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Wildmoorprinzeß

Sophus Bauditz: Wildmoorprinzeß - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorSophus Bauditz
titleWildmoorprinzeß
publisherFr. Wilh. Grunow
printrunDreizehntes bis sechzehntes Tausend
year1924
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080418
projectid35c56956
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21

Der Hauptmann war auf seiner Herbstkampagne bis Skovsgaard gelangt; dort blieb er eine ganze Woche. Graf Porse hielt große Stücke auf ihn, die Komtessen fanden ihn unbeschreiblich originell und liebenswürdig, und Kandidat Mathiesen duldete ihn. Vom frühen Morgen an war er auf der Jagd, kehrte jedoch rechtzeitig heim, um große Toilette zum Diner zu machen, und dann schwelgte er, war begeistert und beredt – singen tat er jedoch auf Skovsgaard niemals.

Kandidat Mathiesen begegnete dem Hauptmann, der von der Jagd kam.

Es wird herbstlich! sagte Kandidat Mathiesen.

Ja, antwortete der Hauptmann, gestern abend hörte ich die Regenschnepfen ziehen.

Die Regenschnepfen, ja – das ist eine ganz angenehme Abwechslung. – Haben Sie nicht auch bald genug von der Rebhühnerzeit?

Nein, wie in der Welt sollte man daran genug haben?

Hören Sie mal, lieber Hauptmann, jetzt fangen ja die großen Jagden hier auf Skovsgaard bald an, das bringt doch etwas Abwechslung ins Menü, namentlich im Anfang, tun Sie mir dann die Liebe und schießen Sie ein paar Damkälber! Das ist das beste Wild, das wir haben! Unsinn! Ein fettes Damkalb, das seine gehörige Studienzeit in Sahne durchgemacht hat, gut gebraten und vierundsechziger Leonville dazu, das läßt sich essen! Also, vergessen Sie ja nicht, ein paar Damkälber zu schießen, hören Sie!

Diese Jagdunterhaltung wurde unterbrochen, als sie auf der Diele des Schlosses anlangten, denn dort stand der Graf und bat, sichtlich belebt, Kandidat Mathiesen möchte zwei Flaschen Rüdesheimer und eine Flasche alten Madeira aus dem Keller holen. Ingenieur Kongsted ist gekommen.

Ach der! Soll ich deswegen den alten Madeira heraufholen?

Ja!

Ach so! Und als der Graf gegangen war, wandte sich Mathiesen an den Hauptmann und sagte förmlich beleidigt: Gott weiß, wozu so viel aus dieser ziemlich nichtswürdigen Person gemacht werden soll! Er ist nicht von Familie, ganz gewöhnliche Bureaukraten, die noch obendrein früher nationalliberal gewesen sind, und was ist er denn selber? Erdarbeiter! Erdarbeiter in Frack und weißer Halsbinde; aber doch immerhin Erdarbeiter! Und was soll er hier auf Skovsgaard? Er kommt früh und spät, und der Graf schließt sich mit ihm ein, und sie reden stundenlang zusammen, aber es ist unmöglich zu hören, worüber sie reden, obgleich ich – nein, verdächtig ist dieser Kongsted mir! Graf Christian hab' ich vorgehabt, aber der weiß nichts, und Nancy und Henriette, diese beiden kleinen Gänse, wissen natürlich auch nichts! Wissen denn Sie es auch nicht, Hauptmann?

Nein, woher sollte ich etwas wissen? Wenn es sich um Geschäfte oder um Politik oder überhaupt um etwas Ernstes, Wichtiges handelt, so spricht mit mir sicher niemand davon!

Ach nein, das kann ich mir denken! antwortete Mathiesen höhnisch. Jetzt fing er an, hungrig zu werden, und dann war er doppelt unliebenswürdig. – Ja, ich muß mich denn doch wohl bequemen, den Madeira heraufzuholen! seufzte er, und damit stieg er in den Keller hinab.

* * *

Zehn Minuten vor fünf kam Graf Christian geritten; er hatte gerade noch Zeit, sich umzukleiden – dann ertönte das Gong, und man ging zu Tische.

Vorzügliche Speisen, vorzügliche Weine. Der große silberne Tafelaufsatz brach fast zusammen unter der Last der Früchte. Die Lichter blitzten in dem geschliffnen Kristall, zwei Diener in Livree warteten auf. – Köstlich! sagte der Hauptmann.

Es war ganz deutlich, daß Graf Porse große Stücke auf Kongsted hielt, und daß Kongsted sich ganz heimisch auf Skovsgaard fühlte. Kongsted saß neben dem Grafen, und dieser trank das erste Glas auf sein spezielles Wohl. Kongsted konnte den kleinen, verhätschelten Teckel streicheln, ohne daß dieser ihn ankläffte. Und Kongsted hatte es längst gelernt, Komtesse Nancy und Komtesse Henriette zu unterscheiden, auch wenn sie nicht ausgeschnitten waren.

Nach Tische, als der Kaffee serviert und die Zigarre zur Hälfte geraucht war, erhob sich der Graf und ging mit einem: Sie verzeihen, lieber Hauptmann, von Kongsted gefolgt, in sein Arbeitszimmer.

