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Wild Welt und Du

Fritz Bley: Wild Welt und Du - Kapitel 6
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleWild Welt und Du
publisherVerlag Deutsche Volksbücher
year1952
editorWulf Bley
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180406
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Schwarzwild

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Urian

Der Ukleysee ist tief und klar, aber nur im Kahn vom Langen Fließ aus zu erreichen. Das verbindet ihn mit der Stillen Lanke und dem Großen Möllenthin. Vom Lande aus hat kein Menschenauge je seinen blauen Spiegel erschaut; denn hohe Rohrwälder umkränzen ihn. Und was man sonst so Ufer nennt, ist bei ihm ein viele Büchsenschüsse breiter Streifen von Moor, Kaupen, Weidicht und suppenweichem Bruch. Kein Hund kann drin schwimmen oder waten. Auf dunklen kleinen Erleninseln brüten Seeschwalben, Lachmöven und Krickenten, stolzieren Kraniche und fischen Reiher, aber kein Kiebitz klagt, keine Bekassine meckert, keine Rohrdommel brüllt. Und wenn die lärmenden Möwen mit ihrer flüggen Brut das Waldmoor verlassen haben, liegt die »Voßmaratz« am Ukleysee in tiefem Schweigen. Oben am Berge rauscht dunkler Fichtenwald, und im Morgensonnenschein glüht eine einsam stehende Randkiefer wie eine rote Fackel über den See hin und nach den strebsamen jungen Artgenossen in der Schonung am anderen Ufer hinüber.

Das ist die Feste des alten Bassen. Bei den Grünröcken rings im Lande heißt er »Urian«. Nicht schlecht hat er seinen Standort gewählt. Wer in der Voßmaratz ihn suchen will, muß im Kahn kommen. Im Winter sorgen die Sprinde aus den Randbergen dafür, daß nicht das Eis eine Brücke schlägt. Und in hellen Mondnächten, wo kein Keiler dem grünen Teufel traut, findet er hier immer gedeckten Tisch. Süße Knollen der Seerose und Mummel mit Kalmus gewürzt, dazu Kerfen, Larven, Nattern, frische Enteneier oder nackte Möwenbrut, im Herbst Rausch- und Moosbeeren und im Winter angeschossene Rehe oder sonstiges Kroppzeug.

