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Wildmoorprinzeß

Sophus Bauditz: Wildmoorprinzeß - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorSophus Bauditz
titleWildmoorprinzeß
publisherFr. Wilh. Grunow
printrunDreizehntes bis sechzehntes Tausend
year1924
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080418
projectid35c56956
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16

Drinnen im Walde, eine halbe Meile von Hjortholm entfernt, lag das Haus des Hauptmanns. Es sah aus wie eine Waldhüterwohnung, und das war es auch ursprünglich gewesen. Klein und einfach, aber freundlich war es; das Dach war mit Stroh gedeckt, und die Mauern waren gekalkt, zum größten Teil aber wurden sie von hohen, hängenden Stockrosen in allen Farben verdeckt, und die grünen Waldesschatten fielen kühl auf die weißen Flächen.

Der Hauptmann war am vorhergehenden Abend von einem längern Ausfluge gen Norden heimgekehrt. Jetzt saß er an einem Tisch vor dem Hause und war damit beschäftigt, Patronen zu füllen – Vorbereitungen für die kommende Herbstkampagne.

Vom Walde her erschallte Pferdegetrappel. Diana erhob den Kopf und knurrte, der Hauptmann stellte das Pulvermaß hin – und dann kam Kongsted auf Müller Sörensens Kutschpferd dahergeritten.

Na, endlich! rief der Hauptmann freudestrahlend und breitete beide Arme aus. Also haben Sie mich und meinen Wigwam doch endlich gefunden – willkommen! Nein, für das Pferd sorge ich! – Still, Diana!

Ich habe schon längst kommen wollen, sagte Kongsted, aber es kam mir immer irgendwas dazwischen.

Ja, Sie sind ganz leichtsinnig geworden – wie ich höre, waren Sie auf eigene Hand im Wildmoor, seit ich Sie zuletzt sah.

Woher wissen Sie das?

Nun, man hat doch sein geordnetes Spionagesystem! Aber was wollten Sie eigentlich da draußen? Waren Sie auch auf dem Nonnenhügel, um über den See hinauszuschauen?

Kongsted wurde dunkelrot. Nein, was sollte ich da wohl! Aber das Wildmoor interessiert mich – ich bin auch draußen auf Öxneholm gewesen.

Zum Kuckuck auch!

Ja, ich hab' Ihren Rat befolgt, Herr Hauptmann, und habe Geschmack daran bekommen, von der großen Landstraße abzuweichen.

Fertig?

Lassen Sie uns in meine Kajüte hineingehen. Erst aber müssen Sie sich das Strohdach mit dem wilden Wein ansehen – ist das nicht schön? Ich hasse Dachpappe, das ist so tot, in Stroh aber ist Leben! Ja, dann kommen Sie nur!

Das Waldhäuschen war inwendig ebenso einfach wie auswendig. Eine Balkendecke, einfache Birkenmöbel, ein Säbel, die Flinte und der Aufsatz, ein paar Schlachtenbilder aus dem ersten Kriege – sonst keinerlei Zierat.

Ja, hier drinnen ist nichts zu sehen, sagte der Hauptmann, aber schauen Sie hinaus! Denken Sie doch, was es sagen will, das ganze Jahr hindurch den schönen Wald gerade vor den Fenstern zu haben!

Aber jetzt sollen Sie meine Bibliothek sehen.

Und der Hauptmann öffnete die Tür zu einem kleinen Zimmer, in dem ein Tisch und ein paar Stühle standen – Bücher sah man aber nicht.

Weshalb nennen Sie eigentlich das Zimmer Bibliothek? fragte Kongsted.

So lesen Sie doch, Mensch! lachte der Hauptmann vergnügt. Dort an der Wand – von dort herab spricht die Blume dänischer Poesie zu Ihnen!

Jetzt erst entdeckte Kongsted, daß die Wände statt mit Tapeten mit lauter Ausschnitten aus Gedichtsammlungen, Liederbüchern und Zeitungen, alten und neuen, beklebt waren.

