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Wild Welt und Du

Fritz Bley: Wild Welt und Du - Kapitel 3
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleWild Welt und Du
publisherVerlag Deutsche Volksbücher
year1952
editorWulf Bley
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180406
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Rehwild

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Wildweihnachten

Der Rauhreif hat den Wald umfangen. Die kahlsten Bäume stehen nun mit zierlichem Laube geschmückt, das in seiner moosartigen Form der alten Eberesche hier an der einsamen Landstraße die gespenstige Gestalt einer gewaltigen Bärlappe aus der Steinkohlenzeit gibt. Jeder Seggestengel im Bruche trägt eine daumdicke Glitzerpracht, jedes Farnblatt ein kristallenes Wunder. Wo der Wind gestern dort auf der Blöße den Schnee auf Haufen gejagt hatte, liegt heute ein banges Todesschweigen über dem Eismärchen, das riffbauende Korallen und urweltliche Fratzen vortäuscht. Selbst das kleine Wässerlein, das aus der warmen Quelle im Eichenberge munter herauszusickern pflegt, hat Eiszapfen an seiner Öffnung. Und über dem verzauberten Walde und Felde liegt ein milchweißer zarter Schleierduft, der jeden Ton zu ersticken schien. Da grollt es aus der Tiefe herauf wie ein dumpfes, bebendes Heulen, und von drüben jenseits des Waldes kommt Antwort in gleichem Tone: die Eisdecken der Seen donnern von Ufer zu Ufer.

Früh ist der kurze Tag zur Rüste gegangen, und über den dunklen Tannen, die unter ihrer funkelnden Prachtlast brechen zu wollen scheinen, zieht das blasse Gesicht des jungen Mondes schon herauf, ehe noch die dunkelrote Scheibe der scheidenden Sonne hinter dem Bruchwalde hinabgetaucht ist.

Von Düsternlanke her klingt es wie summendes Singen, als ob Immen flögen mitten in dieser verzauberten Winterwelt: die Glocken läuten das Christfest ein. In den Gärten des Dorfes haben sich die Vögel zusammengefunden, denen der Rauhreif draußen die Nahrung versagt: Meisen und Baumläufer, Spechte und Finken, Spatzen und Amseln, alle finden sie hier gedeckten Tisch. Hinter den Scheunen picken Hänfling und Haubenlerche auf, was beim Dreschen abgefallen ist, Goldammer und Sperling dringen in die Pferdeställe, und am Futterkohl in den Gärten laben sich Bergfink und Ringeltaube. Auf der Dorfstraße haben die Pferde für die gefiederten Landstreicher gesorgt.

Draußen auf der Landstraße feiert Meister Vollrath, der Alte, sein Weihnachtsfest. Vor Jahren sind Weib und Kind ihm gestorben, damals, als er als Aufseher für ein großes Holzhandelshaus in der Bukowina war. Schönes Geld hatte er da verdient, aber zu Neujahr kriegte er die Nachricht, daß seine Kinder am Heiligen Christabend beide an der Bräune gestorben seien. Und dann legte sich auch sein Weib. Jetzt schmückt er fremden Leuten den Weihnachtsbaum und schnitzt deren Kindern Spielsachen. Seit Jahren lebt er als Holzmeister hier und ist im Forsthause unentbehrlich. Alt und steif ist er drüber geworden und hat fast vergessen, wie einsam er ist. Aber in der Weihnachtsnacht, da kommt es immer über ihn, und er mag keinen anderen Christbaum mehr sehen als den, den unser Herrgott am nächtlichen Sternhimmel aufblitzen läßt. Heute will auch der nicht scheinen; die bange Not liegt über der Welt! Seit heute früh ist der alte Andreas Vollrath durch den verschneiten Wald gestapft, um nach seinen vielen Kindern draußen zu sehen. Am Bodensteine hat er die Holzfuhrleute dazu beredet, ein Stück Heidekraut freizupflügen. Dann hat er dort eine warme Quelle aufgeeist, damit den Rehen die Brunnenkresse nicht versagt, die dort wächst. Am Südhange der Eichenworth und am Steinholze hat er zwei Stunden lang sich plagen müssen, um Himbeer- und Brombeerranken freizulegen. Und dann ist er noch an der Schonung beim Düstern Winkel gewesen, um den Sauen einen Rucksack voll Kartoffeln zu bringen. Denn die armen Luder haben es zu solcher Zeit am schlimmsten; sie reißen sich das Gebrech wund, wenn der Boden steinhart gefroren ist. Und wenn sie schließlich gar nicht mehr brechen können, so gehen sie elend ein oder werden zu Mördern an kümmernden Rehen. Erst vorgestern hörte Meister Vollrath einen Spießbock klagen, und gestern fand er, was die Sauen von den armen Japper übriggelassen hatten: ein paar flauschige Stücke der Decke und die Läufe, um die sich krächzende Krähen stritten.

