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Wild Welt und Du

Fritz Bley: Wild Welt und Du - Kapitel 5
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleWild Welt und Du
publisherVerlag Deutsche Volksbücher
year1952
editorWulf Bley
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180406
projectide8d185de
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Gams

.

Saa–aalz!

Um die Dreisgenzeit ist es, die von Mitte Heuerts bis zur Mitte des Erntemonds währt. Da wirken wundertätige Kräfte. Eier, die um diese Zeit gelegt werden, faulen nicht und werden deshalb aufbewahrt. Und dreizehn heilkräftige Kräuter dürfen nur um diese Zeit gepflückt werden: Johanniskraut, Bilsenkraut, Himmelbrand, Erdweihrauch, und – – – Dem Toni ist ganz damisch zumute: er hat die anderen von den dreizehn Kräutern vergessen, obwohl er doch Maul und Nase aufgesperrt hat, als letzte Nacht die alte Wurzen-Lies am Herde der Resi von der Kräuterweihe erzählte, die bei den Kapuzinern am großen Frauentage, dem 15. Heuerts, stattgefunden hat wie alle Jahre. Nach und nach fällt dem Buben das eine oder andere wieder ein, z. B. daß der Erdweihrauch auch ein Vermeinkraut sei. Aber das ist mehr für alte Weiber! Ihn hat was ganz anderes gepackt, und das läßt ihn nicht wieder los. Höllenteufel, wenn das wahr tät sein: die Geschichte mit der Gamskugel! – In den Dreisgen erbeutet und nüchtern beim Messeläuten eingenommen, macht sie gefror'n und schußfest! Brauchte der Toni dann den Jager-Hiasl nicht mehr zu fürchten, und es könnte ihm nicht ergehen wie dem Sepp, den sie erwischt und eingesperrt haben ins finstere Loch. Der Toni hat sich's gemerkt. Von der Lies kann man viel lernen. Auch, wie man das Wildbret herunterschafft zum Aufkäufer aus der Stadt, der alle Dienstags zum Rößl-Wirt kommt. Grad zur rechten Zeit für die Burschen, die sonntags ein bißchen auf Gamserln spekulieren gehn. Über den Buben kommt etwas wie eine wilde Freude. Er ist in dieser einen Nacht um zehn Jahre gescheiter geworden – meint er. Die Gamskugel wird er bald haben. Der Stutzen steckt drüben in der dürren Zirbe. Und auf den Jäger pfeift er. Hier oben auf der Muntleiten-Alm ist er König. Und die Standorte der Gamserln kennt er so gut wie die Stege seiner Ziegen. Er wird nicht so dumm sein, auf die Grate und in die Hochkare zu kraxeln, wo das Geraffel jetzt sein Wesen treibt. Drüben in der Schlucht, wo der Lärchensaum sich hinabzieht bis zur Wildbachklamm: da ist sein Feld. Ein guter Bock steht dort, wo er der Auerhenne die Eier stibitzt hat, und ein anderer hinter dem Lärchensaum auf der Ritschen. Heimliche Luder alle beide, aber ihrer Jahre sechse bis sieben haben sie gewiß! Spannweite Krucken und dick mit Pech besetzt. Herrgott, das gäbe ein Mordsgaudi, wenn einer von denen eine Gamskugel im Pansen hätte! Der Bub hat sich aufgerichtet und knallt lustig mit seiner Peitsche, obwohl seine Ziegen ihm längst davongeklettert sind. Was kümmern ihn die! Und was hat er tagsüber weiter zu tun, als zu juchzen und mit der Peitsche zu knallen, wenn er zufällig einmal nicht schläft? Morgens und abends freilich gibt es Wichtigeres zu tun: da muß er auf die Gamserln spekulieren. Neulich hätte ihn beinahe der Jäger erwischt. Aber der Stutzen war flink versteckt, und der Toni lief frei weg gerade auf den Hiasl zu, immerzu rufend: »Saa–aalz, Saa–aalz!« Als ob er seine verlaufenen Ziegen suche. Das ist das einzige, wozu die dummen Luder gut sind, daß man sie immer und überall suchen darf. Und dabei dem Hiasl das Wild vergrämen: »Saa–aalz, Saa–aalz!«

Heute ist der Jäger im Forstamt drunten: die Lies hat's gesagt. Wird der Toni also abends, wenn die Sonne hinter den Eiskofel kriecht und die alten Böcke aufstehen, in die Schlucht steigen. Mit dem Stutzen, versteht sich! Spätnachmittags, als die flimmernde Hitze einer milden Kühle weicht, schleicht er durch die Zundern hinab und über den Graben hinunter, um dann unter Wind in der Lärchenschlucht hinaufzusteigen. Wo ein Rinnsal von links hereinplätschert, springt er von Stein zu Stein hinauf, um sich dann vorsichtig auf einer schmalen Platte auf dem Bauche rutschend vorwärts zu schieben. Noch, zeigt sich nichts. Und kein Laut ist hörbar, als das eintönige Rauschen des Baches, das heraufdringt. Da plötzlich raschelt es drüben: der Bock! Vorsichtig sichernd, tritt er heraus. Eine Weile äugt er mit eingezogenem Halse, die vier Läufe eng aneinandergezogen, in die Tiefe. Dann steigt er sorglos herab und äst drüben, um dann unter einem überhängenden, von Alpenrosen gekrönten Steinblock sich niederzutun. Nun schlieft der Toni von seiner Platte zurück, klettert barfuß eine Runse hinab und um die Felsnase herum, an der sich ein kaum handbreites Band hinzieht. Ein Latschenbusch auf der Innenseite gibt ihm Halt und Deckung. Den Bock hat er sofort wieder im Blick: ahnungslos wiederkäuend sitzt er da, den linken Vorderlauf ausgestreckt, aber das rechte Blatt in verdrückter Stellung. Langsam zieht der Junge den Stutzen hoch, dann pfeift er den Bock an; und als dieser aufspringt und verhofft, hat er die Kugel. Zehn Minuten später ist der Aufbruch des Bockes im Moose geborgen und mit Steinen bedeckt. Dem Bock sind je ein Vorder- und Hinterlauf derselben Seite verschränkt, und der Toni schlieft wie in die Riemen eines Schnerfers zwischen die Laufpaare hinein und eilt, den Stutzen frisch geladen, mit seiner Beute vorwärts. Er hat sich nicht die Zeit genommen, den Bock ausschweißen zu lassen, unachtsam der Rotfährte, die ihn verraten kann. Hat auch nicht in die brechenden Lichter des Verendenden geschaut, die wie helle Smaragden erglänzten und nun zu stumpfem Grau erstarrten. Was kümmerte das ihn! Er durchsuchte nur in wilder Gier den Pansen des Bockes, ob sich etwa eine Gamskugel darin befände. Aber nichts fand sich als eine weiche Laubäsung. Gleichviel: in dem Buben jubelt nur die Freude über den gelungenen Streich, daß er laut hinausschreien möchte, wenn ihn der Juchzer nicht verriete.

Doch als er den Graben hinunter und drüben wieder hinauf ist, wo das Latschenfeld unter der Alm sich hinzieht, da schreit er, aber nicht vor Freude! Und einen Schuhplattler tanzt er, wie man keinen noch gesehen. Erst wirft er sich auf den Rücken und angelt mit den Beinen nach der Sonne; dann schlieft er aus seinem Bocke heraus und wälzt sich auf dem Bauche, halb wahnsinnig vor Schmerz. Den Schuß hat er vor Schreck über den brennenden Schmerz nicht gehört, weiß überhaupt gar nicht, was mit ihm geschehen. Hinter ihm aber steht lachend der Hiasl und ruft: »Saa–aalz! Saa–aalz! Du Lausbub, du elendiger, dir will ich die Lumperei aussitreib'n!« Damit hat er einen Wacholder zurechtgeschnitten und dem Buben die Lederhose heruntergezogen, damit auch der Teil sein Recht kriegt. Und dann reißt er eine Schrotpatrone auf und reibt mit dem beizenden Pulver die blutigen Striemen ein. »Saa–aalz, Saa–aalz!«

Das wird helfen! Und der Hiasl meint, es sei gescheiter, als den Buben anzuzeigen und einsperren zu lassen. Ein paar Wochen lang wird er an dem Salzschuß auf die Waden wohl zu kurieren haben, und die Tätowierung wird ihm auch später noch eine wertvoll erziehliche Erinnerung bleiben. Aber was den Schlingel am meisten kränken wird, ist, daß er nicht der Gams-Toni heißen wird, wie er sich eingebildet haben mag, sondern der Saa–aalz-Toni. Für den Spott auf dem Tanzboden braucht er nicht zu sorgen. Der Hiasl richtet das morgen beim Rößl-Wirt pünktlich aus.

