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Wildvogel

Elsa Beskow: Wildvogel - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorElisabeth Beskow
titleWildvogel
publisherHamburg Agentur des Rauhen Hauses
year1915
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II. Wildvogels Nest

1.

Wie ein Lächeln lag die helle Juninacht auf den öden Schären. Ein leiser Wind zog sanft über die große Insel. Still und verheißungsvoll lag des Meeres Weite. »Fahre unbehindert über mich, so weit wie du willst!« lachte es aus der schimmernden, stillen Tiefe.

Aber das helle Lächeln, das Himmel und Erde zusammenschmolz, übte keine Wirkung auf Dr. Max Reis aus, als er seinen Weg, mit der Zigarre im Munde und den Händen in den Manteltaschen, quer durch die Insel verfolgte. Wohl sah er das Lächeln der Natur in der Sommernacht und vernahm das Flüstern des Meeres von der Möglichkeit, das ferne Land der Sehnsucht zu erreichen. Aber was kümmerte das ihn, der nach nichts Sehnsucht empfand, und welche Gemeinschaft hatte er mit dem hellen Lächeln der Natur, dessen eigenes Lächeln selten frei von Spott und Hohn war?

Der verflossene Tag war der längste Tag des Jahres für Dr. Reis, denn er hatte sich gelobt, an demselben nicht einen Tropfen starken Getränkes zu trinken. Es war der Todestag seiner Gattin, und er wollte ihr Gedächtnis in der Stille ehren.

Ingrid und er waren nicht glücklich zusammen gewesen, und um seine Enttäuschung zu vergessen, und Ersatz für alles, was er durch seine Verheiratung verloren hatte, zu suchen, hatte er schon in den ersten Jahren ihrer Ehe angefangen zu trinken.

Nun war seine Frau zwei Jahre tot, und so oft er an sie dachte, verfinsterte sich sein Gemüt. Da gab es für ihn kein anderes Mittel, als die Erinnerungen zu ertränken. Sie klagten ja nur ihn allein an, diese Erinnerungen, denn sie war ja tot, und die Toten soll man nicht anklagen.

Aber an ihrem Todestag nahm er sich vor, die Erinnerung nicht zu ertränken. An dem Tage mußte er ausharren, und das war um so schwerer, weil gerade da die Erinnerungen und Gedanken am lebhaftesten wurden. Er stählte sich und litt, es war sein Bußtag, wie er sich selbst sagte, durch eine Art Gerechtigkeitsgefühl getrieben, über das er hohnlachte, aber – dem er gehorchte.

Ganze vierundzwanzig Stunden dauerte der Bußtag, und davon war die Nacht bei weitem der schlimmste Teil, denn tags hatte er Gesellschaft, aber nachts war er einsam, und schlafen konnte er nicht.

Jetzt wanderte er auf Sund zu. Dort hatte er Freunde, bei denen er sich heimisch fühlte und die ihn gern hatten. Auf verschiedene Weise war er mit jedem Glied der Familie Hök befreundet, und es wäre ihm schwer geworden, zu bestimmen, wer von ihnen ihm am liebsten war. Seinem Alter nach stand er dem älteren Geschlecht ebenso nahe wie dem jüngeren, denn es lag mitten zwischen ihnen.

Eigentlich hätte er heute nach woanders hingehen müssen, wollte er Linderung für die Qual des Bußtages finden. Auf der großen Insel gab es ein Haus, dessen Tür immer offen stand. Dort wohnte ein Einsiedler, der es sich zum Lebenszweck gemacht hatte, mit Ohr, Hand und Herz stets bereit zu sein, den Bekümmerten zu helfen. Das war Birger Löwing, der Seelsorger der Inselgemeinde. Aber Max Reis wich jeder Vertraulichkeit mit diesem Manne aus, aus einer gewissen Scheu, die er sich kaum selbst eingestand. Denn während ihrer letzten Lebensjahre war Ingrid oft zu dem Geistlichen gegangen. Was sie ihm gesagt hatte, wußte der Doktor nicht; war es aber die Wahrheit gewesen, so war sie wohl kaum sehr vorteilhaft für ihn ausgefallen. Deshalb ging er nicht zu dem Einsiedler, sondern in der entgegengesetzten Richtung, wenn sein Gewissen sich regte. Wenn man beichten soll, muß man dem Beichtvater zuerst die eigenen Sünden gestehen!

Bald sah er Sund in der hellen Sommernacht vor sich liegen. Das einstöckige Wohnhaus trug ein gebrochenes Dach über einem geräumigen Dachgeschoß. Die alten Linden des Hofes beschirmten es, und seine beiden kleinen Flügel schienen es treulich zu bewachen. Am südlichen Abhang nach dem Meeresarm zu blühten die Obstbäume.

Der Doktor blieb stehen und stützte die Arme auf die grüne Gittertür, die in den Hof führte. Er wußte, wenn er hineinginge und an die Tür des niedrigen, aber vornehm aussehenden Hauses klopfte und nach Frau Beata Hök fragte, so würde sich niemand mehr freuen als sie. Denn sogar ihre Selbstsucht war liebenswürdig, es war ihr ein Bedürfnis, aufgesucht zu werden. Er blieb jedoch am Gitter stehen, rauchte und dachte an die Familie dort drinnen.

