Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Sophus Bauditz >

Wildmoorprinzeß

Sophus Bauditz: Wildmoorprinzeß - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorSophus Bauditz
titleWildmoorprinzeß
publisherFr. Wilh. Grunow
printrunDreizehntes bis sechzehntes Tausend
year1924
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080418
projectid35c56956
Schließen

Navigation:

5

Es ist Sonntagmorgen in Hjortholm. Tante Rosa ist wie gewöhnlich um sechs Uhr auf; sie ist im Stall und in der Meierei gewesen, jetzt schlägt die Uhr sieben, und sie geht zu Onkel Heinrich hinein. Er hat freilich eine Weckeruhr, die er regelmäßig aufzieht, da er aber immer so fest schläft, daß man mit Kanonen schießen könnte, ohne daß er erwachte, so ist Tante Rosa seine eigentliche Weckeruhr. Da liegt der alte Kavalier mit seiner Nachtmütze und schläft fest. Der Rest eines Glases Zuckerwasser, das er sich am vorhergehenden Abend gemischt hat, steht auf dem Tisch neben ihm, und in demselben Augenblick, wo er erwacht, leert er es mit einem kurzen Guten Morgen, springt schnell aus dem Bett und macht eine vorläufige Toilette – die große Toilette und das Rasieren findet erst nach dem Frühstück statt. Dann geht er zum Quell, und indes schleicht Tante Rosa vorsichtig nach dem obern Turmzimmer, öffnet lautlos die Tür und guckt zu Fanny hinein – ja, die schläft auch noch.

Tante Rosa sieht sie lange an, bewundernd, fast mit einer Andacht betrachtet sie die schlummernde Schönheit, die regungslos wie ein Kind auf dem Lager ruht, breitet ihr sorglich die Bettdecke, die herabgeglitten ist, über den Fuß und geht dann wieder hinaus, ohne sie zu wecken.

Der alte Stallknecht Anders hat alle Hände voll Arbeit, denn das gnädige Fräulein will zur Kirche fahren. In der Geschirrkammer hängen noch die Sielen zu einem Viergespann; dafür ist in den letzten dreißig Jahren keine Verwendung gewesen, aber Anders schmiert und putzt es doch ganz regelmäßig, als sollte es morgen gebraucht werden. Nun zieht er den Wagen heraus, eine alte, baufällige Kutsche, und obwohl kein Fleck daran zu sehen ist, muß sie doch ganz gründlich abgerieben werden.

Schlag halb zehn Uhr hält der Kutscher vor der Tür und läßt das traditionelle dreimalige Peitschenknallen ertönen. Das gnädige Fräulein ist fertig, sie läßt niemals auf sich warten, steigt schnell ein und sagt: So fahr denn in Gottes Namen, und über den Wirtschaftshof rollt die Kutsche dahin, während Sultan bellt und die jungen Puten nach allen Seiten auseinanderstieben.

Wenn Tante Rosa in dem alten Wagen sitzt, empfindet sie eine eigne Art Wohlbehagen, sie denkt an alle die Fahrten, die die Kutsche gemacht hat, und was sie würde erzählen können, wenn sie eine Stimme hätte. Wohin sie kommt, wird sie von allen begrüßt, man ist daran gewöhnt, die Kutsche seit ein paar Menschenaltern zu grüßen – und Tante Rosa erwidert freundlich die Grüße, winkt mit der Hand und nickt.

An keinem Felde fährt sie vorüber, ohne sich über den Stand des Korns zu unterrichten. Auf Höjstrup ist der Roggen voll, aber er liegt schon, das Mengkorn auf Lindemark ist das beste im ganzen Kreis, aber der Weizen auf Skovsgaard, von dem so viel geredet worden ist, hat schon etwas verloren.

Durch eine Ecke des Tviser Waldes kommt sie. Der ist wie fast alle Wälder hier in der Gegend stark gelichtet; die großen Eichen hat man gefällt, und die, die der Axt entgangen sind, kämpfen einen harten Kampf um ihr Leben mit der Buche, die sich zwischen sie drängt und sie zu überschatten droht.

