unverhältnismäßig breit war, kam ein erster Stock mit vier Fenstern, alles in gutem Stand, fast größer als ihr Wohnhaus.

Hier kehrte das Rosinchen straks und hochbefriedigt um, nur eine Frage quälte ihr Herz: ›Wieviel Hypotheken wird er darauf haben?‹

Unter den letzten ausbimmelnden Klängen des Gebetläutens kehrte es durch die stiller gewordenen Gassen heim, hinter ihm der hinkende Maxl, der das Rosinchen wohl erkannt, der sich aber nicht zeigen wollte.

Recht lange Zeit sah Fräulein Rosine Mahn den Herrn Kammachermeister Fritz Glocke nicht mehr. Das Geschäft ging »streng«, wie immer im Lenz, wo den Leuten bei hellem Sonnenschein, und wenn andere geputzt durch die Straßen gingen, der vorjährige Staat recht schäbig vorkommen wollte, und jeder gern einen neuen Rock auf dem Leib oder ein paar glänzende Stiefel an den Füßen hatte.

Zudem war ihr der Date Aaron gar keine 180 Hilfe mehr, und sie mußte den ganzen Tag springen und sich tummeln, und trotzdem war der Alte noch nicht einmal zufrieden, wenn am Abend nach Ladenschluß nicht auch noch die Bücher in Ordnung waren.

Er ließ jetzt alles im Geschäft hängen, erschien nur immer auf Augenblicke, zeigte sich den Kunden und verschwand hinter der Türe mit dem gelbroten Vorhang, wo noch immer das hohe Pult stand mit dem Drehsessel davor, den das Chlonnenchltrählche noch immer erklettern mußte.

Das schmale Hinterzimmer, in dem das Rosinche den Drehstuhl mit solcher Virtuosität hatte drehen lernen, übte nun eine Art magischer Anziehungskraft auf den alten Aaron aus.

»Was soll ich bleibe im Geschäft? Du machst's besser wie ich,« sagte er dem Rosinchen.

Er widmete sich ganz dem »anderen Geschäft« und war stets von solchen belagert, die Rat heischten. Wenn der Alte in den Pausen, wo ihn nicht irgend einer am Rockknopf hatte, nicht Geld zählte, was er leidenschaftlich gern tat, bloß so, bloß zum Zeitvertreib, bloß um was »Gelbes« zwischen den Fingern zu haben, war er gewiß auf der Suche nach irgend einem juristischen Buche, und selbst auf dem winklichen Speicher, wo er die allerältesten Schmöker 181 untergebracht hatte, buckelte er sich halbe Tage lang krumm und lahm, um etwas aufzustöbern, das er gerade brauchte. So hatte er nichts von dem neuen Kunden gemerkt und konnte auch die Entwicklung der Dinge nicht verfolgen. Er steckte viel zu tief in seinen Plänen und Plänchen, in seinen Problemen und Anschlägen, wäre auch viel zu sehr von der Einsicht durchdrungen gewesen, daß das Rosinchen allgemach alt genug sei, selbst über sich verfügen zu können, und daß es Fleisch von seinem Fleisch sei.

Ueber die ersten und heftigsten Jugendlieben, über verschiedene Täuschungen und verfehlte Projekte (Malchens Einschuß!) war sie ja glücklich weggekommen, er konnte sie getrost ihrem Verstand überlassen, der hatte noch jedesmal über den jeweiligen »Stuß« dominiert. Er hatte ihr ja auch niemals etwas in den Weg gelegt bei ihren harmlosen Liebschaften, bei dem Theaterbesuch, ganz wie mit dem schönen Malche hatte er's gehalten. Gott, so war sie halt, die Sorte Weiber, irgendwo mußte es heraus, und ihm erschien's ungefährlich, wenn's mit »ä bißl Lieb« und mit dem Theater abging.

Die Tochter schwärmte auch nicht so ins Blaue hinein, so gänzlich aufgelöst und hingegeben wie das selige Malche. Sie notierte sich z. B. die verschiedenen Helden, die sie in jedem 182 Jahr angeschwärmt, charakterisierte ihre Liebe, ihre Art, das An- und Abschwellen ihrer Leidenschaft in einem Buch, das sie mit Rondeschrift »THALIA« überschrieb, und das, da doch schon ziemlich viele »Saisons« über ihrem Haupte dahingegangen waren, sie auch oft den Gegenstand in einem Jahre wechselte, schon zu einem stattlichen Band angewachsen war.