Ich habe ja fast niemals Zeit, große Bücher zu lesen, fuhr der Hauptmann fort, aber Poesie muß man um sich herum haben, und jedesmal, wenn ich im Laufe der Jahre ein ausrangiertes Buch gefunden habe – die guten Bücher werden erstaunlich schnell verbraucht – oder ein zerknittertes Blatt, auf das niemand achtgibt, aber das vielleicht doch mehr wert ist als dicke Bände, so schneide ich es aus und kleistere es hier fest, und sobald nur mein Auge an die Wand fällt, begegnet es diesem oder jenem, woran ich meine Freude habe. Ja, eine chronologische Ordnung oder ein System dürfen Sie in meiner Anthologie nicht erwarten, alles steht bunt durcheinander wie Kraut und Rüben – Altes wie Neues. Ernst und Fröhlichkeit.

Das ist doch wieder einmal ganz wie Sie, Hauptmann, daß Sie sich nur etwas aus Lyrik machen! sagte Kongsted.

Weshalb denn?

Ja, weil Sie selber Lyriker sind!

Das soll wohl eine Spitze sein?

Nein, im Gegenteil!

In diesem Augenblick erscholl draußen auf dem Wege Pferdegetrappel, und gleich darauf wurden Fritz und Fanny sichtbar, die dem Waldhäuschen einen Besuch abstatten wollten. Der Hauptmann stürzte hinaus: Willkommen, liebe Fanny! Dafür sollst du auch einen Kuß haben! Darf ich dich vom Pferde heben – so! Und willkommen, Fritz! – Mein Gott, wie elend du aussiehst, mein Junge, dir tut Landluft große Not!

Aber kommt jetzt herein, ich habe einen Gast! Darf ich die Herren miteinander bekannt machen: Herr Fritz von Höibro – Herr Ingenieur Kongsted – Fanny und Sie kennen sich ja!

Man war offenbar nicht sonderlich begeistert übereinander: Fanny grüßte zurückhaltend, und Fritz und Kongsted wechselten nur einen sehr kühlen Händedruck.

Die Unterhaltung drohte gleich zu Anfang ins Stocken zu geraten, dann aber erzählte der Hauptmann: Es ist ein umherreisender Zirkus oder, wie man es nennen will, in die Gegend gekommen – an einem der nächsten Tage beginnen die Vorstellungen beim Bodholter Krug, haben Sie das schon gehört, Kongsted?

Ja, ich hörte es schon am Sonntag – der Amtsrichter erzählte es mir auf dem Wege von der Kirche.

Waren Sie denn in der – fing Fanny an, kam jedoch nicht weiter.

Ja, mein gnädiges Fräulein! Ich muß zu meiner Schande bekennen, daß ich auch in dem Punkte borniert und veraltet bin: ich gehe wirklich zur Kirche!

Vielleicht hören Sie Pastor Jensen in Kokberg? Dann treffen Sie Herrn Bro?

Nein, mein gnädiges Fräulein, Pastor Jensen sagt mir nicht zu. Er gehört einer Richtung an, der jegliche religiöse Schamhaftigkeit abgeht, die dem lieben Gott kein anderes Amt überläßt, als das »Schuldig« oder »Nichtschuldig« auszusprechen wie in einer Jury – und auch das noch am liebsten auf ihren Befehl.

Fanny wurde verlegen und fuhr fort: Ja, verzeihen Sie, ich meinte nur, daß Sie als Ingenieur – als Mann, der die Naturwissenschaft auf verschiedene Weise studiert hat – nicht fortfahren könnten – ja, ich kann mich nicht so ausdrücken, wie ich möchte – aber ich habe geglaubt, wenn man bei einem rationellen Studium bis auf den Grund dränge, dann müßten einem die Augen aufgehen für – Ja, für Gottes Allmacht und die Größe der Natur – ganz recht, mein Kind! unterbrach sie der Hauptmann.

Ohne aber diese Unterbrechung zu beachten, fuhr Fanny fort: Ich meine, daß, wenn man zum Beispiel Darwin gelesen hat –

Haben Sie etwas von Darwin gelesen, mein gnädiges Fräulein?

Nein – aber viel über ihn!

Ja, das ist allerdings nicht ganz dasselbe!

Darwin – das ist der mit den Affen! warf Fritz ein.

