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Winkelquartett

Anna Croissant-Rust: Winkelquartett - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleWinkelquartett
authorAnna Croissant-Rust
year1908
firstpub1908
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
titleWinkelquartett
pages286
created20131105
sendergerd.bouillon@t-online.de
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250 Natürlich dachte der Maxl, nun sei es mit der Freundschaft aus, und er war traurig darüber und trug nicht leicht daran, wenn er auch jetzt einsah, wie vieles Spreu am Fritzl war; er war ihm doch einmal alles gewesen, Heimat, Zuflucht, mehr als Vater und Mutter, Glaube an eine Zukunft; er verkörperte ihm sein jugendliches Wollen, sein Ringen, seine früheren Träume. Er war doch einmal sein Abgott gewesen, sein unerreichbares Ideal, sein zweiter »Bismarch«! Freilich, jetzt mußte er über vieles lächeln, doch sein Glaube an Fritzls überragende Begabung war noch nicht ganz erschüttert, dazu kam das Mitleid jetzt auch noch. Er verstand, oh, er verstand ihn so gut, und es tat ihm weh, daß gerade er ihm diesen Schmerz zufügen mußte!

Dazu erschütterten ihn jetzt Gefühle, die er nicht mit der Mutter, die er nicht mit dem Kaplan oder gar mit der Baronin besprechen konnte. Der Mutter wäre ja nichts schön und vornehm genug für ihn gewesen, der Kaplan wies ihn in solchen Dingen mit einer Art verlegener Hast ab 251 und der Baronin, die ihn gerade nach der Richtung hin stets auf das Peinlichste ausforschte, ja, der es ein Bedürfnis war, ihn deshalb zu quälen, hätte er um die Welt nichts eingestanden. Sie war trotz aller Liebenswürdigkeit, die freilich immer mit Malice gewürzt war, für ihn dieselbe geblieben, die ihn seinerzeit mit den fein behandschuhten Fingern hin- und hergedreht, mit dem Lorgnon betrachtet und für untauglich erklärt hatte. Sie drehte ihn geistig jetzt auch herum und er hatte das deutliche Gefühl, sie hielt ihn genau für ebenso »unzulänglich« wie damals, und sie tat nur, wie wenn sie einer Laune des Verstorbenen treu bleiben und ihn dulden wollte aus übertriebener Pietät. Gut, er wollte diesen krüppelhaften Sohn versorgen, um sein Gewissen zu entlasten, quasi um etwas gut zu machen; sie tat ihr Möglichstes, wenn sie auch dabei die Mundwinkel herabzog und die Achseln hob wie damals, wo er als Versuchskaninchen vor ihr stand. Sie wäre die letzte gewesen, der er von seinen Geheimnissen verriet, obwohl sie immer augenblinzelnd tat, als wisse sie schon längst alles.

Um solch zarte Dinge auszusprechen, hätte er eines Freundes bedurft. Die waren ja so zart, daß er sich vor der Mutter schämte. Vielleicht hätte er doch mit Fritzl davon reden können – 252 vielleicht! Nun kam der unselige Streit. Freilich nahm er sich gerade wegen des Streites vor, den Fritzl in seiner jetzigen gedrückten Stimmung aufzusuchen, aber immer wieder hielt ihn sein Stolz davon ab. Der Maxl war tatsächlich in seiner Art stolz geworden. Das Vermächtnis des Vaters, der zu seinen Lebzeiten nichts von ihm hatte wissen wollen, hatte ihm doch mehr Rückgrat gegeben, als er selbst wußte. Er war über Nacht aus einem Geduldeten und unwirsch Behandelten, aus einem Gedrückten und Hoffnungslosen ein Freier, ein Beneideter und Gesuchter geworden. Auch zu Hause, ja gerade da am meisten. Der Vater Schuster tat, als habe er nie einen Zweifel darein gesetzt, daß er sein ehelicher Sohn sei, obwohl ihm – o wunderliche Verkettung der Dinge! – die Erbschaft infolge seiner Unehelichkeit zugekommen war, und er sagte zu allen Leuten, die es hören wollten: »Mein Herr Sohn, der Student,« oder gar: »Mein Herr Sohn, der Schriftsteller,« obwohl der Maxl ganz erschrocken dagegen protestierte und behauptete, er wolle es ja nur probieren, ob er es wagen dürfe, er solle doch ja niemand ein Wort darüber verlauten lassen! Es kam doch unter die Leute, und nicht allein die Paradiesgasse lachte sich krumm darüber, daß der hinkende Maxl ein Dichter werden wollte.

