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Wildmoorprinzeß

Sophus Bauditz: Wildmoorprinzeß - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorSophus Bauditz
titleWildmoorprinzeß
publisherFr. Wilh. Grunow
printrunDreizehntes bis sechzehntes Tausend
year1924
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080418
projectid35c56956
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14

Dann kommt die Ernte, die geschäftige, fröhliche Zeit der Hoffnungen und Enttäuschungen. Alle haben genug zu tun, alle, mit Ausnahme des Doktors, des Pfarrers und den Küsters. Der Doktor kann gern verreisen, niemand hat Zeit, krank zu sein, und der Pfarrer kann gern mitreisen, denn in die Kirche kommt doch niemand. Die Schule steht leer, und der Schulmeister geht in weißem, leinenem Rock und mit langer Pfeife zwischen seinen Bienenstöcken umher: hin und wieder bekommt er einmal einen Nachmittagsbesuch von einem seiner Kollegen, die jetzt ebenfalls Ferien haben, und dann reden sie in mildem, nachsichtigem Ton über ihren Propst.

An einem frühen Morgen in der Erntezeit hat Tante Rosa ihre erste Runde beendet. Der Verwalter hat einen gehörigen Wischer besehen, weil die eine Miete so schlecht gesetzt ist, daß sie mit Wiesbäumen hat gestützt werden müssen; zwei Schwedenknechte, die vor der Futterscheune Streit angefangen haben, kriegen ein Donnerwetter an den Hals, daß man es bis in die Küche hinein hören kann, und ein Mädchen, das seinen Milcheimer nicht ordentlich gescheuert hat und noch obendrein kurz angebunden ist und Widerreden hat, bekommt eine Ohrfeige, daß sie die Sonne tanzen sieht und gern glauben kann, daß es Pfingstmorgen ist.

Dann nimmt das alte Fräulein ihren Strickstrumpf, und mit einem Schutzhut von der Größe eines Regenschirms geht sie an den See hinab, fleißig strickend, biegt nach links ab und geht weiter, bis sie über einen Steg in den »Hain« hineingelangt.

Der Pfad ist zugewachsen, es kommt fast niemals jemand hierher. Schließlich steht sie zwischen einer Gruppe weißbärtiger, kränkelnder Tannen still, die einen baufälligen runden Pavillon mit zugenagelter Tür und zerbrochenen Fenstern beschatten. Die Ölfarbe ist abgeblättert, die Tapeten drinnen hängen in Fetzen herab; ein paar Stühle, ein Tisch und ein Kanapee mit Spuren von Vergoldung und vermodertem, seidnem Bezug liegen übereinandergestapelt, eingeschlossene, dumpfe Luft schlägt einem entgegen, und große rote Ameisen wandern in Reih und Glied die morschen Dielenbretter entlang – das ist »der alte Pavillon«.

Es ist lange, lange her, seit Tante Rosa hier gewesen ist, und so vertieft in Gedanken ist sie, daß sie nicht hört, wie sich Fußtritte nähern, bis plötzlich Fanny vor ihr steht im rosa Morgenkleid mit lindengrünen Bändern. Sie kommt eben aus dem Bad, und das dunkelbraune Haar hängt ihr feucht über die Schultern herab. In der Hand trägt sie einen kleinen Strauß aus Gräsern und Farnen, ein Knäuel Kletten hat sich an den Saum ihres Kleides gesetzt – über ihrer ganzen Erscheinung liegt ein Duft von Morgenfrische, von kühlen Wassern und Waldesschatten.

Tante Rosa zuckt unwillkürlich zusammen und will den Rückweg nach dem Schlosse einschlagen, Fanny aber stellt sich ihr in den Weg, schlingt den einen Arm um ihre Taille und küßt sie ein-, zwei-, dreimal.

Wie habe ich dich gesucht, Tante Rosa! sagt sie. Und hier glaubte ich dich am allerwenigsten zu treffen. – Du kannst ja den alten Pavillon nicht leiden? Ich liebe ihn im Grunde so sehr – es ist mir immer, als habe er etwas zu erzählen, ich weiß nur nicht, was es ist!

Komm jetzt, Kind, laß uns hinaufgehen – Onkel Heinrich ist gewiß schon gekommen.