Urian ist kein Kostverächter. Er macht nicht viel Federlesens mit einem jappenden Kitzbock, dem er im Moore den Weg abschneiden kann. Aber er fragt nach weißen Mohrrüben und derlei Näschereien wenig, solange Eiche und Buche ihm nahrhafte Mast streuen; es ist eine Verleumdung seiner unwissenden Feinde, die sich in die Seele eines alten Hauptschweins nicht hineindenken können, daß er aus Grundsatz und persönlicher Bosheit die Bauernfelder umbreche. Das tut er nur, wenn im Walde Schmalhans Kostmeister wird, oder im Spätherbst, wenn die Leidenschaft ihn zu der Rotte zieht, die es nicht lassen kann, nachts auf den Feldern zu naschen. Wie dumm solche Dreistigkeit ist, hat Urian schon in früher Jugend als kaum dem Gesäuge entwöhnter Frischling erfahren. Die alte Bache führte ihn mit seinen Geschwistern nur in dunklen Nächten auf die Kartoffeläcker, bei zunehmendem Monde nicht vor Mitternacht und bei abnehmendem frühzeitig, ehe die verräterische Sichel heraufzog. Und doch hat sie in einer solchen Nacht sich den Tod geholt! Und Urian hat der Donnerblitz, den ein Bauernjäger aus einem dunklen Erdloch in dem Kartoffelfeld ihm entgegengeblasen hat, gräßlich in den Knochen gewurmt. Die rechte Schulter ist ihm zeitlebens steif von den juckenden kleinen Donnerkeilen geblieben, und mit dem Vorderlauf tritt er seitdem in die Kaul. Wenn er's eilig hat, geht er auf drei Läufen flüchtig, und an dieser Fährte kennen ihn die verwünschten Grünröcke als die größte Berühmtheit seiner Art zwischen Möllenthin-See und Ucker. Damals war er noch so einfältig gewesen, die schmerzende Wunde, die er selbst davongetragen hatte, und die, an der seine Mutterbache unter elenden Qualen im kaum noch erreichten kühlenden Morast verendete, als Folgen eines natürlichen Blitzes anzusehen. Aber seit dem Liebesabenteuer vor drei Jahren weiß er es besser, und er kümmert sich seitdem noch sorgfältiger um die Fährten der Grünröcke, als die um die seinige. Er war damals schon ein hauendes Schwein und lebte zur Rauschzeit in grimmiger Feindschaft mit einem anderen Keiler, der sich allzu mausig bei den Jungbachen machte und ihm frech entgegentrat. Da setzte es in jeder Nacht statt Liebe Hiebe, Schmisse und Bisse, und auf beiden Seiten ging das nicht ohne zorniges grobes Blasen ab. Der Boden des Kampfplatzes sah am nächsten Morgen übel aus, zumal in den verwünschten Kartoffeln, in die sie durch die Rotte wieder hineingelockt waren! Und das führte zu bösem Leumund und lautem Geschrei. Der Bauer schalt die Jäger, daß sie den Sauunfug begünstigten. Und der alte Knasterbart von Förster, der seines Reißens wegen den nächtlichen Ansitz am Wechsel nicht mehr vertragen konnte, warf dem Hilfsjäger in den zärtlichsten Ausdrücken Abneigung gegen Klammfrost und Nebel und Vorliebe für die Ofenecke in der Dorfschenke vor. Zu seiner Zeit sei das alles anders gewesen! Aber die heutige Jugend habe kein Verständnis mehr für die Schönheit einer bereiften Dezembernacht und nichts als Schürzenjagd im Kopfe. Försters Lieschen hatte infolgedessen verweinte Augen, und der eheliche Frieden im Forsthaus wurde hinter der Gardine oft durch rauhe Barschheit gestört, die Urian ungemein natürlich empfunden haben würde, wenn er sie hätte vernehmen können. Der alte Förster knurrte: »Lieber ein Kampf mit 'ner wehrhaften Sau, als einer im Bau mit 'ner zänkischen Frau!«

Während Urian seine liebe Not hatte, den scharfen Hieben des wendigen Nebenbuhlers auszuweichen und Nacht für Nacht seinen Platz zu behaupten, ahnte er nicht, was seiner Schwarte von anderer Seite drohte. Zwar war er schon längst mißtrauisch gegen den Kartoffelacker und suchte die Bachen von ihm fernzuhalten. Aber wenn er sie mit wütendem Blasen umkreiste, um sie zusammenzutreiben, so band sofort der Gegner mit ihm an, und dann gab es für die Rotte kein Halten mehr, und im scharfen Trott trollte sie durch Bruch und Heidewald hinaus auf die verbotenen Felder. Da war nun zum Glück ein vom Walde umschlossener Kesselwinkel, in dem der Wind fortwährend krüselte, so daß die aufmerksame alte Geltsau sofort Witterung kriegte, von welcher Seite auch der Jäger sich nahen mochte. Aber der Teufel treibt heutzutage selbst in den dunkelsten Nächten mit einem ehrlichen alten Borstenkittel sein Spiel, und die Menschen werden alle Tage schlechter und namentlich die Jäger immer abgefeimter.

Der junge Hilfsjäger war kein Freund vom nächtlichen Ansitz. Er schoß seinen Keiler lieber bei gutem Büchsenlicht. Aber in diesem Falle mußte er sich schon zur nächtlichen Warte bequemen. Wie Urian diesen Grünschnabel haßte, der seine Nase in jede Fährte steckte, die ein verliebter alter Keiler am Waldrand hinterlassen hatte! Ganze Geschichten, die ihn gar nichts angingen, las er sich da aus allerhand kleinen Anzeichen zusammen; und wenn er hinter Urians heimlichste Schliche und Herzensschwächen gekommen war, so grieflachte er noch dazu! Den Rückwechsel durch das Teufelsbruch hatte er ihm durch einen langen Drahtzaun versperrt, und eine Schütte verlockender Kartoffeln mit Mais war dort aufgehäuft. Hinter der Kirrung war ein hoher Steinhaufen, den Urian nicht umkreisen konnte. Er mußte an dem Drahtzaun entlang an die Kirrung heranwechseln. Bei Nordwind war das schlimm! Denn der stand geradewegs in das abgesperrte Teufelsbruch hinein. Und sobald Küsters rostiger Kuckuck auf dem Dorfkirchturm nach Norden stand, saß der schlechte Kerl, der Jäger, bei dem schlechtesten Sauwetter in seinem Loch und wartete. Den Bachen tat er nichts, denn er hatte es nur auf Urian abgesehen. Vor sich auf dem flachen Deckstein des Haufens hatte er ein braunes Ding liegen. Wenn er daran drückte, so gab es einen hellen Schein, wie eine Sternschnuppe zur Zeit der Weizenreife, nur ruhiger und andauernder. Und wenn er wieder drückte, so war alles dunkel und die Nacht so kohlrabenschwarz wie zuvor.