Sie fand, dieses Schwärmen, aber mit einer kritischen Note dabei, gehöre zur höheren Kunst. Sie hatte stets die Line getadelt, daß die einfach bloß »ewegg« war und keinen Grund anzugeben wußte, warum.

»Des is billig,« zankte sie, aber nie brachte sie das dicke, begeisterte Mädchen auch nur zur geringsten Kritik. Ja, Augen und Mund riß sie auf, wenn das Rosinchen loslegte oder gar, wenn sie in das Buch »THALIA« sehen durfte!

»Da guck!« sagte das Rosinchen stolz. Da stand zum Beispiel:

»Robert L., groß, sprühend, elegant. Ich liebe ihn ganz wie die Sonne und muß effektiv die Augen schließen, sobald er auftritt, denn seine edle und gehaltene Männlichkeit versetzt mich in einen Taumel. Er hat Wunderaugen, nur lernt er nichts, und bleibt stecken. Leider ist er auf der Straße nicht so groß, wie auf den Brettern, die die Welt bedeuten, und der 183 elegante Ueberzieher ist abgetragen, und wir haben fast denselben für fünfzehn Mark, aber noch schöner.

Erdner. Himmlischer Mann! Wenn ich meine, seine Blicke treffen mich, möcht ich vergehn. Sagt er auf der Bühne: »ich liebe dich«, so zittere ich vom Kopf beinahe bis zu den Füßen, denn er kann die Liebe zu natürlich machen!

Doch ach! ach! Er ist – – ver––heiratet!!! Neulich erblickte ich ihn auf der Straße mit einem gewöhnlichen dicken, lustigen Weibe und gewöhnlichen, lustigen dicken Kindern. Er sah zu meiner Erleichterung viel älter aus wie als Don Carlos, wenn er sich am Boden windet und der todesbänglichen bleichen Maria Stuart in dem schauerlichen Moment noch schnell seine Liebe bekennt – zudem waren seine Stiefel mehrfach geflickt. Traum meiner Nächte, versinke!

Jetzt will ich Roden lieben, denn er ist, wenn auch nicht so schenial, dennoch nicht verheiratet, wie mir eine sichere Quelle verriet, und das erhöht die Liebe. Er soll zwar Kellnerinnen recht gern haben und kann das »r« nicht aussprechen (ich hinke ja auch!), was ist das für ein Grund gegen eine Leidenschaft!

Würde er einmal zu mir sagen: »Rosine, ich liebe dich« (er würde zwar sagen »Losine«), so 184 könnte ich ihm blind mein Leben geben. Wenn er hereintritt in irgend einer prangenden Uniform oder egal was, edel und ritterlich, ein ganzer Kavalier, so schreit's innerlich: »Ich liebe dich! ich liebe dich!« Täglich sehe ich ihn, täglich sein hehres Männerantlitz – d. h. wenn er vorbeigeht – sein süßes Angesicht, wie es leuchtet! Sterben, vergehen in dir und der Kunst!«

Nachschrift: »Oh weh! Dahin! Alles zerronnen. Das Ideal zertrümmert. Er hat Beinkleider bei uns kaufen wollen und mich weggestumpt und absolut mit dem Papa handeln wollen. Mich zuletzt mit rauhen Worten gänzlich von sich gescheucht. Wirklich, das Leben ein Traum! Schnöde Welt, alles aus, alles schwarz und düster bis auf weiteres.«

2. Nachschrift: »Auch beim Babe die Hose nicht gekauft. Fahre wohl!«

»Siehschte, wie's der Schwärmer macht, der von der Kunst was versteht?« sagte das Rosinchen triumphierend zur Line.

Im Theater sah auch das Rosinchen den Fritzl wieder. Sie waren beide auf der Galerie, sogar ziemlich nah beisammen, aber sie grüßten sich nur kühl, der Fritzl tat verdrießlich und Aarons Tochter nicht freundlich. Sie maßen sozusagen die Distanz noch einmal ab und 185 sondierten das Terrain, hatten aber, obgleich sie sich ignorierten, das Gefühl, daß sich weitere Fäden spannen wollten. Das Rosinchen blickte angelegentlich auf Fritzens Anzug – keine Frage, er war schlecht equipiert, und Fritzl wurde es unter ihren forschenden Augen zur Gewißheit, daß er bald wieder etwas brauche.

So suchte er denn den Laden des Herrn Mahn zum zweitenmal auf.