Wenn man an die Familie Hök dachte, kam einem unwillkürlich Frau Beata zuerst in den Sinn. Max Reis lachte, als er sie in Gedanken vor sich sah. Die lebhaften blauen Augen, die von Leben und Interesse funkelten, die behagliche, rundliche Fülle, das Doppelkinn unter dem frohsinnigen Mund, die bleiche, aber klare Farbe und das üppige graue Haar, die lebhaften Bewegungen und die Frische der ganzen Gestalt machten sie zu einem Anblick, der das Herz erfreute und den Müden ermunterte. Dazu kam noch die drollige Selbstsucht, die ihr selbst unbewußt war, ja, die sie nicht einmal ahnte, sondern der sie die schönsten Namen gab. Wie das alles ihn belustigte! Ihr Lebenszweck war, sich anderer Menschen und ihrer Angelegenheiten anzunehmen, aber dies mußte nach ihrem Kopf geschehen; sie durften keinen eigenen Willen dabei haben, sondern mußten dankbar sein.

Es war nicht leicht, sich neben Frau Beata Geltung zu verschaffen. Ihr Mann, der Fabrikherr, wie er genannt wurde, obgleich Sund keine Fabrik war, noch es jemals gewesen, ihr lieber Felix hatte längst jeden Versuch aufgegeben, wenn er überhaupt einen gemacht hatte, was kaum glaublich ist. Ebenso wenig fiel es der selbstvergessenen Agnes ein, in irgend einer Hinsicht mit der Mutter zu wetteifern. Einem Fremden fällt es nicht auf, aber wo es Arbeit gibt, da ist Agnes zu finden. Es heißt, daß sie ihrer Mutter im Haushalt zur Hand geht, aber in Wahrheit ist sie diejenige, die alles tut und alles anordnet. Sie tut es aber auf ihre stille Weise, begnügt sich mit der Mühe und Beschwerde und überläßt ihrer Mutter die Ehre.

Die jüngere Tochter Ebba, die Studentin, dagegen, und der Sohn, Fabian, der Kandidat, versuchen wohl, sich geltend zu machen, aber es glückt ihnen nicht, trotzdem Beata stolz auf sie ist, und sie gern in den Vordergrund stellt. Sie tut es aber so, daß sie selber mehr hervortritt als ihre Kinder.

An alles dieses dachte Max Reis, während er am Gitter stand und rauchte.

Drinnen in ihrer Schreibstube saß mittlerweile Beata und schrieb einen Brief. Sie hatte einen sehr großen Freundeskreis, mit dem sie in regem Briefwechsel stand, und sie fand, daß es ihr nachts am besten von der Hand ginge.

»Da ist es still um mich her, und dann sind die Gedanken am lebhaftesten,« pflegte sie zu sagen.

»Deine Briefe fliegen wohl zu Tausenden in der Welt herum! Schade, daß ich niemals einen kriege,« bemerkte ihr Felix bei einer solchen Gelegenheit.

»Du kannst ja verreisen, dann schreibe ich auch an dich!« antwortete Beata.

Auch in dieser Nacht war sie noch auf, um zu schreiben, und als sie zufällig aufsah, erblickte sie Dr. Reis. Natürlich öffnete sie das Fenster und rief ihn.

Er nahm die Zigarre aus dem Munde und kam durch den Hof an das Fenster.

»So spät noch auf!« sagte er.

»Ich kann dasselbe sagen, Doktor. Wegen welcher meiner Töchter standen Sie eigentlich dort am Gitter und seufzten?«

»Wegen beider, und wegen ihrer Mutter.«

»Oho! Warum liegen Sie nicht lieber zu Haus im Bett und schlafen?«

»Ich kann nicht schlafen.«

»Nicht? Haben Sie etwas auf dem Herzen Doktor?«

Frau Beata wurde ernst, aber ihre Augen funkelten vor Interesse bei dem Gedanken, daß er vielleicht mitten in der Nacht hierher gekommen sei, um ihre Teilnahme oder Hilfe zu suchen. Ihre Erwartung wurde jedoch getäuscht.

»Haben Sie denn etwas auf dem Herzen, Frau Hök, denn wie mir scheint, können Sie auch nicht schlafen?«

»Ich? Nein. Das heißt, was mich heute nacht wachhält, ist etwas, was ich im Herzen habe –, eine neue große Freundschaft.«

Der Doktor horchte auf.

»Wie groß? Etwa so?« Er nahm die Zigarre in den Mund und streckte beide Arme so weit aus wie er konnte, als wollte er etwas sehr Großes messen.

»Scherzen Sie nicht! Ich behaupte, daß Freundschaft etwas vom Besten im Leben ist, Doktor.«

»Das weiß ich, denn ich habe ja Sie als Freundin.«

Beata lachte ihn strahlend an, denn nur selten kamen so warme, aufrichtige Worte über des Spötters Lippen.

»Wäre es wohl möglich, zu erfahren, auf welche Weise diese große neue Freundin Sie wachhält? Vielleicht mittels der Telepathie?«

»Nein, einfach durch Briefschreiben. Ich bin eben damit beschäftigt, ihr zu schreiben.«

»Ich brenne vor Neugier, ihren Namen zu erfahren!«

Wieder lachte Frau Beata, erfreut durch sein Interesse.

»Sie hat so einen weichen, hübschen Namen, der gerade für sie paßt. Sonja Reis.«

»Sonja Reis!« rief der Doktor aus und qualmte mächtig.

