Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Elsa Beskow >

Wildvogel

Elsa Beskow: Wildvogel - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorElisabeth Beskow
titleWildvogel
publisherHamburg Agentur des Rauhen Hauses
year1915
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidd85a7b0e
created20061216
Schließen

Navigation:

9.

In Sund wurde ein Abschiedsfest für Ebba gefeiert, die am folgenden Tage mit einigen Kameradinnen nach Dalekarlien abreisen sollte, um von dort eine Fußreise zu unternehmen. Das Fest war der Insel, Frau Beatas und des Meeres würdig. In drei Booten ruderte man über die spiegelglatte Wasserfläche nach der Skarpinsel. Alles aus Sund war mit, außerdem der Doktor mit seinen beiden Buben und Fabians und Ebbas jugendlicher Freundeskreis. Sogar der Pastor hatte seine Einsamkeit verlassen, um sich der fröhlichen Gesellschaft anzuschließen.

Zufällig hatte Frau Beata gehört, daß eine arme alte Frau auf der Insel Skarp krank läge und hatte deshalb Agnes beauftragt, einen großen Korb voll Lebensmittel zu packen, so daß es für beide Alte eine Weile reichlich genügte.

Groß war die Freude der kranken Greisin und ihres Mannes über die reichlichen Vorräte und über den unerwarteten Besuch des Doktors, wie den des Pastors. Es war in der Tat ein Freudentag für sie.

Der Doktor hielt sich nicht lange in der Stube auf.

»Ich kann nichts weiter tun, als den Fortschritt der Krankheit feststellen,« sagte er, als er wieder herauskam.

»Das muß sehr niederschlagend sein,« bemerkte eines der jungen Mädchen.

»Weshalb? Ich bin nicht der einzige, der gezwungen ist, die Flagge vor dem Tode zu streichen,« erwiderte er und zündete sich eine Zigarre an. Nun ging der Pastor zu der Kranken, und Agnes sah ihm nach, bis er verschwand, dann glitt ihr Blick flüchtig über den Doktor. Er bemerkte es und erriet ihre Gedanken.

»Aha!« sagte er, halb überlegen, halb gutmütig lachend.

Agnes sah ihn fragend an.

»Ich habe Ihre Gedanken gelesen!«

»Was dachte ich denn?« fragte Agnes, leicht errötend.

»Scheuen Sie sich, es auszusprechen?« fragte er mit einem interessierten und forschenden Blick.

Agnes errötete noch tiefer, überwand aber ihre natürliche Zurückhaltung.

»Nicht alle werden gezwungen, die Fahne vor dem Tode zu streichen,« sagte sie.

»Meinen Sie, daß Löwing die alte Frau retten kann?« fragte der Doktor halb spöttisch. Er wußte wohl, was Agnes meinte, aber es machte ihm Spaß, sie dahin zu bringen, das auszusprechen, was sie am liebsten in sich verschlossen hätte. Es war nicht leicht für sie, denn nicht nur der Doktor hörte zu, sondern die ganze Jugend umstand sie, gespannt lauschend.

»Nicht er, aber derjenige, dem er dient,« antwortete Agnes schnell und leise.

»Kein Glaube kann wohl den Tod aufhalten,« beharrte der Doktor und blies große Rauchwolken aus seiner Zigarre, während er Agnes belustigt mit halbgeschlossenen Augen beobachtete.

»Der Stachel des Todes ist zerbrochen, und es gibt ein ewiges Leben,« antwortete Agnes.

Sie sprach gezwungen, augenscheinlich von einer inneren Macht getrieben, dies Bekenntnis zu äußern, das dadurch eine wunderbare Kraft gewann. Niemand konnte ein Wort dagegen sagen, wie sie so demütig dastand und ihren Glauben bekannte.

Der Doktor betrachtete sie sinnend und strich die Asche von seiner Zigarre.

»Es ist niemand verwehrt, zu glauben und zu hoffen, aber zu behaupten, daß man etwas von dem Zustand nach dem Tode wisse, ist vermessen,« sagte er mit größerem Ernst als vorher.

»Kann es vermessen sein, zu behaupten, daß man das weiß, was Gott selbst uns gesagt hat?« fragte Agnes.

Der Doktor sah sie an und zog die Augenbrauen fragend in die Höhe. Agnes beantwortete die stumme Frage mit einem Bibelspruch.

»Wir wissen aber, so unser irdisch Haus dieser Hülle zerbrochen wird, daß wir einen Bau haben, von Gott erbauet, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel,« sagte sie und betonte das »wissen« leicht.

Wenn ich mich nicht irre, so ist es Paulus, der das gesagt hat. Ist denn Paulus Gott selbst?« Bei diesem Einwand flammte es in Agnes' milden Augen auf.

»Wenn Paulus nicht genügt, dann hören Sie die Stimme von Gottes eingebornem Sohn! Am Kreuz sagte er zu dem sterbenden Schächer: ›Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein.‹«

Agnes sah den Doktor an, fühlte aber zu gleicher Zeit die Blicke, die einige der jungen Leute austauschten, und empfand die Verlegenheit, die sich in manchen Gesichtern spiegelte, als sie die Bibelsprüche anführte. Man war doch nicht in einem Bethaus! Sie fühlte das Peinliche und wunderte sich über die Freude, die vor einem Wort von Gott und der Ewigkeit verstummte und sich verbarg.

Im selben Augenblick wurde Agnes von ihrer Mutter abgerufen, die gar nicht begriff, warum keine ihrer Töchter ihr beim Auftischen der mitgebrachten Vorräte unter den weißstämmigen Birken behilflich war. Sie freute sich, daß ein weiteres Gespräch dadurch abgebrochen wurde und schickte einen stummen Seufzer über ihre eigene Schwachheit zu ihrem geliebten Meister empor. Sie tat einen Blick in sein allsehendes Auge mit der Bitte um Gnade und Vergebung für die Unvollkommenheit, mit der sie Zeugnis von ihm abgelegt hatte. Aber sie fühlte den inneren Zusammenhang mit ihm besonders stark, und seine Liebe erfüllte sie mit heimlichem Glück. Von allen ungesehen, war er ihr nahe, und in ihrem Innern lauschte sie seiner geliebten Stimme, die ihr besonders galt.

