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Winkelquartett

Anna Croissant-Rust: Winkelquartett - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleWinkelquartett
authorAnna Croissant-Rust
year1908
firstpub1908
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
titleWinkelquartett
pages286
created20131105
sendergerd.bouillon@t-online.de
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126 Es gab auch einen, dem die rasche, fast fluchtähnliche Reise Fritzls hinaus in die Ferne eine Leere zurückließ, wenn er auch nicht gerade um ihn trauerte wie Maxl, er ging ihm einfach ab. Das war der Meister Kampelmacher Jean Resser. Es wollte ihn jetzt schier gereuen, daß er die Augen zu gut aufgemacht und hinter die geheimen Händel zwischen der dicken Kuni und dem Fritzel gekommen und allzu kräftig mit Wort und Hand darein gefahren war, so daß der Fritzl, stolz, wie er schon glaubte sein zu müssen, sofort aus dem Hause ging und ihn mit der dicken langweiligen Kuni, die doch nur aufreizend auf ihn wirkte, und den anderen ledernen Gesellen allein ließ. An dem Galgenvogel hatte man doch seinen Witz üben, dem hatte man imponieren können, der machte einem Freude; wie er nur aufpaßte auf alles, der Kerl! Schon allein wie er das Wort »Bourgeois« aussprach, »Burschowah«, mit welcher Verachtung, wie verstehend, ganz wie ein Alter! Er konnte mit ihm über die lieben Mitbürger reden, d. h. der Fritzl saß an jedem 127 Abend mit glänzenden schwarzen Dohlenaugen vor ihm und hörte zu, wie er seine lieben Mitbürger verschimpfierte, ja billigte dies durchaus und hatte eine mächtige Freude daran.

»Räudige Philister, Pfennigseelen«, anders hieß sie der Fritzl nicht mehr, wie der Meister, dem es eine Befriedigung und Erlösung war, losziehen zu können, ohne daß jemand protestierte, denn die kleinlichen Verhältnisse drückten ihn und machten ihn wütend. Nun war der kleine Lehrling, der so schön als versöhnender Blitzableiter gewirkt hatte, auch fort, es blieb ihm der einzige, der, den er stets ausgenommen und bei dem er gern ein angenehm bewegtes »neckisches« Stündchen zubrachte, der alte Mahn.

Immer von Zeit zu Zeit sprach er in seinem Laden vor, und stets dienerte der Alte vor ihm wie vor einem hochgeehrten Kunden und stets sagte er: »Was befehlen der Herr Jean Resser – er sagte »Schohn« – heut'?«

»Was? darf man so nicht zu dir kommen, alter Erbfeind und Schleicher?« So oder ähnlich gingen die Reden. »Willst du mir auch die Kreuzer gottsträflicherweise aus der Tasche locken, wie der übrigen Menschheit, alter Blutsauger und Heuchler, der du bist?«

»Gott, Herr Resser, was reden Se dann? Natürlich derfen Se kommen nur zu Besuch. 128 Aber ich hätt' sehe möge, den Herrn Schohn, was er gemacht hätt' vor ä turbulenti Szen', wann ich nit hätt gefragt untertänigst, was er befehlt und er hätt' zum erstemal in sein'm Lebe was gewollt kaufe von mir!«

»Gut hast du das gemacht, alter Shylock, gut gestichelt! Aber es hilft dir nix! Ich kauf' doch nix von deinen ranzigen Ladenhütern und zusammengeschnorrten Neuheiten aus dem alten Testament, wenn du auch den Witz des Handels los hast, du Großhändler!«

»Ach Herr Resser, spotten Se nit! Wär' ich gekomme fort wie Sie, hätt' ich gelernt so viel wie Sie, zum wenigste so viel wie Sie!«

»Warum bist du nicht fort? Das auserwählte Volk ist ein Nomadenvolk. Ich seh aber nix davon. Ihr pappt fester wie Pech, wo ein guter Fraß ist. Wie ein Heuschreckenschwarm sind sie über die Länder hergefallen, die Kinder Israels, ausgehungert durch die Wüste.«

»Schohn, jetzt schwätze Se Unsinn. Wann sin mir gekomme? Wißt 'r, wann ihr seid gekomme? – Na also! Und hättet ihr nit gefresse, wann ihr's hätt' richtig verstande? An wem liegt der Schwerpunkt? Grünt nit alles, wo wir sind?«

»Ja, alter Messerwetzer und Ferkelstecher – still, ich weiß deine verborgenen Laster – es grünt, aber für euch, in euern Sack!«

129 »Schohn, da spricht der Neid. Machens grad' so. Probiere Se doch ämal mit mir ä Geschäft, werden mir sehe, wer zieht de Kürzere. Will ich doch sein ä redlicher Mann und werd' mir's sein ä großi Ehr zu habe der Schohn Resser, der gescheitste Bürger von hier, zu äm Kunde.«

»Mit Speck fängt man Mäuse, alter abgefeimter Gauner, aber nicht einen mit vielen Wassern gewaschenen Kampelmacher. Schäme dich, Aaron Mahn! Aber du benimmst dich deiner selbst würdig, das muß ich sagen! Wir kennen uns, schweigen wir über unsere Stärken und Schwächen!«

Dann saß der Meister Je–an, wie ihn der Maxl hieß, vielleicht eine Zeitlang ruhig, das Kinn auf den Stock gestützt, und schaute mit seinen lebhaften, kaltblauen Augen im Laden umher, bis er irgend eine Ware gewahrte, die ihm außergewöhnlich erschien und ihn reizte. Dann zuckte es um seine Augen und er begann wieder also:

»Der Mahn, der stammt aus Asien und handelt mit Gewürzen!«

»Aber Herr Resser, Herr Resser, ich handel doch mit alte Kleider, mit Schuh, mit Hüt, mit Bücher, zu diene!«

Noch immer starrte Jean Resser nach dem Fenster.

130 »Der Mahn, der stammt aus Asien und handelt mit Gewürzen.«

»Schohn, sin Se still, wann ich Se doch bitt, ich handel mit alte Kleider, mit Schuh und Hüt und Bücher, sin Se m'r still, es kommt ä Kund.«

»Der Mahn, der stammt aus Asien und handelt mit Gewürzen,« fuhr der französische Kampelmacher unbeirrt, nur lauter fort.

»Herr Resser, ich muß Se nausschmeiße, wenn ich doch zu handle hab' mit dem Herrn, wann Se sind nit ruhig.«

»Wo stammen denn die Spezlereien her, red' Mann mit dem gebogenen, geringelten, geschneckelten und ungebügelten Haar?«

»Sie hawwe Borschte!« schrie der alte Mahn in hellem Zorn, »und Se wolle mer ruiniere 's Geschäft. Sehen Se, sehen Se, der Kunde is fort.«

»Weil Sie ihm Stiefel mit verbranntem Leder aufhängen wollten, Sie schamloser Sünder, der hat das so gut gesehen wie ich!«

»Nit wahr is es, weiß Gott, Herr Resser, Sie hänge m'r Schändlichkeite an.«

»Gesteh's nur, die Gewürze sind wieder der Lohn deiner geheimen Ferkelstecherei, eine kleine Erkenntlichkeit, wahrscheinlich aus der Oberstadt vom Kaufmann Stettauer –«

»Schweigen Se! Schweigen Se! Ich weiß 131 von nix! Ich stech keine Ferkel ab, Gott der Gerechte, was Sie m'r zumuten!«

»Maul halten! Taisez-vous, sagt der Franzose, daß du es weißt, du lasterhafter alter Mann! Freilich treibst du dieses schwarze, ruchlose und geheime Gewerbe. Ich will ja heut selber ein Geschäft mit dir machen.«

»Wolle Se?! Wolle Se?!« schrie erfreut der alte Aaron und riß sofort dienstbeflissen die Türe des Nebenzimmers auf, die mit dem roten Vorhang verhüllt war, die Türe ins Allerheiligste, wo auf einem hohen Drehsessel das Rosinchen thronte, die wißbegierige Nase fleißig und tief in das Kontobuch getaucht, daß man nur ein paar Löckchers oben heraus stehen sah, da wo der Foliant endete.

