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Wildmoorprinzeß

Sophus Bauditz: Wildmoorprinzeß - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorSophus Bauditz
titleWildmoorprinzeß
publisherFr. Wilh. Grunow
printrunDreizehntes bis sechzehntes Tausend
year1924
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080418
projectid35c56956
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15

Jetzt sind es nur noch zwei Tage, bis Fritz kommt! – Morgen haben wir den lieben Bruder hier! – Denk' nur, heute nachmittag ist er zu Hause! So lautet der Refrain von Fannys Reden, und an dem großen Tage ist sie früh auf gewesen, um überall Blumen zu pflücken, und vor und nach dem Frühstück bringt sie ganze Arme voll mit nach Hause. Alte Vasen und Pokale, die so lange in Schränken und auf Borten gestanden haben, daß sie ganz vergessen haben, wie es tut, hervorgenommen zu werden, kommen plötzlich zu Ehren und Würden und werden mit prachtvollen Blumen gefüllt, mit Astern, Disteln, Sonnenblumen, Ebereschenzweigen und gelblichem Schilf. Schließlich sind überall Blumen, in den Zimmern und auf den Vorplätzen, am meisten natürlich oben in der Stube des lieben Bruders, in der alle die schönsten Möbel, die neuesten Teppiche und die besten Kupferstiche angebracht worden sind. Fanny fährt auf und nieder, warm und fieberhaft, als erwarte sie einen Geliebten; wenn sie Tante Rosa begegnet, faßt sie sie um die Taille, dreht sie rundherum und küßt sie und wirft ihr im Vorübergehen ein: Ach, du liebe, alte Tante Rosa! oder: Nein, wie glücklich ich bin! zu.

Die Gänge im Park, die dem Schloß zunächst liegen, sind geschruppt und geharkt. Anders hat die Braunen gestriegelt, als wären sie noch niemals gestriegelt worden, Mamsell Nielsen hat drei Viertelstunden an ihrer neuen Haube getollt, und Onkel Heinrich hat sich rasiert, obwohl es eigentlich nicht der Rasiertag ist. Es ist sehr wohl zu merken, daß man den jungen Herrn im Schloß erwartet, und auch andre scheinen ihn zu erwarten: in den letzten Tagen hat die Post eine Menge Briefe für ihn gebracht; sonderbar geschäftsmäßig sehen sie alle aus.

Um drei Uhr fährt der Wagen nach der Station, die Stunden kriechen langsam dahin, Fanny kann die Wartezeit kaum ertragen. Sobald der liebe Bruder auf dem Gipfel des Igumer Hügels angelangt ist, kann er Hjortholm sehen, und in demselben Augenblick soll die Flagge gehißt werden, das hat sie schon seit langer Zeit bestimmt. Und die alte Flagge liegt draußen im Garten auf dem großen Rasenplatze bereit, und Fanny selber steht oben in der Bodenluke nach Süden zu und späht mit pochendem Herzen nach Igum hinüber. Endlich, endlich erblickt sie einen Wagen – ja, das sind die Braunen! –, und sie stürzt die Treppe hinunter, in den Garten hinaus und zieht selbst die Flagge auf. Aber die Schnur ist alt und mürbe, die Flagge erreicht nur die halbe Höhe der Stange, dann reißt die Schnur, und die Flagge fällt.

Eine gute Viertelstunde später rasselt der Wagen durch das Tor, nun kommt er wieder heraus. – Aber was ist denn das? Er ist ja leer! – Nein, Fritz sitzt in der einen Ecke des Fonds, aber er füllt den großen Wagen nur so wenig aus, deswegen scheint es, als sei er leer. Der Kutscher Niels knallt mit der Peitsche und schwenkt flott dicht an das Portal heran – endlich ist er daheim, der teure Bruder! Und Fanny stürzt an den Wagen und reißt die Tür auf und schlingt die Arme um Fritz und drückt und küßt ihn, so daß er fast vergeht.

Mein Gott, wie klein er ist! Ist er während der beiden letzten Jahre kleiner geworden? Die Wangen sind hohl, die Augen dunkel umrandet, und der dünne, gedrehte Bart verschwindet unter der krummen Nase, die viel zu groß für das Gesicht ist. Etwas, das einem Lächeln ähneln soll, gleitet über seine schlaffen Züge, als er guten Tag sagt, aber sein Gang ist müde und angestrengt, und seine magere, feuchte Hand ist kalt – doppelt bleich wird sie durch den blauen Türkis in dem viel zu weit gewordnen Ringe.