Es ist dem Alten ganz recht, daß es Abend wird, ehe er heimkehrt ins Düsternlankesche Forsthaus. Das Wild im Walde bringt ihn auf andere Gedanken. Was hilft es denn auch, ewig hinter Verlorenem herzuträumen? Hier sind so viele, die den alten Vollrath brauchen! Ja, ja, an solchen Tagen, da kann man es lesen im Schnee, wie es steht um des Herrgotts Wald und Wild! Mit den Rehen geht es noch! Sie plätzen im tiefen Schnee. Solange der trocken ist, hat es keine Not. Da haben sie es warm in ihrer straffen Decke. Äsung finden sie im Kiefernwalde an Heidelbeeren und Heidekraut. Das hält mit seinem Bitterstoffe den Magen warm und gesund. Wo immer im Walde ein mastgebender Baum fortkommen mag, eine Roßkastanie, Eisbeere, Eberesche oder am Rande ein Haselbusch, Holunder oder Weißdornstrauch, da hat ihn auf Vollraths Bitte der Oberförster geschont. Was schadet es denn auch, daß man die alte Heideneiche am Bodensteine schützt?

Ihr hohler Stamm, der den Waldkäuzen zum Nisten dient, würde kaum ein paar Klafter schlechtes Brennholz liefern. Aber ein um das andere Jahr schüttelt sie reiche Mast, die Sauen, Rehen und Hirschen über den Winter hinweghilft. Und was der Häher verschleppt und aufzunehmen vergißt, begrünt den Wald mit jungen Zukunftsstämmchen. Und die Wildäpfel und die Buche! Die Nützlichkeitsfexe wollen sie ausrotten, aber der verständige Forstmann schont sie um seines Waldes willen, den er ohne Wild sich nicht denken mag. Dazu finden die Rehe durch Vollraths Fürsorge stets gefällte Laubhölzer, etwas saftige Kresse und rechts drüben auf dem Felde etwas Roggensaat – weiter brauchen sie nichts. Dürrlaub von Eichen, Birken, Espen und dergleichen tut ihnen auch wohl. Aber sie müssen danach Wasser schöpfen können. Der alte Waldgänger schüttelt den Kopf darüber, daß es sogar Forstmänner gibt, die das Trinken des Rehes selbst zur Winterszeit bestreiten. Nun ja, solange sie viel grüne Saat haben, geht es zur Not auch ohne das. Aber bei Dürrkost müssen sie sich tränken. Schnee lecken sie nur im Notfalle. Die zertretenen Stellen um die warme Quelle unter dem Bodensteine herum zeigen deutlich, wie gern Vollraths Lieblinge diese Erquickung mögen. Vom künstlichen Futter hält der Alte gar nichts. In der gräflichen Jagd in Wundshagen, wo Vollrath zuweilen seinen alten Freund, den Waldwärter, besucht, läßt der Pächter, ein reicher Berliner, füttern, als ob er eine Herde Schafe dort ernähren müßte. Die Wirkung ist lediglich, daß das Rehzeug den ganzen lieben langen Tag an der Fütterung herumsteht und steif und müde wird, wenn strenge Kälte kommt. Da kann keine Art gedeihen. Mit Vergnügen hat der Alte heute das Hin und Her der vielen Widergänge seines Wildes gesehen und beobachtet, wie hurtig der alte stramme Bock über Stock und Stein gehen konnte, den er im Bruchwalde aus dem Bette auftat. Den kennt er schon lange: das ist der starke Achtender! Jetzt freilich hat der Bock erst Wülste auf dem Kopfe. Aber dies ist sein Lieblingsstand, und die grobe Stimme, mit der er abgehend schimpfte, bestätigte ihn.

