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Wildmoorprinzeß

Sophus Bauditz: Wildmoorprinzeß - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorSophus Bauditz
titleWildmoorprinzeß
publisherFr. Wilh. Grunow
printrunDreizehntes bis sechzehntes Tausend
year1924
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080418
projectid35c56956
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20

Die Jagdzeit hat begonnen. Der Hauptmann hatte die Absicht, die diesjährige Kampagne von der Breholter Seite zu beginnen. Er hatte erst so halb daran gedacht, die Flinte einen ganzen Monat – oder auch ein paar Wochen – gar nicht anzurühren, um seine Teilnahme an der Trauer der Hjortholmer zu bekunden, aber dann war ihm eingefallen, daß er ja eigentlich niemand einen Gefallen damit tat, wenn er keine Rebhühner schoß, und so zog er denn von dannen.

Am Abend vor der Eröffnung der Jagd kam er in der Pindsmühle an: das Rad schäumte, das Mahlwerk arbeitete, die Tauben schwirrten auf das Dach hinauf, als er über die Brücke ritt, und in der Tür stand der Müller, über sein ganzes rundes, warmes Gesicht lächelnd.

Willkommen, Hauptmann! sagte er. Na, das ist ja schön, daß Sie sich mal bei uns sehen lassen. Du, Jens, nimm das Pferd des Herrn Hauptmann! – Und dann treten Sie näher, der Ingenieur ist auch wieder da!

In demselben Augenblick erschien Kongsted und begrüßte seinen alten Freund. Man tauschte abermals einige Bemerkungen über die Beerdigung und die Hjortholmer aus und ging dann hinein.

Und Sie sind in Kopenhagen gewesen? sagte der Hauptmann zu Kongsted, als sie oben angelangt waren.

Ja, in Geschäften.

Wollten Sie Verabredungen in bezug auf die feste Anstellung treffen, die Ihnen angeboten ist?

Nein – die hab' ich definitiv abgelehnt.

Ist das wahr?

Ja – und zwar bin ich jetzt im Begriff, mich auf das Unsichre zu werfen!

Bravo! Jetzt können Sie auch des Nachts mit Wasserstiefeln schlafen!

Nein, das kann ich nicht!

Ja, das können Sie! Und Sie werfen sich auf das Unsichre – aus Ihnen kann noch was werden!

Aber erzählen Sie mir doch ein wenig von den Hjortholmern, Hauptmann. Sie sind wohl –

Ja, natürlich bin ich! Sie müssen nicht glauben, daß ich teilnahmlos bin, Kongsted – Tante Rosa ist die Persönlichkeit, die ich auf der ganzen Welt am höchsten stelle – aber zum Trösten hab' ich nun einmal kein Talent – nicht einmal mit den Weinenden weinen kann ich – ich bin ein Kind der Welt! Na, ich denke bei mir, was für ein Vergnügen kann Tante Rosa im Grunde daran haben, daß ich Müller Sörensens Rebhühner nicht schieße? – Gar keins! – Und darum schieße ich!

Die armen Hjortholmer! sagte Kongsted. Wie hat denn Fräulein –

Wie Tante Rosa die Sache genommen hat? – Wie ein Mann!

Ich meinte eigentlich Fräulein Fanny!

Ach so, Fanny! – Ja, die ist natürlich von Herzen betrübt, aber im übrigen ist doch mehr – ja, wie soll ich es nennen – Ruhe über sie gekommen. Du lieber Gott, jetzt ist sie ja alles Ernstes das geworden, was ich so oft im Scherz zu ihr gesagt habe: Wildmoorprinzeß! Aber das Wildmoor ist ja leider kein Königreich!

Nein, aber vielleicht doch ein kleines Fürstentum!

Ja, eins von den ganz kleinen! – Gute Nacht, Kongsted! – Ach, ich freue mich doch im Grunde riesig auf morgen! – Und übermorgen geht's weiter nach Laasby und Igum – es muß Plan in allem sein! – Gute Nacht!

