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Wild Welt und Du

Fritz Bley: Wild Welt und Du - Kapitel 9
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleWild Welt und Du
publisherVerlag Deutsche Volksbücher
year1952
editorWulf Bley
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Wolf

.

Im Kaunis-Kangasch

Himmelanstrebende uralte Kiefern. Das Reihergefieder der Birken kommt nicht zum Fließen im Gezweige sich durchzwängender Espen. Der rotgoldene Sonnenschein liegt nur in zitternden Flecken auf dem grauweißen Boden. Ausgescharrte Mooshaufen, Arbeit der Rener. Am Astwerk langbärtige Flechten, dazwischen der Durchblick auf den See. Farbentrunkene Ufer, dunkle Felshügel kleiner Inselchen, tiefe Schatten über geheimnisreichem Spiegel: das ist der »Kaunis-Kangasch«, der Schöne Wald der Karele!

Zwischen wildem Geröll von Granitblöcken, überragt von einer entwurzelten und dann in trotzigem Knie doch wieder aufwärts ringenden Kiefer, hat die Wolfsfähe ihr Geheck. Läge das Nest nicht auf einsamer Insel, würde es sich leicht verraten durch den Gestank der von weit herangeschleppten Beute. Hier aber ist gut und sicher sein. Behaglich blinzelt die Alte, den Kopf auf die Vorderläufe gestreckt, und läßt sich von der Morgensonne den Balg trocknen. Ihre fünf Welpen spielen um sie herum. Die beiden Jungrüden sind noch fast schwarz bis auf die weiße Rutenspitze; den kleinen Betzen sind Kopf und Nacken schon grau. Eine hoffnungsvolle Brut! Der stärkste Rüde der kleinen Sippschaft hat im Fang eine Schwungfeder aus dem Fittich der Wildgans, mit der Mutter gestern durch den See geronnen kam. Die wirft er in die Luft. Aber ehe er sie haschen kann, hat ein Schwesterchen sie ihm fortgeschnappt, und nun geht die Jagd kopfüber, kopfunter, bis er in ein Loch fällt und belfernd jammert. Die Alte rührt sich nicht, und schließlich hat der Junge sich herausgearbeitet, und das Spiel beginnt von vorn.

Zwei andere sind in tiefsinnige Betrachtung versunken vor dem Gerippe eines Schneehasen. Wie sie's drehen und wenden, kein Faserchen Wildbret mehr dran! Blank poliert Kopf und Rippen. Und zum Knochenknacken sind die Zähnchen noch zu schwach. Macht nichts; das Ding ist doch ganz außerordentlich lehrreich!

Plötzlich schauen sie auf. Ihre drei Geschwister ziehen in einer Reihe, Welp hinter Welpen, jedes in der Fährte des andern, hinter der Mutter fort. Lautlos schließen unsere beiden sich an. Hinter einem hohen Stein hält die Mutter, und nun lugt jedes mit gespitzter Nase am andern vorbei. Was mag da vorn sich begeben?

Ja, Kinderchen, das ist auch merkwürdig genug! Der dort durch den Düstersee geronnen kommt, ist niemand anderes als euer leibhaftiger Herr Erzeuger. Ein Mustervater, wie er unter Wölfen selten zu finden ist! Dickgefressen wie ein Jerf kommt er an. Am Ufer schüttelt er sich, daß die Tropfen sprühen. Dann wendet er sich zu der Wölfin, die ihn zärtlich beleckt. Und nun geht es Wolf hinter Wolf, Welp hinter Welpen zum Lager zurück, wo der Alte, ohne sich viel mit Begrüßung seiner Kleinen aufzuhalten, zunächst einmal auspackt, was er mitgebracht hat. Drei-, viermal muß er würgen, um den Fraß vorzubrechen. Und mit Gier stürzen die Rangen sich auf die köstliche Leckerei. Hmm, was mag das sein? Das haben sie noch nicht gehabt! Das ist nicht Hoppelmann, nicht Schnattergans, nicht Paakente! Duftet wie frisches Nadelgewürz. Und dazwischen kaut sich seegrünes Federgewölle!

Hmm, schluckt sich das gut! Und muß sich auch fein brechen lassen!

Ja, was mag das sein? Weit, weither hat der Altwolf den Fraß geschleppt; und wer seine Fährte spüren könnte, würde sehen, wie er geschränkt hat unter der wackelnden Last des Leibes. Auf der felsigen Landzunge, an der die Furt zwischen den Seen liegt, hatte der Jerf gelauert auf die wandernden Rener. Ein schwacher Nachzügler, ein Tierkalb vom vorigen Jahre, war ihm zum Opfer gefallen. Da kam »Varg« der Starke, gerade zur rechten Zeit. Mit wildem Einsprung verjagte er den knurrenden und zähnefletschenden Jerf vom Risse und schlang sich satt am Rest seiner Mahlzeit. Den Rest ließ er »Michel«, dem Fuchs.