Ach, der kann warten – ich muß mit dir reden! Mamsell Jensen sagt, sie habe die graue Dame oben auf dem Gang vor der Rumpelkammer gesehen, und das bedeute einen Todesfall in der Familie – glaubst du, daß ich es bin? Ich möchte nicht gern sterben! – Ich glaube übrigens nicht an die graue Dame, ganz und gar nicht – das überlasse ich Onkel Heinrich! – Und doch fürchte ich mich vor ihr, Tante Rosa, ist das nicht sonderbar? Onkel Heinrich sagt, sie sei einstmals eingemauert worden, aber weshalb geschah das?

Wenn das geschah, so hat es wohl seinen Grund darin gehabt, daß sie sich nicht so aufführte, wie sie sollte, antwortete Tante Rosa und machte einen Versuch, sich zu erheben, Fanny aber hält sie zurück und sagt:

Weißt du, was ich manchmal glaube, Tante Rosa? Ich glaube, ihr habt die Mutter eingemauert – sie dort in den Pavillon eingesperrt und die Tür zugenagelt.

Tante Rosa wird leichenblaß und erhebt sich, aber es währt einige Sekunden, bis sie erwidert: Wie kannst du nur so reden, Kind? Deine Mutter starb in Nizza und liegt dort begraben – das weißt du ja!

Ja, das weiß ich – und dort starb auch der Bruder des Grafen, das hab' ich neulich gehört, und der soll die Mutter dort getroffen haben. Ich glaube natürlich selber nicht, was ich sagte – ich denke es mir nur so –, aber weshalb darf denn der Pavillon niemals geöffnet werden?

Dein Vater ließ die Tür zunageln, Fanny – es sind wohl Erinnerungen dagewesen, die er hat einschließen wollen!

Erinnerungen? An meine Mutter, an meine arme, schöne Mutter? – Von den Erinnerungen schließt ihr mich alle aus, und ich wage auch nicht einmal, danach zu fragen.

Jetzt muß ich aber gehen, erklärt Tante Rosa und geht; Fanny folgt ihr.

Was für einen hübschen, kleinen Strauß du gepflückt hast, sagt Tante Rosa, um die Unterhaltung wieder auf ein neutrales Gebiet zu leiten. Du hast einen eignen Griff, Feldblumen und Gräser geschmackvoll zu ordnen!

Findest du? – Ach ja, das mag sein, aber was hilft das: ich bin ja doch zu nichts nütze! Womit sollte ich wohl mein Brot verdienen! – Ja, vielleicht könnte ich Malern, Bildhauern Modell stehen – bekommt man dafür Geld?

Modell! ruft Tante Rosa und hält mit dem Stricken inne. Weißt du, in was für einem Kostüm man Modell steht?

Ja, das weiß ich, aber bin ich denn nicht schön genug dazu? Und im Interesse der Kunst muß man doch wohl ein Gefühl überwinden können, das nur ein Vorurteil ist – ich wenigstens könnte das!

Du, du, die du so unglücklich warst, als du zum erstenmal mit bloßem Hals und bloßen Armen auf Skovsgaard zu Ball solltest?

Ja, ich kann es nicht leiden, daß Kandidat Mathiesen mich anglotzt – und wenn nun gar Bro dagewesen wäre – hu! – Ich würde mich übrigens auch brillant zur Krankenpflegerin eignen – meinst du nicht auch? Es muß erheiternd auf einen Patienten wirken, mich um sich zu haben!

Ich glaube wirklich, du bist verrückt, Fanny!

Nein, das bin ich wirklich nicht. Aber du bist borniert, Tante Rosa, du bist altmodisch und korrekt und –

Bin ich korrekt! – Ja, das weiß Gott!

Natürlich bist du das! Und du bist eigensinnig – konservativ und legitim und all dergleichen. Aber ich habe gestern eine ungeheuer interessante Abhandlung im Faublas gelesen, wie die ganze Geschichte lehrt, daß in neun von zehn Fällen das illegitime Prinzip, die Übertretung der Ordnung die Genialität repräsentiert und die Welt vorwärts führt. Die Bastarde sind die Sieger, die Bastarde wollen vorwärts und –

Ja, die Bastarde wollen vorwärts! wiederholt Tante Rosa bitter. Darin hast du recht! Nur die Bastarde sind frech und tierisch in ihren Leidenschaften, Haß und Mißgunst leuchtet aus ihren Augen, verleiht allen ihren Handlungen das Gepräge.