»Wie merkwürdig, daß Sie beide denselben Namen haben, Doktor, das war mir gar nicht aufgefallen! Schließlich sind Sie wohl gar verwandt?«

»Ist sie Witwe?«

»Ja, obgleich man es ihr nicht ansieht, sie sieht so mädchenhaft und jugendlich aus.«

»Sie ist auch nur ein Mädchen, sie wurde mit meinem Bruder getraut, als er auf dem Sterbebett lag.«

»Sind Sie so nahe verwandt? Das ahnte ich freilich nicht! Erzählen Sie mir von ihr und Ihrem Bruder!«

Frau Beata lehnte sich in ihrem Eifer weit aus dem Fenster und sah ihn mit neugierigen Augen an.

»Hat sie Ihnen nicht selbst alles erzählt? Ich glaubte, es gehörte zu der heiligen Freundschaft, daß man gegenseitig das Innerste nach außen kehrt.«

»Seien Sie doch nicht so spöttisch, Doktor! Können Sie denn nicht ein einziges Mal nett sein! Sie hat überhaupt nicht von ihrer Verheiratung mit mir gesprochen. Unsere Freundschaft ist nämlich noch ganz neu.«

»Wie kann sie dann so heiß sein?« fragte er, indem ihm die Spottlust aus den Augen lachte.

»Wenn man jemand trifft, mit dem man sich zusammengehörig fühlt, dann ist sie vom ersten Augenblick an warm,« erklärte ihm Beata Hök mit zurechtweisender Würde.

»Ach so!«

»Aber nun sagen Sie mir, warum heiratete sie Ihren Bruder erst auf dem Sterbebett?« fragte sie weiter und legte die Würde ab, die sie beschwerte.

»Vermutlich, weil sie sich nicht überwinden konnte, sich zu binden, ehe sie die Wiederbefreiung nahe vor Augen sah,« antwortete er sarkastisch.

»Ich glaube nicht, daß das ihr Grund gewesen sein kann.«

»Fragen Sie sie doch!«

»Hübsch sprechen Sie nicht von Ihrer kleinen Schwägerin. Mögen Sie sie denn nicht?«

»Ich habe sie seit acht Jahren nicht gesehen, daher weiß ich nicht, wie sie jetzt ist.«

In Frau Beatas Blick lagen eine Menge Fragen, aber nur eine kam über ihre Lippen.

»Mochten Sie sie nicht gern, als Sie sie kannten?«

»Gern mögen!« rief der Doktor mit eigentümlichem Lachen aus. »Gern mögen, was heißt gern mögen?«

Frau Beata sah ihn neugierig an und sann darüber nach, was diese Orakelantwort bedeute. Sie fand es am ratsamsten, ihn nicht mit weiteren Fragen über seine Gefühle zu drängen.

»Hatte sie Ihren Bruder sehr lieb?«

»Alle hatten Viktor gern, und sie wohl auch auf ihre Weise, – zu sehr, um ihn abzuweisen, zu wenig, um sich zu binden, sie war eben ein Wildvogel.«

»Wildvogel! Allerdings ist Schwung in ihr, aber wild ist sie doch nicht,« sagte Frau Beata mit einem weichen Ausdruck, beim Gedanken an ihre kleine Freundin.

»Im Grunde ihres Wesens ist sie ein Wildvogel, denn sie verträgt keine Fesseln. Versuchen Sie nur einmal, sie in einen Käfig zu setzen, dann werden Sie schon sehen! Sie würde sich am Gitter blutig stoßen und sich nie ergeben, bis sie entweder herausgelassen würde oder tot hinfiele. Bisher ist es ihr geglückt, wieder herauszukommen.«

Der Doktor strich die Asche von seiner Zigarre und hieb mit seinem Stock in die Blumenrabatten neben sich, so daß die Blumen von ihren Stengeln flogen.

»Nehmen Sie doch meine Blumen in acht, Doktor! Sehen Sie nicht, was Sie anrichten?«

»O weh, entschuldigen Sie, ich dachte gar nicht an die Blumen!«

Er zog die Mütze und sah ganz bestürzt aus über sein Werk.

»Sagen Sie mir, woran Sie dachten, dann will ich Ihnen verzeihen,« lachte sie.

»Es waren keine guten Gedanken, darum ist es besser, wenn ich sie für mich behalte.«

»Heraus damit! Nach wem schlugen Sie? Denn die Blumen waren es nicht nur.«

»Lassen Sie sich warnen, und stecken Sie die Hand nicht in ein Wespennest!«

»Sind Ihre Gedanken denn wie Wespen?«

»Bisweilen.«

Er lachte grimmig, sprach aber wie im Scherz.

Beata hielt es für geraten, seinen Gedanken nicht weiter nachzuforschen, ihr Interesse war aber bis aufs höchste gesteigert.

»Sonja erzählte mir, daß sie sich während der letzten Jahre meistens im Ausland aufgehalten hat, darum sind Sie einander wohl nicht mehr begegnet,« mutmaßte Beata.

Der Doktor antwortete nicht. Er rauchte eifrig und verfolgte die blauen Rauchringe auf ihrem Weg in die Luft mit seinen Blicken.

»Nun will ich aber Ihre Gastfreiheit wirklich nicht länger in Anspruch nehmen, Frau Hök; sie ist großartig, denn sie versagt selbst in der Nacht nicht,« sagte er plötzlich, gezwungen lachend, um seine wahre Stimmung zu verbergen.