»Jetzt hab ich dich überlistet, alter Filou,« drohte lachend in der besten Laune der »gescheiteste Bürger von hier«.

Als das Rosinchen sah, daß der Vater einen Kunden brachte, grüßte es sehr freundlich, drehte mit unheimlicher Eile den Drehsessel rundum – es hatte Uebung darin, und es machte ihm noch immer Spaß, – bis er so niedrig war, daß es nur einen kleinen Hupf zu tun hatte, um auf den Boden zu gelangen. Diesen Hupf tat es, knixte dann und verschwand im Laden.

»Schön ist sie nicht und hinken tut sie auch,« 132 sagte der Kampelmacher mit sehr nachdenklicher Miene, ganz wie wenn er erst durch langes Studium zu diesem Resultat gekommen wäre. Er sagte das aber jedesmal, so oft er des Chlonnenchltrählchens ansichtig wurde, weil er wußte, daß er den alten Mahn damit ärgerte. Und sofort erwiderte der, ganz wie immer: »Was scheen! Was geb ich for die Scheenheit! Geld hat se und en aparte Kopp. Hinkt se mit 'm Kopp? – Nee, da hinkt se nit, und des is die Hauptsach. Deine is scheen wie ä weißer Mehlwurm,« – vor lauter Eifer sagte er »du« – »aber sie hinkt mit 'm Kopp, sie hinkt arg mit 'm Kopp. Von dir hat sie 'n nit.«

Und dann gingen sie friedlich und einig an ihr Geschäft, während das Rosinche den Laden besorgte und darüber wachte, daß niemand ins Hinterzimmer drang, wo zwischen aufgestapelten Schachteln, zusammengepferchten alten Kleidern und geschmierten Stiefeln, die in Reih und Glied standen, eine juristische Frage erörtert werden sollte.

Daß die eine kniffliche war, bedurfte keiner weiteren Erwägung von Seite des Chlonnenchltrählchens. Der Herr Resser, der war ein Geriebener, das merkte sie an dem Respekt, mit dem der Date von ihm redete. Von allen anderen Leuten sprach er mit Hohn, und ganz im 133 Gegensatz zu seinem respektvollen Benehmen im Geschäft, durchaus »despektierlich«, verachtungsvoll und boshaft. Wenn der Resser nicht recht wußte, was tun, durfte sich der Alte auf die Füße stellen, das war eine Ehrensache für ihn! Aber von vornherein war es ja zweifellos, daß der Alte etwas herauszutüfteln wußte. Alle Kniffe und Schliche hatte er los, und außerdem war's ihm eine Mordsfreude, ja ein spezielles Vergnügen, jemanden auf den Leim zu locken und übertölpeln zu können.

Besonders wenn er einem Advokaten ein Schnippchen schlagen konnte!

Sein scharfer Verstand brachte ihm eine Menge Kunden, die neben dem Handel noch einen guten Rat in gewichtigen Dingen des Lebens, besonders in juristischen Sachen von ihm erwischen wollten.

Seine Lebensweisheit erschiene zwar bei näherer Betrachtung erheblich verhockt, meinte der Kampelmacher:

»Deine Weisheit ist ranzig und muffig wie der Geruch deines Ladens,« sagte Jean Resser. Doch war es dem Alten mit seiner scharfsichtigen Bosheit, die er grinsend und händereibend von sich gab, mit seinem unermüdlichen Herumschnüffeln an einer Sache schon oft gelungen, der heiligen Justizia ein Schnippchen zu schlagen. Für 134 solche Dienste begehrte er nichts, dafür wollte er kein Geld haben, – höchstens Gewürze aus Asien und dergleichen. Denn das war sein Stolz, sein Sport, seine Erholung, sein Steckenpferd, ein Ding, dem er, Geld ausgenommen, all seine Leidenschaft lieh.

Dabei kam das Geschäft nicht zu kurz, im Gegenteil, dabei florierte der Laden, denn es fiel kaum einem ein, das Haus Mahn, wo er sich Rats erholte, zu verlassen, ohne einen Kauf gemacht zu haben. Er schaute dann nicht so ganz genau und peinlich aufs Geschäft und das Rosinchen hatte bei solchen Gelegenheiten schon allerlei Ladenhütendes und Anrüchiges fortzupraktizieren verstanden. Soweit war das gut und das Chlonnenchltrählche sympathisierte sehr mit dieser Seite der väterlichen Tätigkeit, nur war ihm hie und da der Uebereifer zu viel; es wollte ihm scheinen, als seien Anzeichen da, daß der Date (später sagte es stets »Babe«) das Geschäft zu unwichtig und das Nebengeschäft zu wichtig zu nehmen anfing, es war fast wie eine Manie und machte sie unruhig. Auch heute dauerte die Sache ganz unglaublich lang und das Rosinchen neigte einigemale den »Kopp« gegen die Türe des Nebenzimmers, besorgt, es könne sich um allzu wichtige und deshalb aussichtslose Dinge handeln.

135 Was sie hörte, beruhigte sie aber gänzlich. Wenn es sich um sonst nichts drehte, als um den Lehrjungen, der fortgelaufen war! Um das Gezeter der dicken Mutter Glocke, die den Meister Resser verklagt hatte, weil er den Buben verdorben hätte, weil er ihn nicht überwacht, weil er ihn von ihr abgezogen hätte! Wie wenn der Fratz nicht schon von Kindsbeinen an in Grund und Boden hinein verdorben gewesen wäre! Mit Ingrimm dachte sie noch der Groschen, die er, damals schon ausgeschämt und raffiniert, ihr abgeknöpft hatte! Das war der Mühe wert, daß die dicke Obstlerin sich auf einmal besann, daß sie seine Mutter sei und Radau schlug, daß er hätte entwischen müssen wegen schlechter Behandlung!

Wie wenn ihre Behandlung so zart und innig gewesen wäre. Das war doch stadtbekannt! Und wieder neigte sie den Kopf mit dem noch immer unheimlich straff gespannten und pomadisierten Scheitel der Türe zu. Nun lachten sie. Das ging über die schöne Kuni, den weißen Mehlwurm, wie der Babe sie nannte. Es war eine reine und ungetrübte Freude, die Schandtaten dieses über alle Maßen verliebten Frauenzimmers zu hören, das in der Töchterschule schon in seinem zwölften Jahr mit Liebeleien begonnen, und das über sie, das Rosinche, zu witzeln gewagt hatte, die im kleinen 136 Finger mehr Grütze hatte, als dieses dicke Ungetüm in seinem ganzen vernagelten, blöden Kopf!

Diesen Ausbund aller Schändlichkeiten, diesen frechen Lehrjungen, den Fritz Glocke, hatte sie zu Liebesgängen benützt und hatte ihm die Taschen mit Leckerbissen vollgesteckt, die sie im eigenen Hause gestohlen hatte! Was denn noch? Am Ende hatte sie diesen grünen Rangen auch noch verführen wollen – pfui Teufel! Wer weiß, ob Mutter Glocke gar so unrecht hatte!