253 Das war ja des Dichters Los, daß sie ihn alle nicht verstanden, nur von einer hätte er es ersehnt, daß sie ihn verstanden hätte, von einer, die ihm in ihrer Träumerei und Entrücktheit ähnlich war.

So kam es, daß er oft und zu allen Tageszeiten in der Nähe der Villa Lohberg anzutreffen war, sie in weitem Bogen umkreiste, ihre Fenster nicht aus den Augen ließ, scheinbar auf einem Spaziergang begriffen, scheinbar in ein Buch vertieft, im langsamen Schlendern, oder vor sich hinträumend auf einer Bank, dem großen parkartigen Garten der freiherrlichen, oder besser freifraulichen Behausung gegenüber.

Sonderbarerweise lief ihm dort auf einmal der Fritzl in den Weg zu einer Stunde, wo er notwendigerweise noch im Geschäft hätte sein sollen.

Während dem Maxl das Herz bis in den Hals herauf schlug, tat der Fritzl gar nicht, als sei irgend etwas zwischen ihnen vorgefallen, sondern meinte nur etwas obenhin: »Hab eben mit dem Fräulein Lini einen Spaziergang ins Sommertheater nach der Eich verabredet, da mußt du natürlich auch dabei sein, wir sind alle vier doch eigentlich rechte Theaternarren, bist einverstanden?«

Der Maxl nickte stumm und war von Herzen 254 gern dabei. Das Rosinchen meinte freilich, als ihr der Herr Kampelmachermeister den Plan des »Freundschaftsausfluges« mitteilte: »Freundschaftsausflug? Des sin Freundschafte wie schlecht geleimte Kaffeetasse!«

Es hatte überhaupt etwas sehr Aggressives und, entgegen seiner sonstigen Gesetztheit, etwas Unruhiges angenommen, das sich deutlich bei dem Ausflug zeigte.

Während sie auf der staubigen heißen Landstraße, die nach der »Eich« führte, paarweise dahinschritten, der Maxl und die Line voraus, züngelten des Rosinchens Blicke fortwährend von einem zum andern, ohne daß es daran gedacht hätte, den Fritzl geistreich zu unterhalten, wozu es sonst weitgehende Anstrengungen machte.

Vorhin hatte der »Babe« gesagt:

»Rosinche, ich seh mit Befriedigung, daß du anfängst, dein Herz zu ignoriere; recht so. Aemol muß der Kopp wieder an die Tour. Wann er ganz an der Tour is, will ich noch ganz was anneres mit dir rede.«

So weit war's zwar noch nicht, wie es Vater Aaron sich dachte. Das Bräutchen war nur in zerrissener Stimmung. Nach außen hin sah alles freilich ganz harmlos aus, sie und der Fritzl, der Maxl und die Line, alles in Ordnung.

Daß der Maxl mit den schönen großen und 255 elegischen Augen, das Schönste an ihm, Feuer gefangen, mußte ja ein Blinder sehen. Die Line dagegen, die sah das gar nicht, die wollte das gar nicht sehen. Dafür hatte das Rosinchen Augen wie ein Luchs und die Ohren überall. Es hörte genau, was der Maxl sagte und hörte, daß die Line nur verlegen dazu lachte und nicht antwortete, aber stets eine Wendung mit dem Kopf nach rückwärts, zu ihnen machen wollte, und es immer wie unter einem Zwange wieder unterließ.