»Ich habe Ihnen nicht mal so viel wie ein Glas Wasser angeboten, also ist es Ironie, heute abend von meiner Gastfreiheit zu sprechen.«

»Sie haben mir einen Einblick in Ihr Herz gewährt, wo die Flammen der neuen Freundschaft auf dem Altar brennen, und das ist wohl mehr als ein Glas Wasser, sogar mehr als ein Glas Kognak.«

»Man kann doch nie klug daraus werden, wieviel Sie von dem meinen, was Sie sagen, Doktor!«

»Es ist auch nicht der Mühe wert, dem nachzudenken,« antwortete er. »Gute Nacht, Frau Hök.«

Sie schüttelten sich die Hände durch das Fenster, und dann verließ er sie. Mit einem neu erwachten Interesse blickte sie seiner kräftigen Gestalt nach und saß noch lange sinnend da.

Als der Doktor nach Hause kam, ging er in die Kinderstube, wo seine beiden Buben, Wolf und Björn (Bär), schliefen. Sonnenverbrannt, pausbäckig, blondlockig, wild und fröhlich in der Freiheit aufgewachsen waren sie. Die Nacht durch schlafen sie fest und ruhig nach des Tages eifriger Geschäftigkeit mit all ihren Spielen und Streichen.

Trotzdem er neben ihnen stand und sie anblickte, dachte er nicht an sie. Seine Gedanken waren bei Wildvogel, die natürlich früher oder später auf die Insel kommen würde, um ihre neue Herzensfreundin Beata zu besuchen.

Dann würde er sie wiedersehen, und er war begierig, zu sehen, wie sie sich jetzt zu ihm stellen würde.

Einst hatte er sie so geliebt, wie man nur einmal in seinem Leben liebt. Aber sie hatte ihn von sich getrieben, damit er sich mit Ingrid, dem Fischermädchen, verheirate, die sich ihm schon in freier Liebe hingegeben hatte. Er war ein Esel gewesen und hatte ihr gehorcht. Es sollte das eine Genugtuung für Ingrid bedeuten, und war es wohl auch gewesen, hatte aber dem armen Mädchen wenig Glück gebracht. Mit einem Manne verheiratet, der sie weder liebte, noch achtete, der sie brutal behandelte und dadurch sich selbst und sie erniedrigte, hatte sie wenig Grund gehabt, für die Genugtuung dankbar zu sein. Sie war es auch nicht gewesen, sie hatte gelitten und war schwermütig geworden. Im letzten Jahre hatte sie den Seelsorger aufgesucht, Trost in der Religion gefunden und den Tod als einen Befreier begrüßt. Jetzt war er einsam, mit zwei kleinen Buben, mit denen er sich keinen Rat wußte, hauste hier auf einer kleinen Insel weit draußen im Meer mit einer einförmigen Arbeit ohne Zukunft. Verschwunden wie ein Rauch war das Streben seiner Jugend nach einer wissenschaftlichen Laufbahn, in Trümmern alle seine Hoffnungen. Seine Zuflucht war der Zynismus geworden und seine Entschädigung der Alkohol.

Das alles war Sonjas Werk, und jetzt würde sie bald kommen und es betrachten. Sie sollte es sehen in seiner ganzen Herrlichkeit, das gelobte er sich.

Nur einmal in den acht Jahren, seit sie sich nach seines Vaters Tode, kurz nach seiner Verheiratung mit Ingrid, trennten, hatte er direkt von Sonja gehört, und das war nach Ingrids Tod gewesen. Da hatte Sonja einen so warmen und herzlichen Brief geschrieben, Wildvogel so ähnlich, daß sie selbst und die ganze Vergangenheit Leben erhielten und vor seiner Seele wiedererstanden. Aber weil er die Vergangenheit nicht wiedererstehen sehen, nicht mehr solche Gefühle wie einst empfinden wollte, hatte er die Erinnerung an die Vergangenheit ertränkt. Nach dem Empfang von Wildvogels Brief hatte er sich so betrunken wie noch niemals, weder früher noch später in seinem Leben, und der Brief war unbeantwortet geblieben.

Und jetzt war es nur eine Frage der Zeit, wann sie auf die Insel kommen würde, das war ihm klar nach dem großen und neugierigen Interesse, das er in Frau Höks Augen gelesen hatte. Sie zog gewiß ihre eigenen Schlüsse, sowohl aus dem, was er gesagt, als aus dem, was er verschwiegen hatte, und sie war gerade die Person, Gelegenheiten zu schaffen, die sie selbst ausnutzen konnte. Nun gut, möge Wildvogel kommen, ihr Werk sehen und sich darüber freuen, dachte er mit grimmiger Schadenfreude.

2.

Sonja Reis, genannt Wildvogel, kam, wie der Doktor ahnte, nach Sund. Sie kam noch früher, als er erwartet hatte, schon Anfang Juni.

Es war gar nicht so leicht für Beata gewesen, sie dazu zu bewegen. Sonja machte Schwierigkeiten: Sie habe schon ihre Pläne mit einigen Kameraden gemacht und wolle sie nicht enttäuschen. Sie hatte aber nicht mit Beatas Willensstärke und ihrer naiven Selbstsucht gerechnet. Das Anrecht der Kameraden wurde gar nicht berücksichtigt und Sonjas Einwendungen ebensowenig.