Sonja saß still und in sich gekehrt mitten unter der Jugend, die die ernste Stimmung schnell abgeworfen hatte und so munter war wie vorher. Sie dachte an die Unterredung zwischen dem Doktor und Agnes und hätte gern gewußt, was Max damit beabsichtigte. Agnes hatte ihre aufrichtige Bewunderung errungen.

Es entging ihr nicht, daß die jungen Mädchen mehr nach des Doktors Aufmerksamkeit strebten, als nach der der jüngeren Herren. Einige von ihnen waren so zudringlich, daß Sonja sich für ihr ganzes Geschlecht schämte. Sie fand auch, daß Max sich abweisender verhalten könnte, aber statt dessen scherzte er mit ihnen, und ermunterte sie dadurch.

Für sie selbst hatte er weder Augen noch Ohren, wenigstens schien es so. Aber seine Nichtbeachtung war eigentlich zu auffällig, um echt zu sein. Sie hatte das Gefühl, als beobachte er sie, ohne sie anzusehen.

Mittlerweile war das Mahl hergerichtet, und alle sammelten sich unter den Birken, mit Ausnahme des Pastors, der noch in der Hütte weilte.

»Geh doch und hole Pastor Löwing, Agnes,« sagte Frau Beata.

»Er wird schon kommen, sobald er kann,« antwortete diese.

»Eigentlich hätte er Zeit gehabt, sich auszusprechen, « bemerkte Ebba. »Es ist doch nicht gut für Kranke, wenn man so ewig mit ihnen spricht, nicht wahr, Herr Doktor?«

»Sie muß doch sterben, darum macht es ja nichts, wenn er es beschleunigt,« antwortete der Doktor.

Ebba stand auf.

»Komm, Sonja, wir wollen ihn holen.«

Sonja folgte. In der Tür der Hütte begegneten sie ihm.

»Wir wollten Sie eben holen, Herr Pastor,« sagte Ebba.

»Ach, Sie haben wohl gewartet?«

»O nein, durchaus nicht,« antwortete Ebba und deutete lachend auf das Birkengehölz.

Langsam gingen sie auf die anderen zu, aber Pastor Löwing sah aus, als weile er noch in der Welt, mit der er sich eben beschäftigt hatte.

»Ist es nicht schwer, mit einem Sterbenden zu reden?« fragte Ebba in einem so gleichgültigen Ton, als erkundige sie sich danach, ob es schwer wäre, Hebräisch zu lernen.

»Es ist verantwortungsvoll,« antwortete der Pastor.

Alle drei waren wie in schweigendem Übereinkommen stehen geblieben. Die See lag so ruhig und schön vor ihnen, und das Abendlicht über der weiten Fläche mit ihren Inseln und Klippen gewährte einen bezaubernden Anblick.

»Ist es verantwortungsvoller, als mit einem zu reden, der das Leben noch vor sich hat?« fragte Ebba kampflustig.

»Der Sterbende hat nur kurze Zeit vor sich. Es gilt, alles Unwichtige beiseite zu legen und nur den Kernpunkt festzuhalten.«

»Gibt es denn etwas hier im Leben, das man den Kernpunkt nennen kann?« fragte Ebba mit der unreifen Überreife der Jugend von heutzutage.

»Allerdings,« antwortete der Pastor gedankenvoll, »Sünde und Gnade.«

»Sünde! Das ist ein veralteter Begriff. Je mehr die Aufklärung zunimmt, desto mehr verschwindet die Sünde.«

»Dafür liefert unsere Zeit keinen Beweis.«

Seine ruhige Erwiderung machte einen solchen Eindruck auf Ebba, daß sie sie unbeantwortet ließ und einen Augenblick schwieg, um sich dann mit neuem Eifer und vermehrter Widerspruchslust auf die andere Seite des Kernpunktes von des Pastors Lebensanschauung zu werfen.

»Gnade ist ein unangenehmer Ausdruck, alles Edle und Stolze in unserer Natur lehnt sich dagegen auf. Wenn man überhaupt zu etwas taugt, braucht man keine Gnade, man handelt richtig.«

»So lange man kann, ja.«

»Natürlich, mehr kann wohl nicht verlangt werden!«

»Ihr sollt vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist. Soviel wird verlangt.« »Zeigen Sie mir doch einen Menschen, der so vollkommen ist wie Gott selbst!« rief Ebba herausfordernd.

»Gott sieht sie – in Jesus Christus, der sich selbst für die heiligt, welche er erlöst.«

»Das sind für mich böhmische Dörfer,« sagte Ebba verdrießlich und mit erzwungener Überlegenheit. »Sprechen Sie doch eine Sprache, die ich verstehen kann!«

Der Pastor schwieg, aber Sonja hatte viel darum gegeben, wenn sie seine Gedanken in dem Augenblick gewußt hätte.

Vielleicht verstand Ebba sein Schweigen besser als seine Worte, denn als sie wieder sprach, war ihr Ton weniger übermütig.

»Verdammen Sie den, welcher nicht an Sünde und Gnade glaubt?«

»Ich verdamme niemand.«

»Aber wenn jemand in den letzten Augenblicken die Gnade nicht annimmt, müßten Sie ihn dann nicht verdammen?«

In dem herausfordernden Blick, den Ebba auf ihn heftete, lag etwas Gespanntes.

»Das ist nicht meines Amtes. Ich kann einem Menschen in seinen letzten Augenblicken die Gnade nur im Auftrag meines Herrn anbieten. Es ist dann an ihm, zu richten, – nicht an mir.«

Er blieb stehen und sah auf das Meer hinaus, aber sein seelenvolles Auge erblickte fernere und lichtere Weiten als die sonnige Wasserfläche. Als er so dastand, begann er wieder zu sprechen.

