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Winkelquartett

Anna Croissant-Rust: Winkelquartett - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleWinkelquartett
authorAnna Croissant-Rust
year1908
firstpub1908
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
titleWinkelquartett
pages286
created20131105
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wer heutzutage in die alte Stadt kommt, von der ich reden will, und vor das schöne gotische Rathaus unter den mächtigen Linden, wird vergebens nach den Gewölben ausschauen, die in dieser Geschichte immerhin eine gewisse Rolle spielen. Eine Rolle, weil in einem dieser Gewölbe der Held Kampelmacherfritzl das Licht der Welt erblickt hat, eigentlich fast gegen den Willen und die Absicht der Mutter, und dann weil er einen Teil seiner Jugend dort verlebt, im zweiten weiteren Gewölbe seine Lehrzeit durchgemacht, und im dritten seine Tätigkeit als Meister ausgeübt hat.

Auch das schmale engbrüstige Haus, in dem die Mahn Rosine geboren und erzogen worden ist, und in dem ihr Vater das ehrsame und nährende Gewerbe eines Tändlers und heimlichen Ferkelstechers betrieb, wird wohl nicht mehr in der Girgngaß stehen, die jetzt als Georgenstraße die »Avenue« der Stadt geworden ist und vom Marktplatz an mit stattlichen Zinskästen prangt.

6 Nur das einstöckige Haus mit seinem späteren Aufbau, windschief nun und förmlich in sich zusammengesunken, wird man noch finden können, das Vater- oder besser das Mutterhaus des hinkenden Maxl, das heute noch in der Paradeisgasse stehen muß.

Es ist richtiger zu sagen das Mutterhaus, denn dem eigentlichen Vater des hinkenden Maxl war gewiß die berüchtigte Paradeisgaß, in der nur kleines und kleinstes Volk lebte, und die ihren Namen wie zum Hohn trug, kaum bekannt, bis zu dem Augenblick, wo er den hinkenden Maxl, seinen leiblichen Sohn, in einer besonderen Mission aufsuchte.

Wenn dieser Vater, der Baron, einmal zur Stadt kam, so geschah das im eleganten Landauer, und sein Wagen mit dem Wappen hielt gewöhnlich nur vor der Behausung anderer Adeliger, vor der der »Spitzen der Behörden« oder vor dem Kasino des kleinen Städtchens, wo der einzige Kellner Hans, der Stolz und das Kleinod des Traiteurs, in fieberhafte Aufregung geriet, sobald er nur einen Schein der sandfarbenen Livrée des Kutschers des Baron von Lohberg erblickte, denn es gehörte wahrhaftiger Gott mehr dazu wie nur Servietten schwenken, um diesen verwöhnten Krautjunker zu befriedigen!

Gewiß war der Baron nie in die 7 Paradeisgasse gekommen, bis zu der Stunde, da er den hinkenden Maxl im vollen Sinne des Wortes in Augenschein nahm, was in der besagten Gasse eine ungeheure Aufregung verursachte und auch für diese Geschichte nicht ohne Folgen bleiben wird.

Die Paradeisgässer waren als sehr neugierig, schlagfertig und spottsüchtig verschrieen und nicht umsonst ging der Vers.

»Wer durch die Langgaß geht ohne Kind,
Hinter Sankt Martin ohne Wind,
Durch die Paradeisgaß ohne Spott,
Der hat a Gnad von Gott.«

Davon, d. h. vom Spott, konnte der hinkende Maxl mit seinem langen und traurigen Pferdskopf ein Liedlein singen! Doch nicht von ihm soll jetzt erzählt werden, obwohl er vielleicht durch den baronlichen Vater mit dem schönen Coupé schon einiges Interesse erweckt hat. Der hinkende Maxl kann warten, er ist ja das Zurückstehen von Profession gewohnt, er ist geboren zurückzustehen.

Eigentlich hätte jetzt wohl die holde Weiblichkeit des Kleeblattes zu erscheinen, vor allem die Mahn Rosine; doch da die schönen alten Gewölbe schon den Anfang machten, soll die Rosine mit dem schwarzen Haar und einigen markanten Abzeichen ihrer Rasse in der Mitte liegen 8 bleiben und der Kampelmacherfritzl zuerst aufmarschieren, der sowieso in seinem ganzen Leben nichts hat erwarten können, was er schon bei seiner Geburt bewies, denn er kam ganze acht Wochen zu früh, war also ein Siebenmonatkind.

Damals war er freilich nicht der Kampelmacherfritzl, sondern der uneheliche Sohn der Genoveva Glocke, Obstlerin, die bei seiner Geburt schon ziemlich in den Jahren war, weshalb sie warmherzige und liebenswürdige Leute von da ab Mutter Glocke oder schlichtweg Glockin nannten.

Daß das Folgende gleich von zwei außerehelich geborenen Subjekten zu handeln haben wird (siehe den hinkenden Maxl!), ist gewiß sehr fatal, aber erstens ist an den Tatsachen nichts mehr zu ändern und zweitens wird hoffentlich durch die Mahn Rosine, die so ehelich geboren ist, wie nur irgend einer, alles wieder gut gemacht. Auch gereicht es sicher zur allgemeinen Genugtuung, daß sich der Fritzl, zwar nicht infolge seiner illegitimen Geburt, doch wohl infolge seiner schlimmen Anlagen durchaus nicht als tadelloser Bürger, als kein einwandsfreies Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft auswuchs, und nicht die gewünschten friedlichen und staatserhaltenden Eigenschaften aufwies, die von ihm hätten gefordert werden können, so daß mit 9 vollem Recht sehr bald und auch später in der Nachbarschaft eine gewisse grimmige Befriedigung über ihn herrschte, ganz in Uebereinstimmung mit der guten, d. h. besseren Bevölkerung des Städtchens, die von Uranfang an prophetisch gesagt hatte: »Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme.«

Vorderhand, oder bis jetzt ist aber der kleine, sehr kleine Fritzl, erst andeutungsweise geboren, und noch immer ist wohl die Mutter Genoveva Glocke, leider keine »Geborene«, erwähnt, aber kein Wort vom Vater gesagt. »Ja eben, ja eben,« oder, wie Genoveva Glocke sagte, »ja ehm, ja ehm,« da stak der Haken. Ein Wunder war es, ein »völliges« Wunder, daß der Fritzl nicht auf öffentlichem Marktplatz unter den Lindenbäumen zur Welt kam, oder wem es widerstrebt, das Wunder zu nennen, ein reiner Zufall.

Der dicken Obstlerin Genoveva Glocke (noch Vevi, nicht Mutter Glocke genannt), war die Geschichte nach zwanzigjähriger Pause, während der sie vor sich selber und vor den anderen quasi wieder zur Jungfrau geworden war, eine heillose Ueberraschung. Sie konnte und konnte nicht daran glauben.

Grübelnd und kopfschüttelnd saß sie Tag für Tag unter dem doppelten Schutz ihres großen grauen Leinenschirmes und des mächtigen Daches der Linden, war ein bißchen konfus und schämte 10 sich ein bißchen. Als sie zweiundzwanzig alt war, frisch und blühend, hatte sie sich freilich noch mehr geschämt, obwohl sie den Vater des kleinen Mädchens genau anzugeben wußte, was diesmal ganz und gar nicht der Fall war. Jetzt war sie zweiundvierzig, dick, verfettet, mit Säcken unter den Augen und einem fast unheimlichen Umfang. Kein Mensch dachte daran oder sah ihr an, daß sie bald dem kleinen Erzspitzbuben, dem späteren Kampelmacherfritzl, das Leben geben sollte.

Sie selbst wollte die Affäre auch vor sich nicht wahr haben, darum blieb sie fest auf ihrem Höckerinnenstuhl sitzen bis zur letzten Minute. Ein Glück, daß das Gewölbe, Salon, Wohn- und Schlafgemach der Dame Glocke, sowie Obstvorratskammer, in der allernächsten Nähe war, sie hätte sonst keinen sicheren Port mehr erreicht, kaum daß sie noch die paar Stufen hinunter kam.

Dies Geschrei und Gelächter unter den andern Höckerweibern! Dies Raten und Disputieren, diese Garde vor dem Gewölbe, als die Hebamme angerückt kam! Und erst als der Vater sollte ins Taufregister eingetragen werden! Die Vevi Glocke heulte drinnen. Wenn sie sich doch die ganze Zeit schon besonnen hatte, wenn das doch ihr größter Kummer war! Was lag ihr an dem armseligen Kinde! Am Vater lag ihr und auf den konnte sie nicht kommen! Es 11 verwirrte sie erst recht, daß man beständig in sie drang: »Ja, einen Vater muß er doch haben?!«

Gewiß, recht, aber welchen?

»Es mag sein, es ist die Hennemusi, oder der lange Packträger am Markt vorne, den Namen woaß i net, oder an anderer, oder der Nachbar Kampelmacher, na, der is es net, i mag niemanden unrecht verdächtigen, schreibt's halt niemanden ein und wart's bis er größer werd, wem er gleich siecht.«

»Bis jetzt siecht er überhaupt net amal an Kind gleich,« spöttelte Madame Hähnlein, die Amme, der es gar nicht paßte, den winzig kleinen roten Wurm zur Schau zu tragen. Mit dem kriegte man ja überall das Gespött! Nicht einmal den dritten Teil des Taufkissens füllte er aus, und ihre sämtlichen Taufhäubchen fielen ihm bis zur Nase über das verrunzelte Faltengesicht, das vorderhand noch wie das eines greinenden boshaften Aeffleins aus den Kissen sah.

Den Paten machte, nachdem der lange Packträger, den die Amme perfiderweise zitieren wollte, ausgerissen war, irgend einer, den sie im Vorbeigehen aufgabelte. So kam der Fritzl sogar um ein Patengeschenk, was ihn in späteren Jahren noch giftete, und weswegen er die Madame Hähnlein, die ihm zum Eintritt in die Welt verholfen hatte, nicht leiden konnte.

