Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Sophus Bauditz >

Wildmoorprinzeß

Sophus Bauditz: Wildmoorprinzeß - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorSophus Bauditz
titleWildmoorprinzeß
publisherFr. Wilh. Grunow
printrunDreizehntes bis sechzehntes Tausend
year1924
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080418
projectid35c56956
Schließen

Navigation:

13

Um sieben Uhr am nächsten Morgen hielt der Wagen des Müllers vor der Tür, und fünf Minuten später rollten der Hauptmann und Kongsted vom Mühlenhof herunter über die fallende Brücke, den Mühlberg hinan und dem Walde zu.

Sind Sie nun so recht froh und dankbar, daß Sie leben, Kongsted? fragte der Hauptmann plötzlich. Denken Sie nur, wir haben einen ganzen, langen Tag vor uns, und mindestens eine Meile bis zum Kattegatt! – Da kommt ein Reiher vom Wildmoor her auf uns zu – jetzt bog er ab –, er ahnt wohl nicht einmal, daß nach dem neuen Jagdgesetz Schonzeit für ihn ist! –

Können Sie wohl sehen, wer das ist? fragte der Hauptmann später, als ihnen ein Einspänner entgegenkam.

Nein, das weiß ich wirklich nicht.

Ach, betrachten Sie ihn nur einmal genau – jetzt kommt er näher.

Ja – ist es nicht der Krämer, der Landmann geworden ist?

Richtig – er heißt Söllested. Sie müssen wirklich die Notabilitäten der Gegend kennenlernen! – – Brr, Niels, halten Sie mal! – Guten Tag, Söllested!

Guten Tag, guten Tag, Herr Hauptmann! Guten Tag, Herr Ingenieur! sagte der kleine Krämer und erhob sich unwillkürlich von seinem Bock, als er grüßte. Wohin geht die Reise, wenn man fragen darf?

Nach dem Wildmoor und nach Öxneholm.

So so, nach dem Wildmoor! Da bin ich mein Lebtag noch nicht gewesen, aber wir Landleute haben ja auch keine Zeit zu Vergnügungsfahrten. Ich fahre übrigens ein bißchen Dung hinaus.

Das ist ja auch eine Vergnügungsfahrt!

Ach ja – gewissermaßen, für einen Landmann – da haben der Herr Hauptmann recht. – Es ist sonst wirklich schrecklich, wie die Butterpreise fallen und der Kaffee steigt – aber daran hab' ich ja kein Interesse mehr.

Nein, das haben Sie wohl nicht! – Na, denn Adieu, Söllested! Grüßen Sie Ihre Frau!

Vielen Dank, Herr Hauptmann! Ich danke im Namen meiner Frau! Adieu, meine Herren!

Nachdem sie eine Strecke weitergefahren waren, zeigte der Hauptmann auf ein Gehöft und fragte: Kennen Sie denn das?

Ja, ich glaube, antwortete Kongsted. Wohnt da nicht der Pächter, der so unzufrieden mit dem Dasein ist?

Ja, das kann man wohl sagen, ohne zu übertreiben; übrigens heißt er Kielsen, wollen Sie das gefälligst behalten! – Da kommt er den Weg herab, wir müssen einen Augenblick halten und hören, was er will.

Der Pächter Kielsen kam bedächtig vom Hofe dahergegangen, seinen zweifelsohne hoffnungsvollen Sohn an der Hand. Er lüftete die Mütze ein klein wenig, betrachtete die Pferde und fügte, ohne die Pfeife aus dem Munde zu nehmen: Ach so, das ist Müller Sörensens Wagen! Der soll ja dies Jahr eine gewaltige Menge Heu haben! Und als der Hauptmann dieses Gerücht bestätigte, sah der Pächter noch mißmutiger aus als bisher und sagte: Allzusammen haben sie dieses Jahr Heu, wohin man hört, Ackerheu und Wiesenheu, woher sollen dann die Preise kommen?

