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Wildmoorprinzeß

Sophus Bauditz: Wildmoorprinzeß - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorSophus Bauditz
titleWildmoorprinzeß
publisherFr. Wilh. Grunow
printrunDreizehntes bis sechzehntes Tausend
year1924
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080418
projectid35c56956
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7

Guten Tag, guten Tag! rief der Hauptmann Onkel Heinrich zu, der im Hofe stand und Holz hackte.

Guten Tag, Riis! antwortete der Kammerjunker, legte die Axt auf den Block und sah nach der Uhr. In zehn Minuten stehe ich zu deiner Verfügung, dann ist meine Stunde um.

Nun, das ist ja herrlich! Wo ist deine Schwester?

In der Küche. Die liebe Rosa macht ein.

Und Fanny?

Die sitzt wohl irgendwo und liest.

Gut, dann finde ich sie schon.

Damit zog der Hauptmann sein Pferd in den Stall und ging ins Schloß. Es fiel ihm gar nicht ein, Tante Rosa zu stören.

Er ging durch das Eßzimmer und stieg die Wendeltreppe hinan, klopfte an Fannys Zimmer und öffnete die Tür. Fanny saß am Tische, den Kopf in beide Hände gestützt, und las eifrig. Als sich der Hauptmann zeigte, blickte sie halb auf, warf ihm ein: Warte, bitte, einen Moment! zu und las dann weiter. Nach Verlauf von einigen Minuten erhob sie sich, sagte freundlich guten Tag und bekam einen Kuß.

Wo bist du denn gewesen?

Heute war ich auf der Lysbroer Wiese – es war großartig da! Ich liebe die Wiese – ich freue mich über all die schönen Blumen.

Der Mönch geht auf die Wiese
Den langen Sommertag –

Ach was! sagte Fanny. Der Mönch geht nicht der Blumen wegen auf die Wiese, der geht dahin, um eine schöne, junge Nonne aus dem Kloster jenseits des Baches zu treffen!

Mag sein! Daran hab' ich noch nie gedacht! Und dann summte der Hauptmann:

Nun springen die Knospen in Sommerlust,
Es duften die Wiesen wie würziger Wein,
Und sehnend schwillt auch der Maid die Brust,
Als wollte sie sprengen das weiße Lein
– Ihr hütet die Jungfrau wohl!

Bin ich es, die bewacht werden soll? fragte Fanny.

Ach ja, du auch! Du warst neulich zu zweien im Tviser Wald?

Woher weißt du das?

Ich weiß alles!

Dann weißt du auch wohl, daß es nicht das geringste zu bedeuten hat, daß ich mit Graf Christian reite, wenn ich ihm zufällig begegne. Ich kann ihm ja nicht verbieten, verliebt in mich zu sein – wie? Und es macht mir Scherz, mit ihm zu reiten – in Ermangelung andrer. Hier ist ja nicht ein einziger jüngerer Herr in der ganzen Gegend.

Jetzt ist einer hierhergekommen.

Wer denn?

Ingenieur Kongsted.

Danke! – Der ist ja unmöglich.

So? Mir gefällt er sehr.

Ja, du kannst ja alle Menschen leiden – Bro ausgenommen. Aber der Ingenieur ist wirklich unmöglich. Er hat über alle Dinge Anschauungen, die mindestens so borniert sind wie Tante Rosas und deine; aber euch verzeiht man. Ihr seit alte Menschen! Und auch sonst hat er mich gereizt! Er faselte etwas davon, daß seiner Familie – es klingt doch geradezu lächerlich, ihn von »Familie« reden zu hören! – eigentlich Hjortholm hätte zufallen müssen, daß wir es aber kraft eines Testaments bekommen hätten, das entweder gar nicht existiert hätte oder doch jedenfalls gefälscht gewesen sei.

Die Sache kannst du ganz leicht nehmen.

Ja, das kann ich wohl, geärgert hat es mich aber doch, namentlich da Tante Rosa einräumen mußte, daß das Testament hier im Schlosse nicht zu finden sei.

Aber du lieber Gott, selbst wenn Kongsted recht hätte, selbst wenn ein Höibro seinerzeit ein Unrecht begangen hätte, so gehört Euch doch Hjortholm mit vollem Recht. Es gibt etwas, das »Verjährung« heißt.

Ach, wie kannst du nur so reden! Kannst du denn nicht begreifen, daß Recht Recht ist und Unrecht Unrecht bleibt. Meinst du, daß ich, wenn ich an Fritzens Stelle wäre, auch nur einen Augenblick das Schloß behalten würde, falls es sich beweisen ließe, daß ich nicht das vollste, unantastbarste Anrecht darauf hätte? Nein, wahrhaftig, das tät' ich nicht! – Und obwohl ich selbstverständlich nicht den leisesten Zweifel hege, daß alles, was der Ingenieur sagte, vollständig aus der Luft gegriffen war – denk' nur, er sprach von »Tradition« – ich bitte dich! –, so würde es mir doch eine Beruhigung und ein Vergnügen zugleich sein, ihm das Testament der Parsbergs vorzulegen und zu sagen: Wollen Sie das gefälligst lesen, Herr Kongsted! – Nun, es kann ja aber nichts nützen, daß man sich ärgert oder darüber grübelt. – Weißt du übrigens, daß der Fritz im September kommt? Ich bekam gestern einen Brief von ihm.