Durch die Nacht hin trabte der Wolf, über Steingeröll und Blößen und gegen Morgen dann durch einen Moosmorast mit schütterem Fichtenbestand.

Dort schlich er behutsam, alter Gewohnheit treu. Im Lenz gibt es hier allemal Spaß und Unterhaltung. Horch! Fittichschlag und Poltern! Die Lauscher des Grauhundes stellen sich auf, tief in den Porst geduckt, schleicht er vorwärts. Vor ihm ist ein Hahn abgebaumt, ein anderer gefolgt. Mit gestrafften Schwingen, »den Schlitten ziehend«, schreiten sie den Schnee furchend einher zwischen gockenden Hennen, springen auf und sausen in schräger Richtung durch die Luft. Verrückt wie Birkhähne. Plötzlich reckt eine Henne den Hals, wendet den Kopf. Gock, gock, gaock! Wie sie abstreicht, macht auch der vorderste Hahn sich dünn und lang. Da fährt der graue Klumpen, den der Hahn für Flechtenmoos angesehen hat, ihm an die Drossel. Schwingenrauschen und Zucken, stiebendes Gefieder. Ehe die abstreichende Kette die Wipfel der Kiefern erreicht, ist der Ergriffene zerrissen. Und rülpsend schnürt der vollgestopfte Wolf seiner Brut auf der Klippeninsel im Waldsee zu.

Den Weg kennt er genau! Vor fünfzehn, sechzehn Wochen war dort am Ufergestein Beißens genug um die Fähe. Hart setzten ihm die Bewerber zu. »Reißzahn« zumal, der Breitbrüstige, dem Kragen und Rückenhaar in dunkelbraunen Strähnen wallten. Aber gegen »Vargs« seidig glänzenden Pelz mit dem frostweißen Reif kam die Schönheit des Schwarzwolfes doch nicht auf. Und im Balgen und Beißen blieb »Varg« ihm über. Gleichmütig schaute die Fähe zu, wie sie sich Schrammen und Schmisse austeilten. Und als »Reißzahn« schließlich mit zerbrochener Rechten und eingekniffener Standarte abziehen mußte, drückte sie sich mit »Varg« hinter das Gestein. Ein paar andere, die dann über das Moor geschnürt kamen, wagten zunächst kaum, den starken »Varg« anzugreifen. Heulend saßen sie auf ihren Keulen, bis ein dritter kam. Ein rechter Landstreicher mit fuchsfahlem Pelz und einer Gaunerfratze. Als der angriff, blieben die andern nicht faul. Aber ehe der zweite den Rachen aufreißen konnte, hatte der Altwolf den ersten bereits erledigt und brachte die andern dann auf den Trab, daß ihnen das Wiederkommen verging.

Stjernsund, der lange Norrländer, der hier in der russischen Karele seit Jahren sich fischend und jagend herumtreibt, kam damals aus dem Staunen nicht heraus. Hatte er heute die lange und tiefgreifende Fährte des Altwolfs gespürt, so fand er morgen die eines andern, der schweißend den rechten Lauf schonte. Und wieder einige Tage später die von zwei andern, die nach links und rechts hin schweißten. Als ihm schließlich die Lage klar wurde, war der ganze Spuck vorbei. Denn das Recht zum Spüren haben die Zweibeinigen nicht vor den Wölfen voraus, und der schlaue »Varg« hatte aus den Widergängen des Jägers auch seine Nutzanwendung gezogen und sich auf die Reise begeben. Zumal hier bei der Fähe nichts mehr zu machen war. Huuaoh! Was hat er erlebt seit der Zeit!

In die Eisen, die ihm die Zweibeinigen stellen, geht er ja so leicht nicht hinein und hineingeworfene Brocken nimmt er auch nicht ohne weiteres auf. Neulich hätte er aber doch beinahe dran glauben müssen. Oben im Norden am Toposero fand er eines schönen kalten Abends das duftende Hinterteil einer Wolfsfähe. Neuschnee lag. Aber »Varg« blieb mißtrauisch. Gierend vor Hunger, schlich er sich dem leckeren Fraße näher und näher. Lange saß er davor. Plötzlich sprang er in die Höhe, setzte darauf zu. Aber etwas riß ihn zurück, er wußte selbst nicht, was. Er schüttelte sich und windete wieder mit erhobenem Fange und aufgezogenen Lefzen das Luder an. Dann plötzlich machte er kehrt, schlich sich fort und konnte doch dem Anreiz nicht widerstehen. Tiefauf heulte er zum Monde empor und starrte dann wieder auf das Leckermahl. Von ferne kam Antwort. Dürre Gestalten schlichen herbei und umkreisten das Luder. Abermaliges Warten, Heulen, Gieren. Schließlich sprang der eine ein, riß und schlang. Gier und Neid zehrte an »Varg«. Doch als er eben zufassen wollte, sah er, wie der andere einen Luftsprung machte, dann ein paar Schneller und schließlich sich zitternd streckte. Da riß es ihn wieder herum, und diesmal trabte er, so weit seine Läufe ihn tragen mochten, fort von dem Ort der Versuchung. Da war Zweibein im Spiel und tückische Teufelei!

