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Wildmoorprinzeß

Sophus Bauditz: Wildmoorprinzeß - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorSophus Bauditz
titleWildmoorprinzeß
publisherFr. Wilh. Grunow
printrunDreizehntes bis sechzehntes Tausend
year1924
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080418
projectid35c56956
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12

Die Hundstagsferien haben begonnen. Die Stadt befindet sich auf dem Lande – und das Land befindet sich zuweilen in der Stadt.

Kongsted war von seinen Eltern zu Hause erwartet, aber er konnte nicht kommen, die Nivellierung zog sich über Erwarten in die Länge.

Jetzt saß er an einem warmen Sommernachmittag an seinem Giebelfenster in der Pindsmühle und schrieb an seine Mutter: es wurde ein langer Brief, ausführlich schildernd und akademisch korrekt; in dieser Familie war man stets korrekt.

Die Kongsteds waren seit drei Generationen Konferenzräte gewesen und hatten in der Kanzlei, im Justiz- und Kultusministerium gewirkt. Wurde einer von ihnen Richter, so endete er zweifelsohne am höchsten Gericht. Alle wurden sie Kommandeur des Danebrogs, und einer von ihnen hatte ein so hohes Alter erreicht, daß er das Großkreuz erhielt. Stets hatten sie Interessen über ihr Fach hinaus gehabt, sie gingen fleißig ins Königliche Theater, waren Mitglieder des Musik- und des Kunstvereins und lasen jeden Schriftsteller, sobald er einen Namen hatte. Sie führten ein geselliges, aber exklusives Haus, verkehrten mit der Familie, mit gleichgestellten Beamten und Leuten, die einen Namen hatten, den sie sich selber verschafft hatten – andre kamen nicht zu ihnen, denn die Kongsteds waren, obwohl sie ihrer Zeit nationalliberal gewesen waren, so ausgeprägte Aristokraten, wie nur eine reichsgräfliche Familie. In Gedankengang und Lebensanschauungen waren sie indessen »beständig bürgerlich«, und ihre einzige Familienmystik und Familienpoesie war die Tradition über ihr Anrecht auf Hjortholm. Eine Generation nach der andern hatte das Märchen von dem jütischen Schlosse erzählt, es erbte sich von Familie auf Familie herab, und während man ursprünglich hauptsächlich die materielle Seite der Sache im Auge gehabt hatte, dachten die spätern juristischen Kongsteds nur an das Unrecht, an die Kränkung, die das legale Prinzip erlitten hatte; ihr ideelles Rechtsgefühl empörte sich, es war »der Kampf ums Recht«, den sie in aller Stille führten, und sie waren nahe daran, die jeweilig lebenden Höibros für das verantwortlich zu machen, was einer ihrer Ahnen möglicherweise verbrochen hatte.

Das Familienleben der Kongsteds war musterhaft – es war eine Familie ohne Leidenschaften. Sie verheirateten sich, wenn sie eine Familie ernähren konnten, heirateten niemals nach Geld, wohl aber standesgemäß, und dazu gehören ja Mittel. Vermögen hinterließen sie indessen niemals; die guten Einnahmen und Mitgiften gingen drauf bei der Erziehung der Kinder, Reisen ins Ausland und dem Hausmachen; Schulden aber kannte man nicht, und wenn ein Kongsted starb, hatte er seiner Witwe allemal eine reichliche Leibrente ausgesetzt. Die Familiendisziplin war groß, aber unbemerkbar für Fremde; es hatte seinerzeit einen harten Kampf gekostet, ehe Erich Kongsted, das einzige Kind seiner Eltern, Erlaubnis erhielt, Ingenieur zu werden – noch niemals war ein Kongsted Ingenieur gewesen! Aber nun war er es einmal, und da fand man sich in das Unvermeidliche, war stolz auf ihn, verfolgte ihn täglich in Gedanken und studierte seine Briefe wie Aktenstücke.

Und Erich Kongsted schrieb:

Liebe Mutter!