»Sie nennen die Gnade peinlich und fühlen, daß alles Edle und Stolze in Ihrer Natur sich dagegen auflehnt. So ist es oft, uns allen geht es von Natur so, und ich will Ihnen nur noch sagen, daß alles sich verwandelt, sobald man Gnade braucht.«

Jedes einzelne der einfachen Worte atmete erfahrene Überzeugungskraft, und Ebbas Widerspruchslust verstummte. Auch sie blickte in die Ferne und schwieg.

Wildvogel aber sah den Pastor an und konnte ihren Blick nicht von seinem Gesicht loslösen. Plötzlich wendete er den Kopf, und ihre Blicke begegneten sich. Sie fühlte sich so schuldig, als habe er sie dabei ertappt, die Geheimnisse seines Lebens zu erforschen. Dann aber fiel es ihr ein, daß seine eigenen Worte ihr den Einblick gewährt hatten, und nun wagte sie den Blick wieder zu erheben.

Sah sie recht? Hatte sich die Farbe seiner Wangen nicht vertieft, und sprach nicht eine gewisse Schüchternheit aus seinem Blick? Und das vor ihr! Wußte er denn nicht, wie hoch erhaben er über andere war? Und die Erkenntnis, daß Gottes Gnade ihn zu dem gemacht hatte, was er war, machte ihn nicht geringer!

So dachte Sonja, und in ihrer Seele vollzog sich eine große Umwälzung. Unter Kummer, Schmerzen und Ungewißheit war sie durch den Pastor und Agnes mit einer neuen, mächtigen, alles verwandelnden Kraft in Berührung gekommen. Wohl hatte sie diese Kraft früher bei anderen Menschen gesehen, aber sie war nicht so in ihr eigenes Leben getreten wie jetzt, da alle Pforten ihres Innern weit aufgesprungen waren und ihrer Seele Leerheit und Schwachheit nach der neuen Kraft schrie.

Als man sich am Abend trennte, ging Sonja mit Agnes in deren Stube. Sie war noch nie dort gewesen und blickte sich mit Interesse darin um.

Das erste, was ihre Aufmerksamkeit fesselte, war das Bild eines jungen Seemannes, der ganz allein an der einen Wand hing.

»Er ertrank beim Kap der Guten Hoffnung,« sagte Agnes, als sie merkte, daß das Bild Sonjas Blicke an sich zog.

»Deine Mutter hat mir von ihm erzählt.«

»Es ist jetzt vier Jahre her,« sagte Agnes.

»Meinen Schmerz erlebte ich vor neun Jahren,« sagte Wildvogel leise.

»Man vergißt nie, wenn auch die Zeit den Schmerz lindert,« sagte Agnes mit ihrer ruhigen Sicherheit.

»Man möchte auch gar nicht vergessen, selbst wenn man könnte,« entgegnete Wildvogel.

»Man möchte es nicht, weil die Liebe zu den Toten die Gefühle für die Lebenden läutert,« stimmte Agnes bei.

»Die Liebe zu den Toten legt sich wie reiner, frischgefallener Schnee auf das fiebernde Herz,« sagte Wildvogel sehnsüchtig.

Die beiden verstanden sich wunderbar gut und saßen bis weit in die Nacht hinein beisammen. Wildvogel erzählte von Viktor und seinem Vater und Agnes sprach von ihrem jungen Seemann. Sie vertieften sich beide in ihre geliebten Toten, als wollten sie sich Ruhe bei ihnen holen. Als sie sich aber endlich mit Herzlichkeit gute Nacht sagten und jede allein in ihrem Zimmer war, dachten sie nicht mehr an die Toten.

10.

Mitunter überfiel Doktor Reis ein unbehagliches Gefühl der Verantwortlichkeit gegen seine beiden kleinen Buben, und bei einer solchen Anwandlung sagte er einmal zu Lisbeth, seiner Haushälterin, sie solle die beiden Jungen in die Sonntagsschule bringen und dort in eine Klasse aufnehmen lassen. Lisbeth tat, wie ihr befohlen war und brachte sie in die Knabenklasse des Lehrers, hoffend, daß sie da die strengste Zucht finden würden. Aber wie dem auch sei, die Jungen wurden durch den Besuch der Sonntagsschule nicht weniger unbändig, sondern eher schlimmer, wie es Lisbeth schien, und nach und nach entwickelten sie eine großartige Erfindungsgabe, wenn es galt, Vorwände zu finden, um zu Hause zu bleiben.

Eines Sonntags, als sie sich die ganze Zeit schauderhaft betragen hatten, wurden sie des Nachmittags bedenklich still. Als Lisbeth sie zur Schule zurecht machen wollte, lag Wolf auf der Diele und wand sich in Schmerzen, während Björn mit geschlossenen Augen auf dem Sofa lag und sagte, er könne vor Kopfschmerz kein Wort sprechen.

Lisbeth erschrak keineswegs, wie sie erwartet hatten, sondern war im Gegenteil hartherzig genug, Wolf an den Arm zu fassen und in die Höhe zu reißen.

»Na, wird's bald! Du hast ebensowenig Magenschmerzen wie ich!« fuhr sie ihn an.

Wolf brüllte, aber es klang weniger schmerzerfüllt, als wütend. Da flog die Tür auf und der Doktor erschien mit zerzausten Haaren, denn er war aus seinem Mittagsschlaf aufgeschreckt worden.

»Was fällt dir denn ein, du Schlingel? Du heulst ja, als wolltest du deinem Namen Ehre machen,« brüllte er Wolf an.

»Uhu – uhu – das will ich auch, uhuhu –« heulte Wolf.

Der Doktor wurde ruhiger; es gefiel ihm, wenn die Jungen schlagfertig antworteten.

»Was ist denn los mit dir, Björn? Liegst du eigentlich in den letzten Zügen?«

»Ich liege nicht in den letzten Zügen, ich bin so krank,« erklärte Björn mit leidender Stimme, sah aber so blühend und rosig aus, daß der Doktor laut lachte. »Wolf hat Leibweh und Björn Kopfweh, damit sie nicht in die Sonntagsschule zu gehen brauchen,« erklärte die unbarmherzig klarsehende Lisbeth.

»Warum wollt ihr denn nicht hingehen, ihr Schlingel?«

Beide Buben hatten sich sichtlich erholt, als sie den Vater lachen hörten, und jetzt leuchteten ihre Augen hoffnungsvoll.