Jetzt endet der Wald, dort liegt die Krogslever Kirche, und nun hält die Kutsche vor der Kirchhofspforte. Tante Rosa empfängt und erwidert die Grüße der Kirchgänger; sie geht hin und legt einen mitgebrachten Kranz auf den Gedenkstein für die im Kriege Gefallenen – sie hat am 6. Juli nicht herkommen können, und die großen Schlachtentage vergißt sie niemals. Dann geht sie in die Kirche und setzt sich in ihren Stuhl. Demütig und aufmerksam folgt sie der Predigt; hätte sie diese aber an einem andern Platz als vom Familienstuhl aus anhören sollen, so würde es mit der Andacht vorbei gewesen sein – sie kann sich kaum ein Leben im Jenseits ohne ihren eignen Kirchenstuhl vorstellen. Und wenn sie während des Gesanges den Blick durch die Kirche schweifen läßt, so ruht er mit einer gewissen Befriedigung auf allem: die Ritter auf den Grabtafeln, die zwischen mehreren Frauen und einer Anzahl von Kindern knien, gehören ausschließlich zu der Familie der Höibros, und die Kronleuchter, Altarleuchter, der Kelch und die Kanzel – alles sind Geschenke der frühern Besitzer von Hjortholm; ihre Namen sind auf den Geschenken angebracht.

Der Gottesdienst ist beendet, und man verläßt die Kirche. Das alte Fräulein geht voran, aber sie wartet draußen auf dem Kirchhof, um nach alter Sitte den Pfarrer zu begrüßen und ihm für die Predigt zu danken. Durch das vergitterte Guckloch schaut sie in die Familiengruft hinab, die sich auch ihr einst erschließen wird. Verstaubt und vermodert stehen die Särge dort unten im Halbdunkel nebeneinander, aber auf allen sind Wappenschilder und Namenplatten angebracht. Auch ihren Sarg soll ein Wappen zieren. Dann bekommt der Pfarrer seinen Dank, der Kutscher hält an der Pforte, und Tante Rosa fährt heim.

Auf Hjortholm erwartet sie das Frühstück. Onkel Heinrich ist längst von seinem Morgenspaziergang heimgekehrt und hat zwei Pfeifen aus dem neuen Pfeifenkopf des Amtsrichters geraucht.

Fanny ist noch mit dem Ankleiden beschäftigt; zuweilen nimmt ihre Toilette zehn Minuten in Anspruch, zuweilen ein paar Stunden. Heute ist das letztere der Fall.

Aber, Kind, sagt Tante Rosa, die kommt, um sie zu holen, bist du denn noch nicht fertig?

Nein, erwidert Fanny, mein Haar will heute gar nicht sitzen – ganz und gar nicht!

Aber es sitzt ja reizend – du bist schön, so wie du bist.

War meine Mutter wirklich so schön wie ich?

Sie war noch viel schöner!

Weißt du was, Tante Rosa, dann muß sie sehr schön gewesen sein!

Ja, das war sie auch. Aber jetzt beeile dich, bitte.

Ach, weshalb habe ich doch meine Mutter nicht gekannt! ruft Fanny plötzlich leidenschaftlich aus. Und weshalb sprecht ihr nie von ihr! Sie ist ganz gewiß besser als ihr alle gewesen – und freigeistig, davon bin ich überzeugt! Sie würde mich verstanden haben! – Ja, jetzt komme ich!

* * *

Ein Sonntagnachmittag auf dem Lande kann lang sein. Bei gutem Wetter kann es schon bedrückend genug sein, bei Regen aber ist es entsetzlich.

Draußen im Westen fängt der blaue Himmel an, sich mit schwarzgrauen Wolken zu bedecken; es ist schwül, drückend warm, und in der Ferne vernimmt man den ersten schwachen Donner. Kreideweiße Lämmerwölkchen ziehen wie der Pulverdampf aus platzenden Granaten über den dunkeln Wolkenvorhang, aber auch das letzte Helle verschwindet, und die Finsternis gewinnt die Oberhand. Jetzt erhebt sich ein Wirbelwind, und der erste schwere Tropfen schlägt gegen die Fensterscheibe. Bald folgen ihm andre. Die Sonne sticht noch, und die Bäume spenden Schutz, aber das währt nicht mehr lange; in wenigen Augenblicken stürzt der Regen herab. Die jungen Puten werden in den Stall gejagt, die Hühner kriechen in der Scheunentür und die Sperlinge unter dem Dachfirste zusammen; die Fliegen dringen in die Zimmer ein, sie sind matt und nicht abzuschütteln. Die Katze, die wohl auf unerlaubte Jagd zu Felde gewesen ist, kommt in langen Sätzen an der Mauer entlang gesprungen, und nur die Enten erfreuen sich ihres Daseins in den Pfützen des Hofes, wo die fallenden großen Tropfen wie Wasserfunken aufspritzen. Die Knechte kommen nach Hause gestürzt, und die Mägde folgen, die Röcke über den Kopf gezogen; die Holzschuhe klappern, als wäre es ein ganzes Regiment. An den schwarzen Lindenstämmen im Garten läuft das Wasser herab, die gelben Flechten an den Apfelbäumen, die ganz vertrocknet waren, schwellen auf, und das Moos wird plötzlich saftig, dunkelgrün – und dann läßt der Regen nach. Bald ist wieder klares Sommerwetter mit blauem Himmel, die Weinbergschnecken kommen aus dem Gebüsch hervor, die Regenwürmer strecken sich über der nassen Gartenerde aus, und die Sonne scheint blendend auf die Pfützen und die gefüllten Wagenspuren.

