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James Fenimore Cooper: Wildtöter - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorJ. F. Cooper
titleWildtöter
publisherSchatzkästlein, Göttingen
printrun1.-5. Tausend
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060202
modified20160412
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VI.
Die »Große Schlange« wird erwartet

Judith und Hetty standen auf dem Landeplatz der Wasserburg und erwarteten ihn voller Angst, von Zeit zu Zeit hob die Aeltere das Schiffsfernrohr an die Augen und sah den herankommenden Kanus entgegen.

Wildtöter legte an der Burg an und band die drei Fahrzeuge sorgfältig fest, dann stieg er hinauf, um den beiden Mädchen, die nun seinem Schutz unterstanden, zu berichten.

Keins der Mädchen sprach ein Wort, als nun Wildtöter vor ihnen stand und sein Gesicht die schwere Sorge um die beiden Gefährten verriet. Endlich preßte Judith die bange Frage hervor: »Wo ist Vater?« »Er hat Unglück gehabt,« antwortete Wildtöter in seiner geraden und ruhigen Art, »er und Hurry sind in den Händen der Mingos, und der Himmel mag wissen, wie es ausgehen wird. Immerhin habe ich alle Kanus zusammen, und die Halunken müssen schwimmen oder Flöße bauen, wenn sie an uns heranwollen. Gegen Sonnenuntergang wird mein Freund Chingachgook zu uns stoßen, und dann, denke ich, halten wir die Burg, bis von der nächsten Garnison Hilfe kommt.«

»Darauf ist kein Verlaß, wir können die Burg alleine halten – aber was wird inzwischen aus meinem Vater und dem armen Hurry?«

Wildtöter berichtete ihnen kurz die Ereignisse der letzten Nacht, und die Mädchen hörten ohne sonderliche Bestürzung zu, sie waren in den Grenzwäldern aufgewachsen.

Wildtöter wandte sich plötzlich nach einer Truhe um, die ihm bei seinem ersten Rundgang durch das Haus schon aufgefallen war. Sie sah schon arg mitgenommen aus, war an den Ecken mit Stahlplatten beschlagen und besaß drei kunstvoll gearbeitete Schlösser. Ihr Gewicht war dem Aussehen entsprechend.

»Habt ihr den Kasten niemals offen gesehen, Judith?« fragte Wildtöter.

»Niemals. Vater hat ihn nie in meiner Gegenwart aufgemacht.«

»Aber in meiner!« warf Hetty ein, »Vater machte den Kasten öfter auf, wenn du nicht da warst. Doch es ist Vaters Geheimnis, und deshalb will ich auch nicht darüber sprechen.«

Judith war überrascht und bekümmert, faßte sich aber schnell und fragte Wildtöter weiter nach den Geschehnissen der letzten Nacht aus. Nur mit Zurückhaltung erzählte Wildtöter von seinem ersten so tapfer bestandenen Kampf mit dem Wilden, und brachte das Gespräch auf Chingachgook, von dessen Eintreffen er sich große Hilfe versprach.

»Wer ist dieser Chingachgook, und was will er hier?« fragte ihn Judith.

»Chingachgook ist vom Stamme der Mohikaner, er lebt aber bei den Delawaren, wie die meisten seines Stammes, der der weißen Übermacht schon lange erlegen ist. Sein Vater Unkas war einer der berühmtesten Krieger und Häuptlinge seines Volkes.«

»Es ist gut, wenn wir noch einen Mann zum Bundesgenossen haben, ich hoffe auch, daß uns die Wilden ihre Gefangenen zum Tausch anbieten, wenn sie merken, daß wir uns auf dem See halten können. Vielleicht nehmen sie Felle, oder das Fäßchen Pulver, das wir im Hause haben,« meinte Judith.

»Chingachgook und ich, wir müssen sehen, daß wir euren Vater bald freibekommen,« sagte Wildtöter, »und warum soll ich euch nicht erzählen, was wir vorhaben. Also Chingachgook – der Name bedeutet »Große Schlange« – hat eine Braut mit Namen »Wah-ta-Wah«, um die sich unter vielen anderen Freiern auch ein gewisser Briarthon vergeblich beworben hatte. Vor zwei Monaten, als das Mädchen mit seinen Eltern zum Salmenfang in den westlichen Strömen unterwegs war, verschwand es plötzlich spurlos. Vor einigen Tagen kam ein Bote mit der Nachricht, daß Wah-ta-Wah sich gefangen bei den Feinden befinde, um dort einem Mingo verheiratet zu werden, wobei der abgewiesene Nebenbuhler wahrscheinlich die Hand im Spiele hatte. Es hieß in jener Botschaft, der feindliche Stamm wolle hier in der Gegend einige Wochen jagen und Vorräte sammeln, um dann wieder nach Kanada zurückzukehren. Wir wollen also versuchen, das Mädchen jetzt frei zu bekommen.«

Nach diesem Gespräch ging Wildtöter daran, die Burg auf ihren Verteidigungszustand hin zu überprüfen. Ungeduldig sah er nach dem Stand der Sonne, und wünschte die Ankunft seines indianischen Freundes herbei.

Endlich war gegen Abend der Zeitpunkt der Zusammenkunft gekommen.

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