Aber gut war's doch, daß der kleine krummbeinige Gauner fort war, der wäre bei seiner stadtbekannten Findigkeit imstande gewesen, der dicken Kuni noch mehr Gimpel ins Netz zu treiben! Wie wenn sowieso nicht schon genug an ihrem Leimrütlein säßen! Pfui!

Das Rosinchen war ganz von Bitterkeit und Verachtung erfüllt, wenn es an die schöne Kuni dachte, die auch die Seladone anspannte, die andere Leute gern für sich gehabt hätten! Wenn das mit reellen Dingen zuging! –

Sie wünschte dem scheidenden Herrn Resser augenzwinkernd einen »guten Verlauf« und sagte: »Gut, daß der wüschte Kerl fort und unschädlich gemacht is, der is nit zu unterschätze, der hat Qualitäte!«, wozu der Meister Jean Resser ernsthaft und beipflichtend nickte.

Jawohl hatte er Qualitäte und auch seine 137 Tätigkeit für die schöne Kuni war nicht zu übersehen. Wer konnte denn da noch konkurrieren? Schön war sie, dick war sie, reich war sie auch, und konnte diesen abgebrühten Liebesboten, der mit allen Schlichen und Ränken vertraut war, stellen – dagegen sie – allerdings, wenn's auf den Geist ankam, stellte sie ihren Mann und wer weiß, ob ihr Sack Geld nicht schwerer wog, als der der Kuni, wenn die auch mehr Staat machte. Aber eben das zog, das zog! Unwillig schlug das Chlonnenchltrählche auf die Ladentheke. Waren nicht schon ein Paar, die gerade angefangen hatten, ihre süßen Augen nach Feierabend zu bemerken oder ihr nach Ladenschluß selbst süße Augen zu machen, ganz plötzlich abgeschwenkt und ins Lager Kuni Resser übergegangen? Warum? – –

Sogar der krumme Zeitungsjunge, der Maxl, wurde puterrot, wenn er nur den Namen Kuni hörte, und wie er sich neulich anstellte, als der schöne weiße Mehlwurm draußen vorbeiging!

Da vergaß er ganz, der Tölpel, daß er sich sonst gern mit ihr unterhielt und ihr sogar schon – natürlich in seiner schüchternen Art – Komplimente über ihre Gescheitheit gemacht hatte!

Das Rosinchen seufzte tief auf. Die 138 Erkenntnis dämmerte langsam in ihr auf, daß sie doch eigentlich mehr für den Kopf und die schöne Kuni mehr fürs Herz, d. h., für die eigentliche Liebe geartet sei. Doch was schadete das?

Dem Rosinchen galt doch, so sagte es sich vor, der Kopf mehr. Trotzdem seufzte es wieder tief und lange. Die ersten Enttäuschungen lagen hinter ihm, und ein paarmal schon hatte es eine große Liebe begraben müssen.

Ehrfürchtig und tiefen Staunens voll über ihre Bildung waren die Verehrer genaht und hatten durch ihre devote und zugleich glühende Art Rosinchens Liebe lichterloh entfacht. Dann ganz plötzlich, nie wußte sie warum – war sie vielleicht noch nicht zärtlich, noch nicht glühend genug gewesen? – hatten sie sie fallen lassen, nicht einmal mehr gegrüßt, ja höhnisch ausgelacht! Sie war in dem Stadium, sich einen kleinen Haß gegen die Männerwelt, insbesondere gegen die studierende, beizulegen, aber es wollte nicht recht geraten. Ein paar verliebte Blicke, eine verstohlen zugeworfene Kußhand, brachten ihre Gefühle ungemein rasch wieder auf den Siedepunkt. Nur hielten sie sich nicht so heiß, denn irgendwoher kam dann stets eine kalte Dusche, meistens von seiten der schönen Kuni.

»Ich glaub gar, du meinst, die dick' Kuni, der weiße Mehlwurm is die Allerschönst!« höhnte sie 139 am nächsten Morgen nach des Vater Kampelmachers Besuch, den hinkenden Maxl.

Doch der schüttelte nur traurig und verlegen den Kopf. Was war denn überhaupt mit dem Buben? Der redete ja gar nichts mehr, der lachte nicht mehr in der letzten Zeit, der war ganz verstört!

»Hascht Sehnsucht nach 'm Fritzl, oder bischt verliebt?« neckte sie ihn. Doch Maxl schluckte nur, wie wenn er das Schwere gar nicht herausbrächte.

»Ich glaub gar, du hascht Sehnsucht! Sei doch froh, daß er fort is, der Gauner, der hätt' dich verdorbe, wann was an dir zu verderbe wär! Du willscht aa nix schaffe! Setz dich hin und mach ordentlich Schuh, is g'scheiter, dein Vater kann so nix, die letschte haben mich gepetzt. Nachher vergißt du auch die Posse, Lieb' und so was, des is nix für euereins!«

Das Rosinchen hatte gut reden. Es war nicht so leicht, einen Fritzl zu vergessen, noch weniger leicht die schöne Kuni und am allerwenigsten leicht war es, das Schusterhandwerk zu lernen, besonders wenn man keine überschwänglichen Talente dazu und gleich gar keine Lust hatte.

»Er is und bleibt a Patzer,« meinte Stiefpapa Knieriem, »ner oan Fleck wenn er grad aufs Loch setzen kannt!«

140 Aber nicht einmal das brachte er zusammen. Wenn er eine Stunde oder gar ein paar Stunden lang gearbeitet, das große melancholische Maul offen, vor willigem Eifer nicht aufschauend, das lange schmale, eckige Kinn tief über eine Sohle gebückt, ohne Unterbrechung hämmernd und allen Kummer mit hinein hämmernd, saß als Krönung des Fleißes der Flicken gewöhnlich neben dem »Z'riß«, eine wichtigere Arbeit vertraute man ihm ohnehin nicht an. Da gab es Kopfnüsse vom Alten, bis die Mutter, weicheren Gemüts und stets durch irgend ein zu erwartendes Ereignis elegischer gestimmt, den Maxl wegriß mit der Entschuldigung für ihn: »Wenn er halt koan Freid dazu hat!«

Sie hatte bei aller fehlgeschlagenen Hoffnung sich doch ein gewisses Gefühl der Bewunderung für Maxl bewahrt, fühlte sogar Scheu vor ihm. Er war einmal anders wie die anderen, gewiß, und wenn er auch kein Baron hatte werden dürfen, warum konnte er denn kein Studierter werden? Von ihr aus schon. Aber der Vater wollte ja nicht. Ihretwegen konnte er sie auslachen, sie war überzeugt, daß etwas »Extrigs« in Maxl war, das ließ sie sich einmal nicht abstreiten! Sie hätte wohl alles für ihn ausgefochten, wenn sie nicht auf der einen Seite zu resigniert gewesen wäre und auf der andern Seite eingesehen hätte, 141 daß ein Bündel Kinder da waren, die notwendig das Geld von dem Baron gebrauchen konnten, und an die in stillschweigender Uebereinkunft die Monatsrate mit überging.

Der Maxl zerbrach sich in mancher schlaflosen Nacht den Kopf, wo eigentlich sein Geld hinkäme, wie er es für sich bekommen könne, überhaupt, was aus ihm werden solle. Wandern konnte er nicht, wie der Fritzl es kurzer Hand getan, auch aufs Handwerk reisen ging nicht, er hatte ja keines los. So mußte er wohl Zeitungsjunge und Kuhhirt bleiben, wenn der Himmel nicht ein Einsehen hatte.