Herzlichen Dank für Deinen letzten Brief und für Vaters Grüße! Mir geht es andauernd gut, ich arbeite fleißig und befinde mich hier in der Gegend über Erwarten gut. Es ist ja amüsant, sich in ganz neue Verhältnisse einzuleben, sich daran zu gewöhnen, alte Zeitungen zu lesen, altbacknes Weißbrot zu essen und zu entdecken, daß in Wirklichkeit ein weit größerer Unterschied zwischen Stadt und Land ist als zwischen Rom und Konstantinopel. Es ist, als sähe man die Welt sich in einem Tropfen spiegeln. Ich gelange allmählich zu der Einsicht, daß es hier genau dasselbe bedeutet, das erste Veilchen zu finden, wie in Kopenhagen einer interessanten Premiere im Königlichen Theater beizuwohnen, und jetzt verschlinge ich mit derselben Gier wie die ganze Gegend hier das spannende Feuilleton der Amtszeitung, den »Grafen St. Armand«, das den stehenden Konversationsstoff für alle bildet. Alles hier auf Erden ist ja relativ. Oben zwischen den Heidehügeln liegt ein kleines, mit Heidekraut gedecktes Haus mit zwei Fach sonnenverbrannten Fenstern; man sollte es nicht für möglich halten, daß jemand darin leben könnte, aber natürlich leben und sterben die Bewohner trotzdem darin.

Auf dem Diner in Skovsgaard habe ich mich vorzüglich amüsiert und die ganze Gegend kennengelernt. Graf Porse, den ich bisher nur bei meinem Besuch in seinem Hause gesehen habe, ist ein vollendeter Wirt und überhaupt eine ungewöhnlich ansprechende Persönlichkeit. Er ist ein Landherr, wie er sein muß, voller Eifer, das Möglichste mit den Mitteln auszurichten, die ihm anvertraut sind. Ich traf natürlich auch die Hjortholmer dort, aber mit Ausnahme des alten Kammerjunkers, dem ich häufig begegne, und der seine Liebe auf mich geworfen zu haben scheint, sieht man in mir nur den »Prätendenten«.

Viel Freude hab' ich noch immer an dem Verkehr mit Hauptmann Riis. Ich weiß eigentlich nicht, worin das Eigentümliche und das Anziehende an ihm liegt, aber ich glaube, daß es, mindestens zum Teil, auf einer gewissen Festivitas beruht, die über seiner ganzen Persönlichkeit ausgebreitet ist, und dann sagt er so oft etwas, auf das man gar nicht gefaßt ist, und zwar so, wie kein andrer es sagen würde. Ihm habe ich auch das brillante Quartier bei Müller Sörensen zu verdanken.

Die Pindsmühle liegt im Grunde eines langen, breiten, von hohen Hügeln umgebnen Talstrichs. In diesem Talgrunde erstrecken sich meilenweit Wiesen, durch die sich der Tviser Bach schlängelt. Die Mühle ist ein großer Gebäudekomplex mit ockergelben Mauern und mit geteertem Balkenwerk, das vorzüglich zu der Umgebung paßt. Der Mühlenteich ist ein förmlicher kleiner See mit Iris- und Königskerzen zwischen dem Röhricht, Mückenschwärme tanzen darüber hin, und die Fische spielen. Anfangs konnte ich vor dem Rauschen des Mühlrads und dem Klappern des Werks nicht schlafen, jetzt höre ich es aber gar nicht mehr, und es ist ein wunderschöner Anblick, wenn sich ein Wasserschleier über den grünlich schleimigen Schaufeln bricht, wie auch das ganze Mühleninterieur mit den weißgepuderten Knechten in dem halbdunkeln Raum geradezu anziehend wirkt – ich fange an zu begreifen, weshalb Rembrandt in einer Mühle aufgewachsen sein soll.

Hier ist ein herrlicher, schattiger Garten, der sich am Bach entlang zieht: die Blumenbeete sind mit Lavendel eingefaßt, und die bläulichroten Kugeln der Provinzrose hängen überall schwer herab. Am Bach steht eine Lindenlaube, deren Tisch ein verschlissener Mühlstein bildet, und hier rauche ich mit Vorliebe meine Abendzigarre und beobachte die Wildenten, die oft bis ans Ufer kommen und zwischen der Krauseminze herumplätschern.

