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Winkelquartett

Anna Croissant-Rust: Winkelquartett - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleWinkelquartett
authorAnna Croissant-Rust
year1908
firstpub1908
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
titleWinkelquartett
pages286
created20131105
sendergerd.bouillon@t-online.de
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An einem frühen Morgen trieb der hinkende Maxl eine Herde Schafe im Nebel des Oktobertages, durch den schon eine fröhliche Sonne blitzen wollte, zum alten Stadttor hinaus, an der Kräuterwiese vorbei zum Erzberg, an den Schlupfwinkeln vorüber, wo er mit dem Fritzl gespielt und gestritten hatte. Er schaute sich verstohlen und ängstlich rechts und links um, ob nicht der struppige Kopf des Freundes irgendwo auftauche, aber alles blieb ruhig, und der Maxl hinkte seine Bahn allein weiter und fühlte sich auf den öden Herbstwiesen so armselig und verlassen unter seiner Herde wie noch nie.

Tag für Tag trieb er jetzt die Schafe auf den Erzberg, und Tag für Tag schaute er nach dem Fritzl aus. In die Gewerbeschule war der Fritzl nicht gekommen, sonst wäre er schon lange dagewesen, den verunglückten Gymnasiasten zu höhnen. Er hatte es also auch nicht durchgesetzt!

Der Maxl konnte sich wenigstens rühmen, Widerstand geleistet zu haben und dem Handwerk 104 entgangen zu sein, denn das Hüten war doch gewiß kein Handwerk!

Prügel hatte es genug gesetzt, bis es endlich dem Vater Schuster einging, daß es eigentlich vernünftiger wäre, sich die paar Groschen Hüterlohn einhändigen zu lassen, wie einen unbrauchbaren Lehrjungen neben sich sitzen zu haben, der soundso viel verdarb, und über den man sich halb zu Tod ärgern mußte.

So setzte er denn seine sauertöpfische Miene auf und ließ den »Buam«, an dessen Existenz er sich »amal nicht gewöhnen konnte«, als Schafhirten ziehen.

Trübselig trieb der Maxl jeden Tag aus, trübselig saß er draußen auf den Nebelwiesen und in der blassen Oktobersonne und erwog bei sich, daß ihn sein Beruf doch nicht eigentlich befriedige.

Ja, es war nicht anders, der Fritzl ging ihm ab, ihre Gespräche gingen ihm ab, das Lesen und Disputieren, der höhere Zweck!

Er war eitel Freude, als eines Tages, wie von ungefähr, der Fritzl mit seinen dünnen, flinken und beweglichen Beinchen angetrippelt kam und ganz wie früher tat.

Nobel wie der Maxl war, ließ er natürlich kein Wort über die Gewerbeschule fallen und auch der Fritzl enthielt sich jeder Anspielung über 105 den neuen Beruf des Maxl. Nun lebten sie wieder fast wie in alten Tagen, ja als im Frühjahr der Maxl avancierte und auch die Kühe auf die Wiesen treiben durfte, half der Freund getreulich mit, ja er fand, es sei gar keine üble und durchaus keine entwürdigende Fortsetzung ihres früheren Lungerns und eigentlich ein ganz freiherrlicher und nachdenksamer Beruf.

»Viel bringt's ja net ein, und eigentlich halten dich deine Viecher zum Narren, von an Herrschen hast du keine Ahnung.«

Wirklich trieben die alten und jungen, weißen und schwarzen, braunen und gefleckten Kühlein Allotria mit ihm, und der arme Maxl, der traurig und versunken hinter seiner Herde dreinhinkte, wurde oft aus seiner Versunkenheit geweckt, wenn er weit draußen auf der Landstraße eine Kuh triumphierend muhen hörte, die mit sanftem aber konstantem Trab vorangeeilt war. Da hieß es laufen, denn stets trottete die Freiheitsdurstige weiter, und dabei gingen ihm die anderen rechts und links in die verbotenen Felder und Wiesen.

Der Schweiß rann ihm übers Gesicht, sobald er versuchte, der renitenten Kuh habhaft zu werden, die so stetig und sicher vor ihm hertrabte!