Und er hatte ein Einsehen; er schickte gerade den Fritzl wieder zurück, zu einer Zeit, wo der arme Maxl sehr unglücklich war. In seinem Beruf als Zeitungsjunge wurde er schon ganz erheblich verdunkelt durch den jungen Bruder, der ihn schon geraume Zeit unterstützte. Die Unterstützung war so kräftig, daß der Maxl zum bloßen Schemen herabsank. Der Bruder war größer, frisch, stets wohlgemut, glich ganz der Mutter in jüngeren Jahren und pfiff und lachte und schwätzte den ganzen Tag. Dumm war er wie Bohnenstroh, aber hübsch, da mußte der Maxl freilich zurückstehen! Alle Kunden machten enttäuschte Gesichter, wenn er draußen stand und nicht der fidele Karl, und wenn er noch so höflich 142 war. Das tat weh, das wurmte ihn, das ließ ihn nicht fröhlich werden.

Doch gab es eines, das ihn wieder tröstete, und darüber wachte er eifersüchtig: das Interesse und die Teilnahme, nein, die Würdigung seiner Person, die er sich bei einigen Kunden erworben. Das waren solche, die den Bruder übersahen, sich aber mit ihm beschäftigten, die ihm Tropfen der Wärme und Anerkennung gaben, wonach seine Seele lechzte.

Da war vor allem der Herr Mahn, der erste Gönner, dann auch der Meister Je–an Resser, der sehr schwer zu behandeln war, auch sein alter Lehrer aus der Sonntagsschule und seit kurzem ein junger Geistlicher. Alle vier, jeder in seiner Art, knüpften Gespräche mit dem Maxl an, großenteils über den Inhalt der Zeitungen, denn Maxl war ein eifriger Zeitungsleser und die Politik – zu jener Zeit das neue deutsche Reich und der »Bismarch« insbesondere interessierten ihn ungemein. Politik und Vaterland – wenn er nur immer Auswege aus den Wirren gefunden hätte!

Kam er zu Herrn Mahn, so sagte der so, und kam er zum Herrn Kaplan, so sagte der ganz anders. Der Herr Lehrer meinte, er verstünde das doch nicht und der Herr Resser ließ sich wiederholen, was die anderen drei gesagt, und lachte sie dann alle drei aus.

143 In politischen Dingen wandte er sich daher am liebsten an den Herrn Mahn, der ihn fast für voll nahm und sich keine Gelegenheit entgehen ließ, dem Zeitungsjungen in Wichtigkeit und Würde zu imponieren. Ja der Maxl hatte schon des öfteren in das kleine Heiligtum eintreten und hatte dort sich setzen und mit dem Herrn Mahn disputieren dürfen. Alle politischen Gesinnungen, z. B., die dieser nicht direkt an den Mann – in diesem Fall an den Herrn Resser – sich zu bringen getraute, mußten durch den Maxl zu dem französischen Kampelmacher gebracht werden. »Sag's auch dem Meister Resser,« rief gewöhnlich der Herr Mahn noch augenzwinkernd nach.

Der Herr Mahn war nämlich ein ganz fanatischer Bismarck-Verehrer, der Herr Resser als Halbfranzose stand der Verehrung sehr skeptisch gegenüber und der Maxl, treu der Schule des Herrn Kaplan, haßte ihn wie die Pest, wenn er auch in seinen tiefsten Tiefen, zwar mit Grauen, aber dennoch, der Verehrung zustimmen mußte.

»Der ist das böse Prinzip für Bayern,« sagte der Herr Kaplan, »der wird alles zusammen in unserm schönen Bayern auffressen, das Geld, die Kirchen, die Fürsten und unser Gemüt.«

»Herrgott, wann er's norr fresset eure Kirchen und eure Oelgötzen von Pfaffen dazu, und 144 euer Gemüt erst recht. Ihr werd't so noch zu würge hawwe dran, wann ihr's alleen nunter bringe wollt.«

»Herr Mahn, ich sag's Ihnen, der ist der Antichrist.«

»Maxl, du bischt ä annehmbarer Bursch sonst, aber in der letzte Zeit riechscht du nach Weihrauch und des kann ich nit rieche!«

»Herr Mahn, Sie werden noch an mich denken, warten S' nur, wenn es zu spät ist, wann unser schönes Land Bayern verwüstet und gefressen ist, sagen S' nur, ich hätt's g'sagt.«

»Maxl, du hascht ja kein Standpunkt, du bischt ä Pfaffeknecht, merk ich, und ä rechtes Entwicklungshindernis, du und dein Kaplan erscht recht. Das soll auf euch komme, ihr verwüstet das Land Bayern, ihr ruiniert's, ihr arbeitet dem größte Mann unseres Jahrhunderts entgege, du, ja du! Was wirst du d'r ämal Vorwürf mache, du siechscht's ein, später, ich wett' du siechscht's ein!«

Und er entwarf ihm ein Bild des großen und gewaltigen Mannes, daß der Maxl im Innersten gepackt voller Bewunderung und Scheu und doch voller Grausen zuhörte. Ganz wie beim Fritzl, dachte er sich, den hatte er auch gescheut und doch nicht von ihm loskommen können, ihn gehaßt und doch wieder war er an ihm gehangen. Und 145 genau wie es ihn zwang, obwohl er es nicht gewollt, beim Herrn Kaplan vom »Bismarch« zu reden, mußte er beim Herrn Resser vom Fritzl anfangen.

»Halte deine Seele rein, unterliege nicht den Versuchungen und den listigen Reden, den gleißnerischen, die dir glatt eingehen und dich doch vergiften, hasse den Verderber unseres Vaterlandes, den Vernichter unserer heiligen Religion, höre nicht auf den Versucher und bleibe stark. Der Mann, dessen Namen ich nicht nennen will, ist wie die Schlange in dem gleißenden Gewande und säet Verderben. Laß dich nicht bestechen.« So der Kaplan.

Also hin- und hergerissen kam er dann zum Herrn Resser und da war's der Fritzl, der ihn zum Reden zwang, denn den Bismarch hatte der Herr Resser sehr bald abgetan.

»Voyons, es wird nicht zu lang dauern, die Glorie mit dem neuen großen deutschen Reich, und dem großen mächtigen Kanzler, nachher sitzen wir gleich wieder in der Tinte oder im Dreck. Ich kenn ja meine Deutschen, ich kenn ja meine Bayern! Laß nur den Herrn Mahn tanzen vor Freude, er schreit schon noch einmal Zeter und Mordio, wenn's an die Steuern geht &c. &c., was bei der G'schicht zuletzt doch rauskommt, sag ich und das totsicher! Wenn der ärgste Rummel vorbei ist, nachher wollen wir wieder reden, das dicke 146 End kommt schon nach. Deswegen brauchst du aber nicht zu meinen, ich halt zu deinen Schwarzröcken, die ganz Bayern am liebsten mit ihren Kutten zugedeckt hätten, damit ja kein Licht herein kommt und alles schön dumpf und dumm beieinander bleibt, von der Sort mag ich nix wissen, parbleu, die braucht mich keiner kennen zu lernen.«

Der Maxl schaute ihn nachdenklich und immer nachdenklicher an:

»Was werdet denn der Fritzl zu dem allen sagen?«

»Der Fritzl? Was red'st denn vom Fritzl? Was brauchst denn alleweil vom Fritzl z'reden? Ich will nix hören vom Fritzl. 'n ganzen Tag hört man vom Fritzl, kein Aufhörens is, zu Tod möchst dich ärgern. Eine dumme freche Kanaille ist er gewesen, ein Galgenvogel, sei still von ihm, er soll fortbleiben, fort soll er bleiben, meinetwegen dort, wo der Pfeffer wächst.«