Noch schlechter wäre es ihm beinahe ergangen, als er in die Schweinebucht des Buschwächters eingesprungen war. Da hatte er sich schön satt geschlungen an schmackhaften, glatten, kleinen Ferkelchen. Aber die alte Sau machte fürchterlichen Lärm. Und als er sie schließlich kaltmachte, quiekte sie zum Steinerbarmen. Gerade wollte »Varg« das Weite suchen, da blitzte, knallte und stank es. Und hätte er nicht schleunigst das ganze schöne Schweinefleisch fortgebrochen – wer weiß, ob er wieder über die Bucht herübergekommen wäre! Auf der linken Keule schmerzt ihn noch immer die Wunde, und er spürt sich auf dreien seit der Zeit. Ganz gut, daß er dort oben ausgerückt ist. Denn man weiß nicht, was die Zweibeine nach solchen Geschichten tun. Immer sind sie einem gleich mit ihren verteufelten Verbellern auf der Fährte! Also war es besser, ein paar Nächte lang zu traben und einmal nach der Fähe und ihrer Brut Ausschau zu halten. Hunger wird sie ja nicht gelitten haben wie im vorigen Jahre, als sie sich den Magen mit Ton und Birkenknospen ausfüllen mußte. Gerade zur Zeit, als sie die Welpen säugte. Solcher Magenballast hält vor, bis es frisches Fleisch gibt, das Abfuhr schafft. Gut auf alle Fälle, daß »Varg« nicht mit leerem Rachen kommt! Unterwegs hat er wirklich Fraß genug für das Rackerzeug gefunden. Na, das macht sich ja so für einen alten, in allen Schlichen gewitzten Wolf!

Verlorene Heimat

In der nächsten Zeit rauben Varg und die Fähe weitab von der Felseninsel, die ihrer Brut zur Heimat dient. Die kleinen Rangen können nun auch schon tüchtig knabbern, und die Alten müssen hurtig ausgreifen bei der nächtlichen Wanderung. Wieder gibt es da Abenteuer um Abenteuer. In der Altgläubigen-Ansiedlung am Schwarzsee hat die Fähe frühmorgens eine Ziege gerissen. Aber das Weib springt zu und will die liebe Milchgeberin retten. Die Fähe hält fest, bis der Mann mit einer Flinte dazukommt, einem wahren Kanonenrohr von zwei Arschin Länge, worauf die Fähe losläßt und ihn anknurrt. Da springt Varg hinzu, wird aber mit einem Hagel von gehacktem Blei empfangen. Dicker Qualm und herzbrechendes Jammergeschrei. Als ein Windhauch dazwischenfährt, wischt sich der Ansiedler das Blut vom Gesicht und sieht wie die Wölfe die Frau, die eine Birke hat erklimmen wollen, von unten hinauf zerfleischen. Stöhnend vor Schmerz richtet er sich auf und schlägt mit der Flinte dazwischen. Der Kolben bricht ab. Der Wolf reißt ihm den Arm auf. Als der Tag heraufzieht, sind Wölfe und Ziege verschwunden. Schluchzend vor Wut und Schmerz sitzt der Alte mit Babuschka auf der Stufe der wackligen Holztreppe, die beide nicht mehr erklimmen können. Nach einer Woche hat der Herrgott die Alte zu sich genommen. Es war sein Wille! – – –