Im Vorbeigehen sagt er der Resi, daß der Toni mit Wehdam drunten in den Latschen liege. Als sie den Gams auf seinem Rücken und die Büchse vom Sepp und Toni in seiner Hand sieht, weiß sie Bescheid und geht knurrend hinunter, um den Buben aufzuklauben. Und der Hiasl denkt auf dem Heimwege darüber nach, wie dienlich es manchem anderen gewesen wäre, wenn er zur rechten Zeit die salzige Medizin gekriegt hätte. Brauchte dann nicht mit geschwärztem Gesicht, durch die Brust geschossen, aus dem Kare hinabgetragen zu werden zu seinen wehklagenden Kindern! Oder unter Steinen heimlich verpackt zu verenden, wo nicht Rabe noch Fuchs ihn einer Menschenseele verrät! Hätte gerade noch gefehlt, daß solch ein Lausbub, wie der da heute, über den Jäger kommen wollte! Das Leben ist kein Kirtascherz in den Bergen, da heroben. Dem Hiasl haben die Lumpen einmal viel schlimmer mitgespielt, als der Sepp im letzten Herbst mit seinem wegstibitzten Brunftbock. Als er vor Jahren einen Wilderer auf frischer Tat ergriff und ihm Bock und Büchse abgenommen hatte, erhielt er von hinten einen Schlag, der ihn niederstreckte. Die Kumpane des Wilderers waren ihm nachgeschlichen, als er auf den Schuß herbeigekommen war. Sie zwangen ihn, den gewilderten Bock zu Tale zu tragen. Dort prügelten sie ihn windelweich, nahmen ihm Bock und Büchse ab und ließen ihn hilflos liegen. Seit der Zeit weiß er, was es gilt. Und als zwei Jahre später sein Ohm von den Lumpen erschossen wurde, hat er gewußt, wer ihm die Jägerehre und dem Ohm das Leben genommen hatte. Hart und schweigsam ist er seitdem geworden, wie das Einödkar drüben, das nicht ausgibt, was seine Steine mit ewigem Schweigen bedecken. Mit dem Lumpen, der da drüben verschollen ist, hatte es ebenso angefangen wie mit dem Toni und dem Sepp. War auch erst ein Goaser gewesen, der den Gamserln nachlief, anstatt den Ziegen, und ein Halter dann geworden, der nichts mehr im Sinne hatte, als alle Tage umeinand zu jagen. Bis er abgefaßt und eingesperrt wurde und alsdann von Stufe zu Stufe sank – bis zum Mörder. Das sind die Kirtascherze vom lustigen Wilderer und gefoppten Jäger, über die das Stadtvolk lacht. Die Witwe und Waisen des erschossenen Jager-Ferdl lachen nicht!

Freilich, freilich – wenn der Hiasl so zurückdenkt: er ist ja selbst ein Wildbretschütze gewesen, ehe die Herrschaft ihn zum Jäger machte. Ah was – das ist lange her! Ein dummer Bursche war er dazumal noch. – Aber der Toni, Hiasl, ist der nicht noch jünger, als du dazumal warst? Steckt doch Jägerblut in ihm wie in dir; und das ist doch nun mal keine Buttermilch! – Woll, woll! – Aber Mitleid mit dem Lausbuben? Das gibt's nicht! Strafe muß sein. Denn entweder ist er der Herr da heroben oder der Hiasl!

Und der wetterstarke Kerl lacht in sich hinein: »Saa–aalz, Saa–aalz!«

Eine Morgensonnenpracht! Der Hiasl ist heraufgestiegen, um nach dem starken Laubbock zu schauen, dem heimlichen Alten, der abends und zuweilen auch nach Sonnenaufgang auf die kahle Ritsche tritt, wo er Edelraute und hellgrüne Kresse am Sickerquell äst. Er steht hart auf der Grenze, wo der Progfaller-Xaver ihm oft schon auflauerte wie ein Fuchs. Der Herr Forstmeister hat deshalb den Abschuß befohlen. Aber der Weg war umsonst. Und der Jäger hat sein Frühstück aus dem Schnerfer genommen: ein Stück Schwarzbrot mit Schafkäse und einen Schluck Moosbeerschnaps dazu. Vor ihm dehnt sich die stolze Kette der Berge, und aus den Tälern dampft es herauf in leichten, zerflatternden Schleiern, die den Blick auf die grüne Tiefe freigeben und sich dann wieder schließen wie vorüberziehende flüchtige Erinnerungen. Verträumt schaut der Jäger auf diese Pracht der Heimat.

Dort unter dem Turm auf der grünen Lahn hatte er einen Kampf auf Tod und Leben mit einem Bock zu bestehen, der im Schuß dorthin abgestürzt war. Als der Hiasl sich am Seil herabgelassen hatte und den Bock mit dem Messer abfangen wollte, schlug dieser ihm die Spitze der Krucken in den Joppenärmel, und beide, Bock und Jäger, kamen auf der glatten Grasplatte ins Rutschen und wären abgestürzt, wenn der Hiasl nicht einen Alpenrosenbusch erwischt hätte, an dem er sich so lange halten konnte, bis er den linken Arm aus der Joppe gezogen hatte, um sich dann ganz von dieser zu befreien, die mit dem Bock in die schwarze Tiefe sauste, gerade hinein in den dunklen Kessel des schäumenden Wildbaches, wo der Hiasl Bock und Joppe nach mühsamem Abstieg auffischte. Die dicken Pechkrucken waren unversehrt geblieben. Aber als er den Bock im Forsthaus aus der Decke nahm, zeigte sich, daß der ganze Rücken im Fallen blau geschlagen war. Na, der Herr Forstmeister hat lachend gemeint, es sei immer noch besser, als daß der Hiasl in der Joppen steckengeblieben wäre, und hat ihm das Feist von dem zuwidern Bock zum Einreiben gegeben. Der Hiasl hat die »Fetten« aber innerlich gebraucht, und der linke Arm ist ohne Einreiben gesund geworden.

Dort in dem engen Kamin ist ihm mancher gute Bock zugestiegen, den er oben erwartet hatte, um ihn dann in mühsamem Abstieg im Rucksack denselben Weg hinabzutragen, den der Bock so leicht und flink heraufgefunden hatte.