Die Rauschzeit näherte sich bereits ihrem Ende, da brach das Unheil über Urian herein. Die Nacht war schwarz genug, und Urian konnte kaum den Pürzel seiner Lieblingsbache vor dem eigenen Gebrech sehen. Eigentlich hätte er da ganz sicher sein dürfen. Aber als er hinter der Rotte an den Kirrplatz heranwechselte, drängelte sich wieder der verhaßte Nebenbuhler heran, und es gab eine Mordsrauferei, keine zwanzig Schritt weit von dem verteufelt verdächtigen Steinhaufen.

Eben hatte Urian den Nebenkeiler abgeschlagen, und mit wutschäumendem Gebrech, den Pürzel ausgestreckt, stand er hoch aufgerichtet da, im Stolzgefühl des behaupteten Sieges. Da leuchtete ein geheimnisvoller Schein auf, ihm gerade in die Lichter hinein, so daß er nicht erkennen konnte, was hinter dem blendenden Scheine vorging. Und ehe er zum Nachdenken kam, blitzte es noch einmal, aber diesmal rötlich. Nur Urian wurde grün und gelb vor den Lichtern. Er hat auch den kurzen, scharfen Knall nicht gehört, der dem Blitz folgte. Denn im wilden Schmerz wälzte er sich, alle viere in die Höhe, am Boden. Aber nur einen Augenblick! Dann war er auf und hinter der stürmenden Rotte her. Am Waldsaum rannte er mit dem Gebrech gegen den Drahtzaun, daß es brummte. Das brachte ihn zur Besinnung und riß ihn herum: durch den Buchenwald flüchtete er in das Moosbruch, dann über die Mühlwiesen und in das Röhricht des Ukleysees hinein. Da kam ihm in dem furchtbaren Schmerz im rechten Licht zum Bewußtsein, daß der Blitz nicht vom Himmel, sondern aus dem Erdloch gekommen war, genau so wie damals, als er als Frischling das Feuer auf der Schwarte brennen fühlte. Diesmal hatte es aber nicht den Schild getroffen, sondern den Kopf. Wütend vor Schmerz, warf er sich ins Wasser, um den Brand zu kühlen. Und dann entsann er sich, daß hier seines Bleibens nicht sei. Morgen würden ihn die verwünschten Hunde finden; denn die Fährte, die er heute hinterlassen hatte, die würde noch tagelang stehen, bis eine starke neue sie deckte. Zitternd richtete der alte Bursche sich auf, dann glitt er nach einigen vorsichtigen Schritten leise ins tiefe Wasser und rann durch den See, um drüben an der Voßmaratz ans Ufer zu steigen.

Dort war er in Sicherheit. Nicht Hund noch Jäger hat dort seine Fährte gefunden. Und langsam ist er von der bösen Wunde dort bei schmaler Kost und grimmenden Schmerzen genesen. Aber wie hat der Schuß ihn zugerichtet! Den rechten Haderer hat er ihm fortgerissen, und das rechte Licht ist ausgelaufen. Desto trotziger und entschlossener blickt Urian aus dem linken in die Welt hinein, und das rechte Gewehr hat nun Platz, sich ohne Widerstand vom Haderer desto länger auszuwachsen. Und jedenfalls hat Urian jetzt aufgehört, Spaß zu treiben und Spaß zu verstehen. In der letzten Rauschzeit hat er dem Keiler, der an all seinem Pech die Schuld trug, einen Schmiß in die linke Flanke versetzt, der ihm das kleine Gescheide rausgerissen und seinen Zudringlichkeiten ein Ende gemacht hat. Und den Bachen folgt er auch nicht mehr auf die Felder, sondern er trieb sich eine Jungbache in die Voßmaratz hinein, aus der er sie erst wieder herausließ, als er eine andere zum Ersatz fand.