Nach diesem Herzensseufzer fuhr er fort:

Herr Hauptmann, Sie können mir gewiß sagen, ob in der nächsten Woche im Hengstverein eine Versammlung abgehalten werden soll?

Das weiß ich wirklich nicht, aber das steht sicher in der Zeitung.

Hm, ja, da steht es wohl auch, aber zum ersten Mai kündige ich immer die Zeitung, man hat im Sommer wirklich keine Zeit zum Kirchengehen und Lesen. – Haben Sie wohl das Brachfeld des Krämers dahinten gesehen? Er hat eine Handvoll Dung darüber gestreut, und dann will er dem Boden einbilden, daß er gedüngt ist! Nein, Ehrlichkeit währt am längsten, das hab' ich mir ausprobiert.

Ja, wenn man etwas nicht viel abnützt, kann es freilich währen! bemerkte der Hauptmann.

Ach, Sie meinen wohl in bezug auf den Pferdehandel, entgegnete der Pächter mit einem Versuch, zu lächeln. Ja, beim Pferdehandel und beim Kartenspiel, da hat man keine Verwendung für Freundschaft oder Ehrlichkeit, das ist gewiß. – Wo wollen die Herren denn hin? – Ach so, der Kopenhagner Herr soll das Wildmoor sehen! – Daran ist auch was Rechtes zu sehen! – Sie sollten ihm lieber Christen Andersens Ochsen zeigen – so was hat er wahrhaftig in Kopenhagen noch nicht gesehen.

Gibt es sonst was Neues, Kielsen?

Nein, was für Neues sollte da wohl sein – und wenn da was wäre, so ist es allemal was Schlechtes. Ich sah heute morgen den Doktorwagen mit ein paar Schwarzen nach Süden fahren, vermutlich hat Peer Fyenbo sein Delirium wieder, er hat wohl den Markt in Igum nicht verdauen können! Und der Gerichtsvollzieher reiste gestern westwärts, der sollte Lars Ödemark wohl auspfänden!

Herrgott! sagte der Hauptmann und schüttelte den Kopf. Steht es so schlecht mit dem?

Ja, das schadet ihm übrigens nicht, er hat mich voriges Jahr mit ein paar Ochsen angemogelt. Wenn es sich um ein Pferd gehandelt hätte, so wollte ich nichts sagen, aber beim Viehhandel muß alles mit rechten Dingen zugehen – worauf könnte man sich sonst noch hier in der Welt verlassen! – Na ja, Sie wollen weiter – Adieu auch!

Und dann fuhren sie.

Ein ordinärer Kerl, dieser Kielsen, sagte Kongsted.

Hm, ja, ein bißchen geizig ist er, räumte der Hauptmann ein, aber er hat viele gute Seiten, er ist wirklich viel besser, als er scheint!

Lieber Herr Hauptmann, ich bewundere Sie.

Weswegen?

Weil Sie der größte Menschenfreund sind, der mir je vorgekommen ist.

Und in den meilenlangen Tviser Wald hinein fuhren sie, wo sich die Zweige oft ganz über dem weichen Weg mit den tiefen Wagenspuren schließen. Da sind mächtige Stämme über einem so dichten Unterwald, daß man kaum hindurchdringen kann; da stehen Buchen und Eichen, Erlen und Birken, alles wächst, wie es will, ohne Forstzwang. Nur hier und da mündet ein zugewachsener grüner Pfad in den Hauptweg, und selbst dieser scheint sich gar oft in den Wald zu verlieren.

Der Hauptmann und Kongsted steigen vom Wagen und gehen eine Strecke. Hier ist wirklich viel zu sehen. Ein paar Rehe lugen neugierig aus einem Tannendickicht hervor, zwischen den Himbeerbüschen raschelt ein Fuchs, und die rotbraune Waldmaus verschwindet unter einer Baumwurzel. Hoch über dem Buchendach segelt ein Sperber, und tief drinnen im Gestrüpp gurren die Ringeltauben: am Fuße eines alten Stammes liegen seine, scharfe Späne, und der Hauptmann erklärt, daß da droben ein Specht sein Nest haben muß.