»Felix will durchaus mein Porträt jetzt im Juli malen lassen, in der Umgebung, wo er gewohnt ist, mich zu sehen.«

So lautete Beatas Beweisführung, und als der Brief nicht half, fuhr sie selbst hin und holte die Widerstrebende.

Der eigentliche Grund für Sonjas Widerstand war nicht das, was sie aufgeben mußte, sondern die Angst, Max wiederzusehen, und der peinliche Gedanke, daß sie diejenige sein sollte, die ihn aufsuchte. Aber Beatas Eifer kam ihr wie ein Fingerzeig des Schicksals vor. Beata hatte Max Reis nicht genannt, noch weniger konnte sie etwas von dem wissen, was zwischen ihnen vorgegangen war. Deshalb kam es Sonja vor, als zwänge sie ein höherer Wille auf die Insel, wo Max war, und darum fügte sie sich.

Das Zimmer, das ihr in Sund angewiesen wurde, lag im Dachgeschoß, neben dem von Agnes, und ging nach der See hinaus. Darüber freute sich Sonja, denn ihr gefiel die unbegrenzte Weite.

Am Abend nach ihrer Ankunft saß sie dort oben und blickte über die Baumwipfel auf die See. Oft pflegten ihre Gedanken in der Einsamkeit zu der Zeit vor acht oder neun Jahren zurückzuschweifen, als sie ihre tiefgehendsten Erfahrungen erlebt hatte. Seitdem hatte sie auf ihren Fahrten in fremde Länder viele Menschen kennen gelernt. Wo sie hinkam, war sie beliebt, und die Menschen interessierten sie immer, aber keiner hatte die Saiten ihres Herzens zum Erklingen gebracht, seit geliebte Hände schliefen und den Griff in ihres Herzens Saitenspiel losgelassen hatten. Es war verstummt. Aber jetzt am ersten Abend auf der großen, meerumspülten Insel, vernahm sie in der Einsamkeit, wie es durch das so lange schweigende Saitenspiel geheimnisvoll tönte. Mit Verwunderung und mit Unruhe lauschte sie, denn wenn des Herzens Saiten erklingen, gibt die Freude selten den stärksten Ton an.

Erinnerung und Ahnung verschmolzen heute abend in ihr.

An Viktor, ihren jungen Gemahl, dachte sie, den sie mit einer Liebe, die mehr vom Himmel als von der Erde an sich hatte, geliebt. Auch dachte sie an seinen Vater, der auch ihr Vater geworden war. Ihr schien, als wären sie ihr beide nahe und legten ihr Max ans Herz, den sie nun bald wiedersehen sollte.

Wie würde sich ihre Begegnung gestalten? Der Brief, den sie ihm nach Ingrids Tod geschrieben hatte, war unbeantwortet geblieben, und der Gedanke daran, wie er sie selbst empfangen würde, machte sie unsicher. Sie wußte so wenig von seinem Leben und seiner Entwicklung während der acht Jahre. Gern hätte sie alles darüber gewußt, ehe sie ihn von neuem kennen lernte.

Ein Knarren der Tür riß Sonja aus ihren Gedanken. Beata trat ein.

»Ich ahnte, daß du noch nicht zu Bett gegangen seiest. Die Aussicht von diesem Fenster verleitet unseren Besuch immer, bis weit in die Nacht aufzusitzen,« sagte sie.

»Ach, wie lieb, daß du kommst! Setze dich hierher, dann können wir so fein plaudern.«

Beata Hök setzte sich auf den Stuhl, wo Sonjas Füße ruhten, und dann gaben sie sich ganz dem Vergnügen einer traulichen Plauderstunde hin.

»Weißt du denn, daß du einen Schwager auf der Insel hast?« fragte Beata plötzlich und blickte lachend in Sonjas Gesicht.

»Gewiß weiß ich es, und es wird mich freuen, ihn wiederzusehen,« antwortete Sonja mit so vollständiger Selbstbeherrschung, daß ihre Freundin nichts von der stürmischen Vergangenheit ahnte.

»Schade um ihn,« sagte Beata.

»Warum das?«

»Seine Ehe war nicht glücklich, sie verstanden einander nicht. Sie stand an Verstand und Bildung allzuweit unter ihm. Sie war wohl lieb und gut, aber – sie paßte nicht zu ihm.« »Wie war er gegen sie?« fragte Sonja, und blickte in die Ferne.

»Ich fürchte, er verachtete sie, und das erniedrigt einen Mann.«

»Er hatte keinen Grund, sie zu verachten,« sagte Sonja.

»Ich kannte sie ja nicht, ehe sie hier auf die Insel kamen, und damals waren sie verheiratet, aber das Gerücht behauptete – doch das weißt du gewiß besser als ich und weißt, ob es wahr ist.«

»Sie war sein, ehe sie sich heirateten,« sagte Sonja ruhig, »aber daß er sie darum mehr verachten sollte, als sie ihn, das kann ich nicht einsehen.«

»Das ist nun einmal so, daß in der Hinsicht mehr von uns Frauen gefordert wird,« sagte Beata. »Es mag verkehrt sein und eine Ungerechtigkeit, aber ich möchte eher glauben, daß es so ist, weil wir in sittlicher Beziehung feiner geartet sind als die Männer, und es steht ja geschrieben, daß von denen mehr gefordert werden wird, denen mehr gegeben ist.«

»So habe ich die Sache nie angesehen, ich habe immer nur eine Ungerechtigkeit darin erblickt, daß dieselben Fehler bei Mann und Weib verschieden beurteilt werden.«

»Und ich sehe es eher so an, als sei es eine Ehre für die Frauen, daß mehr von ihnen gefordert wird,« sagte Beata.