In der Jägerwelt ging, da man nichts mehr von ihm spürte, das Gerücht, er sei damals an den Folgen des schweren Kugelschusses verendet und der eigenen Rotte zum Fraß verfallen. Andere meinten, er sei ausgewechselt, der Kuckuck wisse, wohin. Jedenfalls galt er als verschollen, und ein fünfjähriger Keiler, der auf den Feldern bei seinen allmählichen Besuchen sowie an den Suhlen eine grobe Fährte hinterließ, wurde an des alten Statt mit dem Ehrennamen »Urian« belegt.

Da kam der strenge Winter, der selbst die Sprindquellen der Voßmaratz in Eis legte und den alten Weidspruch zu neuen Ehren brachte: »Der beste Leithund, das ist der Schnee; der bringt den Sauen Tod und Weh!« Da hieß es in der Jägerei wieder, in der Voßmaratz stecke ein Hauptschwein, und es wurde vermutet, Urian sei doch noch am Leben. Aber der Alte hielt sich trotz Schnee und Eis zurück und drückte sich bei der Treibjagd in mürrischer Vorsicht durch die Treiber. Und der daran glauben mußte an diesem für die Rotte so schwarzen Tag, das war der Fünfjährige, der falsche Urian, der den Hunden noch mit Grobheit glaubte zusetzen zu können. Schließlich brach auch das Bolleis der Voßmaratz, Lilien, Froschlöffel und Sumpfdotter sprossen wieder auf, und die bitterste Not war vorüber. Der Spielhahn rodelte, die Schnepfe kehrte wieder, und ein alter Rehbock machte Urian zuweilen um der saftigen Moorgräser willen Besuch.

Da kam etwas wie ein Trotz über den alten Burschen. Um diese Zeit bestellten die Bauern ihre Felder, und auch die Förster setzten auf ihrem Dienstlande jetzt die Kartoffeln. Das ist eine gar zu köstliche Leckerei, in ihrer Seltenheit weit verführerischer, als im Herbst die üppig vollen Felder. Also versuchte Urian es in einer besonders finsteren Nacht. Und, wohl wissend, daß der verhaßte Grünrock ihm in der nächsten Nacht auflauern würde, nahm er in dieser das Dienstland des Nachbarförsters an und dann das eines dritten und vierten Grünrockes oder das Zwergstück eines Eigenkätners, bis der Ruf seiner Schandtaten seinen ganzen Wirkungsbereich erfüllte und es ausgemacht und bestätigt war, daß er jedesmal in die Voßmaratz zurückwechsle.

Ja, Urian, so stehen die Dinge!

Die Bauern von Grünwalde haben keine Ruhe gelassen, das Amt und – unter Androhung von Polizeijagd die Möllenthiner Verwaltung – aufgefordert, für besseren Feldschutz zu sorgen. Die Förster haben zu dem Schaden nun auch den Spott. Und wenn sie Urian schon vordem auf dem Strich hatten, so begreift man, wie sie ihm jetzt grün sind! Alles haben sie versucht. Ankirren mit Mais – prost Mahlzeit, eine Bache mit Frischlingen brach die Schüttung weg. Aber kein Urian kam! Der blieb bei seiner Möwenkost. Dann fiel der Aprilregen; da hörte das Spüren überhaupt auf. Urian aber tat dies Sauwetter wohl! Er träumte bereits vom heraufziehenden Zeitalter der großen Weltsuhle. Da sollte es nun doch anders kommen. Das Wildschadengeschrei der Grünwalder und Altenradunger nahm kein Ende, also hat das Amt Polizeijagd angeordnet. Na, die Schützen, die da angefahren, angeradelt und in neumodischen Ungetümwagen herangestöhnt kommen, sehen nicht aus, als verstünden sie sich auf Urians Schliche!