Ein andermal lauern Varg und die Fähe am Viehstall eines Waldhofes. Das Weib des Karelen hat sein Kind im Kuhstall gelassen, um den Eimer mit frischer Milch ins Haus zu tragen. Dort hört sie Schreckensschreie, stürzt heraus und findet die Stalltür geschlossen. In einem umgekippten Eimer Fetzen Fleisches von der Wange des Kindes; drei Schritte davon dessen blutbeflecktes Kopftuch. Laut aufschreiend folgt das händeringende Weib der roten Spur. Dort auf dem Heuschlag ringt der Wolf mit dem Kinde, das er beim Oberschenkel gepackt hat. Auf dem schlüpfrigen Boden kann er mit seiner Last nicht vorwärts, schwingt das Mädchen hin und her, läuft, dann einige Schritte und so wieder. Das Weib läuft herzu. Varg läßt sein Opfer fallen und zieht, zähnefletschend, auf sie los. Als sie kehrtmacht, um schreiend Hilfe herbeizuholen, packt er das Kind wieder, und als die Viehmagd mit einem Knüttel herzukommt, geht er auf diese los. Und vom Walde her taucht die Gestalt der Wölfin auf. Endlich kommt der Knecht mit der Heugabel, und man trägt die Kleine ins Haus, wo sie in den Armen ihrer Mutter den Geist aufgibt. Die Wölfe schauen alledem aus der Ferne zu. Doch als am nächsten Tage Hilfe kommt und man die Umgegend untersucht, ist nichts mehr von ihnen zu finden. Nur die moorige Stelle im Heuschlag, wo ihnen das Kind entrissen ward, haben sie heulend vor Wut aufgewühlt.

Rotglasig sinkt die Sonne hinter schütterem Birkenwald. Auf der Blöße, wo Beilschlag und Sägekreischen vor Jahren den Wald gelichtet haben, weidet ein rothaariger Enaksjunge sein liebes Vieh, die bunte Kuh, das Pferdchen mit dem Fohlen, die Mutterschafe und ein paar Hammelchen. Zwei struppige große Hunde mit buschigem Kragen und breitbürstigen Ruten schlafen zu seinen Füßen. Plötzlich spitzt die Hündin die Lauscher, richtet den Kopf auf, knurrt, sträubt den Kragen, und im nächsten Augenblick saust sie mit dem aufjaulenden Rüden davon. Der Bube sieht im Hintergrund einen Wolf vor den Hunden wegflüchten.

Na so was, solch ein Frechhund! Noch vor Nacht hier angreifen zu wollen! Na wart! Die Hunde werden dich!

»Uljulju! Uljulju! Uljulju! Faß ihn, den Sohn des Schwarzen, faß ihn! Uljulju!«

Neugierig läuft er den Hunden nach und springt auf einen Stein. Da plötzlich hinter ihm wildes Durcheinander, Schnaufen und angstvolles Rennen. Die Stute beschützt keilend ihr Fohlen. Da ist der Wolf eingesprungen und schleppt einen Hammel davon.

Solches Spitzbubenpack! Erst die Hunde fortzulocken und dann hintenrum zu kommen! Ach Gott, das Unglück! Herr, erbarm' dich, erbarm' dich! Aber was hilft dem Jungen alles Jammern und Schimpfen, er mag dem Himmel danken, daß er selbst mit heiler Haut davongekommen ist! In später Nacht kommen die Köter hechelnd und abgehetzt zurück. Von den Wölfen tags darauf keine Spur zu finden. – – –

Zwischen den schwarzen Blöcken im Steingeröll an der Stromschnelle haben sie den Hammel zerrissen. Immer weiter müssen sie ihre Räuberfahrten ausdehnen, um nicht in der Nähe der Jungen reißen zu müssen. Doch als die Wölfin heute voll von Fraß zurückkehrt und das Wasser aus dem Pelz schüttelt, kommen ihr nicht wie sonst fünf Welpen entgegen. Eins fehlt. Die Alte schnüffelt am Lager herum. Da stinkt es nach Zweibein. Sie beschnüffelt die Welpen. Die stinken auch; einer von der Karelenbrut hat sie angefaßt. Sie bricht den Welpen den Fraß vor und beleckt einen nach dem andern. Da wird ihr klar: einer der beiden Jungrüden fehlt! Gestohlen, geraubt, kein Zweifel!

Da gibt es kein langes Besinnen. Noch in dieser Nacht müssen alle vier fortgebracht werden. Mit einem im Fange rinnt sie sofort durch den See, schnürt über wildes Steingeröll und durch dunkles Bruch, über den Moosmorast und die Hahnenbalzen bis zu dem schwimmenden Venn in der Bucht des Elchsees. Einige letzte Blanken sind hier mit ein paar zehnpfündigen Karauschen darin. Das Wasser stirbt. Das haben die grünen Algen gemacht, die überlebt darin niedersanken, Schicht auf Schicht, immer stärker von Jahr zu Jahr, bis ihre verwesten Leichen anderen Wasserpflanzen Nahrung boten und das Wurzelnetz schließlich angeflogenen Boden und erste Sauergräser trug. Schwamp von vertorftem Gesenke, Birkenanflug darauf in vermaserten Stämmchen, Weidenwerften und Seggen, an den Rändern Sumpfporst und Rauschbeere. Ein paar flachwurzelnde Krüppelfichten, vom Wirbelwind aus dem weichen Boden gerissen, und dazwischen überall das tückische Grün, das jeden lautlos verschwinden läßt, der sich nicht auskennt in diesem Wirrsal von lauernden Gefahren. »Wer im Moor liegt, war nicht geboren«, sagt der Karele von denen, die hier versunken oder versenkt sind.

