Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Anna Croissant-Rust >

Winkelquartett

Anna Croissant-Rust: Winkelquartett - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleWinkelquartett
authorAnna Croissant-Rust
year1908
firstpub1908
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
titleWinkelquartett
pages286
created20131105
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

239 Währenddessen steuerte der Herr Kampelmachermeister Fritz Glocke der Paradiesgasse zu. Nicht so schnell ging's, wie er aus dem Mahnschen Laden geschossen war, und nicht so schnell, wie er sonst zu traben pflegte; er hatte an etwas zu würgen, und er hatte Pläne auszuhecken, dafür war der Maxl besonders brauchbar und ihm auch von jeher wichtig gewesen.

Schaute ihn der Maxl nur an, – er brauchte ja gar nicht zu reden, man las ihm ja alles vom Gesicht herunter – so klärten sich alle Dinge wie von selbst, gerade weil er meistens entgegengesetzt dachte wie der Fritzl. Man konnte seine Monologe so gut an ihn hinhalten, da hatte man noch obendrein die Genugtuung, den Maxl ein bißchen hin- und herzerren, ihn zum Gruseln oder zur Bewunderung bringen zu können, denn schwankend wurde er ja immer wieder, wenn der Fritzl mit seinen Untiefen kam.

Seit der Kammachermeister geworden war, hatte er das Paradies überhaupt noch nicht 240 betreten, und es würde wohl ein großes Halloh geben, wenn er erschiene, dachte er. Daß er den Maxl schlecht und grob behandelt hatte, beschwerte den Fritzl nicht. Wann hätte der jemals eine schlechte Behandlung von seiner Seite übel genommen? War er nicht auch in seinem Recht, wenn er nicht duldete, daß ein anderer seine Hand auf den alten Freund legte? hatte er ihm nicht oft schon warnend gesagt: »Du sollst keine fremden Götter neben mir haben«?

Freilich kümmern konnte er sich nicht viel um den alten Kameraden. Bin ich nicht mit einem Geschäft und mit einer Braut behaftet? dachte sich der Fritzl, und muß ich nicht der halben Stadt weiblichen Geschlechtes süße Augen machen, um das Geschäft in die Höhe zu bringen, und nimmt es nicht einen Mann ganz in Anspruch, wenn er sich aus einer über alle Erwartungen zähen Verlobung, die nicht einmal eine richtige ist, zur Ehe durchbeißen soll? Und wer wie ich die aufblühende Liebe in einem unberührten jungfräulichen Herzen hegen muß, damit sie sich entfalte und Früchte trage, ist der nicht sozusagen in einem Ausnahmezustand? An und für sich ging er jetzt mit Widerwillen zum Maxl. Die Universität, daran hatte er zu würgen, obwohl er dem aufgebauschten Getue der Frauenzimmer nicht glaubte. Die Line tat's, um ihre 241 Baronin in noch höheres Licht zu rücken und das Rosinche versetzte ihm die Nachricht, eine giftige Kreatur wie es war, bloß um ihn zu ärgern. Bah! was waren denn die paar Hunderter, die dem baronlichen Papa wie andere fromme Legate unter kräftiger Assistenz der Kirche in seinen letzten schwachen Stunden herausgedrückt worden waren? Die hochmütige und fromme Baronin, die ihr Lorgnon so indigniert vor die Augen heben konnte, würde wohl einen andern Platz wissen, wohin sie ihre Gunst strömen ließ!

Der Fritzl kicherte vor sich hin.

Schwindel! Schwindel!

Mit der Absicht des Universitätsbesuches würde allerdings der Maxl, den er in Zukunft passender Weise nur in der Dunkelheit hatte besuchen wollen, ein standesgemäßerer Umgang für Herrn Fritz Glocke, Jean Ressers Nachfolger, – aber nein! es wurmte ihn, es durfte nicht so sein, er wollte es nicht, es wäre auch eine Niederträchtigkeit! – –

Es waren keine rosigen und friedlichen Gedanken, mit denen er das Paradies betrat. Auch das Paradies selbst bereitete ihm Zorn. Waren denn die armen Leute dort alle wahnsinnig, größenwahnsinnig geworden? Das war das alte Paradies nicht mehr. Neuer Anstrich an den Häusern, ein paar Knallhütten ganz 242 eingerissen und neue hohe Zinskästen an ihrer Stelle, die mit vielen, vielen Fenstern in die Höhe strebten. Ueber die Stadtmauern und das alte Neutor schauten zwei rote Fabrikschornsteine, die Ursache der Verwandlung und Verschönerung des Paradieses; alles ging jetzt natürlich in die Fabrik.

Schau da, sogar der Schuster hatte, dem Zuge der Zeit folgend, eine breitgiebelige Mansarde aufgebaut, und da oben hing eine Wildnis von Kapuzinern und roten Nelken herunter. Wenn das keine Allotria des Maxl waren! Seine Lippen zogen sich bös zusammen, und er nahm den Hut ab, so heiß wurde ihm die Stirne.