Freilich, den Rückwechsel zur Voßmaratz hat man ihm um Mitternacht verlappt. Aber sobald der Spektakel der wie blödsinnig brüllenden Treiber losgeht, drückt Urian sich am Schilfrande im Wasser entlang, wo die Hunde seine Fährte verlieren.

Endlich ist das Trari-trara vorbei. Eine Bache hat ihre Liebe zu den Frischlingen mit dem Leben bezahlen müssen. Das ist das ganze Ergebnis des amtlichen Lärmes mit Treiberklappen, Kötergekläff und Horntuten! Die ersten Wagen fahren und stöhnen schon davon, und die Gäste schimpfen auf die elende Jagdleitung. Urian denkt an seine nächste Zukunft und will sich schon davonmachen. Da kriegt er Besuch von einem frechen Teckel, der sich mit arger Mühe durch das Schilfgestrüpp hindurchzwängt. Mit giftigem Grinsen sieht Urian ihm zu. Bald aber wird ihm die Gefahr der Lage klar! Das Krummbein da macht Ernst! Es läßt sich nicht schlagen, hält sich immer ab von Urians Gewehren; aber nach hellem Halsgeben setzt die verdammte Kröte jetzt mit grobem Standlaut ein. Und von zwei Helfershelfern kommt Antwort. Vom Ufer her erneuter Schall eines Hornes, der wie ein Läufer klingt und nichts Gutes weissagt.

Fort, marsch, ehe die Hunde kommen! Hinein in den See, um drüben zu landen, wo kein Hund zu Lande hindurch kann. Aber diesmal ist es zu spät. Laut bleibt der Teckel ihm auf, und bald wimmelt der See von halsgebenden Hunden. Immerhin nützt Urian seinen Vorsprung. Aber als er unter der hohen Erle landen will, blitzt es. Durchs Herz getroffen hat der alte Basse eben noch so viel Kraft, festen Grund zu fassen. Dann bricht er zusammen und, gedeckt von den herandrängenden Hunden, bläst er seinen letzten Seufzer aus.

Da klettert Fritz Möller von einer Erle herab, und Krischan Düsing, der Fohlenjunge vom Hofe, rudert den Kahn heran, um seinen jungen Herrn aufzunehmen. Die beiden kannten seit jener Dezembernacht, als die Schweißfährte im See sich verlor, Urians Schliche. Und unzählige Male hatten sie ihm den nassen Rückwechsel zu verlegen gesucht. Immer vergebens, bis es endlich nun doch geglückt ist.

Unter dem Geläute der den Kahn füllenden Hunde tritt der alte Basse seine stille Fahrt an über den im Abendlicht ruhenden Ukleysee.

Spätherbstfäden

Im zerwühlten Kartoffelfelde bricht die Bache mit ihren Frischlingen nach den letzten Knollen. Der Bauer vom Kraigenbrink wird morgen seine helle Freude haben an dieser nächtlichen Arbeit! Unter zerrissenem Gewölk ruft die Wildgans: Gick–ack–gack–gaaick–gickgack! Weit von Sibiriens Eismoor Steppe kommt sie her. Jetzt strebt sie offenen Gewässern an deutscher Küste zu. Der alte eckige Kirchturm von Bollenthin, der in breiter, klotziger Masse aus dem Nebel aufragt, das ist ihr Wegweiser. Gick, gaaik, gaaik, aaa-i, aaa-i, gack; gaaik! Und richtig: dort die müde alte Hängebirke und ihre Gefährten, die Knirkbüsche auf der einsamen Heide von Kraigenbrink! Rauschend läßt der Flug sich herab, und hochaufgereckt sichert er sich ein am Rande des großen Blütenbruches. Nur das Quieken der Frischlinge dringt herüber. Sonst kein Ton in der nächtlichen Stille. Da beginnen die Grauen zu rupfen. Ab und zu ein leises »Gack«. Sonst Schweigen ringsum, tiefes nebelbanges Schweigen. Auch der alte Ganser, der abseits der Sippe steht und wachsam sichert, nimmt schließlich Gras auf. »Gack, gick, gack!« Zufriedene Gäste! Tief rot dämmert's im Osten. Da steht die ganze Gesellschaft auf und fährt mit Brausen durcheinander. »Gick, gack, gack, gick!« Doch bald gliedert sich alles. Gans hinter Gans, in schräger Reihe strebt der Zug über glitzernde Seen und blinkende Flüsse den großen Saatbreiten im Lande der Müritz und Tollense zu. Hoch über Dörfern und Feldern klingt es jauchzend von fröhlicher Fahrt: »Gick, ack, aaa-ik, aaa-ik, gack!«

