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Wild Welt und Du

Fritz Bley: Wild Welt und Du - Kapitel 4
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleWild Welt und Du
publisherVerlag Deutsche Volksbücher
year1952
editorWulf Bley
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180406
projectide8d185de
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Hirsch

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Der Rothirsch

Der Frühling ist über das Land hingezogen und bedeckt alles Hirschland mit sattem Grün. An den Bergen der grünen Steiermark klettert der Mai in die Höhe und treibt den Schnee langsam aus den Runsen. Wo die Sonne nicht hinkommt, schickt er den Regen. Das hilft! Die Städter freilich schimpfen auf solchen Wonnemond. Aber der Bauer schweigt und bricht mit den Gäulen seine harte Scholle. »Kühl und naß, füllt Scheuer und Faß!« Als der Mai gewonnenes Spiel hat, ist ein Wachsen, daß man schier nicht weiß, was noch werden mag. Im Unterlande strotzen die Fluren. In Ostpreußen schließt der dunkelgrüne Roggen auf, daß er bereits den sitzenden Rehbock deckt. Die Hochmoore des Schwarzwaldes und Harzes, am Hohenlohe und Brocken sind wie Schwämme vollgesogen. Enz, Nagold und Wurm, Bode, Selke, Ocker und Holzemme gehen randvoll über Stock und Stein dem Rheine und der Elbe zu.

Die Städter schimpfen. Und wirklich, das unaufhörliche Naß wird nachgerade auch den Tieren des Waldes zuviel. Selbst der alte Rehbock ist mürrisch. Klee genug und schön saftig dazu! Aber ein paar Sonnentage täten doch not, um ihm die lästigen Reste der Winterfarbe abzunehmen, in der er sich doch nachgerade schämen muß. Wie alljährlich, hat er im Roggenfelde seinen Stand genommen. Bei dem Wetter wäre es freilich molliger im hohen raumen Walde. Aber da kriecht jetzt um jeden Buchenstamm der verwünschte Grünrock, der sich faustgroße Augen vor die Nase hält und eine Blitzröhre über der Schulter trägt. Lieber nicht! Das Roggenfeld wird alle Tage höher, und der Klee steht dicht dabei.

Die Amsel traut sich nicht mehr vom Nest herab, und der Lerche wird angst und bange bei der Nässe unter dem Steiß. Aber noch sind die Eierchen warm. Nur aushalten! Hans Spielhahn oben auf dem Hochmoor, wo die Krüppelbirken und die dreihundertjährigen Zwergkiefern stehen, ist am wenigsten verzagt. Obgleich seine Hennen brüten, fällt er immer noch vor Morgengrauen auf dem alten Tanz- und Raufplatz ein und rodelt und jodelt ein paar Schnaderhupferl. Aber da es an Widerspruch und Anerkennung fehlt, wird ihm schließlich die Geschichte zu dumm, und er gibt das überflüssige Frühaufstehen auf. Sein vornehmer Vetter, der Herr Auerhahn, hat's schon längst getan und läßt, seit das Buchenlaub heraus ist, kein Geschnackel, kein Schleifen und keinen Hauptschlag mehr hören. Seine Hennen haben auch ihre liebe Not, trotzdem sie ihr Gelege unter braunem Farngewirr an sanften Abhängen gebettet haben. Aber sie ducken sich, schweigen und brüten. Wenn das Hahnenvolk wüßte, wie überflüssig es ist um diese Zeit!

Genau so denkt die Bache, die ängstlich ihrem groben Keiler aus dem Wechsel bleibt und unter einem Windwurf sich ein Loch wühlt, das sie mit Moos sich hübsch auspolstert zur Wochenstube für die erwarteten zwölf – der Himmel stehe ihr bei!

Und genau so denken die Alttiere, die sich seit Wochen bereits das verstohlenste Plätzchen im weiten Bereiche ihres Waldes ausgesucht haben: eine von Brennesseln und Kunigundenkraut bestandene Frischung im Erlenwalde, ein rohr- und binsenbesetztes Bruch, eine Dickung in dürrer Kiefernheide, die Lehne einer Schlucht am wilden Kessel des Linn of Dee, oder auch das offene Heidekraut auf den Höhen über dem rauschenden Tay, einen verstohlenen Einsprung unter ragender Felsklippe in der grünen Steiermark, durch dichtes Tannengeäst vor dem Neide der bösen Welt geschützt. Ihre Hauptsorge ist jetzt, mit listigen Widergängen durch Wasser, das ihre Spur verhehlt, von den Schmaltieren abzukommen, die ihnen immer noch folgen. Ein altes Gelttier übernimmt jetzt verständnisinnig die Führung der unerfahrenen jungen Dinger, die noch nicht wissen, wie weh Liebe im Leibe tut.

Eines schönen Morgens liegt neben ihnen das hilflose, von der Mutter zärtlich bedeckte, buntgefleckte Kälbchen oder deren zwei. Das wiederholt sich so, falls nicht das Tier im goldenen Weinmonate bei der Hochzeit zu kurz kommt, wohl zwanzig Jahre lang bis in seine alten Tage. Das Setzen verursacht dem Alttier oft schwere Wehen, bei denen es dann alle Scheu vor den Menschen verliert. Es ist schon oft vorgekommen, daß Waldarbeiter oder Hirten in solcher Not das Kälbchen ans Licht gebracht und dem armen Wilde wie einer Kuh geholfen haben. Nach der Geburt liegt das Kälbchen still, steht nur auf, um zu saugen, und duckt sich, sobald die Mutter leicht mit dem Laufe stampft, nieder. Nach einigen Tagen folgt es, anfangs unbeholfen und furchtsam, dann vertrauter der Mutter. Doch drückt diese es bei jeder Gefahr mit der Nase ins Gras und eilt anderseits, wenn sie abseits gezogen war, bei dem geringsten Klagelaut des Kalbes zu dessen Verteidigung herbei. Die Tiere sind dabei sehr mutig, namentlich gegen Hunde, und in den Karpathen selbst gegen Wölfe, während der Hirsch, im Gegensatz zum Elch, Weib und Kind im Stich läßt und bei der geringsten, nicht von seinesgleichen ihm drohenden Gefahr, nur auf die eigene Rettung bedacht, sinnlos Reißaus nimmt. Wenn man ihn zur Brunftzeit in seiner Wildheit sieht, sollte man dem stolzen Hirsch solche Feigheit und Pflichtvergessenheit gegenüber seiner Familie nicht zutrauen.

Während der Setzzeit und, falls sie von Hautbremsen geplagt werden, oft erst nach dem Absetzen des Kalbes, glättet sich endlich auch das Haar der Tiere, das im Sommer sich nicht so sehr wie im Winter von dem der Hirsche unterscheidet. Man erkennt ja freilich auch im Sommer, abgesehen von dem Kolbengeweih, mit der gedrungenen Figur, dem stärkeren und mehr nach vorn gebogenen Halse, den Hirsch meistens auch am Haare. Gesunde und kräftige Hirsche heben sich auf dem satten Grün des Grases durch ein leuchtendes und tieferes Rot ab als die meist fahleren Tiere. Aber der rechte Unterschied in der Farbe zwischen den beiden Geschlechtern kommt doch erst im Herbst zur Geltung, wenn der Hirsch sein Hochzeitskleid anlegt. Die krause Stirn und der dunkelgrau-braune Nasenrücken, der bis zur Brust mit zottigem, straffem Haar bekleidete und an der Oberseite, manchmal auch an der Unterseite, nahezu schwarzbraun erscheinende Hals geben dem Hirsch dann ein außerordentlich männliches und trotziges Aussehen. Die Oberseite des Rumpfes wird gelb-bräunlich, und der Spiegel tauscht seine helle Sommerfarbe für eine weißlich-rostfarbene ein, die sich auch über dem Wedel hinzieht. In der Mähne des Hirsches stehen sehr häufig einzelne schwarze Haare, die man Borsten nennen könnte, neben braunen und hellroten, und man kann daraus unter geschickter Auswahl herrliche »Hirschbärte« zusammenstellen, die an Kraft der Erscheinung mit dem Gamsbart wetteifern. Dagegen ist das Winterkleid der Tiere ein mattes Graubraun, das nach unten hin heller wird und den dunklen Rückenstreifen fast noch deutlicher zeigt als der Hirsch. Es ist merkwürdig, wie scharf dieser dunkle Aalstreifen bei beiden Geschlechtern von oben gesehen sich abhebt. Bei der Beobachtung des Wildes vom Hochsitz sieht man, wenn es vollständig dunkel geworden ist, von dem ganzen stattlichen Wilde nicht das geringste als den schwarzen Aalstreifen, der wie eine Schlange durch das Gras zu schleichen scheint, so daß ein Unerfahrener nicht zu sagen vermöchte, was diese Erscheinung bedeute.

Unser Kälbchen, das wir in seinen ersten Tagen beobachtet haben, verliert im Laufe des Herbstes die weißlichen Fleckenreihen in seinem rötlichbraunen Kleide und nimmt mit dem Winterhaar eine Farbe an, die sich von derjenigen der Schmaltiere kaum unterscheidet. Diese weißlichen Fleckenreihen stellen augenscheinlich eine entwicklungsgeschichtliche Erinnerung an die ehedem überhaupt dauernd gestreifte oder gefleckte Zeichnung der Vorläufer unseres Hirsches dar.

Wie der Rehbock, hat auch der Hirsch ein »zweites Gesicht«, dessen Mienenspiel eine ganz besondere Beredsamkeit entwickelt und dem aufmerksamen Jäger, auch wenn er sich von hinten seinem Wilde nähert, eine sehr verständliche Sprache redet. Es handelt sich dabei um die oft blitzartig schnelle und wechselnde Bewegung des Spiegels, die auf der eigenartigen Stellung der im Sommer helleren und im Winter weißlichrostbraunen Haare beruht. Im ruhigen Zustande des äsenden Hirsches legt sich das Haar ziemlich glatt an, so daß nur wenig vom Spiegel zu sehen ist. Sobald aber der Hirsch sich beunruhigt fühlt oder in leidenschaftliche Erregung kommt, spreizt sich der Spiegel aus und erscheint dadurch bedeutend größer. Für den Pirschjäger bedeutet dies die Mahnung zu ganz besonderer Vorsicht, denn in der Regel folgt dem unmittelbar das flüchtige Abgehen des Hirsches. Auch hierbei behält der Spiegel seine ausgespreizte Form. Da das Winterhaar straffer ist, so ist diese Eigentümlichkeit auch am Hirsch ebenso wie beim Rehbock zur Winterzeit stärker wahrnehmbar.

