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Wildmoorprinzeß

Sophus Bauditz: Wildmoorprinzeß - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorSophus Bauditz
titleWildmoorprinzeß
publisherFr. Wilh. Grunow
printrunDreizehntes bis sechzehntes Tausend
year1924
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080418
projectid35c56956
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3

Es ist gleich halb zwei, wollen wir Onkel Heinrich entgegengehen? schlug der Hauptmann Fanny vor. Sie erhob sich, und dann gingen sie zusammen in den Garten bis an den See hinab, der auf drei Seiten von Wald umgeben war; auf der vierten, dem Schloß gegenüber, erhoben sich rundliche, schwarze Heidehügel, die Nonnenhügel.

Die Nonnenhügel sind schön! sagte der Hauptmann. Am schönsten, glaube ich, wenn man an einem stillen Sommerabend auf der Hjortholmer Seite steht und das Johannisfeuer aufflammen und sich im See spiegeln sieht. Ach, welch' eine Poesie liegt über so einem flammenden rauchenden Feuer und den schwarzen Gestalten ringsherum!

Ich schwärme eigentlich gar nicht für die Nonnenhügel, sondern vielmehr für das Wildmoor! sagte Fanny. Du weißt ja, wir entstammen diesem Moor und müssen wieder dahin zurück, wenn der Schatz gefunden wird.

Ja, ist das Wildmoor nicht herrlich! rief der Hauptmann aus. Diese große, endlose Fläche, schwarz wie eine ausgebrannte Lavawüste mit Wasserpfützen dazwischen, schwankender Grund, auf dem einen das Wasser unter den Füßen hervorquillt, und wo nur ein leichtfüßiger Bursche von einem Wasen zum andern springen kann; ach, das Wildmoor ist großartig – ich würde Hjortholm und die Wälder und das Ganze hingeben, wenn ich nur das Moor behalten könnte!

Ich auch! erklärte Fanny, ohne sich zu besinnen. Ich liebe es, ich könnte es nicht entbehren, es zieht mich förmlich zu sich. – Weißt du noch, wie ich einmal als halberwachsenes Mädchen trotz des strengen Verbots ins Moor hineingeritten war, abseits von dem abgesteckten Wege – ich konnte es nicht lassen! Das Pferd versank sogleich, und je mehr es arbeitete, je tiefer geriet es in den Sumpf hinein; aber ich fürchtete mich damals gar nicht vor dem Sterben – ist das nicht sonderbar? Ich fand, es müßte so unheimlich schön sein, ganz langsam, immer tiefer und tiefer in den weichenden Grund zu versinken und den schwarzen Morast sich über meinem Kopf schließen zu lassen, bis alle Gedanken erstarben und man zu dem alten Hjortholm hinabsank und die Braut des Schlammkönigs wurde.

Ob ich das noch weiß! rief der Hauptmann aus. Das war ja damals, als Anne Steffens herzukam und im letzten Augenblick dich und das Pferd rettete!

Ja, ganz recht! – Aber weshalb hat Tante Rosa mir seither immer so strenge verboten, mit dem alten Zigeunerweib zu sprechen? Ich verdanke ihr doch mein Leben!

Hm – ja – wenn Tante Rosa etwas verbietet, so hat es natürlich seinen guten Grund. Anne Steffens hat ja auch, wie du weißt, einen schlechten Ruf: sie hat im Zuchthaus gesessen, weil sie ihren eignen Mann erschlagen hat, und –

Ja, aber was kann das im Grunde mir schaden!

Nein, hör' einmal, du kleine Wildmoorprinzeß!

Wildmoorprinzeß! wiederholte Fanny vergnügt. Ja, das bin ich im Grunde, und das klingt hübsch – noch viel besser als das von der Lotusblume! So hast du mich sonst noch niemals genannt! – Sonderbar ist es übrigens, daß man, solange du redest, zuhören muß – das tue ich sonst nur sehr selten, wenn Menschen sprechen –, aber vernünftig kann man nicht mit dir reden.

Nicht? Freilich kann man das! Ich will so vernünftig und ernsthaft sein, wie du es nur wünschst, und ausschließlich über solche Dinge reden, die zum Bürgerwohl und zur Entwicklung der Menschheit dienen. – Womit beschäftigst du dich denn zurzeit? War es nicht Hygiene?

Nein, ich interessiere mich nicht im geringsten für Hygiene!

So? Ich meine doch, daß du, als ich das letztemal hier war, es für deine Mission hieltest, nicht nur Licht über das Land zu verbreiten, sondern auch frische Luft in die Stuben zu bringen, und daß du –

Ja, das wollte ich auch, aber ich habe es aufgegeben.

Und weshalb?

Nein, siehst du, die Hygiene, die mag ganz gut für die Städte sein, hier auf dem Lande ist sie aber durchaus nicht angebracht.

Nicht?

Nein. Ich war vorgestern bei dem Musikanten Jakob in Laasby – du weißt, die Frau ist krank, aber es ist nichts Ansteckendes –, und da wollte ich alle Fenster öffnen lassen.

Das war ja ganz vernünftig.

Ja, aber sie ließen sich nicht öffnen, denn sie waren zugenagelt, und da gab ich die Hygiene auf. Ich kriegte übrigens einen Riß an dem Arm, als ich versuchte, die Fenster zu öffnen, das kann doch wohl keine Blutvergiftung werden?

Ja, wie soll ich das wissen? Laß mich einmal sehen!

Fanny streifte den Ärmel ihres Kleides auf, und der Hauptmann untersuchte den Arm sehr gründlich.

Kann ich daran sterben? fragte sie. Ich möchte sehr ungern sterben!

Nein, mein Kind, daran stirbst du nicht!