Im Sommer ist er ein versteckter alter Schlauberger, der »Herr Geheimrat«! Aber jetzt fühlte er sich sicher. Von der Art sind mehrere hier im Revier und könnten noch mehr sein, wenn nicht das verdammte Pantoffelmacherdorf dort drüben läge. Ein Kerl lebt dort in Oberwalde, ein gewisser Weddermann, der ist mit einer Rolle Schlingendraht auf die Welt gekommen und kennt alle Wälder auf zwanzig Meilen im Umkreise wie seine Hosentasche. Für die Sorte müßte der alte Fritz seinen Krückstock hiergelassen haben. Aber davon will heutzutage keiner nichts mehr hören! Na, der alte Vollrath weiß Bescheid, und seine kleine »Molly«, die Wachtelhündin, paßt auf; die hat schon ein paarmal dringesessen in Weddermann seinen Drähten. Einmal hätte sie beinahe in einer Rehschlinge ihr Ende gefunden. Jetzt kennt sie die Geschichte und verbellt jedes verdächtige Stück Draht. Wenn man den Kerl doch ein einziges Mal erwischen könnte!

Meister Vollrath kennt seine schabbelbeinige Spur ganz genau. Wenn man sieht, wie der auswärts tritt, merkt man gleich, daß er einen Nagel im Kopf hat. Aber jetzt bei Schnee läßt der durchtriebene Schlingel sich nicht spüren. Desto mehr weiß der Wald jetzt von Reinecke zu erzählen, der die ganze Nacht herumstreift und auch gern ein Rehkitz nimmt, wenn er es erwischen kann. Er nimmt auch mit Schlechterem fürlieb. Dort ist er hinter den Holzfuhren hergeschnürt, um an duftenden Roßäpfeln sich zu laben. Und dort hat er eine Maus aus dem weichen Schnee gebuddelt!

Oben am Steinholze stehen zahlreiche Rehwechsel hinaus auf das Feld und zum Walde zurück. Auch Rotwild zieht nachts dort zur Äsung auf die Roggensaat. Der schadet es nicht. Sie steht schon kräftig trotz des trockenen Herbstes; der steife Lehm hält seine Frucht. Da ist der Tisch für alles Schalenwild gedeckt. Auch »Dolchspieß«, der starke Rehbock, tritt dort aus. Dieser alte schwarzrückige »Dolchspieß« hier ist überhaupt ein Taugenichts! Der muß fortgeschossen werden, sobald er wieder seinen Aufsatz blankgefegt trägt. Denn mit seinen kräftigen zurückgesetzten Spießen ist er zu gefährlich für alle Böcke mit gut vereckten Gehörnen. Der reine Mörder! Keinen Spießbock duldet er im Sommer in seiner Nähe, geschweige denn einen guten Mittelbock. Der muß fort!

