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Wildmoorprinzeß

Sophus Bauditz: Wildmoorprinzeß - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorSophus Bauditz
titleWildmoorprinzeß
publisherFr. Wilh. Grunow
printrunDreizehntes bis sechzehntes Tausend
year1924
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080418
projectid35c56956
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18

Weiberlaunen und Hysterie! sagte Fritz zu Tante Rosa, als diese ihm auseinanderzusetzen suchte, was mit Fanny vorgegangen war, und weswegen sie Graf Christian einen Korb gegeben hätte. Was ist denn das Ganze? Unsinn! Sie hat dummerweise Mutters Bild gefunden – zum Teufel auch, weshalb konntet ihr das nicht verbrennen! Das ist kein Bild, das für das Zimmer eines jungen Mädchens paßt! Und nun ist das Ganze vorbei – ich glaube aber wirklich, ich versuche es noch einmal, sie zur Vernunft zu bringen!

Du unterstehst dich nicht, mit Fanny über die Sache zu reden! sagte Tante Rosa in einem solchen Ton, daß Fritz nicht zu mucksen wagte, sondern gleich zu etwas anderm überging und in gleichgültigem Tone sagte: Die Burschen, von denen ich gesprochen habe, die Literaten und die Maler, die kommen heute nachmittag – ich wollte freilich, der Teufel holte sie alle! Sie müssen von der Station geholt werden. Niels weiß Bescheid.

Das ist wohl eine nette Gesellschaft, die man hier auf Hjortholm empfangen muß? Wie lange bleiben sie denn?

Das weiß ich wirklich nicht, jedenfalls nicht länger als bis zum sechzehnten.

Dann fängt die Jagd an!

Ja – und mit mir hat's dann ein Ende!

Was soll das heißen?

Ach, nichts!

Fritz ging überhaupt in einer wunderlich schlaffen, verzweifelten Gemütsverfassung umher. Er machte den Eindruck eines Menschen, der die Sündflut erwartete, aber einsah, daß es zu spät sei, sich eine Arche zu bauen, und deshalb alles ruhig über sich ergehen ließ.

Über Fanny dagegen war eine Ruhe, ein Gefühl der Sicherheit gekommen, wie sie es nie zuvor gekannt hatte: sie glaubte selber, daß sie einen Bund mit der unsichtbaren Welt geschlossen habe, die sie oft mit den Lippen verleugnet, nach der sie sich aber im Herzen immer gesehnt hatte.

Das Bild der Mutter hatte sie über ihr Bett gehängt, und wohl hundertmal am Tage konnte sie in Beschauung versunken davorstehen, in einer Art Ekstase, die sie fast auf die Knie zwang wie vor einer erlösenden Madonna. Alles andre war ihr vorläufig gleichgültig, sie zeigte einen auffallenden Mangel an Interesse für Fritzens literarische Freunde, und der Bruder hätte es nicht nötig gehabt, zu ihr zu sagen: Du mußt dich aber ja nicht zu intim mit dieser Blase machen, halte sie dir nur drei Schritt vom Leibe, hörst du?

* * *

Endlich kamen die Erwarteten. Der Break hielt vor der Tür, und alle fünf betraten die Halle.

Du großer Gott! sagte Tante Rosa zu Fritz, sind dies die Repräsentanten der Jugend, die das Land aufrechthalten und das Geschlecht fortpflanzen soll – na, ich danke!

Und das mußte man Tante Rosa lassen, durch körperliche Schönheit zeichneten sich die fünf nicht aus.

Zuerst war da der Kandidat Marius Petersen, der Chefredakteur des Faublas, klein, hochschulterig, mager, mit einer Glatze und hohlen Wangen, mit winzig kleinem, schwarzem Schnurrbart und dicken, blutlosen Lippen. Die Handgelenke waren dünn wie Pfeifenstiele, und die ebenso dünnen Beine steckten in engen Beinkleidern: ein langer, schwarzer Rock, ein bunter Schlips und Lackschuhe – demimonde in seinem ganzen Auftreten.