Drüben unter dem Kreuzkofel, wo die scharfe Schneid in flachem Bogen hinaufführt, ist ein Adlernest, aus dem der Hiasl vor zwei Jahren die Jungen ausgenommen hat, nachdem er das alte Weibchen aus dem Latschenversteck heraus mit der Kugel heruntergeholt hatte, als es den hungernden Jungen Atzung zutrug. Dort ist zur Brunftzeit ein guter Platz, um verliebte Böcke zu Narren zu machen. Der Raufhandel geht da den ganzen lieben Tag lang herüber und hinüber. Und wenn sich einer an der Schneid in die obersten Latschen drückt und die gegerbte Haut von einem Gams mit den Krucken daran über den Kopf zieht, so kann er den durchtriebensten Schlaumeier, der das ganze Jahr über kein Sterbenswörtchen mit sich reden läßt, leicht zu einer Dummheit bringen, nach der es keine mehr gibt. Der Hiasl zumal, der den Bock so täuschend anpfeifen kann, daß dieser, wenn er den Kopf des vermutlichen Gegners aus den Latschen auftauchen sieht, wie besessen heranstürmt. Der Herr Forstmeister hat den Hiasl oft ermahnt, das zu unterlassen. Denn leicht kann einmal ein Wilddieb den »Kumedispialer« für einen wirklichen Gams halten und ihm eine Kugel auf die braune Joppe setzen. Im Sextn-Tal drüben in Tirol ist einmal auf die Art ein Bauernjäger von seinem eigenen Sohn erschossen worden. Aber den Hiasl »stimmt« keiner hier in seinem Reich. Wer soll ihm denn wohl hier in die Quere kommen? Der Sepp ist eingesperrt, und dem Toni ist vorläufig die Lust versalzen.

Und im übrigen, meint der Hiasl, indem er aufsteht und sich zum Weitergehen anschickt, braucht man auch die ganze Dalkerei nicht, um einen alten Zwidrian und Heimlichtuer zu erwischen. Es geht auch so! Sogar ohne Schnee und ohne Liebesnarretei. Freilich, mit dem alten Laubbock, dem nun der Birschgang gilt, muß man es schon fein nehmen. Abends, wenn der Wind aufwärts zieht, tritt er auf den Grieß heraus, aber fast jedesmal an einer anderen Stelle; denn der Progfaller hat ihn schon gründlich vergrämt und ausstudiert gemacht. Bald tritt er ganz nahe dem Talboden heraus, wo am Rande einer Felsnase das Wasser etwas stärker durchsickert, bald fast ganz droben, wo bei Edelweiß und Steinbrech die Edelraute wächst. Also schaut der Hiasl, daß er weiterkommt, um ihm rechtzeitig, wenn die Sonne den Berg überschritten hat, auf der Schneid auflauern zu können. Dann heißt es hinunterbirschen wie ein Fuchs, um dann im Latschengewirr den Schlaumeier anzukriechen. Steinelt auch nur ein Bröcklein ab, so ist's gefehlt. Denn wenn der Bock auch nur zwei Sprünge macht, ist er weg, in den schützenden Wald hinein.

Nach steilem Aufstieg in der heißen Nachmittagssonne ist der Hiasl hochaufatmend am Grat angelangt und wirft nach kurzem Verschnaufen vorsichtig bei abgenommenem Hut den ersten prüfenden Blick hinab. Noch ist nichts zu sehen. Nach einer halben Stunde wird aufs neue Ausblick gehalten. Noch nichts! Drüben, jenseits des Tales, zieht Geraffel am Berge herauf. Nun wird es bald unterhaltlicher werden. Da, ein leises Knirschen unterhalb, gar nicht weit, der Bock ist ausgetreten. Wieder oben. Aufmerksam äugt der alte vorsichtige Einsiedler nach unten. Dann zieht er am rechten Rande des Grießes langsam hinab. Auf der linken Seite der breiten Geröllhalde schleicht ihm der Hiasl mit äußerster Behutsamkeit über das Gestein nach. Endlich hat er die Latschen erreicht; nun geht es besser. Gerade die Felsnase möchte er gewinnen. Dort angekommen, wagt er kaum, über den Rand des Rückens zu schauen. Nichts zu sehen; der Bock ist ihm außer Sicht gekommen. Langsam zieht der Hiasl den Stutzen heran, tupft ein und wartet schußbereit. Da, kaum zehn Schritt weit von ihm, steigt der Bock von links wieder herauf. Kaum daß der Jäger den Grund sieht, kriecht er in sich zusammen. Halbgedeckt steht der Bock im Schatten und spitz auch noch dazu. Aber Zeit ist nicht zu verlieren. Leise richtet der Hiasl sich aufs linke Knie auf – da taucht die Mucke des Stutzen schon ins Schwarze. Und während der Bock in rasender Flucht über den Grieß fährt und dann im widerhallenden Donner des Schusses mit einer Muhre von Geröll auf dem Grieß niedergeht, bis er mit dem Gestein zu Halten kommt, springt der Hiasl in den Latschen hinab und steht in wenigen Minuten bei dem Verendenden. Hinter ihm schallen ein paar Gamspfiffe. »Zwegen meiner kinnt's pfeifen so vui, as's miagt«, denkt der Hiasl, »bal wir den hier nur hab'n! Ganz ausdraht die Krücken und dick mit Pech! Ja, so a alter Lauberbock wia der! Da feit sie nix!«

Bartgams

»Wos wollt's? Grad grüabig ist's daherob'n in der warmen Hütt'n ba'm guat'n Weinerl. Z'weg'n moaner kinnt's nebeln, so vui, as's miagt! Die Brunft ischt eh no nöt racht in Gang!«

Vom Dach der Hütte tropft es: tock, tock! Als zählte der Graunebel die Pulsschläge der Ewigkeit. Von den Bergen keine Handbreit zu sehen. Und die Hütte liegt mit dem abwärts streichenden Rauch verdrossen und verschlafen da. Kein Ton dringt vom Bach herauf, kein Rauschen vom Walde. Nur das ewige Tock, tock vom Nebel bei Nacht und vom Kartenspiel bei Tage.

»Hobt's a wengerl G'duld! Oll's hebt si un geht wiader mit der Zeit. Der Nebel gerad aa so!«

Der Hüne steht an der Feuerstatt, die an der Hüttentür zwischen Fundsteinen eingefaßt ist, knackt Holz und legt an, um Kasnudeln zu backen. Die sind sein Meisterstück, und der Rote vom Angerer Burgberg schmeckt doppelt gut darauf. Ein Trost wenigstens, daß davon noch für ein Dutzend Nebeltage da ist!

»Woll, woll! Und i moan, morg'n in der Fruah gang'n ma's on!«

Der Jagdgast stopft sein Pfeifchen – das wievielte wohl schon in dieser grau angestrichenen Öde! Zündet's an und horcht auf den Nebel. Wie? Der geht ja auf dem Hüttendach in Pladderregen über!

So ist's. Aber selbstverständlich, trotzdem nun erst recht geht es in der dunklen Morgenfrühe hinaus. Wäre ja noch schöner, wenn man sich am hellen Tage vom guaten Wetter in der Hütte überraschen lassen müßte!

In aller Frühe braut der Förster die Brennsupp'n. Gebräuntes Mehl mit Kümmel und Salz auf der gut gefetteten Pfanne, ein heißes Wasser drauf und in die zischende Suppe g'rad ein Ei geschlagen oder zwei. Das hält vor! Draußen ist's stockfinster und der Boden patschnaß. Der Bach liegt im Eise, man hört kein Murmeln, nur das Tropfen des herabfisselnden Nebelregens. Einerlei, vorwärts trotz alledem! »Wenn der Nebel geht hernieder, bringt er schönes Wetter wieder!« Das weiß jeder Laubfrosch im Sommer. Wird im Winter und daheroben wohl nicht anders sein. »Wann's mag, mag's, und wann's nöt mag, mag's woll nöt mög'n. Gang'n ma's on!«

Der Steig führt von der alten Klausenhütte, die jetzt als Jagdhaus dient, aufwärts durch alten Fichtenbestand, in dem nur der sicher tastende Fuß des gewohnten Berggängers in solcher Dunkelheit vorwärts kommt, da kein Himmelszeichen zwischen dem nachtschwarzen Gezweige der hohen Fichten sich auch nur in einer Linie verrät.

Aber schau, schau, als beim Aufstieg der geschlossene Bestand sich öffnet und schütterem Bergwald von Fichten und Lärchen Raum gibt, wird's lichter. Der Regen war da schon abends in Schnee übergegangen, der in weißen Tupferln und Plaggen am Wege liegt.

