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James Fenimore Cooper: Wildtöter - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorJ. F. Cooper
titleWildtöter
publisherSchatzkästlein, Göttingen
printrun1.-5. Tausend
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060202
modified20160412
projectidf2d77a7f
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VII.
Ein mißglückter Überfall

Hetty ging auf die Arche hinüber und band zwei von den Kanus zusammen, die sie durch die Einfahrt in den Palisaden ruderte und unter dem Haus an Ketten festmachte. Die Palisaden waren dicke Baumstämme, die fest in den Schlammgrund getrieben waren und die Fahrzeuge schützen sollten. In dieser Art von Dock waren die Boote der Sicht entzogen, und wenn die Durchfahrt gehörig verrammelt war, mochte es schwer sein, sie wegzubringen. Wildtöter verrammelte und verschloß indessen alle Fenster und Türen, und stieg durch eine Falltür in ein von Judith gerudertes Boot. Nachdem sie auch Hetty aufgenommen hatten, fuhren sie zum Durchlaß hinaus und versperrten ihn und ruderten zur Arche hinüber.

»Nichts rührt sich,« sagte Wildtöter zu Judith, als sich die Arche in Bewegung setzte, »aber natürlich werden sie ein Floß im Wald bauen und erst nachher aufs Wasser bringen. Jedenfalls ist jetzt noch nichts zu sehen. Wir werden ihnen, wenn sie uns schon vom Ufer aus verfolgen und etwa hinter uns hertrappen, ein Schnippchen schlagen. Ich werde diese Fähre auf alle mögliche Kurse legen, einmal hierhin und einmal dorthin fahren, bis sie müde Beine haben und es satt kriegen, hinter uns herzulaufen.«

Eine leichte Brise kam von Norden her, er hißte Segel und hielt mit dem schweren Fahrzeug einen Kurs, der sie ein paar Meilen unterhalb am Ostufer an Land bringen mußte.

»Müssen wir genau bei Sonnenuntergang den Felsen erreichen, oder macht es nichts aus, wenn wir ein paar Minuten früher oder später hinkommen?« fragte Judith.

»Das ist ja der Haken, Judith! Der Felsen ist wie eine Zielscheibe, und es geht nicht an, dort zu nahe oder zu lange zu warten. Ihr seht aber, daß ich gar nicht auf den Felsen zuhalte, sondern östlich davon, wohin jetzt auch die Wilden eilen werden.«

So verging die Zeit bis kurz vor Sonnenuntergang, und die Arche befand sich gerade in Höhe jener Landspitze, auf der Hutter und Hurry in Gefangenschaft geraten waren. Wildtöter kreuzte hier hin und her, um seine Absichten zu verhehlen. Er wollte die Wilden glauben machen, daß er an jener Landzunge mit ihnen zu verhandeln wünsche und sie verlocken, dorthin zu laufen. Das war geschickt ausgerechnet, denn die anschließende Bucht schob sich tief in das Land hinein, und die mächtige Krümmung des sumpfigen Ufers würde es der Arche erlauben, vor den Verfolgern auf dem Lande am Felsen zu sein, denn nun hatten diese einen großen Umweg zu machen, während die Arche direkt auf den Felsen zusteuern konnte. Um die Täuschung vollkommen zu machen, fuhr Wildtöter so nahe an das Ufer heran, als es die Vorsicht nur erlaubte, dann hieß er Judith und Hetty in die Kajüte gehen, duckte sich hinter die Brüstung des Fahrzeugs und schwenkte es plötzlich auf den entgegengesetzten Kurs herum, auf den Abfluß zu.

Zur rechten Zeit gelangte er in die Nähe des »Bienenkorbs« und warf in einiger Entfernung den Anker aus. Während Judith und Hetty den Strand und den Felsen beobachteten, ließ er das Heck der Fähre langsam am Ankerseil auf den Felsen zutreiben.

Lange Zeit spähten sie vergebens, dann rief plötzlich Judith: »Seht, da steht ein Indianer auf dem Felsen, bemalt und bewaffnet!«

»Wo trägt er seine Falkenfeder?« fragte Wildtöter zurück, der das Tau lockerte, um näher an den Felsen heranzukommen, »trägt er sie in der Skalplocke oder über dem linken Ohr?«

»Über dem linken Ohr! Er lächelt, und flüstert: Mohikaner!«

»Also doch die Schlange!« rief der junge Mann, und gleich darauf hörte man einen leichten Sprung auf dem anderen Ende des Fahrzeugs und der Indianer eilte durch die Kajüte nach dem vorn stehenden Wildtöter.

Im nächsten Augenblick kreischten Judith und Hetty auf, und die Luft gellte von Kriegsgeheul: etwa zwanzig Wilde sprangen aus den Büschen auf die Sandbank hinunter, einige stürzten sich gleich ins Wasser.