Es gibt in der Färbung der Hirsche natürlich auch sehr viele individuelle Unterschiede, genau wie beim Reh. Selbst in einem und demselben Rudel kommen verschiedene Abtönungen vor. Im allgemeinen kann man aber annehmen, daß die durch besonders kräftige Färbung, das heißt besonders helles Rot im Sommer und tiefes Schwarzbraun im Winter, sich auszeichnenden Hirsche gute und starke Kerle sind. In der Weidmannssprache nennt man diese »Brandhirsche«.

Die Kenntnis des Haares der Hirsche ist für den Jäger von allerhöchster Wichtigkeit. Denn nach dem auf dem Anschuß liegenden Schnitthaar kann er erst sicher den Sitz seiner Kugel ansprechen. Und dies bleibt bestimmend für sein Verhalten auf der Nachsuche. Ein guter Jäger, der auf einsamer Birsch einen Hirsch geschossen hat, steckt sich, nachdem er den Edlen gelüftet hat, an den Hut einen Tannenbruch, den er auf den Schweiß der Wunde getupft und mit Schnitthaaren belegt hat. Beim Anblick dieses Bruches muß jeder Jäger, der diesen Namen verdient, Antwort zu geben wissen, wo die Kugel den edlen Hirsch getroffen hat. Im Herbst findet ein wirklicher Haarwechsel statt, der sich allerdings nicht, wie im Frühjahr, durch heftiges flauschartiges Abwerfen der alten »Farbe« bemerkbar macht, sondern langsam erfolgt. Die Richtigkeit dieser Ansicht leuchtet ohne weiteres ein, wenn man unter der Lupe sieht, daß das Sommerhaar oval abgeplattet, das Winterhaar dagegen rund im Querschnitt ist. Es kann sich nämlich ganz unmöglich ein ovales Haar in ein rundes verwandeln.

Es ist dem Nichtjäger oft unbegreiflich, wie scharf der Hirsch im Walde die Art und Bedeutung einzelner Geräusche zu unterscheiden weiß. Der Lärm der pfeifend heransausenden und auf dem dunklen Bruchpfuhl klatschend und schnatternd einfallenden Enten stört ihn nicht in seiner Gemütsruhe. Und den knarrenden Ton des alten Wagens beachtet er kaum. Aber das Knacken eines winzigen trockenen Ästchens, das der unter Wind heranpirschende Jäger zertrat, veranlaßt ihn, in wilder Flucht davonzupoltern. Dagegen ist die Sehkraft und das Unterscheidungsvermögen mittels der Lichter beim Hirsch sehr gering, namentlich bei unbeweglichen Gegenständen oder regungslos stehendem Jäger. Der Hirsch verläßt sich dafür auf seine Nase, deren hohe Entwicklung sich ja auch schon in dem anatomischen Bau des Schädels mit seinem großen Rasenrohr zeigt. Alle dem Hirsch angeborenen und nach ihrem Antriebe und Erfolge unbewußten Willensvorstellungen, die zu der Erhaltung seines Lebens, oder zur Brunftzeit zur Erhaltung seiner Art dienen, sind hauptsächlich auf die Wahrnehmung der Witterung zurückzuführen. Auf der Fährte der ruhig vor ihm hergezogenen Tiere zieht der Hirsch zur Äsung; auf der Stelle, wo er wittert, daß sie heftig zurückgeprellt sind, wendet auch er schleunigst um, selbst in dunkler Nacht, wo er außerstande wäre, die Form der gespreizten Fluchtfährte zu sehen. Auf der stark witternden Fährte eines liebesiechen Wettbewerbers folgt der Platzhirsch dem Störer seines Rudelfriedens; der Fährte des brünstigen Alttieres zieht der Schneider, der eines zaghaften Schmaltieres der starke Kronenhirsch nach. Und alles dies weiß die noch feinere Nase des Schweißhundes zu unterscheiden, der bei der Leitarbeit der gesunden Fährte des Kapitalhirsches, den er bestätigen soll, unverdrossen nachhängt, wieviel anderes Wild sie auch gekreuzt haben mag.

Die Fährten- und Spurenkunde hat deshalb in der Lehre von den »gerechten Zeichen des edlen Hirsches« bei der Jägerei von jeher eine hohe Rolle gespielt. Um in dieser Kunst und Kunde die Anfangsgründe zu erlernen, tut der Neuling gut, sich den Lauf eines Alttieres und den eines Hirschen von gleichem Alter sowie die Läufe von Schmaltieren und Spießern recht genau zu besehen. Er wird dann bald auch die Fährten am Boden je nach der Breite der Schale, Stärke des Ballens, Spreizung oder Schluß des Trittes richtig ansprechen. Das läßt sich nicht aus Büchern lernen, so gute Anleitung diese auch bieten; es will draußen in Wald und Feld geübt sein. Und bei der Verschiedenartigkeit der Fährteneindrücke je nach Wetter und Jahreszeit lernt sobald kein Jäger aus.

Aber das große Buch der Natur bietet für die Beobachtung des spürenden Jägers nicht nur das eine Blatt, den weichen Erdboden; ebenso wichtig sind auch die gerechten Zeichen an Baum und Strauch:

»Willst du erfragen,
wo der Hirsch hat geschlagen,
frag' keinen Jäger, der gibt dir's nicht an;
frag' junge Tannen, bist besser daran!«

Das Spießerchen wählt sich zum Fegen seines Erstlingsgeweihes ein schwaches, fingerdickes Bäumchen. Der alte Vierzehnender aber nimmt einen armstarken Baum vor und bearbeitet diesen derart, daß die abgeschabte Rinde zwei Meter lang in losen Fetzen herunterhängt. Wenn der Spießer oder sein zweijähriger Bruder, der Sechsender, durch die Dickung ziehen, so ritzen sie kaum die weichen Äste der Laubbäume. Wo aber der alte Vierzehnender durchgezogen oder gar flüchtig hindurchgeeilt ist, da hängen die zerbrochenen und zerknickten »Himmelszeichen« mit welkem Laube nach unten, und verraten seine Spur, auch wenn etwa die Fährte im wässerigen Sumpfe zusammengelaufen sein sollte. Auch wenn in Ameisenhaufen, namentlich in alten, verlassenen, mit dem Geweih herumgewühlt ist, so darf man annehmen, es mit einem besonders übermütigen und wilden alten Hirsch zu tun zu haben. »Schneider« tun das wohl zuweilen auch, und sie reißen auch in scherzendem Übermute die Grasnarbe auf; das geübte Jägerauge kann aber doch gleich unterscheiden, wes Geistes Kind der Tunichtgut gewesen ist, der da gehaust hat. Aus dem Nässen kann man ohne weiteres einen Schluß auf das Geschlecht ziehen. Das Tier näßt in die Tritte der etwas gespreizten Hinterläufe, der Hirsch aber zwischen die Tritte der Hinter- und Vorderläufe. Dies Zeichen gilt natürlich bereits bei dem Hirschkalb und dem Wildkalb, das heißt dem männlichen und weiblichen Kalb. Ein sehr sicheres Zeichen bietet die Losung. Wer nur ein einziges Mal die eines Rudels angesehen hat, wird sofort an der dünneren und schlankeren Form der einzelnen Stücke die Losung der Tiere von der der Hirsche unterscheiden können.

Aus allen diesen Zeichen kann ein Weidmann, der diesen Namen verdient, das Tun und Treiben seines Wildes mit ziemlicher Sicherheit und Bestimmtheit beurteilen. Aber mit noch viel größerer Bestimmtheit schließt der Hirsch aus den vom Jäger hinterlassenen Zeichen auf dessen freundschaftliche oder üble Absicht. Es ist ohne weiteres klar, daß dies Vorstellungsvermögen und das daraus fließende Denken des Hirsches sich in demselben Maße erweitert und vertieft hat, als der Mensch die Mittel vervollkommnete, mit denen er dem Wilde nachstellt. Jeder alte Jäger weiß, daß die Hühner in der Zeit der Vorderladergewehre besser hielten als heute in der Zeit der Browningflinten, und daß dies nicht etwa erst auf persönlichen Erfahrungen der bereits beschossenen Völker beruht, sondern in ihren ererbten und angeborenen Erfahrungsschatz, den Instinkt, übergegangen ist. Der Hirsch ward durch den Menschen gezwungen, die weite freie Ebene, die seine Vorfahren liebten, aufzugeben und ein Tier des Waldes, ja im wesentlichen ein Nachttier zu werden. Wo er sich vertraut fühlt, da hört man zur Brunftzeit sein Schreien den ganzen lieben langen Tag; wo er aber weiß, daß ihm nachgestellt wird, da bricht sein wildes Röhren erst lange nach Sonnenuntergang los und schweigt vor Tau und Tage. Wo er sich geschont weiß, da zieht er bereits in den Nachmittagsstunden zur Äsung und tritt in der Morgenfrühe wieder aus, um sein Frühstück einzunehmen. Wo er aber weiß, daß seinem Hauptschmuck von leisen Schleichern nachgestellt wird, die er viel mehr fürchtet als die laut durch den Wald kommenden Treiber, oder wo er in der Abenddämmerung beim Austreten auf die Kleefelder schlechte Erfahrungen gemacht hat, da wagt er sich nicht vor völliger Dunkelheit zur Äsung hinaus und verzichtet lieber auf das saftigste Frühstück, als daß er Leib und Leben in Gefahr bringt. Ja, ein und derselbe Hirsch in ein und demselben Revier hat ganz genau unterscheiden gelernt zwischen der Schonzeit und der Jagdzeit. Im Juli kann man ganze Rudel von Kolbenhirschen beieinanderstehen sehen. Aber sobald sie ihre Geweihe einigermaßen blankgefegt haben, wissen sie, daß es sich nun empfiehlt, zu der alten nützlichen Heimlichkeit zurückzukehren; und keinen von ihnen kriegt man so leicht bei Büchsenlicht mehr zu sehen, sobald die Schonzeit vorüber ist.