* * *

Am nächsten Morgen, als der Hund des Hauptmanns vor dem ersten Volk Rebhühner in des Müllers Kartoffeln stand, ging Kongsted nach Osten. Er fuhr eine Strecke in Söllesteds Einspänner, am Bodholter Wege aber stieg er ab und wandte sich dem Wildmoor zu – für diese Gegend hatte er allmählich eine Vorliebe gefaßt.

Er war tief drinnen im Moor, streifte mehrere Stunden dort umher, und als er endlich wieder an Land kam, legte er sich hinter einen Ginsterbusch in der Nähe von Anne Steffens Hütte und schaute lange über die rote Einöde hinaus, hinter der Öxneholm als schwacher Streif sichtbar war. Er war gerade im Begriff, aufzubrechen, um sich auf den Heimweg zu begeben, als er von Westen her Schritte zwischen dem Heidekraut vernahm. Er wandte den Kopf nach der Richtung, aus der der Schall kam, und gewahrte Bro, da er aber nicht mit ihm zusammenzutreffen wünschte, blieb er ruhig liegen.

Bro stand still und sah sich vorsichtig nach allen Seiten um, als er aber niemand erblickte, ging er schnellen Schrittes auf die Hütte zu und klopfte an das Fenster.

Die Tür wurde geöffnet, und Anne Steffens Gesicht kam zum Vorschein. Ihr Mund verzog sich zu einem höhnischen Lächeln, als sie sah, wer es war, und sie zeigte ihre Zähne, die ganz blau von Heidelbeeren waren.

Bist du es, Söhnchen? sagte sie. Was willst du? Du bist ja so geputzt!

Schrei doch nicht so, erwiderte Bro. Ich bin nicht taub! – Was ich will? Ich will dich sehen, du bist ja leider meine Mutter.

Ja, Gott sei's geklagt! – Ich glaubte sonst, du hättest es vergessen.

O nein! – Jetzt will ich dir Geld geben, damit du dir einen lustigen Abend oder auch zwei machen kannst.

Worüber soll sich eine arme alte Frau wohl freuen? Das einzige wäre ein Pfannkuchen, aber der ist teuer, außer den Eiern gehört auch noch eine Flasche Schnaps dazu!

Du sollst so viel Pfannkuchen und Schnaps haben, wie du willst!

Ach so – weht der Wind aus der Richtung? Was willst du denn von mir?

Nichts!

Das sind ausgestunkne Lügen, kleiner Thomas! Du gibst, weiß Gott, keinen verfaulten Apfel weg, wenn du nicht eine Birne statt dessen bekommst!

Nun ja, du sollst von hier wegziehen – nichts weiter!

Nichts weiter? – Ja, aber das will ich nicht! Ich wohne auf Hjortholmer Grund und Boden, und darüber hast du keine Macht.

Nicht? – Das könnte denn doch sein! Du sollst wegziehen, hörst du, du sollst! Ich will dich nicht länger hier in der Gegend haben.

Wo soll ich Ärmste denn hin?

Wohin du willst!

Nach Kopenhagen und mich nach deinem Halbbruder umsehen, der in Branntwein sitzt – das wäre schön!

Hier will ich dich nicht haben, du weißt, ich kann dich zwingen.

Ach ja – auf eine Weise –, warum soll ich denn aber weg?

Weil ich dich nicht hier in der Gegend herumstreichen lassen kann, wenn ich erst Herr auf Hjortholm bin und mich mit dem Mädchen vom Schloß verheirate.

Willst du nun mit der anbändeln? Hast du nicht genug Mädchen unglücklich gemacht? Du bist verrückt!

Ja, in dem Punkte, das weiß ich!

Es ist mir doch beinah, als wenn sie dich in dein schönes Gesicht geschlagen hätte, kleiner Thomas – da beim alten Lusthaus – nicht wahr? Es klang wenigstens so!

Wer zuletzt schlägt, schlägt am besten! murmelte Bro wütend. Und ich schlage hart!

Ach so – aber womit willst du denn schlagen?