Wohl möglich! – Ich kenne leider keine – ich weiß nichts, ich kann nichts – ich kann nicht einmal den Hacken in einen Strumpf stricken, Tante Rosa – nein, das kann ich wirklich nicht! Weshalb hast du mich das nicht gelehrt? Glaubst du nicht, daß meine Mutter es mich gelehrt haben würde, wenn sie gelebt hätte?

Nein, das glaube ich nicht!

Weshalb nicht?

Weil sie es selber nicht konnte.

Pause:– – – –

Jetzt waren sie am Schlosse angelangt und wollten frühstücken, aber das Unglaubliche geschah: die Uhr war elf, die Turmuhr hatte bereits geschlagen, aber Onkel Heinrich war nicht gekommen.

Dann geht die Uhr gewiß vor! sagte Tante Rosa sehr bestimmt. Wir müssen sie stellen lassen. Als sie aber nach ihrer Taschenuhr sah, stimmte diese genau mit der Turmuhr überein, und Tante Rosa wurde bedenklich. Es vergingen fünf Minuten, es vergingen zehn Minuten, da kam Onkel Heinrich endlich, verlegen, bedrückt wie ein Schuljunge, der sich verspätet hat.

Was für eine Unordnung ist das! schalt Tante Rosa. Fast eine Viertelstunde zu spät, und dann rühmst du dich noch deiner Präzision! – Du mußt dich wirklich schämen, Heinrich!

Ich habe einen Richtweg eingeschlagen! stammelte Onkel Heinrich.

Fürchte Gott und bleibe auf der Landstraße, ein Höibro schlägt keinen Richtweg ein, wozu sollen die Künste!

Ja, Rosa, ich will dir sagen, Ingenieur Kongsted hat mir einen kleinen Kompaß geschenkt, sieh nur einmal! Es ist eine höchst interessante Erfindung: wenn man nur dem kleinen, blauen Zeiger folgt und nach Norden will, so kann man durch Wald und Wiese immer geradeaus gehn und sich niemals irren, und das erspart viel Zeit. Aber ich wollte ja nach Westen, und daran dachte ich erst hinterher, und da mußte ich natürlich umwenden.

Du solltest keine Geschenke von einem Kongsted annehmen! brummte Tante Rosa. Geh du auf der Landstraße, so wie du es gewohnt bist, laß dich aber nicht darauf ein, nach einem Kompaß zu steuern!

Aber es ist doch eine sehr interessante Erfindung, wagte Onkel Heinrich zu bemerken, sehr interessant.

Und dann setzte man sich endlich an den Frühstückstisch.

Wem bist du heute begegnet, Onkel Heinrich? fragte Fanny.

Der Roten Post am Igumer Wege – sie kam sechs Minuten zu spät.

Und du eine Viertelstunde, bemerkte Tante Rosa.

Hast du sonst niemand gesehen, Onkel Heinrich?

Nein – ja, Anne Steffens sah ich durch den Tviser Wald gehen.

Auf das Schloß zu? fragte Tante Rosa unruhig.

Das weiß ich wirklich nicht!

Wenn sie doch nur einmal kommen wollte! rief Fanny aus. Ich hab' versprochen, sie nicht in ihrer Hütte am Wildmoor zu besuchen, wenn sie aber hierherkommt –

Daß du dich nicht unterstehst, dich mit dem Weibsbild einzulassen! rief Tante Rosa.

Warum nicht?

Weil sie nach jeder Richtung hin ein schlechtes Frauenzimmer ist, antwortete Tante Rosa ein wenig ruhiger. Versoffen und boshaft ist sie, und ihren eignen Mann hat sie erschlagen.

Ja, ist das aber auch wirklich wahr? fragte Fanny in neckendem Ton. Dann ist sie ja ungeheuer anziehend.