12 Mutter Glocke war es vorderhand nur darum zu tun, ihren Beruf, der unterhaltlich, beschaulich, wenn auch nicht aufregend einträglich war, sobald als möglich wieder ausüben zu können.

Am fünften Tage nach der schleunigen Geburt Fritzls saß sie schon wieder, genau anzusehen wie vorher auch, unter dem grauen Schirm, und über ihr tanzten die Sonnenflecken, wenn der Wind die breitästigen Linden oben bewegte.

Es war sommerlich warm und erschien ihr angenehm, so mitten auf dem Marktplatz, mitten im Leben der kleinen Stadt zu sitzen, ein wenig scheu zwar, aber mit dem Gefühl, etwas interessanter geworden zu sein.

Später aber, als die Bäume anfingen die Blätter herabzusäen, als sich manchmal ein gemessener Tanz bunten Herbstlaubes, von der Allee hereingewirbelt, um ihren Stand erhob, und die Leute laut schimpften, daß die kleine, armselige, alleingelassene Kreatur im Gewölbe schrie, daß ihre Lunge fast zerplatzte, fand Mutter Glocke, daß das Wandeln zwischen Stand und Gewölbe für ihre stets zunehmende Körperfülle zu beschwerlich sei. So faßte sie den Entschluß, einen Strich unter die Idylle ihres Höckerinnendaseins zu machen, und – als Zeichen der endgültig entschwundenen Jugend – von nun an 13 in Züchten und Ehren ihre Aepfel und Birnen, ihre Zitronen und Hutzeln, ihr Johannis- und Kletzenbrot, die ersten und letzten Kirschen und »Zweschben« vor ihrem Heim, dem Gewölbe, auszubreiten.

Da konnte sie – und sie fand ihr Tun bald sehr löblich – wenn draußen der Wind rumorte, oder gar schon Schnee fiel, unangefochten von Kälte und Sturm im Gewölbe sitzen, das sie sonst nur zur ganz strengen Winterszeit bezogen hatte.

Ganz so »unterhaltlich« wie auf dem Marktplatz war's nicht, aber doch recht vergnüglich, durch die Glastür zu erspähen, wer da vorbeiging oder sich drüben in der Löwenapotheke oder in dem großen »Spezlereiladen« etwas holte. Als Mißstand empfand sie freilich, daß sie mit anhören mußte, wie bunt es der kleine Balg nebenan trieb.

Eine Lunge hatte der Zwerg! Die stand in gar keinem Verhältnis zu dem Brüstchen und Körperchen, das man immer erst in den Bettstücken suchen mußte. Zwei Stufen höher als das tiefgelegene Gewölbe lag nämlich das »Kabinettl«, Schlafgemach der Dame Vevi, vor kurzem Ort des »accouchement's«, jetzt Kinderzimmer, dabei Küche, Garderobe und im grimmen Winter auch Empfangszimmer für 14 etwaige Besuche. Es hatte die Länge des Gewölbes, war aber so schmal, daß Mama Vevi nur mit Mühe die gewichtigen Teile ihres Körpers zwischen Bett und Kommode durchzuzwängen vermochte.

Nun stand außer der alten Kommode, dem alten Schrank, einem alten Holzkoffer und anderem alten Gerümpel noch der Korb mit dem neuen Jungen darin, und Mutter Glocke begab sich nicht gern unnötig in die Enge und Wirrnis des Kabinettls. Die Mauern waren dick und die Türe hielt sie geschlossen, das Schreien des stets lauten Knäbleins mußte schon mörderisch werden, ehe sie ans Aufstehen dachte.

Jetzt, da sie den Weg von ihrer Behausung zum Stand nicht ein paarmal am Tag hin und her zu machen gezwungen war, nahm ihr Umfang täglich zu, ja sie glich eher einer wandelnden schwammigen Fettpyramide, denn einem auch nur einigermaßen geformten weiblichen Wesen.

Wenn sie ging, sah sie aus, wie wenn sie auf ein Brett mit kleinen Rädern gestellt wäre, das eine unsichtbare Hand an einer unsichtbaren Schnur hinter sich drein zog.

Aller unnötigen Beschäftigung abhold, war ihr die mit dem Kinde in den Tod zuwider. Konnte denn der krebsrote Kerl mit den 15 spindeldürren Beinchen, der stets aussah, als sei er am Ersticken, nicht endlich einmal den Zweck erfüllen, den Mutter Vevi für seinen einzigen hielt, nämlich, – sich möglichst bald aus dem Staube zu machen? Nein, voll ausgesuchter Bosheit blieb er leben, genau wie er eben diese Bosheit dadurch bewies, daß es ihm auch in der Folge gar nicht einfiel, einem der mutmaßlichen Väter zu gleichen.

»Wo der Bua ner des G'müt her hat?« fragte sie oft und oft die dürre Wiesnerin, ihre Kollegin, die manchmal ihre Abendvisiten machte. »Von mir doch net! Ich bin alleweil gutmütig und g'fällig g'wesen, und er is es net. Es is, g'wiß und wahr, ein Irrtum, und ich kann's gar net glauben, daß grad ich sei Mutter worden bin. G'münzt hab ich's net auf ihn g'habt und entbehren könnt ich ihn leicht.«

Die dürre, ausgemergelte Wiesnerin verstand das sehr gut. Sie hatte es auch nicht auf ihre zehn »gemünzt«, und hätte sie auch leicht entbehren können.

»Ja, gelt Wiesnerin, vor fünfundzwanzig Jahren, da war's anders!« Gerieten sie auf dies Thema, so kamen die beiden, die miteinander jung und sauber gewesen, an kein Ende.

Wer allerdings heute Mama Glocke sah, förmlich zerflossen, Leib und Brust ineinander 16 übergehend, daß nur die Schürzenbänder die mutmaßlichen Konturen bezeichneten, mit entzündeten Augen, die Haut rot und höckerig unter dem spärlichen Haar, der mußte erstens freilich den Kopf schütteln über Fritzls Existenz, zweitens konnte er sich gewiß nicht vorstellen, daß die schwammige Höckerin einst eines der schönsten Mädchen war.

Die Wiesnerin jedoch hob jederzeit den Schwurfinger für Vevis Reize, und wer es trotzdem nicht glauben wollte, den konnte man schlagend auf die schöne Tochter verweisen, die, zwanzig Jahre vor dem Fritzl geboren, der Mutter Abbild geworden, eine bekannte Schönheit, groß und schlank, mit blitzenden Augen und blitzenden Zähnen, mit einer Haut wie Alabaster. Leider war sie nur im Bild und nicht mehr leibhaftig zu sehen, da sie von einem reichen Viehhändler geheiratet und nach Ungarn exportiert worden war. Dort blieb sie bis gegen das Ende dieser Geschichte, für die Mutter verschollen, froh wahrscheinlich, die Schweinewirtschaft, die sie zu Hause gesehen, mit einer echten, wirklichen, einer Schweinewirtschaft im großen Stil, vertauscht zu haben.

Die sei ein anderes Kind gewesen, kein solcher Wechselbalg wie der Fritzl, klagte Mama Glocke.

17 Der glich ja eher einem Vogel denn einem kleinen Menschenkind, sein Gesicht büßte niemals die Röte ein, die er mit in dieses Jammertal gebracht, und er sah schon im Wickelkissen aus, als sei er voller Zorn und Geifer.

Die war prompt zur richtigen Zeit gekommen, Vevi konnte prompt den Vater angeben und mit einem Jahr fing sie prompt zu laufen an.

Dagegen der!

Im dritten Jahr bequemte er sich erst, auf den dünnen gekrümmten Beinchen zu stehen und ein wenig zu reden. Geschimpft hatte er freilich, ohne reden zu können, von aller Anfang an aus seinem Korb heraus wie ein Rohrspatz. Da lag er drinnen, anzusehen wie ein halbverhungerter Rabe, mit dem langen dünnen Halse, der großen Nase und den runden schwarzblanken Augen, die schon ganz früh eine Verruchtheit verrieten, die später sein Stolz und seine Stärke wurden.

Nichts hatte er von ihr, wie sie meinte, vor allem nicht ihr schönes, warmes und gütiges Herz.

Er konnte noch nicht einmal laufen, nur krabbeln, doch versuchte er schon, die Mutter von ihrem Lehnstuhl zu zerren, weil er ihn in Besitz nehmen wollte, und konnte dabei blaurot vor Wut werden und um sich schlagen und beißen wie ein kleines Tier.

»Fot! fot!« schrie er und stieß nach dem 18 unbeweglichen Fettkoloß von Mutter. Sie stieß nicht wieder, das verbrauchte zu viel Kraft. Ihre ganze Vitalität hatte sie nötig, um aufzustehen, wenn ein Kunde kam, und dem ein süßes Maul über ihren Hängebacken zu machen. Hatte der die Türe wieder von außen zugedrückt, sank sie allsogleich in den Lehnstuhl zurück, der noch lange nach der »Niederlassung« Töne des Protestes von sich gab.

Dort saß sie – der Fritzl erinnerte sich in späteren Jahren noch wohl daran – und kaute gern Hutzeln und Nüsse, die etwas trockene Vesper mit dem Fläschlein befeuchtend.

Ihre Kochkunst war nicht allzusehr ausgebildet; ohne viel Vorbereitungen in Szene gesetzt, schnell verschlungen, bestand ihr Menü stets aus einem Gerichte, das heißt aus Verschiedenem, das kunterbunt in einem Topfe aufgesetzt wurde, während der Fritzl meistens aus dem Uebriggebliebenen aus kalten Näpfen aufgefüttert wurde, besonders in späteren Jahren.