Bro besann sich einen Augenblick, aber sein Blut war derartig ins Kochen geraten, daß er geradezu das Bedürfnis hatte, sich auszusprechen, und er fühlte eine Art Befriedigung darin, Anne Steffens zu zeigen, im Besitz welcher Waffen er sei. Statt ihre Frage mit einem: Was geht das dich an? zu beantworten, wie es ihm anfänglich auf der Zunge geschwebt hatte, sagte er: Ich schlag' sie mit einem Papier, du! Er, der jetzt in der Krogslever Kirche modert, hat mir eins gegeben, das nicht von schlechten Eltern ist – das soll seine Schwester schon binden!

Ach so, das ist so ein Formular mit drei Kreuzen darunter!

Nein, sagte Bro lachend, Kreuze stehen nicht darunter! Aber auf der andern Seite steht ein Name – das ist viel besser! Und das Papier lautet auf tausend Kronen!

Herr du meines Lebens, das ist mehr Geld, als ich zählen kann! Aber wenn der Geist von ihm ist, kann er ja wohl nicht für seinen Namen eintreten.

Nein, das kann er nicht! Aber sein Name steht auch gar nicht hinten drauf, sondern der Name meines Halbbruders – und der lebt noch!

Das lügst du, du Wechselbalg! Der alte Junker Heinrich, der unterschreibt nichts!

Ganz recht! Du bist wirklich gar nicht so dumm! Das ist ja auch das Feine bei der Sache, daß sein Name auf dem Papier steht, aber daß er doch nichts geschrieben hat. Denn wenn ich übermorgen nach Hjortholm komme und frage, ob es seine Unterschrift ist, dann sagt er nein, und dann haben wir den Skandal! Und dann liegt der in der Krogslever Kirche als gemeiner Verbrecher in seinem Eichensarge, und die Familie ist ruiniert, wenn ich was von der Sache verlauten lasse. Ich kann sie ins Unglück stürzen, ich ganz allein!

Ach ja, das kannst du wohl, aber was für einen Zweck hat das eigentlich?

Du schuldest doch den Hjortholmern nichts, ausgenommen mein Dasein, also kannst du dich ja nur freuen, wenn sie in Not geraten.

Ja, ach ja, und nein! Dem kleinen Fräulein möcht' ich kein Leid zufügen; sie hat so weiße Haut und ein Paar sanfte Augen, und ich hab' sie einmal aus dem Moor gezogen.

Sie soll auch keine Not leiden, im Gegenteil! Siehst du, sie ist ja immer ganz vernarrt in den Bruder gewesen, und eingebildet auf ihre vornehme Familie ist sie natürlich auch. Wenn ich nun verspreche, reinen Mund über die Fälschung zu halten, dann wird sie schon windelweich werden, und dann wird sie meine Frau!

Ein nettes Glück!

Ach, das ist nicht so ohne! – Ich will sie haben, ich bin ganz verrückt darauf – und das bin ich gewesen, seit sie ein Backfisch war! All' meine Arbeit, all' meine Gedanken in all den vielen Jahren haben nur ein Ziel gehabt: sie und Hjortholm, und Hjortholm und sie – und jetzt endlich sehe ich den Erfolg. Und deswegen sollst du von hier fort – in einem Monat oder in zweien –, ich wollte es dir bloß rechtzeitig ankündigen.

Ja, du bist eine gute Seele, du Scheusal! Es gibt Leute, die im Zuchthause sitzen, und es gibt Leute, die frei umhergehen, aber es läßt sich nicht allemal so genau sagen, wer hineingehört, und wer nicht! – Na, dann gib mir nur das Geld, mein Junge!

Da hast du drei Kronen, du alter Satan!