Die Familie ist prächtig. Müller Sörensen ist ein großer, vierschrötiger Hüne mit schwarzem Haar und rotwangigem, bartlosem Gesicht. In seiner Jugend hat er bei der Gardekavallerie gestanden, und es ist sein ganzer Stolz, daß unser König sein Chef gewesen ist. Vor ungefähr zehn Jahren soll er noch ein wirksamer, fleißiger Mann gewesen sein, aber jetzt tut er eigentlich nichts als rauchen, womit er sich freilich auch vom Morgen bis zum Abend beschäftigt. Ich hab' ihn noch in keinem andern Kostüm als in Hemdsärmeln und gestickten Morgenschuhen gesehen; so gekleidet schaut er von der Mühlentür aus zu, wie der Meistergeselle seine Befehle erteilt, und so sieht er vom Fenster aus zu, wie Heu eingefahren wird. Dann trocknet er mit dem Arm den Schweiß von der Stirn, lacht über das ganze Gesicht und fühlt, daß er etwas ausgerichtet hat. Ausgehen mag er nicht, nie aber ist er glücklicher, als wenn Besuch in die Mühle kommt, gleichviel, wer es ist; und er gönnt überhaupt seinen Mitmenschen alles Gute. Seine Frau, die ebenso gemütlich und ebenso gastfrei ist, bewundert er, und dazu hat er auch allen Grund, denn sie ist eine vorzügliche Frau, energisch, fleißig und sauber und eine ausgezeichnete Wirtin. Ihr Vater, ein apoplektischer Greis, der nur mit Mühe von einem Zimmer ins andre schwankt und seine Meinung nur durch einzelne Worte auszudrücken vermag, lebt bei ihnen. Es ist rührend zu sehen, in welchem Grade man sich patriarchalisch vor der Würde des Alters beugt; Müller Sörensen faßt keinen Entschluß, ohne die Ansicht seines Schwiegervaters eingeholt zu haben, und Mann und Frau sind dann gemeinsam bemüht, die gemurmelten Orakelantworten des Alten zu deuten.

Die Müllersleute haben nur ein Kind, eine zwanzigjährige Tochter namens Helene. Ich kann sie am besten charakterisieren, indem ich wiederhole, was der Vater gestern, übers ganze Gesicht lachend, von ihr sagte: Gott mag wissen, woher Mutter und ich das Kind haben! Und Grund zu dieser Verwunderung hat der gute Mann auch wirklich, denn Fräulein Helene ist so verschieden von den Eltern wie Feuer von Wasser. Sie ist klein und schmächtig, hat Bleichsucht und Nerven, feine Empfindungen und verrät literarische Interessen. Entweder kichert sie, oder sie ist beleidigt, und ihre Zeit verbringt sie damit, daß sie Krocket spielt, Unmengen unreifer Äpfel ißt und fünf Minuten dazwischen liest – am liebsten natürlich den »Grafen von St. Armand«, über dessen einigermaßen zusammengesetzten Charakter sie täglich ihre Bemerkungen mit Maren, der Tochter des Schulzen, austauscht. Daß Müller Sörensen trotzdem – oder vielmehr infolgedessen Fräulein Helene bewundert, brauche ich wohl nicht zu bemerken.

Jetzt habe ich Dir hoffentlich eine erschöpfende Schilderung der Umgebung, in der ich lebe, gegeben. In den nächsten Tagen wollen der Hauptmann und ich eine Fahrt nach dem Wildmoor unternehmen, auf das ich mich aus verschiednen Gründen freue. Grüße Vater vielmals.

Dein Dich liebender Sohn    
Erich.

* * *

Piff, paff! erschallte es unten auf der Wiese, ein Schuß folgte dem andern, und eine halbe Stunde später ritt der Hauptmann auf seiner Braunen, die, während er jagte, an den Hügeln gegrast hatte, über die Mühlenbrücke. Hallo! Ist jemand zu Hause? rief er, und alsbald erschien Kongsted an dem offnen Giebelfenster, der Müller und seine Frau in der geöffneten Tür.

Ja, daß Sie zu Hause waren, Kongsted, das wußte ich, denn es roch bis über den Bach hinüber nach einer guten Zigarre. – Guten Tag, Sörensen! Guten Tag, Madame Sörensen! – Ach, befreien Sie mich, bitte, von den Wildenten und Bekassinen. – Nehmen Sie nur die ganze Tasche – so! Freilich soll Lotte in den Stall! Und geben Sie Diana ein wenig zu trinken – ach so, die ist schon zur Küchentür hinein! Das ist ja großartig, wieviel Heu Sie dieses Jahr haben, Sörensen!