Da fing auch das Nebengelaß, das Kabinettl, von Fritzl Keuche geheißen, an, zu klein zu werden, und ohne viel Federlesens warf Vevi dem Jungen einen Kotzen ins Gewölbe, ein paar Decken und ein Polster dazu. Nun schlief er mitten unter Obstfässern und Gemüsekörben, eingewickelt und förmlich in sich zusammengeringelt, 19 wie junge Hunde es machen, denn das Gewölbe war kalt im Winter, da Mama Vevi, in weiser Fürsorge gerade so viel Wärme aus dem Kabinettl herausließ, daß Obst und Gemüse nicht erfroren.

Untertags blieb sie dort oder saß, in Mäntel und Decken verpackt, und so noch monströser anzusehen, heraußen im Gewölbe, das traditionelle Kohlenbecken der Höckerin unter den Füßen.

Im Winter kamen die Kunden zu ihr herein, eilige und schwatzhafte Dienstmädchen, kleine Studentlein und Gewerbeschüler ohne Mäntel, mit roten und schwarzen Pulswärmern an den blaugefrorenen Handgelenken, es kamen kleine und große, schüchterne und freche Klosterschülerinnen, die die Süßigkeiten rasch in den Muff und dann sogleich ins Mäulchen steckten.

Alle kannten den Fritzl und gingen mit ihm um, wie man mit einem zwar amüsanten, aber bösartigen gezähmten Vogel, oder einem bissigen kleinen Köter umgeht.

So ähnlich behandelte ihn auch Mutter Vevi, wenn sie friedfertig war, und sie war das wirklich aus Bequemlichkeit und einem angeborenen Hang zum Duseln. Aber, aber! etwas verdüsterte das Bild ihrer beschaulichen Seele.

Sei es, daß das Fläschlein manchmal seine Wirkung auszuüben begann, sei es, daß in irgend 20 einem Winkel ihres Gemütes noch ein Stück unausgelösten Temperamentes spukte, von Zeit zu Zeit überkam die sonst so stille Seele ein furchtbarlicher Zorn, der sie ohne Veranlassung fast, ja wie der Blitz aus heiterem Himmel überfiel.

Dann stürzte sie wortlos auf den Fritzl los und zerbläute ihn so lange, bis sie genötigt war, unter Aechzen auf den protestierenden Stuhl niederzusinken, in der Farbe ihren rotvioletten Krautköpfen nicht unähnlich, die in den Stellagen in Reih und Glied standen.

Das waren ihre Quartalszörne, die sich leider in späteren Jahren auch auf die Kunden auszudehnen begannen. Harmlose Bürger und Bürgerinnen, kleine Schulkinder, eilige Gewerbeschüler (in der Stadt Gewerbschachteln geheißen), dürftige Präparanden, oder Fremde, die, nur ganz bescheiden vielleicht, handeln wollten, bekamen ganz plötzlich zu ihrem maßlosen Erstaunen böse Worte um die Ohren und allerlei Waren ins Gesicht geworfen. Standen sie trotzdem noch eine Weile still, oder begannen gar aufzubegehren, so konnten sie es erleben, wie Mutter Glocke Aepfel und Birnen, Feigen und Bonbons, selbst das vielbegehrte Studentenbrot, Lebkuchen und süßes Gebäck, im wildesten Tumult durcheinander warf, ja das Leinendach ihrer Auslage mit wütenden Griffen herabzerrte, 21 sogar zuletzt anfing, ihrem Handel tatsächlich alle Basis zu untergraben, indem sie ihrem wackligen »Stand« die Beine ausriß und alle Waren durcheinander, mit einer bei ihren Fettmassen ans Wunderbare grenzenden Behendigkeit unter die Zuschauer warf, die sich stets in hellen Haufen einfanden.

Das größte Gaudium hatten dabei natürlich die Gassenkinder, die schon länger, den Finger im Munde, auf einem Bein stehend und sich so um sich selber drehend, in vorausahnender Wonne dem Verlauf der Dinge zusahen.

Endlich war alles so weit gediehen, daß sie sich wie heulende Derwische auf die Leckereien stürzen konnten, während Mutter Vevi, in ihren Grundfesten erbebend, eine Masse unziemlicher Ausdrücke und unflätiger Schimpfworte unter die Menge warf, so unflätig, daß man sie sogar in Gedanken nur errötend und widerwillig wiederholen mochte.

Das Schimpfen dauerte so lange, bis ihr keine noch wüsteren Worte mehr einfielen, oder bis ihr der Atem versagte, um das Gelächter und den Tumult zu überschreien.

Dann watschelte sie, noch immer unter Geschimpfe, ins Gewölbe, dessen schwere, eisenbeschlagene Holztüre, die sonst nur während der Nacht geschlossen ward, sie hinter sich zuwarf.

22 War es dem Fritzl noch gelungen, vor diesem Akt zu entkommen, war es gut, wenn nicht, war es schlimm, denn die Reihe kam nun an ihn.

Eine wilde Jagd begann in dem stockdunklen Gewölbe. Der Fritzl suchte instinktmäßig zu verhindern, daß die Alte an die Türe des Nebenzimmers kam, denn wenn sie die aufriß und es hell wurde, war er verloren. Da kriegte sie ihn allemal. Je weniger Mutter Vevi ihren leiblichen Sohn erreichen konnte, desto hartnäckiger wurde sie. Wie ein Affe hüpft der Fritzl von einem Obstfaß aufs andere, hopste auf den Lehnstuhl, warf der Keuchenden Krautköpfe vor die Füße – dennoch, trotz seiner Behendigkeit fiel der Junge ihr fast regelmäßig doch noch in die Hände, und in dem tiefen Dunkel entspann sich dann ein Kampf, bei dem beide blindlings aufeinander losschlugen und der Fritzl wie wütend um sich biß, so lange, bis sie ihn aus allen Kräften an sich zog, förmlich in sich hineinpreßte, daß er fast in ihrer »Leiblichkeit« ersticken mußte.

Hie und da gelang es dem Fritzl, das Nebengemach zu erreichen und drinnen sofort den Riegel in die Finger zu kriegen. War es ihm, unter triumphierendem Indianergeheul, geglückt, ihn zwischen sich und den entfesselten Fettklumpen zu schieben, so erhob sich alsbald ein solches Gebrüll und Zetergeschrei im Gewölbe – man war 23 im Rathaus und die Polizeiwache ganz in der Nähe –, daß sämtliche Polizeisoldaten aufsprangen, die vielleicht gerade alle an ihren Uniformen vorhandenen Knöpfe aufgeknöpft hatten, und in der Wärme und dem Frieden der Wachtstube die Fliegen an der Decke und auf dem Fußboden mit den Augen fingen. Mit krummen Zehen angelten sie nach ihrem daneben stehenden Schuhwerk und liefen schnell fort, im Lauf noch die allernotwendigsten Knöpfe schließend. Gleich darauf erschienen sie säbelumgürtet und mit strengen, schnurrbärtigen Mienen, zerteilten durch Augenrollen und durch drohende Bewegungen den Tumult, worauf sie mit dem ihnen zukommenden Ernst und der ihnen wohlanstehenden Würde nach feierlicher Eröffnung der Türe den nachbarlichen Kobold, der ihnen schon Streiche genug gespielt, in schöner Uebereinstimmung versohlten. Alsdann sprachen sie, je nach Würde und Laune ein paar Worte mit der verstummten Vevi, zogen auch, je nach Würde und Laune, kürzer oder länger an der Glockin Fläschlein und verschwanden wieder, würdig, und mit befriedigtem Ausdruck in der Richtung nach der Wachtstube zu.

Das Ende eines jeden Quartalszornes war stets gleich, nur der Effekt war für Mutter und Sohn ungleich.

24 Fritzl hockte immer heulend, von ohnmächtigen Rachegedanken gegen die hohe Polizei und Mutter Glocke gleichmäßig erfüllt, doppelt versohlt auf seiner Decke im Winkel, und die Alte lag, nachdem sie noch eine Weile gegröhlt, mit dem leeren Fläschchen schnarchend auf ihrem Bett.

Den nächsten Tag war sie demütig, zerknirscht, voller Erbitterung, nicht gegen Fritzl, sondern stets gegen die hohe Polizei, die nicht früher eingeschritten und so ihre »Sach« gerettet hatte.

Mit vielem Aechzen und unter einer schweren seelischen Depression suchte sie rings um das Gewölbe, sogar im Rinnstein nach den verschleuderten Waren, und der Fritzl mußte nach dem Schreiner laufen, dem sie jedesmal sagte:

»Brunnhuber, da schau her, a Kreiz is, alles is hin! Gestern hat mir der Wind, der elendige, wieder alles umg'schmissen,« worauf der Brunnhuber jedesmal mit schönem Ernst erwiderte:

»Jaja, damisch is er gestern gangen, der Wind!«, ein paar Nägel einschlug, einige Kreuzer einsackte und wieder ins Wirtshaus trollte, aus dem ihn der Fritzl aufgestöbert.

Süß war der Aufruhr dennoch des öfteren für Fritzl. A conto des Wirrwarrs stopfte er sich die Taschen mit guten Sachen voll, die er später, freilich unter Tränen, in seinem Winkel 25 hinabwürgte. Manchmal behielt er auch das eine oder andere Stückchen, das ihn nicht besonders anzog, zurück, um es seinem intimsten Freund, dem hinkenden Maxl, gönnerhaft in Wort und Allüren, zu überreichen. So ungefähr waren die Höhen und Tiefen, war das »Auf und Ab« in Fritzls Jugend, und als wohlbestellter nachmaliger Kampelmachermeister hat er nicht an dem Gewölbe vorbeigehen können, ohne auszuspucken und einen schnellen schießenden Seitenblick nach der teuren Heimat zu tun.