Wäre der Maxl nur ein besserer Menschenkenner gewesen, hätte er sich die Aufregung und das ungewohnte Wesen des französischen Kampelmachers schon richtig gedeutet, so fürchtete er sich vor dem Mann, der förmlich tobte und dessen Gesichtsfarbe ganz blaurot wurde, und schlich sich verzagt und bedrückt fort. Nein, der Meister würde den Fritzl nie wieder rufen! Hätte 147 er nur geahnt, wie gern der Alte den fixen frechen Lehrbuben wieder dagehabt hätte! Es freut ihn ja die ganze Zeit nichts mehr, ihm ging er ab, und der Kuni ging er auch ab, das konnte ja ein Blinder sehen! Schließlich war es auch kein so fürchterliches Verbrechen, daß er den Liebesboten der verliebten Kuni gemacht, die war schuld, niemand sonst wie die. Und bei jeder Gelegenheit fiel er über sie her, sie hatte den Fritzl so schlecht gemacht, sie hatte ihn abgerichtet, wegen ihr hatte er fort gemußt, sie war schuld an allem und »wer weiß denn, wie's dem armen Teufel jetzt geht, und wo er ist?!« schrie er die verdutzte Kuni an, die sich die Sache nicht ganz zurecht legen konnte. So viel Schlauheit besaß sie aber doch, halb schüchtern, halb willfährig zu tun, um den Alten zu besänftigen, der sie in der letzten Zeit schon behandelte, daß es nicht mehr schön war!

»Ich weiß, wo er is, ich schreib ihm, wennst meinst.« (Ihr lag ja nicht allzuviel am Fritzl, obwohl er ein sehr brauchbarer und gewandter Liebesbote geworden und geschwiegen hatte wie das Grab.)

»Mach was du willst, Kameel!« schrie der Meister und schmiß dröhnend die Türe hinter sich zu, als ob er im allerhöchsten Zorn wäre.

So kam der Fritzl wieder ins Haus. Der 148 Fritzl, gereift, der würdige Fritzl, der erfahrene Fritzl, der Fritzl, der einen Anflug von Schnurrbart hatte, und der tat, als erweise er dem Hause Resser eine Gnade. Der Meister brummte ihn zwar an und ließ ihm nicht die Ehre widerfahren, sich erzählen zu lassen, wie es ihm gegangen, aber der Fritzl war ein besserer Psychologe als der arme hinkende Maxl; er wußte genau, wer ihn eigentlich wieder hatte haben wollen, und da er weder Schüchternheit noch Empfindlichkeit kannte, trat er mit Sicherheit im Hause auf. Besonders der schönen Kuni suchte er zu imponieren. Keine Rede davon, daß sie ihn etwa hätte als Träger für ihre Botschaften verwenden können! Das getraute sie sich nicht mehr, er war für sie ein anderer geworden. Alle Tage gab er ihr Gelegenheit, ihn anzustaunen – ihre Beziehungen wurden nach und nach wesentlich andere.

Auch der Maxl, der ganz erschrocken war vor Glück, daß der vielgeliebte Freund wieder gekommen, getraute sich nicht mehr wie sonst dem Fritzl alles zu verraten. Besonders wenn sie auf die Politik kamen, ließ er den anderen nicht gern in die »Tiefen seiner Seele« blicken. Für Politik hatte der Fritzl nur ein Achselzucken. »Deutschland? – Der gewesene Krieg? und gar der Bismarck? – Wer fragt denn danach draußen? Des san Bagadelln,« er sprach jetzt nur 149 ausnahmsweise Dialekt, – »ist ja alles schon längst vorbei!«

Wo das »draußen« eigentlich lag und was er unter dem »draußen« eigentlich verstand, verschwieg er hartnäckig und mit abweisender Ueberlegenheit, wenn der Maxl etwa gar fragen wollte.

Dagegen ließ er sich herab, dem Kameraden die Abgründe seines Busens zu entschleiern. Zum Beispiel: »Ich verleugne ja meine chère mère; siehst, das ist mir ein Mordsplaisir, so an ihrem Standerl vorbeizugehen, die Nase in der Luft, und einen Gassenhauer zu pfeifen. Ich bin einmal so großartig angelegt!«

Sehr kalt und von oben herab, mit Kennermiene seine Zigarette rauchend, meinte er auch: »Siehst du, mein Braver, mein Ehrgeiz is, Lump zu werden und über eure wohlgeordnete miserablige kleine Welt zu triumphieren.«

›Wie der Bismarch!‹ dachte der Maxl. Grausig, richtig grausig war's, und es überlief ihn kalt, und doch war es schön!

Der Fritzl sah wohl die Wirkung auf den armen Krüppel, um so mehr stachelte es ihn an, ihm dosenweise von seiner »Verruchtheit« einzugeben, ihn auf jede Weise zu konsternieren, irr und wirr zu machen, und trieb es so weit, daß der Maxl beinahe vor Abscheu entflohen wäre.

150 Denn er ließ Weibergeschichten hereinspielen – Erfahrungen mit Weibern in der Fremde – ganz nonchalant, ganz Weltmann, brachte er das vor, natürlich sprach er auch von des Meisters Töchterlein, der weißen, schönen und begehrlichen Kuni. Der Maxl wollt sich erstaunen? Oder gar entrüsten? Was gab's denn da sich zu erstaunen? Was gab's denn da sich zu entrüsten? Eine ganz selbstverständliche Sache! Der Alte war ihr hinter zu viel Schliche gekommen und hielt sie an der Kette, keinen Schritt kam sie aus dem Haus. Aber er war doch da, er. Und ein Esel wäre er gewesen, wenn – oder etwa nicht?

Das rieb er mit einem verschmitzten und zynischen Lachen, dabei mit einem bedauerlichen Senken der Mundwinkel dem Unerfahrenen unter die Nase, der am ganzen Körper zitterte wie unter Geißelhieben – des Meisters Tochter? – die schöne Kuni? –

Das machte ihm schwerer zu schaffen als der Fritzl nur ahnen konnte!

Die Kuni, und die Dicken überhaupt, spukten in seinen Träumen, erregten die allersündhaftesten Gedanken in ihm, Gedanken, die er verabscheute und die er haßte; er verehrte doch die schöne Kampelmacherin, er hielt diese Liebe wie ein Heiligtum und hätte es nie gewagt, sich auch nur durch einen Blick zu verraten – und trotzdem –

151 Aber dieser Fritzl! – – –

Seit die Note »Weib« und die spezielle Note »Kuni« angeschlagen war, bekamen die Zusammenkünfte mit Fritzl, die freilich spärlich genug waren, eine Art infernalischer Anziehungskraft für ihn. Gewissensbisse folgten regelmäßig und ihnen schwere Nächte und viele, viele heiße Tränen, und der Maxl mied den Herrn Kaplan und die Politik und das für ihn noch immer neugebackene deutsche Reich mitsamt dem Bismarch, und die Unterredungen mit dem Herrn Mahn kamen total in den Hintergrund, ja der Maxl kniff aus, wenn der Herr Mahn ihn je stellen wollte.