»Daß du gescheiter als der wolltest sein,
Jäger, das bilde nur ja dir nicht ein!«

Das Waldgespenst

Die Heide blüht in Abendsonnenglut! Um ihre zarten Kelche summt und surrt es in spielend frohem und emsigem Mühen, und alle bunten Falter tummeln sich in der letzten Sommerwonne. Die blühenden Disteldolden sind von Pfauenaugen überladen. Auf dem Dornbusch am Waldesrande hat der rotrückige Würger für seine Jungen den Tisch gedeckt, sechs, acht Gänge für jede Mahlzeit, alles zappelnd auf die Dornen gespießt; und die junge Brut läßt sich's schmecken und lernt dabei das Handwerk. Im warmen Sande an der Heideblöße stübert sich das Rebhühnervolk, und die alte Henne reckt sichernd das kluge Köpfchen. Ob sie es wagen kann?

Die Luft wird mählich kühler, und der feine Abendduft meldet sich bereits über dem feuchten Wiesengrunde. Nun wird es wohl Zeit, abzustreichen und auf Äsung zu ziehen. Am Rande der Mergelgrube jagen die Schwalben lustig auf und nieder, bis hinter dem Saum des Waldes das Tagesgestirn versinkt. Da kommt es pfeifend durch die Luft gezogen: ein Schof Enten ist im nahen See aufgestört und kreist nun über Wald, Wiese und Heidebruch, um neue Zuflucht zu suchen. Eine Ricke mit ihren Kitzen tritt am Waldrande vor und äugt das Vorland ab, ob die Luft rein und das Austreten geraten erscheint. Schmalrehchen ist bereits draußen in der Wiese, und ein Spießböckchen, das in den letzten Wochen soviel Prügel vom starken Achtender gekriegt hat, tritt furchtsam aus und stürzt dann, als es sich sicher fühlt, in wilden Sätzen auf das Schmalreh los, das flüchtig vor ihm zu Holze zurückgeht. Da schallt es drinnen mit grober Stimme, und der Spießbock sucht eiligst das Weite. Der Achtender denkt aber nicht mehr ans Aufstehen. Zwischen breitem Farnkraut und zerknicktem Himbeergesträuch hat er sich niedergetan, wehrt sich, ab und zu müde nickend, mit den Lauschern eine surrende Fliege ab und fragt nicht viel nach Spiel und Tanz. Aber den Spießbock läßt er sich deswegen doch nicht ins Gehege kommen. Das hätte gerade gefehlt! Draußen im Felde ist es jetzt ungemütlich für ihn geworden. Der Roggen, der so schöne Deckung bot, ist herunter; und um die Gerste haben die Schnitter bereits die Randschwad gemäht, damit das klappernde Ungetüm mit den vier Windmühlenflügeln seine Bahn finden kann. Da bleibt der alte Bock am liebsten in guter Deckung und wartet, bis das Licht weg ist, um dann zur Äsung auf das süße Erbsenfeld zu ziehen. Oder in das Mengekorn! Oder auf die Serradelle! Der Tisch ist ja jetzt überall gedeckt für ihn! Auch für die Enten, die nun, als der Abend sich mit schweren Schatten auf die Erde herabsenkt und nur am Himmelssaum noch die letzten roten Bänder glühen, dahergestrichen kommen, um auf frischgemähten Feldern einzufallen. Auch für die alte Bache, die mit ihren Beischweinen, wenn das letzte verräterische Licht geschwunden ist, heraustritt in den Hafer, dessen Ähren die Rotte schmatzend durch das Gebrech zieht. Ihre Frischlinge hat die Bache im Röhricht am Teufelsbruch gelassen, wo sie nach Schnecken und Gewürm das faulige Laub durchsuchen. Die unerfahrenen Dinger wissen noch nicht, mit welchen Gefahren das bißchen Freude an süßem Hafer und frischen Erbsen verbunden ist. Ehe sie nicht die Streifen im Jugendkleide los sind, haben sie im Felde nichts zu suchen. Im Teufelsbruch sind sie in guter Gesellschaft. Ein Alttier mit seinen diesjährigen Kälbern und seinen Jährlingen, dem Schmaltier und dem Spießer, hat dort seinen Stand, und weiterhin ein zweites und ein drittes. Wenn die Sonne sinkt, zieht das Tier der Suhle zu und wirft sich in den Morast, daß das Wasser der Blanke hoch aufspritzt. Wenn es mit schwerem Tritt wieder aufsteht und sich schüttelt, dann sieht es genau so kohlschwarz aus wie die kleinen Frischlinge. Der Spießer hat auch schon gelernt, wie wonnig dieses Schlammbad kühlt, zumal jetzt, wo er sich bei der reichlichen Äsung von Hafer und Schoten vor Hitze oft nicht zu lassen weiß. Er begreift nicht, warum sein dummes Schwesterchen durchaus nicht in die Suhle mag und sucht mit scherzenden Kreuz- und Quersprüngen es zum Annehmen des verlockenden Bades zu ermutigen. Dabei geht die Jagd durch dick und dünn, bis schließlich das Leittier mit den anderen herangezogen kommt und alle langsam dem Waldrande zuwechseln, um dort hin und her ziehend in weiten Bögen sich Wind zu holen von dem Felde, auf das sie austreten wollen. Als das dünne Bimbamm der zehn Uhr schlagenden Dorfglocke herübertönt, nimmt das Alttier die Spitze, und in flottem Troll geht es hinaus bis mitten auf das wonnig duftende Erbsenfeld, wo eine Einsattelung das Rudel allen Blicken entzieht.

Auch der starke Vierzehnender, der mit seinen beiden Beihirschen, einem Zehnender und einem Achter, jetzt zuweilen auf den Feldern nascht, liebt um diese Zeit die Suhle; doch rinnt er gern auch auf dem Wechsel zu den Erbsen durch den Schmalen See, in dessen Röhricht er tagsüber oft bis an den Hals stand, solange die ekelhaften, verwünschten Dasselfliegen mit ihrem klebrigen Geschmeiß ihn bedrohten. Das ist nun vorbei, und sein einziges Ungeziefer sind jetzt die Hirschlausfliegen, die zu Hunderten an ihm herumkrabbeln, ihm aber damit weit weniger lästig fallen als dem alten Förster, dem sie sich auf seinem Reviergange in den grauen Bart und das dichte Haar setzen. Dem Hirsch hinwiederum ist der Jäger lästiger wie alle Lausfliegen seines Waldes zusammengenommen; und als erfahrener und gewiegter Menschenkenner meidet er auch nach Möglichkeit die Wechsel, welche das Rudel jetzt nimmt. Desto lieber rinnt er durch den erquickend frischen See und macht, wenn er morgens vor Tau und Tage wieder zu Holze zieht, im Röhricht noch ein paar verschmitzte Widergänge, ehe er zurückrinnt und das schützende Loch der Brandkule wieder aufsucht.

Da ist es gut sein, mitten im Weizenschlage am langen, schmalen Düsterföhren-See! Die Brandkule ist ein mit hohen Erlen, Schilf, Kalmus und Riesenampfer bestandenes Bruch. Und der Weizen ist dies Jahr so üppig aufgeschossen, daß man kaum sagen kann, wo seine dunklen Halme aufhören und das Röhricht beginnt. Gesellschaft genug gibt es da. Vom See tönt noch immer das lustige Geschwätz des Rohrsängers herüber: »Karra, karra, karra, kiet, kiet, kiet!« Haubensteißfüße, die während des Sommers ihres Jungen auf dem Rücken reiten ließen, um sie vor frechen Schnapphechten zu hüten, lärmen nun mit den Flügeln in der stillen Morgenfrühe. Bläßhühner stimmen ein, und auf einem hohen Windwurfe am Rande der Brandkule sitzt der putzige Kerl, der sich für den König der Vögel hält, wippt mit dem niedlichen Steiß und schmettert ein Liedchen zum Himmel, das so laut klingt, als sei er größer wie die Rohrdrossel. Wenn der alte Hirsch morgens zurückwechselt und sich niedertut, so kommt er mit wichtig tuendem Eifer herbei, verbeugt sich unzählige Male, richtet sein Schwänzchen kerzengerade hoch und begrüßt den großen Tolpatsch, der das Mordsgeweih trägt, mit lustigem »Zeck, zerr, zeck, zerr!« An dem Wurzelstock des Windwurfes hat er sein Schlafnest, und ein anderes baut er sich jetzt drüben an einer vergessenen Garbe vorjährigen Schilfes. Und wenn der Winter kommt und alle anderen den Hirsch verlassen, wird er bei ihm ausharren und ihn warnen vor den bösen Menschen.

