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Wildmoorprinzeß

Sophus Bauditz: Wildmoorprinzeß - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorSophus Bauditz
titleWildmoorprinzeß
publisherFr. Wilh. Grunow
printrunDreizehntes bis sechzehntes Tausend
year1924
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080418
projectid35c56956
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4

Am Seepfad entlang, hin und wieder halb versteckt vom Röhricht, kam eine sehr magere Gestalt mit langen, regelmäßigen Schritten näher, und bei jedem Schritt war es, als ob sich die Gestalt aufrichtete, was ihr eine gewisse Ähnlichkeit mit einem zahmen Storch verlieh, der frei umherstolziert. Das scharfgeschnittene Gesicht des Herankommenden mit der Adlernase über dem großen, blonden Schnurrbart und dem langen Spitzbart erinnerte ein wenig an Don Quichotte, wie man ihn auf Bildern sieht. Auf dem Kopfe trug er eine breitrandige grüne Mütze und unter dem Arm einen Regenschirm; im übrigen sah man einen langen grauen Staubrock, aufgestreifte Beinkleider und Gamaschen.

Guten Tag, Heinrich! rief der Hauptmann schon von weitem.

Guten Tag, Riis! antwortete der alte Kammerjunker, stand still, zog seine Uhr aus der Tasche und betrachtete sie sehr genau. Es fehlen nur zwei Minuten an vier, fuhr er fort, ich war nahe daran, zu spät zu kommen!!

Wozu? fragte der Hauptmann und lachte.

Der Kammerjunker schüttelte ernsthaft und mißbilligend den Kopf und sagte: Du hast keine Idee von Zeiteinteilung, Riis! Dir ist es ja ganz gleichgültig, wo du bist, und was du zu einer beliebigen Stunde des Tages unternimmst, wenn man aber wie ich zu der Erkenntnis gelangt ist, daß Regelmäßigkeit und Präzision das Wichtigste im Leben sind, so kann es mir natürlich nicht gleichgültig sein, ob ich später, als ich mir vorgenommen hatte, von meiner Appetitwanderung heimkehre. Gestern begegnete ich Graf Porse drüben bei Bodholt; er ließ seinen Wagen halten, ich mußte stehenbleiben und lange mit ihm reden, und infolgedessen kam ich über zehn Minuten zu spät, obwohl ich so rannte, daß ich transpirierte. Aber ich gebe dir die Versicherung, ich habe mich den ganzen Abend geärgert.

Nun, dann brachtest du doch den Abend damit hin, bemerkte der Hauptmann.

Abermals schüttelte der Kammerjunker den Kopf, und in noch mißbilligenderem Tone sagte er: Du hast kein Pflichtgefühl, Riis – wenigstens kein ziviles Pflichtgefühl –, deswegen hast du auch keinen Begriff von dem Wohlbehagen, das man am Abend empfindet, wenn man sich sagen kann: Jetzt hab' ich nach einem wohlgeordneten Tage Erlaubnis, meine Freiheit zu genießen und zu tun, wozu ich Lust habe.

Das Gefühl hab' ich, weiß Gott, den lieben langen Tag, entgegnete der Hauptmann und lachte. Nun, bist du denn unten am Quell gewesen und hast ein Glas Wasser getrunken?

Unten am Quell? wiederholte Kammerjunker Heinrich in fast beleidigtem Ton. Dort bin ich ja des Morgens um halb neun Uhr – das weißt du doch recht gut! Jetzt hab' ich meine Runde durch den Garten und die Füllenkoppel gemacht.

Nimm's nur nicht übel! Wonach hast du dich denn umgesehen?

Unter anderm hab' ich mich nach der Kaiserinbirne umgesehen – es gibt dieses Jahr nur sehr wenig!

So?

Ja, es ist wirklich traurig, wie die von Jahr zu Jahr abnehmen! Ich saß, wie ich das zu tun pflege, eine halbe Stunde unten auf der Steinbank und dachte nach –

Über das Abnehmen der Kaiserinbirnen?

