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Wildmoorprinzeß

Sophus Bauditz: Wildmoorprinzeß - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorSophus Bauditz
titleWildmoorprinzeß
publisherFr. Wilh. Grunow
printrunDreizehntes bis sechzehntes Tausend
year1924
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080418
projectid35c56956
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10

Nach dem Frühstück, als sich Onkel Heinrich mitten in seiner Reflexionsstunde befindet, kommt Fanny zu ihm. Er ist ja immer der Träger der traditionellen Mystik der Familie und des Schlosses gewesen; er redet unausgesetzt von dem Schatz im Wildmoor, und er glaubt an die graue Dame – weshalb sollte er da nicht auch für die Theosophie und die Präexistenzen zugänglich sein, zugänglicher wenigstens als Tante Rosa? Und Fanny redet und redet, und Onkel Heinrich vergißt ganz seine Pfeife; die Augen stehen ihm starr aus dem Kopfe heraus, und als Fanny endlich sagt: Glaubst du nicht, daß ich die unglückliche Frau Marie Grubbe gewesen bin?, wirft Onkel Heinrich das Gewehr in den Graben und sagt: Ja, mein Kind, das glaube ich.

Fanny geht, stolz darauf, einen Proselyten gemacht zu haben, zu Foxens jungen Hunden hinab, der arme Onkel Heinrich aber hat Kopfschmerzen von all dem Nachdenken und beschließt deswegen, Beruhigung für seine Nerven in einer Unterhaltung mit dem alten Stallknecht Anders zu suchen, der sein besonderer Liebling ist.

Nach einer ganz kurzen Einleitung über das Wetter beginnt Onkel Heinrich: Sag' mir doch, Anders, hast du auch zuweilen ein Gefühl, als erinnertest du dich gewisser Dinge, die du niemals erlebt hast?

Nein, Herr Kammerjunker, antwortete Anders. Aber ich habe manchmal was erlebt, woran ich mich nicht mehr erinnern kann.

So? Wieso das?

Ja, ich will mal sagen, ich bin auf dem Markt in Igum gewesen, dann kann ich mich in der Regel den nächsten Morgen nicht mehr darauf besinnen, was ich den Abend angefangen habe.

Hm, ja, das ist ja etwas ganz Natürliches, das kenn' ich auch von neulich her, als ich auf der Agrarierversammlung war, aber, siehst du, Fanny sagt, wir haben früher schon einmal gelebt.

Ach ja, das mag sein!

Glaubst du denn auch daran?

Nein, aber das kann mir ja auch ganz egal sein, und dem Herrn Kammerjunker wirklich auch!

Ja, weiß Gott, du hast recht, Anders, das kann mir im Grunde ganz einerlei sein. Aber es ist oft so schwer, Fanny zu verstehen, wenn sie redet.

Ach, die hat doch sonst eine gute, deutliche Stimme.

Ja, aber so schwer zu begreifen ist sie.

So, ist sie das?

Ja, das mit den Präexistenzen und das mit der Erblichkeit. Weiß du, was Moral ist, Anders?

Nein, aber man wird auch wohl ohne das fertig.

Ach ja, gewissermaßen. Aber Fanny sagt, daß wir alles, was wir haben, von unsern Vorfahren ererbt haben.

Das stimmt aber nicht, Herr Kammerjunker, denn ich hab' nichts von meinen Eltern gekriegt, und nun hab' ich mir doch ein paar Groschen zurückgelegt.

Ja, auf diese Weise war es nun gerade nicht gemeint, Anders. Aber ich hörte heute vom Schulmeister, daß man Jens Podemand, der bei Düppel an der Schulter verwundet wurde, jetzt erst die Kugel aus dem Unterarm entfernt hat – Doktor Prip hat sie selber herausgenommen –, und als ich das dem Schmied erzählte, sagte der, das sei gar nichts, das wäre gar nicht so wunderbar, denn er hätte einen Mann gekannt, der im Jahre 1807 eine englische Musketenkugel in die Hüfte bekommen hätte, und die kam erst bei seinem Enkel aus der großen Zehe wieder heraus. Siehst du, wenn das wahr ist, dann hat ja Fanny recht, daß –

Ja, aber das sind ausgestunkene Lügen, Herr Kammerjunker.

So – also das glaubst du? Ja, vielleicht hast du recht, der Schmied ist ja nicht allemal ganz zuverlässig!

Nein, der sagt kein wahres Wort, solange es noch Lügen gibt.

Aber es ist gewiß nicht so ganz aus der Luft gegriffen, Anders, das mit der Erblichkeit, von der Fanny redet. Ist mein Vater so gewesen, so werd' ich so, und ist meine Mutter so gewesen, so werd' ich so.

Hm ja, das mag sein. Die rote Kutschstute stammt ja von Regulus, der ein Durchgänger war und dreimal auf der Nyborger Tierschau prämiiert ist, und die Stute, die fing auch richtig mit dem Durchgehen an, aber dann wurde sie in strammen Zügeln gefahren und bekam tüchtig die Peitsche, und dann verging ihr die Lust. Sehen Sie, Herr Kammerjunker, die Abstammung, das ist eine Sache, und die Erziehung, das ist eine andre Sache – das ist nun so meine Meinung.