Aber da ist noch ein anderer, der hier den alten Hirsch vor jeder Gefahr warnt: der Krüselwind, der jeden in diesen Kessel eindringenden Jäger sofort verraten würde. Ein Zeichen des Himmels hat dem Hirsch diesen Stand gewiesen. Eines Tages sah er vom jenseitigen Buchenhang aus, wie bei heller Sonnenglut in dem Kessel hier drüben die Heuschwaden in die Höhe gewirbelt wurden. In früher Nachtstunde liebt auch er dies neckische Spiel. Aber welcher fürwitzige Schneider trieb denn am hellen Mittag solchen an Selbstmord grenzenden Unfug? Bei schärferer Beobachtung aber sah er, daß gar kein Hirsch diesen Tanz der Heuschwaden verursachte, sondern daß ein ganz seltsamer Wind das bewirkte. Langsam hob dieser Schwad um Schwad auf, trug sie feierlich im Kreise herum, um sie sacht und behutsam wieder hinuntergleiten zu lassen. Den Wirbelwind, der in tollem Strudel alles über den Haufen schmeißt und wie ein wahnsinniger Schratt über das Land tost, den kannte er wohl. Aber nie zuvor hatte er dies anmutige Spiel liebkosenden Kreiswindes gesehen. Und als erfahrener Lebenskünstler zog der Hirsch daraus die gute Nutzanwendung: in diesem Kessel gab es immer warnende Witterung für ihn, von welcher Seite der verhaßte lautlose Schleicher im schilfgrünen Kleide auch kommen mochte. Noch in derselben Nacht prüfte er die näheren Umstände des Platzes, und das Ergebnis war: hier ist gut sein! Sollten wirklich einmal, was hier ja nicht wie drüben in der Pachtjagd vorzukommen pflegte, nichtswürdig freche Hunde mit krummen Läufen und hellem Halse oder gar klappernde Treiber es versuchen, ihn aus diesem Kessel herauszudrücken, so hätte er tausend Gelegenheiten, sich zu retten und schlimmstenfalls durch den See zu rinnen. Es müßte aber schon gerade der scharfe rotbraune Hund mit der Schwarznase sein, den der alte Jäger am Schweißriemen führt, der ihn hier aus seiner beschaulichen Ruhe aufstören könnte. Der naseweise Achter weiß diese Vorsicht nicht zu würdigen, ihn lockte es Nacht für Nacht nach dem reifen Haferfelde; der schwere Weizen und der zarte Klee sind ihm nicht lecker genug. Er mag Gott danken, daß er der Führung des Alten sich anvertraut hat, den die Jäger »das Waldgespenst« nennen. Da lernt er fein still im kühlen Bett sitzenbleiben bis das verräterische Licht des jungen Mondes hinter den hohen Buchenwipfeln verschwunden ist. Und erst wenn die Schatten von drüben auf den See und den Weizenschlag herübergreifen, reckt sich der Alte mit schwerem Schloßtritte auf, schüttelt die steifen Knochen und die morastige Decke und nimmt die Nase vor den Wind, um dann behutsam aus dem hohen Röhricht auf den Bergkopf zu wechseln, wo der Weizen härter und dünner steht und die freie Nachtluft mit wohliger Kühle ihn umspielt. Nicht gar zuviel Zeit darf die heimliche Gesellschaft sich gönnen; schon als der Morgenstern über den Buchen herausschaut, mahnt der Alte zur Heimkehr. Nur die Wiese am Seemunde, über der jetzt schützende Nebel liegen, wird noch angenommen, und ein Weilchen äsen alle drei vertraut am Rande des Röhrichts in dem zarten Grase, um dann durch den Weizen nach der Brandkule zurückzuwechseln. Kaum sind in dem unsicheren Licht ihre Gestalten als schwimmende Punkte erkennbar, noch viel weniger ihre Geweihe anzusprechen. Sorgfältig vermeidet der Alte den tags zuvor genommenen Wechsel, und ohne Unterlaß sichernd, führt er seine Gesellen auf heimlichen Widergängen, deren Spur das Wasser verwäscht, in das verstrüppte Versteck zurück.

Er hat alle Ursache zu dieser guten Vorsicht! Als er noch ein unerfahrener Schneider von acht Enden war, ist es ihm schlecht bekommen, daß er an jeder Suhle und auf jedem weichen Waldwege seine übereilende Fährte abdrückte oder gar auf dem Rasen sein Insiegel hinterließ. Der Bauer, in dessen Haferfeld er nachts so gemütlich schmauste, lag dem Jagdpächter wegen Wildschadens unaufhörlich in den Ohren; und eines schönen Morgens, als der Achtender vergnügt bei heraufziehendem Morgengrauen am Waldrande äste und an nichts Böses dachte, fuhr ihm aus heiterem Himmel ein Blitz entgegen, und es wurden ihm kleine Donnerkeile auf die Decke geblasen, die schrecklich wurmten und brannten. Alles Suhlen im kühlen See wollte dagegen nichts helfen. Lahm, kampfunfähig und heruntergekommen wie ein Strolch trat er in des Lebens schönste Zeit ein; aber kein noch so altes Tier wollte von ihm was wissen. Den Winter über kümmerte er entsetzlich, und die bösen Folgen machten sich im nächsten Jahre in seinem jämmerlichen Aufsatze geltend, mit der er sich beim Rudel gar nicht sehen lassen durfte. Das hat er ja nun freilich überwunden. Denn sein Vierzehnendengeweih blitzt in weißen Enden, und die Stangen sind dunkel und reich geperlt. Aber mit dem ausgeheilten Vorderlauf tritt er nicht mehr richtig auf. Und er weiß ganz genau, daß an seiner Dreitrittfährte die Jägerei der ganzen Gegend ihn kennt. Und deshalb hütet er sich, so gut es geht, sein Zeichen zu hinterlassen. Jedenfalls bekommt ihm das gut. Denn er ist bei dieser Vorsicht zu Jahren und zu dem Namen »das Waldgespenst« gekommen, der für ihn gewiß nur ehrend sein kann.

Die Krone der Jagd bleibt die Birsch, vorausgesetzt, daß sie mit Verständnis ausgeübt wird. Es ist unglaublich, was manche Leute heutzutage alles unter Birschen verstehen! Da stolpert solch ein Unglücksrabe tagtäglich um dieselbe Stunde am Waldrande hin und wundert sich dann, daß das Revier wie ausgestorben ist. Wer den Feisthirsch beim ersten bleichen Morgenlicht vors Rohr kriegen will, muß sich schon die Mühe nehmen, in die Denkart des alten Heimlichtuers sich hineinzufinden. So wie unser alter Freund, der Förster, dem »das Waldgespenst« keine Ruhe läßt. Daß der alte Schlaumeier durch den See rinnt, ist ihm längst klar. Und die Brandkule hat er auch bald im Verdacht. Und daß da bei dem Krüselwind nichts zu gewinnen und nur der Hirsch zu vergrämen ist, weiß er auch. Also fein sachte beobachten, wenn der Hirsch kommt und wohin er zieht. Der Vollmond ist da, und die Nacht sank herein in feierlicher Stille. Nichts stört die tiefe Ruhe als das ferne Rufen des Waldkauzes. Da kommt er herbeigestrichen und hakt neugierig im Geäst des Erlenbaumes auf, in dem unser alter Grünrock sitzt. Und dann gleitet er verwundert hinüber zu der Eiche, in deren Zweigen er ein anderes Menschenbild gewahrt, regungslos wie ein Stein. »Hu, hu, huhuhu!« Dann wieder Totenstille. Eine Sternschnuppe gleitet herab vom voll ausgestirnten Himmel. Langsam verkürzen sich die Schatten der Bäume. Der Mond gewinnt den Plan. Da ziehen aus der Brandkule drei Gestalten herauf, die wie vom Licht des Mondes versilbert erscheinen. Es sind die Hirsche, die im Weizen äsen und dann zögernd und sichernd sich am Seerande hin der Wiese zuwenden. Von dort her steht der Wind gut auf die Spitze des tiefen Grabens zu, der das Bruch entwässert. Und leise, wie auf Katzensohlen, gleiten eine halbe Stunde später die beiden Jäger von ihren Hochsitzen herab, birschen im flachen Bogen einer Mulde des Weizenfeldes dem Graben zu und dann in diesem vorwärts.

Quatschnaß vom Tau; was tut's! Vorn, wo das Mondlicht in den Grabenhals scheint, wird haltgemacht, der Rest der Feldflasche geleert und dann der Morgen erwartet, der endlich, endlich, endlich kommt. Noch kämpft er mit dem Mondlicht, das bleicher und bleicher hinter den Kronen des jenseitigen Uferwaldes verschwimmt. Da, vom Weizen bis an den Rücken gedeckt, ziehen die Hirsche am Rande der Wiese durch den blassen Bodennebel hin. Nur einmal ist das hocherhobene Haupt des Vierzehnenders vom fahlen Morgenschein umflossen. Da taucht es wieder unter. Doch jetzt wechselt der Achter bergan, der Zehner folgt ihm und endlich auch »das Waldgespenst«. Als sie den Kamm erreicht haben, wo der Weizen dem Starken kaum über das Knie reicht, spricht die Büchse. Hochauf setzt der Vierzehnender, um dann mit dem Äser am Boden in wilder Flucht dem Röhricht zuzustürzen, in dem er verendend zusammenbricht. Den Achter hat er mit sich fortgerissen, der Zehnender dagegen ist herumgefahren und strebt in rasender Flucht der Wiese zu. Rastlos macht er am Seeufer halt, dem Jäger die volle Breitseite bietend. Aber der hat die Büchse schon gesichert über der Schulter und gibt dem Zehnender den Weg frei zu dem Rudel hinüber, das jenseits der Wiese am Waldesrande zusammengeprellt ist und nun unter Führung des Leittieres dem Teufelsbruch zutrollt, wo es in der Dickung verschwindet. Nur der kleine Schelm vom Zaun, der aus seinem Schlafnestchen schlüpft und mit verwundertem »Zerr, zerr!« sein Königreich umkreist, weiß nicht, was alles das bedeutet, warum der starke Hirsch so wild mit den Läufen schnellte, und warum ihn nun ein so seltsames Zittern überläuft. Ängstlich wippend, hüpft er hin und her. Da sieht er, wie der Recke noch einmal das müde Haupt hebt und dann steif und starr die Glieder streckt; und die volle Erkenntnis des Schrecklichen kommt über ihn. Furchtsam birgt er sich im Brombeergebüsch. Nach einer Weile sieht er den Achtender, der noch immer in der Rohrdickung stand, durch die Halme fortschleichen. Aufmerkend vernimmt er das Knarren eines Wagens und sieht dann, wie der Förster mit einem hirschroten Hund daherkommt, der die Nase am linken Knie des Alten hält. Voller Entsetzen schlüpft er ins Röhricht und hüpft von dort an einer Erle empor. Da sieht er einen zweiten Jäger dem Förster folgen und beide auf dem Kamm des Hügels im Weizenfeld gehen. Dort nimmt der Alte etwas auf. Haar scheint es zu sein. Und dann reicht er dem jungen Jäger wie zum Glückwunsch die Hand. Zaunschlüpferchen versteht die Menschensprache nicht, sonst würde es das Wort »Blattschuß« verstanden haben.

