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Wildmoorprinzeß

Sophus Bauditz: Wildmoorprinzeß - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorSophus Bauditz
titleWildmoorprinzeß
publisherFr. Wilh. Grunow
printrunDreizehntes bis sechzehntes Tausend
year1924
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080418
projectid35c56956
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25

Eine Woche nach dem Brande kam Kongsted eines Nachmittags bei dem Amtsrichter vorgefahren. Willkommen, Willkommen! rief die brave Obrigkeit ihm zu. Ja, wenn ich willkommen sage, so geschieht das natürlich in der Hoffnung, daß Sie als Mensch zu mir kommen und nicht als Kläger.

Dann muß ich die Hoffnung des Herrn Amtsrichters leider zuschanden machen.

Ja, was in aller Welt führt Sie denn her zu mir?

Ja, wenn ich Sie eine halbe Stunde bemühen darf, dann möchte ich gern auf Ihrem Bureau –

Aber mein Gott! Sie machen mich ja ganz neugierig! – Darf ich bitten – diesen Weg!

Als Kongsted eine Stunde später das Allerheiligste des Amtsrichters verließ, gab ihm die Obrigkeit in höchsteigner Person das Geleite bis an den Wagen und sagte beim Abschied:

Ja, mein lieber Herr Ingenieur, verlassen Sie sich nur auf mich! Was getan werden kann, wird getan. Ganz ohne Rücksicht auf alle die Scherereien und Weitläufigkeiten, die mir aus der Sache erwachsen werden – mein Gott, daran darf man sich nicht kehren, wenn man einmal als Amtsrichter auf dem Lande begraben ist! Ich teile nun freilich Ihren Glauben nicht, obwohl ich natürlich zugeben muß, daß das Ganze sonderbar, höchst sonderbar aussieht. Nein, dann glaube ich weit eher, daß eine Mitteilung, die unser gemeinsamer Freund, der Hauptmann, mir heute morgen – merkwürdigerweise auch gerade heute – gemacht hat, uns auf die Spur bringen wird. Ich sehe mich indessen vorläufig nicht in der Lage, Ihnen diese Mitteilung anzuvertrauen. – Es bleibt also bei unsrer Verabredung: morgen um zehn Uhr treffen wir in Hjortholm zusammen – auf den Ruinen von Hjortholm! – Adieu, Herr Ingenieur, und viel Glück für Ihre fernern Entdeckungen! – Grüßen Sie den braven Sörensen! – Adieu!

* * *

Am nächsten Tage kurz vor zehn Uhr fand sich Kongsted also in Hjortholm ein, wo er den Hauptmann antraf, der gegen alle Gewohnheit geheimnisvoll und zugeknöpft war. Sie gingen zusammen in die Verwalterwohnung, wo sich die Familie vorläufig einquartiert hatte, und einen Augenblick später kam der Amtsrichter in Begleitung seines Schreibers gefahren. Auf dem Rücksitz des Wagens saß unter Bewachung eines Schutzmanns Anne Steffens, die ganz stolz über die feine Beförderung um sich schaute.

Das Brandverhör begann mit einer Erklärung des Amtsrichters, daß er sich auf Veranlassung der Herren Hauptmann Riis und Ingenieur Kongsted veranlaßt gesehen habe, die Untersuchung wieder aufzunehmen. Und dann fuhr er fort:

Herr Ingenieur Kongsted hat gestern auf meinem Bureau erklärt, daß er gleich nach dem Brande aufmerksam auf die Äußerung des Kammerjunkers Heinrich von Höibro geworden sei, daß nämlich befugter Kammerjunker während der letzten zehn Tage mehrmals einen schwachen Lichtschimmer oben in einem der Turmzimmer bemerkt haben will.

Ja, am Ende des Ganges, in dem die graue Dame haust, ergänzte Onkel Heinrich.

Da die graue Dame in der Sache nicht impliziert ist, unterbrach ihn der Amtsrichter mit einem würdevollen Blick, und da sie auf alle Fälle jetzt als verbrannt zu betrachten ist, so wird es wohl das richtigste sein, sie von der Untersuchung auszuschließen. – Was nach Ingenieur Kongsteds eigner Aussage bewirkte, daß er der bereits zitierten Aussage des Herrn Kammerjunkers eine besondre Beachtung schenkte, war der Umstand, daß der Herr Ingenieur selber eines Abends, als er am Hjortholmer Schloß vorüberkam, einen ähnlichen schwachen Lichtschimmer bemerkt zu haben glaubte. Herr Kongsted geht mit Recht von der Annahme aus, daß ein Feuer, es möge nun angelegt oder durch Unvorsichtigkeit entstanden sein, nicht zehn Tage glimmen kann; aber er hat in bezug auf diesen mehrmals erwähnten Lichtschimmer seine eigne Auffassung, die ich – obwohl ich sie nicht ganz teile – doch für ganz außerordentlich scharfsinnig erklären muß. Herr Ingenieur Kongsted, wollen Sie die Güte haben, selber Ihre Beobachtungen und Schlußfolgerungen darzulegen!