Wie glücklich war er, wenn dann auf einmal, wie aus dem Boden geschnellt, der Fritzl 106 auftauchte! Immer kam er zur rechten Zeit, natürlich spuckend, schimpfend und keifend. Wie konnte das einem Hirten passieren!

»So was merkt ma doch! So was siecht ma doch!« schrie er. Dabei rannte er aber schon, was ihn seine Beinchen trugen, und laufen konnte er, laufen wie der Teufel!

Die Kühe gaben ihm bald nach, kannten ihn und haßten ihn. Alle schauten ihn halb tückisch von der Seite an, brüllten empört und stellten den Schwanz kriegerisch in die Höhe, machten aber sofort Kehrt und trabten ordnungsgemäß zur Herde zurück, sowie er regierte. Das taten die Kühe, da war aber noch der Stier! Der machte eine ganz andere Schererei! und um den zurückzutreiben oder nur zu hauen, gehörte eine ganz andere Kurasche als bei den Kühen! Die Kurasche hatte ja der Fritzl, aber er taxierte dann auch seine Tätigkeit richtig; er forderte und bekam für das Einfangen des Stieres zwei Kreuzer, während er für eine Kuh nur einen halben Kreuzer nahm.

(Duppel sagte das Chlonnenchltrählche im Geschäftsverkehr.)

Umsonst tat er's nicht, das ging gegen seine Grundsätze, der Maxl bekam doch Salär!

Auch der Maxl fand das ganz in der Ordnung; hatte er manchmal gerade kein Geld da, so 107 blieb er schuldig, der Fritzl mahnte schon zur rechten Zeit: »An halben Kreuzer bist mir schuldig, zwoa Kreuzer krieg i noch« – deshalb gab es niemals Streit, und sie lebten einträchtiger und friedfertiger als früher.

Wenn nur nicht eines Tages der Fritzl ausgeblieben wäre! Prophezeit hatte er nichts dergleichen, da mußte ein Gewaltakt der Mutter Glocke vorliegen.

Jawohl, die hatte schon manche Stunde ihres beschaulichen Lebens sinniert: »Was laßt ma in Fritzl wern?« Und sie ging alle die mutmaßlichen Väter durch, deren einem nur im entferntesten zu gleichen, er noch immer denselben Widerstand entgegensetzte, und sie kam zu dem Resultat:

»Mit der Musi hat er's net, Musikant wie die Hennemusi kann er net werd'n, da hat er koan Scheni dazu, Kraft hat er wieder koane, gibt also koan Packträger, laßt ma ihn an Kampelmacher wer'n.«

Da der Fritzl während ihrer Meditationen um sie herum war, nahm sie ihn für alle Fälle gleich fest beim Kragen, und nun war er wohl oder übel dem Nachbar Kampelmacher ausgeliefert.

Er hätte sich gewiß nicht gesträubt, hätte er gewußt, daß er den Grundstein zu seinem 108 Namen, Kampelmacherfritzl, und vor allem zu seinem Glück legte, als er in die Hände des Gewölbenachbars Jean Resser überging.

Der Meister Kampelmacher mit pfiffigen Augen und raschen Händen hielt den kleinen, unbändigen Kerl gleich gehörig fest.

»Hm? Weiß schon. Kenn dich schon! A Filou san mir. Lernen mögen mir nix. Faulenzen und unsern Herrgotten 'n Tag abstehlen, gell? Kenn dich schon, Tröpfel elendigs! Mir kriegen dich schon!«

Von einem Entkommen war keine Rede. Wohnen, schlafen, essen, alles mußte der Fritzl beim Meister Resser. Wurde er ja einmal fortgeschickt und er war nicht auf die Minute da, so gab's gründlich Haue. Vernußte ihn der Meister nicht, so besorgten es die Gesellen, die das Amt gern übernahmen und mit Innigkeit ausfüllten. Im Anfang hatte er wie eine Wildkatze gekratzt und gebissen, und geschrien und geheult und »ham« verlangt, wie es jeder andere Bub auch getan hätte. Die häßliche und verhaßte Keuche erschien ihm auf einmal wie eine Heimat, er hatte richtiges Heimweh und weinte richtige Tränen, ganz wie andere »richtige« Kinder auch.