In der Werkstätte saß nicht mehr der Alte auf dem Dreibein, der schöne Bruder saß da, der viel eher die Qualitäten hatte, ein Sohn des Barons zu sein und – o Ironie des Schicksals! – in der ganzen Stadt seines feudalen Auftretens und seiner Passionen halber der Schusterbaron hieß.

Niemand schien über des neuen Meisters Besuch erstaunt oder gar aufgeregt zu sein. Der Alte lüftete sein Käppchen ein wenig – der Fritzl hatte es ihn schon oft viel beträchtlicher lüften sehen; – er war sehr bequem und schön rundlich geworden und machte jetzt seines Sohnes Gesellen, was ihm viel vergnüglicher vorkam, 243 als das Meister sein. Mochte er einmal nicht arbeiten, so konnte er in der großen Stube nebenan sitzen, die so groß aussah, weil jetzt die vielen Betten herausgeschafft waren. Die Töchter gingen in die Fabrik, erklärte ihm der Alte, ein paar Buben auch, die Kleinen teilten sich in die Dienste, die früher dem Maxl und dem schönen Bruder zugefallen waren. Der Maxl war nicht da.

»Wo ist er?« fragte der Fritzl, dem's nicht einfiel, seinerseits zu grüßen; die Frage, die er von alters her getan. Der Alte deutete, ohne viel Worte zu verlieren, mit dem Pfeifenstiel nach oben und schaute dann, wie es jeder Schuster von echtem Geblüt zu machen pflegt, auf Fritzls Stiefel und sogleich mißbilligend wieder in die Höhe, denn was ein rechter Schuster ist, einer vom alten Schlag, verachtet Fabrikarbeit, und verachtete sie noch mehr zu damaliger Zeit. Das war fast so schlimm, wie wenn einer kein Hemd anhatte, denn der Fritzl trug, ahnungslos was dabei in einem schusterlichen Gemüt vorgehen könne, seinen Grundsätzen gemäß ganz billige »Stutzen« makelloser Fabrikabkunft. Der Richtung des schusterlichen Pfeifenstiels, nicht der des Blickes folgend, entdeckte der Fritzl eine Türe, die früher nie dagewesen, und weil niemand Miene machte, ihn besonders zu 244 bewillkommnen oder ihn in ein Gespräch zu verflechten, und die zwei nur weiterklopften, wie wenn er gestern erst in der Werkstätte gewesen wäre, der Jüngere sogar von der Höhe seiner schönen Männlichkeit herab, mit ausgeprägt ironischem Gesicht, stieg der Fritzl wie ein beleidigter kleiner Gockel auf die Türe zu, und fand eine schneeweiße, noch ganz neue Stiege, die er hinaufstieg, bis er vor einer Tür droben Halt machte. Aus der Türe schallten nämlich die schwachen Töne einer Gitarre, und einer sang mit einer dünnen zittrigen Stimme. Der Fritzl hielt an und lauschte, und sein Gesicht verzerrte sich vor Hohn. So vertrieb er sich also die Zeit! Das genügte ihm? Das war die Vorbereitung für die Universität?

Doch war's der Ueberraschungen letzte nicht. Beim Eintreten sah sich der Fritzl in einem netten blitzblanken Zimmer, ein einziges Bett darin dokumentierte den Maxl als alleinigen Besitzer. Unerhört! Wann war in diesem Hause jemals irgendwo nur ein Bett gestanden? – Das Zimmer hatte zwei Fenster, und die Sonne schien herein, und die Blumen blühten davor; an der frischgrünen Wand hingen ein paar Bilder, in einem völlig neuen Bücherregal standen Bücher, auf einem Tisch lagen wieder Bücher und Papier und Feder daneben und mitten drinn, nein, 245 dicht neben den Büchern saß der Maxl in einer Art von Schaukelstuhl, hielt die Gitarre im Arm, ließ sich von der Sonne anscheinen und zirpte wie eine Grille. Dabei machte er große blaue Augen in die Ferne und tat von der Herrgottswelt nichts, nichts, nichts!

Bis ins Innerste getroffen und ergrimmt schrie ihn der Fritzl an:

»Du hast, scheint mir's, jetzt eine neue Profession, willst ein Tagdieb werden?«

Von dem lauten und schrillen Ton dieser Stimme kam der Maxl aus seinen Fernen zurück; erschrak zwar, aber ganz und gar nicht so sehr, wie es der Fritzl erwartet hatte.

»Ganz und gar nicht,« sagte er leise; zaghaft und stolz zugleich, legte er seine Hand auf den Stoß Bücher neben sich und sagte: »Da schau, ich studiere, ich lese.«

Der Fritzl lachte, ein böses Lachen war's, und seine kleinen Augen funkelten.