Ich konnte mir fast denken, daß das gnädige Fräulein nichts von ihm gelesen hatten, fuhr Kongsted fort. Ich will Ihnen nämlich sagen, Darwin ist ganz unschuldig daran, daß seine Schriften zugunsten des Materialismus ausgenutzt werden. Man darf überhaupt keine theologische Belehrung bei ihm suchen, ebensowenig wie man das Alte Testament zu naturwissenschaftlichen Forschungen benutzen darf. Ich für meinen Teil finde, daß die Lektüre von Darwin weit eher auf Gott führt als von ihm ab, und eins können Sie jedenfalls von Darwin lernen: daß man einen Fortschritt nur auf dem Wege der Entwicklung, nicht aber auf dem Wege der Revolution erreicht – die Natur lehnt sich niemals auf!

Ja, es kann nichts nützen, sich ganz von der Religion abzuwenden, bemerkte Fritz mit wohlwollender Anerkennung. Weißt du wohl noch, was ich dir gesagt habe, Fanny?

Fanny ließ sich indessen nicht weiter mit dem Bruder ein, sondern sagte eifrig, zu Kongsted gewandt: Wollen Sie denn aber nicht wenigstens einräumen, daß auch die Religion, wie alles andere, neuer Formen bedarf, und ist nicht vielleicht die Theosophie und der Spiritismus die Form, unter der –

Ja – die Form, unter der vielleicht viele, die nicht so glücklich sind, einen positiven Glauben zu haben, ein Surrogat für das finden, was ihnen fehlt. Der Schlachtenruf nach etwas Neuem scheint mir aber allmählich vollkommen periodisch zu werden: man sitzt da und späht in den Nebel hinaus nach einer neuen Offenbarung, einer neuen Kunst, einer neuen Dichtung, ja selbst eine neue Sprache möchte man sich schaffen – das Volapük fand gleich zu Anfang begeisterte Apostel.

Ja, so reden Sie, sagte Fanny, kann man sich aber etwas Bornierteres denken, als an dem Alten festzuhalten, nur weil es alt ist?

Nein, das ist fast so schlimm, als sich für alles Neue zu begeistern, nur weil es neu ist.

Ich kann den Katholizismus sehr wohl begreifen, erklärte Fanny bestimmt, indem sie einen großen Gedankensprung machte.

Ich auch, räumte Kongsted ein. Schwächere Seelen, die selbst nicht denken können oder wollen, und solche, die ohne Steuer umhergetrieben werden, müssen stets eine menschliche Autorität über sich fühlen, so daß sie jeder Frage gegenüber, die ihnen entgegentritt, sagen können: Das geht weit über meinen Verstand und in den des Pfarrers oder Papstes hinein, übrigens ist die katholisierende Tendenz unserer Tage – sowohl die direkte im Leben wie auch die indirekte in der Literatur – vielleicht eine ganz natürliche Reaktion gegen den krassen Naturalismus der vorhergehenden Periode; eine Reaktion hat ja in der Regel eine gewisse Übertreibung an sich.

Ja, es ist natürlich leichter, in allen Punkten konservativ zu sein und wie Sie zu sagen: Kein Fortschritt, keine Revolution!

Nein, keine Revolution, darin haben Sie recht, gnädiges Fräulein! Nur im Kriege gewinnt man die ganze Provinz mit einer Schlacht: in Friedenszeiten dringt man nur schrittweise vor – und so soll es sein. Meinen Sie, die Gesellschaft für Heidekultur hätte das Geringste erreicht, wenn sie die Heide auf einmal hätte in einen Wald verwandeln wollen?

Ich kann mich weder für die Heidegesellschaft noch für die Kultur begeistern! erklärte Fanny. Ich will meine schwarzen Heidehügel und das Wildmoor behalten, wie sie sind.

Ja, aber es fragt sich nur, ob Sie so räsonieren dürfen, wandte Kongsted ein.

Dürfen! rief Fanny und wurde dunkelrot. Sind Sie oder sind wir Besitzer von Hjortholm?