Und dann verlassen sie den Wald. Groß in den Linien, reich an Abwechslung ist die Landschaft, die jetzt vor ihnen liegt. Hier sind Bäche und Täler, Felder und Wälder, Sümpfe und Moore, Wiesen und Heide, hier und da eine einsame Kirche, ein Schloßturm hinter einem kuppelförmigen Hain, eine Wassermühle oder eine rotgedeckte Ziegelei im Talgrunde. Die Saat steht dünn, die Buchweizenäcker treten am meisten hervor, und aus den hohen Grasfeldern ragt ein Wald von blauen Natterzungen und gelben Königskerzen auf, schwedische Farben auf magerem Boden.

In wenigen Minuten haben wir den Gipfel der Nonnenhügel erreicht, sagt der Hauptmann. Bisher haben Sie die ja nur von der Hjortholmer Seite gesehen, nun sollen Sie aber sehen, was für eine Aussicht dies ist!

Die Pferde werden ausgespannt und bei einem Bauer untergebracht, und indes geht der Hauptmann an einen Ziehbrunnen und holt sich einen Eimer Wasser herauf. Herrliches, kaltes Wasser! Wollen Sie nicht auch einen Schluck haben, Kongsted? fragt er.

Ja, bitte!

Nun, so bedienen Sie sich!

Ich habe aber nichts, woraus ich trinken kann!

Sie haben ja den ganzen Eimer!

Ja, aber daraus kann ich doch wirklich nicht trinken.

Versuchen Sie's nur mal! Sehen Sie, wie gut es geht! Ja, Sie haben noch viel zu lernen; aber nun müssen wir weiter!

Niels trägt den Furagekorb, und dann begeben sie sich auf den Nonnenhügel hinauf. Ganz tief unten auf der einen Seite liegt der Hjortholmer See, von Wäldern umrahmt, man kann den eingestürzten Wall auf der Landzunge gerade noch erkennen; jenseits des Sees steigt der Garten mit den Terrassen sanft an, und hinter der Lindenallee ragt der Turm des Schlosses empor. Auf der andern Seite fällt der Heideteppich nach dem Wildmoor, der pfadlosen, dunkeln Fläche zu ab, und dahinter, draußen in dem blauen Kattegatt liegt eine langgestreckte Insel, flach wie auf einer Landkarte – das ist Öxneholm.

Das Frühstück wird unten in einer mächtigen Vertiefung – einer alten Wolfsschlucht – eingenommen, und bald brennen die Pfeifen.

Der Hauptmann packt Kongsted hart beim Arm und zeigt nach Westen hinüber. In einer Bucht des Sees, hinter der Landzunge, lag ein Badehaus, und weit vor demselben gewahrte man eine Schwimmerin. – Das ist Fanny! sagte der Hauptmann mit blitzenden Augen.

Nur ein Paar weiße Arme sah man, die in langen, ruhigen Schlägen die blaugraue Fläche zerteilten. Die Sonne strahlte darauf herab, und die Wassertropfen blitzten wie ein funkelnder Perlenregen.

Die möchten Sie Ihrer Mutter wohl auch nicht bringen! rief der Hauptmann aus.

Wenigstens nicht im Badekostüm, erwiderte Kongsted.

Ach, ihr seid ja alle Philister! Kann jemand Anstoß daran nehmen, ein Paar Frauenarme in der Entfernung zu sehen! Begreifen Sie denn nicht, Mensch, daß es sich nicht um das handelt, was man sieht – wir sehen ja gar nichts! –, sondern um die ganze Szenerie, die ganze Situation! Der Wald und die Nonnenhügel und die alte Burg – und dann sie, die weiße Prinzeß des schwarzen Wildmoors, die mitten im See schwimmt!