Über Kraigenbrink will der Nebel nicht weichen. Langwallend nesteln seine Schleier sich an die einsame alte Birke, und mit tastenden Fangarmen umhalsen sie die dunkeln, stachelnadligen Knirkbüsche, die gar nichts nach ihnen fragen. Nur mühsam löst die Heide nun, da die Morgensonne es schließlich gar zu gut meint, Schleier um Schleier von ihrer braungoldenen Pracht, zuletzt das feine Busenfürtuch, das am Mieder von rotbraunen Moorbüschen sich festgehäkelt hatte. Und dann glättet sie ihr von tausend Perlen blitzendes Brokatkleid unter dem klaren Hellblau des Spätherbsthimmels. Kein Lerchenliederjubel mehr und kein buntes Blütenspiel gaukelnder Falter wie zur Sommerszeit. Aber rings ein stilles Frohlocken und traumseliges Leuchten. Glückstrahlend verstreut die einsame alte Birke ihr Blättergold – bald, wenn der Sturm über die Heide hinwuchtet, wird sie verzweifelt ihr langes Rutenhaar raufen. Worauf hofft sie eigentlich noch? Und was ist in die alten Knirkbüsche gefahren? Denken sie nicht daran, wie sie rucken und zerren werden an ihren Wurzeln, wenn der wilde Schneetanz beginnt? Wie verklärt stehen sie da im heiteren Morgenlicht, als seien sie Pinien im lachenden Weinlande Italien und nicht die einsamen Wirte nordischer Wacholderdrosseln auf der öden Heide von Kraigenbrink. Braunrot jubelt und leuchtet der Porst, glänzend wie Rotlack der sonnenverbrannte Heidelbeerstrauch, altgoldig schimmert das längst verblühte Heidelbeerkraut. Und doch ein feierlicher Ernst in all dieser Herbstglückseligkeit. Durch die hellhörige Luft singt es wie Glockenton, der weit, weither hallt aus heimlichem Lande. Wie Abschied von Heimat und Jugend klingt es und wie Abstreifen der Erdenschwere und seliges Hingleiten in weite, schweigende, sonnenbeglänzte Fernen. Und atemlos lauschen Baum und Busch und Strauch dem Ruf aus der fernen feierlichen Andachtsstille.

Eine junge Eidechse, die nach Grashüpfern und Spinnen jagt, klettert auf die Spitze eines Heidekrautbusches und hält dort mit leuchtenden Augen Umschau. Neugierig und verdutzt schaut sie der Fahrt zu, die unternehmungslustig der Samen der alten Hängebirke jetzt antritt. Jedes Korn wird von zwei pergamentartigen Hautansätzen wie von abgestumpften Schmetterlingsflügeln getragen. So braucht es nicht zu Füßen der alten Mutter niederzusinken und im Gewimmel der Tausend elendiglich zu verderben. Frei schwingt es sich, vom Sonnenglanz gelöst, aus der geschwisterlichen Gemeinschaft, hinab und fährt im Gleitfluge dahin in die weite, schöne Welt. O, so weit, so beseligend weit: bis an den weichen Saum des Blütenbruches oder wohl gar bis zum Poggenpfuhl hinüber, wo es in Gesellschaft von Schicksalsgenossen einen neuen Wald begründet. Gewiß, tausend werden auf Stein und Unland hilflos niedersinken, verdorren oder verfaulen. Aber was liegt daran, wenn nur eines von tausend den Boden zu fröhlichem Wurzelschlagen findet!