Er schrie sogar: »Zu meiner Mutter möcht' i!«, nur das unbändige Gelächter, das Meister 109 und Gesellen aufschlugen, die als Vevis Nachbarn die zarten Bande zwischen Mutter und Sohn genau kannten, schüchterten ihn ein, er wurde still.

Auf einmal war das Heimweh fort, ja es schlug ins Gegenteil um, er war gar nicht mehr zu bewegen, zur »Vevi« zu gehen. Er wurde rabiat, wenn man von ihr sprach, »Mutter Kloake« hieß er sie jetzt nach Meister Resser, und begegnete er ihr, so sah er entweder weg, oder, was für sie noch schlimmer war, ihr direkt ins Gesicht, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Mit meiner Herkunft hab' ich abgeschlossen,« sagte er einmal großartig zum Meister.

Er war auf einmal ganz für das Kammachergewerbe und ganz für den Meister Resser; das anständige Bett, das er nie vorher gekannt, behagte ihm, das anständige Essen schmeckte ihm, so was war nie an ihn gekommen, das Arbeiten machte ihm Spaß, er paßte auf, denn er hatte Respekt vor seinem Lehrherrn. So einer wollte er auch werden, womöglich noch vollkommener. Was der sich verdient hatte, was der gesehen hatte, und was der alles wußte!

Fritzl wurde ehrgeizig, er strebte fieberhaft voran, ganz wie wenn er schon in einem Jahr ausrücken wollte, Frankreich zu, wie es der Meister vor Jahren getan. Der war auch so ein 110 armer Tropf gewesen wie er, schlau, profitlich, voller Streben.

So manchen Abend saß der Fritzl mit offenem Maul da, durch die große schmale Vogelnase hastig und geräuschvoll atmend, und verschluckte förmlich alles, Wahrheit und Dichtung, was der stoppelhaarige alte Pfiffikus zum Besten gab.

Er liebte es, seinen Vortrag mit französischen Brocken zu würzen, weil er merkte, wie sehr er dadurch bei dem kleinen Lehrling stieg. Er nannte ihn auch nie anders wie Frédéric und, wenn er gut gelaunt war, Frédéric le petit.

»Weißt Frédéric le grand kannst nicht werden, aber als Frédéric le petit mußt du dich in die Höh machen, verstanden Bürschl? Du hast die Nasen und die Augen und das Mundwerk dazu. Vom ehrsamen Handwerk allein ernährst du dich nicht, so mein ich wenigstens. Du nährst dich vom Publikum, später verstehst du das schon!«

Natürlich verstand der Fritzl nicht alles; aber daß ihm der Meister Kampelmacher quasi eine Ausnahmestellung unter der Menschheit zuwies, glaubte er herauszumerken, und ohne allzusehr geschmeichelt zu sein, betrachtete er die Sache als beinahe selbstverständlich.

111 Hatte er denn nicht so oder wenigstens ähnlich von sich gedacht? War er denn nicht seinen Schulkameraden, auch dem Maxl, überlegen gewesen, und hatte er diesen nicht oft mit seinen Ideen geängstigt, und war das nicht gerade seine Freude gewesen? Und fürchtete sich das alte schwammige Höckerweib, die Mutter Kloake, nicht jetzt schon vor ihm? Es sah so aus.

Auch die Sonntagsschüler fürchteten ihn, waren sie groß oder klein, arm oder reich, alle steckten sie's ein, wenn er ihnen übers Maul fuhr.

Fritzls Augen funkelten, wenn der Meister von dem Geld erzählte, das er draußen verdient hatte. Auch die Weiber kamen aufs Tapet, wenn die Stunde weit genug vorgeschritten war, und er genug getrunken hatte. Zwar waren die Geschichten nicht für Frédéric le petit berechnet, er kapierte sie auch nicht, aber er fühlte dumpf, daß »solche Sachen« notwendig dazu gehörten, ja daß sie einen wichtigen Faktor bildeten, und er sagte andächtig und wichtig dem Meister nach: »Ja, die Weiber! die Weiber!«

»Ich meine, allzuviel werden sie dich nicht plagen, Frédéric, du bist gerad kein Zuckerstangerl, aber man weiß es nicht, sie sind unergründlich.«

»Sie sind unergründlich,« echote der Fritzl.