»Ziehen! ziehen!« schrie Judith, »der ganze See ist voll von Indianern, die hinter uns herwaten.«

Die beiden jungen Männer, denen der Ruf galt, wußten, was auf dem Spiele stand, und unter Anspannung aller Kräfte gelang es ihnen, das schwerfällige Fahrzeug wieder in Bewegung zu bringen. Die Arche kam in Fahrt, und ein Freudenschrei Judiths zeigte ihnen, daß die Verfolger, die schon fast die Arche erreicht hatten, abgeschlagen waren.

»Sie sind weg!« rief sie, »der Letzte drückt sich gerade wieder in die Uferbüsche! Wir sind durchgekommen!«

Noch einmal legten sich die Beiden ins Zeug, um den Anker zu erreichen, und ließen dann die Arche soweit treiben, bis sie in gehöriger Entfernung vom Ufer waren und auch Gewehrschüsse nicht mehr zu fürchten brauchten.

Chingachgook, von großer, schlanker Gestalt und adeliger Haltung, prüfte zuerst seine Flinte, ob ihm das Zündkraut auch nicht naß geworden war, dann ging er daran, die sonderbare Behausung und die beiden Mädchen höchst aufmerksam zu betrachten. Fragen zu stellen, hielt er unter seiner Würde.

Wildtöter stellte seinen Freund den beiden Mädchen vor. »Judith und Hetty, das ist Chingachgook, der Mohikanerhäuptling, er ist der beste Freund, den ich habe. Ich wußte gleich, daß er es sein müsse, wegen der Falkenfeder über dem linken Ohr.«

Chingachgook verstand zwar das Englische, drückte sich aber wie die meisten seiner Stammesgenossen nur ungern in dieser Sprache aus. Nachdem er Judith und Hettys freundlichen Gruß höflich und mit der Würde eines Häuptlings erwidert hatte, wandte er sich ab und schwieg. Er wartete, bis es seinem Freunde gefallen würde, von dem Geschehenen und den weiteren Plänen Mitteilung zu machen. Der andere verstand seine Absicht und bat die beiden Mädchen, das Abendessen zu bereiten. Während sich Judith und Hetty in die Kajüte zurückzogen, setzten sich die beiden jungen Männer in den Bug des Fahrzeugs und unterhielten sich in der Delawarensprache über die Lage.

Chingachgook erzählte, was ihm selbst seit ihrer Trennung begegnet war. Eine halbe Meile südlich war er am Susquehannah auf die Fährte des Feindes gestoßen. Mit aller Vorsicht erreichte er den Ausfluß des Flusses aus dem See und den Felsen, wobei er wieder eine Spur fand, und streifte nun stundenlang in der Nähe des Feindes umher, immer in der Hoffnung, seiner Wah-ta-Wah zu begegnen, oder einen Skalp erbeuten zu können. Er hatte auch die Arche gesehen und aus ihren vorsichtigen Manövern geschlossen, daß sich Weiße an Bord befinden mußten. Er war ebenso wie sein Freund von der Stärke des Feindes überrascht, der in der Nähe der Stelle, wo Hutter und Hurry gefangengenommen wurden, an einer Quelle sein Standlager hatte.

»Gut, Schlange,« sagte Wildtöter, als der Indianer seine Erzählung beendet hatte, »weißt du nichts von den beiden Gefangenen?«

»Chingachgook hat sie gesehen, ein alter Mann und ein junger Krieger.«

»Waren die Männer gefesselt oder gar schon auf dem Wege zum Marterpfahl? Ich frage wegen der Mädchen.«

»Nichts von dem. Die Mingos sind so zahlreich, sie brauchen ihr Wild nicht in den Käfig zu sperren. Einige wachen, andere schlafen, andere sind auf Kundschaft und wieder andere auf Jagd. Die Bleichgesichter werden heute noch wie Brüder behandelt, morgen verlieren sie ihre Skalpe.«

»Ja, so sind die Roten! Das ist ihre Natur. Judith! Hetty! Kommt heraus, da sind tröstliche Nachrichten für euch! Euer Vater und Hurry haben nichts zu leiden, sie dürfen frei im Lager herumgehen.«

»Das höre ich mit Freuden, Wildtöter,« gab Judith zurück, »nachdem euer Freund nun da ist, wird sich gewiß auch ein Weg finden, die Gefangenen auszulösen. Wenn sie ihre Weiber im Lager haben, will ich sie schon mit ein paar schönen Kleidern bezaubern, zur Not können wir immer noch die Truhe öffnen.«

»Wieviel Frauen sind im Lager der Mingos?« fragte Wildtöter seinen Freund, »hast du Wah-ta-Wah gesehen?«

»Sechs!« antwortete dieser, und hob alle Finger der einen Hand und den Daumen der anderen Hand auf, »aber das Gebüsch war zu dicht, um Wah-ta-Wah zu sehen. Ich habe sie lachen hören, es klang wie das Zwitschern des Zaunkönigs.«

Es war inzwischen ganz dunkel geworden. Wildtöter lichtete den Anker und alsbald trieb die Arche gemächlich see-einwärts. Sie machten gut zwei Meilen Fahrt in der Stunde und konnten das Rudern sparen, so setzten sie sich auf dem Heck des Fahrzeugs nieder: Wildtöter, der das Steuer in Händen hielt, Judith und der Delawarenhäuptling. So verging eine halbe Stunde, ringsumher wurde es finster und finsterer.