Dann kam der »Symbolist« Fernando Villerup, noch kleiner, noch welker, mit schräg abfallenden Schultern, absinthgrün im Gesicht, blauschwarze Ringe unter den Augen, langes, dünnes Haar. Einmal wöchentlich schrieb er ein Gedicht – ohne Reim, ohne Rhythmus, ohne Sinn, und da es ja immer Leute gibt, die sich von dem angezogen fühlen, was sie nicht verstehen, hatte er wirklich einen kleinen, ganz kleinen Kreis von Bewunderern gewonnen. Er tat übrigens nichts und litt deswegen häufig geradezu Not, war weibisch nervös und fand seinen einzigen Trost darin, daß er nach seinem Tode schon anerkannt werden würde wie Baudelaire oder Paul Verlaine.

Der Dramatiker, Nikolai Jensen, war ganz kurz geschoren und hatte einen spitzen Kinnbart. Vor einigen Jahren hatte er ein Stück geschrieben, das von allen Theatern verworfen worden war, und seither brachte er seine Zeit damit zu, das Stück – dem Rat der verschiednen Schauspieler folgend – umzuarbeiten; bald wurde ein Akt hinzugefügt, bald wurden zwei weggeschnitten, der Titel und die Personennamen wurden verändert, bald hieß es »Schauspiel«, bald »Lustspiel«, und jedesmal, wenn das Stück auf irgendeine Weise frisch ausstaffiert war, machte es in seiner neuen Gestalt die Runde bei allen Theatern, in deren Bureaus es sich allmählich den Kosenamen »das Gespenst« erworben hatte. Jeder Theaterdirektor bog schleunigst um die nächste Ecke, wenn Nikolai Jensen in der Ferne sichtbar wurde, die Schauspieler flohen aus ihrem Café, sobald er nur die Tür öffnete, und alle seine Bekannten hatten etwas Eiliges zu tun, wenn er in die Rocktasche griff, um ihnen sein Stück in der neuesten Bearbeitung vorzulesen. Für Nikolai Jensen existierte überhaupt nichts weiter in der Welt als sein Schauspiel.

Dann war da der Maler Nielsen-Munkegaard. Ihm konnte man es doch wenigstens ansehen, daß er ein Mann war. Er war groß und kräftig und trug einen Vollbart. Er war ein Bauernsohn und bemühte sich krampfhaft, das Bäurische in seinem Auftreten und in seinem Dialekt so deutlich wie möglich hervorzuheben; er war sehr unsauber und trug niemals einen Schlips. Ursprünglich war er Naturalist gewesen, dann wurde er Impressionist, in der letzten Zeit aber hatte er sich darauf gelegt, prärafaelische Heiligenbilder zu kopieren und mit Temperafarben zu experimentieren.

Endlich war da Peter Hals – das »Mädchen für alles«, wie er genannt wurde, ein gutmütig aussehender Jüngling mit einem übernächtigen Ausdruck: er hatte auf dem Bock gesessen und war nur mit Mühe davon abzuhalten, das übrigens ziemlich leichte Gepäck der ganzen Gesellschaft hereinzutragen.

Kurz nach der Ankunft der Gäste ging man zu Tische, und nach dem Abendbrot setzte sich die ganze Gesellschaft in den Gartensaal, wo die Türen an dem stillen, milden Herbstabend offen standen.

Der Dramatiker saß neben Onkel Heinrich, und dieser, der wenigstens eins verstand: ein dankbarer Zuhörer zu sein, lauschte mit so viel Interesse der Erzählung von den Widerwärtigkeiten, mit denen das Schauspiel zu kämpfen habe, daß der Dichter in Onkel Heinrich eine verständnisvolle Seele gefunden zu haben glaubte und versprach, ihm das Werk am nächsten Morgen vorzulesen.

Fanny, die Bruchstücke der Unterhaltung gehört hatte, fragte den Dramatiker, ob er sein Schauspiel denn nicht auf der freien Bühne aufführen lassen könne, worauf er in höhnisch bitterm Tone antwortete: Freie Bühne! Es gibt keine freie Bühne hierzulande! Das, was sich frei nennt, hat auch mein Werk verworfen – ich bin den Plebejern zu kühn, zu vornehm!