Der Meister schmunzelte nicht einmal, so viel 112 Verständnis für den Humor der Situation hatte er.

Er ließ nur in einer Anwandlung von Anerkennungsdrang den Kleinen trinken, der da saß, die Nase in der Luft, die ruchlosen Augen auf ihn geheftet, wie wenn seine Seligkeit davon abhinge, daß ihm nichts, aber auch gar nichts entginge.

Der Meister Kampelmacher Jean Resser hatte ein Kehlkopfleiden und mußte deshalb den Rauch und Dunst der Wirtshäuser meiden. Es entging ihm dadurch recht viel Gelegenheit, sich auszuleben, d. h. sich überlegen zu zeigen, andere seinen Spott fühlen zu lassen, er mußte sich viel zu viel verkneifen, er, den alles gleich juckte.

Der Laden ja, das war so ein kleines Ventil, wo er seine Bosheiten ausströmen lassen konnte, zufällige Begegnungen, auch mit braven Bürgern der Stadt, am meisten aber brachten ihm die Besuche bei dem alten Mahn Auffrischung, wo ihre Unterhaltungen oft Wortduellen glichen.

Jetzt war als gute Ablenkung noch der Fritzl da, der ihn nicht nur zu Bosheiten anregte und ihn erheiterte, sondern ihn sogar nachdenklich machen konnte.

Die kameradschaftliche Leutseligkeit dem Lehrbuben gegenüber gab es freilich nur am Abend, am Tag zog der Meister andere Saiten 113 auf, da hieß es stramm arbeiten und stramm aufpassen, nichts ließ ihm der Alte durchgehen.

»Ordnung und Zucht muß jetzt noch für dich sein,« sagte er, »ausschweifend kannst du später werden und das wirst, ich seh dir's an der Nasen an.«

Das war ein Tadel und doch wieder eine Auszeichnung, wie es der Fritzl verstand. Zu den Gesellen sagte der Meister nie dergleichen, auch nicht zu seiner einzigen Tochter, der dicken Kuni, nein zu der erst recht nicht. Träge, halb verschlafen, gutmütig, beschränkt war sie, den Eigensinn ausgenommen, ganz das Gegenteil des Vaters, und stets ratlos und verlegen ihm gegenüber. Sie wußte ihn gar nicht zu nehmen, und je älter er wurde, desto schlimmer wurde es.

Wenn er nur nicht immer die verstorbene Mutter geschmäht hätte!

»Grad so fett und schläfrig und dumm wirst, wie deine Mutter,« sagte er.

»Aber sag doch so was nicht von der Toten,« protestierte die dicke Kuni.

»Daß ich's von dir sag, regt dich nicht weiter auf? Gelt? – Und soll dein Mutter anders sein, jetzt auf einmal, weil sie tot ist? Du glaubst es gewiß nicht, daß sie mich halb hingemacht hat vor lauter Gutmütigkeit? Was versteht denn so eine Kuh davon!«

114 Der Vater Resser hatte sehr spät geheiratet und war als verheirateter Mann – natürlich mit dem Gelde der Frau – noch einmal ins Ausland gegangen und hatte längere Reisen gemacht, von denen die Kuni nichts wußte. Sie war damals zu klein gewesen, und die Mutter war bald darauf gestorben, am Herzschlag.

»Am Gemüt erstickt,« sagte der alte Kampelmacher, und seiner dicken Tochter prophezeite er oft: »Du erstickst auch noch einmal am Gemüt, genau wie deine Mutter.«

An dieses Gemüt wendete sich der Fritzl sehr bald mit ganz richtigem Instinkt. Aus seiner Tiefe schöpfte er Dampfnudeln, die landesüblichen Kartoffelknödel, große Stücke Butterbrotes und manches langsame, aber gute Wort, das ihm, als er noch nach der Obstlerkeuche heulte, besonders gut tat.