Das Gamswild steht bei solchem Wetter gern im Mischwald, wo das Krummholz schon der Lärche den Platz streitig macht. Also heißt's hier schön vorsichtig gehen, um nicht zu vertreten.

In der Luft ist ein Ungewisses, das Gewölk jagt in Fetzen am kranken Monde vorüber, der ab und zu ein paar Lichtblicke herabwirft. Immer mehr treten die Umrisse der Berge aus dem Dunkel heraus, und immer kälter wird der Ton des Himmels. Als die Jäger den Grat erreicht haben, liegt unter ihnen im Nebel versunken das weite Rund der Täler, und grausilberig schimmern im Mondlicht die Hohe Salve, der Rettenstein und der Schafsiedlkopf, hinter dem in zartem Tiefrot bereits die Ferner des wilden Gerlos und der Tauern erglühen. Immer breiter und zarter wird das rosige Leuchten, immer wilder das Weben und Wogen der Nebel im Tale, bis die von duftigen Schleiern heraufgeführte Sonne mit ihrem belebenden Licht die Höhen überflutet und die Nebelschwaden in die Schluchten und Schattenseiten drückt. Oben steht nun alles glitzernd weiß, Latschen und Gestein mit weichem Schnee überladen.

Die Jäger haben sich niedergelassen und arbeiten mit dem Glase. »Dort unter der Schermfeicht'n drunten steht aaner. A guater aa no, seg'ns eahn?« Der Jagdgast schiebt das Glas zusammen, er hat ihn schon weg. Aber es sind wohl gut dreihundert Schritt, und er führt kein Fernrohr auf dem Stutzen. »Dort drent den Kranawettstock, wenn's Eahna zu dem umi druckt'n!«

Schwierige Rutsch auf dem Bauch durch den losen Schnee. Als der Jagdgast den Wacholder erreicht hat, sieht er gerade noch, wie der Bock abspringt, um eine Schmalgeiß über Stock und Stein zu treiben. Mit einem wilden Absprung schnitt der Urian ihr den Wechsel ab, rannte sie um, und als sie wieder aufgekommen war, warf er ihr in heftiger Wut die Vorderläufe in die Flanken; doch plötzlich ließ er von der Wehrlosen ab und jagte in wilden Sätzen in den Graben hinab und drüben hinauf, um einen »Z'widrian« abzuschlagen, der ihm eine seiner Geißen abgetrieben hatte.

Langsam und vorsichtig hat der Förster sich herangeschlichen und steht nun hinter dem Gast.

»Do kemma nix moch'n! Aba lei derwisch'n ma eahm af'n Hoamweg!«

Langsam treten sie auf dem Grat weiter und dann auf einen Steig herab, der sie um das Kar herumführt. Eine alte Wetterzirbe bietet dort gute Deckung. Also sitzen sie nieder, um abzuwarten, was sich regt. Nach einem Weilchen zieht Geraffel heraus, eine ganze Kinderstube. Die Sonne scheint hier gar so schön, und die alten Fichten, die drüben am Rande vor dem Grat stehen, sind ellenlang mit Bartflechten behangen, die es den Schmalgeißen angetan haben. In munteren Sprüngen setzen sie nach dem leckeren Zeuge in die Höhe, um es herabzureißen, dann tun sie sich nieder, um die Sonne sich auf die schwarzbraune Decke scheinen zu lassen.

Der Förster gibt dem Gast einen leichten Stoß. Der hat schon gesehn und stellt den Bergstock in den Grund, um den Stutzen daran anzustreichen. Aber der Bock, der aus der Wand herabgestiegen war, zieht links herauf und stellt sich unter einer Schroffe ein.

Zwei Blicke gewechselt. Beide Jäger stehen auf und der Gast birscht in Deckung hinter dem Grat auf die Höhe der Schroffe zu. Als er sie erreicht hat und vortritt, sieht er den Bock gerade am Fuße des Gesteines fast senkrecht unter sich sitzen, backt an und feuert. Schwarz liegt auf dem Anschuß starkes Schnitthaar, und einige Tropfen Schweiß färben die Fährte des flüchtig abgegangenen Bockes.

Der Förster kratzt sich hinter dem Ohr. Aber nachgesucht muß werden. Also der Herr soll auf dem Steig vorwärts gehn und, bal er nix antrifft, hinunter zur Hütten. Er, der Förster, wird die Fährte des Bockes halten. Vielleicht, daß er ihn über den Steig hinaufdrückt. Also schön spüren!

Keine Fährte stand über den Steig hinauf. Als der Gast in die Hütte kam, fand er den Förster bereits bei der Zubereitung des Nachtmahles. Auf dem Hut lag eine ganze Handvoll Rißhaare: Streifschuß am Blatt herunter.

»Dem feit nix! A guater Bock war's woll, sakra, die groben Fährten! No, mit Eahna steig i gern, wohin's wölln. Sö sand schon der Rachte!«

Also der Spaziergang da oben herum war nur eine Probe gewesen. Recht so! Ein Jäger, der weiß, was er zu verantworten hat, soll auch seinen Jagdkavalier ausprobieren!

Am nächsten Tage war das Wetter womöglich noch schöner, der Schnee pulvertrocken und locker, die Luft, als ob sie dem Jäger Flügel verliehe. Aber diesmal geht es nicht wieder in den Langen Grund, sondern in die schiachen Geistlahnen mit ihren schmalen Gräben hinein. Das G'schröff ist dort nicht gar arg, aber die Schneeverhältnisse schwierig.

Unter einer hinübrigen Wand haben sich an der Sonnseite fünf Gamserln eingestellt. Aber von oben ist denen dort noch weniger beizukommen als gestern dem starken Bock.

»Hockens Eahna do a wengerl hi, i werd grad af d'r andren Seit'n amol spekulier'n!«

Feierliche Morgenstille. Die Gams dort drüben rühren sich nicht. Ein paar Goldhähnchen schlüpfen durch die Lärchen und letzten verkümmerten Fichten. Sonst kein Laut ringsum. Die Büchse über die Knie gelegt, sitzt der Jäger auf seinem Rucksack hinter einem verwitterten Stubben, von dem er sich in seiner verschlissenen Joppe nicht unterscheidet.

Da taucht auf dem Schnee unter ihm aus dem mit Bergerlen bestandenen Graben ein Grind auf. Ein Mordsbock mit prachtvollen Krucken. Langsam tritt er heraus, doch rückwärts gewandt, und plötzlich saust er bergan, verfolgt von einem noch besseren Gegner. Die Büchse liegt schon im Anschlag. Jetzt fahren beide Böcke zusammen und hakeln sich auf dem Schnee hin und her.

Peng!

Der Starke hat die Kugel. Er ruckt zusammen und schwankt, dann zieht er krumm talab. Aber schon hat der Jäger repetiert und den zweiten gefaßt, gerade in dem Augenblick, als er in heftiger Flucht den verschneiten Graben annehmen wollte. Alle viere hoch, saust der Verendende nun in das Schneeloch hinein und verschwindet.

Der andere dort unten hebt und windet den Kopf, dann streckt er sich und wird still. Der Schütze führt das Glas zum Auge: anscheinend verendet! Was nun? Aufgestanden, ruckt er seinen Schnerfer auf und überlegt, wie an den versackten Bock am besten heranzukommen ist – da kommt der Förster zurück und fragt: »Na, wia ist's ganga?«

Und als er von dem Doppelschuß aus dem einläufigen Stutzen hört und durchs Glas den auf dem Schnee verendeten Bock gesehen hat, reicht er dem Gast die Hand mit herzlichem »Weidmannsheil!«

»Na, schiaß'n kinnt's aa, wia i siach. Nöt aso wia die Kanzleilackeln von Inspruck auffi, die oiwei tusch'n und eh nix treff'n!«

Nun aber mit den Böcken gab es noch eine harte Arbeit. Der auf dem Schnee lag dicht über einer Schroffe und konnte nur von unten aus geholt werden, und der im Graben Verschwundene erst recht nicht anders. Das war ein nasser Aufstieg durch das spröde Gesperr von Bergerlen, die ihre Schneelast abwarfen. Als die Jäger mit den beiden Böcken an der Hütte anlangten, war der Abend herangekommen. Von den beiden Böcken ist der zuerst gestreckte, der mit dem schön gereimten Bart, sieben Jahre alt. Der andere, der in den Graben abgekugelt war, hat sakrisch viel Pech an den Schläuchen. Aber vier Jägeraugen kennen sich schon aus: zehn Jahre hat er, keins mehr und keins weniger. Jetzt hängen beide Böcke draußen an der Hüttenwand in der kalten klaren Nacht.