Huuauh! Das ist ein Platz so recht nach dem Herzen der Wölfin. Hier inmitten von Seggenbülten und Mooskaupen birgt sie den Welpen und schnürt unverwandt zurück, um auch die übrigen zu holen. Ehe der junge Mond sinkt, ist der letzte gerettet. Ehe der Morgen graut, ist der Wolf bei der Fähe und den Welpen. – – –

Am Lachssee aber, in Stjernsunds Hütte, hält ein blondes Karelenmädchen den geraubten Welpen auf dem Schoß. Sie will sich ausschütten vor Lachen über den närrischen Kerl, der anfangs so wild um sich schnappte und kratzte und nun doch schon gierig das Fläschchen mit Ziegenmilch annimmt. Wie lieb er gucken kann; kein Hündchen kann treuherziger sein! Und hat doch auch solch ein Räuber werden wollen wie die andern!

Draußen Gestapf von Schritten. Stjernsund kommt heim mit dem Hütebuben, der den Welpen aus dem Nest genommen hat. Ihr Weg war vergeblich: sie haben die andern vier nicht mehr gefunden. Gott mag wissen, wohin die Wölfin sie geschleppt hat!

Nachtgesang

Spätsommernacht und weicher Glanz des jungen Mondes. Bleich schimmern die Seggebülten wie große Bukette, vom Teufel ins Moor gepflanzt. Auf trügerischem Teppichgrün des Wassermooses der tausendköpfige Chor von Fröschen. Braune Padden mit dunkler Kehlstimme, darüber grüne Jäger als Tenöre. Ab und zu brummt eine Dommel im Baß dazwischen, und die Erpel auf den Blänken melden mit hellem Paak, Paak. Dazwischen das biesende Singen dichter Säulen von Mücken. Millionen ihrer Larven haben dem jungen Flugwild zur Nahrung gedient, und doch sind Abermillionen ausgekommen und verfinstern, sobald die Prellsonne hinter dem Wald verschwunden ist, morgens wie abends und jetzt in der hellen Mondnacht die Luft.

Plötzlich, horch, wie langgezogene tiefe Töne: wauhuh! – huuh! Ist es die alte Wölfin? Hat sie am Nordufer des Sees ein paar Wildganter ergriffen, die bei dieser Trockenheit leicht zu beschleichen sind?

Gierend antworten ihr die Jungwölfe in einem langen Ton mit belferndem und knurrendem Abgesang: Huuh! Wa, ba, wa!

»Wauhau–huuh!« Näher kommt sie geschlichen. Hört nur, wie sie quatscht auf dem Moor. Lustig wedelnd schleichen die Kleinen ihr entgegen.

Da, was ist das? Das ist nicht Mutter! Das sind fremde Gestalten!

Auf Schneeschuhen kommt Stjernsund mit zwei Karelenjungen über das trügerische Moor herüber. Er ist es, der die Jungen mit der Stimme ihrer Mutter betrog. Aber wie Wiesel sind die Jungwölfe hinter ihren Büschen verschwunden. Doch sobald die Moorgänger festen Grund unter den Füßen haben, lassen sie die struppigen Finnhunde los, die sie im Arm über die Moorsuppe getragen haben. Die machen kurzen Prozeß. Bald ist der letzte von den Welpen ergriffen und zerrissen bis auf einen, den Stjernsund vor den Hunden gerettet und in einen Sack gesteckt hat. Schnell werden die Erschlagenen mit den Laufstöcken ins Moor gedrückt, wo es am weichsten und tiefsten ist. Der Sack aber mit dem darinsitzenden Jungwolf wird an einem Werftbusch aufgehängt, neben dem Stjernsund den Ansitz bezieht.

Freilich ein bißchen naß von unten! Macht nichts! Dem langen Schweden lacht das Herz im Leibe bei der Aussicht auf gute Jagd.

Hübsch klar scheint noch immer der Mond. Nur zuweilen huschen ein paar weiße Wölkchen an seiner hellen Sichel vorüber. Allzulange wird die Wölfin nicht auf sich warten lassen.

Dem Gefangenen wird es langweilig in seinem Sack. Man wird hübsch aufpassen müssen, daß er sich nicht herausschneidet. Einstweilen kratzt und strampelt er nur und jetzt – recht so, mein Jungchen – jetzt fängt er an: Huuh! Wa, ba, wa!