Wie der Herr Amtsrichter wünscht! erwiderte Kongsted. Ich bin zu meiner Annahme durch ein Blatt Papier gelangt, das ich – nennen wir es durch einen Zufall – in die Hände bekommen habe, und das ich glücklicherweise nicht verbrannt habe. Vor einiger Zeit ging ich durch den Tviser Wald: es wehte, und der Wind trieb lange ein zusammengerolltes Stück Papier vor mir her. Anfangs achtete ich nicht darauf, als aber die weiße Kugel immer einige Ellen vor mir herrollte, kam mir plötzlich der Gedanke – ja, man hat ja so mancherlei Einfälle, an die man an und für sich nicht glaubt, von denen man sich aber doch nicht ganz befreien kann –, daß nämlich der Wind oder das Papier vielleicht eine Botschaft für mich hätten, und dann lief ich hin, ergriff das zusammengerollte Stück Papier und öffnete es.

Ich war sehr enttäuscht – es war nur eine an Kammerrat Bro adressierte Rechnung.

Ich wollte das Papier schon wieder fliegen lassen, als mein Blick auf den Inhalt der Rechnung fiel: sie lautete auf Altarlichte, die von der Firma Asp und Kompagnie in Kopenhagen abgesandt worden waren. Ich entsinne mich, daß es mir gleich auffiel, wie sonderbar es doch im Grunde sei, daß Bro, der sich ja doch gerade keines besonders guten Namens erfreut, mit Altarlichten und überhaupt mit dem Heiligen zu tun habe; aber dann fiel mir ein, daß er in seiner Eigenschaft als ehemaliger Kirchenvorsteher der Igumer Kirche zwei große Altarlichte geschenkt hatte, und dadurch war das Ganze ja zu erklären. Indessen steckte ich doch – wohl eigentlich in Gedanken – die Rechnung in die Tasche, und dort fand ich sie wieder, als ich neulich danach suchte. Es kam mir nämlich plötzlich der Gedanke, daß sich der Lichtschein, den zuerst der Herr Kammerjunker und dann ich selber auch zu sehen geglaubt hatte, möglicherweise dadurch erklären ließe, daß eine Person, die Hjortholm und seinen Bewohnern feindlich gesonnen war, an eine Stelle, an die niemand kam, ein Altarlicht zwischen brennbare Sachen gestellt habe, die sich entzünden mußten, sobald das Licht weit genug heruntergebrannt war. Ich betrachtete die Rechnung nochmals: sie lautete auf drei Altarkerzen.

Der Sicherheit halber schrieb ich sofort an die Firma Asp und Kompagnie in Kopenhagen und bat um Nachricht, ob die angeführten drei Lichte wirklich von dort abgesandt seien, und wie lange ein solches Licht voraussichtlich brennen könnte. Vorgestern erhielt ich die Antwort, daß Kammerrat Bro wirklich drei der größten Altarkerzen erhalten habe, und daß ein solches Licht ungefähr zweihundertundfünfzig Stunden brennen könne. Bro ist am Tage vor seiner Abreise in der Nähe von Hjortholm gesehen worden, und zwischen dem Tage und dem Brande liegen zehn Tage – das sind zweihundertundvierzig Stunden.

Es herrschte atemloses Schweigen, solange Kongsted sprach, und dann entstand eine Pause, die der Amtsrichter unterbrach: Ich gebe zu, sagte er, daß dies wichtige Indizien sind, aber es sind nur Indizien, und man muß sich sehr vorsehen, wenn man auf Indizien hin urteilen will – das Biborger Obergericht respektiert ein solches Urteil leider nicht allemal.

Ja, aber seit gestern glaube ich doch wirkliche Beweise in Händen zu haben, erwiderte Kongsted. Ich schrieb an einen Freund in Kopenhagen und bat ihn, Kammerrat Bro aufzusuchen und ihm einen Brief von mir zu übergeben mit der Aufforderung, denselben sofort zu lesen. In meinem Briefe stand nur: Das dritte Altarlicht ist niedergebrannt, aber die Rechnung über alle drei Lichte wie auch Ihre Postquittung über den richtigen Empfang befindet sich in sicherm Gewahrsam. – Heute morgen erhielt ich die Antwort meines Freundes: er schreibt mir, Kammerrat Bro sei beim Lesen meines Briefes leichenblaß geworden und habe noch an demselben Abend die Stadt verlassen, ohne daß man bisher habe ermitteln können, wohin er gereist sei.