Eigentlich wäre jetzt von seinem getreuen »Spezl« und viellieben Freund, dem hinkenden Maxl, zu reden. Doch soll jetzt die Mahn Rosine an der Reihe sein, und auf unserer Wanderung vom Rathaus und Marktplatz die Girgengaß hinauf gegen die Paradeisgaß zu, steht ihr elterliches Haus auch gerade am Weg.

Wenn man das Palais Glocke zum Vergleich heranzieht, war freilich dagegen gehalten die Mahn Rosine, die bestimmt war, in Fritzls Leben eine Rolle zu spielen, »in Herrlichkeit geboren«.

Tochter des Tändlers und Kleiderhändlers Aaron Mahn und seiner Ehefrau Malche, geborenen Blumenstätter, war man über ihren Vater nicht im Unklaren, wie über den des P. P. Fritzl. Die Hebamme hatte sofort die 26 ordnungsgemäße Solidität und das durchaus zu billigende Bestreben des kleinen Kindleins, dem »Date« ähnlich zu sehen, konstatiert. Nur die Peinlichkeit allein, mit der die Nase der kleinen Rosine sich bemühte, aufs Haar der des alten Aaron zu gleichen!

Die jüdische weise Frau konnte sich nicht enthalten, der Wöchnerin anerkennend zuzurufen: »Malche, des hascht De gut gemacht, ganz der zwett Alt'!«

Doch Malche, von der der spätere Hang Rosinens für alles Schöne und Ideale stammte, hatte für die Art Schönheit und für dieses Ideal kein Verständnis bekundet, sondern nur ein paar tiefe, ja beschämte Seufzer ausgestoßen, die schon eher ihre Enttäuschung und Erbitterung bekundeten, ja, sie machte später ihrer Verwandtschaft gegenüber gar kein Hehl daraus, daß es ihr furchtbar bitter sei, daß das Rosinchen nicht ihr gleichen wolle, sondern hartnäckig fortfahre, immer tiefer in die Aehnlichkeit mit dem »Date« hineinzugeraten. Diese fieberhaften Bestrebungen des Kindes, den Alten nachzuahmen, erlebte das schöne Malche freilich nicht allzulange. Acht Monate nach der Geburt des kleinen Mädchens legte sie sich hin und starb.

Die Verwandtschaft des alten Aaron, boshaft und schlagfertig wie er selber, die stets im Krieg 27 mit dem ideal veranlagten Malchen gelegen hatte, behauptete, daß sie, eitel wie sie gewesen, aus Gram darüber gestorben sei, daß das Rosinche, eine echte »Mahn«, sich hartnäckig weigere, den idealen, aber bornierten Typus der Blumenstätter anzunehmen und lieber aussehen mochte wie sie, die rassigen und siebengescheiten Mahns. Das hatte sie, die sich im Kinde wiederfinden wollte, nicht überlebt.

Frau Malchens Höchstes war freilich von jeher die Schönheit und die »Kunscht« gewesen. Da kam sie allerdings bei Vater Aaron selbst, sowie in seinem Tun und Treiben, Leben und Sein nicht auf ihre Rechnung. Ihre heißen Wünsche und Sehnsüchte fielen ganz aus dem Rahmen des geschäftigen, streng und eng geführten Lebens im Hause Mahn. Der alte Aaron jedoch, der seine viel jüngere schöne Frau nicht gern andere Pfade hätte wandeln sehen mögen, als »zulässige«, erlaubte ihr, schlau und bequem, wie er zugleich war, alle Extravaganzen, die sie allein genießen konnte, und die ihr zugleich harmlos und dennoch prickelnd dünken sollten, ihm aber tauglich und angebracht erschienen für ihr etwas zu jugendlich überschäumendes Temperament. Sie konnte alle Konzerte besuchen, die sie wollte, sie konnte im Theater der kleinen Stadt die blonden und braunen Liebhaber anschwärmen, oder im Laden und 28 in der Wohnung Tränen über irgend ein unnützes Buch vergießen.

»Das koscht't nit so viel,« beschwichtigte er die Stichler und Hetzer aus seiner Familie, »müßt' ich bezahle mit meiner Ehr', wär's mehr, so sind's ä paar Grosche und sie is zufriede und ich auch.«

Also in ihren Gefühlen sanktioniert, schwärmte das schöne Malche für die meisten männlichen Mitglieder aller Truppen und Trüppchen, die ins Städtchen kamen, und in der in einen Musentempel umgewandelten, ehemaligen romanischen Kirche ihre romantischen Schauspiele und verkürzten »aktuellen« Lustspiele den hungrigen Kleinstädtern kredenzten. Auf diese harmlose Weise löste das Weib Aarons alle ihre unausgelösten erotischen Gefühle schamhaft und keusch aus. Dabei hielt sie streng dem Alten die eheliche Treue, stets demütig und dankbar und das bißchen böse Gewissen, das sie meinte haben zu müssen, gab ihr in den Augen des alten Fuchses einen Charme mehr, obwohl er gern bärbeißig und unwirsch tat, wenn er vom Theaterrennen und vom »Stuß« seiner Frau sprach. Ihr Tod ging ihm sehr nahe, da auch seine Eitelkeit mit im Spiel gewesen, und er sich gern prahlend neben ihr gezeigt hatte; er verkroch sich ganz ins Haus und ins Geschäft, während er sonst, besonders an 29 hohen jüdischen Festtagen, mit dem Zylinder, das Malche schön geputzt, rauschend in Seide, auf der Promenade gewandelt war.

Jetzt kam er kaum vor die Ladentüre; selbst als das Rosinche so weit war, ihren Wünschen Ausdruck zu verleihen, und das war ziemlich früh, und beständig bettelte, »hörschde Date, nemm mich mit,« schielte er nur über die Brille auf die kleine Kreatur herunter, ließ sich aber nicht erweichen. Er hatte das Kind gern auf seine Art, aber ausgehen mit ihm? Wozu? Staat war keiner mit dem Rosinche zu machen. Erstens blieb's ewig ein Knirps und nichts wollte wachsen an ihm, nur die Nase und der Kopf, und dann ging es knipp – knapp, und er, der alles gern im Sturmschritt nahm, kam mit dem hüftenlahmen Kreatürchen nicht vom Fleck. Nein, er war nicht zärtlich und nicht von der Sorte:

»Ich und mein Knipperlknapp
Geh'n mer spazieren,
Geh ner her Knipperlknapp,
Laß dich schön führen.«

Das schöne Führen hatte er niemals verstanden, auch zu Malchens Zeiten nicht und außerdem – was hätte er denn mit dem kleinen Ding reden sollen? Vom Geschäft wußte es doch nichts. Das sollte nur droben bleiben in der großen Wohnstube, die, wie hinten die gute 30 Stube, mit zwei Fenstern die ganze Front des engbrüstigen Hauses einnahm.

Unten war der Laden, daneben ein schmales Hinterzimmer und die Küche, im dritten Stock die Kemnate der alten Tante, die seit der Mutter Tod das Rosinchen betreute, das Schlafzimmer des Alten und des Töchterchens daneben, dazu eine Kammer für die Magd.

So waren in den drei Stöcken die Zimmer und Zimmerchen verteilt und Treppchen und Stiegen und Absätze und Nischen und Gänge gab es noch genug innerhalb dieses Winkelwerks, denn die Hinterzimmer lagen niederer als die Vorderzimmer, und außer der Treppe, die eng und schmal war und an den Ecken mit einem unerwarteten und energischen Ruck Kehrt machte, ehe sie weiter führte, bestanden noch Separathühnerleitern oder Stiegen von Stock zu Stock.

Das hatte für Frau Malche etwas sehr Heimliches und Romantisches gehabt, die alten Gänge und Stuben, in die ihr Mann so viel schönes und altertümliches Geräte hineintrug, aber das Rosinche sagte schon mit drei Jahren bestimmt und überlegen: »Ich möcht ä neu Haus; ich möcht ä schönes Haus und Plüschmöbel.« Ja, das Rosinchen hatte Ambitionen!

Als es anfangen sollte, in die Schule zu gehen, begann der Vater sich für das Kind zu 31 interessieren. Wenn er mit ihm des Abends am Tische saß oder wenn er die Kleine im Ladenstübchen auf den Knien hatte und rechnen ließ, grinste er über das ganze Gesicht. Das war Fleisch von seinem Fleisch, Blut von seinem Blute! Und bald stand das Rosinchen im Laden hinter der Theke. Allerdings schauten nur ein paar graue, etwas hervorquellende Augen und eine große Nase über den Ladentisch, und man sah den zehn Fingern, die sich ans Brett krallten, die Mühe an, sich so weit oben zu erhalten. Aber die großen Augen wanderten und wanderten und ließen den Käufer nicht los, verfolgten ihn, wenn er etwas in die Hand nahm, wurden unruhig, wenn er handelte; ging er und hatte gekauft, so platzte das Rosinche heraus: »Was hat er gegebe for die Stiwwel?«

Ging er ohne zu kaufen, so verließ das Kind lautlos seinen Platz und in den grauen Augen war ein Ausdruck von Geringschätzung für den Vater.

Die Kleider Rosinchens behielten beharrlich den Geruch des Ladens, denn das kleine Mädchen war viel mehr unten wie oben.

Da das Hinterzimmer auch noch mit Waren, vornehmlich mit Stiefeln vollgepfropft und die Türe zwischen Laden und Hinterzimmer beständig in Bewegung war, hatte sich auch dort derselbe 32 fatale Geruch festgesetzt, der im Laden dominierte, dem alten Mahn aber nicht mehr zum Bewußtsein kam, denn er kannte keine andere Atmosphäre, die sonntägliche Luft in den oberen Räumen schnaufte er mißtrauisch ein und sie erschien ihm unzuträglich.