Ich bin es nicht, entgegnete Kongsted ruhig, aber ich wollte nur sagen, daß es sich ja überall darum handelt, neues Land zu gewinnen, Arbeit und Erwerbsquellen zu schaffen, so daß »wenige zu viel und noch weniger zu wenig haben«, und könnten deswegen die Nonnenhügel und das Wildmoor nutzbar gemacht werden, so –

Nein, hören Sie, mein lieber Ingenieur, unterbrach ihn der Hauptmann, jetzt muß ich es wirklich mit Fanny halten. Wollen Sie das Wildmoor zerstören, könnten Sie das über das Herz bringen? – Öxneholm sollte vielleicht auch kultiviert werden?

Ja, wenn es anginge!

Öxneholm! rief der Hauptmann. Wollen Sie denn die ganze Strandjagd ruinieren, Sie Unmensch? Und sollten alle die Zugvögel, die im Herbst da draußen ausruhen, heimatlos gemacht werden, nur um Platz zu schaffen für –

Für Menschen! ergänzte Kongsted.

Ach so, Sie sind Sozialdemokrat! sagte Fanny.

Nein, das würde ich wohl schwerlich werden, meinte Kongsted lächelnd. Ich will Ihnen sagen, mein gnädiges Fräulein, ich betrachte die individuelle Freiheit als eins der höchsten Güter der Menschheit, und diese zu vernichten, ist ja das Prinzip der Sozialdemokratie. – Nein, ich bin, wie Sie, mein gnädiges Fräulein, wissen, borniert konservativ.

Dann werden Sie sich ja über die konservative Poesie des Hauptmanns freuen.

Das tue ich auch – ich habe mehr Sympathie für die ältere als für die jüngere Schule. Selbstverständlich räume ich ein, daß Romantik und Realismus, Klassizismus und Symbolismus innerhalb der Poesie gleichberechtigte Arten sein können – keine Schule hat ein alleiniges Vorrecht –, aber über eins sollten sich doch alle Richtungen einigen können: daß die Poesie wie auch die Kunst nur dann ihre Bedeutung haben, wenn der Künstler oder der Dichter in dem, was er produziert, befreiend wirkt, wenn er – direkt oder indirekt – dahin gelangt, uns eine Vorstellung zu geben, wie das Leben geworden wäre, wenn es befreit wäre von allem scheinbar Zufälligen, Planlosen, das eine ganz einfache Folge davon ist, daß wir unter dem Gesetz der Sünde und des Elends stehen!

Verteufelt hoch! bemerkte Fritz halblaut zum Hauptmann gewandt.

Ach, das sind lauter Spitzfindigkeiten! entgegnete Fanny, die sich erhoben hatte. Eins aber ist sicher: die alten Dichter, die hier von der Wand herabreden, die lügen und betrügen uns. Ja, das mag sehr schön klingen, aber sehen Sie zum Beispiel einmal das da – glauben Sie, daß das Stich hält?

Was?

Der Vers da – es ist wohl so ein altes Ritterlied:

So ist es gewesen von alters her
Und wird auch nicht anders werden:
Die Liebe, die zwingt mit ihrer Macht
Das stolzeste Weib auf Erden.

Glauben Sie wirklich, daß die Liebe so allmächtig ist, daß sie einen in die Knie zwingen kann – auch jetzt noch?

Ich stimme dafür, daß der alte Dichter recht hat.

Haben Sie das an sich selber erfahren? fragte Fanny spöttisch.

Nein!

Da können Sie es ja auch nicht wissen!

Nein – aber ich glaube es, mein gnädiges Fräulein!

Auch Fritz hatte sich jetzt erhoben, er gähnte und mahnte zum Aufbruch. Fanny und er verabschiedeten sich, aber als der Hauptmann Fanny in den Sattel heben wollte, besann sie sich, kehrte zu Kongsted zurück, gab ihm die Hand und sagte:

Sie dürfen mir nicht zürnen, Herr Kongsted, hören Sie! Ich habe Ihnen in allen Punkten widersprochen, und das werde ich auch in Zukunft wohl tun, aber es hat mir im Grunde sehr viel Freude gemacht, mich mit Ihnen zu unterhalten. Ich spreche ja eigentlich niemals mit jemand. Sie dürfen nicht böse sein.