Die Weißbirke drüben am Bruch hat ihren Samen noch besser ausgerüstet zur fröhlichen Lebensfahrt, sie hat ihm eine Ankerzunge mitgegeben, die in feuchtem Boden sich festhakt. Aber keiner segelt doch so schön und sicher wie die Früchte des Wollgrases, der krausen Distel und des Weidenröschens, die stiellos an ihren Federkronen befestigt sind. Wie kleine Luftballons durchqueren sie die durchsichtige Luft, denn ihr Haarschopf mit seinen trockenen Fäserchen behält seine Tragkraft in allen Höhenlagen, und jedem Hindernis weicht er nachgiebig aus. Selbst der Regen kann sie nur in langsamem Gleitfluge zur Erde niederdrücken. Aber kommt dann die liebe Sonne wieder und trocknet die Fäserchen aus, so kann die Reise mit dem nächsten Wind lustig weitergehen.

O wie köstlich diese herbstlichen Morgenstunden mit ihrer durchsichtigen Helligkeit nach nebelfeuchter Frühe, mit ihrem feinen, langsamen Übergang von fröstelnder Kühle zur leichten Wärme. Mit ihrem Blühen von verspätetem Löwenmaul, winzigen Stiefmütterchen und weißgestirnter Miere, diesem Lebensmut, der allen Todesdrohungen des Winters und allen Stürmen des Herbstes trotzt. Immer wieder ringt er nach eisigen Schauern sehnend dem Lichte zu und will nach so trübem Nebelmorgen doch seinen Frühling träumen. O du leidbefreiter Sonnengedanke in herbstlicher Welt!

Am blauen Distelkopf der Seemannstreue hängt ein zartes weißes Gespinst. Eine letzte Tauperle funkelt darin. Hoffnungsvoll unternommene Fahrt hat da am Abend ihr Ende gefunden. Aber schon ist die fleißige kleine Luftschifferin an der Arbeit, um einen neuen Flugkörper zu bauen. Einen Teil des gestrigen Fadens hat sie, als sie festhakte, damit gerettet, daß sie an ihm in die Höhe kletterte und dabei das zurückgelegte Stück sich um die Beine wickelte. Jetzt hat sie die Spitze des Wacholderstrauches da drüben erklommen, stellt sich dort auf den Kopf und spinnt aus dem röhrenförmigen After und den zwischen den Eingeweiden gelagerten Drüsen einen neuen Faden dazu, ähnlich wie die Seidenraupe aus der Unterlippe ihren Faden herausarbeitet. Das geht flink, denn der arme kleine Weber hat bei guter Kost genug Rohstoff angesammelt.

Wie ein Fähnlein flattern die ersten feinen Fädchen im Winde. Nun weiß die Spinne, woher der Wind weht, dreht den Kopf nach der Windrichtung und spinnt Faden auf Faden, bis ihrer genug sind, um sie zu tragen. Dann wirbelt sie sich um sich selbst, um die Fäden im Unterteil zu einem Tragseil zu verflechten, läßt dann alle acht Füßchen zu gleicher Zeit los und stößt, den Rücken nach unten gekehrt, ab. Unterwegs verstärkt sie das Gewebe unausgesetzt durch neue Fäden und segelt so, emporgetragen vom warmen Sonnenschein, jubelnd in die weite, schöne himmelblaue Welt.

Recht tut sie daran, denn auch ihrer waren, just wie beim Birkensamen, viel zu viele im elterlichen Nest. Zwischen Blättern des Erlenbusches am Rande des Blütenbruches hatte dies gelegen. Eifersüchtig hatte die Mutter die Eier bewacht, die sie in einem prallen Säckchen im Juni dort abgelegt hatte. Aber je mehr die Kleinen gediehen, desto größer ward die Sorge ums liebe Brot. Bis der Weinmond kam mit herbstlich klarem Sonnenschein und die herangewachsene Brut nun selbständig genug geworden war, um aus eigener Kraft ihre Schicksalsfahrt anzutreten. Denn sie haben ja kein festes Schloß mit Gitter und Keller wie ihre ansässigen Verwandten, die Rad-, Trichter- und Röhrenspinnen. Ihnen gehört nur die Weite, die sie durchsegeln, frei wie der Vogel und vogelfrei. Vielleicht geht die Reise nicht weiter als gestern, etwa bis zur nächsten Stranddistel oder einem Windhalm, an dem der Faden sich fängt. Dann muß die Gestrandete morgen von neuem beginnen.