Ueberhaupt die Sonntage haßte er. Die benützte gewöhnlich die alte Tante, die sonst seiner nicht habhaft werden konnte, sich an ihn zu hängen wie eine Klette. Da begann sie von den zahllosen Krankheiten zu erzählen, die sie während der Woche überfielen, oder von den ebenso zahllosen früheren Mägden, die es durchaus nicht hatten einsehen wollen, daß das Haus Mahn ein Eldorado – oder – aber das war ein gefährliches Thema, über das Rosinche zu klagen, denn die alte Tante war weichen Gemütes und liebte das Kind, obwohl es, spottsüchtig und respektlos, einstweilen seinen Witz an der Alten ausübte.

Diese schüchternen Klagen aber paßten dem Vater Aaron gar nicht, er war in dem Punkte sehr empfindlich; schön war das Rosinchen nicht, also mußte es doch brav und gescheit sein. Jetzt war die alte Schaluppe schon so lange Jahre im Haus und wollte das nicht einsehen!

»Des steckt dich zehnmal in de Sack, gelt, des sind dein Schmerze?« spottete er.

Im Grund war die alte Tante ebenso 33 ehrgeizig und ebenso verliebt in das Rosinche wie der Alte. Es war doch sonst niemand da!

Schon lange dünkte ihr die jüdische Volksschule nicht mehr passend für das Talent des Kindes, und es verlangte ja auch selbst, herausgenommen und ins Institut getan zu werden.

»Es hat doch Ambitione!« sagt vorwurfsvoll die Alte, »des weißt de doch!«

»Stuß!« brummte der Alte, »werd se dort schöner, werd se dort größer, werd se dort gescheiter?« – aber er gab doch nach und, freudig erregt, von Ehrgeiz und Stolz gebläht, hickelte das Rosinche in das Institut, das Töchterschülche, wie Vater Aaron sagte.

Es war so klein geblieben, daß es noch gut in die erste Klasse der Volksschule gepaßt hätte, die Nase zwar war mächtig gewachsen und das lange Kinn hing tief auf die schmale Kinderbrust herab. Die Haare pflegte die Tante in der Mitte zu scheiteln und dann mit solcher Wucht hinter die Ohren stramm zu kämmen und dort in zwei eisenharte Zöpfe zu flechten, daß es aussah, als sprängen gerade durch diese barbarische Prozedur die Augen so gar sichtbarlich und gewölbt aus dem Kopf hervor.

Für die Gassenbuben, und dazu war vor allem der Kampelmacherfritzl zu rechnen, war das 34 Rosinchen schon lange ein beliebtes Objekt, beliebt und dankbar, denn es weinte nicht wie die andern Kinder, wenn es verschimpfiert wurde, oder lief auf und davon, sondern es schimpfte herzhaft wieder, kräftig und abwechslungsreich, schimpfte wie ein Rohrspatz und, findig wie es war, blieb es den Angreifern nichts schuldig in Worten, und erfand obendrein noch die prächtigsten Namen für sie, so daß es oft die Lacher auf seiner Seite hatte.

Als es in einem neuen grasgrünen Kleide, das zu seiner fahlgelben Haut, Teint des Date Aaron, wundervoll stimmte, mit einem nicht nur angedeuteten, sondern ziemlich umfangreichen Reifröcklein, einen großen Herrenwinker mit strohgelbem wehendem Band auf dem Haupte – Geschmack der Tante – in die Töchterschule wandelte, wurde es in dieser neuen und erstaunlichen Equipierung von seinen Widersachern mit Halloh empfangen, mit Halloh eskortiert und mit Halloh an der Türe des Instituts abgeliefert.

Bis dahin hatte das Rosinchen geschwiegen, wohl aus einem unklaren Gefühl heraus, daß es sich für eine angehende Töchterschülerin nicht schicke, auf der Straße Krakehl zu machen. Vor der Pforte riß ihm aber doch die Geduld und es drehte sich ganz unerwartet um, streckte 35 den Widersachern die lange, kohlschwarze Zunge entgegen, denn es hatte eben Schwarzbeerkuchen gegessen, riß blitzschnell die Schultasche vom Buckel, die groß und gewichtig aufs Wachsen berechnet war, packte sie beim einen Riemen und schlug herzhaft unter die Horde.

Resultat: Eine zu Tod erschreckte Pförtnerin, ein unsanftes Befördern ins Klassenzimmer, eine zürnende Standrede der Schwester Lehrerin, eine Anstandspredigt der herbeigeeilten Oberin zum Beginn; dann folgte eine lange Ermahnung, Drohung der Ausweisung – das Rosinchen war ja nur ein Judenmädchen – und ein Tränenmeer von seiten der »kleinen Mahn« als Eintritt in das Institut. Beim Eintritt in das Klassenzimmer war das Rosinchen von den neuen Gefährtinnen fast mit demselben Halloh begrüßt worden wie auf der Straße von den Widersachern.

Still und langsam hickelte es, in seinem Krinolinchen einer kleinen wandelnden Glocke gleich, heim, nicht triumphierend, wie sich der eitle Date und die eitle Tante gedacht, sondern begossen wie ein Pudel, nicht strahlend die Girgengaß herunter, sondern heulend durch die Gassen und Gäßchen; daheim stand es noch ein Weilchen, ganz gegen seine sonstige kecke Art im Hausflur, bis es sich soweit ermannte, ins 36 Hinterzimmer zum Vater einzutreten und dort seine Niederlage zu bekennen.

Der Alte setzte flugs seinen Ingrimm in Hohn um, weil ihm das besser paßte und sich überlegener ausnahm, und da er das kleine Mädel in seinem großen und gerechten Schmerze nicht noch mehr kränken wollte, fiel er über die Tante her. Das war das Ende ihres verfluchten Ehrgeizes und ihres bornierten Geldausgebens!

»Da hascht dein Töchterschülche! Da hascht dein grasgrünes Kleid! Da hascht dein gelbe Hut!«

Die Alte zitterte vor Erschütterung, kniete sich vor das heulende grasgrüne Idol hin, das von Zeit zu Zeit vor Wut stampfte, suchte es zu trösten, obwohl es fest auf die liebkosenden Hände schlug; sie schwur trotzdem, von nun an alle Ströme ihrer Liebe über das arme Kind zu ergießen. Ja, sie liebte es, sie liebte es unbändig in dem Augenblick, wo man gewagt hatte, es so zu mißhandeln. Ihr Goldkind, ihr Sonnenstrählchen so zu kränken!

Da die alte Dame »latschte«, lautete ihr Rosinche ungefähr wie »Lochchinche« und ihr Sonnenstrählche wie »Chlonnenchltrählche«. Aber das Chlonnenchltrählche wollte nichts von ihrer Zärtlichkeit wissen. Sie war an allem schuld, 37 nur sie, und das Rosinche riß das grasgrüne Kleid herunter und spuckte darauf:

»Da, da, tu's fort! Mach, mach! –« Erst als der Staat verschwunden war, wurde es ruhiger, aß, in seinem weißen Unterröckchen, dem weißen Piquéleibchen, den Herrenwinker auf dem Kopf, noch immer sehr feierlich und feiertägig anzuschauen, mit am Tisch im Ladenzimmer, bekundete nach und nach sogar Interesse an den Kunden, die während der Tischzeit kamen, indem es aufhüpfte, sich auf die Zehen stellte, den Vorhang lüftete und mit großen runden Augen die Vorgänge draußen im Laden überwachte.

Die Tante Mine, selig, daß der alte Aaron nicht mehr schimpfte, und der die Sache erledigt schien, schwätzte ununterbrochen darauf los, nur damit die fatale Geschichte nicht wieder berührt wurde. Die war aus und begraben, schimpflich, glimpflich.

Als es gegen halb zwei ging, sah der Alte angelegentlich und immer angelegentlicher nach der Uhr, über den Hornkneifer hinaus auf das Rosinche und zuletzt auch auf die Tante Mine.

»No, werd's bald?« frug er.

»Ja, was dann?« fragte die Tante und kriegte es mit allen Schrecken. Das Rosinchen wurde blaß, wie ein langer grauweißer Käsleib sah sein Gesicht aus, es sprang von seinem 38 Stühlchen herab und stand zur Flucht bereit.

»Was dann, was dann?« spottete der Alte nach. »Anstellerei! Als fort in die Schul!«

»In die Schul?« – – und Tante und Nichte fingen zu gleicher Zeit ein Gezeter an, bei dem hauptsächlich das Chlonnenchltrählche sich krampfhaft hervortat.

Nein, nein, nein, sie ging nicht und der Vater wäre gescheit genug, das einsehen zu können, daß das nichts für sie wäre, lieber sollte er sie totschlagen.

Diesmal gab aber der Alte nicht nach; er hielt das quickende Rosinchen fest bei der Hand und kommandierte: »Kleider her!«, er hing ihr den großen Schulranzen, zum Hineinwachsen berechnet, auf den Rücken, die Tante setzte ihr weinend den alten schwarzen Strohhut auf, daß sie das Chlonnenchltrählche nicht segnete bei seinem Auszug, war alles.

Der Alte setzte sich selbst in Trab und das Rosinche mußte wohl oder übel mit.

»No, was wär denn des, die Flint glei ins Korn zu werfe! Ich hab vorausbezahlt und die Zeit sitzt se mir ab.«

So handelte der alte Aaron ähnlich den Bauern, die, um nichts umkommen zu lassen, was viel Geld gekostet hat, die Medizin nach dem 39 Tode eines Familienmitglieds trinken; das Rosinche mußte das Geld im Töchterschülche absitzen, ob ihm die Sache schmeckte oder nicht.