Im Heimlichgeben war die Kuni raffiniert und ebenso der Fritzl im Heimlichempfangen, so merkten weder die Köchin noch der Meister etwas von dem Bunde der zwei.

Der Fritzl bewies seine Dankbarkeit dadurch, daß er sofort den schwachen Punkt der schönen Kuni heraußen hatte und ihn unterstützte, indem er ihre prächtigen Kleider bewunderte, etwas von Verehrern verlauten ließ, ja sogar sich erbot, kleine Briefe und Zettelchen hin und her zu 115 besorgen. Nichts vermehrte die süßen und reichen Gaben mehr, als solches Tun. Nur wenn der Gegenstand der Liebe der schönen Kuni einmal eine Gewerbschachtel war, tat er's mit Widerstreben. Gewerbeschüler und Feiertagsschüler haßten und bekriegten sich; dann hatte er noch seinen Privathaß, weil es ihm vorbeigelungen war, selbst Gewerbschachtel zu werden.

Diese kleinen Gänge im Dienst der Liebe waren Vorstudien Fritzls für die Liebe selbst, und so komisch ihm die Sechzehnjährige dünkte, die sich trotz der heftigsten Verliebtheit nicht vom Fleck rührte, sondern nur von der über dem Gewölbe liegenden Wohnung, angetan mit ihren Prunkgewändern, steif und starr auf die Straße stierte, so sehr spitzte er die Ohren und war auf alles aufmerksam. Eine instinktive Scheu gegen das träge und zugleich begehrliche Wesen der Kuni war in ihm, und doch tat er ihr heimlich allen Willen. Wäre er nicht ein so lockerer Vogel gewesen, hätte er, wenn das bei ihm überhaupt möglich gewesen wäre, über sein Tun dem Meister gegenüber Gewissensbisse empfinden müssen.

An Sonntagen, wenn der Meister spazieren ging oder den alten Mahn aufsuchte, für den er eine stets wachsende Vorliebe bekam, mußte der Fritzl gewöhnlich einen der liebenden Jünglinge aufgabeln, mit heimbringen und Wache vor dem 116 großen Haustor stehen, hinter dem sich die zwei küßten.

Es war sonntäglich still in der Straße, alle Läden sahen tot aus mit ihren geschlossenen Türen, nur der Obststand seiner Frau Mama, auf den er gerade hinsehen konnte, brachte Leben in den öden Sonntag. Er schaute aus Langeweile interessiert hinüber, wer kaufte; hinter sich hörte er nichts wie gedämpftes Wispern und ein paar schnalzende Laute. Manchmal – er ahnte es – nahm die Kuni einen der Jünglinge mit in die Wohnung; der Meister durfte davon natürlich nichts wissen, es lag auch keine Notwendigkeit vor, es ihn wissen zu lassen. Ihm trug es nur Gutes von Seiten der Kuni ein, von Seiten des alten Kampelmachers hätte es ihm nur Böses eingetragen.

Erzählte er solche Dinge dem Maxl, so entrüstete sich dieser Biederknabe darüber. Er war mittlerweile auch gereift und bezeichnete Fritzls Gebaren als unehrenhaft, worüber sich Frédéric le petit halb bucklig lachen wollte.

»A räudiger Philister bist, a Burschowa!«

Diese beiden Worte waren überhaupt seine Leibworte, von Meister Jean Resser geborgt.

Außerdem noch einige, die er von Zeit zu Zeit dem Maxl an den Kopf warf.

»Angstmeier, Pfennigseele, 117 Dütengroßhändler, Stubengesichtskreisler, Städterlpapper, Haferlgucker«, alles Kosenamen, von dem alten Kampelmacher für seine geliebten Mitbürger erfunden.

Nur setzte der Fritzl zum Schluß stets hinzu: »Du bringst es nie weiter als zum Viehhüter.«

Die innigen Bande ihrer Freundschaft entwickelten sich überhaupt etwas auseinander.