Liebes, gnädiges Fräulein, ganz im Gegenteil! erwiderte Kongsted in einem ganz andern Ton, als in dem er bisher gesprochen hatte. Nie könnte ich mir wohl herausnehmen, Ihnen zu zürnen! – Sie haben sich eine moderne Lebensanschauung angeschafft, die Sie fix und fertig bekommen haben, wie man fertige Kleider kaufen kann. Dann haben Sie die Lebensanschauung angezogen, aber es geht damit, wie es so häufig mit den fertiggekauften Kleidern geht, ganz paßt sie Ihnen doch nicht!

Jetzt sind Sie unartig, sagte Fanny, indem sie errötete. Und dann ritt sie mit Fritz von dannen. Kongsted und der Hauptmann standen vor dem Hause und schauten dem Paare nach. Er macht sich nicht neben der Schwester! sagte Kongsted.

Ach nein, aber warten Sie, bis Sie sie neben Graf Christian sehen, das wird ein Paar zu Pferde!

Soll Fräulein von Höibro wirklich den Grafen haben?

Natürlich soll sie ihn haben!

Nach einer Weile verabschiedete sich auch Kongsted.

* * *

Es ist acht Uhr geworden – es ist schon weiter, es ist schon halb neun, es ist spät am Vormittage, und doch sitzt Onkel Heinrich noch immer in Hjortholm zu Hause, ohne an seinen Morgenspaziergang zu denken.

Es ist etwas geschehen.

Vor zwei Stunden ist er bleich und verstört von seinem Zimmer herabgekommen, ohne sein Zuckerwasser vorher getrunken zu haben, und hat wie ein geängstigtes Kind sogleich Tante Rosa aufgesucht, ihr gebeichtet, ihre Hand in die seine genommen und bei ihr Trost und Aufklärung gesucht. Und noch immer sitzt er neben ihr – Fanny ist eben herzugekommen –, und zum zwanzigstenmal wiederholt er seinen Bericht über die Ereignisse der Nacht.

Sie war es! sagte er. Es war die graue Dame! Ich hörte sie die Turmtreppe herabkommen – das heißt, ich hörte sie nicht, aber ich konnte es an mir merken, daß sie kam. Und sie öffnete die Tür zu meinem Zimmer, und sie kam herein – ach, und sie war so grau – das Gesicht und die Hände waren auch grau –, und obwohl es ganz dunkel war, konnte ich sie deutlich sehen.

Du hast geträumt, erwiderte Tante Rosa.

Aber doch, selbst wenn es nur im Schlafe war, ich habe sie gesehen, das muß doch etwas bedeuten, denn ich habe sie sonst noch niemals gesehen. Wem von uns gilt es? Denn einer von uns muß es doch sein.

Unsinn! Denk' jetzt nicht mehr an deine Geschichte, du machst Fanny ja ganz bange.

Fanny aber, die mit wachsender Aufmerksamkeit Onkel Heinrichs Worten gelauscht hatte, beeilte sich, zu erwidern:

Bange! – Weshalb sollte man davor bange werden! Mir würde es ein Trost sein, eine unendliche Beruhigung, wenn wirklich eine Botschaft aus der unsichtbaren Welt bis zu mir gelangte, so daß ich Gewißheit erhielte, daß es eine gibt. Und ich kann auch wirklich nicht begreifen, weshalb diese Botschaft einen Tod verkünden soll. Ich könnte mir weit eher denken, daß einer der Toten, einer unserer nächsten Angehörigen zu uns käme, wenn Gefahr im Anzüge wäre, um zu helfen, um zu raten, um zu warnen – ach, wie sicher müßte man sich fühlen, wenn man wüßte, daß es ein Wesen gibt, das uns schützt.

Onkel Heinrich verstand Fanny eigentlich nicht, aber er fühlte sich doch getröstet, nickte ihr anerkennend zu und sagte:

Darin kann etwas sein! Wem sollte die Warnung denn auch gelten – wir sind ja, gottlob, alle drei gesund, und Fritz –

Wo ist Fritz? rief Fanny plötzlich angsterfüllt.

Der ist heute morgen schon früh ausgeritten, erwiderte Tante Rosa. Dem fehlt nichts.

Ach, mir wurde so angst ums Herz!

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