* * *

Drinnen auf Schloß Hjortholm war die Stimmung nicht gerade lebhaft. Onkel Heinrich war sehr unglücklich, daß Tante Rosa ihm verboten hatte, bei diesem Wetter seinen Nachmittagsspaziergang zu machen, und mit Fanny war gar kein Auskommen. Ich wollte gern nach dem Hünengrabe, sagte sie, und vielleicht durch den Laasbyer Bruch, oder auch zu Doktor Prips, und nun komme ich nirgend hin! Es ist nicht zum Aushalten!

Stopfe einen Strumpf! sagte Tante Rosa. Oder wenn du nichts Nützliches vornehmen willst, so lies in Gottes Namen eins deiner Bücher – viel verderbter, als du schon bist, kannst du wohl nicht werden.

Und Fanny nahm ein Buch und blätterte darin, sie nahm ein zweites und ein drittes, dann aber sprang sie plötzlich auf und spielte mit einer jungen Katze, die sich während des Regens in das Zimmer geflüchtet hatte. Schließlich machte sie sich über einen alten Jahrgang der Illustrierten Zeitung her, und dort fand sie endlich eine Geschichte, die sie zu fesseln schien.

Gegen sechs Uhr, als das Wetter wieder anfing gut zu werden, bellte Sultan plötzlich, als sei er toll geworden. Durch das Tor kam ein Wagen gerasselt, der vor dem Hauptportal hielt, und Erich Kongsted machte seinen Antrittsbesuch.

Er stellte sich vor und erklärte, was ihn hier in diese Gegend geführt habe.

Da ich doch längere Zeit hierbleiben werde, wollte ich mir erlauben, den Herrschaften meine Aufwartung zu machen, sagte Erich Kongsted.

Sie sind uns natürlich willkommen, entgegnete Tante Rosa höflich, aber steif. Haben Sie die Güte, näher zu treten. Herr Ingenieur Kongsted – mein Bruder, Kammerjunker Heinrich von Höibro – meine Nichte, Fräulein Fanny von Höibro. – Sie bleiben doch heute abend bei uns?

Vielen Dank! Ich werde mit großem Vergnügen ein paar Stunden hier verbringen. Wenn man, wie ich, in einem Kruge wohnt und die ganze Woche hindurch keinen Menschen hat, mit dem man reden kann, so ist man doppelt glücklich, am Sonntag der zivilisierten Menschheit wiedergegeben zu sein.

Ja, der Krug ist wohl nicht sauber, meinte Tante Rosa, aber was die Unterhaltung betrifft, so sind da doch Menschen genug, mit denen man reden kann.

Allerdings, mein gnädiges Fräulein, aber ich glaube, ich eigne mich nicht dazu, mit Bauern zu verkehren.

Nicht? Ich sollte meinen, es müßte einer der Hauptvorzüge sein, wenn man etwas gelernt hat und ein gebildeter Mensch ist, daß man sich dem Vorstellungskreis anderer anpassen und über das reden kann, was sie verstehen.

Kongsted erwiderte nichts hierauf. Er legte seinen Hut ab und sagte dann: Es würde mich auch sehr interessieren, Hjortholm zu besehen, es ist ja ein so interessantes altes Schloß.

Ja, alt ist es – und verfallen auch, antwortete Fanny, und dann führte Tante Rosa den Gast umher.

Drinnen im Gartensaal, wo die Familienbilder hingen, wurde sie förmlich beredt. Der dort nahm im Sturm drei Städte und eine ganze Provinz ein, unten in Schlesien, zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges: der fiel in Flandern, und der da in der Schlacht bei Lund. Ist in Ihrer Familie auch jemand auf dem Walplatz geblieben?