Tante Rosa trommelte mit der linken Hand auf dem Tisch, nahm eine Prise und fing an zu pfeifen – das war das sichere Zeichen, daß ein Sturm im Anzüge war. Diesmal aber verzog sich der Sturm, denn es fiel Tante Rosa plötzlich ein, daß weitere Verbote, wie überhaupt alles weitere Reden über diesen Gegenstand, wahrscheinlich nur Fannys Trotz erregen und ihre Neugier anstacheln würden, deswegen bezwang sie sich und schloß die Unterhaltung mit den Worten: Ich wünsche – aus verschiednen Gründen –, daß du niemals mit dem Frauenzimmer zusammenkommst. – Jetzt kannst du ja übrigens tun, was du willst!

Und damit war Fanny entwaffnet.

* * *

Fanny saß oben in ihrem Turmzimmer und las eifrig und ununterbrochen in einer neuen Nummer des Faublas, die eben gekommen war.

Ganz vorn im Blatte war das Bild und die Biographie eines ganz jungen und sicher berühmten Schriftstellers, dessen Namen sie sich aber nicht erinnerte, jemals gehört zu haben; dann kam eine Causerie in Form eines Pariser Briefs, die mit Sachkenntnis und pikantem Witz das Kokottenleben in Quartier Latin schilderte; sie entstammte »Jean Moulins« ebenso gewandter wie wahrscheinlich angesehener Feder, und man hatte die deutliche Empfindung, daß der Autor niemals etwas andres trank als Champagner – natürlich Pommery und Greno – und nicht gern anderswo dinierte als bei Champet und Ledoyen; so war es denn kein Wunder, daß sich Fanny etwas bedrückt fühlte bei dem Gedanken, daß ein so verwöhnter Herr als Gast nach Hjortholm kommen sollte.

Dann folgte ein wahrscheinlich symbolisches Gedicht, betitelt »Die himmelblaue Tulpe« und »Marcel« unterschrieben. Darauf eine schneidige Novellette, die von der Verführung einer Gänsemagd durch den Schafjungen handelte, sie hatte »Don Rosario« zum Verfasser.

Ein Leitartikel führte in anderthalb Spalten die Begriffe Religion und Moral gründlich und überzeugend in absurdum, während der dann folgende etwas kürzere Aufsatz die völlige Aszese und das Klosterleben als einzige Zuflucht der Menschheit lobpries.

Eine kunstphilosophische Abhandlung brach den Stab über das Nackte und behauptete, nur das Halbverschleierte, das Beunruhigende habe Anspruch auf wirkliche raison d' être. Diese Theorie schien aber einen bestimmten Gegner in dem Verfasser eines spätern Artikels zu haben, der in seiner eingehenden Besprechung einer Varietépremiere gerade der Primadonna vorwarf, daß sie – wie es in einer eleganten Wendung hieß – vor die schönsten Aussichtspunkte Gardinen gezogen habe.

Einige Kritiken, in denen »Don Rosario« eine Gedichtsammlung von »Marcel« lobte, während »Marcel« einen Roman von »Don Rosario« in alle Himmel erhob, beschlossen den eigentlichen Text, dann aber kamen unter der Überschrift »Erotica« die zahlreichen kleinen Annoncen, in denen junge Männer und Frauen ihr lebhaftes Interesse an der Kunst des Briefschreibens bewiesen, indem sie Gleichgesinnte zur Einleitung einer freisinnigen Korrespondenz aufforderten.

Es war dies ein selbst für den Faublas ungewöhnlich gewichtiger und reichhaltiger Text, und es erforderte Zeit, alles zu lesen. Die Luft war warm und drückend – Fanny ertappte sich plötzlich dabei, daß sie im Begriff war, mitten in den Beweisgründen für die Überlebtheit der Moral einzuschlafen. Sie legte das Blatt hin, erhob sich und ging in den Garten hinaus. Sie schritt weiter, ohne zu wissen wohin, und gelangte endlich auf einen grünbewachsenen Steig an den alten Pavillon.

Sie setzte sich auf die Moosbank, stand aber bald wieder auf – die großen, roten Ameisen waren gar zu zudringlich. Dann setzte sie sich auf die andre Seite hinüber, legte die Hände in den Schoß, beugte den Rücken, hob aber den Kopf empor und sah vor sich hin, ohne zu sehen. Da ertönten Stimmen unten vom See her, und sie kamen näher.