Ja, erwiderte der Müller, aber es ist auch eine gewaltige Arbeit, es einzubringen.

Ach was – Sie sehen ja doch nur zu!

Ja, aber es ermüdet, weiß Gott, am allermeisten, wenn man gar nichts tut, versicherte der Müller und lachte.

Aber Sie müssen doch näher treten, Herr Hauptmann, und einen Bissen essen, bat die Frau und wischte vorsorglich ihre rechte Hand in der Schürze ab, ehe sie sie ihm reichte. Ein Stück Weißbrot mit geräucherter Schafskeule oder –

Ja, und 'nen steifen Hagedornschnaps dazu! ergänzte der Müller.

Nein, ich danke! Geben Sie mir nur ein wenig Buttermilch, die löscht so gut.

Und dann trank der Hauptmann einen halben Liter in einem Zuge aus und begrüßte Kongsted, der heruntergekommen war. Aber Ruhe hatte er nicht. Haben Sie meine Angelrute und meine Fliegenschnur, Madame Sörensen? Ich will hinaus und Forellen fangen – kommen Sie mit, Ingenieur, und Sie auch, Sörensen!

Danke bestens! sagte der Müller. Das ist mir eine viel zu mühsame Fischerei, so auf den Beinen auf und ab zu gehen; auf den Aalkasten zu passen, wo sie so von selber hineinrennen, das lass' ich mir allenfalls gefallen, aber so herumzutraben – nein! Man kriegt nur nasse Füße!

Ja, wenn man Morgenschuhe an hat!

Und dann gingen der Hauptmann und Kongsted an den Bach hinab. Ist es hier nicht wunderschön? rief der Hauptmann aus. Können Sie sich was Schöneres denken als dieses brausende Wasser unter dem Rad und die ganze schwarzgrüne, geheimnisvolle Fläche unter den schirmenden Bäumen! Und dann zu wissen, daß die Forellen hier zwischen den Erlenwurzeln umherschlüpfen!

Eine Stunde gingen sie an dem sich schlängelnden Bache entlang, wo sich die Libellen auf den bronzevioletten Federbüschen des Röhrichts wiegten, wo die Fische spielten, wo das Heu in Schobern stand.

Der Hauptmann fing ein ganzes Gericht der silberschimmernden, rotgefleckten Fische, und dann warf er sich in einen Heuhaufen und zog Kongsted neben sich nieder.

Ach, wie es hier duftet! Können Sie merken, wie betäubt Sie werden, Kongsted? Das macht das Heu! Ein feines Souper bekommen wir aber heute abend! Forellen und Bekassinen! Und Madame Sörensen brät sie brillant – das hab' ich ihnen hier in der Gegend doch beigebracht: Wild zu braten! – So, nun müssen wir aber nach Hause.

Die Müllerfrau bekam die Forellen, und die drei Männer – der Hauptmann, Kongsted und der Müller – gingen ins Zimmer und setzten sich aufs Sofa, nachdem sie es zuvor von ein paar Katzen gesäubert hatten, die diesen Platz als ihre besondere Domäne betrachteten.

Machen Sie doch das Fenster auf, damit wir frische Luft bekommen! rief der Hauptmann, als er kaum saß. Und ziehen Sie die Gardine zurück, daß die Sonne ins Zimmer scheint!

Vater ist ja nun freilich nicht sehr für Zug, wandte der Müller ein. Es sind ja übrigens auch nur die Windmühlen, die von Luft leben.

Tod und Teufel! Ich hab' ja Ihren alten Schwiegervater noch gar nicht begrüßt, sagte der Hauptmann und stürzte in das Nebenzimmer.

Wo ist Helene? fragte der Hauptmann, als die drei wieder in die beste Stube gegangen waren.

Ja, wo ist sie? antwortete der Müller und lauschte. Ja, ich kann es hören, sie spielt auf der Bleiche Krocket mit Schulzens Maren. Zuerst, als wir das Krocketspiel hatten, wußte ich, weiß Gott, niemals, ob sie auf diese Kugeln schlugen, oder ob die Knechte die Pflöcke für das Vieh umsetzten. Nun aber habe ich es unterscheiden lernen: wenn ich nur die Hammerschläge höre und alles still abgeht, dann ist es einer von den Knechten bei der Arbeit, aber wenn erst Schläge kommen und dann Zänkerei, so ist es regelmäßig das Krocket!

