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Wildmoorprinzeß

Sophus Bauditz: Wildmoorprinzeß - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorSophus Bauditz
titleWildmoorprinzeß
publisherFr. Wilh. Grunow
printrunDreizehntes bis sechzehntes Tausend
year1924
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080418
projectid35c56956
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23

Naßkalt war es, dunkel und trübe. Der Novembersturm sauste durch das Land, schüttelte das letzte Laub des Waldes und knickte die welken Zweige, riß Löcher in das Strohdach des Bauern, raschelte im braunen Röhricht in den Schloßgräben und setzte die Flügel der Windmühle in rasende Bewegung. Und Regen, Regen, nichts als Regen.

Traurig war es überall, am traurigsten aber auf Hjortholm, denn dort lag Fanny gefährlich krank. Die Gemütsbewegungen waren wohl zuviel für sie gewesen, sie war unter ihrer Last zusammengebrochen. »Nervenfieber«, sagte Tante Rosa, und Doktor Prip kam täglich, war sorgfältig und ermunternd und verschrieb nichts als Ruhe, unbedingte Ruhe, im übrigen setzte er seine Hoffnung auf die Jugend der Patientin.

Fanny lag ganz still, Woche auf Woche, ohne Bewußtsein da. Sie sprach fast gar nicht, und wenn sie sprach, so umkreisten ihre Gedanken fast ausschließlich die Ereignisse der allerletzten Zeit, das Wildmoor und das Recht der Kongsteds. –

Aber während so Tod und Leben den verzweifelten Kampf um Fanny kämpften, fochten andre in ihrem Interesse einen andern Streit aus, Kongsted war in Kopenhagen, und Kongsted war auf Skovsgaard, Kongsted war überall, und bevor der erste Schnee gefallen war, ehe der Dezembertermin kam, waren das Wildmoor und Öxneholm einer neugegründeten Gesellschaft übertragen, die Hjortholmer Schuld wurde reguliert, und Bro dadurch unschädlich gemacht. Dem sind die Giftzähne ausgebrochen, sagte der Hauptmann. Alle ehrgeizigen Illusionen, alle rachsüchtigen, gehässigen Pläne eines ganzen Lebens: die Hoffnung auf Befriedigung einer wahnsinnigen Leidenschaft, alles war nun für immer vernichtet. Und Bro selber fühlte, daß die Schlacht verloren war, und daß ihm niemals Gelegenheit werden würde, eine neue zu gewinnen. Er fing an, seine Geschäfte in der Gegend abzuwickeln, legte seine Ehrenämter als Kirchenvorsteher und als Mitglied des Gemeinderats nieder und faßte den Entschluß, in die Hauptstadt zu ziehen.

Mit Fanny ging es besser.

Jetzt hat Doktor Prip die beste Hoffnung! So lautete der Bescheid auf die Anfragen nach ihrem Befinden. Und deren waren gar viele. Kongsted erkundigte sich fast jeden Tag persönlich bei Tante Rosa; in der Dämmerstunde aber kam Graf Christian in der Regel geritten und holte sich das Bulletin des Tages vom Verwalter ab – zuweilen begnügte er sich auch damit, beim Hauptmann vorzufragen, wenn dieser zu Hause war, aber das war ja nur selten der Fall.

Kongsted war mehrere Wochen hindurch unschlüssig gewesen, ob er nach Hause reisen sollte oder nicht; die Eltern wollten ihn natürlich gern am Weihnachtsfest daheim haben, er selber aber wollte lieber in Jütland bleiben. Und dann froren die Belte zu, der Eistransport war ja eine unsichre Sache, und damit war er der Sorge überhoben, einen Entschluß zu fassen.

Von Graf Porse hatte er eine Einladung erhalten, den heiligen Abend auf Skovsgaard zuzubringen, hatte aber dankend abgelehnt, da er versprochen hatte, zum Hauptmann zu kommen, der sonst auf Hjortholm zu feiern pflegte.

Nun, wie gefällt es Ihnen denn, Weihnachten in meinem Wigwam zu feiern? fragte der Hauptmann, während sie dasaßen und Äpfel und Nüsse verzehrten.

Vorzüglich! Haben Sie herzlichen Dank für alle Ihre Liebenswürdigkeit, lieber Hauptmann!

Der Dank ist ganz auf meiner Seite! Hätten Sie es sich wohl vor einem Jahre denken können, daß Sie Weihnachten in einem Holzwärterhäuschen mitten im Walde feiern könnten – nein! Ist dies das erstemal, daß Sie das Weihnachtsfest nicht zu Hause feiern?

Nein, ich war einen Winter in Rom, aber es ist traurig, zur Weihnachtszeit in fremdem Lande zu sein – kein Weihnachten kann sich doch mit unserm nordischen Weihnachtsfest messen! Das ist die einzige Zeit im Jahre, wo sich ein wirkliches Gefühl der Zusammengehörigkeit geltend macht, und wo ein Mensch an den andern denkt!

Fanny erholt sich, und Fanny und Tante Rosa behalten Hjortholm, Hurra! Aber das ist Ihr Verdienst! Prost, Kongsted! Nun ist Fanny ja eine gute Partie geworden – Sie sollen mal sehen, wie sich jetzt die Freier melden.

Glauben Sie?

Ja, natürlich!

Doch auch möglich, daß das für manchen ein Grund ist, sich zurückzuhalten! sagte Kongsted.

Ach Gott, das hat wohl keine Gefahr!

Wollen wir nicht einen kleinen Spaziergang machen und ein wenig Luft schöpfen, Hauptmann?