»Es würde den Männern nichts schaden, wenn sie im allgemeinen mehr beflissen wären, die Ehre mit uns zu teilen, und wir würden es ihnen nicht verwehren,« entgegnete Sonja trocken.

Beata lachte belustigt.

»Aber um wieder auf den Doktor zu kommen,« sagte Beata, »so würde es sich wohl mit der Achtung gemacht haben, wenn er sie geliebt hätte, aber das fiel ihm gar nicht ein, und so etwas schadet einem Manne und macht seine Frau unglücklich.«

»War sie unglücklich?« Wieder blickte Sonja auf das Meer hinaus, so daß Beata ihr Gesicht nicht sehen konnte.

»Sie litt sehr, hatte Angst vor ihrem Mann und wurde mit der Zeit schwermütig. Ich glaube, sie freute sich auf den Tod. Im letzten Jahre ging sie oft zu Pastor Löwing, und das war gewiß gut.«

Nach diesen Worten herrschte langes Schweigen, und Sonjas Augen standen so voll Tränen, daß das Meer vor ihren Augen schimmerte und flimmerte.

»Auf welche Weise hat er Schaden genommen?« fragte sie endlich leise, und ihre Stimme zitterte trotz großer Selbstbeherrschung.

»Er ergab sich dem Trunk, und ich fürchte, daß diese Gewohnheit überhand nimmt, obgleich er sich zeitweilig aufrafft und Herr darüber wird.«

Sonja antwortete nicht, und dann gingen sie zu einem anderen Gesprächsgegenstand über. Endlich entschloß Beata sich, aufzubrechen. »Felix wird gewiß ärgerlich, wenn ich jetzt nicht zu Bett gehe,« sagte sie.

»Kann er nicht einschlafen, ehe du kommst?« rief Sonja lachend aus. »Der arme Kerl!«

»Das behauptet er wenigstens, aber ich glaube nicht recht daran,« erklärte Beata.

Als sie gegangen war, saß Sonja noch lange in ihrem Fenster und blickte in die helle Nacht hinaus. Die Gedanken stürmten auf sie ein, und was sie übers Max und Ingrid erfahren hatte, traf sie schmerzlich und verursachte ihr Gewissensbisse.

3.

Als Sonja am nächsten Morgen aufstand, war sie von einem krankhaften Arbeitseifer beseelt. Um den Gedanken an das bevorstehende Zusammentreffen mit Max zu unterdrücken, ging sie mit großer Energie an das Werk, das die Veranlassung zu ihrem Aufenthalt in Sund gegeben hatte.

»Heute müssen wir anfangen,« sagte sie beim Frühstück zu Beata.

»Womit?«

»Mit deinem Porträt.«

»Das eilt nicht. Du mußt dich erst an die Luft gewöhnen, die ist stark hier draußen bei uns und greift die Leute zuerst immer an.«

»Du hattest doch eine solche Eile mit dem Porträt, daß du mich holen mußtest, und ich keinen Tag zögern durfte!« »Ja, weißt du, ich rechnete damit, daß du Zeit haben müßtest, dich auszuruhen.«

Aber Sonja gab nicht nach.

»Ich bin nicht müde, und du siehst heute so süß aus, daß du nicht die geringste Hoffnung hast, freizukommen,« sagte sie.

Fabrikherr Hök hielt mit dem Bissen auf dem Wege zum Munde inne und schmunzelte zufrieden.

»Ich glaube, du hast deinen Mann gefunden!« sagte er triumphierend zu seiner Frau.

Sie lachte.

»Mitunter ist es auch ganz hübsch, gehorchen zu müssen,« meinte sie.

»Für einige Zeit hat es wenigstens den Reiz der Neuheit,« sagte, er mit einem bedeutungsvollen Räuspern.

»Ist er nicht schauderhaft, Sonja? Gleich den ersten Anlaß zu benutzen, um mich in deinen Augen herabzusetzen! Heirate du nur nie –, ach so, das ist ja wahr!« Beata lachte über ihren Schnitzer. Sonja sah so mädchenhaft aus, daß es verzeihlich war, wenn man ihre Witwenschaft vergaß.

Nach dem Frühstück galt es, Beata in die richtige Stellung und Beleuchtung zu bringen, und das war keine leichte Arbeit.

Beata bestand darauf, mit der Feder in der Hand an ihrem Schreibtisch sitzend, gemalt zu werden, obgleich niemand begriff, warum.

»Du willst wohl kommenden Geschlechtern vormachen, daß du bei Lebzeiten eine große Schriftstellerin warst,« meinte der Fabrikherr lachend.

»Dann werden sie sich den Kopf darüber zerbrechen, wo die Bücher geblieben sind,« fiel Fabian ein.

»Schließlich müssen sie Komitees einsetzen, um ausfindig zu machen, was du gemeint hast, wie sie es mit schwer verständlichen Verfassern tun,« schlug Ebba vor.

Aber Agnes lächelte.

»Ich glaube, ich verstehe, was Mama meint.«

»Sage es doch, dann brauchen wir kein Komitee,« rief Sonja.