Aber du machst mich ganz ängstlich – du betrachtest den Riß so genau!

Ich betrachte den Riß ganz und gar nicht; ich betrachte den Arm! Es ist einem alten Kavalier nicht jeden Tag beschieden, einen solchen Arm zu sehen.

Pfui, du abscheulicher Mensch! rief Fanny und streifte schnell den Ärmel herunter.

Ruhig Blut! erwiderte der Hauptmann. Du brauchst dich dieses Armes wirklich nicht zu schämen – den kannst du immer sehen lassen! Rund und kühl, weiß und fest ist er – ich liebe weiße Arme! Und die blauen Adern! Blau zu Weiß, das sieht brillant zusammen aus! – Was meinst du, wenn du dir das Höibrosche Wappen auf den linken Oberarm tätowieren ließest? Das Tätowieren ist ja Mode geworden!

Nein, das tue ich nicht! Aber hab' ich nicht recht, wenn ich sage, daß man nicht zwei Minuten ernsthaft mit dir reden kann! – Nun bekommst du aber auch nicht zu wissen, was ich beschlossen habe!

Ach, bitte, sag' es mir!

Findest du nicht, daß Krieg eine Schande für die Menschheit ist?

Ja, räumte der Hauptmann ein, so kann man es gern nennen. Aber du würdest doch sicher deinen Mann zum Hause hinausjagen, wenn er daheim bliebe, während die andern auf den Wällen kämpften.

Ja, das mag sein, aber das hat doch nichts mit der Sache zu tun. Bist du Mitglied des Friedensvereins?

Nein – welchen Zweck hat denn dieser Verein?

Er hält den Frieden aufrecht, das heißt, er wirkt für den Weltfrieden.

Meiner Treu, welch schönes Ziel!

Ja, nicht wahr? Ich bin Mitglied.

Das kann ich verstehen!

Was meinst du damit?

Nichts, du weißt ja, ich meine niemals irgend etwas.

Ja, aber weißt du, was ich getan habe? Ich habe an die Zentraldirektion geschrieben und sie gebeten, mir eine Friedenslaterne zu leihen.

Was ist denn das?

Das ist so eine mit Bildern, die alle die schrecklichsten Schlachtenszenen wiedergeben, mit Toten und Verwundeten aus unsern eignen Kriegen und denen des Auslandes, und in der nächsten Woche zeige ich allen Kindern, die kommen wollen, diese Laterna magica in der Schule – das heranwachsende Geschlecht nämlich muß beeinflußt werden! Willst du die Bilder sehen, dann hole ich sie!

Und Fanny lief ins Schloß hinauf, während der Hauptmann auf einer der steinernen Stufen ganz unten am See, dort, wo sich die Zweige weit über den Wasserspiegel streckten, sitzenblieb. Er verfiel in Sinnen: zuerst dachte er darüber nach, wie licht und gut doch die Welt im Grunde sei, und wie schön Fannys Arm war, dann an den Satruper Bruch, wo im verflossenen Jahre drei Satz wilde Enten gewesen waren, und wohin er morgen wieder wollte, und dann – da ruderte ein Frosch nach dem andern Ufer hinüber! Und dort kam ein Reiher dahergeflogen, gerade über seinem Haupte – wenn er doch nur seine Büchse bei sich hätte! Aber was hätte ihm das auch genützt; der Reiher erfreute sich ja nach dem neuesten Jagdgesetze der Schonung!

Und der Hauptmann war nahe daran, in Zorn zu geraten bei dem Gedanken an die Jagdgesetzgeber des Landes, da aber kam Fanny.

Da sind die Bilder! rief sie atemlos. Jetzt sollst du einmal sehen, nein, du mußt sie gegen das Licht halten, denn es sind Glasphotographien – ja, so ist's recht! – Ist es nicht entsetzlich, zu denken, daß es so hergeht?

Aber das ist ja der Sturm auf die Treldeschanze bei Frederica! rief der Hauptmann aus.

Ja, das steht auch da unten am Rande geschrieben.

Nein, wie leibhaftig das ist! Ja, so ging es zu, genau so! Durch die taufrischen Felder gingen wir in den grauen Morgen hinein, lautlos und gespannt wie der Hahn am Gewehr. Da entdeckten sie uns von den Schanzen her und sandten uns einen warmen Willkommengruß. Wir aber stürmten vorwärts, niemand schaute zurück. Mann gegen Mann kämpften wir, die Kanonen sangen, und die Gewehre knatterten, und ehe man es wußte, wehte der Danebrog auf den feindlichen Schanzen!

Warst du selber mit dabei?

Und ob! Der Tag war der schönste meines Lebens, obwohl ich vorher wie auch nachher manchen frohen Tag erlebt habe. Aber so einen Morgen vergißt man nicht. – Da auf dem linken Flügel hatte ich meinen Platz als junger Leutnant – der äußerste dort auf der Seite, das kann ich sehr gut sein! – voll jubelnder Freude über den Sieg, über das Leben und –

Hältst du es wirklich für möglich, daß du das dort links bist? fragte Fanny eifrig.

Ja, unmöglich ist es jedenfalls nicht.

Nein, wenn man denkt, daß du mit dabei gewesen bist!

Du scheinst ja ordentlich Respekt vor mir zu bekommen! – Ja, zeig' du den Kindern in der Schule nur dergleichen Bilder – das ist ihnen gesund!

Aber das ist ja gar nicht der Zweck! erwiderte Fanny ganz beleidigt. Am meisten aber ärgerte sie sich über sich selber. – Da kommt Onkel Heinrich, nun gehe ich.

Fanny ging, und »Onkel Heinrich«, der Kammerjunker Heinrich Höibro, erschien auf der Bildfläche.

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