Mein teurer, lieber Fritz! Du bist doch nicht krank? ruft Fanny aus.

Nein, mein liebes Kind, nur ein wenig müde nach der Reise! antwortet er, aber die Stimme klingt heiser und gebrochen, und er räuspert sich mit kurzem, trocknem Ton wie ein alter Mann, der hustet.

Er reicht Tante Rosa die Hand, meidet aber ihren Blick, und dann kommt die Reihe an Onkel Heinrich, der den Neffen auf beide Wangen küßt und so gerührt über das Wiedersehen ist, daß ihm die Tränen von den Wangen herablaufen.

Fritz geht auf sein Zimmer hinauf, aber zehn Minuten später klopft es bei ihm, und Fanny fragt, ob sie hereinkommen darf. Bitte, mein Kind, aber was willst du denn? antwortet Fritz.

Was ich will? Ach, du weißt nicht, wie ich mich nach dir gesehnt habe. – Sieh doch einmal dein Zimmer an, ist es nicht fein? Das hab' ich für dich eingerichtet. Und dann sollst du mit mir durch den Garten gehen, an den See hinab und zu den Nonnenhügeln hinübersehen und an das Wildmoor denken wie in alten Zeiten – hast du dich nicht auch schrecklich nach Hjortholm und uns allen gesehnt?

Ja, natürlich hab' ich mich gesehnt, aber –

Ja, du kannst es wohl aushalten, du lebst mitten in der großen, bewegten Welt, du hast teil an den Strömungen der Zeit, du hast alle deine begabten Freunde.

Freunde? Ich hab' keine Freunde!

Nun ja, man darf mit dem Wort »Freunde« wohl nicht so um sich werfen, aber du hast doch deinen ganzen interessanten Verkehr, die Männer der Zeit, alle die genialen Jungen, die die Zukunft in sich tragen.

Ach so, du meinst die Literaten und Künstler, von denen ich geschrieben habe – ach ja, die Boheme ist jedenfalls amüsanter als die Aristokratie, aber die Bande, die du meinst, zu Freunden zu haben, das möchte ich mir denn doch verbitten, man ist bon camarade mit ihnen, duzt sich auch zur Not, aber darüber hinaus – nein!

* * *

Fanny geht mit Fritz durch den Garten. Tante Rosa sieht ihnen nach, schüttelt den Kopf und sagt unwillkürlich halblaut vor sich hin: Großer Gott, alle bekomme ich sie als Wrack wieder: Heinrich, den Hauptmann und nun Fritz auch noch! Aber der Hauptmann hat sich wieder aufgerichtet, das tut der Junge da nicht!

Sieh, wie herrlich die alte Eiche ist, sagt Fanny. Kannst du dir wohl denken, daß man für sie Geld geboten hat, viel Geld glaube ich, aber Tante Rosa wies das Angebot entrüstet von sich.

Weshalb denn nur?

Aber Fritz! Könntest du dir den Park ohne die alte Eiche vorstellen? Das ist ja ebenso unmöglich, als sich Hjortholm ohne das Wildmoor zu denken.

Ach ja, aber Geld ist eine angenehme Sache, mein liebes Kind; du solltest wohl nicht gerade –

Geld haben?

Ja!

Nein, wo sollte ich das wohl her haben – ich habe ja niemals Geld! Und Fanny lacht und lacht, daß es in die Krone der Eiche hinaufschallt.

Du hast ja dein kleines Diamantkreuz gar nicht zu Ehren meiner Heimkehr umgebunden! sagt Fritz nach einer Weile unten am See. Es ist doch nicht –

Die Nadel ist abgebrochen, antwortet Fanny.

Ach so! – Dann gib du es mir, ich will es in die Stadt schicken und wieder zurechtmachen lassen.

Abermals gehen sie eine Weile schweigend weiter, dann schiebt Fanny ihren Arm in den des Bruders, lehnt sich an ihn, schaut ihm treuherzig und vertraulich in die Augen und fragt dann unbefangen, wie nur ein Kind fragen kann: Sag' mal, Fritz, hast du eine Geliebte?