Der Date hielt das Kind fest bei der Hand, da half kein Sperren und kein Stemmen; in seinem alten schwarzen Ladenkittel, den Hornkneifer auf der Nase, barhaupt, führte er das widerspenstige Mädel vor die Pforte des Instituts.

Diesmal folgten die Gassenbuben, deren größte Anzahl die Paradeis- und die Langegasse stellte, in gemessener Entfernung, aber das Johlen ging nicht aus, bis der Aaron das Rosinche der Schwester Pförtnerin übergeben hatte und es für die Rangen die höchste Zeit war, in der altersbraunen Türe der benachbarten Knabenschule zu verschwinden. Der letzte war natürlich der Fritzl, der Vevi Glocke Sohn, denn nie pressierte es ihm in die Schule. Alles war ihm wichtiger, denn Stillsitzen und Lernen. Nicht einmal die Person des alten Aaron war ihm heute heilig gewesen, er hatte den Lehm, den er zufällig in der Hand trug – und er trug stets etwas zufällig in der Hand – gleichmäßig auf den kaftanartigen schwarzgrünen Lüsterrock des Aaron Mahn, wie auf das graue Mixkleid des Rosinchens verteilt, wo er besonders schön sitzen blieb, weil das Krinolinchen eine entgegenkommende gefällige Wendung machte. – – –

40 Auch der Nachmittag war kein Triumph für die Tochter Aarons, wieder kam sie durch die Gäßchen heimgeschlichen und es gab von nun an Tag für Tag Proteste und Tränen.

In der jüdischen Volksschule war das »Lochchinche« eines der angesehensten Kinder gewesen, war die Gescheitste, stets mit dem Finger in der Luft, immer aufspringend wie ein Gummiball, weil es alles wußte, immer belobt und bevorzugt, hochmütig und voller Verachtung auf die andern herabsehend, auf die Fauleren, die Dümmeren, die Aermeren. Dort war sie Herrscherin, hier die Geduldete, die kleine, krumme, hinkende Jüdin, die mit zu wenig Vorbildung in die Töchterschule kam, mit der sich niemand Mühe gab, und die deshalb nichts nachholte, die stecken blieb, wenn sie schon etwas wußte, weil alles lachte, ehe sie anfing; hier war sie die Vereinsamte, ja fast die Gemiedene. Wenn man mit ihr sprach, geschah's stets mit Herablassung und in überlegenem Ton; auch die Klosterfrauen, die Lehrerinnen, machten es so, nur war ihr Ton noch gönnerhaft dazu. Rosinchens Keckheit, ihr rasches und böses Mundwerk, ihr heller Kopf waren beim Kuckuck, wenn sie mit den »Chrischdekindern« in der Bank saß. Sie war wie ausgewechselt, und daheim war erst recht der Teufel los, so schlechten Humors war sie immer.

41 Der Date brachte sie in der ersten Zeit stets selbst zur Schule, später mußte Tante Mine die Eskorte bilden, aber es war schon oft vorgekommen, daß man das Kind zur Schulzeit am Morgen vergebens suchte.

Mäuschenstill hatte es sich an einen Ort geschlichen, den zu betreten man ihm keinesfalls verwehren konnte, hatte dort den Riegel vorgeschoben und weder Bitten noch Drohungen hatten es zum Oeffnen veranlassen können. Der Alte merkte nichts, nur Tante Mine stand leise flehend vor der geschlossenen Pforte und brauchte alle Listen: »Bitt' dich, Lochchinche, mach uff! – der Date kommt. – Und ich will doch chlelbst« – aber alles blieb totenstill. Die Tante rüttelte mit Vorsicht: »Hörchlte, ich will doch chlelbst!«

Da tönte ein Stimmlein mit unterdrücktem Kichern heraus:

»So geh halt in de erschte Stock!« womit Tante Mine aus dem Feld geschlagen war.

Einmal kam aber doch der Date an die verriegelte Türe, und da setzte es Prügel, die ersten. Die nahm das Rosinchen, mit seinem klugen Kopf überschlagend, daß es verdiente waren, schweigend hin, aber der Haß auf das Kloster und die Chrischdemädcher wuchs.

Verstockt, wortkarg, aber gelegentlich doch 42 wieder frech und ungezogen, unmanierlich wie ein Gassenkind, anders kannte man die »kleine Mahn« nicht im Institut.

Allmählich gewöhnte man sich wohl an sie, das heißt, man übersah sie. Keines der Mädchen machte sich etwas aus ihr oder ging mit ihr nach Hause, in der Pause warfen sie ihr kaum ein paar Worte zu.

Da war nur ein großes, plumpes, unbeholfenes Ding vom Lande mit wasserblauen Augen und einem Gesicht wie aus Kartoffeln gemacht, das fühlte sich in seinem dumpfen Drange zum Rosinchen gezogen. Es war fast ebenso gemieden wie die »kleine Mahn«, war wortkarg, unsicher und wurde auch übersehen. Es kam von einer Landschule und alles, was es hörte, waren ihm böhmische Dörfer. Außerdem trug es auch noch eine Krinoline wie das Rosinchen und dazu stets ein weißes dreieckiges Halstüchlein, womit es von Anfang an der Spott aller besseren Mädchen war. Da es Lina hieß, brachten ihm die Kinder, die stets erbarmungslos treffsicher und grausam sind, den Spitznamen »Krinolineline« auf, und es verstand sich von selber, daß die Krinolineline und das Rosinchen zusammengehörten und eine oder mehrere Stufen tiefer standen als sie selbst.

Die Krinolineline wurde von ihrem »Herrn 43 Onkel« ins Institut geschickt. Da der Herr Onkel aber nur ein armer Benefiziat war, der sich um die Waise angenommen, und kein Dekan, geistlicher Rat oder etwa ein hübscher junger Katechet, da sie noch dazu auf Fürbitten hin einige Stunden unentgeltlich bekam, machte man im Kloster durchaus nicht etwa so viel Federlesens mit ihr, wie man es mit der Nichte des Dekans tat, und als später der alte Benefiziat starb und sich niemand meldete, der das Schulgeld hätte weiter bezahlen können, wurde die Line sofort ohne viel Umstände vor die Türe gesetzt.

Ihre Beziehungen zum Rosinche hatte sie aber doch angeknüpft, und als die Tochter Aarons nach dem Absitzen ihres Schulgeldes das Töchterschülche verließ, verbanden sie noch immer Freundschaftsbande mit der dicken Line, die in der Stadt verblieben war.

Der gute Onkel Benefiziat hatte nämlich ihr und seiner alten Haushälterin sein kleines Vermögen hinterlassen, und die Line blieb, da sie keinen Menschen hatte, bei der Alten und begann eine Nähschule zu besuchen, damit sie sich späterhin etwas verdienen könne.

Des Sonntags Nachmittag aber war ihr gewöhnlicher Gang zum »Herrn Mahn«, wo sie sich nie anzuläuten oder gar an irgend einer Türe anzuklopfen getraute, sondern bewegungslos und 44 steckensteif im Gang stehen blieb, bis irgend jemand auf sie stieß.

Das Rosinchen, von ihr zärtlich Rosinerl genannt, wußte ganz genau, daß am Sonntag in irgend einem Winkel, im Gang oder auf der Treppe die Line stand und sehnsüchtig darauf wartete, entdeckt zu werden; es bereitete ihm aber ein ganz besonderes Vergnügen, sie nicht zu entdecken, ja, sie hielt sogar die Tante ab, wenn diese nachsehen wollte.

»Laß das Stöckl stehe,« sagte sie (die Line hieß Stock), »und paß auf, wie lang's stehe bleibt.«

Einmal hatte sie es sogar über das Herz gebracht, die Line bis zum Dunkelwerden in der Kälte stehen zu lassen und dann erst herein zu holen; freilich überschüttete sie sie herinnen dann mit Liebenswürdigkeiten und konnte ganz unbefangen tun. Nie sagte sie: »So läut doch, Line,« oder »warum klopfst du nicht?«

Die Befangenheit und Devotion des Stöckels, die sie um jeden Preis erhalten wollte, gaben ihr die Harmonie und das schöne Gleichgewicht der Seele wieder, die ihr das Töchterschülche beinahe geraubt hätte.

Linens unbedingte Ergebenheit, ihre Bewunderung der viel klügeren Freundin, ihre 45 gänzliche Unterordnung machten sie wieder zum alten Rosinchen, das den Glauben an sich wieder gefunden hatte.

Eine Eigenschaft der Line aber konnte das Rosinchen nicht leiden, sie aß zu viel. Wie ihr nur stets der Kaffee mit dem gemandelten Kuchen schmeckte! Ein Stück, zwei Stück, das kann man sich ja noch gefallen lassen, aber beim ersten schielte die dicke Line schon aufs zweite und beim zweiten nach dem dritten, streckte auch wirklich die Hand danach aus, doch die Rosine war schneller und packte sie fest und streng beim Handgelenk.

»Es langt jetzt, du kanscht satt sein.«

Der Line blasses Kartoffelgesicht rötete sich und sie schämte sich furchtbar, sich so vergessen zu haben. Der Tante Mine kamen fast die Tränen: »Aber Chlonnenchltrählche, so lachs's ihr doch!« Rosinche dagegen unerbittlich: »Die is satt.«

Beim Fortgehen drückte Tante Mine der Line stets noch ein in Zeitungspapier gewickeltes Stück Kuchen heimlich in die Hand, trotz der Argusaugen des Chlonnenchltrählche, denn etwas heimlich halten, etwas heimlich tun, darin war sie dem Rosinche weit über, das alles herauspoltern und herausschreien mußte:

»Es kriegt sonscht en Kropf,« meint der alte Aaron.