Auf der Höhe der Saat ist der Alte spätnachmittags an einer Eberesche an der Landstraße stehengeblieben und sieht durch sein Nachtglas den Rehen zu, die dort, schon vom ersten Mondlichte umflossen, äsen. Dort der alte stramme Bock, der alleweile den Spiegel ausspreizt, das ist der mißtrauische »Dolchspieß«. Jetzt äst er ganz verträglich neben zwei guten Mittelböcken und einem Dutzend Ricken mit ihren Schmalrehen und Kitzen. Welch ein Bild des Friedens, Alterchen! Schau her, das sind deine Pfleglinge! Die Leute im Dorf sagen: Deine Kinder! Na ja!

Da tönt das Abendläuten vom Dorfe herauf, und der Alte muß an den Heimweg denken. Langsam schreitet er dem Forsthause zu. Als er den Waldsaum erreicht, schrecken dort Rehe: »Böb, bööb – böb, böb! – baa – u!« Die Sauen kommen! Heute finden sie im Düstern Winkel gedeckten Tisch und können die Rehe in Ruhe lassen. Friede auf Erden – hier draußen im Walde gibt es keinen Frieden! Da ist jeder des anderen Feind, und die Natur selbst führt gegen ihre Geschöpfe einen grausamen Vernichtungskampf. Jetzt im Winter zumal, wo alle schwache Kreatur in Todeswimmern zusammensinkt. Muß da noch der Mensch zum Raubzeuge werden an dem armen Wilde? Jetzt wo die Sonne mittags kaum über den Himmelsrand lugt, um gleich wieder hinter bangem, bleichem Dunstschweigen blutrot zu versinken? Wo die Tannen unter ihrer Schneelast stöhnen und das einsame Herz sich so schwer fortschleppt wie die graue Nebelhexe, die alles bißchen Menschenglück aus der Welt gejagt hat?

Wegmüde ist der Alte stehengeblieben und lauscht tief hinein in das bleiche, funkelnde, kalte Winterleben. Da weckt Hundegebell vom Forsthause her ihn aus seinem Sinnieren.

Eine Stunde später sitzt er am warmen Ofen und fühlt sich von weichen Kinderarmen umschlungen und zeigt dem Hans, wie man die Armbrust spannt und die Bolzen auflegt.