Die Bärte sind schon am Schußort abgepflückt und in Briefumschlägen hübsch sauber verwahrt.

Am Freitag trugen zwei Burschen die Böcke nach Hopfgarten hinaus, und tags darauf traten die Jäger den Heimweg an.

Das ist allemal eine wehleidige Stunde, so Abschied nehmen zu müssen von einer einsamen Jägerhütte, die nichts weiß und nichts zu wissen braucht vom Leide der großen Welt. Drunten murmelt leise unter seiner Eisdecke der Wildbach, es klingt wie verhaltenes Schluchzen und Weinen. Am Himmel steht in feierlicher Pracht die ganze Schar der leuchtenden Sterne, von denen das Unterland nicht die Hälfte sieht. Und am Gewänd die dunklen Fichtenhorste in ihrer Stilleinsamkeit – es ist zuviel auf einmal, alles das lassen zu müssen.

Die Sterne schienen noch, als der Förster die Hintertür verschloß und beide Jäger den Heimweg antraten.

»No, wia is, gehn ma jez den untern Steig grad abi, oder wöllt's lei do no amol am oberen entlang birsch'n?«

Hm! Solche letzte Stunde hat meistens Heil im Grunde. Und was schadet's, wenn's anders kommt? Zwischen vier und zehn Uhr liegen sechs Stunden, für gute Jäger eine halbe Ewigkeit.

Also auf dem oberen Steig hin!

Schwankend und webend kriechen die Bodennebel um Baum und Stein, heben sich, senken sich und wollen doch nicht zerfließen, ehe die Sonne über den Berg heraufkommt. An der Stelle, wo der Jagdgast vor vier Tagen den Bock angekratzt hatte, machte er unwillkürlich halt. Natürlich steht der alte Bursche nicht wieder auf der Kitzelstelle. Aber ebenso natürlich ist, daß die Jäger nur langsam Fuß um Fuß vorbirschen. Da plötzlich über ihnen ein leises Knirschen. Im selben Augenblick geht der Jagdgast ins Knie, und schon bricht auch der Schuß. Droben im Schnee hinter dem hohen Stein schlegelt der verendende Bock. Im Nu sind beide Jäger oben. Als die Lichter des Verendenden brechen und ihr grüner Glanz in totes Grau verlischt, stellt der Förster fest, daß die Kugel dicht an der Stelle des Streifschusses vom Mittwoch durchgefahren ist. Aber diesmal von unten her ist's freilich leichter und besser gegangen als damals aus der vertrackten Stellung nahezu senkrecht von oben herab.

Dann bricht der alte Weidmann vom nächsten Zweig einen Bruch, taucht ihn in den Schweiß des Bockes, legt Haar vom Einschuß darauf und reicht ihn nach gerechtem Weidmannsbrauch dem Schützen.

Der Gams-Epptehmi

In der kühlen Talenge der Maurach, wo das Wildwasser durch Felsen und wüstes Moränengeröll hindurchtost, begegnet man zur Sommerszeit wohl manchem aus dem Salzburgischen herüberkommenden Wanderer. Jetzt, im Herbst, löst oben in den braunen Thayen der Jäger den Senn ab, und im Tal ist es einsam geworden. Da geht keiner mit flüchtigem Gruß am anderen vorüber. Jeder tauscht mit jedem aus: ein Pfeifchen Tabak gegen einen Schluck frischgebrannten Enzian, Nachrichten vom Leben draußen in der Welt gegen die vom Berge.

»Schau, schau, wo kimmt's ös denn daher?«

»Grüaß Gott ba'nand! Vom Gamskogl abi!«

»Soo? Vom Gamskogl, schau! Seid's der Schwoager droben?«

»Woll, woll! Dös is mei Wei!«

»Soo, die Sennerin! Na, wia schaugt's außi bei Enk droben? Hat's Gamserln g'nua heuer?«

»A naa! 's hat nimma so vui wia sunst!«

»Ja, wiaso denn?«

»San alle umg'stand'n!«

»Umg'stand'n? Ja z'wegen wos denn?«

»Der Epptehmi hat's alle umbracht!«

»Der Epptehmi? – Ah, sooo – ös moant's woll die Epidemie?«

»Naa, naa! Der Epptehmi hat's umbracht!«

»Der Epptehmi? – Ah, ja soo, der Epptehmi! – Ja freili, freili. Habt's eam denn amoal g'seg'n, wia er ausschaugt, der Epptehmi?«

In die Tragriemen seiner Kraxe schliefend, meint der Senn, etwas zögernd: »Lei tät der Herr amoal den Herrn Pfarrer frag'n!«

»Oder den Jager-Franzl«, fügt das alte Weiblein spitz hinzu. »Der hat'n g'wiß g'seg'n! Da kinnt's derfrag'n so vui as's miagt!«

Der Jager-Franzl hat den Gams-Epptehmi leider auch nicht gesehn und meint als gebildeter und aufgeklärter Mensch, das alles sei ja dummes Zeug, dalketes. Die Gamserln am Gamskogel hole die böse Räude.

Aber als er sich die Pfeife gestopft hat und sie mit einem Kienspan am Hüttenfeuer anzündet, meint er, etwas unsicher im Tone, da werde wohl so ein alter Aberglaube dahinterstecken von einem Unhold, und daß die Menschen sterben müssen, die den erblicken.

Das war das einzige Gescheite, was der Franz am ganzen Abend sagte, obgleich er schnell hinzufügte, daß das ja alles dummes Zeug sei, und so weiter. Ich gäbe was drum, wenn ich wüßte, wie der Schwager vom Gamskogel sich den Epptehmi denkt! Ein grauslicher Unhold ist er gewiß, der Wüterich, der die Gamserln erwürgt! Vielleicht so einer wie der Klaubauf, der die kleinen unartigen Kinder aufklaubt, oder der Orko, der das Almvieh auseinanderjagt, daß es sich verläuft und über die Klippen abstürzt. Zähne hat er gewiß wie ein Werwolf, der Gams-Epptehmi, und fingerlange Krallen; und fliegen kann er auch, so wie eine Fledermaus, um, sobald ein Mensch kommt, in Felsspalten zu verschwinden, als habe der Berg ihn verschluckt!