Dann nach einem Weilchen greinend: Huuh! Ho, ho, wa! Wieder Kratzen und Strampeln und schließlich in höchster Wut: Huuh! Aeeho, rrr!

Drüben lärmen die tauchenden Erpel, und eine Kronenschnepfe jagt auf. Stjernsund lauscht. Richtig, ein Plunschen im Röhricht und dann, näher schon, ein leises Brechen. Dann wieder Stille. Wieder klagt der Jungwolf im Sack am Weidenbusch. Da zeigt sich, vom Mondlicht voll beschienen, die Gestalt der Wölfin.

Am Boden wittert sie die Spur des Feindes. Aber dann ist Stjernsund durch Wasser gegangen, das die Fährte verhehlt. Der Werftbusch scheint der Wölfin verdächtig. In weitem Bogen will sie sich Wind davon holen. Aber nicht umsonst hat der Jäger sich an das Wasser gesetzt. So läuft sie ihn geradewegs an. Zwei Blitze und nur ein Knall. Eine Wolke stinkenden Qualmes in der feuchten Luft. Fünf Schritte weit vom Anschuß liegt die alte Räuberin verendet. Mit Jubelgebrüll umtanzt von den ausgelassenen Karelenjungen. Schmunzelnd hebt der lange Schwede die gute Beute in die Höhe. Zwei Arschin und vier, fünf Werschok, (160 cm) mißt sie von der Nase bis zur Rutenspitze. Und ein Gewicht hat sie wie ein guter Rüde! Wird nichts an drittehalb Pud fehlen (also etwa 40 kg). Dabei hat sie nach dem Schuß den ganzen Fraß herausgewürgt; eine nette Bescherung von Federgewöll und Fleischfetzen!

Sofort, ehe die Todesstarre eintritt, wird die Alte aus der Haut gestreift. Das Haar ist schon vollständig gewechselt, aber freilich noch kurz und stichlig. Schade drum: im Winter hätte der Balg einen prächtigen Pelz gegeben. Aber sicher ist dies die Urheberin alle der Schandtaten an Mensch und Vieh. Recht ist ihr geschehen!

Lachend stülpt Stjernsund dem ältesten Jungen die Wolfshaut, an der der Schädel geblieben ist, auf den Kopf und gibt ihm die Vorderläufe in die Hände, damit er, wie ein Scheitan herausgeputzt, im Triumph dem Zuge vorantanzen kann.

Der abgebalgte Kern wird in den Sack gesteckt und dem andern Jungen aufgepackt, Stjernsund selbst nimmt den geknebelten Jungwolf unter den Arm und einen Finnhund auf den Rücken, und so wird der Heimweg angetreten. Auf Schneeschuhen über das Venn, solange es weich und durchlässig ist, und dann »zu Fuß« durch die Kiefernheide der Luderhütte zu, wo das Aas der Wölfin leicht verscharrt wird. Der Mond steht im ersten Viertel; just die rechte Zeit. Da soll das Luder gute Kirre geben für den Altwolf. Warte nur, Meister Varg!

Vom Elchvenn her aber tönt nun Nacht für Nacht noch schauriger als zuvor das drohend klagende Geheul des Altwolfes: Wuuhuhaah! Wuuhaahoahoh!

Tollwut

Tafeleben dehnt sich die Steppe dahin, nur zuweilen langgewellt oder zu Talbildungen gesenkt. Kein Baum, kein Strauch, so weit das Auge über verdorrtes kurzes Büschelgras dahinschweift. Zuweilen rollt im Winde wie eine Kugel das entwurzelte Gerank der »Steppenhexe« dahin. Rastlos, zwecklos, wie die Leere dieser Einöde. Selbst die Mulden, die im Frühjahr oder Herbst für kurze Zeit sich mit Wasser füllen, das dann weite Gegenden in tieferen Lagen überschwemmt, starren jetzt dürstend gen Himmel. Hinter ihnen Flugsanddünen und weiß schimmernde Salzwüsten, dazwischen Lößflächen, von denen jeder Windzug dunkle Wolken dichten Staubes entführt.

In lähmender Glut brennt die Sonne herunter auf die Auls der Kirgisen. Über dem Boden flimmernd spielt sie in täuschender Spiegelung mit dem Elend der Steppe. Dort zaubert sie einen Haufen dreckigen Kameldunges zur schattigen Felslandschaft auf, dort aus Steingeröll verödeter Friedhöfe ragende Burgen und Zinnen wehrhafter Festen. Überstaubt und dem ewigen Gleichklang des Bildes eingefügt, wirken die ruhenden Herden der Pferde und Kamele kaum belebend in der Eintönigkeit dieses Bildes.