»Das ist so ledern,« behaupteten sie.

»Warum denn?«

»Ach, wir müssen so still sitzen,« sagte Björn.

»Wir dürfen nicht das kleinste Bissel Spektakel machen,« bestätigte Wolf.

»Und dann fragt der Lehrer uns soviel, was wir nicht beantworten können,« sagte Björn.

»Wir verstehen gar nicht, was er sagt, und das ist so dumm,« sagte Wolf.

In ihrem Eifer überschrie einer den anderen.

»In wessen Klasse gehen sie?« fragte der Doktor Lisbeth.

»In des Lehrers.«

»Sind in seiner Klasse noch andere, die ebenso klein sind?«

»Nein, die sind größer.«

»Wer hat die Kleinen?«

»Ich glaube, Fräulein Agnes hat sie,« antwortete Lisbeth.

»Dann sollen die Wölflinge zu Fräulein Agnes gehen,« bestimmte der Doktor. Aber gegen diese Abmachung lehnten sich beide Buben auf.

»In der Klasse sitzen auch Mädels,« sagte Björn verzweifelt.

»Wir wollen nicht bei den Mädels sitzen und auch nicht bei einem Fräulein lernen,« stimmte Wolf bei.

»Den Mädels könnt ihr nun einmal in dieser Welt nicht aus dem Wege gehen, denn sie ist leider voll davon, aber Tante Agnes ist kein Fräulein, sondern eine Heilige,« antwortete der Vater, dessen Laune bei dem Wortwechsel mit seinen Buben immer besser wurde.

»Was ist eine Heilige?«

»Das wirst du schon sehen, wenn du in ihrer Klasse sitzt. Lisbeth, sorge dafür, daß sie heute in die andere Klasse kommen.«

Aber Lisbeth machte ein bedenkliches Gesicht.

»Was wird der Schulmeister sagen? Er könnte es übelnehmen.«

»Mag er, wenn er so dumm ist.«

Aber Lisbeth war augenscheinlich sehr wenig geneigt, den Auftrag auszuführen und sah so ängstlich aus, daß der Doktor wieder anfing zu lachen. Er war heute besonders gut aufgelegt und gerade in der Stimmung, alle seine Einfälle durchzuführen. Er beschloß daher, seine Söhne selbst in die Schule zu bringen.

»Wenn du es nicht wagst, dann wage ich es. Es gehört mehr wie ein Schullehrer dazu, um mich einzuschüchtern. Wasche und bürste die Wölflinge und putze ihnen die Nasen, dann will ich sie hinbringen.«

Lisbeth stand mit offenem Munde da.

»Will der Herr Doktor in die Sonntagsschule gehen?«

»Ja, besser spät wie nie,« scherzte er und verließ das Zimmer, um seinen Schlafrock gegen ein anständigeres Kleidungsstück zu vertauschen.

»Was ist eine Heilige, Lisbeth?« fragte Wolf, sobald der Vater den Rücken gewendet hatte.

»Bewahre uns, das ist so ein Geschöpf, das die Katholiken anbeten,« antwortete Lisbeth, und schrubbte Wolfs Gesicht nachdrücklich mit dem nassen Waschlappen.

Er wehrte sich weniger energisch wie gewöhnlich und vergaß sogar zu schreien, so vertieft war er in seine Grübeleien über die Heilige. Da er nicht wußte, was Katholiken sind, so hatte ihn Lisbeths Antwort nicht viel klüger gemacht, aber aus ihrem Ton schloß er, daß es etwas herzlich Schlechtes sein müsse. Er konnte darum gar nicht verstehen, warum Papa Tante Agnes eine Heilige nannte, denn Wolf fand Tante Agnes furchtbar nett. Björn war derselben Meinung, und was die beiden dachten, das mußte unumstößlich wahr sein. Sie gab ihnen immer so viele Leckerbissen und ließ sie soviel Spektakel machen, wie sie wollten, wie konnte Papa sie denn eine Heilige nennen?

Aber Papa hatte auch gesagt, daß Wolf, wenn er erst in Tante Agnes' Klasse säße, verstehen würde, was eine Heilige wäre. Er beschloß daher, Augen und Ohren offen zu halten und genau auf alles zu achten, was Tante Agnes sagen und tun würde. Und mit diesem erfreulichen Vorsatz ging er heute in die Sonntagsschule.

Früh am Sonntagnachmittag versammelten sich die jugendlichen Zuhörer in der Kapelle. Der Pastor leitete den Gottesdienst, hatte aber einige Mitarbeiter, unter anderen Agnes Hök.

Diese hatte die Allerkleinsten und saß mit ihnen unten an der Tür. Keins der Kinder konnte lesen, darum erzählte sie ihnen und besprach nachher das Erzählte. Es lag in ihrer Art, die Kinder zutraulich und natürlich zu machen. Sie trugen kein Bedenken, Fragen zu stellen und auch ihrerseits zu erzählen, und so wurden die Stunden des Beisammenseins lebhaft und unterhaltend.

Sonja Reis war sehr kinderlieb, aber noch mehr liebte sie Agnes, und deshalb war sie gern in den Nachmittagsstunden zugegen. Auch heute saß sie hinter Agnes' Klasse, um zuzuhören.

Sie genoß die Stimmung in der Kapelle inmitten der Kinder. Die Sonne fiel in schrägen, roten Strahlen durch das Fenster, schien auf das Altarbild, auf die abgenutzte Malerei der unbequemen Bänke und auf die drollige alte Kanzel, die von einer einzigen Säule getragen wurde, glücklicherweise nur scheinbar, denn die Säule war so dünn, daß sie sich gewiß unter ihrer Last gebogen hätte, wenn die Kanzel nicht auch in der Mauer befestigt gewesen wäre. Aber in diesen Nachmittagsstunden wurde sie nicht benutzt, sondern Birger Löwing stand vor dem Altar inmitten der Kinder.

Er kannte den Geschmack seiner jungen Zuhörerschaft und machte darum bei diesen Gottesdiensten den Gesang zur Hauptsache.