Trauerspiel allüberall! Wie? Auch dort an den ehrwürdigen Wetterwänden, wo der helle Karminspecht, der neugierig dich umkreist, das fremde Menschenwesen noch nicht zu kennen scheint, wo die Alpenrosen im Gestein blühen, als habe nie eine Hand sie berührt, wo jeder Lärm im Anhauch der Unendlichkeit erschweigt, auch dort die Pest der Städte in ihrer widerlichsten Gestalt? Nicht der Tod, der mit Adlerfittich oder dem Blitz der sicheren Jägerbüchse den schwarzen Teufelsbock dahinrafft, als habe der rotbärtige Thor ihn erschlagen, den du jeden Augenblick meinst aus einer der wilden Felsrunsen heraus erwarten zu sollen! O nein, ein juckender Dreck, der auch den Edelsten befällt, ihm erst das dunkle Hochzeitskleid zerfrißt und dann ihm an den Kräften zehrt, bis er dahinsiecht wie ein Schatten und sich eines Tages in der entlegensten Spalte des Gewändes streckt, matt und herunter wie ein Verkommener, um im letzten Zittern das trübselige Ende seines Daseins zu erwarten, das so schön und so lebenskräftig begann in der stolzen Einsamkeit unter dem ewigen Schnee der Firnen! Man kann schon verstehen, wie da in den braunen Thayen der Aberglaube aufkommt von einem finsteren Unhold, der das scheue Wild der freien Berge erwürgt, und dem keins entkommen kann! Keins! Längs der Hohen Tauern hat sich die Geschichte seinerzeit hingezogen, dies langsam, aber unerbittlich vorwärtsschreitende Sterben, das Stück um Stück, Rudel um Rudel des trutzigsten Bergwildes dahinraffte. Der Erreger der Räude war längst bekannt: die tief unter der Haut sich einnistende Sarcoptes-Milbe. Die befallenen Stücke sind sofort auf weite Entfernung erkennbar durch fahle Farbe und ruppiges Kleid, aus dem die Haare büschelweise ausfallen. Alsdann wird die Haut wund, und in den tiefen Rissen sondert sich eine übelriechende Flüssigkeit ab, die zum langsamen Verenden führt und gerade durch die Langwierigkeit des Leidens so sehr zur Ausbreitung der Ansteckung beiträgt.

Die Jägerei war wohl scharf auf dem Posten, um den Stolz ihrer Berge zu retten. Und sie wußte auch von Anfang an Bescheid. Das gleichzeitige Auftreten der Räude bei Ziegen und Krickelwild ließ keinen Zweifel daran, daß die Seuche unter das Wild gebracht war, der Bauer auf die Gamserln, die von Berg zu Berg die Seuche verschleppen.

Der Bauer meint, das Wild sei eh unnütz und hätte längst totgeschossen sein sollen. Und der Jaager meint, davon verstehe der Bauer nix. Überdies hätte er seine Ziegen wohl unten halten und den Stall gesündfizieren können. Aber da kommt er grade recht an beim Bauern, dem alle »veterinärpolizeilichen Maßnahmen« ein Graus sind. Möge er, der Jaager, doch die Gamsställe einstreuen und die kranken Luadern schmieren!

Ja, wenn die armen Hascherln sich fangen ließen, solange sie noch ein Glied rühren können! Und bestreut man ihre Lagerstätten, so meiden sie die und wechseln nur desto weiter fort.

Nein, es gibt zur Bekämpfung der Seuche nur ein Mittel: rücksichtslosen Abschuß aller erkrankten Stücke und Verbrennung ihrer Leichen. Da das Ansprechen der Erkrankten nur bei sorgfältiger Beobachtung möglich ist, muß der Abschuß auf Birsch oder Ansitz einzeln ausgeführt werden. Treiben oder Riegeljagden würden ja auch das Wild nur noch mehr zusammenjagen, was doch vermieden werden muß. Ja, ja, er versteht keinen Spaß, der Herr Gams-Epptehmi!

Kein Wunder, daß der Sepp vom Brandkofl drüben, dem noch kein Stück gefallen ist, wie der Teifi den Sennen auf die Finger paßt! Soll ihm keiner ein X machen für ein U! Er hält ein scharfes Auge auf alle Böcke, zumeist aber auf die mit dem wackelnden Barte unterm Kinn. Und grad a solcher Bock fehlt dem Hias von der Gaisalm seit ein paar Tagen. Der Lugnschebs will dem Jaager weismachn, daß der Bauer den Bock abigtriabn habe. Aber der Sepp kennt sie schon aus. Daderzua san eahm die Viecher do z'guat, für die wo er z'sorgen hat, seine Gamserln! No, er hat halt umanandspekuliert, immer sein Schweißhundl, die Hex, am Riemen. No ja, lang hat's nöt braucht, da hat's Hexl das Platzerl aufgezeigt, wo die zwoa Stuck san verscharrt worden. Der Hias hat g'weimert und g'bettelt, daß der Sepp soll koa Anzeig nöt mach'n. Und hat bei allen Heiligen geschwor'n, daß koan oanziges Stuckerl jetz krank tät sein von seine Goaßn. Aber wia lang hat's dauert, da sitzt der Sepp amoal an der Scharflahnen, da wo's schiach abifallt in die Wetterklamm, und schaugt nach die Gams, wo drüben umanand stehen an der Sulzen. Da siagt er's Elend: a Kitzgoaß springt wia halbverruckt, streckt und reckt si. Und wia der Sepp mit dem Spektiv naschaugt, da woaß er, was die Klock geschlag'n hat. Hinter dem Blatt hat's a grindigs Fleckerl. Und das Kitz is scho räudi – Peng! Peng! Der Sepp macht Meldung im Forstamte. Die beiden Stuck lieferte er gar nöt erst ein, sondern verbrannte sie auf der Stelle, drüben wo sie lagen, die Goaß und ihr arm's Hascherl.

Aber's Herz hat eahm gebebt. G'wußt hat er: nun ist's gar und aus mit die Gams am Brandkofl. Der Herr Forschtmeister is glei auffikemma und hat'm Sepp auf die Seele gebunden, jed's Stück abiz'schiaß'n, wo nur a bissel a Fleckerl haben oder verdächtig ausschaun tät. A schwarer Bock ist der erste g'west, der folgen hat g'müßt. Mangari, der alte Hoamlituer vom Schiachen Grund! Und dann hat's getuscht, Tag für Tag, bis der Winter kemma ist, und die Lawinen dann begrab'n hab'n, was räudi g'west und z'sammenbroch'n is.

Wia der Lanks kam, hat der Herr Forschtmeister den Bauern hübsch g'bet'n, daß er fein Obacht möcht geb'n, daß koan krankes Stuck auffi würd g'triab'n! Er müßt sonst Anzeige erstatt'n beim Amt.

Aber der Bauer hat aufgestöhnt, an alle seinem Unglück seien nur die Jaager schuld mit eahnere dalketen Viecher! Auf'n Schragen möchten's 'hn bring'n, auf dös alloanig wären's aus alle miteinander. Ohne die Gams, die elendigen, war koane Räud in die Berg, und seine Goaßen wären heil und g'sund!

Da ist der Tierarzt grad kemma und hat visitiert und nix g'funden. Aber acht Tag, nachdem der Bauer hat auffitreib'n lassen, hat's droben schon wieder g'tuscht. Gams um Gams! Den Sepp hat's schier hing'rissen. Vor sich hing'starrt hat er stunden- und tagelang.

Eines Tages hat sein Hexerl eahm wieder a frisches Grab angezeigt. Da hat er Rapport g'macht. Und der Herr Forschtmeister ist sofort auf's Amt g'fahren. Da hat's der Bauer mit der Angst kriagt, und auffi hat's 'hn triab'n af d' Alm. Grad an der Klamm, wo der Sepp die erste kranke Kitzgoaß derschaugt hat, san's z'samma kemma, hart auf hart, Bauer und Jaager.

Blut und Haar am Stoan und die abg'schoss'ne Büchs vom Sepp: das ist alles, was ma g'fund'n hat von die zwoa.

Aber drent in der Klamm hat's Hexerl Standlaut geb'n an dem Fleck, wo 's Wildwasser sein toten Herrn hat abig'riss'n und den Bauern von der Brandkofl-Alm. Das hat der Epptehmi tan!

Der Gams vom Totenkar

Im »Schwarzen Bären«. In den Gläsern funkelt der Schwarzrote vom Küstenlande. Aber die zwei, die jetzt über den Tisch gebeugt am Dischkurieren sind, haben über ihre Kreidestriche und Fleckerln ganz aufs Austrinken vergessen. Der alte Förschtner Ramoser ist's und sein neuester Lehrling. Freilich auch kein heuriger Has' mehr: einen Vollbart trägt er und am Schädel angehenden Mondschein, als sei ihm im Kloster die Tonsur ausgefleckt. Aber doch des Förschtners Lehrling, und grad jetzt bei dem Spekulieren und der Zeichnung auf dem Tische handelt sich's um Lehrvertrag und Freispruch.