Gott segne deinen Eingang und deinen Ausgang! sagte Anne Steffens und knickste unwillkürlich, als sie das Geld in der Hand hatte. Der Herr im Himmel stärke und bewahre –

Ja, laß das nur gut sein! – Aber wart' einmal: daß du dich nicht unterstehst, den alten Idioten zu warnen – oder seine Schwester – hörst du? – Du weißt, ich habe die Macht! – Schwör' darauf! – Obwohl du einen Eidschwur wohl nicht achtest – aber wenn du! – Ich gelobe und schwöre bei der großen Glocke in Mullerup – das ist die, die über mir geläutet hat, als ich getauft und ein Kind Gottes wurde –, daß ich meinen Mund zu niemand von ihnen öffnen will – amen! – Bist du nun zufrieden?

Bro ging seiner Wege, ohne Lebewohl zu sagen, und Anne Steffens sah ihm mit einem spöttischen Lächeln nach, bis er zwischen den Nonnenhügeln verschwunden war. Dann spie sie auf das Geld, das sie noch in der Hand hielt, knüpfte es in die eine Ecke eines Tuches und begab sich in ihre Hütte. –

Gegen Abend langte Kongsted wieder in der Mühle an und erzählte dem Hauptmann von der Unterhaltung, die er unten bei Anne Steffens mit angehört hatte, und als er fertig war, seufzte der Hauptmann und sagte: Großer Gott, soll nun Tante Rosa zu all dem andern auch noch den Kummer und die Schande haben, daß Fritz Wechsel gefälscht hat!

Nein, das soll sie nicht, erwiderte Kongsted, das müssen wir verhindern!

Ja, das ist alles recht gut – aber wie? Und woher soll das Geld kommen?

Das Geld ist Nebensache, man kann ja im Laufe von ein paar Tagen immerhin ein paar tausend Kronen flüssig machen.

Kann man das? – Ja, ich kann es, weiß Gott, nicht!

Nein, aber das übernehme ich!

Das Geld kriegen Sie ja nie wieder, Kongsted, und dann –

Halten wir uns nicht bei der Geldfrage auf – es steht ja doch mehr als die tausend Kronen auf dem Spiel! Es handelt sich um die Ehre einer Familie!

Ich glaube eigentlich nicht, daß die Ehre dieser Familie –

Die Ehre jeder Familie ist mir heilig! unterbrach Kongsted den Hauptmann ein wenig nervös. Aber hören Sie einmal, Herr Hauptmann, Sie müssen morgen nach Hjortholm reiten. Sie nehmen den alten Kammerjunker beiseite und machen es ihm auf irgendeine Art und Weise begreiflich, daß ihm nichts weiter übrigbleibt, als den Namen, der hinten auf dem Wechsel steht, den ihm Bro präsentieren wird, anzuerkennen.

Das tut er nicht – nie und nimmer!

Ja, er muß es aber doch einsehen können –

Nein, sehen Sie, seinerzeit hat ihn bald dieser, bald jener gemißbraucht und ihn veranlaßt, einen Schuldschein zu unterschreiben oder auch einen Wechsel. Die Sache mußte ja ein Ende haben, und da ließ ihn denn Tante Rosa heilig und teuer versprechen, daß er seinen Namen niemals unter etwas andres setzen wolle als unter seine eignen Briefe. Und was man Tante Rosa verspricht, das hält man auch! – Nein, wir müssen uns an Tante Rosa wenden, und die muß Heinrich Bescheid sagen!

Ja, aber lieber Hauptmann, dann wird ihr ja der Kummer und die Demütigung nicht erspart!

Nein, das ist wahr!

Und sie würde ja nie im Leben Geld von einem Fremden annehmen!

Da haben Sie recht! Ja, dann gibt es wohl leider keinen Ausweg!

Ja, ein Ausweg soll und muß gefunden werden, um Fräulein Rosas wie um Fräulein Fannys willen. Wenn man sich die Möglichkeit vorstellt, daß sie gezwungen sein sollte – nein, das ist ja empörend! Lieber Hauptmann, Sie müssen nun dafür sorgen, daß der Kammerjunker die Unterschrift anerkennt, und dann sagen Sie ihm, er könne das Geld am – ja, sagen wir am Donnerstag bekommen, aber alles natürlich, ohne daß mein Name genannt wird.

Ja, antwortete der Hauptmann grübelnd, vielleicht läßt sich die Sache doch machen!