Hirschbrunft

Die Blumen, denen der sanfte Sonnenwind die Kelche stäubte, und die mit ihrem Duft und ihrer Farbenpracht bunte Honigdiebe und Falter dazu anlocken, den befruchtenden Staub zu übertragen, sind verblüht. Nur die Herbstzeitlose steht noch auf den feuchten Bergwiesen. Durch die Kronen des bunten Buchenwaldes fährt der Herbstwind, und der Nebel weicht das Laub an, damit es um so schneller in der klaren Mittagsluft vergilbe und sich schmücke zum Totenfest des Pflanzenlebens, das für den edlen Hirsch die Tage der Hochzeit bildet. Sein Liebestrieb und seine Kampflust sind nicht umsonst so eng verschwistert. Denn auf dem Urgründe seiner wilden Eifersucht schlummert der Schutztrieb seiner Art, deren Wert für die Auslese nicht übersehen werden darf, da gerade diese wilde Eifersucht dafür sorgt, daß nicht die Schneider oder Altersmüden, sondern die Tüchtigsten auf dem Tanz- und Raufboden der Liebe den Preis gewinnen. Vom Siege in diesem Kampf, der auf Leben und Tod geführt wird, nicht aber vom Beginn der Geschlechtsreife, über die kein Spießer durch kollerige Gelttiere aufgeklärt zu werden braucht, ist die Ausübung des Gattenrechts bei dem Hirsch bedingt. Genau so, wie sie es bei dem Mann im Urzustande aller Kulturvölker war, wie die uralten Gebräuche lehren, die auf den Brautraub als die ursprünglichste Rechtsform des Verlöbnisses zurückweisen. Der Brunftplatz zeigt uns eine ungemein wichtige Tatsache in immer neuer Augenscheinlichkeit: kein noch so sehr vom »Schrei nach dem Kalbe« geplagtes Gelttier kann einen Gatten sich erzwingen; denn der Antrieb und Angriff sind Sache des Hirsches! Und in dieser Verschiedenartigkeit des Liebesinstinktes liegt eine Welt voller Geheimnisse beschlossen. Dem Sieger auf dem Brunftplane wendet das Rudel seine Gunst als etwas Selbstverständliches zu, und nur hirschtolle alte Gelttiere, von denen der Herr des Platzes nichts wissen mag, geben dem quarrenden Schneider, der den Zaungast spielt, Unterricht im Tändeln. Der starke Hirsch aber, der Sieger über so viele stolze Kronen, liebt von allen seinen Schönen am meisten das schüchterne Schmaltier, bei dem Angst und zaghafte Zurückhaltung stärker sind als die geile Begierde, die jedem Erstbesten sich aufdrängt. In der weiblichen Tierseele liegen auch beim Rotwilde bereits jene eigenartigen Gegensätze, die das Weib dem Manne zum süßen Rätsel machen: zurückweichende Sprödigkeit und zärtliches »Mahnen«. Bis zu einem gewissen Grade haben ja die Hirsche die Einrichtung der »Gemeinschaftserziehung«. Aber sie reicht nicht über die Spießerstufe hinaus. Sehr viel früher als beim Menschen heißt es in der Kinderstube des Rotwildrudels: »Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe!« Sobald der Hirsch seinen zweiten Aufsatz trägt, also lange, ehe er auf dem Brunftplatz mitreden darf, hält er es mit den Hirschen. Und nur wenn im Herbst die alle seine Sinne betäubende Brunftwitterung ihn umfängt, folgt er, den Windfang am Boden, den Spuren eines Einzeltieres, bei dem er, fern vom Haupthirsch, Erhörung zu finden hofft und oft wohl auch findet, wenn die Brunft auch bei den Tieren den Höhepunkt erreicht hat. Die Kämpfe um die Gunst der Tiere sorgen aber dafür, daß der Schwächling der Art des kommenden Geschlechtes nicht allzu viel Schaden zufügt. Anderseits sorgen diese Kämpfe auch dafür, daß der Hirsch mit der Kraft seines Vaters auch die Antriebe erbt, die diesen zum Sieger auf dem Brunftplatz gemacht haben. Beide Erbschaften sind seelisch unlöslich verbunden, genau so wie bei dem Herrn der Schöpfung auch.

Auch bei dem starken Hirsch nimmt die wilde Draufgängerei ihren Ausgang von dem äußeren Anreiz der Brunftwitterung, die bei den Tieren je nach Höhenlage und Witterung im zweiten oder letzten Drittel des Erntemondes sich meldet. Die Brunft dauert bei dem einzelnen Stück nur wenige, meistens wohl nur drei bis vier Tage, doch geht der eigentlichen Brunft ein den starken Hirsch aufs höchste reizender Zustand voraus, in dem das Tier durch ungemein starke Witterung ihn anlockt und doch wieder ihm ausweicht, bis er in wildem Sturmgalopp sich den Minnesold erringt. Der zerwühlte und zerstampfte Grund, auf dem ein sprödes Schmaltier vom wütenden Hirsch zum Stehen gezwungen wurde, veranschaulicht den Satz: Am Anfang aller Liebe steht die Gewalt!

Allmählich führt diese zu immer wilderen Kämpfen der Hirsche, zu immer häufigerem Lohne des Siegers, bis dieser ein ganzes Rudel sich zusammengeschlagen hat, über das er als unbeschränkter Herr herrscht, falls nicht zuweilen der Starke auch einmal einen Stärkeren findet. Dann setzt es Hiebe, daß der ganze Wald vom hellen Klange widerdröhnt, als ob gute Klingen aufeinander oder auf blanken Harnisch träfen. Von der furchtbaren Kraft dieser Ringkämpfe zeugt manches in der Mitte der Stange abgebrochene Geweih.

Auch in der Sorglosigkeit, mit der er sich den Freuden der Liebe und des Kampfes hingibt, ist der Hirsch abhängig von dem, was er sich erlauben darf. Man könnte sagen, von seinen sozialen Verhältnissen. Der verwöhnte Prinz im eingegatterten und wohlgehegten Forst nimmt sich mehr, viel mehr heraus als Junker Schmalhans, der nachts auf Bauers Kartoffeln ziehen muß, weil sein Rudel nicht dort fortzubringen ist. Und ein Hirsch in freier Wildbahn, der sich bei den dort in der Zahl der Geschlechter herrschenden schlechten Verhältnissen vor brunftigen Tieren nicht zu lassen und zu retten weiß, schreit weniger als ein Hirsch in der Schorfheide oder Romintener Heide, der um jede Schöne mit sieben alten Raufbolden streiten muß. In solchen Revieren erdröhnt der Wald den ganzen lieben langen Tag von leidenschaftlichen Schrei der Hirsche. Und es ist klar, daß die ohnehin dort leichtere Übersichtlichkeit dadurch noch erhöht und die Birsch auf einen bestimmten Hirsch erleichtert wird. Inder freien Wildbahn gilt das Gegenteil. Wo der Hirsch völlig zum Nachttier geworden ist, da muß er auch seine Liebestänze auf die verschwiegene Stunde der stillen Nacht beschränken. Das ist nicht nur so in der Mark Brandenburg, sondern auch in Tirol und in den siebenbürgischen Karpathen.

In den österreichischen Alpen ist der Hirsch durch die den ganzen Sommer über währende Beunruhigung ohnehin zum Nachttier geworden, und die Hirsche wagen oft nicht vor der elften Stunde auf die Almlichten herauszutreten. In den schönen Buchenwäldern der Mark kann man wohl oft auch in freier Wildbahn bereits gegen Abend die Hirsche schreien hören, aber sie ziehen doch selbst dort, wo sie sorgfältig geschont werden, aus den Dickungen erst spätabends heraus, und wer den starken Hirsch vors Rohr kriegen will, muß sich schon zum Frühbesuche verstehen. In Revieren, wo das Rotwild nur wechselt, gilt dies natürlich noch viel mehr.

Und doch dürfen wir es als ein hohes Glück bezeichnen, daß unserer Heimat noch in so vielen Gegenden der Schrei des edlen Hirsches als das Hohe Lied der herbstlichen Weidmannsfreude erhalten geblieben ist. Man braucht wahrlich nicht ein Jäger zu sein, um die hohe Schönheit und den adelvollen Reiz eines Brunftmorgens zu empfinden. Schon während der Nacht war wieder und immer wieder der eherne Ton eines starken Hirsches zu vernehmen. Gegen Morgen hin antwortet vom jenseitigen Waldsaum ein anderer, und über den Rücken des Berghanges tönt ein dritter und ein vierter Schrei herüber. Immer näher rücken sie dem Saume der Blöße zu: hinter ihren Tieren ziehen die Hirsche von den Äsungsplätzen auf den Brunftplan zurück. Klar stehen in der kalten Nacht die hellen Sterne am durchsichtigen Himmelsgewölbe; doch am Boden weben über den feuchten Waldwiesen bleiche Nebelschwaden hin, in denen, als nun das Morgenlicht heraufzieht, die Gestalten der Hirsche spukhaft verschwimmen. Oft auch verstärkt dieser Nebel mit dem Morgengrauen sich so sehr, daß er das ganze Schauspiel dem Blick des Betrachters entzieht. Aber dem inneren Auge des Jägers kann doch kein Nebel die wilden Vorgänge verhehlen, die da unmittelbar vor ihm in greifbarer Nähe sich abspielen. In heftigem Trollen jagt ein starker Hirsch ein Tier und stößt bei jedem Tritt, die rauhen, kurz abgebrochenen Töne aus, die an das erste Grollen erinnern, mit dem das Gebrüll des Löwen anhebt. Dann wirft er das Geweih weit in den Nacken und stößt in langen aufeinanderfolgenden Ausbrüchen von Ärger und Sehnsucht den wilden Hauptschrei aus, der in seinem tiefen Ausholen am meisten Ähnlichkeit mit dem Gebrüll des Tigers hat. Bei jedem Absatz dieses Schreies gibt sich der Hirsch im ganzen Leibe einen Ruck, so daß die Luft weithin erzittert. Wie der Auerhahn in seiner Balzstellung zuweilen tief zu Boden geht und dann wieder sich kerzengerade aufrichtet und mit weit geöffnetem Schnabel seinen Hauptschlag der Krone des Standbaumes zuschnalzt, so kann man auch den Hirsch oft mit vorgerecktem Halse und geschlossenen Lichtern schreien sehen und dann wieder beobachten, wie er das Haupt tief hintenüberlegt, um mit weit geöffnetem Windfang gen Himmel zu schreien. Mit dem stark durchgebogenen Hals bietet er dann ein eigenartiges Bild, das wohl kaum noch von einem Maler erfaßt, aber wohl oft genug von erfahrenen Jägern beobachtet worden ist.