Fritz aber reißt seinen Arm an sich, sieht sie so erstaunt, wie es ihm nur möglich ist, an und antwortet in vornehmem, väterlichem Tone: So etwas, das ist etwas, was in Büchern vorkommt – von so etwas spricht aber eine junge Dame jedenfalls nicht. Darf ich dich darauf aufmerksam machen, daß du in erster Linie eine Dame bist, mein liebes Kind! Ich wünsche nicht, daß meine Schwester ein Reformweib ist.

Aber mein Gott, Fritz – ich glaubte –

Ja, das mag sein, aber dann mußt du deinen Glauben wieder ändern.

Fritz geht nach dem Schloß zurück, und Fanny folgt ihm wie ein Hund, der Schelte bekommen hat.

Die Septembersonne hatte sich schon längst über den Nonnenhügeln erhoben und das Hjortholmer Dach beschienen, als Fanny zum viertenmal das Ohr an die Tür zu des Bruders Zimmer legte und lauschte – ja, er schlief noch immer. Aber nun sollte es ein Ende haben, sie klopfte an. Keine Antwort. Dann öffnete sie die Tür und ging hinein. Fritz schlief mit offnem Munde und schlaff herabhängenden Armen; das Gesicht war noch bleicher und starrer als am vorhergehenden Tage – er sah förmlich unheimlich leblos aus.

Fritz! Fritz! rief sie. Und langsam kehrte der Bruder in die Welt des Bewußtseins zurück, wandte den Kopf nach ihr um und sagte ihr mit Anstrengung guten Morgen. Dann trank er Kaffee, während Fanny neben seinem Bett saß, und allmählich wachte er auf.

Was ist das? fragte er und griff nach einem Blatt, das auf dem Teebrett lag.

Die letzte Nummer des Faublas, die Post hat sie heute morgen gebracht.

Wie zum Teufel kommt denn das Blatt hierher?

Ich halte es ja.

Du! rief Fritz und richtete sich halb im Bett auf. Bist du verrückt, mein Kind?

Aber, mein Gott, Fritz, deine eignen Freunde sind ja doch –

Freunde – verschone mich, bitte, damit! – Der Faublas ist ein ordinäres Blatt. Ich kann es lesen, mir tut es nichts, aber meine Schwester – nein! Meinst du, daß die, die es schreiben, ihre Schwester darin lesen lassen? Nein, das ist genau so wie mit Trommeln und Trompeten und dergleichen Spielzeug, das schenkt man nur andrer Leute Kindern!

Aber Fritz, ich glaubte, es sei deine Überzeugung –

Überzeugung? Ich habe weder Zeit noch Geld, mir eine Überzeugung zu halten – danach sind die Verhältnisse auf dem Lande heutzutage nicht! Aber du bist eine Dame, und du hast einen Namen, das darfst du niemals außer acht lassen. Und Damen dürfen in nichts modern sein als in ihrer Toilette; sie müssen weiblich und unschuldig sein und an Gott, König und Vaterland glauben – ja, das müssen sie! Sie müssen auch auf Religion halten – bis zu einem gewissen Grade natürlich – und hin und wieder mit dem Gesangbuch auf dem Schoß zur Kirche fahren. Du solltest nur die vornehmen Pariserinnen sehen – und die sind doch, weiß Gott, mondaine genug –, die gehen alle des Vormittags in die Madeleine zur Messe, und am Abend trifft man sie trotzdem – nun gleichviel, sprechen wir nicht mehr darüber! – Was macht ihr denn hier eigentlich? Lebt die alte Christine – mein Kindermädchen – noch? Also, die lebt noch – das ist im Grunde die einzige, die sich noch etwas aus mir macht – ja, du natürlich auch, mein liebes Kind, das weiß ich! – Und Onkel Hauptmann, der alte Knopf, ist der noch immer ebenso kindisch? Schießen tut er übrigens brillant, das muß man ihm lassen. – Also der Graf war neulich hier – aber Graf Christian war nicht mit dabei? Idiot, Misthaufengraf! Ein netter Vertreter der Aristokratie! – Was ist das eigentlich für ein Ingenieur, der hierhergekommen ist? – Ach so, Kongsted! Den habe ich, glaub' ich, ein- oder zweimal getroffen – man kommt ja mit allen möglichen Leuten zusammen. Ein eingebildeter Patron, wie die ganze Familie – einzig und allein darauf eingebildet, daß er sich hat entschließen können, etwas zu lernen! – Habt ihr Bro kürzlich gesehen? Nicht! Hat er nicht nach mir gefragt? Ja, ihr habt alle so viel gegen ihn, aber er ist eigentlich ein ganz netter Kerl, wenn man ihn nur zu nehmen weiß – und das verstehe ich! Du sollst sehen, er wird dir auch ganz gut gefallen, wenn du nur nicht so abstoßend gegen ihn bist – aber das bist du natürlich, denn das lernst du von Tante Rosa! Nun, man muß wohl allmählich sehen, daß man in die Kleider kommt, obwohl Gott wissen mag, wozu man eigentlich aufsteht. Geh jetzt, mein liebes Kind!