Ja, ein Onkel von mir fiel bei Idstedt, erwiderte Kongsted.

Nun, das ist immerhin etwas!

Wer hat das Bild gemalt? fragte Kongsted und zeigte auf ein Damenporträt. Das hat einen bedeutenden Kunstwert.

Das weiß ich wirklich nicht, antwortete Tante Rosa, aber es stellt Susanne Galt, die Gattin von Preben Parsberg auf Hjortholm, dar.

Preben Parsberg, der war ja mit einer Kongsted verheiratet!

Ja, das war er, nach dem Tode seiner ersten Frau.

Existiert denn von der kein Bild?

Nein, von der existiert allerdings kein Bild.

Kongsted fühlte sich verletzt durch den abweisenden Ton, in dem die alte Dame von seiner Familie sprach; das Blut schoß ihm in die Wangen, und er sagte: Das gnädige Fräulein wissen doch, daß Hjortholm nach Preben Parsbergs Tode an die Kongsteds übergehen sollte?

Nein, das weiß ich wirklich nicht, erwiderte Tante Rosa mit erheuchelter Gleichgültigkeit.

Ja, die Verwandten seiner Frau sollten das Gut erben, fuhr Kongsted fort.

So? – Ich habe immer gehört, daß den Höibros, denen ja Hjortholm ursprünglich gehört hatte, das Gut durch ein Testament Preben Parsbergs zufiel.

Ganz recht, mein gnädiges Fräulein, aber in meiner Familie hat sich eine bestimmte Tradition erhalten –

Eine Tradition? wiederholte Tante Rosa spöttisch, hat man auch Traditionen in –

In bürgerlichen Familien? ergänzte Kongsted lächelnd. Ja, das kommt zuweilen vor. Und in meiner Familie hat sich eine solche Tradition erhalten, daß nämlich besagtes Testament – falls überhaupt jemals eins existiert hat – eine Fälschung war.

Falls eins existiert hat! rief Tante Rosa. Sind Sie von Sinnen, Herr?

Ja, es ist mir gesagt worden, daß sich keins hier im Schloßarchiv befinde, und in dem Falle ist man doch wohl berechtigt, die Schlußfolgerung zu ziehen, daß –

Es ist, weiß Gott, dagewesen! erklärte Tante Rosa. Mein Vater hat selbst gesagt, daß er es gesehen hat.

Aber wie kann es dann eigentlich verschwunden sein?

Ganz einfach: es sind Unordnungen im Archiv vorgekommen, und dabei –

Ich glaubte, ein Familienarchiv sei etwas, was man mit der größten Sorgfalt hüte – selbst in bürgerlichen Familien tut man das.

Während des letzten Teils der Unterhaltung war Fanny herzugekommen und hatte mit wachsendem Interesse gelauscht. Was ist das für ein Testament, das verschwunden ist? fragte sie.

Ach, das ist das, womit Preben Parsberg seinerzeit den Höibros ihr altes Eigentum zurückgab, antwortete Tante Rosa.

Und das ist fort? Aber das ist ja schrecklich!

Das hat wirklich nicht die geringste Bedeutung!

Ja, darin hat Ihre Fräulein Tante vollkommen recht, sagte Kongsted. Mag nun das Testament existiert haben oder nicht, und mag es echt oder falsch gewesen sein, wirkliche Bedeutung kann das jetzt nicht mehr haben, da ja die Zeit längst die etwaige Rechtsübertretung legalisiert hätte.

Kann denn die Zeit Unrecht in Recht verwandeln? fragte Fanny eifrig.

Ja, das kann sie allerdings, mein gnädiges Fräulein!

Aber das ist ja abscheulich, geradezu empörend! Sollten wir vielleicht nicht mit gutem Recht – aber selbstverständlich sind wir in unserm Recht! Ich bin fest überzeugt, ich hätte mich niemals in dem Grade mit dem Schloß und den Hügeln und dem Wildmoor und dem Ganzen verwachsen fühlen können, wie ich es tue, wenn das Ganze nicht unser Eigentum wäre und es immer – immer mit vollem Recht gewesen wäre. Man kann sich in vielen Dingen irren, aber man irrt sich weder in seinem Familiengefühl noch in seinem Rechtsgefühl.

Dort oben vom Turm aus muß man eine schöne Aussicht haben, sagte Kongsted nach einer kleinen Pause, um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, und dann ging man hinauf, und auch Onkel Heinrich schloß sich an.