Wie geht es Helene? fragte der Hauptmann.

Ja, wie geht es ihr! Es ist lächerlich, aber jetzt haben wir den alten und den jungen Doktor für sie gebraucht, und keiner von ihnen kann so recht sagen, was ihr fehlt. Sie pfropfen diese kleinen schwarzen Eisenkugeln, die wie Hagelkörner aussehen, in sie hinein, aber sie muß doch ein famoses Mädchen sein, denn jetzt hat sie für vierzehn Kronen davon verzehrt und ist noch geradeso elendiglich – sie könnte gewiß geradeso gut an dem eisernen Ofen lecken. Und der Müller lachte, daß es in ihm gluckste, und bewunderte trotz alledem seine Tochter. – Mit dem Appetit ist es nur schwach bestellt, fuhr er fort. Milch macht fett, aber in Helene kann ich mit aller Gewalt nicht mehr als einen halben Liter täglich hineinkriegen, darum schlägt es auch bei ihr nicht an. – Ja, dann ist es wohl das beste, wenn wir wieder hineingehen!

Apropos! Milch, Sörensen, sagte der Hauptmann. Sie waren doch nicht böse, daß ich die alte Stine neulich herschickte, sich ein wenig Milch zu holen?

Bewahre, Herr Hauptmann! Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie an uns hier in der Mühle gedacht haben und sie nicht weiter schickten. Stine ist ja eine brave Frau! Aber als Anne Steffens neulich kam und um Milch bat, – der gönne ich sie wahrhaftig nicht, aber abschlagen kann man ihr ja nichts.

Weshalb nicht? fragte Kongsted. Wer ist diese Anne Steffens denn?

Ach, das ist ein altes Zigeunerweib, sie wohnt dort am Rande des Wildmoors, antwortete der Hauptmann. Morgen werden Sie sie sehen.

Ist es eine wirkliche Zigeunerin? fragte Kongsted interessiert.

Ja, das ist sie wirklich!

Ich glaubte gar nicht, daß die Rasse hier noch existierte.

Sie ist auch auf dem besten Wege, auszusterben. Im Jahre 1806 wurde der letzte Wolf hier in Jütland geschossen, es ist nur eine Frage der Zeit, wann man den letzten Zigeuner tot am Grabenrande findet.

Da wir gerade von Anne Steffens sprechen – was hab' ich doch neulich von dem Kammerrat gehört? fragte der Müller.

Von Bro, dem Esel! rief der Hauptmann.

Ja; sie sagen, er soll das Fräulein aus Hjortholm haben!

Tante Rosa?

Nein, die Junge!

Fanny? – Den Teufel soll er! rief der Hauptmann ganz empört.

Ja, aber sie sagen, er will es! fuhr der Müller fort, und die Hjortholmer sind um seinetwillen wohl in einer argen Klemme. Sie sagen, daß er in den letzten Jahren dem jungen Herrn auch einen guten Posten Geld geliehen hat!

Der Hauptmann schüttelte den Kopf, und der Müller fuhr bedächtig fort: Es wäre eine Schande um das Fräulein, wenn sie den Schurken nehmen müßte!

Sie soll den jungen Grafen haben! erklärte der Hauptmann mit großer Bestimmtheit.

So? Also das soll sie. Ja, das ist ein Staatskerl – der hätte bei der Gardekavallerie stehen müssen!

Der verdient Fanny auch!

Ja–a – sie ist ja nun eigentlich mehr zum Zierat als zum Nutzen, das ist ungefähr dasselbe wie mit dir, Helene! sagte der Müller und lachte, als die Tochter in diesem Augenblick eintrat.

Nun, mein Kind, habt ihr, du und Maren, denn den Grafen von St. Armand glücklich verlobt? fragte der Hauptmann und küßte sie. Fräulein Helene kicherte und tat verlegen, der Müller kniff sie freundschaftlich in die Wange, und das nahm sie übel, als aber Kongsted sich zeigte und guten Abend sagte, wurde sie so rot, wie ihre Bleichsucht es nur zuließ.