46 War schönes Wetter, so gingen die zwei Kameradinnen gewöhnlich spazieren. Die Line mit ihrem wehmütigen dicken Gesicht, das aber doch stets aussah, als lache sie, groß, eckig, mit schon knospendem Busen, den die Ziehmutter fest in ein blau und schwarz karriertes Kleid (Winter und Sommer zu tragen) eingepreßt, und das kleine, humpelnde Rosinchen mit den Bollaugen, dem langen gelben Gesicht und dem grünen Sonntagsstaat, beide in Krinolinen, die, einige alte Damen und Jungfrauen älterer Semester ausgenommen, niemand mehr sonst trug.

Bei Regenwetter und im Winter blieben sie meistens im Hause und hatten stets Gesprächsstoff und verstanden sich stets.

Beide waren im Vorhof des Wissens stehen geblieben, und beiden war der Drang gemein, weiter zu lernen und gebildet zu werden. Die Line war unbeholfen, täppisch eifrig dabei und wahllos schwärmerisch, die Rosine praktisch, systematisch fast, aber mit einem kleinen Einschuß von Phantasterei, Erbe der Mutter. Dieser Einschuß bekundete sich bei ihr vorderhand in einem starken Hang nach Marionettentheater, Seiltänzerbuden, wandernden Truppen aller Art und Romanen obskurer Herkunft. Was die zwei überhaupt zusammenlasen! Und mit welchem Ueberschwang in Gefühl und Sprache sie alles 47 wiedergaben, davon sprachen und darüber seufzten!

Der Alte ließ das Rosinchen gewähren, ganz wie er das schöne Malchen hatte gewähren lassen, ja er war mit dem werdenden Jungfräulein noch sorgloser, witterte er doch heraus, daß das alles nicht allzu tief saß bei dem Rosinchen: »'s is ä Pubertätsrummel,« sagte er, und schmunzelnd gestand er sich ein, daß hinter all den Dummheiten ein reeller Kern stecke, ein kalkulierender Kopf, sein Kopf.

Er durfte sie ja nur im Laden sehen! Hinter den Kunden her wie ein Geier, die Augen überall, den Vorteil fest in der Hand, hatte sie sich jetzt mit ihren vierzehn Jahren schon hinter die Buchhaltung gemacht und führte die Bücher, nachdem er sie nur ein wenig eingewiesen, prächtig, sauber, ordentlich und peinlich.

Hie und da gelüstete es ihn, sie ein wenig mit dem Institut zu necken: »Rosinche, es is schad, daß du hast die Wissenschaften nit studiere wolle! Dein Kopf wär danach gewese!«

Da kam er aber schön an! Das war etwas, was sie noch nicht verwunden hatte. Ihr ganzer Zorn auf das Kloster und die Mitschülerinnen und ihre heftige Sehnsucht, so sein zu können, so viel zu wissen und zu gelten wie diese, kam heraus, und sie konnte kein Ende finden mit 48 Schimpfen und Anklagen und Schmähreden, so daß sie der Alte erst mit bösen Worten zurecht weisen mußte, ehe er sie dazu bringen konnte, dem Sturzbach ihrer entfesselten Wut Einhalt zu tun. Auch zwischen dem Stöckel, der Line und ihr bewegte sich, wenn auch weniger leidenschaftlich und eruptiv, das Gespräch in ähnlichen Gleisen. Die Line empfand ihre Halbbildung ebenso schmerzlich wie das Rosinche. So hockten die Zwei immer wieder beisammen und suchten zu lernen. Bei dem wahllosen Durcheinander ihrer Lern- und Bildungswut wurde die Line immer überspannter und sentimentaler und trug einen Tumult von Gefühlen in dem in das schwarz und blau karrierte Kleid eingepreßten Busen. Das Rosinchen wurde herrisch und eingebildet und zu Zeiten, wenn es die Unzulänglichkeit ihrer Bestrebungen einsah, zänkisch und unleidlich, ja despotisch, und es bedurfte wahrlich der schwärmerischen Hingabe der Line, die stets zur Bewunderung bereit war, es mit dem Chlonnenchltrählche auszuhalten.

Während sich also die zarten Freundschaftsbande zwischen der kleinen Mahn und dem Stöckel erst im Alter beginnenden Jungfrauentums knüpften, »auf der Schwelle vom Kinde zur Jungfrau«, wie die Line schwärmte, hatte ihr keckster und eifrigster Widersacher, ihr Verfolger, 49 der stets hinter ihnen drein schrie: »Chlonnenchltrählche, süßes Rosinerl, Krinolineline!«, der Held Fritzl natürlich, – geboren, zwar nicht im Stalle zu Bethlehem, aber beinahe in einem Stalle und beinahe von einer Jungfrau – sich schon in der ersten Schule, also mit sechs Jahren, seinen speziellen Freund erwählt, den hinkenden Maxl.

Und damit tritt der dritte Held auf (o armseliger Held!) – wenn wir die Krinolineline nicht etwa auch als Heldin rechnen wollen – der hinkende Maxl von der Paradeisgaß. Dem hinkenden Maxl war es nicht an der Wiege gesungen worden, daß er dereinst im Jünglingsalter die Glockenstränge in der Pfarrkirche seiner Vaterstadt ziehen, und sich an die Stricke, die von den widerspenstigen Blasebälgen der großen Orgel herabbaumelten, würde hängen müssen. Denn er war aus adligem Geblüt und ein paar Stunden lang – oder war es nur eine Viertelstunde? – ausersehen, Herr von Lohberg auf Lohhof zu werden.

Sohn einer bildhübschen Wäscherin und des schon etwas ältlichen Barons von Lohberg, träumte seine Mutter die ausschweifendsten Zukunftsträume für ihn und für sich, denn der Baron, über alle Maßen verliebt, hatte ihr so etwas wie die Ehe versprochen.

50 Aber wie es so geht, »wie der Teufel seine Hand im Spiele hat«, wie die kleine Wäscherin sagte, kam es ihr in den Sinn, dem Maxl noch einen Bruder zu schenken, ehe die Ehe mit dem Baron geschlossen, während dieser, um vorher noch einmal seine Freiheit zu genießen, auf Reisen war, und – – – aus war der Traum mit der Baronin.

»Mein liebes Kind, nun ist die Chose zwischen uns selbstverständlich ex,« sagte der Baron merkwürdig frostig für ihr Empfinden und sehr Herr der Situation.

Die kleine Wäscherin verstand zwar die Worte nicht ganz genau, wohl aber den Sinn, und da sie im Augenblick etwas »baff« war, heiratete sie Hals über Kopf den Schuster, der ihr dazu verholfen hatte, dem Maxl einen Bruder schenken zu können.

Meister Knieriem hatte weiter keine Hochachtung vor dem adligen Sprößling, er behandelte sein eigen Fleisch und Blut nicht gerade delikat und paßte gleich gar nicht auf, wohin die Hiebe fielen, wenn sich's um den unerwünschten Mitesser adliger Abstammung handelte.

Als ganz kleiner Junge war der Maxl einmal in heilloser Furcht vor den Hieben des Vaters flüchtend, über das Podium, auf dem der Meister thronte, ungeschickt gestürzt, hatte über 51 den Schmerz, den ihm der Sturz verursacht, geschwiegen, und war nur ein paar Wochen zwischen den Kissen geblieben, weil er nicht laufen konnte. Einen Arzt zu holen fiel niemanden ein, der Maxl selber hätte sich gewiß nicht getraut, auch nur einen Muckser deshalb zu tun. Als er aufstand, war er der hinkende Maxl und der blieb er all sein Lebtag.

Viel Wesens wurde aus der Hinkerei nicht gemacht, der Alte lachte ihn aus und die Mutter war verwundert.

»Schau, schau, jetzt hinkst ja gar,« meinte sie, dann ging man wieder zur Tagesordnung über. Da schon drei Rangen umherliefen und ein Kleines in der Wiege schrie, hatte niemand Zeit, sich um solche Lappalien zu kümmern, denn jedes hatte alle Hände voll zu tun. Der Meister mußte den ganzen Tag hämmern und klopfen, um die Mäuler all der Menschen und Menschlein zu stopfen, und die Frau mußte sich tummeln, um sie leidlich zu waschen und zu bekleiden. Zum ganz Bekleiden langte es sowieso nicht, besonders beim Maxl. Wer würde sich denn auch besonders um den Maxl kümmern?

Er war zwar der Mitverdiener, denn das Kostgeld, das der Baron schickte, war reichlich und traf prompt ein. Aber es kam hauptsächlich 52 den andern zu gut, für den Maxl reichte es immer nicht mehr recht.

Von »Montur« war schon gleich gar keine Rede. Wenn's nur am Körper hielt, das war das Ausschlaggebende. Ob's lang oder kurz, dünn oder dick, ganz oder zerrissen war, beschwerte die Gemüter der Eltern nicht, es fiel auch in der Paradeisgaß durchaus nicht auf und dem Maxl selber kam schon gar kein Gedanke darüber. Er wußte ja von nichts anderem und die übrigen Rangen, die mit ihm im Staub herumkrochen oder im Sand wühlten, oder die, die hordenweise die Paradeis- und die benachbarte Langegasse unsicher machten, sahen um kein Haar anders aus als er, die größere Anzahl war sogar gekleidet richtig wie im Paradiese, besonders zur Sommerszeit.