Mit dem auffrischenden Morgenwind lichtet sich der Nebel, und der wilde Reigen vor uns auf dem bereiften Plan erreicht seinen Höhepunkt. Der Schrei des Platzhirsches wird von einem Mordskerl erwidert, der eben jetzt aus dem Nebel sich heraushebt. Von weitem schon hört man seinem Ruf den Ausdruck wilden Hasses und trotzigen Angriffes an: Uoh-uo-uooh-ooha! Wütend kommt er angetrollt: ho-ho-ho-ho-ho! Dann in Sicht des Gegners verhofft er, um dem Platzhirsch dann die Herausforderung entgegenzuschreien: ho-ho-ho-hoooah! Noch einmal messen sich die Kämpfer und wühlen wütend den Boden auf, daß Wurzelwerk und Heide umherfliegen; dann schreiten sie langsam mit gesenkten Geweihen aufeinander zu wie Ringkämpfer, die mit tiefer Hand sich packen wollen. Ein paar kurze Finten, dann prallen die Geweihe ineinander, und der Kampf beginnt. Jeder sucht den anderen zurückzudrängen und zu ermüden, um ihm die Flanke abzugewinnen zu tödlichem Stoße mit dem Augensprosse. Ihre unterlaufenen Lichter zeigen Weiß, aus den aufgeblähten Nüstern dringt der heiße Odem, die Haare an dem vom vielen Schreien geschwollenen Halse sind gesträubt und geben dem Kragen ein noch wilderes Aussehen. Jetzt liegen beide Kämpfer auf den Knien und stemmen die Hinterläufe tief in den Waldboden, jeden Muskel bis zum äußersten gespannt. Längst vom maßlos häufigen Beschlagen so ausgetrocknet, daß Haut und Mähne ihnen um die dürren Knochen schlottern, erscheinen sie als die Verkörperung wilder Rauflust. Und sind es! Beide wissen: es geht ums Leben! Hell klingt der Schlag ihrer stahlharten Geweihe durch den kühlen Frühmorgen hin, und in tollem Wirbel jagen sie im Kreise umeinander herum, um dann, wieder einander schiebend, zu verdrängen – bis der Schwächere fühlt, daß er das Spiel verliert. Wohl ihm, wenn es ihm dann gelingt, mit plötzlichem Ruck das Geweih zurückzunehmen und sich auf den Hinterläufen mit aufschnellender Wucht zurückzuwerfen, um sich in eiligen Fluchten zu retten! Mit ein paar weiten Sätzen bringt ihn dann der Sieger auf den Marsch, um darauf, sich zu seinem Rudel zurückwendend, einen Schrei auszustoßen, aus dessen heftig abgerissenen Sätzen und donnerähnlichem Schluß Zorn, Kampfbegier, Liebesraserei und überschäumende Freude am Leben in vollem Strome hervorbrechen. Aber wehe dem Besiegten, wenn in der Fluchtwende der Sieger ihm zuvorkam und mit blitzgeschwindem Stoß den Augensproß tief ihm in die Dünnung trieb! Fern im Röhricht oder im Schutze des Teufelsbruches wird der nächste Morgen ihn dann in brennendem Weidwundfieber qualvoll verenden sehen. Der Himmel sei auch dem Schneider gnädig, den der vom Kampf heimkehrende Sieger in unziemlicher Zudringlichkeit bei einer seiner Haremsschönen findet. Das Ausreißen eines solchen Windbeutels bildet das Satyrspiel nach dem Trauerspiel vom Waldrande drüben. Der Platzhirsch aber treibt sein Rudel wieder zusammen. Noch einige Male ertönt sein wilder Schrei. Dann zieht, ehe die Sonne den Plan bescheint, das Wild zu Holze. Und in der Suhle kühlt der Unersättliche seine heiße Glut. Wer auf dem Paukplatz des herbstlich bereiften Waldes die Finten und Kniffe der alten Fechter beobachtet hat, wird uns wohl, darin zustimmen, daß der »Komment« auf Hieb und Stich geht. Die in die Flanken versetzten Hiebe sind aber wohl selten tödlich, wenn auch ein paar Rippen gelegentlich dabei in Unordnung kommen mögen. Hirsche mit langen und sehr festen Oberenden – wenn dieser Ausdruck für solche Geweihe erlaubt sein mag, deren Enden im Gegensatz zur Krone in einer Ebene liegen und vielleicht die Stangenspitze besonders lang entwickelt haben – forkeln auch mit diesen. Sonst verursacht die Krone dem Gegner nur lange Renommierschmisse auf der Decke. Den Endkampf führt der Hirsch in der Mehrzahl der Fälle mit dem Kampfsproß, und zwar hat er dabei hauptsächlich drei Tricks. In jedem dieser drei Fälle sucht er zunächst den Gegner durch Anstemmen seines ganzen Körpergewichts zu ermatten. Nach dieser Einleitung und sobald der Schwächere zu wanken beginnt, holt er ein klein wenig rückwärts aus, um die Kampfsproßen zum Stoß freizukriegen, und forkelt dann den Gegner in die Dünnung der Flanke. Oder er versucht, ihm den Augensproß in eine der Ethmoidallücken oder eins der Lichter zu stoßen. Im dritten Fall verzichtet der alte Recke überhaupt auf Hieb und Stich, benutzt vielmehr die kräftigen Kampfsprossen dazu, um dem Gegner das Genick zu brechen. Zu dem Zweck greift er ihn halb von der Seite an, so daß er mit seinen Augensprossen das Geweih des Verhaßten an dessen Rosen wie mit einer Zange packt, und dreht ihm dann das Genick ab. Beim Hirsch ist die Kampfart, die auf Abdrehen des Genicks abzielt, erwiesen. Allerdings geht die Auffassung mancher Beobachter dahin, daß es sich bei solchem Genickbruch meistens um Fälle handele, in denen die Hirsche verkämpft gewesen seien und der stärkere mit der Kraft der Verzweiflung versucht habe, loszukommen. Die Antwort auf diese Unterfrage wird schwer zu geben sein. Wenn man aber das erbitterte Kämpfen gleichstarker Hirsche beobachtet hat, wird man wohl alten Recken eine bewußte Tücke im Angriff zuschreiben dürfen. Jedenfalls steht die Tatsache fest.

Zu Brunftplätzen wählt der Hirsch in zusammenhängenden Forsten oft sehr große Blößen, auf deren Mitte er sich verhältnismäßig sicher fühlt. Er ahnt wohl, daß sein leidenschaftliches Treiben ihm Gefahr bringt. Zu seinem großen Heil wacht aber das Rudel für ihn, das dem Ausgange des Kampfes mit kühler Gelassenheit zusieht. In dieser Hinsicht sorgen die Tiere ebenso für die Sicherheit des Hirsches, wie die allezeit vorsichtigen und wachsamen Auer- und Birkhennen für die balzenden Hähne. Es ist im einen wie im anderen Falle schwer, an den Ersehnten sich heranzubirschen, ohne von seinem Weibervolke verraten zu werden.

Es wäre übrigens ein Irrtum, anzunehmen, daß die stärksten Hirsche am meisten schreien. Sie sind selbst zur Brunftzeit oft sehr heimlich und verlieren ihre kluge Selbstbeherrschung höchstens zum Schluß, wenn es nichts mehr zu lieben und nur desto mehr zu hassen und zu raufen gibt. Solange sie noch ein schlankes Schmaltier haben, schlagen sie dies vom Rudel ab und treiben es in eine Dickung, aus der man nur ab und zu ein kurzes Knorren vernimmt, dessen Ton in seines Basses Grundgewalt von der rauhen Zärtlichkeit des starken Kronenhirsches erzählt. Den allermeisten Lärm machen quarrende, am Schluß in der Stimme überschnappende Schneider. Sie klagen, daß es einen Stein erweichen könnte, dem hellen lichten Morgen ihr Sehnsuchtslied; und ihr Leid, das statt im dröhnenden Baß von o und tiefem a in Flageolettönen von ö und ä ausklingt, verrät die Unreife ihrer Flegeljahre. Der Platzhirsch nimmt von ihnen keine Kenntnis, so lange sie nicht die unsichtbare, aber bestimmt ihnen gewiesene Schranke überschreiten, die sich für dumme Jungen gehört. Und wenn sie gar versuchen sollten, ein vom Taumel der allgemeinen Liebesraserei ergriffenes Stück zu verlocken, so bringt er sie mit einem kurzen rauhen Schrei auf den Trab: »Ho-ho-ho-hoooah!« Ins Menschliche übersetzt, heißt das etwa: »Geh nach Jericho und lasse deinen Bart wachsen, und dann komme wieder und rede mit uns!« Langsamen Schrittes von solchem Strafvollzuge zurückkehrend, tut der Platzhirsch dann inmitten seines Rudels sich nieder. Mit einem schweren Plumps, dem man anmerkt, wie ruhebedürftig er ist. Aber das hindert ihn nicht, auch im Sitzen noch zu schreien. »O-ooh-ha!« Das klingt dann wie ein warnendes Brummen, in das sich ein wenig gähnende Langeweile mischt, etwa als wolle er herumlungernden Schneidern zuschreien: »Schert euch weg, ihr grünen Bengel, ihr seid mir zu dumm!«

Wie der Beginn, so ist auch der Verlauf der Brunft vom Wetter ganz wesentlich bestimmt. Nichts ist gerade zu dieser Zeit dem Wild willkommener als kalte und klare Nächte, denen ein bereifter Morgen folgt. Geradezu unleidlich ist ihnen dagegen warme und weiche Witterung. Nebel scheint ihnen keineswegs unangenehm zu sein, wenn er nur recht kalt ist. Und leidenschaftlich schreit der Hirsch bei leichtem Schneefall. Auch darin hat die Brunft des Rotwildes viele Berührungspunkte mit der Balz des Auerhahns und des Spielhahns, die gleichfalls kalte Morgen und bereiften Wald lieben.