Aber oft trägt der Wind die kleine, rötlich-gelbe Seglerin weit, weit hinaus auf das blaue Meer. Dann muß sie spinnen, spinnen, spinnen, um sich selbst zu erleichtern und ihr Schifflein tragfähig zu erhalten, bis die letzte Kraft erlischt, und ihrer Tausende, die der Wind über Wasser daher getragen hat, schließlich niedersinken und vergehen. Andere vielleicht finden besseres Heil und segeln über herbstliche Fluren goldigschimmernden Buchenwipfeln entgegen, dorthin, wohin die Graugänse in dieser Nacht ihren fröhlichen Flug genommen haben. Leicht kann dann die luftige Fahrt beendet werden. Die Spinne klettert einfach am eigenen Faden hinauf, wickelt diesen wie ein Knäuel um ihre Beine und läßt sich so, wie an einem Fallschirm, im Gleitfluge zur Erde nieder. Auf alle Fälle dauert der Flug immer nur bis Sonnenuntergang, denn mit Abkühlung der Luft sinkt der Faden und nötigt die Luftschifferin zur Zwischenlandung und Aufsuchung eines Obdaches für die Nacht. Erst wenn am nächsten Morgen die Sonne neue Wärme spendet, kann die Reise weitergehen.

An den drei Knirkbüschen bei der Hängebirke ist die Hauptstraße der Marienfäden; ihrer Hunderte hängen da in den Wacholdernadeln fest. Ein Jägersmann rastet dort jetzt mit seiner Schweißhündin. Er hat dem Keiler nachgespürt, der auch in dieser Nacht nach der Bache drüben im Kartoffelacker gebrochen hat. Auch diesmal ist er erst frühmorgens gekommen, denn seine Fährte hat die der Rotte zertreten. Morgen früh will der Jäger ihn am Rückwechsel erwarten. Jetzt steht der Sinn ihm nicht nach Wild und Jagen. Kann es Schöneres geben als das stille Traumglück solcher sonnigen Spätherbststunde? Langsam dockt er den Riemen auf; dann streichelt er Freya den ausdrucksvollen Kopf, den sie mit treuherzigem Aufblicken ihm aufs Knie gelegt hat. Nachdenklich läßt er die Fäden vom Knirkbusch durch die Finger gleiten und freut sich, als er sie dem leichten Lufthauch zurückgibt, ihres Weiterfluges.

Gar manchen Tag hat er aus diesem Versteck heraus heraufziehen sehen, denn vor Jahren schon hat er die Büsche mit dem Weidmesser an den Innenseiten ausgeputzt, daß sie eine lebendige grüne Hütte bilden; hat Plaggen zum Sitz gepackt und für die Füße ein Loch ausgegraben, in dem sie sich behaglich strecken können. Hier hat er den Frühling belauscht, wenn die Spielhähne ringsum kollern und das Rehwild auf dem Bruch sich zusammenzieht, um die Weidenröschen zu äsen, deren Samen jetzt im Herbst so lustig im Winde segelt. Hier hat er dem Grauganser die Kugel gegeben, als der heraufziehende Tag ihm den ganzen Flug bei der Äsung am Bruch zeigte. Hier hat er dem Kiwitt und dem Tütvogel zugenickt und am Meckern der Himmelsziege sich erfreut, hier am lauen Sommerabend dem roten Bock aufgelauert und hier in klarer Winternacht den Fuchs geschossen, der bellend auf der Fährte seiner Fähe schnürte.

Und hier hat er den Marienfäden seines Weidmannslebens nachgesonnen, die ihn gen Ost und West geführt haben, um jenseits blauer Meere Neuland für frische Arbeit zu suchen.

Ehe geahnt, ist darüber der Herbst des eigenen Lebens herbeigekommen. Um die Schläfe spielt es silbergrau, und durch den Blondbart ziehen sich weiße Fäden. Aber das Weidwerk ist immergrün und ewig treu.

Horch! Noch immer dieser geheimnisvolle Ton in der Luft, wie aus unendlicher blauer Ferne! Wie aus einer kochenden Muschel, in der das Meer in tausend ewigen Erinnerungen rauscht.

Herz in dem Wechsel der Zeiten, bist du noch immer jung?

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