Es war ein Genuß für Sonja, still und einsam in der Nähe der Tür zu sitzen, umgeben von Gesang und Sonnenlicht und mit der Aussicht auf die frische Kinderschar. Da öffnete sich die Eingangstür hinter ihr, und zu ihrer großen Verwunderung sah sie Max mit seinen beiden Buben eintreten.

Bei ihrem Anblick zog er die Augenbrauen erstaunt in die Höhe, kam aber gleich auf sie zu.

»Du hier?« flüsterte er und setzte sich neben sie. »Ich glaubte nicht, daß du dich für dergleichen interessierst.«

»Dasselbe kann ich von dir sagen,« entgegnete sie.

Er lachte leise und blickte auf seine beiden Jungen, wie sie mit munteren, hellen Augen dastanden und mit ihren Mützen spielten.

»Ich habe ja leider eine gewisse Verantwortung für diese beiden Gelbschnäbel,« sagte er.

Jetzt ging eine Bewegung durch die Reihen der Kinder, sie teilten sich in Klassen und gingen an ihre bestimmten Plätze.

Agnes kam mit ihren Kleinen gegangen, und auch auf ihrem Gesicht spiegelte sich Erstaunen, als sie den Doktor erblickte. Er stand auf und ging ihr grüßend entgegen.

»Fräulein Agnes, wollen Sie sich meiner beiden kleinen Wilden annehmen und sie zu Menschen machen? Ich weiß mir keinen anderen Rat mit ihnen als die Sonntagsschule, und ganz besonders Ihre Klasse, denn die, in der sie bis jetzt waren, war für die Katze,« sagte der Doktor.

Agnes wußte nicht, was sie antworten sollte. Sie blickte ratlos hinüber nach dem Lehrer, der des Doktors Bewegungen von seinem Platz aus verwundert beobachtete. Der Doktor folgte ihrem Blick.

»Ich werde die Sache mit ihm ins reine bringen, wenn der Schuh nur da drückt,« sagte er, und ohne Agnes' Antwort abzuwarten, wandte er sich an Wolf und Björn. »Setzt euch hierher, Jungen, und gehorcht Tante Agnes wie Sklaven, sonst setzt es Prügel.«

Mit diesen Worten schob er Agnes die Knaben zu und ging zum Lehrer hinüber. Agnes tauschte einen lachenden Blick mit Sonja aus über des Doktors drolliges Benehmen und nahm sich dann ihrer neuen Schützlinge an, denen sie Plätze auf der Knabenbank anwies.

»Entschuldigen Sie, daß ich meine Schlingel aus Ihrer Klasse fortnehme,« sagte der Doktor zum Lehrer, »und seien Sie überzeugt, daß es nicht aus Mangel an Vertrauen geschieht! Die Sache ist die, daß sie zu klein und unbändig sind für eine reifere Gesellschaft, wie Ihre Klasse es ist. Auch tut es ihrer Hochnäsigkeit nicht gut, wenn sie unter die größeren Knaben gerechnet werden. Darum hielt ich es für besser, sie etwas zu ducken, indem ich sie in die Kleinkinderklasse gesteckt habe, übrigens denke ich, daß Sie gewiß alles eher als betrübt sind, sie loszuwerden.«

»Ach, nicht doch!« antwortete der Lehrer, der nicht recht wußte, was für ein Gesicht er zu des Doktors eigenartiger Rede machen sollte.

Der Doktor ging nicht weiter darauf ein, sondern verließ den Lehrer mit einer Verbeugung und Dank für seine Mühe und kehrte zur Kleinkinderklasse zurück, wo er sich zu Agnes' Entsetzen neben Sonja setzte.

Agnes mußte natürlich fortfahren, und sie tat es auch mutig, obgleich ihre Stimme zuerst unsicher war und die Röte ihr in die Wangen stieg. Sie erinnerte sich dessen, was der Pastor ihr einmal geantwortet hatte, als sie davon sprach, wie schrecklich es ihr wäre, wenn Erwachsene ihr gelegentlich zuhörten.

»Denken Sie daran, daß der, von welchem Sie den Kindern erzählen, Sie hört und sieht, dann vergessen Sie die menschlichen Zuhörer über ihn!« Jetzt befolgte sie diesen Rat und überwand ihre Schüchternheit. Ihre Stimme gewann Festigkeit und einen warmen Tonfall, und sie wurde mehr wie gewöhnlich von ihrem Stoff erfüllt und erwärmt, gerade weil sie ihre Schwachheit fühlte. Und die Kinder wurden mit fortgerissen.

Wolf hatte die ganze Zeit so gespannt zugehört, daß ihm erst auf dem Heimweg wieder einfiel, was er in der Sonntagsschule ergründen wollte. Plötzlich hielt er mitten im Lauf inne. Er lief nämlich mit Björn um die Wette, einem Eichhörnchen nach, das sich in den Ästen von Baum zu Baum schwang. Er blieb stehen, um seinen Vater zu erwarten, der langsam mit Agnes und Sonja auf dem Waldweg folgte.

»Papa, ich kriegte doch nicht zu wissen, was für ein Ding eine Heilige ist,« sagte er vorwurfsvoll, als sie ihn erreicht hatten.

»Heilige?« rief der Doktor, der gar nicht mehr wußte, was Wolf meinte.

»Ja, du sagtest, ich würde es zu wissen kriegen, wenn ich zu Tante Agnes käme.«

Jetzt fiel dem Doktor sein Gespräch mit den Jungen wieder ein.

»Unsinn, Junge! Spiele du mit Björn. Dazu bist du auf die Welt gekommen und nicht um ein Heiliger zu werden.«

Aber Wolf gab sich nicht. Wollte Papa nicht antworten, dann mußte Tante Agnes es tun. »Was sind Heilige, Tante Agnes?«

»Das sind heilige Menschen, die nur für Gott leben,« antwortete sie.

»Tust du das, Tante Agnes?«

Die plötzliche Wendung zum Persönlichen überraschte Agnes, aber sie sah den kleinen unverfrorenen Frager freundlich an.

»Nicht so, wie ich möchte, Wolf,« antwortete sie.