Die is in den Fritzl verliebt! sprach es in ihr. Und plötzlich bemerkte sie eine neue Kravatte an ihrem Bräutigam. Rot war sie, von Damast schwerster Qualität mit weißen Tupfen, und Rosinchen wußte, förmlich hellseherisch, ganz sicher, die hatte er sich nicht selbst gekauft, so was Teueres kaufte sich der Fritzl nicht.

Und sofort hielt sie ihn an, sie stellte ihn, sie drückte ihm die Faust auf die Brust: »Von wem is die Kravatt'? Hab de Mut und red aus.«

Doch der Fritzl mit seinem verkniffensten Gesicht, sagte ganz gleichgültig: »Geschenkt hab ich sie gekriegt. Mir hat sie gefallen in einer Auslage, da hat sie mir wer gekauft, Geheimnis wer. Du kapierst so was freilich net.«

»Von wem is se?« zischte das Rosinchen und krallte sich in seine Weste ein.

»Bedaure, ich sag's nicht.«

256 »Was?« schrie das Rosinchen, »ich bin dein Braut und du nemmscht Geschenke?«

»Halt! Du bist meine Braut noch lang nicht richtig, und kein Ring und kein Knopf bestätigt mir deine Liebe auf immer und ewig.«

Da kniff das Chlonnenchltrählche die Lippen ein und redete kein Wort weiter. Nur einmal fragte es den Fritzl: »Was murmelscht du immer?«

»Ich mach Geschäftsbilanz,« sagte der Fritzl. Dabei murmelte er immer vor sich hin: »Achtzigtausend Mark, achtzigtausend Mark wirft keiner weg. Du kriegst sie net wieder in die Finger. Achtzigtausend sind mehr wie zweitausend, mehr wie zwanzigtausend, mehr wie studieren.«

So gingen die vier Menschen dahin und ihre Gedanken taumelten um einander herum wie betrunken. Wenn sie zusammen sprachen, war's wie ein Werk, das aufgezogen wurde, und sie hätten gewiß im Augenblick alle vier nicht zu sagen gewußt, von was sie redeten. Ihre vier Körper bewegten sich vorwärts und erfüllten die ihnen unter diesen Umständen aufgezwungenen Funktionen. Ihre Seelen gingen derweilen in anderen Gefilden spazieren.

Auch während der Theateraufführung kam kein gemeinschaftlicher Gedanke auf. Der Maxl war schon zu weit über die rohe und primitive 257 Art des Schauspiels hinausgewachsen, um noch irgend einen Genuß daran zu haben, der verliebten Line war es nicht verliebt und dem eifersüchtigen Rosinchen nicht tragisch genug, während der Fritzl, dem nur die Bösewichter imponierten und Genuß gaben, gar nicht auf seine Kosten kam. So waren sie alle vier verstimmt und enttäuscht und gingen, noch ehe das Stück zu Ende war, wobei freilich das Rosinchen schwach protestierte: »Bleiwe mer bis es aus is, jetz hat's ämal des Geld gekoscht!« Jedoch niemand hörte auf sie; im Halbdunkel hatte sich die Line dem Fritzl genähert und war schnell wieder von ihm zurückgewichen, der Maxl hatte aber doch gesehen, daß sie etwas in Fritzls Hand hatte gleiten lassen, und der hatte es genommen wie etwas Gewohntes, Selbstverständliches, wie einen Tribut. –

Ueberwand er sich auf dem Nachhauseweg, die Line anzusprechen, so war's, als müsse er sie aus weiten Fernen holen, und sie stieß zuerst immer einen kleinen Seufzer aus, ehe sie antwortete, wie wenn sie ungehalten sei über die Störung.

Das andere Paar war fünf Schritte voraus, und das Rosinchen fand es gar nicht erst der Mühe wert, die kurze Strecke zurückzugehen und »Gute Nacht« zu sagen, als das letzte Paar die 258 Villa Lohberg erreicht hatte. Die Line zögerte und zögerte am Gitter, aber auch der Fritzl rief nur kurz: »Gute Nacht, schönes Kind!« herüber, da klinkte sie schnell die eiserne Türe auf, schlug sie wieder zu und rannte hurtig den Kiesweg hinunter. An den Maxl dachte sie gar nicht mehr.

 

 

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