Nun, dann befindet er sich auf dem Wege nach Amerika oder nach Australien, sagte der Amtsrichter sichtbar erleichtert. Und nach allem, was Sie soeben mitgeteilt haben, sind Sie sicher im Recht: es ist Bro gewesen, der das Feuer auf die von Ihnen angegebne Weise angelegt hat! – Aber damit sind wir nicht fertig, fuhr er fort. Bro hat natürlich einen Mitschuldigen gehabt – und das bist du, meine liebe Anne Steffens, ja, du und sonst niemand! Am Abend vor dem Brande ist Hauptmann Riis dir begegnet, als er von der Jagd in Skovsgaard kam; er begegnete dir dicht vor Hjortholm, und du bemühtest dich in sehr auffälliger Weise, ungesehen an ihm vorüberzuschleichen! – Unter Zuchthaus auf Lebenszeit kommst du diesmal nicht weg!

Fanny, die in heftiger Erregung die Worte angehört hatte, erhob sich jetzt und sagte:

Die arme Frau ist unschuldig – dafür stehe ich ein.

Ja, Kaution ist eine gute Sache, Fräulein von Höibro, erwiderte der Amtsrichter. Könnten Sie Anne aber ein Alibi verschaffen, so wäre ihr damit weit besser gedient! War sie etwa an jenem Abend nicht auf dem Schloß, Anne?

Ja!

Nun, das leugnet Sie also doch nicht! – Und wozu kam Sie denn dorthin?

Das kann ich nicht sagen!

Nein, das will ich glauben! Aber wir werden die Wahrheit schon aus ihr herausbringen.

Fanny kämpfte einen Augenblick einen harten Kampf, dann sagte sie entschlossen: Anne Steffens, sprich nur die Wahrheit, wenn es doch einmal sein muß.

Ich sollte das Fräulein in den linken Oberarm prickeln, erwiderte Anne nach reiflicher Überlegung.

Wie? Solltest du sie zur Ader lassen? Ja, ich weiß recht gut, daß du quacksalberst, dafür kannst du übrigens auch bestraft werden!

Nein, ich sollte ihr etwas in den Arm prickeln und die Stiche dann mit Pulver einreiben.

Ach so! Na, das mach' du nur einem andern weis!

Es ist die lautere Wahrheit! erklärte Fanny mit leiser Stimme.

Ja, dann möchte ich das gnädige Fräulein doch bitten, das Corpus delicti dem Gerichte vorzulegen, denn sonst –

Ist das absolut notwendig?

Ja, wenn ich Anne Steffens Märchen Glauben schenken soll.

Fanny schlug die Augen nieder, sie zitterte am ganzen Körper, aber mit einer hastigen Bewegung schob sie den linken Ärmel in die Höhe, und auf dem weißen Arm stand mit blauen Linien ein deutliches K.

So hat die alte Person doch wirklich einmal die Wahrheit geredet, sagte der Amtsrichter verwundert.

Welch ein Arm! rief der Hauptmann begeistert aus.

Aber was soll denn das bedeuten, liebe Fanny? fragte Onkel Heinrich. Da steht ja ein K.

Ein K! wiederholte Tante Rosa. Unsinn! Das ist ja die stumpfwinklige Brücke und der wagerechte Balken in unserm Wappen, nur daß das Ganze auf dem Kopfe steht!

Und Fanny streifte den Ärmel herunter, ohne den Blick zu erheben. Anne Steffens wurde entlassen, und der Amtsrichter fuhr nach Hause.

Kongsted aber ging leichenblaß auf Fanny zu, ergriff ihre Hand und sagte mit bebender Stimme:

Fräulein Fanny – um Gottes willen, antworten Sie mir ganz ehrlich – ja, ich wage nicht, es zu glauben, und habe nicht einmal ein Recht dazu, aber trotzdem – ist es das Wappen der Höibros, das Sie auf Ihrem Arme tragen, oder ist es –

Das des Besitzers von Hjortholm, erwiderte Fanny. Sein ist das Gut, und sein ist –

Fanny! rief Kongsted. Darf ich das wirklich glauben?

Kongsted – ich liebe Sie ja!

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