Im Verlauf einer Stunde beendete Fritz seine Toilette, und in der dann folgenden halben Stunde lag er in seinem geöffneten Fenster und vertrieb sich die Zeit damit, daß er nach den Futternäpfen der Puten spie, ohne daß es ihm doch gelungen wäre, öfter als einmal eins zu treffen. Dann kehrte Onkel Heinrich von seinem Morgenspaziergange heim und ging zu seinem Neffen hinauf.

Ach, bist du's! fragte Fritz. Was wollen wir beide denn anfangen?

Ich hab' von jetzt bis zum Frühstück frei, erwiderte Onkel Heinrich. Es ist noch eine gute Stunde bis dahin.

Das ist ja angenehm – ich habe zufällig auch gerade frei! Wollen wir ein bißchen spielen, wie? Aber du kennst wohl weder Bassette noch Mis? Und du hast wohl auch kein Kleingeld bei dir? – So, Tante Rosa erlaubt dir überhaupt nicht, um Geld zu spielen? Ja, dann müssen wir uns ja einrichten, so gut es geht. Wollen wir »Kopf oder Zahl« spielen – das mußt du doch begreifen können! Hast du nicht so ein paar alte Schaumünzen? Mir ist, als hätte ich so ein paar Dinger bei dir gesehen. Damit kann man gut werfen.

Ja, ich habe eine große, große Silbermünze mit einem Reiter darauf, und dann hab' ich die goldne Medaille, du weißt ja!

Tod und Teufel, Onkel Heinrich, hast du eine goldne Medaille? Ja, die hol' mal her!

Onkel Heinrich holte der Sicherheit halber sowohl die Silbermünze mit dem Reiter als auch die goldne Medaille, und dann konnte das Spiel beginnen.

Wir spielen um Streichhölzer, sagte Fritz. Jedes Streichholz gilt zehn Kronen, und dann spielen wir immer quitt oder doppelt, das ist das nobelste – du fängst an, Onkel Heinrich!

Nein, ich kann nicht, erklärte der Alte. Rosa hat es mir verboten.

Aber mein Gott, Onkel Heinrich, wir tun nur so, als spielten wir um etwas!

Nun ja, dann macht es wohl nichts. Aber Rosa hat mir streng verboten, um irgend etwas zu spielen und irgend etwas andres zu unterschreiben als meine eignen Briefe.

Also, das hat sie dir verboten? Ja, das ist äußerst vernünftig, das hätte sie mir nur auch verbieten sollen! Bitte, die Reihe ist an dir!

Und so eifrig wurden sie schließlich beide, daß sie es gar nicht hörten, als die Turmuhr elf schlug, und Tante Rosa mußte kommen und sie holen.

Fritz hat sich wirklich sehr zu seinem Vorteil entwickelt, sagte Onkel Heinrich leise zu seiner Schwester, während sie hinter dem Neffen her herabgingen.

Findest du? erwiderte sie.

Ja, er ist so aufmerksam, und er hat mich ein interessantes Spiel gelehrt, höchst interessant! Es ist sehr leicht zu verstehen, aber die Berechnung ist ziemlich verwickelt, das sind ja übrigens Berechnungen immer. – Fritz, du hast ganz vergessen, mir meine goldne Medaille wiederzugeben, mein Junge!

Hab' ich dir die nicht wiedergegeben, Onkel Heinrich? Nein, verzeih', ich habe sie noch. Da ist sie!

Und dann frühstückten sie.

Was gibt's heute mittag? fragte Fritz.

Kalbsbraten und rote Grütze.