Urplötzlich wurde der Hauptmann aus seiner Begeisterung herausgerissen, denn er gewahrte am Abhange, tief unter sich, eine männliche Gestalt, die sich unter dem niedrigen Eichengestrüpp versteckt hielt und auf den See hinausstarrte. Das ist Bro! rief er heftig aus. Und es ist das zweitemal, daß ich ihn hier sehe – ein Zufall ist es nicht. – Dem gönn' ich aber diesen Anblick wirklich nicht, wie sehr er ihn auch zu schätzen weiß! – Aber warten Sie mal, wir wollen sie doch warnen! Und ehe Kongsted ahnte, was er im Schilde führte, schoß der Hauptmann seine Büchse ab, die er natürlich für vorkommende Fälle bei sich hatte. Die Schwimmerin draußen im See wurde darauf aufmerksam, daß sich Menschen auf den Hügeln befanden, sie wandte sich hastig um und war im nächsten Augenblick ins Röhricht hinter dem Badehause verschwunden. Der Hauptmann blickte am Abhang hinab – auch die Gestalt im Eichengestrüpp war verschwunden.

Ich bin wirklich nicht so philisterhaft, wie Sie glauben, Hauptmann, sagte Kongsted, unwillkürlich benommen von dem, was er gesehen hatte, und was dann vor sich gegangen war. Auch ich gönnte Bro den Anblick nicht, vorausgesetzt, daß er, wie Sie meinen, eine unfeine Natur ist. Es lag wirklich etwas Ungewöhnliches – ja etwas Schönes, Reines über der Szene, und auch in dem Namen, den Sie Fräulein von Höibro gaben – Wildmoorprinzeß –, lag Klang! Wie kamen Sie nur dazu, sie so zu nennen?

Ach, das kommt ganz natürlich. Einmal reden wir und auch sie selber immer davon, daß das »Wildmoorblut« sich in ihr regt, wenn sie so in aller Gemütlichkeit ihren Raptus hat, und dann hat sie von Kindesbeinen an eine, ja, wie soll ich es nennen, eine romantische, angeborne Liebe zum Wildmoor gehabt. Sie war sogar einmal nahe daran, im Morast zu versinken, weil sie nicht davon wegbleiben konnte! Ich bin fest überzeugt, das Wildmoor gilt ihr mehr als das ganze Hjortholm, obwohl das Wildmoor, weiß Gott, keine eigentliche Mitgift für eine Prinzessin ist.

Nein, das ist es wohl kaum, obwohl ja der Kammerjunker sagt, daß es einen großen Schatz birgt, erwiderte Kongsted, und dann blieb er eine Weile schweigend sitzen. Plötzlich blickte er auf, zeigte vor sich hin, nach Osten zu, und sagte: Dort am Rande des Moors ist Rauch, woher kommt denn der?

Von Anne Steffens Hütte, antwortete der Hauptmann. Also ist die zu Hause.

Die Zigeunerin?

Ja, die sollen Sie kennenlernen! Nach einer Weile fuhren sie die Nonnenhügel hinab, und der Hauptmann erzählte: Jetzt ist Anne Steffens eine alte Frau – wie alt, weiß niemand –, aber in ihren jungen Jahren ist sie schön gewesen und hat Glück gemacht, wie man es zu nennen pflegt. Verheiratet – auf ihre Weise – ist sie auch gewesen, aber das nahm ein trauriges Ende: sie schlug ihren Mann tot und kam ins Zuchthaus, und zwar soll ihr eigner Sohn dafür gesorgt haben, daß sie sie faßten.

Hat sie ihren Mann totgeschlagen?

Ja – aber dabei hatte sie ihn sehr lieb – ebenfalls auf ihre Weise. Aber er war versoffen, und wenn er betrunken war, soll er hart zugeschlagen haben. Als er dann eines schönen Tages vor vielen Jahren schwer geladen hatte und ungewöhnlich bösartig war, schlug sie ihn mit einem weißen Stein vor die Stirn, so daß er daran starb, verscharrte ihn in einem Hünengrab auf der Heide und betete drei Vaterunser über dem Grabe.