Also er kommt doch im September! Das gefällt mir. Der September ist der beste Monat des Jahres. Ich bitte den lieben Gott auch immer, daß er mich die Rebhühnerzeit noch erleben läßt, und wenn Diana einmal erschossen werden muß, so soll es im Dezember geschehen, damit sie vorher die Jagdsaison ganz zu Ende ausgenossen hat.

Ach, von Jagd ist gar nicht die Rede! sagte Fanny ein wenig schnippisch. Er kommt mit vier oder fünf von seinen Freunden hierher, die Jütland sehen und Studien machen wollen.

Studien?

Ja, Fritzchens jetziger Verkehr besteht ja fast ausschließlich aus Schriftstellern und Dichtern und Künstlern – den Mitarbeitern am Faublas –, alles hochbegabte junge Leute. Er kann es wohl aushalten, der liebe Bruder, aber er verdient auch den Verkehr, den er hat.

Ja, den verdient er gewiß! räumte der Hauptmann ein. Wer von ihnen wird denn mit ihm kommen?

Ja, das schreibt er nicht, aber ich will nicht hoffen, daß Pierre Moulin mit dabei ist.

Weshalb denn nicht?

Nein, der ist gewiß schrecklich verwöhnt.

So?

Ja, er verbringt, glaube ich, den größten Teil seiner Zeit in Paris, und seine Causerien beginnen immer damit, daß der Champagner knallt!

Nun, dann muß er sich ohne Champagner begnügen, solange er auf Hjortholm ist. Aber du sagtest Dichter – stehen denn Gedichte im Faublas?

Freilich stehen Gedichte darin, jede Woche. Da kannst du die letzte Nummer sehen.

Der Hauptmann nahm das Blatt, das sie ihm reichte, und las andächtig ein paar Minuten; dann blickte er hilflos zu Fanny auf und fragte: Sind das Verse?

Ja – kannst du denn nicht sehen, daß da lange und kurze Linien sind?

Ja, das sehe ich, aber verstehen tue ich auch nicht ein Wort davon.

Ach, es ist wohl auch nicht die Absicht, daß man ein Gedicht ebenso verstehen soll wie einen mathematischen Beweis! Aber ich will dir doch nur sagen, daß dies von einem unsrer allerbegabtesten Symbolisten geschrieben ist, und wenn du es auch nicht verstehen kannst, so kann darum doch sehr wohl eine tiefere symbolische Bedeutung darin liegen!

Ja, das kann es wohl. – Aber verstehst denn du es?

Ja–a.

Willst du mir dann den Sinn erklären?

Nein, das will ich, weiß Gott, nicht, ich habe Wichtigeres zu tun; ich habe Tante Rosa versprochen, hinunterzukommen und das Stachelbeergelee zu probieren – jetzt gehe ich!

Fanny ging, und nach einer Weile erschien Onkel Heinrich.

Nun hast du denn dein Pensum Holz gehackt? fragte der Hauptmann.

Ja, ich habe die volle Stunde gehackt, aber das war sehr anstrengend. Ich hatte die größte Lust, eine Weile früher aufzuhören, teils weil ich sehr echauffiert war, teils weil meine Nägel eigentlich zu lang sind.

Aber so schneide sie doch ab, lieber Heinrich!

Du weißt sehr wohl, Riis, daß ich meine Nägel nur jeden Freitag schneide; Ordnung muß in allen Dingen herrschen!

Nun, nur nichts für ungut! – Was gibt's denn sonst Neues?

Ja, was gibt's Neues – ja, die Königin ist gekommen!

Die Königin!

Ja, sie kam heute morgen mit der Roten Post.

Die Königin kam mit der Roten Post?

Ja, Schullehrer Petersen hatte vorher einen Brief bekommen, infolgedessen stand er vor seinem Hause und empfing sie.

Bist du verrückt, Heinrich! Die Königin, was für eine Königin?

Die italienische Königin!

Was zum Teufel tut die hier?

Sie soll ja doch Petersens Rasse vermehren und veredeln!

Die Vermehrung kann Madame Petersen doch zur Genüge besorgen, und was die Veredlung betrifft, so –

Sie kam in einer kleinen Schachtel mit Freimarken über den Löchern, fuhr Onkel Heinrich fort, ohne sich stören zu lassen. Ich habe es selber gesehen.

Ach, die Bienenkönigin!