Nein, nicht die ganze Zeit. Ich habe heute morgen, wie gewöhnlich, mit dem Schmied gesprochen – er ist ein ungewöhnlicher Mann, ein sehr begabter Mann. Du weißt, er hat mehrere Jahre an einer Maschine gearbeitet, die man Perpendiculum mobile nennt – nun, die ist noch nicht fertig, es fehlt ein Rad oder eine Feder daran, was es nun sein mag –, jetzt aber hat er eine ganz magnifique Erfindung gemacht, die sicher eine vollständige Revolution der Schiffahrt zur Folge haben wird.

So?

Ja – weißt du, was er tut? Er schließt den Schwerpunkt in eine luftleere Blase ein; die kann ja nicht sinken, nicht wahr? Und wenn der Schwerpunkt nicht sinken kann, kann ja auch das Schiff nicht sinken – das ist doch höchst interessant.

Hm, ja! – Hast du heute noch mit sonst jemand gesprochen?

Nein, aber gestern hatte ich eine längere Unterhaltung mit Schullehrer Andersen über seine Bienen. Er will eine italienische Königin aus Italien verschreiben – sie wird in einer kleinen Schachtel mit Löchern und mit Briefmarken obendrauf herkommen, das ist ebenfalls höchst interessant! Daran dachte ich heute morgen die ganze Zeit, während ich auf den Nonnenhügel ging und nach dem Wildmoor hinübersah, wo der Schatz liegt – der so groß ist, daß man ganz Hjortholm dafür aufbauen kann.

Ja, sieh du zu, daß du den Schatz findest, Heinrich, Verwendung dafür habt ihr wohl! Die graue Dame könnte dir übrigens sehr wohl zeigen, wo er liegt!

Mit der grauen Dame darf man nicht scherzen! erwiderte der Kammerjunker beleidigt. Aber es gibt ja Leute, die vor nichts Respekt haben! – übrigens hat man seit Jahren kein Licht auf ihrem Gang gesehen.

Das ist wahr. Ich kann dich von Pächter ???Kielsen grüßen, ich sprach heute morgen ein paar Worte mit ihm.

Sprachst du mit ihm? – Kennst du seine Tochter?

Maren? Ja! Aber ich habe sie eigentlich nicht weiter beachtet.

Nicht? Sie ist ein scharmantes kleines Mädchen; gut gewachsen und nicht allzu beredt – sie gefällt mir.

Nun, das ist ja schön!

Ich bin bald ein alter Kavalier, Riis!

Ja, jung sind wir ja nicht mehr.

Verstehst du mich denn nicht? fragte der Kammerjunker und sah so verschmitzt aus, wie sein Gesicht nur zuließ.

Nein – nicht, wenn eine tiefere Bedeutung in deinen Worten liegen soll.

Kurz und gut, die kleine Maren gefällt mir, ich werde nicht jünger mit den Jahren, ein Mann ist man ja nur einmal, und –

Ach so, du hast so einen kleinen Liebesraptus, hm, das pflegst du ja in der Regel zweimal im Jahr zu haben.

Liebe oder keine Liebe; ich hab' auf meinem einsamen Lager gelegen und reflektiert und reflektiert. Das Mädchen gefällt mir, sie ist, wie gesagt, gut gewachsen und nicht zu beredt, aber der größte Stein des Anstoßes ist natürlich Rosa. Rosa wird die Partie nicht goutieren – vorläufig kein Wort davon zu Rosa, hörst du, Riis? Denn das könnte Anlaß zu den größten Unannehmlichkeiten geben. Es ist ja auch möglich, daß ich meinen Sinn noch ändre – aber ich glaube es nicht, denn das Mädchen gefällt mir, und ich habe auch sehr wohl bemerkt, daß sie ein Auge auf mich geworfen hat: sie gab mir neulich einen Klaps auf die Finger, als ich sie ganz heimlich so ein klein wenig in den Arm kniff – aber kein Wort davon zu Rosa – da ist sie! –

Nun, was beratschlagt ihr beiden alten Knaben denn da? ertönte Rosas schrille Stimme. Ist das Komplott gegen mich gerichtet?