Und genau wie das Rosinchen seinen Blick in der Maiennacht an dem Haus neben dem Gewölbe der keuschen Genoveva Glocke hatte liebend auf- und abgleiten lassen, so machte es der Fritzl am hellen Tage; nur mußte er seinen Empfindungen mehr Zwang antun, der Zauber der Maiennacht hatte das Rosinchen umwebt, doch das Mahnsche Haus hielt auch im Tageslicht stand, und der Kampelmachermeister trat freundlicher, als er ursprünglich vorgehabt, in das Geschäft, dessen charakteristischer Geruch aus alten Stiefeln, dito Kleidern und muffigen Betten ihm sofort wieder seine Stimmung von neulich mit ihren Perspektiven vorzauberte. Diesmal brauchte er außer eine Joppe eine Bettdecke. Von dieser kamen sie auf die Einrichtung zu sprechen und das Rosinchen meinte: »Sie haben wohl einen recht schönen und feinen Geschmack?«

186 »Ja mein, Mademoiselle« (er sagte Mademoiselle!), »wie man's nimmt. Als Junggesell geb ich nicht viel auf die auswendige Ausstattung, aber wirklich heiraten wenn ich tu dagegen, Sie, da sollen die Burschowas spitzen! Da können sie was profitieren! Ich habe nicht umsonst so viele Städte bereist. Jetzt halt ich mich an die Bücher, weil das Reisen ein Ende hat.«

»Ach, Sie schwärmen gewiß auch fürs Lesen,« unterbrach ihn das Rosinchen. »Sehen Sie, ich auch. Schiller, lieber Gott wie schön, und Goethe! Wann se nur kein so kleine Druck hätten!«

»Akrat wie's Konversationslexikon, das hab ich auf Abzahlung, aber man soll sich nicht abschrecken lassen, da kann man viel Bildung kriegen, Sie!«

»Den Schiller versteh ich ja auch großartig auf der Bühne! So ä Maria Stuart zum Beispiel! Ist das nicht einzig, wie se sagt: »Arm in Arm mit dir fordre ich mein Jahrhundert in die Schranken«? Oder so ein Mortimer. Ich grein' oft über'n, glauben Sie's oder glauben Sie's nit, wann ich ä frisches Sacktüchel dabei hab, natürlich. So rührend is er.«

»So, das g'fallt Ihnen am besten? So zärtlich sind halt die Damen. Ich bin mehr fürs Männliche. So ein Franz Moor, oder gar eine 187 Elisabeth, wenn's eine Dame sein muß, sowas imponiert mir, da bin ich dafür.«

»Ach, was sind Sie gebildet! Was wisse Sie nit alles!« bewunderte das Rosinchen.

»Macht sich schon,« tat der Fritzl bescheiden; er hatte ein paar Mottenlöcher in der Decke aufgespürt und legte sie schleunigst auf die Seite, um nach einer neuen zu greifen.

»Verzeihen Sie, Herr Glocke, Sie haben doch gewiß viele Theater gesehen, bitt Sie, erzähle Sie mir doch!«

»Ja mein, so viel, daß ich's gar nimmer weiß. In Paris san's groß und in London san's auch groß, gewiß und wahr, und schön, Sie machen Ihnen keinen Begriff. Paris hat bald drei Millionen Einwohner und London hat beinahe vier Millionen, zweimalhunderttausend Bevölkerung. Gelt, da spitzen Sie?! Und die Menschenmenge im Theater! – Aber was ich sagen wollt', die Decken hat Schabenlöcher.«

»Gott, wenn die Decke gewasche werde, is alles weg, Sie solle se habe ganz billig und die Auswahl! Da drinn sind noch ganze Stöß,« sie deutete nach dem Hinterzimmer, und lauernd, schnüffelnd, lüstern folgte Fritzls Blick ihrer Hand. Da drüben waren auch noch Waren?

»Ich bin schon weit herumkommen, Fräulein Mahn, aber so ein Interesse an geistreichen 188 Sachen und was das Theater und's Lesen anbetrifft, hab ich noch nicht leicht so schnell gefunden bei einem weiblichen Fräulein. Gewiß und wahr!« beteuerte der Fritzl.

»Jetzt schmeicheln Se aber, ich hab alles aus mir selber. Ja, wenn ich jemand gehabt hätt', der mich verstande und gehobe hätt' –,« sie hielt seufzend inne.