»Mama schreibt Briefe an ihrem Schreibtisch, und das Bild soll andeuten, daß sie mit ihren Freunden und allen denen, für die sie sich interessiert, in Verbindung steht.«

»Daß du mich doch am besten verstehst!« sagte Beata und streichelte Agnes.

Die Familie interessierte sich so sehr für die Anordnung und hatte so verschiedene Ansichten und Vorschläge, daß Sonja sie schließlich in ihrer scherzhaften Weise alle aus dem Zimmer trieb, um endlich zu einem Resultat zu gelangen. Allein mit Beata glückte es ihr endlich, sie so zu sehen, wie sie wollte, und dann fing sie an zu arbeiten.

Aber nach ein paar Stunden erhob sich Beata und ließ sich nicht überreden, noch länger zu sitzen. »Du sollst meine Töchter und meinen Jungen kennen lernen,« sagte sie, »es ist der Mühe wert.«

»Und erst recht deinen Mann,« sagte Sonja mit dem gutmütigen, schelmischen Lächeln, das oft hervorbrach, wenn sie sich mit Beata unterhielt.

»Ja, auch ihn, obgleich man ihn sofort kennt, denn er bleibt sich immer gleich.«

Sonja benutzte also den Rest des Vormittags dazu, die Bekanntschaft zu pflegen. Der Erfolg rief beiderseitige Befriedigung hervor.

»Mir scheint, als interessiere dich Agnes mehr denn Ebba,« sagte Frau Hök, als sie im Laufe des Nachmittags hinauf kam, um Sonja zu einem Abendspaziergang abzuholen.

»Mir gefällt der Ausdruck ihres Gesichts, er ist so harmonisch,« antwortete Sonja.

»Ja, mit Agnes gibt es niemals die geringste Quengelei. Sie ist selbst einfach und faßt das Leben ebenso auf. Sie ist ein liebes Mädchen, aber sie gibt einem nie zu denken, man muß sie nur ihren geraden Weg gehen lassen. In Ebba ist mehr Schneid und Leben und Temperament.«

»Ich möchte aber doch Agnes für origineller halten,« sagte Sonja. »Viele fahren hierhin und dorthin im Leben, aber den rechten Weg zu finden und den stetig zu gehen – –«

»Mir kommt vor, als sei das keine Kunst für Agnes, es liegt in ihrer Natur. Sowohl Glück wie Kummer haben sie berührt, und beides hat sie mit Gleichmut getragen.«

»Ich habe bemerkt, daß sie etwas durchgemacht hat, denn ihre Harmonie hat etwas Sieghaftes an sich.«

»Sie war mit einem jungen Verwandten verlobt, der zur See ging und ertrank. Sie waren seit ihrer Kindheit miteinander einig. Sie trauerte tief, aber schweigend um ihn und wurde nachher sehr ernst. Das ist ihre ganze Geschichte.«

»Nicht so leicht erlebt wie erzählt,« sagte Sonja mit wachsendem Mitgefühl für die selbstvergessende Agnes.

»Ich freue mich, daß du meine Tochter schätzest. Komm jetzt,« sagte Beata und zog Sonjas Arm durch den ihren.

Unten warteten die anderen, denn der erste Ausgang, den Sonja auf der Insel machte, sollte ein Familienspaziergang werden.

Sie gingen durch den Wald, wo er am höchsten und dichtesten war, als sie bei einer Biegung des Weges einen einsamen Mann erblickten. Er ging langsam, mit den Händen auf dem Rücken, den Kopf vornüber gebeugt und den Blick auf die Erde gesenkt. Frau Hök fühlte, wie Sonja zusammenfuhr. Im nächsten Augenblick sah der Mann auf und erblickte sie.

»Max!«

»Wildvogel!« Impulsiv und warmherzig streckte Sonja ihm beide Hände entgegen, und ihr Gesicht leuchtete. Und wie es leuchten konnte!

Von ihrer Herzlichkeit und seinem eigenen aufwallenden Gefühl überrumpelt, ergriff er die ausgestreckten Hände, die seinen, tatkräftigen und tapferen Hände, die er früher mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit geküßt hatte. Aber im nächsten Augenblick ließ er sie wieder fahren, als habe er sich verbrannt.

Ein wenig verdutzt darüber, daß sie so schnell losgelassen wurden, ließ Sonja ihre Hände mit einer weichen, anmutigen Bewegung sinken.

»Kennen Sie einander?« fragte Hök und sah sie erstaunt an.

Dann blickte er verwundert auf seine Frau, die ungewohnterweise schwieg und ihm das erste Wort überließ. Er schien beinahe erschrocken, daß er ihr mit seiner Bemerkung zuvorgekommen war.

»Sie tragen ja denselben Namen,« bemerkte sie.

»Ach ja, gewiß, daß mir das nicht früher aufgefallen ist! Vielleicht sind die Herrschaften sogar miteinander verwandt?«

»Max ist mein Schwager, ich war mit seinem Bruder verheiratet,« antwortete Sonja.

Wie einfach das klang! Aber alles, was es an Erinnerung in sich schloß, stürmte auf sie ein und riß sie mit sich wie eine mächtige Flut. Sie konnte Max nur ansehen, seines Vaters Sohn, Viktors Bruder, der Kummer und Kampf ihrer eigenen Liebe.

»So nahe verwandt und nicht besser Bescheid voneinander zu wissen!« lachte Ebba.