Seit der Fritzl, Frédéric le petit, ehrgeizig und dünkelhaft geworden und so viel Weisheit schöpfte und verzapfte, – Weisheit gar nicht nach Maxls Geschmack – zollte er, der Maxl, dem anderen nicht die Bewunderung, die der heischen konnte und durfte, ja Fritzl sagte, daß er ihn geradezu hemme mit seinem Nörgeln und seinem Unverständnis; das machte ihn kühl und wild zugleich.

»Was bist du nachher worden mit deiner Bravheit?« höhnte er den Maxl.

»Bist auch net in d' G'werbschul kommen,« replizierte prompt der Maxl, der sich krümmte wie ein Wurm, der getreten wird.

»Was soll denn aus dir werden, was für eine Aussicht hast denn du?« setzte der Fritzl in doppeltem Hohn das für ihre Zukunft so wichtige Gespräch fort. »Willst warten, bis d' schöner wirst und die Equipasch (er sagte nicht mehr Eklibasch wie früher!) kommt und den jungen 118 Herrn Baron mitnimmt? Hüt du nur deine Küh und lern's schön, daß sie dir net davonlaufen! Na, na, na! Is das a Mensch! Hast denn kein Streben? Hast kein Lebensziel? ›Aufi mußt,‹ sagt der Meister, parterre kannst noch immer.«

Er tat genau, wie wenn er der Meister und Maxl Frédéric le petit wäre.

Es reizte den Fritzl geradezu, alles, was er Schändliches wußte, was er hörte und dachte, was er anstellte, auch alle Heimlichkeiten mit der Kuni, dem Maxl in möglichst abstoßender und grotesker Form aufzutischen, damit sich jener entsetze.

»Ausschweifend muß einer werden, sagt der Meister, aber nur die Leute, denen man's an der Nase ansieht, sollen sich das wohl merken; und mir sieht man's an der Nase an.«

Was? – – was war das? Der Maxl zitterte vor Aufregung.

»Der Baron ist ausschweifend g'wesen, sagt die Mutter, sonst wär' ich net auf der Welt. Fritzl, i bitt' dich, gib dir Müh und bet, daß du nicht ausschweifend wirst!«

»Damit keine hinkenden Maxln auf die Welt kommen? Ausgezeichnet!«

Der ruchlose kleine schwarze Kerl lachte, daß es ihn nur so schüttelte.

119 »Merkst es, was ich jetzt war?« fragte er den verblüfften Kameraden. »Jetzer war ich frivol. So sagen die Franzosen, daß d' es weißt. Der Meister sagt, mir Deutschen sind nie nicht geeignet zu so was, aber ich werd' dafür sorgen.«

Der Herr Dechet sagt –« meinte schüchtern der Maxl, der gerade in einem sehr frommen Stadium und in Verbindung mit dem hohen Klerus war, weil er hie und da ein paar geflickte Schuhe im »Dechethof« abzugeben hatte.

»Mit 'm Dechet wenn d' mir net gehst,« machte der Fritzl und schnaubte vor Ueberlegenheit, »wie kann denn ein aufgeklärter Mensch mit der Meinung vom Decheten sich abgeb'n? Da mußt andere Leut' hören!«

Dabei blinzelte er nach dem Maxl hin, ob der auch seinen Geist zu würdigen wußte. Ja, er machte Fortschritte, er erweiterte seinen Gesichtskreis, er war ein Freigeist, für was war er denn auch beim Meister Jean Resser?

Der Maxl schaute stumm und traurig zu Boden. Wenn der Fritzl so redete, wie konnten sie sich je wieder verstehen, wie konnten sie je wieder zusammenkommen? –

Aber sie kamen immer wieder zusammen. Der Maxl suchte den Fritzl aus unwiderstehlichem 120 Drang, und der Fritzl begönnerte und begünstigte diesen seinen Drang. Nicht umsonst war der Maxl jetzt vom Viehtreiber zum Zeitungsjungen empor gestiegen und hatte auch noch das Amt eines Laufburschen und Austrägers für den Vater Schuster übernommen. Seine Tätigkeit setzte sich in Klingendes um und sofort steigerten sich auch die wärmeren Beziehungen zwischen den Freunden. Der Maxl hatte manchmal einen halben Monatslohn in der Tasche, was sollte denn der damit anfangen? Konnte der hinkende Maxl überhaupt seine Gelder vernünftig oder genußreich verwerten?