Sehen Sie, sagte Kandidat Mathiesen zum Hauptmann, jetzt schließen sie sich wieder ein, und wir werden ausgeschlossen! – Still! Es war mir, als wenn Kongsted vierzigtausend Kronen sagte! – Sie sollen sehen, er ist ein ganz gemeiner Schwindler, und der Graf ist leider sehr leichtgläubig – viel zu leichtgläubig – das hab' ich ihm auch gesagt!

Da die Konferenz im Arbeitszimmer des Grafen den Hauptmann nicht in demselben Maße interessierte wie den Kandidat Mathiesen, begab er sich in den großen Gartensaal und ließ sich mit Graf Christian und den beiden Komtessen in einer gemütlichen Ecke nieder. Die Schwestern fragten, und der Hauptmann erzählte, bunt durcheinander, von den Bewohnern der Umgegend und von dem, was sich in der Nachbarschaft zugetragen hatte, und die kleinen Komtessen amüsierten sich so gut wie die Prinzessin im Märchen, die, wenn sie den Finger in den Kochtopf steckte, erfahren konnte, wer Braten zu Mittag bekam und wer Brei.

Endlich, nach einer geraumen Zeit, kamen der Graf und Kongsted in den Gartensaal zurück, kaum aber waren sie eingetreten, als Graf Christian, der die ganze Zeit hindurch so ausgesehen hatte, als wollte er etwas sagen, einen Anlauf nahm und sich verlegen an seinen Vater wandte: Ich möchte gern ein paar Worte mit dir reden, Papa, falls du Zeit hast. Und Sie, Herr Hauptmann, wie auch Sie, Herr Ingenieur, wollte ich bitten, mitzukommen.

Ich bin wohl überflüssig? fragte Kandidat Mathiesen, und als ihm niemand widersprach, ging er ein paarmal auf den Hacken im Zimmer auf und nieder und drehte hastig die Daumen umeinander.

Was will er von seinem Vater? fragte er und blieb mit einem Ruck stehen, die Komtessen aber wußten bei Gott nicht das geringste, und so verfügte sich denn Kandidat Mathiesen ganz ärgerlich wieder auf sein Zimmer.

* * *

Dieser Bro, weißt du, Papa, war gestern bei mir, begann Graf Christian, als die vier Herren bei geschlossenen Türen Platz genommen hatten.

Was hast du mit dem zu tun? fragte der Graf und runzelte die Stirn.

Nichts – ich habe bisher noch niemals mit ihm gesprochen. Aber nach einer langen Einleitung fragte er mich, ob Fritz Höibro – Graf Christian blickte nieder, als er den Namen nannte – nicht Geld von mir geliehen habe, und das mußte ich ja bejahen.

Hat er denn das getan?

Ja, eine Woche vor seinem Tode! Eine Bagatelle – fünfhundert Kronen.

Nun, und dann?

Ja, dann sagte Bro, er wünsche, soweit es möglich sei, bis zum Dezembertermin alle Forderungen auf Hjortholm in einer Hand zu vereinen, und – ich weiß nicht, wie er dazu kommt, aber er schien zu glauben, daß ich feindlich gegen die Hjortholmer gesinnt sei –, und deswegen erbot er sich, meinen Schuldschein zu kaufen.

Und was antwortetest du ihm?

Ich antwortete natürlich, daß ich nie einen Schuldschein besessen habe, und dann warf ich ihn zur Tür hinaus.

Brach er sich denn nicht das Genick dabei auf der hohen steinernen Treppe? fragte der Hauptmann teilnehmend.

Nein, das nicht –

Das ist ja schade!

Aber ich glaube, er hat sich gestoßen, ergänzte Graf Christian, denn ich sah, wie er an den Wagen humpelte.

Nun, das freut mich!

Du hast dich ganz richtig benommen, Christian, sagte Graf Porse, und der Sohn wuchs förmlich unter der Anerkennung des Vaters. Natürlich wäre es noch besser gewesen, wenn du deinen Diener gerufen und die Person durch ihn hättest hinauswerfen lassen.

Ach, Graf Christian hat es sicher gut gemacht! meinte der Hauptmann.

Enfin – das spielt ja auch keine weitere Rolle –, das Wesentliche bei der Sache ist, daß wir durch die Mitteilung meines Sohnes jetzt die Gewißheit erlangt haben – die Befürchtung habe ich ja schon lange gehegt –, daß dieser Bro teils aus Rachsucht, teils aus Eitelkeit darauf hinarbeitet, sich zum Herrn von Hjortholm zu machen. Ein schnelles Eingreifen ist also geboten, bis zum Dezembertermin muß die Sache geregelt sein. Glauben Sie, lieber Herr Ingenieur, daß Sie bis dahin alles so weit werden ordnen können?

Das hoffe ich, Herr Graf, erwiderte Kongsted. Jedenfalls will ich in den nächsten Tagen einmal nach Kopenhagen hinüber und werde mich dann nach besten Kräften bemühen.

Gut, auf mich können Sie, wie Sie wissen, bis zu den abgemachten Grenzen rechnen; ich hege eine langjährige Freundschaft für Fräulein Rosa – wir haben uns von Kindesbeinen gekannt –, und meine Familie hat auch ein gut Teil an den Höibros zu sühnen. – Es ist also abgemacht, daß Sie nächste Woche nach Hjortholm fahren. –

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