Kopfschüttelnd meint der alte Jude: »Er is ja meschugge, der Maxl!«

Auch dem Herrn Je–an Resser hielt er nicht stand; scheu und bedrückt schlich er um den herum und fühlte sich als Mitwisser des schrecklichen Geheimnisses. Wie könnte er ihm denn in die Augen schauen? War er nicht beinahe ebenso schlecht wie der Fritzl? Und wenn nicht alles trog, der Alte wußte etwas, der Alte wußte etwas! –

Warum wäre denn von Tag zu Tag sein Blick finsterer und unruhiger geworden? – Und warum sah denn keiner mehr die schöne Kuni? Und ihn selbst, den Meister, auch nicht? Er lief ja 152 nur im Hause herum, er kam ja kaum über die Schwelle!

Und eines Tages packte er den Maxl am Arm und schrie ihn an, mit einem vor Wut kirschroten Gesichte: »Wo ist er, dein sauberer Kamerad? He? Wo ist er?« –

Dem Maxl wurde gleich eiskalt und alle Sünden fielen ihm ein. Er hatte den Fritzl ja selbst eine ganze Woche lang nicht gesehen! Er brachte kein Wort heraus.

»Fort ist er, die Kanaille, fortgeschafft hab' ich ihn, den Dieb, den Nichtsnutz, den Schleicher, den Galgenvogel! Was machst du denn für ein Gesicht? willst du auch heulen und schreien um das Früchtel, wie die da droben! Geh nauf zu ihr und heult zusammen! Pfui Teufel!« Und schlug die Türe zu und ließ den erschrockenen und verzagten Maxl mit seinem Schmerz und seinen Zeitungen stehen. –

Nun kamen Tage und Wochen, wo der Meister Je–an jeden Tag im Laden des alten Mahn zu finden war. Er konnte sich ja nicht anders mehr helfen. Irgendwo mußte er seinen Ingrimm ausleeren, irgendwen mußte er haben, der ihn in seinem verwirrten Schmerze verstand, der ihn reden ließ und sich nicht seiner Demütigung freute. Denn er war doch im Grunde der Blamierte. 153 Die zwei hatten ihn angeführt, daß es eine Art hatte.

»Nie hätt' ich gedacht, daß die Kanaille (damit war von nun an stets der Fritzl gemeint) so dumm wäre, so was im Haus anzufangen! Und das ist meine Schuld, alter schlauer Hebräer, der nun über mich schmunzelt, ist das nicht blamabel? Die elende Kreatur triumphiert über mich! Dabei hat sich doch die Kanaille alle Chancen verdorben! Borné, borné! Ich sag's ja! Und diese Kuni! Auch da hab' ich mich verrechnet. Dieser elegische Fettkloß, diese unbewegliche Maschine! Es ist zu blödsinnig! Ich hab gemeint, schieb ihr ein Riegerl vor, laß sie nicht fort, behalte sie im Aug, das ganze ist eine Backfischverliebtheit, mehr bringt die nicht zustand, die hat das Temperament der Mutter, das heißt eigentlich kein Temperament – ja! Prost Mahlzeit! weil kein anderer erreichbar war, hat sie sich mit dieser elenden Spezies der Männlichkeit eingelassen. Und wie eingelassen, Mahn! Sie heult, sie schreit, sie brüllt: Und grad 'n Fritzl will i, und der Fritzl muß her und du schaffst 'n Fritzl wieder her, und ob er schön is oder net, is gleich, er is mei Fritzl und her muß er! Mahn, ist das nicht schauderhaft und eine ganz gemeine Niederlage, wenn man sich so irrt, noch dazu in einem so ganz gewöhnlichen 154 Frauenzimmer? Sie stampft mit den Füßen, sie bockt und redet kein Wort, sie tobt zur Abwechslung, sie dreht den Kopf herum, wenn sie mich sieht, das macht mich ja ganz verrückt, hätten Sie das dem Fettkloß zugetraut?

Und der alte Aaron schüttelte den Kopf, obwohl er im Stillen dachte, jawohl hab ich's deinem schönen weißen Mehlwurm zugetraut! Was sollte er denn den Meister Kampelmacher in seinem ersten Schmerz gar zu sehr reizen? Er war ja ganz verändert! Ganz kopfscheu und wunderlich war er geworden. Er bewachte die dicke Kuni wie ein Kettenhund, kaum daß er sich über die Schwelle traute.

»Das cherie-erl wird bald lamperlfromm werden,« sagte er einmal zum alten Aaron in seinem ingrimmig spöttischen Ton, halb französisch, halb oberpfälzisch. Doch trotz des »Lamperlfrommseins« gab er sein Bewachungssystem nicht auf. Die ganze Stadt lachte ihn aus, aber er merkte es nicht. Den Wächter zu spielen, machte ihn vollständig kaput. War denn das ein Beruf für einen Mann, ein liebestolles Mädel zu hüten? Und gerade wie er es anstellte, das machte ihn komisch, er paßte gar nicht mehr auf die Kunden im Laden, und vor lauter Zuhausehocken wurde er krank.

Sogar der alte Aaron erlaubte sich nun, sich 155 für die früher erhaltenen Stiche rächend, Bemerkungen, die nicht gerade feinfühlig, wenn auch immerhin treffend waren.

»No, hinkt se noch im Kopp?« frug er vertraulich, »ich mein' als, sie hinkt noch wo ganz anderscht; meine hinkt immer noch uff zwee Been.«

Und das ließ sich der französische Kampelmacher jetzt sagen!

Er mußte wirklich nicht gesund sein, oder so apathisch, daß ihm alles gleich war. Das Geschäft ging nicht und interessierte ihn nicht. Gesellen kamen und Gesellen gingen und oft hatte er überhaupt keinen.

»Ist mir alles eins,« sagte er zum alten Aaron.

»Jee–an – Jee–an, Sie müsse sich aufrapple, so ä alter Menschenverächter!« suchte ihn der Date wieder aufzurütteln. Aber nichts half, er war so und blieb so, und eigentlich hatte der Aaron jetzt Oberwasser. Nur lohnte sich's kaum mehr. Der alte Kampelmacher war nicht einmal ein schwacher Schein von dem, was er früher gewesen.

»Aaron, passen Sie gut aufs Rosinchen auf! Wenn sie auch knipperlknappt, wissen Sie, in Gefühlssachen da gibt's kein Knipperlknapp, die Lieb, das ist eine undefinierbare Affäre, da kann's trotzdem glatt gehen,« sagte er einmal.

156 Der alte Mahn schüttelte den Kopf. Der französische Meister gefiel ihm gar nicht, er dachte nur mehr an solche Sachen. Und wie grau und verfallen er aussah! Er schaute ihm beim Heimgehen nach. So oft sie sich auch stritten in der letzten Zeit und sich früher gezankt und gehöhnt, und so schwer er oft die Verachtung getragen und die bitteren Worte gefühlt hatte – jetzt überkam ihn ein echt menschlicher Zug. Er lief dem Manne nach, der so gebeugt seinem öden Hause zuging, er wollte ihm sagen: »Gib acht auf dich, du bist krank, halte dich, schone dich, denk an dich,« aber er brachte es nicht über die Lippen, er schämte sich und sagte nur:

»Kommen Se ja bald wieder und halte Sie sich gut!«

Am nächsten Tage war der Kampelmacher schwer krank und in einer Woche tot.

Und prompt nach seinem Begräbnis tauchte der idealste aller Kampelmachergesellen, der Fritzl, nach mehrjähriger Abwesenheit wieder auf. Dieser erstaunliche Rapport setzte sogar die allerschwerfälligsten Menschenkinder in ein pfiffiges Erstaunen, und als er als »Leiter des Geschäftes« auftrat, sagten sie schmunzelnd: »Haha!« und allerlei Reden gingen.