Das kam nämlich so. Als der Jagdgast vor Jahren zum ersten Male zur Birsch am Steinernen Jäger und Unter der Gamsmutter kam, musterte er im stillen die Grünjoppen vom Tale. Waren woll alle woiterne Steiger und sakrische Jaager gewiß! Dürr und wetterbraun und dazu unter buschigen Brauen Augen mit Adlerblicken. Die Stutzen nicht gerade von der neuesten Art, alle noch für Schwarzpulverladung. Aber gut beisammen; man sah's dem sauberen Schießzeuge an, daß es sein Kügerl auch sauber mitten ins Blattschwarz bohrte. Der norddeutsche Gast, der seinen Stutzen um die halbe Welt getragen hatte, soweit sie einsam und menschenleer ist, war bald kein Fremder mehr unter diesen sehnigen, schneidigen Kerlen. Aber was er auf dem Herzen hatte, mochte er doch keinem von den »Grünschnäbeln« sagen, die alle noch in den Vierzigern steckten, wie er selbst. So ging es im zweiten wie im Vorjahre. Der Förster vom Orte oder der Holzmeister brachte den Gast auf der Birsch auf Gams an oder ließ ihn zur Brunftzeit »a bissel hihocka«, um einen alten Raufbold zu erwarten. Ab und an drückte ihm der großmäulige Kowatsch aus dem windischen Dorfe wohl auch mal an der hinübrigen Seite vom Tale auf dem Zwangswechsel einen Alten mit dicken Pechkrucken heraus. Und waren gute Kerle unter der Beute, einer ein Mordsprügelbock, wie er lange nicht aus dem Berge herausgetragen war.

Wenn solch einer an der Hüttentür hing, schlief sich's doppelt gut in kalter Herbstnacht auf der Fichtenstreu im Stadl, durch den der Wind in daumsbreiten Ritzen pfiff. Und daheim die strahlenden Augen von Weib und Kind, und gar das Erstaunen der Freunde, wenn beim »Sechsachtelschoppen« im »Rosenheck« die Krucken von Hand zu Hand gingen. Manch eine von denen hätte eine Medaille verdient, wenn dem Erleger das Ausstellen nicht zu dumm vorgekommen wäre.

Was zum Kuckuck liegt denn an solch einem blanken Klimperdinge, und was an dem Gaffen und Wundern der Zechgenossen, die vom Gebirge und von der Jagd noch weniger verstehen! Herrgott, sakra, das ist keine Jagd: sich so an einen Bock ranschieben zu lassen, grad bis er da steht und nichts zu tun übrig bleibt als draufzuknallen. Und in all der Herrgottspracht alleweil den Führer hinter sich wie die Kindsmagd mit der Ludel! Rein zum Auswachsen ist's für einen alten Wildnisgänger, der in der Jagd die Freiheit sucht und liebt! Und für ihn stand es fest: so durfte die Geschichte nicht weitergehen, so nicht! Aber wie loskommen von diesen lieben Menschen, denen die Augen vor Freude blitzten, wenn's am nächsten Morgen wieder los ging hinein in die klare kalte Nacht?

Der hohe Gerichtshof in Klagenfurt hatte endlich ein Einsehen und half. Zwei Weiber hatten gerauft, zwei Windische, und sich dabei wacker in die Naslöcher gegriffen, die dazu eh wie geschaffen sind. Und geschimpft und gescholten hatten sie einander zum Grauen. Die Förschtner vom ganzen Tale, die gerad vom Rapport beim Forstmeister kamen, hatten dabeigestanden und lachend zum Frieden gemahnt, was natürlich die Tapferkeit der Streitenden nur noch erhöhte. Und nun gab's einen großen Fez am Landgericht wegen Ehrenbeleidigung. Das halbe Tal und die ganze Forstpartie mußte nach Klagenfurt. Jessas, Jessas, die Hetz!

Nur einer blieb zurück, ein schmächtig ausschauendes Mannderl von damals zweiundachtzig Jahren, der alte Ramoser vom Forsthause unter der Raibler Scharten. Abends kam er im Auftrage des Forstmeisters und fragte, ob der Herr morgen in der Früh mit ihm gehn möcht, im Schartengraben müßt er halt a bisserl nach italienischen Wilderern ausschauen, die da gern jetzt über die Grenze kämen und den ganzen Graben ausräumten. Dann könnt man die Gamserln leicht auf der herübrigen Sonnseiten treffen. Zu Schusse sollte der Herr woll kommen.

Um halber fünf am nächsten Morgen, als der Gast an den Fensterladen des Forsthäuschens klopfte, das wie ein Schwalbennest an den Fels über der Raibler Straße angeklebt ist, war Ramoser schon munter frischauf und gleich bei dem Herrn. Der Wind blies hübsch kalt zum Tale heraus, aber der Alte ging wie immer im offenen Hemde, das Hüaterl hinten auf den Bergsack gebunden, in dem auch kein Greisl zuviel war. Grad ein paar Äpfel, sonst nix.

»Bal oan z'vui frißt, nacha kriagt er a Durst, un bal er a Wasser sauft, schwitzt er, un nacha friert er drob'n an der Schneid – und wann er si verkühlt, na is er ba'm Teifi!«

»Stimmt, Förschtner!«

»Söll is für a Jaager grad gnua: a Apfel oder, bal's hoch kimmt, zwoa!«

Dabei nahm der Alte einen Schritt wie ein Sechzehnender, so daß der Gast bitten mußte, anfangs a bisserl langsam anzugehen, bis man auf Stein komme.

»Ja, ja, die Berg g'falln manchem, wann lei 's Steig'n net war!«

Aber dann bog er doch rechts ab, und auf felsigem Steige ging's weiter in dem geruhsamen Knieschritt, der so langsam scheint und so wacker fleckt. Ehe das blasse Grün der Dolomiten in Dunkelrot überging, standen die Jäger auf der Schneid am Einödkar und blickten schweigend in die sanftgeneigte Tiefe, in der die Morgennebel von Krummholz und Alpenrosen flatternd Abschied nahmen.

Der Wind begann an der Sonnseite aufwärts zu ziehn. Die Schatten unter der drüberen Wand wurden matter; über die Schneid brach das Licht herein. Die Jäger waren niedergesessen. Tick, teck, tack – tong: drüben steinelte es.

Ramoser arbeitete schon mit dem Spektiv. Der Jagdgast zupfte ihn leise am Ärmel und ruckte dichter an ihn heran.

»Woll, woll, sella Bock kenn i guat gnua! Aber i wüßt's hart inz'richt'n, dem anz'kemma.«

Hm, freilich: auf dem Bande stand er sicher! Von oben nicht einzusehen. Und sobald sich von unten was regte, barg ihn ein Satz in die Latschen.

Aber von hier aus sollte der Schuß nicht zusammenzubringen sein? Der Gast setzte auf seinen Streifenlader das Fernrohr, stützte den Ellenbogen aufs Knie und zielte sich ein.

»Kruzitürken, ös werd's do net schiaß'n!«

Peng! – –

Drüben schlegelte der Bock in den Latschen.

»Blattschwarz abgekommen!« antwortete der Schütze gelassen.

Der Alte schaute entrüstet auf den Herrn und dann mit dem Spektiv auf den steintot drüben liegenden Bock.

Dann seufzte er und kraute sich den weißen Kopf.

»Da soll der Teifi heunt Gamsbock spial'n!«

Der Gast lachte, und sie kraxelten hinüber zu dem Bock. Mit dem ersten Griff fühlte der Herr nach den Krucken. Sakra, das Mordspech und die trutzigen Hakln!

