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Winkelquartett

Anna Croissant-Rust: Winkelquartett - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleWinkelquartett
authorAnna Croissant-Rust
year1908
firstpub1908
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
titleWinkelquartett
pages286
created20131105
sendergerd.bouillon@t-online.de
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272 Ein paar Tage lang ging die Line mit verweinten Augen in ihrem dumpfen Schmerz umher und litt furchtbar darunter, sich niemand offenbaren zu können. Weder den Fritzl noch den Maxl, der ihr jetzt gerade recht gewesen wäre, sah sie, am Mahnschen Hause traute sie sich nicht vorbeizugehen, doch rang sie mit dem Entschluß, einen großen Brief an die Freundin zu schreiben, da bekam sie selbst einen vom Rosinchen, der so lautete:

»Liebe, alte Line! Du kannst mir doch nicht wirklich bös sein, ich bin in Kenntnis davon und ich muß neulich rasend gewesen sein, Du weißt: »Da werden Damen zu Hyänen!« Du hast recht, es ist so, wenn die Liebe ins Spiel kommt, es war auch falsch von mir, nicht nur die Aeußerlichkeiten kommen ins Gehege, es ist alles Trug und Schein, und man kann sich auch an die Seele halten und mit beiden glücklich werden. Das bin ich jetzt und vollkommen im Reinen, ich hab mich wiedergefunden und lade dich deshalb zu einer Familienfeier (Verlobung) ein, bei der auch der 273 Betreffende beteiligt ist. (Sonntag um ½12 Uhr.) Ich ziehe unsere weitläufige Freundschaft in Betracht und bitte Dich um Verzeihung und darum, daß Du kommst, es wird dich nicht gereuen.

Deine Dich trotzdem liebende und noch glücklich zu werden hoffende

Rosine Mahn.

NB. Für Ueberraschungen ist gesorgt!«

Auch auf dem Ladentisch des Herrn Kammachermeisters Fritz Glocke, Jean Ressers Nachfolger, wurde ein Brief von Fräulein Rosina Mahn niedergelegt. Darin stand:

»Herr Kammachermeister Fritz Glocke, Jean Ressers Nachfolger, wird gebeten, sich zur Feier der Verlobung am nächsten Sonntag ½12 Uhr bei Herrn Aaron Mahn einzufinden.«

Was? – was? – was war das? – –

Der Herr Kammachermeister rannte wie besessen im Laden hin und her.

Was sollte da auf einmal gefeiert werden? – – – Er mochte den Haarschopf drehen und ziehen, wie er wollte, sein Zorn und seine Verwirrung wurden immer größer. Warum kamen die denn gerade jetzt daher, wo sich so manches ändern wollte, wo sich noch nicht alles geklärt hatte, wo er im Begriff war, andere süße Bande anzuknüpfen? Gerade jetzt fiel es der konfusen 274 Gesellschaft ein! Was war denn dem niederträchtigen Alten plötzlich in die Krone gefahren? – Sollte er zur neugeschenkten Schwester und zur leidenden schönen Nichte und sich Rats erholen? Nein! Damit verdarb er sich ja alles! Hier die achtzigtausend, dort – – nein! um keinen Preis!

Dabei hatte er keinen Gesellen, niemand, der ihn im Laden vertreten konnte, und die tückische Glocke, d. h. die Ladenglocke, nicht die Mama Glocke, machte in einemfort bimbim – er konnte nicht fort!

Es war doch gemein, ihm die Sache so ohne weiteres an den Kopf zu werfen! Die packten ihn ja direkt beim Kragen! – Bagasch!

Endlich wurde es Abend, endlich konnte er fort – aber als er an das Mahnsche Haus kam, sah er, daß alles verschlossen und alle Fenster dunkel waren.

Aus der halbtauben Magd war nichts weiter herauszubringen, als daß die Herrschaften alle fort seien, alle.

»Verfluchte Gesellschaft,« räsonierte der Fritzl. Die gingen doch sonst nie spazieren! War denn alles verhext?

Auch der Maxl war fort.

»Vielleicht Fensterparaden machen,« meinte mit dem Gesicht des überlegenen, schönen jungen 275 Mannes, von oben herab, lächelnd der Bruder Schusterbaron.

Wo er sein könnte, dachte sich der Fritzl, aber als er hinauskam vors Tor, und in die breite Allee einbog, begegnete ihm die Line allein. Sie kam auch sofort auf ihn zu, aber die paßte ihm heute nicht in den Kram, trotzdem mußte er standhalten.

»Ach Fritzl,« hauchte die Line, – in ihren Augen standen Tränen – »so ist der Würfel gefallen, das Schicksal hat entschieden!«

»Ja, Schnecken,« schnaubte der Fritzl, »Verlobung ist keine Heirat, ich hab mir grad jetzt noch was anders zu überlegen.«

»Ach, aber es ist entsetzlich! Sie lieben die Aermste nicht! Dutzendmal haben Sie mir versichert –« sie weinte laut – »daß du nur mich liebst!«

»Heulen Sie doch net so! Ich kann so ein Rinnsal net leiden! Was ist denn nachher? Geld hat sie halt –«

»Ach Fritzl, alles sollst du haben, was ich besitze, alles schenk ich dir –«

Der ungeduldige Fritzl schnitt eine Grimasse.

»Da hätten Sie früher drandenken können –.«

»Alles hätt' ich aus freien Stücken getan –«

»Ja,« grunzte der Fritzl, »nur das net, was 276 ich wollen hätt! Hören Sie, meine Holdeste, ich bin nicht eingenommen für Ihre Temperiertheit, wenden Sie's doch dem Maxl zu, für den genügt's, und lassen Sie in Zukunft mich ungeschoren; ich weiß sowieso net, wo mir der Kopf steht vor lauter Frauenzimmer! Ich hab gemeint, in dem Haus da haben Sie was gelernt; die recht schöne Vereinbarung von Frömmigkeit und Lebensgenuß und von Heimlichkeiten und »sich alles Erlauben«, Sie haben kein Talent, haben Sie gehört?«

Da ging er hin! Nicht einmal den Hut lüftete der Schamlose, den von ihr gekauften Hut, und ohne Erröten trug er die rote Kravatte! –

»Die Maske ist gefallen,« flüsterte die Line, »der Elende entlarvte sich selbst.«

Nun war sie entschlossen, zur Feier zu gehen und dem Rosinchen zu verzeihen, es mußte aus den Klauen dieses Satans befreit werden.

 

 

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