Doch der Kampelmacherfritzl, jetziger wohlbestellter Geschäftsführer, schritt lächelnd durch 157 den Sumpf der trüben Reden und erhob sich mit einem Hinaufziehen seiner roten Nase und einem verächtlichen Schnauben über all die üblen Dünste.

Er kam mit Errungenschaften zurück, er konnte Erfahrungen aufweisen, sacrebleu! Er würde schon einen andern Schmiß in das Geschäft bringen! Wenn das nicht im Triumph einziehen hieß in die Stadt der Philister!

Sie schimpften? – Wenn sie nur noch mehr geschimpft hätten! Sie schimpften ja viel zu wenig! Wenn sie nur alles von ihm gewußt hätten! Er konnte es doch nicht auf dem Marktplatz ausposaunen lassen!

Die durchaus einfachen und durchsichtigen Beziehungen zu dem Fräulein Meisterin waren doch nicht der Mühe wert, daß man seinen Namen in den Mund nahm! Man setzte ihn ja eher dadurch herunter, indem man ihn unterschätzte!

Sie stempelten ihn ja beinahe zu dem Philister, der so schön unter ihnen gedieh!

Einstweilen arbeitete er wie der Feind und lachte sich den Buckel voll. Er wäre ja ein Esel gewesen, hätte er die fette Taube aus der Hand gelassen, um sich etwa nach irgend welchen unsicheren Spatzen auf dem Dach umzusehen! Das 158 Geschäft hatte er ja sicher, die alte Kundschaft wollte er schon wieder kriegen und neue dazu!

Und wenn er jetzt, noch viel, viel wichtiger als früher, hochnäsig und von Verachtung für einen großen Teil der Bewohner seiner Heimatstadt erfüllt, über den Marktplatz zappelte, war er nicht mehr der Kampelmacherfritzl oder der Geselle, er fühlte sich Zoll für Zoll als Meister und war nur ärgerlich darüber, daß er alle diese Hinterwäldler nicht zu seinem Plaisir in seine Seele schauen lassen konnte.

Den Maxl suchte er erst nach ein paar Wochen auf.

Er fand ihn in der Schusterwerkstätte, einen Stiefel heiß bearbeitend, worüber er sehr betreten war und sich vor dem alten Kameraden weidlich schämte.

Doch der, gebläht von all den Dingen, mit denen er Maxl imponieren wollte, übersah die erniedrigende Tätigkeit und drängte ihn nur hinaus auf die Gasse und dann weiter fort.

Unwillkürlich schlugen sie ihren früheren Weg durch die Paradeisgaß ein, wo sich noch immer Rudel von ungewaschenen Kindern balgten, zerraufte Weiber zu den Fenstern heraushingen, und ihnen alles nachgrinste und nachspottete.

Der Frühling lag in der Luft, und sogar bis in die enge Gasse kam ein warmer Wind von der 159 Allee her, der den Duft des jungen Grüns brachte, und von weiterher, wo der Bauer seinen Pflug in die Erde stieß, den Geruch der jungen Schollen.

Aber die zwei merkten nichts davon, sie gingen durch das alte Tor und auf der Landstraße weiter gegen die Kräuterwiese zu, ganz aus alter Gewohnheit.

Sie sahen nicht, von welch strahlender Bläue der Himmel war; wie blank poliert stand er über den Bäumen. Sie sahen nicht, in welch feinem blauem Duft die fernen Höhen schwammen, sie spürten nichts von dem Keimen und Treiben und Drängen und Knospen ringsum, ja der Fritzl wäre gewiß sehr ungehalten gewesen, hätte ihn jemand darauf aufmerksam gemacht. Konnte man etwas damit anfangen? Brachte es Geld? Brachte es vorwärts? Auch der Maxl hätte wohl seine blauen Augen sehr verwundert aufgerissen, aufmerksam auf diese Dinge hatte ihn ja niemals jemand gemacht. – Wenn es warm war, trieb es aus, wenn es kalt wurde, wieder ein; regnete es, so war das sehr unbehaglich und man mußte einen großen groben Sack über den Kopf ziehen, und schneite es, so hieß das sicher der Winter und man mußte brav in der Schusterstube sitzen, und das war ihm in den Tod zuwider.

Freilich, so ein unbestimmt wehmütiges 160 Gefühl hatte er oft gehabt draußen, wenn der Herbstwind in die alten Bäume fuhr, oder wenn alles blühte und die Lerchen ober ihm jubilierten, aber das ging vorüber, es gab so viel zu denken für ihn, so viel! Da war die Mutter und der Baron, der einstige Besuch, der Krieg, von dem er so viel hatte erzählen hören, der »Bismarch«, seine Zukunft und vor allem dieser Fritzl neben ihm, der ihm immer unverständlicher und unheimlicher wurde, und der jetzt immer heftiger auf ihn einredete, je weniger er selbst sagte.

Er mußte ja alles heraussprudeln, warum hatte er sich seinen Triumph dem Krüppel gegenüber auch so lange verkniffen? Er barst ja förmlich von all dem Aufgestapelten!

Und da hinkte der neben ihm her mit einem Gesicht wie aus Stein geschnitten. – Wie? Der maßte sich wohl zum erstenmal an, ihn zu mißbilligen?

Er blieb stehen und drehte mit einem Griff den andern sich zu.

»Du bist gewiß ein ganz Moralischer worden?«

–   –   –   –   –   –   –   –   –

»Wer hat dich denn so fest in den Klauen g'habt?«

–   –   –   –   –   –   –   –   –

»Was is los? Red, Mensch!«

–   –   –   –   –   –   –   –   –

161 Du willst mir, mir gewiß eine Moralpauke halten?!«

Der Fritzl schlug sich vor Vergnügen auf die spitzen Kniee, aber der Maxl kannte seinen Ton zu gut, eine ferne Wut grollte schon mit – der Quartalszorn der Dame Vevi. –

Trotz dieses drohenden Anzeichens hielt sich der Maxl nicht länger; noch immer trug er eine keusche Liebe zur schönen Kampelmacherin in sich herum, und diese Liebe war nun besudelt und begeifert von dem, der so frivol und prahlerisch von ihr sprach.

»Ich kann's dir nicht verhehlen,« – er schaute den Fritzl aber nicht dabei an, der den Kopf auf die linke Seite gelegt, wie ein lauernder Rabe wartete – »ich muß dich als Verführer brandmarken.«

»Was?« schrie der Fritzl und schlug ein wieherndes Gelächter auf, »Unschuld vom Lande! Fünfe hat's vor meiner g'habt, und vier Jahr is älter! Der Verführer ist sie, ich bin unschuldig wie ein Neugebornes in ihre Hände kommen, du hast mich doch kennt! Aber mein' geraubte Unschuld hab ich mir bezahlen lassen! Da hat sie Angst kriegt! Geld, du Kameel, muß man aus allem schlagen; ich pfeif auf deine Grundsätz, tragen sie dir was ein? Ich pfeif auf deine Moral, hat sie dich vorwärts bracht? Ich hust 162 auf deine Ideale, wenn sie dir koan Pfennig net einbringen. Du meinst g'wiß, ich liebe diese Dame? Keine Idee! Sie ist mir im Gegenteil beschwerlich, aus Gründen, die ein so moralischer Herr nicht versteht, ich hab sie eigentlich satt, aber davon redst du kein Wörtl, das bitt ich mir aus. Was verstehst du auch davon! Aber ich! Aber ich! Mich hättest verfolgen sollen! In Sachen der Liebe hab ich mannigfaltige Praxis. Ich war so und so oft verlobt. Beinah habe ich mit Bräuten gehandelt, und so oder so is was für mich herausgesprungen. Das verstehst du nicht? Oh nein! Du bist zu i–de–al dazu? – Solang das weibliche Geschlecht so leichtgläubig und so narret aufs Heiraten aus is, und du kannst dir einen Schmiß geben, ist das stets ein lukrantives Geschäft und für einen Mann meiner Quantitäten g'rad nur eine Ba–ga–telle. Kapierst du das? – No, das Anbringen ist alleweil der schwierigere Teil. Ich merk's jetzt auch, die Sache wird brenzlich. Sie will viel zu rasch geheiratet sein. – – Was? –