»Warum sagte Papa denn, daß Tante Agnes eine Heilige ist?« entgegnete Wolf halb verwundert und halb beleidigt.

Bei dieser Erklärung errötete Agnes und sann darüber nach, ob der Doktor sie für scheinheilig hielte; denn sicherlich hatte er sie nur im Spott vor den Knaben eine Heilige genannt.

»Mach, daß du fortkommst, du naseweiser Junge!« sagte per Doktor lachend, und gab Wolf einen recht kräftigen Schlag mit dem Stock, obgleich es nur im Scherz war.

Wolf sah seinen Vater an, um herauszufinden, ob es Spiel oder Ernst sei. Ihm kam vor, als habe das Lachen nicht recht natürlich geklungen, und der Schlag tat weh. Er rieb die schmerzende Stelle mit einem vorwurfsvollen Blick auf seinen Vater, entschloß sich aber dann, ohne ein Wort mehr, Björn und dem Eichhörnchen nachzulaufen. Er hatte ja doch ungefähr soviel Antwort auf seine Frage bekommen, wie man von den dummen großen Leuten erwarten kann, – die können einem kleinen, wißbegierigen Buben nie so antworten, daß er zufrieden gestellt ist!

Der Doktor blickte Agnes verstohlen von der Seite an und glaubte zu bemerken, daß die Würde, die er ihr beigelegt hatte, sie nicht beleidigte. Er überlegte, ob er das Gespräch wieder aufnehmen sollte oder nicht, da er aber nicht recht wußte, wie er sich herausreden könnte, ließ er es fallen und fing an von etwas anderem zu sprechen.

11.

Niemand lebt ganz vereinsamt in der Welt. Die Schicksale der Menschen sind so ineinander verschlungen, daß keines sich entwickeln kann, ohne mit dem eines anderen in Berührung zu kommen.

Und wann kann man eine Handlung als abgeschlossen betrachten? Handlungen, die man zur Vergangenheit gezählt hat, stehen unerwartet wieder auf und stellen sich dem, der sie vollführt hat, entgegen, so daß sein Weg dadurch unwillkürlich in andere Bahnen gelenkt wird.

So lenkte Wildvogel einst Max durch seine Vergangenheit in einen Weg, den er nicht gehen wollte. Und jetzt stellte sich ihr diese Handlung entgegen und wies ihr einen Weg an, der sie unmöglich dünkte. Schien er ihr doch völlig versperrt zu sein, wie konnte sie dann dem Finger des unerbittlichen Schicksals gehorchen, der sie dorthin wies?

Was war das Hindernis, das ihr den Weg verschlafen. Ihre Vorhänge waren geöffnet und das Zimmer vom Mond erhellt.

»Ach, du nüchterne, praktische Agnes, die nur Sinn hat für den Haushalt und die Krankenpflege und sich nie mit sich selbst beschäftigt, was fällt dir doch ein, so im Mondschein zu schwärmen?« flüsterte Sonja und setzte sich auf die Bettkante.

»Glaubst du nicht, daß es außer dem Haushalt, den Kranken und mir selbst vieles gibt, das meine Gedanken beschäftigt?« fragte Agnes lachend.

Ihr sonnenverbranntes Gesicht sah im Mondschein, umgeben von der Flut ihrer dunklen Haare, bleich aus. Nur im Sonnenschein flimmerte ihr Haar goldig, der bleiche Mond ließ es schwarz erscheinen, und schwarz glänzten ihre Augen.

»Träumst du von dem Glanz der Engelflügel im Silberlicht?« fuhr Wildvogel in demselben munteren und zugleich weichen Tone fort.

Agnes lächelte nur als Antwort und war neugierig auf das, was Wildvogel mitten in der Nacht zu ihr trieb, denn sicher war sie nicht nur gekommen, um diese Fragen zu stellen.

»Schwärmst du von dem Becher kalten Wassers, im Namen eines Jüngers gespendet?«

»Hältst du mich wirklich für schwärmerisch?« fragte Agnes, mit leichtem Vorwurf im Ton.

»Schwelgst du in der Wollust der Selbstentsagung und in der Freude des Gebens?«

»Willst du dich über mich lustig machen?« »O nein, weit, weit entfernt! Du ahnst nicht, wie ich zu dir aufblicke.«

»Warum das?« antwortete Agnes mit mild zurückweisendem Ernst.

»Wie machst du es, daß du immer so harmonisch bist?«

Agnes lachte halb verlegen, halb belustigt über Sonjas sonderbare lebhafte Art.

»Ich tue nichts dazu, ich versuche nur, stille in Gott zu sein.«

»Bist du das immer gewesen, ich meine, stille? Das liegt gewiß in deiner Natur.«

»Das Stillesein vielleicht; aber das ist nicht dasselbe wie Stillesein in Gott.«

»Kostet das Streit?«

»Ja, und Arbeit.«

Wildvogel blickte Agnes gedankenvoll an.

»Um das zu können? Wie fühlt man sich dann? Es muß Seligkeit sein!« sagte Wildvogel.

»Ein Vorschmack davon sicherlich, – wenn man es fertig bringt.«

Wildvogel schwieg, sie sehnte sich danach, auf den Gegenstand zu kommen, den sie gern ergründen wollte, wußte aber nicht wie, denn es war doch ein sehr heikles Thema.

»Kanntest du Ingrid Reis, des Doktors Frau, näher?« fragte sie plötzlich.

»Ich habe mich sehr viel mit ihr unterhalten, denn sie saß immer still und einsam, wenn sie in Gesellschaft war,« antwortete Agnes, ohne zu bedenken, welch schönes Zeugnis sie sich damit als Freundin der Zurückgesetzten gab.

»Schenkte sie dir ihr Vertrauen?«

»Nein, aber ich sah ja, daß sie nicht glücklich waren. Einmal fragte sie mich um Rat, doch stellte sie die Frage mehr allgemein.«

»Worüber?« fragte Sonja, als Agnes schwieg, zweifelhaft, ob sie mehr sagen dürfe.