»Ich bin die letzten acht Jahre meist außer Landes gewesen,« erklärte Sonja, wie im Traume redend.

»Welcher Wind hat dich heim und dann hier heraus auf unsere Insel geführt?« fragte Doktor Reis, der jetzt vollständig Herr über die Gefühlswallung geworden war, die sich zu seinem Ärger bei dem plötzlichen Wiedersehen seiner bemächtigt hatte.

»Felix wollte durchaus mein Porträt gerade jetzt malen lassen, und dazu ist sie hierher gekommen,« antwortete Beata, ehe Sonja ihren Mund auftun konnte.

»Ja ja, ja ja, so ist es,« stimmte der Fabrikherr ein, während ihm der Schalk aus den Augenwinkeln lachte. Der Gedanke, seine Frau malen zu lassen, war nicht in seinem Hirn entstanden, doch war er gewohnt, die Einfälle, die seine Beata ihm zuschob, stillschweigend auf sich zu nehmen.

Max lachte Frau Beata an.

»Ich glaubte nicht, daß eine so große, heilige Freundschaft Vorwände brauchte,« sagte er mit dem gutmütigen Spott, den sie immer bei ihm hervorrief.

»Ja, wissen Sie, Doktor, es war nicht leicht, sie hierher zu bringen. Sie ist eine kleine, emsige Arbeitsameise. Als ich dahinter kam, wurde mir klar, daß ich sie durch Arbeit zu uns locken müßte.«

Der Doktor wandte sich an den Fabrikherrn. »Und da kam dir der Einfall mit dem Porträt sehr zur gelegenen Zeit,« sagte er.

»Meine Einfälle kommen meiner Frau immer gelegen,« war die Antwort.

Beide lachten, Beata aber fing an, von etwas anderem zu sprechen.

»Wir machen einen Spaziergang, um Sonja die Insel zu zeigen; kommen Sie mit uns, Doktor.«

»Leider kann ich nicht, ich bin auf dem Wege zu einem Kranken.«

»Du kommst aber doch gegen Abend nach Sund, nicht wahr? Jetzt haben wir ja eine Anziehungskraft mehr,« sagte Hök.

»Die fehlte auch früher nicht,« entgegnete Max, mit einer leichten Verbeugung gegen Beata und ihre Töchter, »doch wie stark auch diese Anziehungskraft sein mag, so muß ich ihr heute abend widerstehen.«

»Nun, so behalten Sie wenigstens im Gedächtnis, daß Sie jederzeit in Sund willkommen sind, wann Sie nur kommen können und wollen, Doktor,« fiel Frau Beata ein. »Aufdringlich sind wir nicht, aber wir freuen uns immer, unsere Freunde zu sehen, das wissen Sie doch.«

»Tausend Dank,« antwortete der Doktor, verbeugte sich, drückte Sonjas Hand flüchtig und verließ sie mit einem Gefühl der Befriedigung sowohl wie des Bedauerns über seine Weigerung.

Es war ihm eine Genugtuung, Wildvogel zu zeigen, wie wenig ihm an ihrer Gesellschaft lag, aber zugleich verdroß es ihn, daß sie mit keinem Wort versucht hatte, ihn zu halten.

»Wildvogel! Was ist das für ein Name! Wer ist auf den Einfall gekommen, Sie so zu nennen?« fragte Fabian, als Doktor Reis sich entfernt hatte.

»Meine Kameraden nannten mich immer so.«

»Weshalb? Sind Sie denn so wild?«

»Ich vertrage keine Fesseln und liebe die Freiheit über alles,« antwortete Wildvogel, und reckte ihre schlanke, weiche Gestalt unwillkürlich, während ein Seufzer der Erleichterung – oder war es des Schmerzes? – ihre Brust hob.

Die nervöse, sprudelnde Lebhaftigkeit, die sie den ganzen Tag beseelt hatte, schien einer wunderbaren Ruhe Platz, gemacht zu haben. Wie eine Träumende blickte sie den Weg entlang, wo die Sonne auf farbiges Moos und braunrindige Kiefern brannte. Aber vor ihren Augen stand nur Max. Wie ein rätselhaftes, unvermeidliches Verhängnis, voller übermächtiger Aufgaben stand er vor ihrem inneren Auge, so wie sie ihn gesehen hatte, als sie sich plötzlich gegenüber standen. Sie sah, wie sich die breitschultrige, kräftige Gestalt mit der schlaffen Haltung plötzlich reckte, spannte und stählte. Was für Gefühle mochten das bewirkt haben? Zuerst schienen sie warm, wie vom Feuer geschmolzen, dann waren sie aber plötzlich hart und kalt geworden.

Und sein Gesicht! Die bleichen, aber kräftigen Züge, ursprünglich männlich schön, trugen mehr Ähnlichkeit mit denen seines Vaters, als ihr erinnerlich gewesen war, aber gerade diese Ähnlichkeit ließ die Unähnlichkeit um so schneidender hervortreten, denn sie trugen das Gepräge beginnenden Verfalls, der Erschlaffung und des Zynismus!

Wildvogels Herz war in heftiger Aufregung. Bald zog es sich vor Angst zusammen, bald weitete es sich vor unbezwinglicher Begierde, einen Kampf mit Max um das Beste in ihm aufzunehmen, ihn zu retten, um welchen Preis es auch sein mochte.

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