»Habt ihr nichts gehört, Wildtöter?« fragte Judith plötzlich. »Es war mir, als rauschte es im Wasser, ganz in unserer Nähe.«

Im gleichen Augenblick beugte sich der Delaware vor und zeigte in das Dunkel, als sähe er etwas. Nun erkannten auch Wildtöter und Judith ein Kanu und darin einen aufrecht stehenden Ruderer. Die beiden Männer hoben ihre Büchsen und Wildtöter rief den Ruderer an.

»Schießt nicht, ihr bringt ein armes wehrloses Mädchen um! Geht eurer Wege, Wildtöter, und laßt mich die meinen gehen!« Es war Hettys sanfte Stimme.

»Hetty!« schrien Judith und Wildtöter in einem Atem, und Wildtöter stellte fest, daß das an der Arche befestigte Kanu fehlte. In aller Eile wurde das Segel heruntergeholt, um nicht an dem Boot vorbeizutreiben, aber es war schon zu spät, ihr Boot verschwand immer mehr in der Dunkelheit.

»Was soll das heißen, Judith?« fragte Wildtöter.

»Sie ist schwachsinnig, das wißt ihr ja. Sie wird sich einen sonderbaren Plan ausgedacht haben, ihren Vater zu befreien, an dem sie mehr als andere Kinder hängt.«

»Und wird damit den Mingos ein Boot in die Hand spielen. Das müssen wir verhindern!«

Die Männer faßten nach den Rudern und drehten das schwere Fahrzeug herum, daß es mit dem Bug in die Richtung zeigte, in der Hetty verschwunden war, und Judith lehnte sich weit über Bord, um zu lauschen. Wildtöter und sein Gefährte, die wußten, um was es ging, legten sich mit aller Gewalt in die Ruder, während Hetty in ihrer Angst wie gelähmt war und nicht recht vorwärts kam. Die Jagd hätte bald mit der Einholung der Entwichenen geendet, wenn nicht das Mädchen ein paarmal mit kurzen Wendungen, die keiner voraussehen konnte, den Kurs geändert hätte. Damit gewann sie Zeit, die beiden Fahrzeuge gerieten immer tiefer in den dunklen Schatten unter den Bergen, ihr Abstand vergrößerte sich immer mehr, und Judith hieß ihre Freunde das Rudern einstellen, sie hatte das Boot aus den Augen verloren.

Wildtöter steuerte die Arche langsam auf die Landspitze zu, dort lagen sie wohl eine Stunde im tiefen Dunkel und warteten auf Hetty. Sie dachten, das Mädchen würde ebenfalls diese Stelle der Küste zu erreichen trachten. Aber auch das war umsonst, es war nichts mehr zu hören und zu sehen, und enttäuscht nahm Wildtöter wieder Kurs auf das Kastell.

Hetty war ruhig in ihrem Boot geblieben, bis die Arche in die Nähe der Küste gelangt war. Dann ruderte sie gut eine Meile oberhalb des Abflusses auf die Küste zu und ging gerade an der Spitze der Halbinsel an Land. Sie wußte ganz genau, daß ihr Boot nicht den Wilden in die Hände fallen durfte, im Vertrauen darauf, daß es schon auf die Biberburg zusteuern würde, oder daß Wildtöter es am anderen Morgen wiederfinden würde, stieß sie es ins Wasser.

Im gleichen Augenblick hörte sie vom Wasser her näherkommende Stimmen. Immer noch in der Meinung, Hetty den Weg verlegen zu können, war Wildtöter mit der Arche nahe ans Ufer herangekommen. Er gewahrte dabei das treibende Kanu, und es gelang ihnen, das Boot zu erreichen und an der Arche festzumachen.

»Hetty! Schwester!« rief Judith mit bewegter Stimme, »wenn du mich hören kannst, gib mir Antwort, um Gottes willen. Laß mich deine Stimme hören!«

»Ich bin hier, Judith, hier auf dem Land! Aber verfolgt mich nicht, sonst laufe ich in den Wald!«

»Hetty, was tust du? Weißt du nicht, daß im Wald Indianer sind und wilde Tiere?«

»Die werden sich an einem armen schwachen Geschöpf nicht vergreifen! Gott schützt mich hier wie auf der Arche. Ich muß meinem Vater und dem armen Hurry helfen! Sie werden gemartert und totgeschlagen, wenn ihnen niemand beisteht. Ich weiß, was ich dem Häuptling sagen muß.«

Gleich darauf raschelte es im Laub, Hetty hatte das Ufer verlassen und war im Walde untergetaucht.

Es wäre sinnlos gewesen, ihr nachzueilen, denn Finsternis und Dickicht schützten sie vor den Verfolgern. So hißten sie auf der Arche wieder das Segel und erreichten in kaum einer Stunde die Wasserburg.

Judith suchte ihr Lager auf und weinte sich in den Schlaf. Wildtöter und der Delaware legten sich in der Arche zur Ruhe nieder.

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