»Sie fragte, was eine Frau mehr geben könnte, wenn sie schon alles gegeben hätte.«

»Und was antwortetest du?«

»Daß eine Frau, die alles gab, auch alles fordern könne.«

Sonja öffnete ihre Augen weit vor Verwunderung.

»Und so einen Rat konntest du geben, du Selbstvergessene! Das hätte ich nie geglaubt.«

Agnes lachte leise, und ihr Gesicht drückte Sanftmut und zugleich Festigkeit aus, ein Ausdruck, der ihr eigen war.

»Befolgte sie deinen Rat?«

»Ich weiß es nicht. Vielleicht versuchte sie es, aber sie war keine von denen, die fordern können. Sie hatte es von Anfang an nicht getan, und dann ist es schwer, damit anzufangen.«

Wildvogel vertiefte sich in den Gedanken an Ingrid und Max, und wie immer, wenn sie an sie dachte, fühlte sie Gewissensbisse. Agnes' Stimme riß sie aus ihren Gedanken. Sie klang rücksichtsvoll und leise, voller Mitgefühl.

»Du verstehst zu fordern. Es war tapfer, daß du die Flasche zerschmettertest!«

Sonja zuckte zusammen. Agnes hatte also alles gesehen und verstanden. Ob sie noch mehr gesehen und verstanden hatte?

Es war die Stunde des Vertrauens. Wildvogel war allerdings gekommen, um Vertrauen zu fordern, aber jetzt sah sie ein, daß sie, um das zu tun, erst das ihre geben müsse. Und das tat sie denn auch. Sie kehrte zur Vergangenheit zurück, erzählte von sich und Max und Ingrid, von ihrer Liebe, ihrem Kampf und ihrem Sieg.

»Wenn man das einen Sieg nennen kann, der soviel gekostet hat,« schloß sie bekümmert.

»O, wie konntest du!« rief Agnes unwillkürlich aus.

Mit klopfendem Herzen und Augen, aus denen inniges Mitgefühl leuchtete, hatte sie gelauscht und den Kampf mit durchlebt.

»Wie hättest du an meiner Stelle gehandelt?«

»Das weiß ich nicht. Ich wäre gewiß aus seinem Leben entschwunden und hätte ihn auch gebeten, zu sühnen, aber ich hätte nie darauf dringen können.«

»Es liegt nicht in deiner Natur, einzugreifen?«

»Nein, ich hätte Gott gebeten, sie zu leiten.«

»Das hättest du getan! Aber ich wartete nicht auf Gott, ich leitete sie selbst!« rief Wildvogel aus mit einer Mischung vorwurfsvoller Reue und Stolz, der sich vergeblich bemühte, die Oberhand zu gewinnen.

»Gott hätte sie gewiß ebenso geführt. Er will ja nie etwas anderes als Genugtuung und Vergeltung. Dadurch will er uns alle miteinander leiten,« sagte Agnes tröstend.

»Es wäre doch gewiß anders gegangen, wenn Gott sie dahin geführt hätte, als jetzt, wo ich es getan habe,« flüsterte Wildvogel.

»Vielleicht hat er sie gerade durch dich geführt, Wildvogel,« sagte Agnes innig.

Sonja schwieg und kämpfte gegen ihre Rührung, bis sie ihrer so weit Herr geworden war, daß sie mit fester Stimme weitersprechen konnte.

»Es ist nutzlos, über die Vergangenheit zu grübeln, es gilt, in der Gegenwart zu handeln. Verstehst du jetzt, wie sehr Max mir am Herzen liegt und wie sein Wohl und Wehe mir die Hauptsache ist?«

Mit warmem Verständnis drückte Agnes die weiche Hand, die in der ihrigen bebte.

»Verstehst du, daß ich jetzt nicht an mich denke, sondern nur an ihn?«

»Wie gut verstehe ich das,« sagte Agnes leise.

»Brauchte er mich, könnte er mich so lieben wie früher, dann wollte ich ihm mein Leben weihen. Aber wenn es eine andere ist, – dann will ich verschwinden.«

Gespannt blickte Sonja in Agnes' Gesicht, um die geringste Veränderung darin zu beobachten.

»Eine andere?« rief Agnes mit so unbefangenem Lachen aus, daß es Sonja besser wie jede Beteuerung überzeugte, daß Max nicht die neue Liebe war, gegen die Agnes Hilfe bei ihrem Toten suchte. »Wer könnte es anders sein als du?«

»Du!« flüsterte Sonja.

Agnes zuckte vor Überraschung zusammen, und ihr verdutzter Blick sagte deutlich, daß ihr ein solcher Gedanke nie in den Sinn gekommen sei.

»Er hegt eine so hohe Achtung vor dir, wie vor niemand sonst,« fuhr Sonja fort; »das zeigt sich in allem, von dem Unbedeutendsten in seiner Art gegen dich, bis dahin, daß er dir seine Wölflinge anvertraut hat und dich eine Heilige nannte.«

»Achtung ist ein Ding, – Liebe ein anderes,« stieß Agnes endlich hervor. Sie war so überrascht, daß sie nicht wußte, was sie sagen sollte.

»Die beiden gehen oft Hand in Hand.«

»Oft, ja, aber nicht immer, nicht in diesem Fall. Ich lege großen Wert auf seine Achtung, aber seine Liebe besitze ich nicht.«

»Wenn es sich nun aber doch zeigte, daß du sie besitzst, würdest du – könntest du sie dann erwidern?«

Agnes schüttelte den Kopf. »Aber wie weißt du das?« beharrte Sonja.

Einen Augenblick schwieg Agnes. Sie blickte auf Sonjas Hand nieder, die in der ihren ruhte, und ihre Brust hob und senkte sich unruhig.

»Ich weiß es, weil ich einen anderen liebe,« kam es endlich schüchtern und leise, aber doch bestimmt über Agnes' Lippen.

Agnes kannte ihr eigenes Herz, für sie gab es keine Ungewißheit. Wildvogel fragte nicht weiter. Trotzdem sie nicht wußte, wer dieser andere war, versuchte sie doch nicht, danach zu forschen.

»Hoffentlich habe ich dann verkehrt gesehen, und Max liebt dich doch nicht; denn ich sehe jetzt ein, daß er dich nie gewinnen könnte,« sagte sie nachdenklich.