Dazu war er nicht geschaffen, wahrhaftig nicht!

Der hätte ja vor einem Goldstück gezittert aus lauter Ratlosigkeit! Er hätte Angst davor gehabt. Der Fritzl hatte oft die Vision des heulenden und konsternierten Maxls, der sich vor seinen eigenen Goldstücken fürchtet.

»Muß man abhelfen,« sagte er sich, und er half ab.

Er durfte nur sagen: »Siehgst Maxl, das Buch wär zu meiner Bildung ausnehmend nötig, wenn ich mir nur das kaufen könnt,« gleich fuhr der Maxl in seine klebrige Tasche und brachte auch den letzten Pfennig zum Vorschein. Nie fragte er, ›was kostet das Buch?‹, nie verlangte er es zu sehen. Oh, er war eine noble 121 Natur, ohne jede Frage, davon war der Fritzl überzeugt, nur konnten ihm derartige Eigenschaften keine Bewunderung abnötigen, im Gegenteil. Stets steckte er das Geld wie einen schuldigen Tribut ein, und seine einzige Sorge blieb, ihre Beziehungen so zu erhalten, daß sie von Maxls Seite aus Grauen und Bewunderung gemischt waren, denn das war am lukrativsten. Aber auch die Gemütsseite zog er in Betracht und ließ von Zeit zu Zeit fallen:

»Wart nur Maxl, bis i Meister bin!«

Und der gute Maxl gab freudestrahlend; er brauchte doch nichts, und der Fritzl hatte die Anlagen, die Bedürfnisse, die Gelüste nach allerhand.

Seit er die Mutter Glocke, oder wie es dem Meister gefiel sie jetzt zu nennen »Jungfer Kloacke«, frech ignorierte und keinen Fuß mehr in ihr Gewölbe, die geheiligte Stätte seiner Geburt, setzte, auf ihre Anrufe und ihre Schimpfereien nicht antwortete, fiel es ihr nicht ein, auch nur einen Pfennig für ihn auszugeben oder sich um ihn zu kümmern, das mochte der Nachbar Kampelmacher tun. Und der tat es wirklich, weil er seinen Spaß an dem Galgenvogel hatte.

»Werd wohl sein Vater sein,« sagte sich Jungfer Kloacke und fühlte sich aller Mutterpflichten freudigst entbunden.

122 Wäre der Meister nicht eingesprungen, hätte das ehemalige Dagerl aus der Obstlerkeuche buchstäblich in Fetzen umhergehen müssen. So machte sich alles herrlich. Vom Meister bekam er die Kleidung, lernte das Handwerk und die Weltweisheit, von der Kuni wurden ihm die Leckerbissen zugesteckt und durch sie bekam er den ersten Vorgeschmack des Weibes, eine gewisse Präparation zur Liebe, das Geld für Allotria lieferte der Maxl, was hätte ihm fehlen sollen? –

Hie und da empfand er eine Art von Gewissensbissen der Elendigkeit und kargen Armseligkeit des hinkenden Maxl gegenüber. Er beschwichtigte sich aber leicht wieder.

»Für die besseren Menschen sind die geringeren als Futter da,« sagte er dann etwa direkt darauf zum Maxl.

Davon war der Maxl tief innerlichst überzeugt. Er fühlte sich als Futter und doch schmerzte ihn die Auffassung des Freundes mehr als dieser ahnte.

Auch die Abstammung, sagte der Meister Jean – Je–an sprach Maxl aus – könnte nichts daran ändern.

Freilich, er bewunderte gerade diese Art Größe an Fritzl, er wäre auch gern so gewesen, mit süßem Grauen dachte er daran.