Später setzte man sich in den Gartensaal, die Unterhaltung aber wollte anfangs nicht so recht in Gang kommen. Kongsted ergriff ein Blatt, das auf dem Tische lag. Es war der Faublas. Mein Gott, sagte er, hat sich das Papier bis hierher ins Wildmoor verirrt?

Ich halte es! sagte Fanny und sandte ihm einen sehr ungnädigen Blick zu.

Darf ich mir die Frage erlauben, mein gnädiges Fräulein, was Sie eigentlich an diesem Blatt interessiert oder Ihnen zusagt?

Ja, was haben Sie denn dagegen einzuwenden?

Nichts weiter, als daß es mir als eine Mischung von Skandalsucht und raffinierter Frivolität erscheint, darauf berechnet, die allerjüngste Jugend zu verderben. In alten Zeiten hielt man es für eine gemeine Kriegführung, den Brunnen des Feindes zu vergiften, aber es ist doch eine ungleich größere Gemeinheit, zur Friedenszeit die Gemüter zu vergiften.

Tante Rosa nickte beifällig, Fanny aber warf den Kopf in den Nacken.

Sie lesen vermutlich nur die Berlingske Zeitung und sind der Ansicht, daß alle andern Blätter verboten werden sollten! sagte sie.

Nein, mein gnädiges Fräulein, ganz im Gegenteil, erwiderte Kongsted. Die Gesellschaftsordnung, in der es keine Opposition gibt, die stagniert; und wenn die Opposition nicht die Möglichkeit hat, sich erschöpfend in der Presse auszusprechen, so hat sie heutzutage keine Bedeutung. Die Konservativen sollten die liberalen Zeitungen lesen, und umgekehrt – nicht um sich überzeugen zu lassen, man läßt sich wohl überhaupt nur selten durch Lektüre überzeugen –, sondern um die Ansichten der Andersdenkenden kennenzulernen und einzusehen, daß auch sie ihre Bedeutung haben. Aber Sie werden doch wohl nicht von mir verlangen, daß ich dem Faublas die Ehre erweisen soll, ihn ein Oppositionsblatt zu nennen? Der Faublas will ja nichts, nichts außer dem einen: so viel Ärgernis wie nur möglich zu geben.

Fanny schaukelte sich ungeduldig im Stuhl hin und her und bemühte sich – nicht ganz ohne Erfolg –, überlegen auszusehen. Als Kongsted schwieg, sagte sie: Es mag sein, daß Sie in einigen Punkten recht haben – das ist gern möglich –, aber trotzdem sind es doch die Mitarbeiter des Faublas, die das geistige Leben des Landes aufrechterhalten oder doch jedenfalls aufrechterhalten werden – das ersieht man aus dem Blatte selbst, und das weiß ich auch durch meinen Bruder!

Dann stehe Gott dem geistigen Leben des Landes bei! entgegnete Kongsted. Glauben Sie denn wirklich, gnädiges Fräulein, daß das Publikum bei der Premiere einer Posse das Land aufrechterhält? Das ist wahrlich noch naiver als die Ansicht, daß tout Paris, und dadurch Frankreich, aus den zwölf- bis dreizehntausend Menschen besteht, die Platz bei einer Premiere im Theater Français haben!

Aber der Faublas vertritt die Jugend doch, fuhr Fanny unverzagt fort.

Die Jugend – ja, aber was ist denn im Grunde die Jugend, mein gnädiges Fräulein? Ich rechne mich wirklich mit zu den Jungen, da ich nicht viel mehr als dreißig Jahre zähle, in allerneuster Zeit aber beschränkt man den Begriff »Jugend« auf die Leute, die noch nicht majorenn sind, aber alle Jugendlichkeit längst hinter sich gelassen haben. Die Jugend – man ruft die Jugend ja jetzt förmlich aus, wie man die Krabben in den Nebengassen ausruft, aber weder die Jugend noch die Krabben pflegen ganz frisch zu sein. Man gibt uns Steine statt Brot: Blasiertheit statt Jugend. Können Sie denn nicht einsehen, daß Blasiertheit ein Verbrechen ist? Und was sind es für Persönlichkeiten, von denen Sie reden? Lauter »verkannte Genies«, die –

Ja, aber dafür können sie doch nichts, wandte Fanny ein.

Freilich können sie etwas dafür, erklärte Kongsted. Sind sie Genies, so werden sie schon anerkannt werden, eignen sie sich aber nicht zu Dichtern oder Künstlern, so sollen sie lieber an der Landstraße Steine klopfen, als ihr Leben mit Jammer über ihr Verkanntsein hinzubringen.