Es gibt ja überhaupt keine Freiheit hierzulande, sagte Kandidat Petersen. Das bißchen, das wir gehabt haben, ist dahin, und alles, was taugt, verschwindet allmählich.

Ja, sagte Onkel Heinrich und nickte scheinbar intelligent, die Kaiserinbirnen werden mit jedem Jahre seltener, schließlich gibt es gar keine mehr.

Diese Bemerkung erregte allgemeine Aufmerksamkeit und wurde als tiefsinniger Symbolismus aufgefaßt, so daß Kandidat Petersen die Bemerkung augenblicklich in sein Taschenbuch notierte und Fernando Villerup auf die andere Seite von Onkel Heinrich hinüberrückte und sich dicht an ihn schmiegte wie ein Gesellschaftsvogel, der im Begriff ist, zur Ruhe zu gehen.

Ach ja! seufzte der kleine Symbolist und rollte mit den Augen. Man sollte natürlich dem Geschmack des geistigen Pöbels schmeicheln und ein populäres Buch schreiben.

Haben Sie den »Grafen von St. Armand« gelesen? fragte Onkel Heinrich.

Nein!

Ich auch nicht, aber der Schulmeister sagt, daß es ein sehr interessanter Roman sei – der Graf soll so edel sein!

Ich hasse das Edle, wie ich das Populäre hasse! stöhnte der Symbolist. Ein populäres Buch schreiben, das alle Welt lesen mag – das kann jeder, aber für die wenigen Ausnahmen schreiben, das ist das Ideal!

Aber damit kommt man leider nicht weit, brummte Nielsen-Munkegaard.

Nein, darin hast du recht! Wem gibt man Legate und Reisestipendien? Solchen, die schon etwas geleistet und dadurch bewiesen haben, daß sie nicht ins Ausland geschickt zu werden brauchen, um neue Eindrücke zu sammeln! Aber wir, wir, die wir noch nichts geleistet haben, und von denen man doch folglich annehmen kann, daß wir im Besitz großer Möglichkeiten sind, wir, die wir uns nicht überwinden können, in der Tretmühle des Alltagslebens zu arbeiten, um feste, prosaische Einnahmen zu suchen – uns schließt man aus!

Ach, setz' dich doch wieder unter die Trauerweide und benetze deine eigne Asche mit Tränen, sagte Fritz, der, ein paar Flaschen im Arm, ins Zimmer kam. Hier ist Schaum!

Woher hast du den Champagner? fragte Tante Rosa.

Ich fand eine kleine Restpartie unten im Keller, antwortete Fritz und versuchte zu lächeln. Es hat keinen Zweck, etwas aufzuheben – man weiß, was man hat.

Es wurde eingeschenkt, und Kandidat Petersen erhob sein Glas und sagte, zu Fanny gewandt: Es ist mir eine große Ehre, das gnädige Fräulein zu unsern Abonnenten zu zählen!

Ja, ich habe Ihr Blatt das letzte halbe Jahr gehalten, erwiderte Fanny zurückhaltend.

Wir dürfen uns überhaupt rühmen, die Frauen, namentlich die jungen, auf unsrer Seite zu haben, fuhr Kandidat Petersen fort. Junge Mädchen zwischen fünfzehn und sechzehn Jahren sind unsre besten Stützen: sie abonnieren freilich in der Regel nicht auf den Faublas, das wagen sie nicht; aber sie kaufen das Blatt und lesen es und werden vorurteilsfrei. Religion, Moral und Vaterlandsliebe, das sind Übel, die –

Pfui, zum Kuckuck! bemerkte Peter Hals, der bisher nichts weiter als »Gesegnete Mahlzeit!« gesagt hatte.

Ach, der Katholizismus ist gar nicht so übel, vom rein künstlerischen Standpunkt aus, sagte Nielsen-Munkegaard, der die letzten fünf Minuten Fanny auf eine ziemlich genierende Weise fast mit den Augen verschlungen hatte.