Aus den losen Geröllsteinen, die in der Nähe des Auls als Landmarke geschichtet sind, erhebt sich ein dürrer Gast und trabt mit gesenktem Fange und eingekniffener Rute durch die flimmernde Mittagsglut.

Auch in seinen Adern glüht es. Eine rasende Wut verzehrt seinen zitternden Leib. Unerträglich quält ihn der Durst, und doch ist er voll Grauens und Ekels der Pfütze an der steinernen Viehhürde ausgewichen, die er am »Schwarzen Berge«, dem Rande der breiten Lößspalte, traf. Wie brennende Wunden beißt ihn der Hunger im Gedärm, und in wilder Hast jagt er auf die flügellahme Krähe zu, die mit kreischendem Entsetzen vor ihm sich zu retten sucht. Aber als er sie ergriffen hat, schüttelt er sie und wirft sie weg; denn bei allem Hunger ekelt ihm vor allem Fraße. Wasserscheu trotz allen Durstes, scheuert er an jedem Grasbüschel den Geifer ab, der ihm von den Lefzen trieft. Dann trottet er weiter, sinnlos immer weiter. Immer nur von dem einen wütenden Drange getrieben, nach allem zu schnappen, was sich ihm in den Weg stellt.

Als er über Wind an der lagernden Herde vorbeischnürt, wo die Hunde unbeweglich schlafen, wird eine Hündin, die ihn gewittert hat, laut. In wirrer Hast stürzen alle auf den struppigen Strolch los, dem sich die Seher verdrehen und um Lefzen und Lauscher drohende Falten zucken. Eine wilde Beißerei gibt's und wüste Rufe vom Aul her dazu. Der Wolf ist dem stärksten Hunde an die Kehle gesprungen und hat mit einem Biß ihm die Drossel zerbrochen. Dann schüttelt er sich den heulenden und knurrenden Knäuel vom Leibe und nimmt Reißaus. Hinter ihm her die von Schmerz und Wut rasenden Hunde. Aber schon sind zwei Reiter auf ungesattelten Gäulen ihm auf der Spur. Jeder hat eine Bleikugel in die Spitze seiner Knute geflochten, und so jagen sie den Dürrhund vor sich her über die Bleigrau im Mittagsdunst zitternde Steppe, bis der Gehetzte mit steifem Genick zusammenbricht und ein paar wohlgezielte Hiebe seinem Räuberleben und seinem Elend ein Ende machen.

Daheim im Aul bleibt das Nachspiel nicht aus. Unter den Hunden bricht die Tollwut aus, und alle müssen erschlagen werden. In der Kibitka des Mullah aber wird beraten und gefeilscht um Amulette, die den Pferden umgehängt werden sollen, um die Gebissenen vor der Tollwutgefahr zu schützen. Leider wird dem ehrwürdigen Greis in seinem Handel mit Koransprüchen und Ellbogenknochen vom Schafe, die als besonderer Schutz wirken, viel unlauterer Wettbewerb bereitet. Irrlehrer, die Mohammed verdammen möge, ziehen durch das ganze Land und betrügen Leichtgläubige mit Krankheitsbeschwörungen und Wahrsagereien, dreimal verfluchten Resten des absterbenden Schamanendienstes aus der vorislamitischen Zeit. Ein solcher altheidnischer Schwindler, Gauner und Erzbetrüger ist es auch, der den Kopf des zu Tode gehetzten Wolfes abgeschnitten und am Eingang zu seiner Jurte vergraben hat. Trotz aller Predigten des Mullah steht dieser Brauch noch immer hoch im Schwange, von den östlichen Säumen der Steppe bis zu den Baschkiren im Ural, die nicht ruhen und rasten, bis sie einen Wolfsschädel unter der Schwelle ihres Hauses haben.

Neue Zeit, alte Zeit, hier wie überall im heiligen Rußland!

Vargs Ende

Sengende Dürre landein, landaus. Selbst die Eismoore Sibiriens brennen und sind von Wolken schwarzen Qualmes verfinstert. Selbst im Ural jagen durch die Taiga die Waldbrände in prasselnder Eilung dahin. In Karelien sinken die Seen, weil der Zustrom versiegt. Das trügerische Elchvenn ist ausgedörrt. Alles Flugwild ist davongezogen. Gierend trabt Varg über das glühende Moor. Standhaft ist er dem Luder von der Wüste ausgewichen, das die Zweibeine im Walde am Moorrande vergraben haben. Draußen auf den Karelenfeldern hat er ein paar Kartoffeln gebuddelt und ein Stück Kürbis gefunden, hier auf dem Moor eine Natter verschlungen und dann einen Frosch gegriffen, schließlich noch einen. Ist ja schließlich was! Aber doch ein Köterleben!