»Es ist nicht aller Tage Abend, was nicht ist, kann noch werden, es ist nichts so fein gesponnen, so kommt es an die Sonnen. Wie wär denn das Fräulein, wenn mir – mir paßten doch prächtig zusammen – etwa zu diesem oder einem andern Behufe ein Verhältnis anknüpfen täten?«

Uh! jetzt war der Augenblick da! Wie ein Blitzstrahl fiel er vor dem Rosinchen nieder.

»Was?« stotterte es, »ein Verhältnis? Man sagt, man meint, nein – es kommt nichts Gutes dabei raus.«

»So? Meinen Sie? Also anderscht. Inwiefern könnte eine eheliche Verbindung zwischen uns stattfinden?«

»Das kann sich hören lassen, das ist ein Wort, Herr Glocke! Inwiefern? Insofern, als wir uns verloben können, zu dem Behufe bin ich zu haben, das weitere wird sich finden.«

»Ja natürlich, aber darin bin ich doch der 189 Ueberlegene. Sie sagen halt Verlobung und ich, wo ich doch so weit gereist bin, meine dasselbe. Manneswort ist Manneswort, Ehre bleibt Ehre, und prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich der Mann zum Weibe findet, wenn Sie einverstanden sind, san mir miteinander verlobt.«

»Ja, ich bin einverstanden, Herr Glocke, und ich habe mich geprüft, eh ich mich ewig gebunden hab, und ich denk, daß ich mich zu Ihnen finde werd,« sagte das Rosinchen schnell und kam fix hinter dem Ladentisch vor. Dann streckte es beide Hände aus, stellte sich neben Fritzl, indem es ihm seinen Kopf immer näher brachte, denn so gehört sich's für eine verlobte Braut, und es war doch eine verlobte Braut. Ganz so, wie es damals vor dem Adonis auf dem Eise gestanden, stand es nun da und wartete, aber es kam nichts. Gott, war er schüchtern!

»Jetzt müsse mir aber auch Du sage,« animierte sie.

»Jawohl, das machen wir. San mir's also? Ja?« damit nahm er ihre Hand, schüttelte sie und lachte fortwährend, indem er immer wieder sagte: »Mein Schneckerl, ja mein Schneckerl, mein Schneckerl bist jetzt. Und die Decken, die krieg ich um vier Mark, oder so?«

»Was fällt dir ein?« schrie das Rosinchen, ganz Geschäft. »Sechse is se wert, sechse.«

190 »Was? Am Verlobungstag soll ich sechs Mark zahlen?«

»Nimm se um fünf, Fritz, und sei ganz still, du weißt so gut wie ich, daß sie mehr wert is.«

Seufzend zahlte der neugebackene Bräutigam, und die Braut wickelte die Decke recht fest zusammen (riß auch noch ein Stück von dem großen Bogen weg, für ein anderes Paket zu gebrauchen), damit sie ja nur einen kleinen Umfang habe und ihn nicht zu sehr belästige, drückte ihm den Packen in den Arm und sich dazu, es war mittlerweile dunkler in den Ladenecken geworden, da traute es sich zu flöten: »Fritz, jetzt geb mir de Verlobungskuß.«

»Ja so,« sagte er, und ohne das Paket weiter aus der Hand zu legen, küßte er, wohin er gerade traf; er kam auf Rosinchens Nase, aber es galt auch so.

»Am Sonntag nach dem Essen kommscht, der Babe schläft, dann könne wir alles bespreche.«

»Und anschauen, natürlich anschauen. Jetzt adieu, Rosinchen, nix für ungut und es ist doch richtig in der Ordnung?« – und machte Kehrt.

Doch plötzlich fiel ihm etwas ein, er drehte sich wieder um, und wie er das Rosinchen erwischte, preßte er es an sich, die dicke Bettdecke kam abermals dazwischen, aber das »moleschtierte« sie beide nicht. Das Rosinchen war ganz 191 überglücklich, der Leidenschaft des Bräutigams halber, und er raunte ihr zu: »Gelt, jetzt bist verliebt? mein Schneckerl, ja, mein Schneckerl bist, mein Schneckerl.«

Und nach diesen bezeichnenden und treffenden Liebesworten empfahl er sich schnell und unter Nasenschnauben mit dem Paket um fünf Mark.

Die verwirrte Braut sah ihm zärtlich und doch in einem Widerstreit der Gefühle nach, ihre Augen hafteten an den aufgestapelten Decken:

»Ich hab se weiß Gott zu billig gebe,« sagte sie träumerisch vor sich hin.

 

 

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