Ja, ich möchte ganz gern einige ernste Versuchungen des heiligen Antonius erleben, warf Kandidat Petersen dazwischen.

Und der Buddhismus! klagte der Symbolist. Das große All, das große Nichts! – Sublim! Der Buddhismus ist wie Blumenduft, berauschender, farbensatter Blumenduft, er ist wie eine unendliche Orchidee – die heilige Blume der Dekadenz! Ach, welchen Duft hat eine exotische Orchidee – man riecht es durch die Fenster des Blumenladens! Sie riecht hellila mit einem leichten Anflug von Melancholie!

Sie riecht hellila? fragte Tante Rosa und ließ das Strickzeug sinken. Das ist doch des Teufels! – Nach was für einer Farbe riecht denn der Misthaufen?

Fernando Villerup kam nicht dazu, die Frage zu beantworten, denn der Dramatiker, der die ganze Zeit hindurch Onkel Heinrich warmgehalten hatte, sprach jetzt so laut, daß er die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Was würde es auch nützen, wenn mein Stück angenommen würde! sagte er. Wer sollte es wohl spielen?

Nein, Frau Heiberg ist ja tot, bemerkte Onkel Heinrich.

Ach, Frau Heiberg! Die ist schrecklich überschätzt worden! Niemand – absolut niemand hier bei uns zulande hat einen Begriff davon, natürlich zu spielen. Mein Stück muß mit den Händen in den Hosentaschen gespielt werden – blasiert, ohne Energie, so wie die Zeit ist, und die Repliken sollen nicht ausgestrahlt werden, sie müssen verquer kommen, angestrengt, halblaut, so daß man hört, daß es für den Redenden eine Anstrengung ist, den Mund überhaupt zu öffnen!

Wir waren gestern in einer Kunstreitervorstellung, sagte Onkel Heinrich, der, als er merkte, daß Notiz von ihm genommen wurde, immer lebhafter wurde. Wir waren im Zirkus in Bodholt.

Das ist auch viel amüsanter als die gewöhnlichen Theatervorstellungen, sagte Nielsen-Munkegaard, da sieht man doch Formen und Kostüme!

Ja, die heutigen Frauentrachten – vielleicht mit Ausnahme der modernen Radfahrerkostüme – sind langweilig, bemerkte Kandidat Petersen. Will man heutzutage die Frau in einem kleidsamen Rahmen sehen, dann muß man sie im Zirkus und im Tingeltangel aufsuchen – ich schwärme für die Empiretracht.

Also, das tun Sie! erwiderte Tante Rosa. Ja, Sie möchten es wohl, daß die Mädchen mit bloßen Armen und kurzen Taillen umhergingen, aber danken Sie Ihrem Schöpfer, daß Sie sich nicht in Kniebeinkleidern zu zeigen brauchen – das würde wohl ein nettes Beinwerk werden!

Deine Tante scheint mir ein Original zu sein, flüsterte Kandidat Petersen Fritz zu.

Ach ja, kannst du sie nicht verwenden?

Nein – ich schreibe keine historischen Romane, und nur dahinein würde sie passen! – Aber dein Onkel – der ist nicht von schlechten Eltern!

Der! – Der ist ja blödsinnig!

So? – Der ist, weiß Gott, der Klügste von euch allen! – Wollen die Damen schon aufbrechen?

Tante Rosa und Fanny sagten gute Nacht, und Onkel Heinrich bekam einen Wink, mitzukommen.

Als Fanny Nielsen-Munkegaard die Hand reichte, sah er sie so glühend an, daß sie unwillkürlich an Bros Blick denken mußte; schnell entzog sie ihm die Hand und eilte hinaus.

Das sind sehr interessante Menschen! sagte Onkel Heinrich.

Findest du? erwiderte Tante Rosa. Weißt du, was ich finde: sie sollten aufs Feld hinausgefahren und als Dung untergepflügt werden – dann kämen sie doch wenigstens ihrem Vaterlande zugute. – Gute Nacht!

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