Als die Abendsonne mit blutigem Schein im Dunst versinkt, trabt der Wolf moorauf, waldab. Kein Flugwild ist ringsum vernehmbar, kein Waldhase steht vor ihm auf. Mit unwiderstehlichem Drange zieht es ihn doch wieder zu dem Luder hin. Zwar wagt er nicht einzuspringen, aber gierend sitzt er davor und saugt den Duft ein. Schließlich reißt es ihn doch zurück, und er trabt weiter, um den Durst an der kleinen Quelle zu löschen, die sonst in vollem Sprudel am Fuße des Waldhügels hervorbricht, jetzt aber nur noch ein dünnes Gerinnsel bildet, das im fauligen Waldlaub versiegt.

Am nächsten Morgen liest Stjernsund hier die Handschrift des Wolfes und arbeitet mit dem Finnhund die Fährte aus. Richtig, die führt zum Luder. Und hier hat der Wolf gesessen. Schnell entschlossen führt der Jäger seinen Hund zu der Stelle, wo das Luder verscharrt ist, und gestattet ihm, es auszubuddeln. Dann schnallt er ihn, läßt ihn auf dem Luderplatz und wendet sich allein seiner Hütte zu. Gegen Mittag kommt der Köter vollgefressen und stinkend wie ein Iltis nach Hause, und vor Abend bezieht Stjernsund seinen Platz an der Luderhütte.

Wieder steht der Mond im ersten Viertel. Da wird der Wolf nicht lange auf sich warten lassen. Und richtig. Diesmal gelingt's! Gegen Mitternacht trabt Varg heran; zunächst bleibt er dem Luder gegenüber sitzen. Aber durch das Zugreifen des Hundes ist sein Mißtrauen überwunden, und in heftigem Satze springt er zu, um gierend zu schlingen. Der Aasgestank übertäubt die Witterung seines Feindes, also tritt er sorglos auf den Hügel, auf dem die Fähe verscharrt ist. Frei hebt er sich in voller Breitseite gegen den bleichen Himmelsraum ab, und der Schütze bringt Korn und Kimme auf sein Ziel zusammen. Unter Feuer, Knall und Qualm verendet das Haupt der Sippe, die einen Sommer lang den Schrecken der Ansiedler am Elchsee-Venn gebildet hat.

Gezähmt

Und wo sind Vargs Söhne geblieben? Der Nestling vom Kaunis-Kangasch und sein auf dem Elchsee-Venn geraubter Bruder?

Auf Stjernsunds Höfchen hausen beide brüderlich in einem Zwinger mit einer Finnhündin von gleichem Alter. Sie spielen und balgen sich mit ihr den ganzen Tag, bringen ihr ohne Futterneid das halbe Futter, obwohl sie so viel fressen, als man ihnen vorsetzen mag. Drei Schüsseln voll den Tag mag gewiß ein jeder. Kommt ihr Herr, so springen sie an ihm in die Höhe, lecken und liebkosen ihn. Verläßt er sie, so winseln sie hinter ihm her, und wenn er sie vernachlässigt, heulen sie die ganze Nacht. Freilich darf ihr Herr auch nicht übelnehmisch sein und es nicht mißverstehen, wenn einer von den spielenden Schlingeln sein Knie in den Fang nimmt. Es ist ja doch nur alles Spaß. Kein Hund hat den Herrn so lieb wie »Varg« und »Jerf«. Und warum denn auch nicht? Die erste Freundschaft, die der erste Eiszeitrecke in der hochnordischen Heimat des Menschengeschlechtes schloß, galt doch wohl zweifellos dem Wolf, von dem alle Barsois, Bracken, Laiki und sonstige vierläufigen Gefährten zur Jagd abstammen. Rückhaltlose Unterwerfung hat von ihnen allen der strenge Gebieter gefordert. Sie dürfen ihm das Wild aufspüren und zu Stande hetzen, aber wehe ihnen, wenn sie es anschneiden! Denn als einzigen Lohn hat der Jäger ihnen die Reste seiner eigenen Mahlzeit gelassen und – die alte Jagdleidenschaft.

Aber selbst diese hat der Hund opfern müssen, wenn aus dem Renjäger ein Herdenbesitzer und Renzüchter wurde, der den Hund als Hirten brauchte und als einzige Jagd ihm nur noch die auf die Feinde der Herden, des Hundes eigene wilde Artgenossen, gestatten konnte. Um diese fernzuhalten, muß der Hirtenhund selbst die besten Eigenschaften des Wolfes haben. Daher im hohen Norden der Neuen wie der Alten Welt die fortgesetzte Blutauffrischung mit der wilden Stammrasse, der auch Stjernsunds Nestwölfe dienen sollen.

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