Ja, das ist eine brillante Idee, ich bin bereit zum Abmarsch. Wohin soll es denn gehen?

Ach, wir können ja einen kleinen Schlag durch den Wald machen – es ist hübsch, wenn sich die Lichter von Hjortholm in den gefrornen Gräben spiegeln!

Woher wissen Sie eigentlich, daß das schön ist?

Das habe ich gesehen, wenn ich von der Mühle zu Ihnen gegangen bin – oder umgekehrt – und dabei dort vorüberkam.

Auf dem Wege kamen Sie an Hjortholm vorüber? Das war nicht nach dem Kompaß!

Nein, aber –

Ach, keine Entschuldigungen! – Sie gehen nicht mehr nach dem Kompaß! Schau', schau'! – Nun, dann wollen wir uns nur aufmachen.

* * *

Fanny war am Vormittag zum erstenmal außer Bett gewesen, Tante Rosa trug sie in einen Lehnstuhl – sie war eine leichte Last geworden –, und mit großen, klaren Augen schaute Fanny in den Garten hinaus, die große, schwarze Lindenallee entlang und über einen Zipfel des Sees nach den Nonnenhügeln hinüber.

Ach, wie schön ist es, hier hinauszusehen! sagte sie. Alles ist so frisch und neu – es ist, als sähe ich alles zum erstenmal!

Alle Menschen sind so gut gegen mich gewesen, fuhr Fanny fort. Vor allem du, Tante Rosa. Wie liebevoll und aufopfernd bist du gegen mich gewesen! Zuweilen, wenn du an meinem Bette saßest und ich von dir zu dem Bilde meiner armen Mutter hinübersah, dann war es mir, als nähmest du ihre Züge an, und wenn du dich dann über mich beugtest, wurdest du auf einmal zu der grauen Dame, und dann glaubte ich, daß ich sterben müßte, und ich wollte so ungern sterben – nicht weil ich bange war, sondern weil ich ein Gefühl hatte, daß ich jetzt erst anfangen sollte, so recht zu leben. Und die vielen, die sich so freundlich nach mir erkundigt haben – ist heute schon jemand hier gewesen? – War Kongsted hier?

Nein, heute nicht, liebe Fanny. Er ist heute abend beim Hauptmann – da erfährt er dann ja, wie es dir geht.

Ist er so in unsrer Nähe? – Das wußte ich ja gar nicht! – Ach, Tante Rosa, wie dankbar müssen wir ihm doch sein!

Du vergißt doch wohl nicht, daß wir in seinem Hause wohnen?

Mein Gott! Hast du die Dummheiten denn noch nicht ausgeschwitzt!

Ich vergesse es niemals, und alles erinnert mich daran – selbst das Wappen über dem Kamin.

Das Wappen der Höibros! Eine stumpfwinklige Brücke unter einem wagerechten Balken – wie kann dich das an die Kongsteds erinnern?

Ja, Tante Rosa, denn das bildet ja ein ruhendes K, hast du denn niemals daran gedacht?

Nein, weiß Gott, daran habe ich nicht gedacht! – Aber jetzt mußt du nicht mehr reden, das greift dich an.

Nach Tische wurde Fanny wieder zur Ruhe gebracht, aber ihr Bett stand jetzt in dem Zimmer neben dem Gartensaal, und hier versammelte Tante Rosa am Abend nach alter Sitte alle Hjortholmer Leute.

Ein Weihnachtslied wurde gesungen – es klang mehr gut gemeint als eigentlich schön, aber, als man bis zum letzten Vers gekommen war, erklangen jenseits des eisbedeckten Grabens reinere Töne: es waren ein paar kräftige Männerstimmen, die vom Garten her in den Gesang auf dem Schlosse einfielen.

Wessen Stimme war das? fragte Fanny tief bewegt, als der Gesang beendet war. War es nicht –

Ja, es war – es war die Stimme des Hauptmanns, antwortete Tante Rosa mit feuchtem Blick.

Nein – die des andern meinte ich.

Die des andern? – Ich hörte nur ihn!

Ja, ich hörte übrigens auch nur eine Stimme, sagte Fanny errötend. Fröhliche Weihnachten, Tante Rosa!

* * *

Kongsted und der Hauptmann gingen eine Weile schweigend nebeneinander her, es war Mondschein und sternenklar – jetzt fiel eine Sternschnuppe.

Ich habe niemals ein Weihnachtslied so schön singen hören wie heute abend, sagte Kongsted.

Ja, wir haben bei dem letzten Vers auch kräftig nachgeholfen – das war eine gute Idee von Ihnen, Kongsted!

Sie fingen an, Hauptmann!

Nein, weiß Gott, das taten Sie!

Abermals gingen sie eine Weile schweigend dahin, dann sagte der Hauptmann: Sie hatten recht, es sah gut aus, als die Lichter von Hjortholm über den Graben in das Röhricht hineinschimmerten. Und sahen Sie wohl Tante Rosa zwischen allen den Leuten stehen und vorsingen? Das war doch das Allerschönste!

Das habe ich gar nicht gesehen!

Was in aller Welt sahen Sie denn?

Ich sah einen Schimmer von Fräulein Fannys Gesicht im Nebenzimmer.

Nein, die habe ich gar nicht gesehen!

Das war ein schöner Heiligabend!

Ja, herrlich! erwiderte der Hauptmann. Und nun haben wir die ganze, lange Festzeit vor uns – auf dem Lande währt die Weihnachtszeit bis Ostern!

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