Wie denn?

Das sage ich Ihnen nicht!

Weshalb nicht?

Nein – Sie würden glauben, ich wäre verrückt geworden. Gelingt mein Plan, so sollen Sie alles wissen.

Nun ja, dann muß ich mich in Geduld finden.

Und ich muß die Hjortholmer Hühner vor den Lillelundern schießen – das ist freilich gegen den Schlachtplan, aber was tut man nicht für seine Freunde. Sie sind übrigens ein Prachtkerl, Kongsted!

* * *

Fanny ging in den Park hinaus, um an dem See entlang zu den Nonnenhügeln zu gelangen; als sie aber aus der großen Lindenallee zwischen zwei der alten Buchsbaumhecken einbog, hörte sie in einem Ausschnitt der einen Hecke etwas rascheln. Ohne sich klar darüber zu sein, was da raschelte, wich sie zur Seite; in demselben Augenblick aber erhob sich eine Gestalt und stand gerade vor ihr – es war Anne Steffens.

Seien Sie nicht bange, kleines Fräulein, sagte die Zigeunerin. Ich komme nicht mit schlechten Absichten – ach nein, ich bin eine arme alte Frau, die hier seit heute morgen auf der Lauer gelegen hat, um Ihnen aufzupassen; ich dachte mir's wohl, daß Sie an den See gehen würden.

Was wollen Sie von mir? fragte Fanny, die sehr ängstlich war, sich aber zwang, ruhig zu erscheinen.

Ich will dem kleinen Fräulein nur einen guten Rat geben, und wenn sie den nicht befolgt, so steht es schlecht um sie und um die andern. Aber vorher muß sie mir versprechen, daß sie dem alten Fräulein nichts sagt, denn ich hab' bei der alten Glocke in der Mulleruper Kirche schwören müssen, daß die nichts davon wissen sollte. Will das kleine Fräulein mir das auch versprechen?

Ja, das versprach Fanny.

Und nun hören Sie gut zu. Eines Tages wird ein Mann von Süden herkommen – wer es ist, darf ich nicht sagen –; er wird aufs Schloß kommen, und er wird den alten Junker fragen, ob er seinen Namen auf einen Brief geschrieben hat. Das hat nun der alte Junker nicht getan, aber er muß trotzdem die Schuld auf sich nehmen – er muß ja antworten – verstehen Sie das? Sonst sind Sie und die Tante und der Junker unglücklich.

Aber was ist denn geschehen? fragte Fanny, die so betroffen war von Anne Steffens überzeugender Art und Weise zu reden, daß sie keinen Augenblick daran zweifelte, daß das, was diese sagte, wahr sei.

Das darf ich nicht sagen – und ich kann auch selber nicht so recht klug daraus werden –, aber wahr ist es! Tun Sie nun, was ich sage, und bereden Sie den Junker, daß er seinen Namen anerkennt – dann ist alles gut! Leben Sie wohl, kleines Fräulein – Gott bewahre Ihr Antlitz vor allem Übel – Sie gleichen Ihrer Mutter.

Sie haben ja meine Mutter gekannt?

Ach Gott, ja – ich hab' sie gar oft gesehen und hab' auch mit ihr gesprochen. Sie war gut gegen die Armen, sie war jung, und sie war schön – das brachte ihr Verderben!

Warum denn? entfährt es Fanny, in demselben Augenblick aber bereut sie ihre Frage und fürchtet sich vor der Antwort.

Ja, warum? – Leicht gebunden ist leicht gelöst! Weil sie einen, der nicht ihr Ehemann war, zu lieb hatte – das war ihr ganzer Fehler, aber das straft sich allemal! Ich hab' dasselbe in meiner Jugend getan, aber als ich mich richtig mit Steffens verheiratete, der zu meinen eignen Leuten gehörte, da ritzte er mir die blaue Schlange, Sie wissen ja, in meinen Arm – das soll ein S sein –, und damit war ich an ihn gebunden, so daß mich weder Pfarrer noch Küster lösen konnte, denn ich trug ja Steffens Namen. – Nun, mit Steffens ging die Sache ja schief: er konnte nicht mehr als einen halben Pott vertragen, und dann schlug er, ja, das tat er, ich mußte ihm ja schließlich über das letzte hinweghelfen, das haben Sie wohl gehört – da machte er es gar zu grob, und ich hatte den Schaden davon. Ach Gott, ja, er war sonst ein guter Mann – des Morgens mein' ich, wenn er noch nüchtern war!