Ach, Sie kennen die jungen Literaten wahrscheinlich gar nicht, sagte Fanny.

Freilich kenne ich sie! Ich verfolge ihre Leistungen nach Kräften und freue mich jedesmal aufrichtig, wenn ich auf etwas stoße, worüber man sich freuen kann. Aber, mein gnädiges Fräulein, erlauben Sie mir eine Frage: Kennen Sie die ältere Literatur?

Ja, natürlich! – Ich habe allerlei davon gelesen, aber man kann doch nicht ausschließlich davon leben!

Haben Sie niemals darüber nachgedacht, daß Sie ein wirkliches Verständnis Ihrer eignen Zeit, deren Auffassung, Literatur und Kunst nur dadurch erhalten, daß Sie die vorhergehende Zeit gründlich kennen?

Ja – ach ja – bis zu einem gewissen Grade. Aber die alte Literatur, die ist doch auch nur von Männern für Männer geschrieben – geradeso wie die Gesetze. In Romanen und Schauspielen, da muß die Frau stets ruhig dasitzen und getreulich warten, bis der Mann es satt hat, sich umherzutreiben, und wenn er dann zu ihr heimkehrt, so soll sie sich hübsch sittig verneigen und sich noch obendrein bedanken! – Nein, dafür danke ich bestens!

Du solltest dem Herrn Ingenieur deine neue Laterna Magica mit den schönen Bildern zeigen, schlug Onkel Heinrich plötzlich vor. Er hatte ein unbestimmtes Gefühl, als würde die Unterhaltung weniger angenehm, und außerdem war es seine Spezialität, Bemerkungen zu machen, die wie eine Bombe ins Haus hineinplatzten.

Hat das gnädige Fräulein eine besonders schöne Laterna Magica? fragte Kongsted.

Fanny sandte Onkel Heinrich einen rasenden Blick zu, denn sie hatte in diesem Augenblick nicht die geringste Lust, sich auf die Friedenssache einzulassen. Aber es war ja unmöglich, ganz auszuweichen, deswegen erklärte sie ganz kurz, was für Bilder sie in der Schule zu zeigen beabsichtige, und was der Zweck damit sei.

Aber vielleicht sehen Sie den Krieg gar nicht als Schande der Menschheit an? schloß sie, zu Kongsted gewandt.

Ich betrachte ihn als ein unvermeidliches Übel, das viel Gutes im Gefolge haben kann, antwortete dieser.

Gutes? wiederholte Fanny fragend.

Ja, Gutes! Glauben Sie nicht, daß Gott den Krieg brauchen kann und gebraucht hat, um damit ein Volk oder eine ganze Zeit aufzurütteln? Und heutzutage, wo man so unendlich selten Veranlassung hat, sein Leben für irgend etwas einzusetzen, ist es ganz heilsam für jeden, zu wissen, daß der Tag kommen kann, wo man sein Leben fürs Vaterland opfern muß.

Ach, das Vaterland! warf Fanny ein. Das ist viel zu klein, als daß man sich mit dem Fleck verbunden fühlen könnte, wo man zufällig geboren ist.

Kongsted lächelte. Sie meinen, das Vaterland sei zu klein für Sie, als daß Sie es lieben könnten – wäre es nicht vielleicht möglich, daß es zu groß für Sie ist?

Zu groß?

Ja! Sie kennen gewiß nur das Heimatsgefühl, nicht aber das nationale Gefühl, das die geschichtliche Überlieferung zur Grundlage hat und auf dem demokratischen Gefühl, ein Glied seines Volkes zu sein, beruht. Ich gehöre nicht zu denen, die es lieben, bei passenden und unpassenden Gelegenheiten lang und breit über das Vaterland zu reden; im Gegenteil! Aber was die Geburt für den einzelnen bedeutet, das ist das Nationalgefühl für ein Volk. Wenn ein Mensch jegliche Individualität aufgibt und seine Menschenwürde nicht mehr behauptet, so geht er zugrunde, und wenn ein Volk nicht mehr ein Volk ist und nicht bestrebt ist, sich als solches zu behaupten, sondern Falstaffs Auffassung von Ehre zum Vorbild nimmt, so ist es verloren!

Und ebenso geht es mit dem Familiengefühl, das man ererbt hat! bemerkte Tante Rosa.

Ja, ererbt hat! wiederholte Fanny halb für sich. Man ist, was man ist, kraft des Blutes, das in den Adern rollt, Wildmoorblut, kraft der Erblichkeit. Hab' ich denn überhaupt einen freien Willen?