Sommermorgenfrieden

Der fröhliche Sängerkrieg, der mit dem Lenze in den Bruchwald und das laubreiche Unterholz am Bodensteine mit lustigem Schmettern und süßem Schmelzlaute eingezogen war, ist verstummt. Wenn am Raine die Hagerose erblüht, verschweigt die Nachtigall. Das Weibchen hat seine liebe Not mit den hungernden Sperrhälsen, und der Hahn hilft ihr bei der Ernährung der Kleinen. Jetzt lockt er mit weichem »Fiid!« und tiefem »Tack-tack« seine gesprenkelten flüggen Jungen, wirft den rotbraunen Stoß auf und springt zurück ins Waldlaub, um neue Atzung herbeizubringen. Unter einem hohen Wurzelspiegel hat der Zaunkönig sein verschlossenes Moosnest, aus dem fünf unersättliche Zaunprinzen und -prinzeßchen bald die Schnäbelchen, bald die Pürzelchen hervorstrecken, und die Eltern müssen sich hurtig sputen, um die überhäuteten, dicken Kotbällchen mit ihren Schnäbeln aufzufangen und fortzuschleppen, damit kein böser Dieb das Nest entdeckt. Da findet der kleine König wenig Zeit zum Singen; aber zuweilen stellt er sich doch auf den höchsten Wipfel einer einzelstehenden Kiefer und schmettert einen lustigen Triller. Dann aber mit einem lauten »Zerr, zerr!« gleich wieder eifrig an die Arbeit! Des Plattmönchs braunköpfige Junge im Quirlgeäste der Jungbuche sind auch bald flügge. Aber der Schwarzkopf kann das Singen nicht lassen, solange der Schnabel leer ist. Schnapp, schnapp! Da hat er zwei Fliegen erwischt. Zurück zum Neste, gefüttert und weiter! Immer lustig jodelt er vor sich hin, und zum Schluß schmettert er einen Ruf, der geradeso klingt, als wollte er sagen: »Heute ist die Welt auch gar zu schön!« Ist sie auch! Gerade, weil es in der Nacht so wild und so wüst herging! Herrgott, war das ein Gewittersturm! Einmal über das andere wachte der Zaunkönig auf beim grellen Schein der Blitze. Freilich, er hatte es gut unter seinem wetterfesten Schutzdache. Das Plattmönchsweibchen, dem das Wasser das ganze Nest durchweichte, drückte sich zitternd über seine Jungen. Bei jedem Donnerschlag fuhr mit schrillem Pfiff und lautklatschendem Flügelschlage die Nachtschwalbe auf, und die verstörten Rehe zogen schreckend umher. Dann bog und wuchtete der Sturm die Kronen der alten Bäume, daß sie wogten wie eine brandende See. Wipfel krachten, Äste brachen stürzend nieder, und der Regen rauschte in wilden Strömen durch das Gitter der Zweige herab und bildete an allen Halden kleine Sturzbäche, die mit sich fortrissen, was ihnen in den Weg kam. Auch das Nest der Nachtigall verschwand in solch einem kleinen Wildbache. Aber die saß ja mit Weibchen und Jungen bereits auf den Zweigen des Haselstrauches, eng aneinandergedrückt wie Schwalben. Dann war das Unwetter vorüber, und die Rehe wagten sich vorsichtig auf die Blößen hinaus. Aber noch immer leuchteten die Blitze blau durch die Nacht, und der Donner grollte in der Ferne wie ein wüstes Raubtier, dem der Sprung auf die Beute mißlungen ist. Zwischen dem eilig dahinjagenden Gewölk zog nach Mitternacht der kranke Mond herauf, und die Sterne versuchten hindurchzublinzeln. Zuweilen huschte dann ein Lichtschein mit flüchtigem Lächeln durch den stöhnenden Wald. Aber die tiefhängenden Wolken bedeckten immer wieder den Mond, und hinter ihm zog ein neues Gewitter tiefschwarz mit wilden Blitzen heran. Über dem See lag es wie schwarze Wassersäcke. Und wenn zwei schnell von beiden Seiten einander folgende Blitze das dunstige Gewässer beleuchteten, so fuhr der Kopf eines Riesenwelses empor, als sende die Unterwelt ihre Ungetüme herauf, und die Laichkarpfen planschten schwer im Röhricht. Als vom Wundshagener Schloßturm die Schläge der Glocke die nahende Morgenstunde verkündeten, hallte sie so unheimlich über die Nebeldecke des Sees, daß es klang, als ob aus der Tiefe wimmernde Antwort käme, wie von den versunkenen Wendenglocken im Wurchow-See. Und wieder stob der Sturm heulend aus der Ferne daher und trieb die Rehe in den krachenden, ächzend wuchtenden und wild rauschenden Wald zurück. Bis endlich der hohe Morgen das wüste Grau durchbrach und die Eichen und Buchen und Föhren sich das schwere Naß aus den Zweigen schütteln konnten. Da tropfte es noch stundenlang, aber ein wundervolles Ausruhen war über Wald und Flur gekommen. Die Vöglein plusterten und schüttelten sich das badnasse Gefieder, wärmten sich im ersten Sonnenstrahle und sorgen nun für ihre Brut oder zwitschern lustig von Ast zu Ast.

»Friß, friß, friß, was ich dir spieß!« singt fröhlich die Goldammer auf hohem Steine ihren Jungen zu. Mit »Schack, schack, schack!« trägt die Amsel Atzung herbei. Auf schwankem Erlenzweig schäkert der grüngelbe Zeisig seinen kurzen Gesang, im Erlengebüsch läßt das Rotkehlchen seine wehmütig klagende Strophe ertönen, auf dem Wipfel einer Kusselkiefer singt der rote Hänfling im Morgensonnenstrahl sein volles Lied, die Grasmücke dudelt ein paar Strophen, und der Plattmönch jodelt und schmettert seinen Ruf hinaus in die tiefaufatmende, wunderschöne Gotteswelt.