Wäre das Gezänk der Weiber und das Geschrei der wilden Paradieseshorden nicht gewesen, man hätte wirklich an eine paradiesische Idylle glauben können, so unberührt von dem Leben in den Straßen draußen blieb das kleine Gäßchen, an dessen Ende das graue Tor mit dem grotesken Spitzdach stand, flankiert von den Stadtmauern mit ihren Schießscharten und alten Kugelnarben. Ueber die Mauern schauten die grünen Alleebäume, es sah aus, als ob es immer so weiter ginge im Grünen. Von fern hörte man das 53 Gemurre des Stadtbaches an dem Wehr der Obermühle, ein Wagen kam nie durch die Gasse, dazu war das Pflaster zu holperig und der Weg zu eng. Wie in einem Dorf, so leer und still konnte es zu Zeiten aussehen, wenn die Kinder des Paradieses gefüttert wurden und die Megären, die die Wächter dieses Edens ohne flammende Schwerter darstellten, auch mit dem Munde etwas anderes zu tun hatten, als einander oder einen ahnungslosen Fremdling, der sich hineinverirrte, durchzuhecheln.

Die Tage glichen sich und der Anblick eines fremden Gesichtes, sei es Mann, Weib oder Kind, versetzte die ganze Paradeisgaß in Aufruhr.

Wie groß war erst der Aufstand, als einmal am Eingang der Gasse ein Wagen hielt und Versuche machte, in das enge, gewundene Gäßchen mit seinem buckligen Pflaster einzudringen! Nicht nur ein Wagen war's, ein gewöhnlicher Wagen, nein, eine Herrschaftskutsche mit einem Wappen an der Türe, einem feinen Kutscher auf dem Bock und einem Diener, der einen rehfarbenen Rock anhatte bis auf den Boden hinunter, der den Wagenschlag öffnete und ein »Buckerl« machte so tief, wie man's gewiß nur vor »Heil unserm König, Heil« tat!

Im Nu wimmelte es wie in einem 54 Ameisenhaufen in dem engen Gäßchen, im Nu waren alle Fenster geöffnet, obwohl es schon herbstlich kühl war, und der Wind die dürren Blätter von den Bäumen herein bis vor die Türschwellen wehte.

»An Eklibasch,« schrieen die Rangen und tanzten auf und ab, und die phantasiereicheren riefen: »a königliche Eklibasch!« Alle Fenster waren besetzt, ungewaschene alte und junge Weiber mit strähnigem Haar hingen heraus, sämtliche in farbigen Nachtkitteln, wer zur Hautvolée des Paradieses gehörte, wohl auch in weißen, was immer etwas gemißbilligt wurde, weil es Ueberhebung anzeigte.

Wie ein Lauffeuer ging es durch die Gasse: »zum Schuaster Greiner wollen's!«, denn nach dem hatte der Bediente gefragt, und da einer der Buben des Meisters gerade auch anwesend war, lief der wie besessen die Gasse hinunter, heim, und schrie gleich zur Haustüre herein: »Laou dir sag'n, Vater, an Eklibasch kimmt zu uns!!«

Der Meister, der der Märe nicht traute, trat kopfschüttelnd vor das Haus, aber die Mutter, ahnungsvoll, käsweiß vor Aufregung und gerade in keiner Verfassung, die sie zur Hautvolée der Paradeisgasse stempelte, kriegte den überraschten Maxl beim Grips, zog ihn aus dem Laden in die Nebenstube, wo sie zuerst ganz entgeistert hin- und herrannte und ihm nur immer mit ganz 55 veränderter, fast heiserer Stimme zurief: »Maxl, jetza nimm di z'samm, jetza nimm di z'samm!«

Der Maxl, verschüchtert durch das aufgeregte und ungewohnte Wesen der Mutter, stand steif wie ein Opferlamm, ließ sich die Kleider stückweise vom Leibe reißen – allzuviel waren es ja nicht – ließ sich die Sonntagshose des kleineren Bruders anziehen, er selbst besaß keine, in die Joppe einpressen, die ihm am Halse mit fieberhaften, aber dennoch resoluten Fingern zugehakt wurde, obwohl es viel Kraft kostete, denn der Stehkragen war zu eng, und der Hals ergab sich erst, nachdem er einige Falten gemacht. Freilich fuhr der Maxl sofort mit zwei Händen nach oben, aber die Mutter drohte: »Du untersteh di nur!«, ganz leise sagte sie's, denn draußen hörte man schon fremde Stimmen, aber ihre Augen sahen dabei aus, als wollten sie den Maxl an die Wand nageln.

Dann wurden ihm die »Haferlschuh« eben desselben Bruders an die Füße gezwängt, daß die groben, grauen Wollstrümpfe mit zwei traurigen Blasen über den Rand der Schuhe standen. Die Mutter erwischte in ihrem irren Hin- und Herlaufen einen Lappen, mit dem sie ihm übers Gesicht fuhr, wobei sie besonders die Nase aufs Korn nahm. Da aber durch irgend einen Zufall der Lappen voll Sand war, protestierte der Maxl, 56 was leider zur Folge hatte, daß nur noch hingebender gescheuert wurde, bis ein seltener und intensiver Glanz auf seiner graugelben Haut erschien. Ferner schwebte noch, zwar kein Damoklesschwert, aber ein grobzähniger Kamm über seinem Haupte, dessen Zähne sich mit solcher Vehemenz in seine farblosen schütteren Haare eingruben, wie wenn sie Furchen im Kopf zu hinterlassen bestimmt wären.

Da ward auch die Türe schon aufgetan und Meister Greiner mit rotem, konfusem Gesicht und zerwühltem Haar darüber rief herein:

»Den Maxl möchten die Herrschaften sehen, tua ihn außer, Lieserl!«

Das Lieserl, die Meisterin, schob den Maxl vor sich her und getraute sich in der Stube gar nicht, die Augen aufzuschlagen. Nur von unten her warf sie die Blicke nach der anwesenden stattlichen Dame, deren Röcke bei jeder Bewegung wie Seide knisterten, während sie doch erstaunlicherweise nur ein hellgraues Wollenkleid trug; noch ängstlicher schaute sie auf den Herrn, den sie beinahe nicht mehr erkannt hätte, dessen Haar schon dünn und dessen Bart grau geworden war.

Ach Gott! Ach Gott! Die Tränen stürzten ihr aus den Augen und fieberisch und dabei unbeholfen, in Seelennot und Spannung wischte sie Stuhl um Stuhl mit der Schürze ab, in 57 fliegender Hast und in der Pose: »O Herr, ich bin nicht würdig, daß du eingehest unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort,« doch niemand machte Miene, die Stühle benützen zu wollen, und niemand achtete ihrer, nachdem die Baronin einmal einen kleinen malitiösen Seitenblick nach ihr getan.

Vor der Türe stand der Bediente Schildwache, damit die Menge, die die vornehmen Herrschaften bis dahin begleitet hatte, nicht hereinflute.

Der Meister hatte jetzt ganz die Stellung eines Impresario angenommen, gefaßt, würdig, fast überlegen, seit er sich von der tadellosen Equipierung des Maxl überzeugt hatte.

Maxl selbst, der Held des Ganzen, stand mit einer Armensündermiene mitten in der Stube vor der seidenrauschenden Dame und dem erotisch riechenden Herrn; er hatte das deutliche Gefühl, daß man ihm im nächsten Augenblick die Joppe aufknöpfen, und daß dann sein wüstes, schmutziges und zerschlissenes Hemd offenbar würde.

Darum starrten seine wasserblauen Augen angstvoll auf die große starke Dame, während die roten, knotigen Kinderhände mit den knochigen Gelenken, die viel zu weit aus den kurzen Joppenärmeln heraussahen, sich hilflos an der Hose einzuhalten suchten.

58 Die stattliche Baronin ging wortlos um ihn herum.

Ja, da stand er, recht wie ein verscheuchtes, verprügeltes Hündchen, das verkauft werden soll, und das man gern besser machen möchte, als es wirklich ist. Er senkte wie schuldbewußt den schmalen, melancholischen Kopf.

»Listig, feige, verschlagen,« konstatierte die Baronin, und »Aehnlichkeit?« – sie zuckte die Achseln und, ihr langstieliges Lorgnon vor die Augen haltend, tippte sie mit der linken Hand auf Maxls Schulter, ein paarmal, ermunternd zuerst und dann energisch, daß er sich drehen möge.

Ungeschickt, hinkend und humpelnd tat er's endlich, da brach sie in ein belustigtes Lachen aus, denn sie war eine Dame von Humor, schüttelte amüsiert den Kopf, prustete noch ein bißchen und sagte dann:

»Edgar, ich bitte dich, schau ihn doch genau an! Das ist Rasse! Hast du noch Lust?«

Der Baron machte eine geringschätzige Bewegung mit der rechten Hand, deren Fläche er etwas nach außen hob, nachdem er einen Anlauf die Achseln zu zucken, aufgegeben hatte, verzog den Mund, ohne ihn zu öffnen und ging, seinen Hut etwas mehr in die Stirne rückend. Das war sein Abschiedsgruß dem Meister und der Meisterin gegenüber, während die Baronin das 59 Lorgnon fallen ließ, das fette weiße Kinn auf die Brust drückte und lächelnd, ein paarmal nickend, an dem Bedienten vorbei, der mit unergründlichem Gesicht die Schusterstüre offen hielt wie die eines Salons, rauschend und grüßend abzog, durch das Volk des Paradieses, das vor ihr fast Spalier gebildet hatte und hinter ihr drein lief, bis sie in dem dunkelblauen Wagen mit dem diskret roten Wappen verschwunden war; fast hätte man ihr noch ein »Hoch« nachgerufen.

Drinnen schüttelte sie amüsiert, ein bißchen spöttisch dazu den Kopf. Die Adoption war also gründlich mißlungen, und sie wollte eben dem Gatten eine scherzhafte Bemerkung darüber machen, als sie sah, daß er die Augenbrauen finster und geärgert zusammenzog; da schwieg sie, denn sie war nicht nur eine Dame von Humor, sondern auch von Takt, und die Hände in den tadellosen grauen Dänen faltend, legte sie sich im Coupé zurück, gähnte ein paarmal und blieb im Halbschlaf, bis der Wagen wieder hielt.

 

 

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