Hu! Soll das eine Anspielung sein?

Die rote Grütze?

Nein, der Kalbsbraten, du weißt ja die Geschichte von dem verlornen Sohn!

Pfui, Fritz! rief Fanny.

Nun, nun, du wirst doch wohl einen kleinen Scherz verstehen, mein liebes Kind! Und dann küßte Fritz Fanny mit den Spitzen seiner Lippen auf die Stirn, und Fanny schaute ihm dankbar in die Augen.

Nach Tische wollte Fritz einen Spazierritt machen. Fanny wäre gern mitgeritten, aber er redete es ihr aus: er wollte überall hin und alle die alten, lieben Stätten aufsuchen, das würde ein anstrengender Ritt, viel zu anstrengend für sie. Und so blieb sie denn zu Hause, begnügte sich damit, in der Tür zu stehen, als er zu Pferde stieg, und ihm sehnsüchtig nachzuschauen, als er davonritt.

Zur Dämmerstunde kam er zurück, sonderbar nervös. Zwei- oder dreimal machte er einen Anlauf, als wollte er Tante Rosa etwas sagen, aber es blieb bei dem Anlauf.

Wo bist du denn gewesen, mein Junge? fragte Onkel Heinrich.

Bei meiner alten Christine.

Und wo denn sonst noch?

Ach, überall herum.

Bist du niemand begegnet?

Nein! Ja, natürlich bin ich einigen Menschen begegnet, aber niemand von Interesse.

Und dann erstarb die Unterhaltung: plötzlich aber war es, als fasse Fritz einen kräftigen Entschluß, er erhob sich und sagte: Tante Rosa, ich möchte gern ein Wort mit dir reden.

Unter vier Augen?

Ja!

Gute Nacht, Heinrich! Gute Nacht, Fanny! sagte Tante Rosa kurz und bestimmt, und so stark war die Disziplin noch auf Hjortholm, daß sich beide augenblicklich erhoben, gute Nacht sagten und gingen.

Nun? sagte Tante Rosa, als sie und Fritz allein waren. Fange nur an!

Ja, siehst du, Tante Rosa, es ist eigentlich gar nicht so leicht, anzufangen. Du kannst dir ja denken, daß ich viel über die Lage der Dinge nachgedacht habe, denn so, wie die Sachen jetzt stehen, sieht es nicht gut aus.

Nein – verteufelt schlecht!

Du bist immer gleich so drastisch in deinen Ausdrücken! Aber ich gebe zu, daß etwas geschehen muß.

Was willst du denn tun?

Ich? – Nichts, denn ich kann nichts tun! Aber man denkt doch auch nicht immer zuerst an sich selbst.

Nicht?

Nein, gottlob nicht! – Ich habe viel an Fannys Zukunft gedacht.

So! Was soll denn die tun?

Sie soll eine gute Partie machen.

Ja – hoffentlich.

Es freut mich, daß wir darin einig sind.

Ja, solange es währt.

Siehst du, Tante Rosa, die Zeiten ändern sich. Ich weiß sehr wohl, daß eine Ehe mit einem, der ihr nicht gleich geboren ist, in deinen Augen unmöglich erscheint, aber die Zeiten und Anschauungen und so weiter – nein, unterbrich mich, bitte, nicht, Tante Rosa! Ich will zugeben, daß ich, der ich ein Mann und der Letzte des Geschlechts bin, daß ich mich nicht gut anders als mit einem alten Namen verheiraten könnte, aber, siehst du, mit Fanny ist es etwas ganz andres. Wenn die sich mal verheiratet, heißt sie ja doch nicht mehr Höibro, wie? Nun, ob sie dann so oder so heißt, das hat doch im Grunde nicht viel zu sagen. Worauf es ankommt, ist doch in erster Linie, daß sie einen Mann bekommt, der mir und Hjortholm und uns allen eine Stütze sein kann, und mit dem ihr selber gedient sein kann, natürlich! Nicht wahr? Nun, und einen solchen Mann habe ich – noch dazu einen, der sie geradezu liebt – leidenschaftlich, sage ich dir! – der sie immer geliebt hat!

Und der wäre?