Eigentlich phantasierte er viel mehr in den 123 großartigen Kampelmacherslehrling hinein, als in ihm war, denn im Grunde war er der Wissendere, der Fritzl tat nur so, er war naiv verdorben. Der Maxl dagegen bemerkte dies und das bei den Kunden, hörte viel, was nicht für seine Ohren bestimmt war, wenn er in den Küchen oder in den Korridoren saß und auf sein »Abonnemahns-Geld« wartete, zuviel zu Hause, wo alles vor ihm verhandelt wurde, (»Is ner der Maxl da,« hieß es) wo die Geschwister nicht bloß vor seinen Augen auf die Welt kamen, sondern wo er Vater und Mutter nächtlicherweile mit wildklopfendem Herzen, erfüllt von dem Bewußtsein, eine Todsünde zu begehen, belauschte und gar bald den Zusammenhang erriet zwischen seinen schlaflosen Stunden, in denen er von wüsten Vorstellungen und dem heißen Gefühl der Sünde gepeinigt ward, und dem Erscheinen eines kleinen Schusterleins.

Er grübelte viel über solche Vorkommnisse, nicht ohne sich in Reue und Furcht zu zerquälen, daß er sich dieser häßlichen und großen Sünde hingab, die ihn wieder und wieder lockte, so verabscheuenswert sie ihm auch erschien.

Aus einem ähnlichen Grunde lockte ihn auch die – freilich nur scheinbare – große Verruchtheit Fritzls, den er für durchaus wissend und verderbt hielt. Oft drängten sich ihm Fragen, Geständnisse auf die Lippen, aber zu feig, und auch 124 wieder zu keusch wartete er lieber darauf, daß Fritzl einmal seine ganze Beichte vor ihm ausschütten würde. Außerdem band ihn an den Fritzl die gemeinsam verlebte Jugend, er verkörperte ihm das Schönste, was er erlebt, sein Streben aus dem Alltag, seinen Drang nach Höherem, die Hoffnung auf eine lichtere Zukunft; zudem: war denn nicht der Fritzl in seinen Augen trotz allem derjenige, der ihn mit in die Höhe reißen konnte, der es versprach und ihn vertröstete?

Mochte er ihm auch manchmal wie der leibhaftige Gottseibeiuns erschienen: wenn er wieder zu ihm sprach wie früher, wenn er von ihren Plänen redete und gut zu ihm war, vergaß er alles und war glücklich, selig wie ein Kind.

Alles hätte er in solchen Augenblicken für ihn opfern, alles hingeben können im Ueberschwang des Gefühles, selbst sein Leben, wenn es der Freund verlangt hätte.

Welcher Schlag für den Armen, Einsamen, als er eines Tages erfuhr, der Fritzl sei fort, ganz fort, hinaus in die Fremde! Das hatte er tun können? Er hatte fortgehen können, ohne ein Wort des Abschieds, ohne einen Händedruck für den alten Kameraden?

Der Maxl hatte wohl gewußt, daß die Lehrzeit bald zu Ende sein würde, – aber daß er so 125 kalten Herzens sich von ihm wenden konnte, der seine Freund, der ihm bis zuletzt seine sauer verdienten Gröschlein aus der Tasche gezerrt, nein, es wäre ihm doch ein Frevel erschienen, so schlecht von ihm zu denken! Nur einen Augenblick kam's wie eine Erleuchtung über ihn, einen Augenblick nur sah er blitzartig den kleinen schwarzen Teufel vor sich, dann verging die Vision wieder und der schmerzlich bewegte, elegische, müde und enttäuschte Maxl blieb. Er war wie vor den Kopf geschlagen, betäubt, geknickt, hilflos, ohne Halt. Was sollte er denn nun mit sich und seiner Zukunft anfangen, nun der Starke, der Ueberlegene, der Herr seines Schicksals gegangen war?

Nun war alles aus, nun war alles gleich. Er war weich wie Butter in gewärmter Pfanne, man konnte ihn zu allem haben. Der Vater, Pseudovater Schuster, der nun auch gern eine oder mehrere Viertelstunden feierte und sein Gläslein Schnaps gern in Ruhe trank, brachte ihn ohne viele Ueberredung dazu, sich auf den Schusterstuhl zu setzen und einen Schuh regelrecht zwischen die Kniee zu nehmen. Von nun an war der Maxl willfährig, roch nach Leder, Pech und Wichse, entsagte den Idealen und allem kühnen Streben und trauerte nur in der Stille seiner Kammer, dort aber mit Nachdruck.

 

 

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