Sie wandte den Kopf und lauschte. Die eine Stimme kannte sie: es war die Bros. Mit ausgeprägt jütischem Dialekt, aber seminaristisch korrekt rief er: Was will Sie hier! Geh Sie Ihrer Wege! Die Schritte kamen näher, jetzt standen er und die Unbekannte jenseits des Pavillons.

Zu wem sagt er Sie? entgegnete eine grobe Stimme im reinsten Jütisch. Hast du deine Mutter vergessen, Söhnchen, dann wird es wohl die höchste Zeit, daß du sie mal wieder zu sehen bekommst! – Was ich will? Dich will ich sehen, du Wechselbalg, und dir an deinem Geburtstage Gottes Segen wünschen. Du wirst ja heute fünfzig Jahre alt! Ich sah, wie du hierherschlichst, da folgte ich dir. Ich will auch das alte Lusthaus einmal wiedersehen, so fein ist es freilich nicht mehr wie damals, als ich es zum erstenmal sah; da waren Polsterbänke und Stühle hier, und von der Decke hingen Lichter herab und der Teufel und seine Großmutter, aber der letzte Herr, der ließ die Türen zunageln, damals, als er hier seine –

Geh! sage ich dir, rief Bro drohend. Ich habe nichts mit dir zu reden, und wenn du dich nicht in acht nimmst, kann es wohl passieren, daß du zum zweitenmal ins Zuchthaus wanderst.

Ach nein, mein lieber Sohn, ich werde mich schon hüten. Mir kann keiner beweisen, daß ich den roten Hahn auf Mittel Svendsens Dach gesetzt habe. Und du solltest der letzte sein, der in die Welt hinausposaunt, daß deine alte Mutter des Königs Brot im Spinnhause gegessen hat.

Das war wohlverdienter Lohn – du hast deinen Mann erschlagen!

Ja, aber mein Mann war doch nicht dein Vater, was schert dich das? Und Steffen, der arme Kerl, hat es jetzt gut – er braucht nun nicht mehr als Flickglaser herumzulaufen mit seiner Kiste auf dem Buckel, in Kälte und Regen; es war zu seinem eignen Besten, als ich ihm mit dem Stein ein bißchen zu hart gegen die Stirn kam – und er hat auch zuerst geschlagen. Es war schlimm, ihn zu verlieren, und noch schlimmer, ihn zu haben. Aber was tatest du, kleiner Thomas? Du sorgtest dafür, daß deine Mutter hinter Schloß und Riegel kam, wo sie keine Heide und kein Moor sehen konnte!

Das sind ausgestunkne Lügen!

Ja, man sollt' es glauben! Aber du warst froh, daß du mich los warst, denn es paßte dir nicht, daß ich frei umherging. Du hattest wohl gedacht, ich sollte mein Leben lang in dem großen Haus in Viborg sitzenbleiben, nicht wahr, kleiner Thomas? Aber da hattest du dich doch geirrt, denn ich führte mich so gut auf, daß ich mich immer wieder da sehen lassen kann; und dann wurde ich an Königs Geburtstag begnadigt, und der Pfarrer sagte, ich sei ein Kind Gottes geworden. – Ja, du bist auch heilig, du Halunke! Na, laß das Alte jetzt begraben sein und gib mir einen Speziestaler für Branntwein; dann gieß' ich Steffen erst ein halbes Maß in sein Grab, und dann geh' ich nach dem Moor zurück und trink' dein Wohl heut abend. Und für dich beten will ich, du Scheusal, zu unserm Herrn Jesu im Himmelreich, Amen, und ich will sieben Donnerkeile dahinlegen, wo drei Felder aneinander grenzen – dann hast du Glück in deinem Vorhaben.

Ich habe nichts vor!

Nicht? Ich hab' doch neulich gehört, du hättest es auf ein verteufelt schönes, vornehmes Mädchen abgesehen, und du kriegst sie auch wohl, denn du hast ja die Macht, und den bösen Willen hast du auch. Wir sind ja auch noch so gewissermaßen verwandt mit ihr, wie? – Her mit dem Taler!