Aber von den Rehen ist nichts zu sehen. Eben noch hatten ein paar Ricken mit ihren Kitzen drüben am Klee geäst. Jetzt sind auch die verschwunden. Nirgends im Walde stehen oder ziehen sie, wie sonst um diese Stunde, herum. Sie schlafen, als wäre die weite Welt verschwunden. Übermüdet von den Anstrengungen und Aufregungen der Nacht, lassen sie sich, in die Furchen des Kartoffelfeldes gedrückt, die liebe Morgensonne auf die quatschnasse Decke brennen und schlafen mitsamt ihren Kitzen in sträflicher Sorglosigkeit. Im raumen Föhrenwalde, wo das Tropfen am ehesten nachläßt, sitzen ihrer zwei Dutzend. »Dolchspieß« hat sich an der Sonnenseite des Steinholzes vor einem hohen Findlingsblock sein Bett gemacht nach dem Roggenschlage zu, wo ihn niemand stört, und macht ein Nickerchen. Der Einstangige ärgert sich am Sandhügel vor der Roßkoppel über eine dumme Fliege, die ihn in süßen Träumen stört. Der Bock am Eichenberge hat sich nach langem Zögern ein freies Plätzchen in der Schonung zum Schlafquartier erkoren, der »alte Baron« schläft im Heidekraut in den Kusseln am Klaren See, der »Frisör« sitzt keine zwanzig Schritte weit ab vom Wundshagener Wege im Stangenholz, und der »alte Geheimrat« plätzt auf dem großen breiten Stein mitten im Röhricht des »Düsteren Sees«. Keine Fährte verrät im Wasser, daß er dorthin gezogen ist. Aber heute hat doch einer den schlauen Bock dort ausgemacht: der alte Vollrath. Als das Gewitter vorbei war, zog er zu Holze, um nach dem Windbruche zu sehen, den es angerichtet hatte. Schlimme Arbeit wird es geben, aber es hätte noch schlimmer werden können! Am »Düsteren See« ist eine uralte Föhre entwurzelt niedergeworfen und ragt mit der Krone nun aus Wasser und Röhricht heraus. Vorsichtig hat sich der Alte auf dem gestürzten Stamm bis zu den Zweigen hingearbeitet. Dort steht er und blickt in den schweigenden Sommermorgenfrieden hinein, sieht die Schwalben über dem Seespiegel auf und nieder jagen und den Haubensteißfuß seine Jungen spazieren tragen, hört des Rohrsängers »Karra karra kiet!« und den fernen Ruf des Kuckucks drüben im Walde. Da vernimmt er links von sich ein sonderbares Geräusch. Wenn es nicht mitten im Röhricht gewesen wäre, hätte er glauben müssen, da schnarche ein fest schlafender Waldarbeiter. Dort liegt der große Stein; den kennt Vollrath ja ganz genau, weil dort im Winter beim großen Fischzuge immer das Netz eingeholt wird.

»Hm, hm! Steht es so? Das Plätzchen hast de dir also ausgesucht, alter Schlauberger? Na, sägen kannst de ja sehr schön! Aber wissen wollen mer doch, ob de es auch bist!«

Und Vollrath wirft zwei kleine Steine in das Röhricht hinein. Richtig, da plunscht es, und dann schleicht sich einer ganz leise, leise davon. Erst drüben unter den Fichten schimpfte er: »Bööb!« Nur einmal ganz kurz, aber mächtig grob. »Na, schweig doch man stille! Ich verrate dich ja nich!« lachte ihm der alte Vollrath nach.