Ramoser besah den guten Blattschuß und wendete den Bock. Kein Ausschuß, doch unter der Decke fühlte er das gestauchte Kügerl. Mit ein paar Griffen war der Aufbruch getan und der Bock zum Auskühlen gerichtet. Von der Latsche brach der Alte einen Trieb, tauchte ihn in Schweiß und legte Haar vom Einschusse darauf. Dann auf dem Messer dem Gaste den Bruch reichend, sagte er mit einem seltsamen Zittern in der Stimme:

»Da Herr, nehmt's den Bruch! Aber i bitt schön, sagt's baleibes drent koaner Seel nöt, wia weit ös hi'g'halt'n habt! I müßt mi z' Tod derschamen!«

Dabei blitzten die alten Augen unter den weißen Brauen.

Der andere aber stand beschämt. Dann warf er den Ehrenbruch zornig weg. Gewiß, der Schuß hatte gut gesessen, aber weidmännisch war er deshalb dennoch nicht!

»Hier meine Hand, Förster! Und Dank für die Lehre, Ihr seid mein Mann!«

Ramoser starrte den Gast mit offenem Munde an. Der fuhr mit dem Handrücken über die Stirn. Aber dann kam's heraus, was ihm solange das Herz abgedruckt hatte. Wie sie so abstiegen und der Alte es sich bei Verzürnen nicht hatte nehmen lassen, den schweren Bock zu tragen, da kam's brockweise heraus. Wie der Fremde sich gut genug bewußt sei, daß das alles keine Gamsjagd ist, was da heutzutag getrieben wird. Und ob Ramoser ihn nicht als Lehrling nehmen möcht und ihn zum richtigen Jaager erziehn, von Grund auf und vorne an? Wie sie so im Bachbette von Stein zu Stein kraxelten, hatte der Fremde sich das alles von der Leber heruntergeredet. Dann an der Straße, als sie a wengerl rasteten, hatte der Alte nachdenklich hinübergeschaut auf die Gräben am Gewänd, als weilten seine Gedanken in der alten, alten Zeit, da er noch selbst als Lehrbub bei seinem Vater selig war. Na, und dann sind sie einig geworden in der Handelschaft. Der Gast hat seitdem immer nur gebeten, ob nicht der Ramoser ihn führen dürfe. Und zwischen ihnen ist's ausgemacht, daß im heurigen, als im dritten Jahre der Herr sein Gesellenstück machen solle: einen alten Prügelbock allein sich ausmachen, allein angehn und abends vom Buckel abliefern im »Schwarzen Bären«. Also, so ist's halt gekommen! Und jetzt bei dem Dischkurse dreht sich's um den Krüselwind im Gamsmutterkar. Von drüben kommt ja nicht mal ein guter Mensch, geschweige denn ein guter Wind. Und wenn der dort oben sich stößt, ist alles gefeit. Aber schließlich, so wie der Herr es vorschlägt, mag's gehn. Also in Gott's Nam'! Sie trinken ihren Wein aus, und mit »Weidmannsheil« verläßt Ramoser das Herrenstübl, um durch die Nacht heimwärts zu stapfen.

Um Mitternacht ist auch der Jagdgast draußen und schaut empor zu den im Glanze der kalten Sternennacht geheimnisvoll flimmernden Dolomiten. Dort oben zwischen den hohen Stöcken liegt das heimliche Kar, wo der alte Exzellenzbock steht – so heißt er, weil ihn der Exzellenzgraf von Wien gefehlt hat vor drei Jahren, als er ihm plötzlich, um eine Ecke biegend, gegenüberstand. Keiner ist seitdem mehr auf den alten Schlaumeier zu Schusse gekommen.

An der Straße hier unten flüstert's wie Totenlied in trockenen Maisstengeln, und wie Todesgeruch weht es vom dürren Fallaube herüber.

Vorwärts! Vor Büchsenlicht muß der Jäger am Sattelgries sein, wo das Edelweiß so viel schön tut wachsen und der Ausblick auf das Köpfle am Karmunde ist, auf dem der Alte einsiedelt.

Auch droben an der Schneid klingt das Lied vom Tode. Wenn der Föhn oder sein Widerpart, der Nordsturm, um die grauweißen Stämme abgestorbener Zirben pfeift, die gleich gespensterhaften Leichen ihre Arme hilfeheischend gen Himmel recken. Unter dem Leichenfelde heißt man's derwegen »das Totenkar«. Und noch aus anderem Grunde. Unter einem tischgroßen Steine, den kein Kreuz und kein Zeichen schmückt, liegen seit alter Zeit zwei Lumpen, von deren Ende nicht mal die Raben wissen.

Der Wind zieht talwärts heute, nach Welschland hinaus. Da bleibt nur der Aufstieg im Bach möglich. Eine halsbrecherische Kletterei! Durch die Grünerlen in die Höhe, vom Gischt durchnäßt und in hartem Kampfe mit den niederwärts gesträubten Zweigen. Doch höher hinauf wird's besser. Da senken nur noch herbstliche Genzianen ihre dunkelblauen, von blaßgrünen Blättern getragenen Blüten schämig zum tosenden Wasser hernieder. Auf der Wurzel einer herabgewaschenen Baumleiche zwitschert, mit dem Sterz wippend, die Alpenamsel. Und der Wind zieht hier gegen die Schneid hinauf.

Am Sattel droben tritt das Spektiv in Arbeit. Auf dem Spitz des kleinen Köpfels, das mitten im Kare sich erhebt, hat der Alte seinen Platz. Richtig: da steht er schon und schaut wie gestern hinab. Er weiß, keiner kann ihm da ankommen.

Aber wart nur, Brüderl! Man muß sich halt nur in deinen Bläßschädel a bissel hineindenken!

Der Jäger schaut auf die Uhr, dann schlieft er vorsichtig zurück und wendet sich dem Steige zu, der von der Schafalm herabkommt. Er braucht dort nicht lang auf den Halterbub zu warten, den er herbestellt hat. Und der Toni nickt nur, als er kommt. Weiß schon Bescheid.

Also kraxelt jetzt der Jäger weiter, in der Spalte hinab auf den Kargrund, soweit er gedeckt ist. Inzwischen steht der Toni auf dem Sattel frank und frei und ruft, als ob er seine Ziegen locke: »Gees, Gees, Gees!« Dann läßt er sich geradewegs hinab und geht am Schattenhange des Köpfels hin.

»Gees, Gees – Gees!«

Der alte Bock ist schon verschwunden. Auf den Hang an der Sonnenseite ist er getreten. Ehe er dort Umschau halten kann, ist der Jäger unter Wind unter den Latschen am Schattenhange, wo eben der Toni durchgegangen ist. Der Bub aber kraxelt jetzt an der jenseitigen Karwand hoch. Jetzt steht er droben, und klar klingt es herüber: »Gees, Gees!«

Dann kehrt der Bub zurück und geht, immer noch rufend, an der Sonnenseite durch. Ruhig ist ihm der alte Bock ausgewichen. Denkt nicht daran, dem Lausbuben zulieb sein Köpfel zu verlassen. Grad nur auf die andere Seite tritt er. Aber – da hat si's g'feit!

Peng! – – Ringsherum trägt der Widerhall den Knall.

Und wie der Toni den Rabenschwarzen in die Steine abikug'ln sieht, geht er in die Knie und reißt einen Juchzer. Dann jodelt er, daß das Gewänd im ganzen Kare rundum singt: Dulliähdihüh, dulliöh!

Drüben unterm Steinernen Jäger hat Ramoser den Schuß gehört und schmunzelt. Dann hält er die Hand ans Ohr. Ah, jaso! Woll, woll, da kommt's herüber über Berg und Tal in hellen und klaren Tönen. Erst weich und ruhig und dann lebhaft auffrischend und zu hellem Jubel und dann getragen verklingend der Hornruf: Gams tot!

Zwei Stunden später liegt das Gesellenstück vor dem »Schwarzen Bären«, der alte Trutzbock vom Köpfel im Totenkar, dem keiner gekonnt hatte, weil er jedem Versuch, ihn anzubirschen, auswich und, sobald er die Treiber vernahm, sich aus dem Kreise stahl. – –

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