Und nun kam die Müllerin herein und bat die Herren, fürliebzunehmen. Der alte Großvater wurde an das Ende des Tisches transportiert, Fräulein Helene verlangte – freilich ohne Erfolg –, daß der Vater seinen Rock anziehen solle, und dann ließ man den Forellen und Bekassinen Gerechtigkeit widerfahren.

Madame Sörensen, erlauben Sie, daß ich Ihnen mein Kompliment mache, sagte der Hauptmann, als er endlich Messer und Gabel hinlegte, Mamsell Hansen auf Skovsgaard kann eine Bekassine nicht besser braten als Sie – im Gegenteil!

Und Madame Sörensen, die noch gar nicht gegessen oder sich hingesetzt hatte, sondern die nur für die andern sorgte, strahlte über das ganze Gesicht, knickste und bedankte sich.

Wollen Sie uns morgen einen Wagen nach dem Wildmoor und Öxneholm geben, Sörensen? fragte der Hauptmann nach einer Weile.

Natürlich will ich das – aber was wollen Sie denn nur dort?

Ich will dem Ingenieur die Sehenswürdigkeiten der Umgegend zeigen.

Und dann erzählte der Hauptmann im Laufe einer halben Stunde alles, was er wußte, und das war viel, von der ganzen Gegend, von Graf Porses und der Doktorfamilie, von Söllested, Kielsen, dem Amtsrichter und der Agrarierversammlung, und als die Uhr halb zehn schlug und die Pfeife des Müllers ausgeraucht war, fing der brave Wirt an zu gähnen. Als der alte Vater gleichzeitig etwas murmelte, benutzte der Müller dies schlauerweise, indem er erklärte, Schwiegervater meine, es sei Zeit, zu Bett zu gehen. Obwohl Frau Sörensen wie auch Helene gegen diese Deutung des Orakels protestierten, erhob sich der Müller doch, und man trennte sich – Helene mit einem langen Blick auf Kongsted.

Als der Hauptmann und Kongsted oben angelangt waren, sagte der Hauptmann: Sie haben offenbar eine Eroberung gemacht, Herr Ingenieur, die kleine Helene ist ja ganz verliebt in Sie.

Das will ich nicht hoffen!

Weshalb denn nicht?

Nein, die könnte ich meiner Mutter doch nicht als Schwiegertochter bringen.

Darf ich mir die Frage erlauben, ob das die wichtigste Bedingung für Sie ist?

Eine der wichtigsten jedenfalls.

Hören Sie mal, Kongsted, Sie kennen wohl nur zugerittene Pferde und komplette Damen?

Ja, gewissermaßen –

Aber Sie haben doch wohl hier und da mal einen kleinen Kuß gegeben oder geraubt.

Ich habe niemals eine andre Frau als meine Mutter geküßt.

Der Hauptmann pfiff eine Melodie vor sich hin. Sie haben sich wohl immer hübsch auf der Landstraße gehalten; mein Gott, das ist sehr ehrenhaft, aber weit weniger amüsant, denn gerade auf den Nebenwegen und da, wo gar kein Weg ist, da sieht man am meisten. Sie sind ein Prosaiker! Das Wesentliche ist und bleibt die Liebe.

Ja, natürlich, aber es kommt darauf an, was man unter Liebe versteht. Ein leidenschaftlich verliebter Mann hat, wenigstens in meinen Augen, leicht einen etwas lächerlichen Anstrich.

Aber Mensch! rief der Hauptmann. Können Sie denn nicht begreifen, daß, wenn man so glücklich ist, Liebe zu empfinden, die große Liebe, so ist das alles, es gibt dann auf der ganzen Welt nichts weiter als diese Liebe!

Haben denn Sie, lieber Hauptmann –

Ich! Ach, Gott helfe mir! Ich hab' mich auf dem Gebiete wie auf allen andern zerstückelt. Und wissen Sie, was mein Unglück gewesen ist? Die, die mein Herz hatte, die hat meine Sinne niemals betören können; und für die, die meine Sinne betören konnten, hatte ich kein Herz. Aber das verstehen Sie natürlich nicht, Sie Holzpuppe, denn Sie haben weder ein Herz noch warmes Blut. Gute Nacht, Kongsted!

Gute Nacht, Hauptmann!

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