Mach mir doch koane sechtenen Augen an! Was is denn nachher? Mädchenhändler bin ich gerade keiner, wär aber gar nicht zuwider! – dazu langt's aber nicht bei mir, das seh ich schon ein, da gehört ein anderes avec dazu, mir fehlt die Rountine, die Bildung.«

163 Der Maxl humpelte wie vor den Kopf geschlagen neben ihm her und schwieg hartnäckig.

Da frug der Fritzl, ganz gönnerhaft, ganz nebenbei: »Und du, du armer Tropf, was hast denn du ang'fangt, weil ich nicht da war? Was treibst denn? Was? Lateinisch hast ang'fangt? Der Herr Kaplan will dir Stunden geben? Zu was denn? – Meßner willst werden? A sechtens Latein lernst? – Der Teufel soll dich holen, wenn du ganz unter die Kutten kriechst! Da is freilich mein Evangelium nix für dich. Meßner will er werden! Auch ein Beruf! Auch ein Ehrgeiz! Kerl! Erschlagen sollt man dich. Hat der Hanswurscht einen Baron zum Vater und laßt sich aus Gnade noch die schäbige Rente ausbezahlen, die der andere nimmer schuldig is! Was hätt' ich aus dem Baron gemacht! Ich hätt' gar nicht gefragt, was der Baron aus mir gemacht hätt'! –

A Hüaterbua, a Zeitungsbua, a Schuasterbua, a Meßner! Lauter schöne Berufe! Opfer deiner Solidität! pfüat di' Gott! Wir haben nix mehr gemein.«

Der Maxl ging wie in einem dumpfen Rausch heim. In all dem Wirrwarr ängstigte ihn am meisten, daß der Fritzl, der so eine grandios-furchtbare Lebensauffassung hatte, ihn geringer wertete, als er verdiente. Er war ja nicht 164 zu Wort gekommen! Und es war nicht ganz so, wie sich's der Fritzl einredete. Er war kein Pfaffenknecht, er war auf seine Art aufgeklärt. Hatte er denn nicht eine Leidenschaft fürs Theater, und trug er nicht jeden Pfennig in den Musentempel? Das konnte er nicht vorbringen – und das betrübte ihn so sehr. Es war ja ganz, wie wenn ihm der Fritzl den Laufpaß gegeben hätte! Gewiß kam er nie, nie wieder! –

Der Maxl irrte sich; ein paar Wochen darauf kam er wieder angetrippelt, und es fiel ihm gar nicht ein, ein Rad vor dem armseligen Maxl zu schlagen oder den Wüstling zu mimen, er kam sehr still, er kam sehr niedergeschlagen, gar nicht als zukünftiger Meister Kampelmacher, er kam als arme Seele, die erlöst sein wollte, die niemanden sonst weiß, der sie erlösen könnte. Diese Not! Sie wollte sofort geheiratet sein! Nichts wollte sie ihm vermachen und verschreiben vorher! Und er konnte sich nicht entschließen, jetzt wenigstens noch nicht.

»Halt sie doch ein bißl hin, Maxl, lenk sie ab, mach du ihr den Hof, streich mich raus, bring's dahin, daß sie mir was verschreibt, gleich! – ich kann mich net so schnell entschließen. Heiraten! I weiß gar net, was i noch alles vor meiner hab! Geh, mach du ihr an Bliemelblamel vor. – Was sagst? Du liebst sie trotz alledem? 165 – Um so besser!! – – du kannst net? Was? Du weigerst dich energisch? – Nein? – sagst du? – Mein Freund bist du gewesen! Also nicht einmal dieses Opfers bist du fähig! Und was hab ich für dich getan! Wie hab ich dich in der Höhe gehalten! Geh unter, geh zum Kuckuck, es ist aus mit uns zwoanen, denn du jagst mich ins Verderben.«

Die Kehle von wütendem Schluchzen gepreßt, ging er diesmal von dem alten Kameraden weg. Also weg ins Verderben, dachte der Maxl. Aber es kam nicht so schlimm, als er gemeint, im Gegenteil, der Fritzl bewährte sich als Glückspilz. Wie durch ein Wunder entkam er der drohenden Ehekatastrophe. Die dicke, allzuverliebte und allzu hartnäckig anhängliche Kuni und jetzige Meisterin, das zukünftige unbequeme Eheweib, stand eines Morgens nicht mehr auf. Aus war's mit ihr. Wie ihre Mutter war sie gestorben. Am Herzschlag sagte der Arzt, am Gefühl erstickt, behauptete mit dem verstorbenen Alten der Fritzl.

Und ein Testament war da, ein regelrechtes Testament, das ihn fast ganz allein zum Erben einsetzte, ihn, den »vielgeliebten, getreuen und angebeteten Bräutigam«.

»Bin ich ein Glückspilz! War sie eine noble Seele! Wie bin ich aus der Katastrophe so 166 schön herausgekommen, und was für ein Engel war sie, die Verstorbene! Das hätte ich dem Dicksack gar nicht zugetraut, der Herr hab sie selig,« jubilierte der Fritzl.

»Jeder ist seines Glückes Schmied, siehst du's jetzt ein, Maxl? Jetzt kauf ich das Geschäft, jetzt bin ich reeller Meister in allen Rechten, ganz unbeschnitten bin ich aus der Affäre hervorgegangen – das ist ein Segen, das ist eine Position! Was sagst denn du dazu, Maxl?«

Der Maxl sagte gar nichts, gerade war er vom Herrn Kaplan gekommen, und der hatte weidlich über die ganze Sache geschimpft und den Fritzl ein verkommenes Subjekt genannt. »Ja, das war halt die Moral des Herrn Kaplan, die des Fritzl war eben eine andere, und der ›Bismarch‹ hatte gewiß eine noch ganz andere,« so kalkulierte der Maxl und sagte das auch nach einigem Zögern.

Der Fritzl lächelte wohlwollend, das gefiel ihm.

»Schau, du hast Momente, wo du gewiß beachtenswerte Eigenschaften an den Tag legst, und ich widersprech dir nicht. Nur ganz kennst mich du net. Schau, wenn ich etwa zu früheren Zeiten geboren wär', etwas ganz Furchtbares wär' aus mir geworden, über lauter Leichen wär' ich weggeschritten.«

167 »Ueber eine bist ja schon,« sagte der Maxl leise und die Tränen traten ihm in die Augen, wenn er an die tote schöne Kuni dachte.

»Ach was!« machte energisch der Fritzl, »red koan Blech, jetzt geht ein rechtes Leben an, ›das Laster triumphiert‹, wie du siehst!« – –

Ja, jetzt ging ein Leben an, das er sich lange gewünscht, jetzt konnte er seinen Neigungen nachgehen, den Neigungen nach weiteren fetten Tauben, den Neigungen zu den schönen Künsten, vornehmlich zum Theater, wo er die Stücke bevorzugte, in denen »über Leichen weggeschritten« wurde, den Neigungen, seinen lieben Mitbürgern etwas auf den Kopf, zum mindesten aber in die Suppe zu spucken.

 

 

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