Du! unterbrach sie Tante Rosa. Du hast nur zu viel davon!

Aber ohne Notiz von dieser Unterbrechung zu nehmen, fuhr Fanny, zu Kongsted gewandt, fort: Sie sind wohl übrigens so altmodisch, daß Sie die Bedeutung der Erblichkeit auf dem moralischen Gebiet bestreiten?

Nein, erwiderte Kongsted, das fällt mir nicht ein. Aber ich sage, gerade wie die Astrologen in alten Zeiten zu sagen pflegten, wenn die Rede auf den Einfluß der Sterne auf das Schicksal des Menschen kam: Stellae inclinant, non necessitant! Die Sterne üben ihren Einfluß aus, aber sie zwingen nicht! So geht es meiner Meinung nach auch mit den Eigenschaften und Neigungen, die wir als Erbschaft antreten: sie können locken und reizen, aber sie können überwunden werden.

Fanny nahm ein Buch, das auf dem Tische lag, und blätterte ein wenig darin. Nach einer kleinen Weile aber legte sie es wieder hin.

Leonora Christinas »Jammerklage«! sagte Kongsted, nachdem er das Titelblatt besehen hatte. Ja, das war eine Frau! Groß im Glück und groß im Unglück.

Finden Sie? fragte Tante Rosa. Ja, sie ertrug ihr Elend mit guter Laune, das ist wahr; aber die große Begeisterung für Eleonora Christina kann ich nicht teilen. Mein Gott, sie war, was man eine gute Gattin nennt, aber es gibt doch einen Punkt, wo eine Frau sogar ihrem Manne gegenüber »Stopp« sagt. Es ist ja jetzt Mode geworden, Sophie Amalie schlecht zu machen, aber wir wollen doch nicht vergessen, daß die keine Landesverräterin war, sondern daß sie auf den Wällen umherritt, wo die Gefahr am größten war. Und dann gar Ulfeldt! Der hatte als Edelmann Grund genug, erzürnt auf Friedrich den Dritten zu sein, aber darum wird man doch nicht gleich zum Landesverräter! Zum Teufel auch! Ich find' es auch nicht richtig, daß sie den Schandpfahl auf Ulfeldts Platz weggenommen haben – der stand, wo er stehen mußte!

Ja, in einem Punkte stimme ich mit dem gnädigen Fräulein überein, sagte Kongsted. Die Liebe darf nie blind machen, aber das ist ja nun einmal eine von den Freiheiten, die sich die Dichter zu allen Zeiten genommen haben: sie stellen die Liebe nicht nur als die höchste, sondern beinahe als die einzige Lebensmacht dar. Eine durch und durch gebildete Frau zur Seite zu haben, die unsre Lebensauffassung und alle unsre Interessen teilt, das ist gewiß unendlich viel, aber es ist doch nicht alles!

Sie sind scheinbar nicht verlobt! sagte Tante Rosa.

Nein, und das wird bei mir wohl schwerer werden als bei den meisten.

Weshalb denn?

Weil ich so glücklich bin, eine Mutter zu haben, die für mich die erste Dame ist, und da ist es ganz natürlich, daß ich jede Frau mit ihr vergleiche.

Sie haben eine Mutter! rief Fanny unwillkürlich aus.

Alle Menschen haben eine Mutter! murrte Tante Rosa. Mit dem Vater ist es allerdings zuweilen eine andere Sache.

Kongsted wurde verlegen, tat jedoch, als habe er die letzten Worte überhört, und wandte sich wieder an Tante Rosa: Dahingegen kann ich, mein gnädiges Fräulein, nicht mit Ihnen übereinstimmen in Ihren Anschauungen über den Segen der Adelsmacht.

Nicht? Das ist schade!

Nein, es erscheint mir in jedem Falle unbillig, daß ein einzelner Stand – mag es nun der Adels- oder der Arbeiterstand sein – die Alleinherrschaft hat.

Es ist durchaus nicht unbillig, daß es noch einige feste Punkte im Lande gibt, entgegnete Tante Rosa. Anfänglich waren es die Klöster, dann die adligen Schlösser. Wollen Sie etwa bestreiten, daß die adligen Burgen Tausenden ringsumher Schutz und Schirm gewährt haben? Sind sie nicht die Heimstätten für Büchergelehrsamkeit, für Kunst und Kultur gewesen – ja, zum Teufel auch! das waren sie! – So, da hab' ich geflucht! – Und hat der Adel nicht seinen Tribut an das Land bezahlt, indem er stets voranging?