Der Schrei des Hirsches belebt den Reiz der Landschaft in einer Weise, die höchstens in der Balz des Auerhahns ein Gegenstück findet. Der Brunfthirsch in seiner wilden, verwitterten Gestalt ist auch nicht lediglich Staffage in der Herbstlandschaft. Er ist der König seines Waldes. In seinem Wesen bringt er zusammenfassend den ganzen herben Zauber der Schönheit der Herbstnacht zur Geltung, die das Herz ohne ihn sich gar nicht mehr recht zu denken vermöchte. Was ist ohne ihn oder den in den höheren Lagen an seine Stelle tretenden Gamsbock das herrlichste Gebirge! Stümperhaft dünkt uns die Musik der Staubbäche, in die nicht zur Zeit des Lärchengoldes das tiefe Stöhnen wild grollender Hirsche einfällt. Stumme des Himmels sind die hochzeitlosen Berge, deren Felsen nicht den Widerhall schreiender Hirsche zurückwerfen und weitergeben von Tal zu Tal. Und die armseligste Heide Ostpreußens oder der Mark gewinnt Seele und erschütterndes, geheimnisvolles Leben durch die hinreißende Musik zorn- und liebeentbrannter Hirsche.

Langsam senkt sich der Mond auf den Waldsaum nieder, und das Blinkfeuerspiel der Sterne beginnt zu verblassen. Der Jägerstern schaut eben noch über die hohen Kronen am schilfumkränzten See, auf dem ein Erpel schnarrend mit den Flügeln schlägt. Durch den Wald rauscht es leise, als ob er Zwiesprache mit sich selber hielte: der Morgenwind frischt auf. Im Osten ist das dunkle Tiefblau der Nacht in ein bleiches Grau übergegangen, das die nächsten Umrisse schon deutlicher erkennen läßt. Da heben sich auf dem Felde dunkle Gestalten ungewiß vom Boden ab: Rotwild nimmt Kartoffeln auf. Ein starkes Stück löst sich von der Menge des Rudels und zieht langsam dem Walde zu. Es ist das Leittier. Jetzt bleibt es wieder stehen und hebt einen Busch auf, den es tüchtig schüttelt. Es äst nur die an der Staude haftenden Knollen, die anderen läßt es liegen. Vom Felde her trollt ein Schneider zu Holze, der plötzlich in heftige Flucht fällt. Der Platzhirsch hat ihn auf den Marsch gebracht und wendet sich nun mit einem kurzen Knören zu seinem Rudel zurück. Er weiß wohl, daß er hier draußen nicht zu Hause ist und sich nicht zuviel erlauben darf. In dieser Gegend wachsen auf den Bäumen die Jäger, und jedes Feld ist mit Ansitzen, Hochständen, Bretterbuden und Schießluken so sehr gesegnet, daß schon die Klugheit eines alten Leittieres dazu gehört, um Hirsch und Rudel ungefährdet zur rechten Zeit wieder in Sicherheit zu bringen. Es ist gräßlich! Wo die Alte mit den Ihrigen gegen Mitternacht ein Rüben- oder Kartoffelfeld betritt und der Hirsch als letzter langsam dem Rudel folgt, da knallt es. Wo sie vor Tau und Tage zu Holze ziehen, knallt es. Wo sie zur Winterszeit, wenn der Blackfrost zur Verzweiflung treibt, vom Hunger ausgepumpt, eine verlockend duftende Fütterung annehmen, prasselt es ihnen entgegen; und für den Hirsch bedeutet des Lebens höchste Feier zugleich die höchste Verstärkung der Gefahr. Zwanzigmal tot müßte der Zwölfender, der dort draußen im Morgengrauen beim Rudel steht, längst sein, wenn nicht der Verstand des Leittieres und sein sprichwörtliches Hirschglück für ihn sorgten. Zum Glück und zur Belustigung des Leittieres laufen die Jäger einander selbst in den Weg. Als das Rudel gestern um die vierte Nachmittagsstunde in seiner Dickung aufstand, um durch das quabbige Teufelsbruch und das Röhricht des Blanken Sees den Rüben zuzuwechseln, auf denen es in den letzten Nächten so köstliche Leckerbissen aufgenommen hatte, sog das Leittier plötzlich Wohlgerüche ein, die ihm wenig zusagten: irgendwo herum stank da ein Mensch, und zwar ganz gewiß keineswegs von der liebenswürdigsten Sorte! Vorsichtig trat die Alte zurück und drückte gegen das nächste Stück, und alle schlichen dann wie Füchse zurück, um durch das Röhricht des Düsterföhren-Sees der Heideblöße zuzuziehen, von der aus sie im Bogen herum ja auch zu den Rüben gelangen konnten. Natürlich hübsch sachte, vorsichtig und nicht eher, ehe die Nacht hereingebrochen ist! In der Voßmaratz blieben sie stehen, und die nach vorn gelegten Lauscher des Leittieres sagten dem Hirsch, daß auch dort draußen die Luft nicht rein sei. Ärgerlich trat er hin und her, dann ließ er sich auf weichem Moospolster nieder, und die Mehrzahl der Tiere folgte seinem Beispiel. Aber das Leittier schaute unbeweglich auf die Blöße hinaus und schüttelte zuweilen leicht den Kopf. Was mochte der alte Einfaltspinsel sich nur denken, der dort oben am jenseitigen Rande der Blöße auf seinem Baumstumpfe saß, das nichtsnutzige Feuerrohr auf den Knien haltend? Er schien nicht zu ahnen, daß der Wind, der über hohe Waldbestände hinwegstreicht, zu Boden sinkt und dem am Waldrande stehenden Leittier seine Witterung zuträgt. Da saß er und saß, bis der Mond heraufgezogen war, und wunderte sich, warum der starke Hirsch, der doch alle Abende auf dieser Blöße ein Schmaltier getrieben hatte, heute gerade nicht austreten wollte. Endlich wendete er sich mit steifen Knochen heimwärts und fluchte innerlich auf den Nachbar, der vermutlich am Rande des Rübenfeldes den Hirsch heute früh erwischt habe. Aber der Nachbar hatte den Hirsch nicht geschossen. Er saß tatsächlich auch heute nacht wieder mitten in dem Rübenfeld und meinte, daß es ihm heute dort gar nicht fehlen könne. Die Rüben hatten am Rande des Bruches besonders gut gestanden, waren von dem zwanzig Haupt zählenden Rudel aber dermaßen angenommen und zertreten, daß der Ansitz dort ziemliche Sicherheit versprochen hätte, wenn nicht der Wind gerade an dieser Stelle stark gekrüselt hätte. Allmählich aber wurde die Gesellschaft vertrauter und wagte sich über den Kamm des Rübenfeldes hinüber, und darauf baute der alte Jägerknabe seinen verschmitzten Plan. Schon ehe die Hirsche diesen Teil des Feldes angenommen hatten, grub er sich dort mehrere Löcher, die je nach der Richtung des Windes den Ansitz und schon im ersten Morgengrauen ein Abkommen ermöglichten. Und siehe da, eines schönen Mittags konnte er bestätigen, daß die ganze Gesellschaft nun zwischen diesen Ansitzlöchern geäst, und daß, von diesem Leichtsinn verführt, auch der Zwölfender seine Tänze dort getrieben hatte. Diesen Abend nun, wo der Wind recht steif auf den Blanken See zu stand, mußte der Hirsch ihm ja kommen. Also saß und wartete er. Aber der Hirsch kam ihm nicht!

Als das Leittier sah, daß der schnurrige alte Onkel auf dem Buchenstubben endlich seine Mondscheinträumerei aufgegeben hatte und auf der Landstraße heimwärts zog, trat es vorsichtig windend heraus und führte das Rudel im Schutze des Waldschattens um das Bruch herum in die Rüben. Laut aufröhrend folgte ihm nun auch der Hirsch. Und den Jäger in seinem Loch durchschauerte der Schrei mit wilder Gewalt. Wenn doch der Morgen hielte, was die Mitternacht versprach! Aber das Rudel war nun einmal gestört, und fortwährend sichernd, hielt das Leittier sich im schützenden Waldschatten und Krüselwinde. Einmal jagte der Hirsch mit zornigem »Ho, ho, ho, ho, ho!« ein Schmaltier gegen den Rand des Kammes. Dann blieb er wieder in der Sohle der Senkung stehen und holte mit vollem Halse tief auf: »Uooh-uooh-uooha!« Den Jäger durchbebte es wie körperliche Erschütterung. Der Boden dröhnte von dem wilden Stampfen des Hirsches. Schon hoffte der Jäger, daß die ganze Gesellschaft im Morgengrauen auf dem Kamm hier vor ihm den Rückenwechsel um den Blanken See herum nehmen würde. Aber das Leittier war anders gestimmt. Mißtrauisch durch so viele, zwar sehr ehrenvolle, aber gar nicht beanspruchte Aufmerksamkeiten hielt es sich vorsichtig innerhalb des Kessels, wo es bei dem Drehwind sich so sicher fühlte. Weshalb gerade heute den Kamm, der eine Gefahrengrenze darstellt, überschreiten? Lieber nicht! Als das Büchsenlicht heraufzieht, ist der ganze nächtliche Spuk von den Rüben verschwunden und zurück nach den Kartoffeln gewechselt: »Uooha! Uooh!« tönt es noch einmal aus dem Bruch zu dem Jäger hinüber. Und noch einmal hört er, wie, schon im Teufelsbruch, der Alte treibt: »Ho, ho, ho, ho – hoooah!«

Der Jäger aber zündet sich sein Morgenpfeifchen an und spürt den Waldrand ab, wo er die ganze Geschichte dieser Nacht lesen kann. Und als er auf der Landstraße die noch tauschlächtige Spur seines Wettbewerbers findet, ist er vollends wohlgemut und malt sich mit reinster Freude aus, wie der alte Jagdneidhammel mit der dunklen Empfindung heimgetrollt sein mag, wieder einmal eine Mordsdummheit begangen zu haben. Mancher lernt's nie, und dann auch noch nicht ordentlich! Und darin wurzelt das sprichwörtliche Glück der Hirsche. Es gäbe ja sonst gar keine mehr! Der Jäger, den wir jetzt, sein Pfeifchen rauchend, heimwärts wandern sehen, ist weit davon entfernt, die durchwachte Nacht für eine verlorene zu halten. In seinen Augen sind nur die Nächte verloren, die er im dumpfen Federbette verschläft. Kann es Herrlicheres geben, als eine Nachtlang fünfzig Schritte entfernt von einem schreienden Hirsche zu sitzen?