Fanny schauderte, als sie die Alte von dem Toten sprechen hörte; Anne Steffens aber bemerkte das nicht, sondern fuhr fort:

Aber jetzt will ich machen, daß ich wegkomme. Tun Sie nun, wie ich Ihnen gesagt habe, kleines Fräulein, das ist zu Ihrem eignen Besten.

Anne Steffens ging – einen Augenblick später war sie zwischen dem Röhricht am See verschwunden; in Fannys Augen lag jetzt ein ähnlicher Schimmer von Romantik über der Zigeunerin wie über der grauen Dame selbst, und es kam ihr nicht in den Sinn, ihren Rat zu mißachten. Sobald sie Onkel Heinrich sah, nahm sie ihn beiseite, verlangte von ihm tiefste Verschwiegenheit und bat ihn dann, wenn der Unbekannte käme, um keinen Preis davon abzugehen, daß er ein gewisses Papier unterschrieben habe.

Aber Onkel Heinrich war unerbittlich: um keinen Preis der Welt würde oder dürfe er zugeben, daß er – nein! Und er hatte es auch gar nicht getan! Es war ihm ja auf das strengste verboten! Was würde denn Rosa sagen! – Nein, davon konnte keine Rede sein!

Onkel Heinrich hatte sich so über die ganze Sache aufgeregt, daß er sehr früh zu Bett ging, und der Hauptmann hatte keine Gelegenheit, mit ihm zu sprechen, als er am Abend von der Jagd heimkehrte.

* * *

Am nächsten Morgen war indessen Onkel Heinrich wie umgewandelt. Ganz benommen, aber würdig und überlegen kam er zum Kaffee herunter, nickte Fanny ermunternd und verständnisvoll zu, und als sie ihn gar nicht zu verstehen schien, zog er sie in eine Ecke, blinzelte ihr geheimnisvoll zu und flüsterte: Jetzt ist es etwas andres, mein Kind! Ich ahnte ja nicht, daß es ihre Botschaft sei – aber nun verstehe ich das Ganze!

Was hat Heinrich nur? fragte Tante Rosa später. Er will nicht vom Hofe herunter, denn er sagt, es käme Besuch, wer es sei, wisse er aber nicht – er ist ganz sonderbar!

Und es kam Besuch. Nach Tische stellte sich Bro ein. Mit erheuchelter Teilnahme und nach einer längern Einleitung wollte er in aller Ehrerbietung und nur der Ordnung wegen fragen – großer Gott, er glaube ja selber keinen Augenblick daran, ob Kammerjunker Heinrich vielleicht seinen Namen unter einen Wechsel geschrieben habe, und ob –

Ja, antwortete Onkel Heinrich mit Würde, mein Name ist mein Name – die Unterschrift ist die meine.

Was! riefen Tante Rosa und Bro wie aus einem Munde, der eine wütend, die andre entsetzt.

Es ist mein Name, beharrte Onkel Heinrich.

Das ist eine Lüge! schrie Bro. Die Unterschrift ist gefälscht!

Ja, natürlich, das ist sie! rief Tante Rosa. Heinrich hat nie und nimmermehr –

Es ist mein Name! wiederholte Onkel Heinrich mit noch mehr Würde. – Wünschen Sie noch mehr von mir zu wissen?

Ob ich mehr zu wissen wünsche? brüllte Bro, der jetzt die Maske vollständig abwarf und aussah wie ein Raubtier. Ja, wollen Sie denn durchaus die Unterschrift anerkennen, so bezahlen Sie auch gefälligst. Morgen wird der Wechsel präsentiert.