Sie mißverstehen mich einigermaßen, mein gnädiges Fräulein, wandte Kongsted ein. Erstens bin ich so weit davon entfernt, zu wünschen, daß alle festen Punkte, wie Sie die großen adligen Besitzungen nennen, geschleift würden, daß ich mir kaum ein größeres irdisches Glück ausmalen könnte, als über so einen festen Punkt zu verfügen und dadurch imstande zu sein, bessere Lebensbedingungen zu schaffen – einen kleinen Staat im Staate, voller Zufriedenheit und Glück für die vielen, die von mir abhängig wären. Ich räume auch gern ein, daß der dänische Adel seine Zeit gehabt hat, und daß er in den Tagen seines Glanzes seine Mission auf die ehrenvollste Weise ausgeführt hat.

Nun, das räumen Sie also doch ein!

Ja, ich räume mehr als das ein! Ich begreife sehr gut, daß die Frage über die Stellung des Adels zu den andern Ständen seinerzeit von zwei Gesichtspunkten aus zu betrachten war: wenn man eine schwarz und weiß getäfelte Marmordiele betrachtet, kann man ja ebensogut die weißen Fliesen als das Muster ansehen, um dessentwillen der schwarze Grund da ist, wie umgekehrt. In unsern Tagen handelt es sich nur darum, ob die Zeit des Adels als Stand nicht schon im Schwinden begriffen ist, ob der Adel Lebenskraft genug hat, sein eigenes Leben zu leben, ob er noch den Glauben an seine eigene Mission hat.

Für mich hat er Lebenskraft genug, erklärte Tante Rosa. Und wenn ich nur ein Mann gewesen wäre, so würde die Familie nicht auf dem Aussterbeetat stehen.

Abermals wurde Kongsted verlegen – er hatte noch niemals eine Dame sich so äußern hören.

Die Unterhaltung geriet allmählich ins Stocken, und es war sehr angebracht, daß das Stubenmädchen kam und meldete, der Tee sei serviert.

* * *

Nach der einfachen Abendmahlzeit saß man jetzt draußen im Garten. Onkel Heinrich fragte Kongsted, der ja als Ingenieur Fachmann sein mußte, ob die Erfindung des Schmieds von der Einschließung des Schwerpunkts in eine Blase möglicherweise eine Zukunft haben könne. Fanny war verstimmt, und Tante Rosa strickte eifrig.

Welch' schöne alte Eiche! sagte Kongsted und zeigte auf einen Baum, der mitten auf einem Rasenplatze stand.

Ja, erwiderte Tante Rosa. Die Eichen haben es übrigens schwer, sie bedürfen vieler Sonne und vieler Luft, sie können es nicht ertragen, von der Buche überschattet zu werden.

Und doch haben die Eichen in alten Zeiten Tausenden Schutz und Schirm gewährt, sagte Kongsted mit einem Lächeln. Aber der Kampf wurde ihnen zu schwer, und es ist wohl eine Frage, ob sie auf die Dauer Lebenskraft genug haben, ihre Stellung zu behaupten.

Ach, wenn nur unter den Buchen gut ausgelüftet wird, so leisten die Eichen schon Widerstand, entgegnete Tante Rosa. Ein Baum verschwindet nicht so ohne weiteres aus der Landesflora.

Die Kaiserinbirnen werden aber doch immer seltener, bemerkte Onkel Heinrich.

Und sowohl die Zitteresche als auch Nadelbäume sind ausgestorben, das kann man in unsern Torfmooren deutlich sehen.

So? – Nun ja, das Moor und überhaupt alles, was mit dem Sumpf zu tun hat, interessiert mich nicht! erklärte Tante Rosa.

Ja, aber das Wildmoor! sagte Fanny.

* * *

Bald darauf verabschiedete sich Kongsted.

Das war ein sehr angenehmer junger Mann, sagte Onkel Heinrich.

Findest du? fragte Tante Rosa.

Er ist borniert und arrogant obendrein! erklärte Fanny.

Und dann zog sich jeder in sein Schlafgemach zurück. Onkel Heinrich mischte sich ein Glas Zuckerwasser und zog die Nachtmütze über die Ohren: Fanny las ein neues norwegisches Buch im Bette, und Tante Rosa schaute von ihrem Fenster aus lange hinüber zu der alten Eiche, die majestätisch im Mondschein aufragte.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.