»Du allein kannst etwas für ihn tun, – also darf Wildvögelchen nicht davonfliegen!« sagte Agnes und blickte mit lachenden Augen auf, während der Mund den ernsten Ausdruck behielt.

»Ich vermag nichts, – er macht sich nichts mehr aus mir,« seufzte Sonja.

»Weißt du das gewiß?«

»Gewiß?! Wonach soll ich mir ein Urteil bilden, wenn nicht nach seinem Benehmen. Jedermann kann sehen, wie wenig ich ihm gelte.«

»Ich glaubte, du gehörtest zu denen, die für verborgene Gefühle empfänglich sind,« sagte Agnes. »Verborgene Gefühle?«

»Ja, kennst du keine Gefühle außer denen, die sich offenbar zeigen? Empfindest du sie nicht, selbst wenn sie sich bemühen, das Gegenteil auszudrücken? Ich müßte mich sehr irren, wenn dein inneres Empfindungsvermögen nicht ebenso stark ist wie deine äußeren Sinne.«

»Das ist doch ebenso bei dir,« sagte Sonja lachend.

Sie tauschten einen verständnisvollen Blick.

»Ich weiß gewöhnlich, was die Menschen für mich empfinden und was sie von mir denken,« gestand Agnes.

»Aber es ist gefährlich, sich nur auf seine innere Empfindung zu verlassen, man kann sich irren,« meinte Sonja.

»Man irrt sich weniger leicht darin, als in dem, was die Menschen einen sehen und hören lassen,« entgegnete Agnes.

»Vielleicht im allgemeinen,« gab Sonja zu. »Aber wenn es nun etwas ist, das man wünscht, dann kann man sich doch leicht irren. Ich wage nicht zu glauben, was ich mir mitunter in bezug auf Max' Gefühle einbilde, trotz seiner Art gegen mich. Es könnte mich ja zu einer eingebildeten Närrin machen.«

»Meine Erfahrungen und meine Besorgnisse sind den deinen entgegengesetzt,« sagte Agnes, leise. »Wenn ich nach seiner Art gegen mich urteilen sollte, ich meine jetzt den, der mir teuer ist, dann könnte ich mir einbilden, daß ich ihm mehr bin wie andere. Mein inneres Gefühl ist aber sicherer und läßt sich nicht täuschen. Dafür bin ich sehr dankbar, denn nun weiß ich doch, daß er gar nicht so an mich denkt, wie ich an ihn.«

»Du weißt es? Aber Agnes, wenn es so steht, kannst du doch nicht glücklich sein?«

Agnes lachte. Es war ein zu Herzen gehendes Lachen, voller Humor über den eigenen Schmerz, und verriet eine klare, starke Seele.

»Wer sagt denn, daß ich glücklich sein muß? Das ist doch nicht nötig,« antwortete sie mit fester Stimme und einem Blick, der über verhaltene Tränen zu triumphieren schien.

Es fehlte Agnes nicht an Gefühl, aber sie war herrlich frei von allem Mitleid mit sich selbst. Die Kraft, lachen zu können, anstatt zu klagen, rief Sonjas Mitgefühl und innigste Zärtlichkeit hervor und flößte ihr zugleich Bewunderung ein.

»Wird es dir denn nie zu schwer, zu freudlos?« fragte Wildvogel, entzückt von diesem stillen, fröhlichen Mut.

»Mitunter, ja.«

»Was machst du dann?«

»Ich sinke nieder.«

»Du! Das glaube ich nicht. Du siehst mir gar nicht danach aus, als könntest du das je tun.«

»Und doch tue ich es. Allerdings habe ich es noch nie vor Menschen nötig gehabt, nur vor Gott.« »Wie erlangst du Kraft, deine Bürde wieder aufzunehmen?«

»Wie kannst du nur so fragen? Wer vor Gott niedersinkt, wird von ihm wieder aufgerichtet und empfängt neue Kraft, mehr als vorher.«

Agnes' schwarze Augen leuchteten.

»Dann bist du jedenfalls glücklich, – wenn du es auch nicht bist,« fugte Wildvogel langsam, als läse sie es Wort für Wort in Agnes' Zügen.

»Ich bin wohl glücklicher, als wenn ich es in des Wortes gewöhnlicher Bedeutung wäre,« antwortete Agnes, und aus ihrem Gesicht strahlte ein Licht, das verklärender wirkte als ein Lächeln.

Wildvogel beugte sich über sie und küßte sie.

»Ich danke dir für das, was du heute nacht an mir getan hast!« sagte sie.

»Was habe ich getan?«

»Mehr als du ahnst!«

Sie trennten sich. Als Wildvogel ihr Zimmer wieder erreicht hatte, trat sie sinnend ans Fenster und blickte zum Monde auf, der jetzt nicht mehr ins Zimmer schien. Es wurde ihr klar, daß sie Frau Beata nicht zu ihrer Vertrauten machen könne, das könnte nur Agnes sein.

Ihre Gedanken weilten noch bei Agnes und bei dem, was diese ihr anvertraut hatte.

Agnes' innerer Gleichmut stand ihr wie eine göttliche Kraft vor Augen, seit sie wußte, daß er ihr nicht angeboren, sondern im täglichen Streit gegen die eigenen Neigungen errungen war.

Als sie Agnes näher prüfte, merkte sie, daß die Ruhe ihres Wesens durchaus keinen Stillstand bedeute. Agnes' Tag bestand aus Arbeit und unermüdlichem Schaffen. Wildvogel überlegte, daß sie Agnes nie einen Augenblick unbeschäftigt gesehen hatte. Sie nahm ihre Zuflucht vor den Gedanken, die sie schwach machen wollten, zur Arbeit.

»Heute nacht lag sie aber doch untätig und einsam mit ihren Gedanken,« dachte Wildvogel. »Vielleicht kam ich gerade in einem jener Augenblicke zu ihr, wo sie unter der Last des Kreuzes vor Gott niedersank, deshalb wurde sie mir zu einer so großen Hilfe und Kraft, – Gott war bei ihr.«

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.