»No, stehst du net auf?« Das war sein alter Ton, und wie in alten Zeiten folgte der Maxl, aber es war Würde in seinem Tun und er sagte: »Entschuldige, und setz du dich.«

»Was? Was wär denn das für eine neue Mode! Wo hast du das gelernt?« und er machte drei fürchterlich übertriebene Bücklinge und schrie dazu: »Bei der Baronin Lohberg, bei 246 Gnaden der Baronin Lohberg, bei der Geliebten –«

»Sei still, Fritzl, ich dulde nichts Gemeines da herinnen, sie kann tun, was sie mag, schrei nicht so; ich bitt' dich!«

»Ich schrei, wie ich mag, und ich red von der Leber, ich, deine Duckmäuserei hab ich satt. Was wär denn das für eine Wirtschaft? Seid ihr alle Fürsten worden? Wie empfängt man mich? Ich bin der Kammachermeister Fritz Glocke, verstanden! Ich hab ein feines Geschäft aus eigenen Kräften, ich hab eine Braut, die eingestandenermaßen achtzigtausend Mark Mitgift bekommt, und gleich kann ich sie haben, wenn ich sie will, brauch nur mit dem kleinen Finger zu winken. Und wie respektiert ihr das? Bist du ein Baron worden? Muß ich etwa Herr Baron zu dir sagen wegen der lumpigen paar hundert Mark, die sie dir wegen deinem Dasein noch zuletzt an den Kopf geworfen haben? Hast Angst, ich will was davon? Ich will nix, nix, aber als mein Freund sollst du dich benehmen! Wie geht denn das zu bei euch? Was ist denn das für eine Wirtschaft? Der Alte macht a G'sicht wie a Großmogul und der Junge wie a Türk, der die ganze Stadt als Harem gepachtet hat – es is gewiß jetzt eine Ehre, wenn man mit euch verkehren darf? Verwandt mit dem Hause Lohberg? – Muß man sich anmelden lassen, eh man 247 in deine Gemächer eintritt? Was haben der Herr Baron geerbt? Was gedenken der Herr Baron zu tun? Wie weit sind der Herr Baron mit seinen Studien? Daß ich nicht lach! Der hinkende Maxl und studieren! Der hinkende Maxl und die Universität! Die Universität! Herrgott, manchmal möcht' dich grad der Zorn umbringen!« Er wurde kirschrot, ganz wie die Mutter Glocke, wenn sich ihr Quartalszorn von weitem ankündigte, und plötzlich brüllte er los: »Wie viel als du kriegt hast, will ich wissen, auf der Stell sagst mir's, Mensch, ohne Umschweif! Ich steh dir für nix! Es könnt sein, ich müßt dich halbet umbringen da heroben in deiner Dockerlstuben!«

Und wirklich drang er förmlich auf den Maxl ein, und packte ihn fest bei den Handgelenken und schüttelte ihn.

Lautlos ließ sich der Maxl schütteln und schaute nur halb traurig und halb furchtsam mit seinen großen blauen Augen nach dem Wütenden.

»Brauchst mich nicht halb umzubringen,« sagte er leise, »es braucht nicht so weit zu kommen, es ist kein Geheimnis« – er richtete sich stolz auf, »ich habe zwanzigtausend geerbt und ich studiere das, was mich freut, und hoffentlich 248 wird noch was aus mir; aber jetzt laß los!« sagte er ernsthaft und fest.

Augenblicklich ließ der Fritzl los: »Zwanzigtausend?« stotterte er. »Ich kann's net hören, ich kann's net vertragen, mach keine schlechten Witz! Und du, du – studierst und ich? –«

Und plötzlich löste sich die Spannung in ihm, alle aufgespeicherte Aufregung, aller Zorn überschlug sich förmlich, er knickte zusammen, es fing an ihn zu stoßen und er begann zu weinen. Ein verbissenes eigensinniges Schluchzen war's, das den Maxl hilflos und furchtsam machte, er wußte nicht, was tun. Zuletzt wollte er den Fritzl linkisch bei der Hand nehmen und ihn trösten, ihm in seiner Verwirrung zureden, aber der stieß ihn zurück, sprang auf und brüllte: »Rühr mich nicht an, du Tropf, du falscher, aus is mit uns!« und rannte hinaus, ohne ihm einen Gruß gegeben zu haben.

Auf der Treppe stieß er fast des Maxls Mutter um, er sah sie nicht und hätte sie überhaupt nicht mehr gekannt.

In ihrer Angst, weil sie streitende Stimmen hörte, war sie schon eine geraume Zeit draußen gestanden, die lauten Reden hatten sie aufgestört und erschreckt, sie bangte jetzt für ihren Maxl. Jetzt war er ihr das liebste unter ihren Kindern, es war ja auch gewissermaßen in Erfüllung 249 gegangen, was sie für ihn gehofft. So oft sie jetzt von ihm sprach, kam ein Glanz in ihr Gesicht, das noch immer faltenlos war, und das einst schöne Wäschermädl nicht verleugnete.

 

 

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.