Ja, nun mußt du mir versprechen, nicht wie eine Rakete in die Höhe zu fahren, Tante Rosa. Ich weiß sehr wohl, daß du ihn nicht leiden kannst, aber vielleicht ist der Fehler auf deiner Seite, denn er ist wirklich sehr tüchtig. Ich hab' ihn immer gern gehabt, und er hat mir allerlei Dienste erwiesen – in ganz uneigennütziger Weise! – Nein, sieh mich nicht so an, Tante Rosa, dann kann ich dir nicht sagen, wer er ist!

Das brauchst du auch gar nicht, erwiderte Tante Rosa tonlos, es ist Bro!

Also, du hast es erraten! sagte Fritz, augenscheinlich erleichtert. Ja, er hat mir schon früher davon geschrieben – mehrmals sogar! –, und nun, heute nachmittag, als ich bei ihm war, hat er mich sehr eindringlich gebeten, mit dir zu reden.

Hat er sich unterstanden?

Ja, er hat Fanny gegenüber neulich auch schon darauf angespielt.

Hat er denn mit ihr gesprochen?

Ja, er traf sie zufällig da unten im Park bei dem alten Pavillon, aber Fanny hat weder ja noch nein gesagt, soweit ich verstehen kann. – Rege dich nun, bitte, nicht darüber auf, Tante Rosa, du weißt, wir schulden ihm viel – auf verschiedene Weise –; und ich bin, weiß Gott, bange, daß er, wenn wir nicht –

Weißt du, wer Bro ist? fragte Tante Rosa und erhob sich.

Wer er ist? Nun ja – seine Mutter ist ja –

Dann muß ich es dir sagen, so schwer es mir wird. – Er ist meines Vaters Sohn!

Dein Bruder!

Ja – gewissermaßen. Anne Steffens ist seine Mutter. Jetzt ist sie alt und grau – ich habe sie übrigens seit vielen Jahren nicht gesehen –, aber einstmals war sie jung und was die Männer schön nennen. Bro ist dein und Fannys Halbonkel.

Den Teufel auch! sagte Fritz. Hat mein Großvater in seinen alten Tagen wirklich so viel Glück gehabt?

Schäm' dich. Junge! rief Tante Rosa wutschnaubend und gab Fritz eine Ohrfeige, daß er beinahe hintenübergefallen wäre. Wagst du es, mit der Schande meines Vaters Spott zu treiben? Bisher hab' ich alles darangesetzt, sie zu verdecken.

Nun, nun, nichts für ungut, Tante Rosa, sagte Fritz ganz demütig. Aber weil du – und wir – so gewissermaßen – ganz entfernt – mit Bro verwandt sind, deswegen kann doch Fanny immerhin – die Ehe ist ja weder nach Mosis Gesetz noch Johannis Offenbarung verboten!

Wie kannst du nur so leichtfertige Reden führen! Bist du denn blind? Hast du denn nicht gesehen, wie ich all die Jahre unter diesem Menschen gelitten habe, ohne ihn von mir abschütteln zu können? Mein seliger Vater wollte für das Kind sorgen, das war wohl recht von ihm; Bro kam in die Schreiberstube, er machte sein Examen und wurde schließlich Gutsverwalter. Nie aber hat er es dem armen Heinrich und mir verziehen, daß wir legitim waren und er nicht. Der Haß und die Mißgunst des Bastards hat jeden seiner Schritte gelenkt, systematisch hat er uns zugrunde gerichtet, um selber obenauf zu kommen, und du hast den Rest dazu beigetragen – nein, unterbrich mich nicht! Und nun hat er – alles ganz planmäßig – dich in seine Netze gezogen – leugne es nicht: du schuldest ihm Geld! – Hjortholm will er haben, und Fanny will er haben – das ist der Schlußstein seines Werkes! – Aber das soll nicht geschehen! Und wenn du es versuchst, Fanny auch nur mit einem Wort zu beeinflussen, so gnade dir Gott, Junge, dann drehe ich dir den Hals um!

Nun, nun – ich habe den Vorschlag ja in der allerbesten Absicht gemacht! Ich wußte ja auch nicht – hm ja, dann müssen wir uns nach einer andern Partie für Fanny umsehen. Gute Nacht, Tante Rosa!

Und Fritz schlich davon, als sei er auf einem Diebstahl ertappt. Sobald er aber zur Tür hinaus war, brach Tante Rosa zusammen, die Arme sanken auf den Tisch, der Kopf auf die Arme, und sie schluchzte wie ein Kind.

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