Man hörte Geräusch, als würde ein Portemonnaie geöffnet, dann ein Rasseln von Geldstücken. Darauf sagte die Weiberstimme: Gott bewahre deinen Eingang und deinen Ausgang, mein Sohn! Jetzt geht deine alte Mutter ins Wildmoor, und du kannst getrost nach Hjortholm gehen.

Scher' dich zur Hölle! entgegnete der liebevolle Sohn, und dann ging er.

Fanny, die sich sehr bald klar darüber geworden war, daß die, mit der Bro sprach, Anne Steffens sein müsse, hatte die Unterhaltung mit lebhaftem Interesse verfolgt; sobald aber Bro allein war, erhob sie sich und wollte, um nicht gesehen zu werden, rund um den Pavillon herumgehen, in der entgegengesetzten Richtung von der, die er ihrer Ansicht nach einschlagen würde. Aber sie hatte sich geirrt und lief gerade auf ihn zu.

Da stand er, der Gefürchtete, der, den sie alle – Tante Rosa, Onkel Heinrich und der Hauptmann und sie selber von ihrer frühesten Jugend an – wie die Pest scheuten, dessen eigentliche Macht sie aber niemals so recht begriffen hatte, und worüber sie nie hatte Aufklärung erhalten können. Da stand er im ehrbaren, langen Gehrock, mit der dicken goldnen Kette über der seidnen Weste, mit dem weißen Halstuch und dem grauen, weichen Filzhut auf dem blauschwarzen Haar. Die dunklen Augen, die immer weit vor ihm herschweiften, blitzten förmlich vor Bosheit, es bebte um den zusammengekniffenen lippenlosen Mund, und in der rechten Hand hielt er den Stock krampfhaft fest, als wolle er einen unsichtbaren Gegner niederschlagen. In demselben Augenblick aber, als er Fanny gewahrte, veränderte sich sein Aussehen vollständig, es war, als ob er eine Maske vom Gesicht nähme – oder eine Maske anlegte –, der Blick wurde sanft, ein Lächeln umspielte seinen Mund, er grüßte höflich, übertrieben höflich, und fragte unsicher forschend: Kommen das gnädige Fräulein von oben?

Ja, ich komme direkt vom Schloß, antwortete Fanny, ohne sich zu besinnen.

Nun ja, das dacht' ich mir wohl, sagte Bro sichtlich erleichtert. Dann haben gnädiges Fräulein wohl nicht gehört, wie ich eine unverschämte Person hier aus dem Wäldchen hinausjagen mußte? – Also nicht? – Ja, es war so ein altes Weib, das wahrscheinlich Obst stehlen wollte; ach ja, es gibt viel Schlechtigkeit hier in der Welt, und da ist vieles – vieles, was nicht so ist, wie es sein sollte. – Nein, Sie dürfen nicht gehen – ich habe schon lange den Wunsch gehabt, mit Ihnen zu reden, aber Sie wissen ja – Mißverständnisse und Verkanntsein – nun ja, das kann man ertragen, wenn man ein gutes Gewissen hat, und ich mache niemand Vorwürfe, aber nach Hjortholm darf ich jetzt nicht mehr kommen, und deswegen muß ich die Gelegenheit wahrnehmen, wenn sie sich mir bietet. – Ach ja, es steht ja nicht gut auf Hjortholm – nicht gut! Es sind schwierige Zeiten, und die pekuniären Verhältnisse – ja, das wissen Sie vielleicht nicht, aber ich weiß es – und das Studium und die Reisen Ihres lieben Bruders haben ja auch einen Haufen Geld gekostet. Es ist traurig für mich als alter – und ich kann wohl sagen treuer Freund der Familie, zu denken, daß – nun darüber wollen wir schweigen. Gegen mich ist der Herr gnädig gewesen, sehr gnädig. Er hat meinen irdischen Mammon gesegnet, so daß ich mich einen – nun, sagen wir, einen wohlsituierten Mann nennen kann. Ich erfreue mich eines gewissen, ja ich kann wohl sagen, eines nicht ganz geringen Ansehens hier in der Gegend, ich bin ein häufiger und gern gesehener Gast in Pastor Jensens christlichem Hause, ich bin Kirchenvorsteher, ich bin – aber reden wir nicht weiter davon. Nein, Sie müssen hierbleiben und mich anhören! Mir fehlt etwas zu meinem Glück, ich will es offen sagen: mir fehlt eine Frau vor Gott und den Menschen. Wollen Sie mir Ihre Hand reichen, dann ist alles gut, für mich und Ihre Familie, und dann sollen glückliche Tage für das alte Hjortholm anbrechen – Fanny, Fräulein Fanny, hören Sie mich an!