Das werden wir doch nicht wagen! entgegnete der Hauptmann. Ich war gerade im Begriff, Heinrich diesen Pfeifenkopf vom Amtsrichter zu geben mit der Bitte, ihn anzurauchen.

Der Kammerjunker griff eifrig nach dem Päckchen, das ihm der Hauptmann reichte, öffnete es schnell und sah sehr enttäuscht aus.

Nur Porzellan! rief er aus. Ich war doch von der Seite so sicher auf Meerschaum gefaßt! Meerschaum anzurauchen ist ein wahres Vergnügen, man kann das Resultat seiner Tätigkeit in der feinen Masse so genau verfolgen; bei Porzellan hingegen kann man von außen nichts sehen. Meerschaum wird immer seltener, gerade so wie die Kaiserinbirnen. Nun, enfin, du kannst dem Amtsrichter sagen, daß er seinen Pfeifenkopf in einer Woche wieder haben soll. Rosa, darf ich ein paar Worte mir dir reden?

Das Geflüster des Kammerjunkers mit seiner Schwester erlitt ein schnelles Ende, indem diese ausrief: Streichhölzer! Bist du verrückt! Du hast gestern erst eine ganze Schachtel bekommen! Wozu in aller Welt brauchst du nur alle die Streichhölzer? – Na, da hast du eine halbe Schachtel, halte nun aber auch gut Haus damit.

Abermals flüsterte der Kammerjunker seiner Schwester etwas zu, und abermals unterbrach sie ihn heftig: Zwei Kronen! Du hast ja dein Taschengeld für diesen Monat bekommen! – Wie? Zu einem Patengeschenk? Für Schullehrer Andersens jüngste Tochter? Nein, die Familie ist mir denn doch zu fruchtbar! Was sagst du? – Nun ja, wenn du versprochen hast, Gevatter zu stehen, dann mußt du ja in Gottes Namen Gevatter stehen. – Komm jetzt zu Tisch!

Als der Kaffee nach Tisch getrunken war, kam Fanny ins Zimmer gestürzt. Mit der einen Hand hielt sie das Reitkleid.

Wohin willst denn du? fragte Tante Rosa.

Ausreiten will ich! antwortete Fanny. Fort von allem, von den sumpfigen Gräben und dem toten Schloß, hinaus in die weite Welt – vorläufig aber nach dem Tviser Walde. Ich komme nach Hause, wenn ich hungrig bin. Leb' wohl, du prächtige alte Tante Rosa und du häßlicher alter Onkel Heinrich! Leb' wohl, du alter Soldat – nein, du darfst mich nur auf die Stirn küssen, so! Ich glaube übrigens, ich bin dir böse, aber ich weiß nicht mehr so recht, weshalb. Adieu allesamt!

Warte einen Augenblick! rief der Hauptmann ihr nach. Hast du deinen neuen Sattel bekommen, dann muß ich hinaus, um ihn zu besehen.

Nein, den hab' ich noch nicht. Aber das Geld dafür ist schon vor mehreren Wochen an Fritz gesandt worden, also muß er doch bald kommen. Fritz soll einen extra feinen in Kopenhagen besorgen, aber der gute Bruder hat so viel zu tun, man kann wohl nicht von ihm verlangen, daß er immer gleich parat ist.

Also an Fritz ist das Geld geschickt worden! sagte der Hauptmann. Ja, dann kommt der Sattel gewiß bald.

Tante Rosa sandte dem Hauptmann einen verständnisinnigen Blick zu, Onkel Heinrich betrachtete den Pfeifenkopf des Amtsrichters, und dann ging Fanny. Einen Augenblick später sprengte sie zum Tor hinaus.

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