Das ist doch ein ganz sonderbares Gemisch von Heidentum und Christenglauben, bemerkte Kongsted.

Ja, das können Sie nicht so genau nehmen. Sie ist getauft und gewiß auch konfirmiert, aber der Zigeunerglaube, den ihr Vater, Gott weiß woher, mitgebracht hatte, liegt ihr doch im Blut: sie knickst genau so andächtig, wenn sie die Betglocke hört, als wenn sie an dem großen Steinhaufen auf dem Radumer Felde vorübergeht.

Wovon lebt sie denn eigentlich?

Hauptsächlich von privilegierter Bettelei. Man fürchtet sich vor ihr, wie Sie gestern ja gehört haben; sie kann auch jeden Hund zum Schweigen bringen, sobald sie nur auf den Hof kommt, und die Nattern greift sie mit bloßen Händen. Dann verdient sie auch ein wenig mit Stillen und Beschwören, und Seife von krepierten Schweinen kocht sie und sonst noch allerlei. – Brr, Niels! – Guten Tag, Anne Steffens!

Die Angeredete, eine hohe, knochige Gestalt mit gelblichbraunem Gesicht, Augen wie Jettperlen und schwarzem, silbergesprenkeltem, zerzaustem Haar, das unter einem schmutzigen, aber grellbunten Tuch hervorlugte, stand in der Tür ihrer verfallnen Hütte. Was für Leute sind das? fragte sie in ihrem jütischen Dialekt.

Der Hauptmann aus dem Hjortholmer Wald.

Hjortholm! Haha, ist das Nest mit der ganzen Brut noch nicht vermodert? Ach nein, das wäre ein Jammer um das kleine Fräulein, das ich da draußen aus dem Sumpf gezogen habe, in den sie hineingeritten war! – Aber das alte Lusthaus im Garten, steht das noch? Das war fein, als ich jung war, aber jetzt wächst Gras auf dem Wege dahin!

Sie ist heute betrunken! flüsterte der Hauptmann Kongsted zu. Hätte man das, was sie in ihrem Leben getrunken hat, im Pindsmühlbach beisammen, da könnte sich das Rad doppelt so schnell drehen!

Haben Sie meine Kinder gesehen? fragte die Zigeunerin. Dem ältesten geht's gut, das sitzt drüben in Kopenhagen in Branntwein – ich möchte wohl mal hin und es sehen!

Ihr eines Kind war eine totgeborne Mißgeburt, erklärte der Hauptmann abermals flüsternd, und irgend jemand hat ihr eingeredet, es säße im anatomischen Museum in Spiritus.

Kongsted wandte sich voll Abscheu von dem alten Weibe, mußte aber doch unwillkürlich lauschen, als sie fortfuhr:

Meinem andern Sohn, dem geht es ja auch gut: der ist so stolz und großmächtig, daß er seine eigne Mutter nicht kennt, hahaha! Und ich kenne ihn auch nicht. Jeden Maitag und am Michaelistag krieg' ich einen alten Speziestaler, daß ich ihn nicht kennen soll, das Ungetüm! – Schenkt der fremde Herr einer alten, armen Frau nicht auch ein bißchen, woran sie sich wärmen kann? – Ander Fleisch als gebratnes Stachelschwein kriegt unsereins ja nur aller Jubeljahre zu sehen, und wer könnte sich wohl einen Pfannkuchen backen?

Kongsted gab ihr etwas Kleingeld, und als sie ihre schwarze, runzlige Hand ausstreckte, um es zu nehmen, bemerkte er an ihrem Unterarm eine tätowierte blaue Schlange.

Gott schütze und bewahre Sie und Ihre Liebste jetzt und in alle Ewigkeit, Amen! sagte sie, knickste und versuchte, Kongsteds Hand zu küssen, die er ihr jedoch unwillig entzog. Dann setzten sie ihren Weg fort.