Er ergriff ihre Hand, sie aber entzog sie ihm; das Blut schoß ihr in die Wangen, und bebend vor Zorn rief sie: Rühren Sie mich nicht an! Hinaus zum Garten! Wie können Sie sich unterstehen, mir so etwas zu bieten! Vergessen Sie ganz, wer ich bin?

Bro aber ließ sich nicht mehr zurückhalten. Er warf plötzlich wie eine Schlange das Gewand ab, das er zu Schau getragen hatte; die Demut, die Scheinheiligkeit, all das Angelernte war wie mit einem Schlage verschwunden. Die Begier leuchtete ihm aus den Augen, und seine Stimme bebte, als er sagte: Ich habe Sie heranwachsen sehen – schon als Kind waren Sie schön – und als halberwachsenes Mädchen, wenn ich Sie auf meinen Schoß zwang und Sie zu küssen versuchte – ich fühle es noch! Und nun – von den Nonnenhügeln herab hab' ich Sie gesehen – Sie bringen mich um meinen Verstand, Fanny! Und ich will Sie haben – Sie und Hjortholm – vorerst aber Sie, ganz und gar.

Und er umfaßte ihr Handgelenk, und schon beugte sich sein heißer Mund über ihren Arm, als Fanny die freigebliebne Hand erhob und ihm einen Schlag ins Gesicht versetzte, daß er zurücktaumelte und seinen Stock verlor.

Da stürzte sie ganz verwirrt den Steg hinab, der an den See führte, strauchelte über eine Baumwurzel und stand im nächsten Augenblick Anne Steffens von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Abermals wollte sie fliehen, wie vor einer neuen Gefahr, die Alte aber hielt sie sanft zurück und sagte in einschmeichelndem Tone: Nicht bange sein, Schönjungfrau! So eine arme, alte Frau wie ich tut kein Leides an – ich hab' Sie ja aus dem Sumpf herausgezogen – und doch war es ein Hjortholmer gewesen, der mich zuerst in den Sumpf hineinstieß. – Nun, Sie fliehen vor Thomas Bro – das glaub' ich wohl! Ja, das tät' ich selber, wenn ich's nur könnte! Laufen Sie auch vor dem alten Lusthaus fort, das hat mir nichts Gutes gebracht und auch andern späterhin nicht!

Wen meinen Sie? fragte Fanny hastig.

Ach, eine, die jetzt tot und begraben ist.

Meine Mutter?

Unsinn! Aber was hat das kleine Fräulein auch mit dem Lusthaus zu schaffen! Ansehen muß ich sie aber einmal ordentlich – ach ja, sie hat die Züge ihres Großvaters, er war auch einstmals schön, aber das ist jetzt lange her. Nun grinst sein Totenschädel in der Krogslever Kirche! – Und was für eine weiße Haut sie hat! Es müßte schön sein, dahinein eine blaue Schlange zu prickeln, so eine, wie mir Steffen in meinen braunen Arm geprickelt hat – man braucht nur mit dem Dorn eines wilden Apfels oder mit einer Nadel zu prickeln, bis Blut kommt, und es dann mit Pulver einreiben. – Ja, vor mir brauchen Sie nicht bange zu sein, ich lasse Sie wieder los – wollen Sie aber einmal zu mir kommen, so wohne ich auf Hjortholmer Grund und Boden, unten am Wildmoor, Sie wissen's ja, Adieu, kleines Fräulein!

* * *

Wie ein gehetztes Wild, am ganzen Leibe zitternd, stürzte Fanny nach dem Schloß zurück. Aber sie sagte nichts – es war ihr unmöglich, zu sprechen.

Auf ihrem Tische lag ein Brief von ihrem Bruder mit der Nachricht, daß er in der nächsten Woche nach Hause kommen werde.

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