In den Alpen gibt es keine Rüben für die Hirsche zu naschen. Aber dafür wird der Brunftplan mit linnenweißem Tüchlein tagtäglich frisch gedeckt, und die stahlklare Nacht wirft das Licht der glitzernden Sterne vom funkelnden Neuschnee zurück. Aus dem tiefen feierlichen Schweigen des in der eisigkalten Nachtluft fast blaßgrün erscheinenden Himmelsgewölbes heben sich die dunklen Umrisse der Bergmassive heraus; da klären sich im Süden die scharfen Schneiden in zartem Lichte, und über den wilden Rauhkamm zieht sanft und sacht der Mond herauf. In der Almhütte unter dem Hochsattel ist's lebendig: der Jäger-Franzi erzählt mit Händen und Füßen beim Feuerschein Geschichten, wie er vom Wilderer ein Jäger geworden ist, und wie sein Kamerad aus der Lumpenzeit, der Gambstoni, erschossen liegt drüben im tiefen Graben, wo sie ihn mit Steinen bedeckt hatten, damit nicht die Raben ihn fänden. Wie der Loisl den Zwölfender bei der letzten Jagd vom Berge bucklkrax herabgetragen hat, daß die Kavaliere verwundert mit ihren Perspektiven ihm zugeschaut haben, als er Vorder- und Hinterlauf derselben Seite verschränkte und dann hineinschliefte, wie in die Tragriemen seiner Kraxen. Mit den Ellbogen stemmte er sich auf die Hinterläufe, Kopf und Geweih hingen ihm über die Schulter. Gerad dort am spitzen Eck, wo die Wand am schiechsten ist, hat er gejodelt, daß es eine Lust war. Aber einer von den Stadtherren hat nicht länger zuschauen mögen und sich abgewandt aus Grauen, daß der Loisl abstürzen könne. Gelächter unter den Holzern in der qualmerfüllten Wurz-Hütte, in der der Enzian und der dunkelrote Tiroler kreisen. »Der Hirschentrager-Loisl und abifallen, ja du mei!« Der steht schweigend am Herd und rührt mit seinen breiten Bärenpratzen sich einen Schmarren, als ginge ihn die ganze Geschichte nichts an. Hat mehr als einen guten Hirsch so heruntergetragen, und stärkere dazu, als den abgebrunfteten Zwölfer! Immer lebendiger werden in der braunen Thaye die Erinnerungen alter Zeiten: der wieselflinke, weißköpfige Ferdl schnurrt, was kein Teufel zu glauben braucht, und die anderen lachen dazu, sogar der schweigsame Hirschentrager-Loisl mit den Hünenschultern und den großen blauen Kinderaugen in dem ernsten, von blondem Zottelbart umrahmten Gesicht. Der Jager-Franzl ist vor die Hüttentür getreten. Von der Roßalm hinterm Walde tönt Schrei auf Schrei. Ganz am Rande der Dickung droben ziehen zwei Stücke hin. »Uooh-oooha!« Der starke Zwölfender ist hinter ihnen, auf den der Franzl gestimmt ist für seinen »Schiassatagast«, der drinnen in der Hütte bei den Holzern sitzt. »Oo-uooh!« War schon der Rechte! Aber wie ankommen? Der Franzl spekuliert eine Weile wie ein Hirsch. Hinter der Hütten herum, unter der Almlichten hin, und am Zaun der Roßalm hinauf: so möchte es gehen! Der Brummer da oben hat's so eilig nicht mit dem Heimwege. Und hier über die Wurz-Alm wird er nicht herabziehen. Immer wilder grölt er jetzt. Der Franzl weiß jetzt vollkommen Bescheid. Ein Schmaltier ist's, das den zottigen Grobian ärgert. So ein rechter zierlicher Sauberschatz auf schlanken Läufen. Jetzt pfeffert es hintenaus, um sich die groben Unverschämtheiten zu verbitten. Da reißt der Hirsch einen zornigen Brüller, daß die ganze Almlichten bebt und die da drinnen herausfahren. Der Ferdl hat ihn schon in Vierteln auf der Waagschale liegen und taxiert: seine zweihundertfünfzig hat er gewiß! »Hast dei Schlitt'n scho gericht' oder dei Muli?« lacht der Wurzer dem Franzl entgegen. Der verzieht keine Miene. Winkt nur dem fremden Herrn. Und schweigend schlüpfen sie hinaus in die sternklare Nacht. Der Loisl, als verstände sich das von selbst, schleicht hinterdrein.

Der Zwölfer hat das Schmaltier, das er treibt, weit vom Rudel abgeschlagen, das am Hange an Stauden äst. Vom Hochsattel herüber tönt das Schreien zweier anderer Hirsche. Weit weg, das rührt ihn nicht. Aber aus dem Latschengraben hinter der Wurz-Alm zieht ein anderer herauf, der sich bisher noch nicht gemeldet hatte. Gerade noch zur rechten Zeit, daß der Franzl und der Loisl es hören können, ehe sie in den engen Wildbachgraben einsteigen. Eine Weile halten die drei Jäger. Der Gast lauscht, auf seinen Bergstock gestützt, der wundervollen Weise des Widerhalles, der Schrei um Schrei zurückwirft, daß der ganze Wald zu leben und zu beben scheint, und kaum noch zu unterscheiden ist, welche Stimme dem Platzhirsch und welche dem Angreifer gehört. Dann steigen die Jäger behutsam aufwärts, am Ufer des bald rauschenden, bald unter Bolleis hohl gehenden Wildbaches hin.

Droben wird es lebendig. In langen Pausen, doch immer mächtiger, tönt der dumpfe, abgebrochene Schrei des Angreifers heran. Da rollen Steine. Ein Tier, das auf dem Wege des Heranziehenden stand, springt auf, ein Schmaltier folgt ihm. Am Saum des Latschenfeldes verhoffen sie und schauen neugierig dem Ankömmling entgegen, der mit dem Winde heranzieht und keine Witterung von ihnen hat. Da: »Ho, ho, ho, ho!« Jetzt hat er ihre Fährte gefunden, und mit dampfendem Windfang, das trotzige, stark bewehrte Haupt weit zurückgeworfen, jagt er dem Wilde nach und treibt dies auf den Platzhirsch zu. Oben durch die Lärchenwipfel rauscht leise ein flüsternder Wind. Wie eine trübe, schwelende Ölfunzel leuchtet es von der offenen Tür der Wurz-Hütten herauf. Und alle Sterne machen sich hell, als müßten sie dabei sein bei dem, was nun dort oben am Roßkopfhange sich zuträgt. Da rauscht und bricht es durch die Latschen herauf, und hell, vom Mondlicht Übergossen, steht dem Platzhirsch der herausfordernde Gegner gegenüber, das stolze Kronengeweih hoch erhoben. – Er hat sich verrechnet und ist an den Unrechten geraten. Der Kampf ist kurz, und bald wendet der Eindringling in hastender Flucht sich zum See zurück, woher er gekommen ist. Der Platzhirsch aber treibt nun sein vernachlässigtes Rudel zusammen und zieht, als der Morgen herandämmert, langsam und zuweilen noch knörend und trenzend, durch den Hochwald der Roßalm zu. – –

Zwei Stunden später liegt er vor der Wurz-Hütten. Der Ferdl springt von einem Bein aufs andere und schnalzt mit den Fingern wie ein Kohlführer mit der Peitsche. Der Franzi muß immer wieder erzählen, wie der Hirsch in hoher Flucht aufsetzte, als er aus dem Fensterspalt des Roßalm-Stadls den Blattschuß kriegte. Der Wurzwirt schenkt ein und frotzelt die Holzer. »Ob's dei Maul hiaz halt'st, Wurzn-Jackl?« schreit der Ferdl. »Hiaz drahn ma anders auf, mit den Zwölferhirsch! Jessas, Jessas!« Und dabei springt er wie ein balzender Spielhahn. Als habe er den Hirsch ausgemacht und geschossen. »No«, meint der Franzi begütigend, »weil wir 'hn nur hab'n, den Zwidrian!« Der Wurzener lacht dazu, und der Tiroler kreist. »A Weinerl zahlt der Schiassatagast eh no!« lacht der Ferdl, dem der rote Morgenkaffee im Glase besser mundet als die schwarze Brühe der grauslichen alten Häuserin von der Wurz-Hütten. Nur der Hirschentrager-Loisl, der den Zwölfer bucklkrax wie ein Gams heruntergeschleppt hat, sitzt am Feuer, als wäre er da seit der Nacht nicht aufgestanden.

Droben im Hochwald äst das Rudel dahin. Nicht lange dauert die Witwenschaft. Ehe der Vollmond scheint, ist der abgeschlagene Brummer von letzter Nacht dabei. Und der stolze Zwölfer ist vergessen! – – –

Die Brunft nähert sich ihrem Ende. Bald werden die Schneider alle Eifersucht und Feindschaft vergessen und wieder zu dreien oder vieren gehen, wie abgerackertes Jägervolk, das nach einer durchwachten Nacht stumpfsinnig seinen unvermeidlichen Skat drischt. Auch die Rudel ziehen dann langsam wieder den gewohnten Ständen zu und gedenken der Stellen, wo um die herbstliche Zeit ihnen gute Fütterung geboten zu sein pflegt.

Nur unser starker Zwölfender aus dem Rübenfelde wird so schnell nicht heimkehren. Am Schlusse der Brunft zieht er in wilder Sehnsucht weit, weit, meilenweit fort auf Wechseln, die schon seine Urväter getreten haben: von der Weichsel zur Warte, von der Neumark und Uckermark bis Mecklenburg, auf die alten geschichtlichen Kampfplätze seines Geschlechts, die nur die wildesten Raufbolde zu betreten wagen. Ob er nach allen Kämpfen und Fährnissen seiner weiten Wanderung wiederkehren wird auf den heimlichen Winterstand? Ob die Singdrossel, die im letzten Lenz zu seinen Häupten im hohen Orte der alten Fichte sang, ihn wiedersehen wird? –

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