Ja, was sonst? Und nun hat Petersen sie in einen Bienenstock gesetzt und hat einen Pfeifendeckel darüber gestülpt, damit die Bienen sich an ihren Anblick gewöhnen sollen. Apropos! Pfeife: der Kopf des Amtsrichters ist angeraucht, du kannst ihn heute abend mitnehmen.

Schön. – Ich bin übrigens deinetwegen gekommen, Heinrich. Morgen findet im Bodholter Krug eine Agrarierversammlung mit gemeinsamem Abendessen statt – möchtest du das nicht mitmachen?

Ja, am Abend bin ich ja mein eigner Herr.

Dann kommst du also mit?

Glaubst du, daß ich Erlaubnis von Rosa bekomme?

Wir können es ja versuchen!

Ja, sprich du mit ihr, Riis, du verstehst dich so gut darauf.

Sie sprachen eifrig, bis Tante Rosa kam. Diese war zornig. Wofür hält man uns denn! sagte sie. Für Bettler, mit denen man schachern kann! Kommt da ein Bootbauer aus Igum und bietet zweihundert Kronen für die alte Eiche – ist er verrückt?

Die alte Eiche! rief der Hauptmann. Die alte Eiche draußen auf dem Rasen – nun und nimmer!

Nun und nimmer! wiederholte Onkel Heinrich.

Natürlich könnt' ich die paar hundert Kronen gut gebrauchen, fuhr Tante Rosa fort. Fritz schreibt wieder und will Geld haben – das will er ja immer! Aber die alte Eiche, in deren Schatten die Höibros und die Parsbergs, die Globes und Urnes gesessen haben, die soll nicht gefällt werden.

Nein, das wäre Sünde und Schande, sagte der Hauptmann. Um so mehr, als wir nur noch wenige alte Eichen hier in der Gegend haben; ihre Zeit ist vorüber.

So?

Ja, die haben Licht und Luft nötig, die fordern viel Platz. Es ergeht ihnen wie dem Kronwild: soll es gedeihen, so muß es aus dem einen Waldkomplex in den andern ziehen können, und da wir so wenige große Wälder haben, ist das Kronwild im Begriff, auszusterben. Wird aber Jütland wieder ein Waldland dank unsern Heidegesellschaften, so kehrt vielleicht die Zeit des Kronwildes auch zurück.

Es ist doch tröstlich, zu hören, daß wieder bessere Zeiten kommen können, sagte Tante Rosa und nickte.

Was meinen Sie damit?

Ach nichts! Aber dieser Ingenieur Kongsted, der –

Ach so, der! Das ist ein netter Mensch!

Finden Sie?

Ja, mir hat er auch sehr gefallen, bemerkte Onkel Heinrich bescheiden. Er erklärte mir etwas in bezug auf den Schwerpunkt – ich habe es freilich nicht verstanden, aber es war doch so klar und deutlich –

Aber ich will doch nicht vergessen, weswegen ich eigentlich gekommen bin, sagte der Hauptmann. Ich wollte Heinrich den Vorschlag machen, morgen mit in die Agrarierversammlung zu kommen.

Heinrich soll sich nicht in Politik mischen, erklärte Tante Rosa sehr bestimmt.

Von Politik ist bei dieser Versammlung auch gar nicht die Rede, versicherte der Hauptmann. Sie ist ja gerade ganz unpolitisch! Es handelt sich nur darum, sich auf die beste Weise zu schützen gegen – aber das wissen Sie ja viel besser als ich, Tante Rosa! Nach den Verhandlungen findet aber ein gemeinsames Essen statt.

Gemeinsames Trinken, warf Tante Rosa ein.

Tante Rosa, seien Sie vernünftig, bat der Hauptmann. Die Familie Höibro muß unter den Agrariern repräsentiert sein, und ich stehe für Heinrich ein.

Sie! rief Tante Rosa aus. Das ist wirklich eine nette Garantie! In was für einem Zustand kamen Sie neulich mit der Leiche nach Haus, als ich Heinrich für die Tierschau leichtsinnigerweise eine Nachtkarte gegeben hatte – wissen Sie das wohl noch?

Ja, aber da bekamen wir warmen Punsch, wandte der Hauptmann ein, und den kann Heinrich nicht vertragen.

Die Diskussion wurde noch eine Zeit lang fortgesetzt, aber die wiederholte Versicherung des Hauptmanns, daß die Familie Höibro unter den Agrariern vertreten sein müsse, verfehlte ihre Wirkung nicht, und so gab denn Tante Rosa endlich dem Bruder die Erlaubnis, sich an der Versammlung zu beteiligen. – Um zehn Uhr bist du aber zurück, Heinrich! sagte sie.

Um elf! schlug der Hauptmann vor.

Nein, um zehn Uhr!

Um halb elf!

Nun, meinetwegen!

Vielen Dank Rosa! sagte Onkel Heinrich und strich seinen Bart.

Gegen Abend ritt der Hauptmann fort. Nach dem warmen Tage war ein kalter, feuchter Nebel aufgestiegen, ganz wie im Frühjahr.

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