Ist Ihnen jetzt nicht ganz feierlich zumute? fragte der Hauptmann. Denn nun fahren wir direkt durch das Wildmoor; es gibt nur diesen einen Weg, der ist vor langen Jahren abgegraben, und außerhalb dieses Wegs kann man nur gehen, und das auch nur mit genauer Not, aber wir können es ja versuchen!

Sie gingen eine Strecke über die scheinbar endlose, einförmige Fläche. Struppiges Heidekraut bedeckte sie, doch wurde sie hier und da durch Pfützen voll blanken Wassers unterbrochen; der Grund bestand aus schwammigem, hellbraunem Torfmoor, und wenn man den Stock hineinstieß, glitt er bis an die Krücke hinab wie in Butter. Hier und da erhob sich ein niedriger, graugrüner Porschbusch, ein einsamer Brachvogel saß auf einem dunkeln Schilfbüschel, sonst war hier fast keine andere Vegetation als spärliches Heidekraut und kein Vogelleben.

Sie fuhren drei Viertelstunden bis an den Strand, und dann lag Öxneholm in einer Entfernung von tausend Schritt vor ihnen.

Kennen Sie die Überfahrt, Niels? fragte der Hauptmann.

Ja, ich glaube wohl, lautete die Antwort. Ist es nicht da hinten, südlich von den beiden großen Steinen?

Ganz recht! – Sie müssen nämlich wissen, sagte der Hauptmann zu Kongsted, daß man die Furt nur an dieser einen Stelle passieren kann, da ist Sandboden. Sonst ist überall Morast und Lehm, so daß man ganz bequem mit Pferd und Wagen versinken kann.

Lehm und Morast? wiederholte Kongsted. Das heißt mit andern Worten wertvoller Grund und Boden.

Ja, so kann man es gern nennen – halten Sie nicht zu weit rechts, Niels, mich dünkt, es fängt hier an, weich zu werden.

Und wenig Augenblicke später setzten sie den Fuß auf Öxneholm.

Hier hab' ich drei glückliche Tage verlebt! sagte der Hauptmann.

Drei Tage?

Ja, im Oktober vor einer Reihe von Jahren. Ich hatte mir einen alten, ausrangierten Kutschwagen geliehen, der wurde hier herübergefahren, und darin übernachtete ich. Ich lebte von trockner Kost und hatte mein Reich für mich. Sie können mir glauben, hier war eine Jagd! Der ganze Herbstzug geht hier herüber. Aber jetzt müssen wir erst eine Entdeckungsreise auf der Insel machen.

An dem einen Ende lagen große, vom Eis heraufgeschobene Steine, und hier und da waren kleine Binnengewässer mit einem Gewimmel auffliegender Strandvögel. Büscheliges Gras, violette Strandastern, blaugraues Wermutskraut und weißlichgelbe Flechten, das war die Vegetation.

Sehen Sie den Sperber! rief der Hauptmann. Alle Sperber in meilenweitem Umkreise haben ihre Speisekammer hier, da kommen noch zwei geflogen! Hier entsprechen sie ihrem Namen, denn sie leben von Mäusen. Sehen Sie wohl, der ganze Boden ist von Mäusen unterminiert, sie laufen Ihnen zwischen den Beinen.

* * *

Es wurde Abend. Die Sonne versank zwischen den schwarzen Nonnenhügeln. Das Wildmoor glich einer glühenden Lavaebene, die Wogen des Kattegatts wurden kühlig weinblau, und die Seebrise erhob sich. Das Abendbrot war verzehrt, und Niels machte darauf aufmerksam, daß sie einen langen Heimweg hätten.

Nur noch eine halbe Stunde! sagte der Hauptmann. Sie müssen ein Naturkonzert hören! Wir finden uns schon im Wildmoor zurecht, wir haben ja Mondschein.