Und morgen wird das Geld bereit liegen! erwiderte Onkel Heinrich.

Bettler! Wie können Sie –

Du bist verrückt, Heinrich! rief Tante Rosa.

Bro nahm seinen Hut, er bebte vor Zorn. – Wir sprechen uns noch! sagte er. Jetzt kenne ich keine Barmherzigkeit mehr! Und damit stürzte er zur Tür hinaus.

Tante Rosa war vollständig zusammengesunken – sie konnte nicht mehr. – Armer, alter Heinrich! seufzte sie. Schwach im Kopf ist er immer gewesen, und jetzt ist er ganz verrückt geworden!

Fanny aber, die sich in den Kreis des Mystischen hineingezogen fühlte, tröstete die Tante und sagte: Ich verstehe auch nicht mehr davon als du – aber ich glaube trotzdem, daß Onkel Heinrich die Schwierigkeiten überwinden wird.

Und das tat er mit Glanz! Sobald er am nächsten Morgen angekleidet war, kam er, ein altes, zusammengefaltetes Pergament in der Hand, herab und überreichte es Fanny feierlich. – Du bist ja ihre Vertraute, sagte er, deswegen mußt du auch die Papiere öffnen – ich befasse mich nicht mit Geldangelegenheiten und dergleichen.

Im Pergament aber lagen tausend Kronen, und als im Laufe des Tages der Wechsel präsentiert wurde, wurde er sogleich eingelöst. Es war aber unmöglich, irgendeine Aufklärung von Onkel Heinrich zu erlangen, und schließlich schüttelte Tante Rosa den Kopf und sagte:

Entweder bist du verrückt, lieber Heinrich, oder auch, du bist klüger als wir alle!

Nein, liebe Rosa, antwortete er, ich bin nicht klüger als du – aber jetzt bin ich das Oberhaupt der Familie – das darfst du nicht vergessen.

Und damit war Tante Rosa ja ungefähr ebenso klug wie vorher. –

Am folgenden Tage trafen sich der Hauptmann und Kongsted verabredetermaßen am Hünengrabe.

Nun, wie ging's? fragte Kongsted.

Brillant! antwortete der Hauptmann.

Und wie haben Sie es denn gemacht?

Ganz einfach: am ersten Abend, als Heinrich schlief – er schläft wie ein Dachs! –, legte ich ihm einen Zettel auf den Nachttisch mit den Worten: Erkenne deinen Namen an, wenn ein Mann kommt und fragt, ob die Unterschrift die deine ist! Unverbrüchliches Schweigen! Das Geld kommt morgen! Verbrenne dies! Und am nächsten Tage, als Sie mir die Summe gesandt hatten, packte ich das Geld in ein altes Stück Pergament, das mir auf der Rumpelkammer in die Hände gefallen war – dort war ein Stapel Dokumente umgestoßen –, denn ich glaubte, das würde einen feierlichen Eindruck machen, und dann legte ich es neben sein Bett – ja, das ist das Ganze!

Aber weshalb in aller Welt gehorchte denn der Kammerjunker dem anonymen Schreiben? fragte Kongsted.

Ja, antwortete der Hauptmann mit einem schlauen Lächeln, das war ja nämlich nicht anonym. Ich schrieb: »Die graue Dame« unter den Brief, und der gehorcht er!

Hauptmann! Hauptmann! rief Kongsted. Sie sind groß! Leute wie Sie und Tante Rosa und der Kammerjunker sind mir noch nie im Leben vorgekommen.

Nein, das will ich schon glauben! Und die zu finden, muß man auch an den Rand des Wildmoors kommen! Wenn wir uns in Kopenhagen auf der Östergade sehen ließen, so würde man uns wohl kaum für wirklich halten, sondern sagen, daß wir Figuren aus einer altmodischen Komödie sind, die ihre Kostüme mal lüften wollen! Aber die Romantik kann auch zuweilen von Nutzen sein. – Adieu, Kongsted!

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