Ja, ich glaube, der Ingenieur – Ingenieur Kongsted sagte neulich auch ungefähr dasselbe auf Latein.

Nach einer Weile verabschiedete sich der Kammerjunker und geht auf sein Zimmer; durch die Unterredung mit Anders, dessen Skepsis und rationeller Blick auf das Leben immer etwas sehr Wohltuendes für ihn haben, fühlt er sich sehr beruhigt.

* * *

Im Laufe des Tages kommt der Hauptmann nach Hjortholm geritten, und Tante Rosa, die allein im Gartensaale sitzt, hört ihn draußen auf dem Hofe rumoren, sie hält mit ihrer Arbeit inne, lauscht und lächelt, dieses Lächeln verschönert sie förmlich. Guten Tag, guten Tag, liebe Tante Rosa! ruft er schon in der Tür. Sie ahnen nicht, wie ich mich nach Ihnen gesehnt habe?

Wirklich? Dann hätten Sie sich ja auch etwas eher mal nach uns umsehen können

Es war mir nicht möglich, Tante Rosa! Ich bin im fernen Westen gewesen, ganz auf der andern Seite des Fjords. Die Menschen sind so gastfrei und gut: ich habe Enten geschossen und Forellen gefischt, hab' gesungen und getanzt – da war ein Ball auf Börstrup – großartig, Tante Rosa! und dann summt er:

Paar an Paar stand im Kerzenschein
Geordnet zu festlichem Tanz,
Ein Füßchen ich sah, ich ahnte ein Bein,
– Honny soit qui mal y pense!

Ich verbitte mir ein für allemal Ihre Zweideutigkeiten, Sie alter Korporal! ruft Tante Rosa. Pfui, schämen Sie sich!

Ja, aber das kann ich wirklich nicht, Tante Rosa. Ich kann mich nicht schämen, weil ich mich noch über all das Schöne freue, das Gottes Erde bietet: über Wald und Strand, Wiese und Moor, einen weißen Arm und einen zierlichen Mädchenfuß. Sie hatten niedliche Füße, Tante Rosa – ja, ganz entzückende Füße –, und die haben Sie wahrscheinlich jetzt noch! Aber was machen denn Sie da? Putzen Sie den alten Becher?

Ich putze nicht – ich kratze aus.

Aber was kratzen Sie denn aus? Das ist ja ein K.

Ja, ein ruhendes K.

Unsinn! Das ist das Höibrosche Wappen – eins stumpfwinklige Brücke unter einem wagrechten Balken – kein Schrägbalken! – Das sollten Sie doch wohl kennen!

Ja, aber warum in aller Welt –

Ach, Fritz schickt natürlich keinen Sattel für Fanny, und der alte ist zu schlecht – nun ja, da hab' ich ihr denn einen Sattel versprochen, und da ich Geld dazu haben muß, so –

Wollen Sie den alten Becher verkaufen?

Sie haben eine ungewöhnlich schnelle Auffassung, Hauptmann, das ist sonst eine Eigenschaft, die man bei Männern nicht oft findet! Ja, mit Ihrer Erlaubnis will ich das! Neulich war hier ein Aufkäufer, der bot mir hundertfünfzig Kronen dafür, damals wollte ich nicht, aber jetzt –

Tante Rosa, Sie sind groß!

Ach was! Aber wenn man das Unglück hat, der einzige Mann in der Familie zu sein, dann muß man ja auch für die Familie handeln. Gibt's denn sonst Neues, Hauptmann?

Nichts von Belang. – Haben Sie von Fritz gehört?

Nein, in der letzten Zeit nicht. Doch weiß ich, daß er und Bro Briefe gewechselt haben!

Er und Bro! Was haben sich die zu schreiben?

Ja, das weiß ich nicht, aber ausrechnen kann man es sich so ungefähr: Fritz ist einen Monat in Paris gewesen – woher hat er das Geld zu der Reise bekommen? Nichts aus Hjortholm, und daß er, wie er sagt, in der Lotterie gewonnen hat, das sind natürlich Lügen. Ach, ich mag gar nicht darüber nachdenken.

Das sollten Sie auch bleiben lassen. – Übrigens soll ich von Bro grüßen.

Was soll das heißen?

Ich begegnete seinem infamen Gesicht neulich drüben auf den Nonnenhügeln. Dort treffe ich ihn in letzter Zeit häufig – und er grüßte natürlich – kriechend wie immer –, und dann sagte er mit einem widerlichen Lächeln: Bitte dem kleinen Fräulein Fanny mein Kompliment zu vermelden – sie wird mit jedem Tage schöner.

Und er wird mit jedem Tage frecher! – Ja, wie soll das Ganze enden! Hätten wir Fanny nur gut verheiratet – nun, ich mache mir so meine eignen Gedanken in bezug auf das Diner in Skovsgaard in der nächsten Woche. Sie kommen doch?

Und ob! Ich freue mich – unbeschreiblich!

Vergessen Sie aber nicht, mir vorher Ihren Frack zu schicken, daß ich die Flecken herausmachen kann – das hat er sicher nötig! erwidert Tante Rosa, und dann verstummt die Festlyrik des Hauptmanns.

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