Sie saßen unten am Strande. Mit ausgestreckten Hälsen kamen die Wildenten durch die Luft vorübergeschwirrt, Scharen von Strandläufern strichen blitzschnell und sausend mit Saitenklang über das Wasser, weich flötete die Weihschnepfe und noch süßer der Regenpfeifer: eine kreischende Möwe tummelte sich noch oben in der Luft, am Strande piepste der Brachvogel, ein heimkehrender Sperber schrie über ihren Häuptern, und ringsumher, über ihnen, erschollen die Töne des unsichtbaren Vogelchors, tausendstimmig und zusammengesungen, geheimnisvoll und lockend.

Endlich wurde alles still, der Hauptmann erhob sich.

Der Mond ist aufgegangen, und die Wasserlachen zwischen dem Heidekraut im Wildmoor schimmern wie flüssiges Silber, hin und wieder streicht ein aufgescheuchter Vogel an dem Wagen vorüber, man sieht ihn nicht, man hört ihn nur. Eine ganze Weile hat niemand etwas gesagt, da schlägt der Hauptmann plötzlich Kongsted auf die Schulter und fragt: Woran denken Sie denn?

Und Kongsted zuckt leicht zusammen, wird halb verlegen und gibt die bei solchen Gelegenheiten ziemlich allgemeine Antwort: An nichts!

Jetzt lügen Sie! sagt der Hauptmann. Darf ich mir gründlich Bescheid ausbitten?

Ja, wenn Sie denn durchaus wissen wollen, woran ich denke, kann ich es Ihnen ja auch gern sagen, aber es war dummes Zeug. Ich sah in Märchengedanken versunken da. Ich dachte an heute vormittag, als ich auf den Nonnenhügeln saß und sah, wie –

Nun, was sahen Sie?

Ja, dann ließ ich es die Wildmoorprinzeß sein, die in den klaren See hineintaucht, um das schwarze Gewand – das, was Sie Wildmoorblut nennen – abzustreifen, und als sie wieder heraufkommt –

Das ist brillant! ruft der Hauptmann und fährt fort: Da bestrahlt der Mond den weißesten, zartesten Schwanenbusen – denn jetzt, im Mondschein, soll die Verwandlung vor sich gehen. Das schwarze Gewand ist von ihren Gliedern geglitten, und drüben auf der Landzunge, wo die alte Burg sich natürlich aus Schutt und Trümmern wieder erhoben hat, da steht der schönste Prinz und breitet die Arme nach seiner weißen Schwanenbraut aus. – übrigens schade – aber dazu können wir Graf Christian wirklich nicht gebrauchen.

Jetzt haben sie das Wildmoor hinter sich gelassen, sie sind an Anne Steffens Hütte vorübergekommen, und als in demselben Augenblick eine Sternschnuppe über den hellen Himmel gleitet, sagt Kongsted: Haben Sie wohl daran gedacht, sich etwas zu wünschen, Herr Hauptmann?

Freilich hab' ich mir etwas gewünscht – nämlich, daß Anne Steffens zweiter Sohn in Kopenhagen in Branntwein säße.

Aber weshalb denn nur?

Ja – weil das Kammerrat Bro ist – dann wär' der verwahrt und aufgehoben!

Der Hauptmann sagt nichts weiter, und Kongsted fragt nicht weiter – aber er fühlt, daß sein Begleiter wie unfreiwillig etwas verraten hat, das er sonst zu verheimlichen pflegt.

Und dann setzen sie den Heimweg ohne viele Worte fort. Jeder ist in seine eigenen Gedanken versunken.

– – Haben Sie sich gut amüsiert? fragte der Hauptmann, als sie wieder daheim in der Mühle angelangt waren.

Ausgezeichnet!

Ja, einen Nutzen haben Sie wenigstens von der Fahrt gehabt – Sie haben gelernt, aus einem Eimer zu trinken! – Gute Nacht! Kongsted! Schlafen Sie wohl!

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.