Zur Roggenmöhn-Stunde

Die Mitternacht weiß nichts von der Stille in der Unterstunde zur Zeit, wenn der Roggen reift. Kein Lufthauch rührt sich über den weiten gelben Breiten. Die Bauern sind auf ihren Pferden davongeritten, die Feldarbeiter des Gutes in langer, müder Reihe zu Hofe gezogen. Wie vergessen liegt im Sonnenbrande das regungslose Feld. Das ist die Stunde, in der Kornblumen suchende Kinder die wilde Roggenmöhn fürchten. Die Möhn hat lange spitze Hörner auf dem Kopfe. Wenn sie plötzlich vor einem Schnitter aufspringt oder gar ihn stößt, so frißt ihn der Schweiß ins Rückgrat, und er fällt kraftlos um. Und wenn sie mit ihren schrecklichen langen Krallen ein Kind fängt, so frißt sie es auf. Deshalb sputen sich Buben und Mädel in dieser Stunde auf dem Heimwege.

Wie geisterhaft das Schweigen in dieser Stunde! Um Mitternacht wauwaut der Waldkauz, klatscht und pfeift die Nachtschwalbe, blasen im Bruch brechende Wildschweine, schrecken Rehe, schlägt vom Dorfe das Gebell der Hunde herüber. Jetzt dösen selbst die Hunde in ihren Hütten, kein Vogel gibt einen Laut, der Wald hat sich eine graue Schlafmütze von zitternder Luft aufgesetzt, und die Roggenbreiten ducken sich in brütender Bangigkeit, als lauschen sie schon den in der Ferne rauschenden Sensen ihrer Schnitter. Kornmöhn geht um! – – In den Ähren des Roggenschlages am Steinholze rauscht es leise. Ein schwarzer Kopf mit langen scharfen Spießen taucht auf. »Dolchspieß« ist es. Lange äugt er vorsichtig und unverwandt sichernd die ganze Gegend ab. Seit drei Wochen hat er den Wald verlassen, in dem es vor Stechfliegen, Beerenweibern und Grasschnittern nicht mehr auszuhalten war. Hier im Roggenschlag fehlt ihm nichts: mittendrin liegt ein Wasserloch, und frischen Klee findet er überall unter den Halmen. Hier sollte ihm mal einer beikommen wollen! Wenn vom Turme her die Mittagsstunde schlägt, entfernen sich die Arbeiter. Dann tritt er aus, d. h. auf den Rand des mannstiefen Grabens mitten in der Roggenbreite, auf dessen Grunde Pfefferminze, Goldweiderich und Vergißmeinnicht stehen. Da ist es frisch, selbst zur heißesten Stunde. Eine Ringelnatter, die sich dort gesonnt hatte, schleicht vor dem Bock fort. Eine Fasanenhenne tritt mit ihrem Gesperre vor ihm in den Roggen zurück. Am Rande des Kreuzgrabens, in den die Drainröhren einmünden, steht ein alter Weidenstrauch. Den nimmt der Bock, wie schon gestern einmal, mit gesenktem Haupte an, und fegend tanzt er im Kreise um ihn herum. Als ob seine Mörderspieße noch nicht blank und scharf genug wären! Dann reckt er sich auf und hebt hoch das blitzende Gehörn. Plötzlich aber sichert er und ist blitzgeschwind im Roggen verschwunden, ohne auch nur mit einem Tone zu schimpfen. Fort, als habe die Erde ihn verschluckt! Als er längst verschwunden ist, hebt sich hinter dem Wildrosenbusche am Quergraben ein langer hagerer Kerl auf. Scheu blickt er um sich, und dann geht er an den Weidenbusch heran, um dort drei Drahtschlingen zu befestigen, in der Höhe der vom Bocke geschlagenen Fegestelle. Dann schleicht er grinsend auf der Grabensohle zurück bis zu dem Anberge und eilt von dort in schnellen Schritten in das Steinholz hinein. Die auswärts gerichteten Tritte der Spur zeigen dem abends hier am Rande des Roggenfeldes entlang gehenden Meister Vollrath, daß der Pantoffelmacher Weddermann wieder im Revier ist.

Aber als der Wilddieb am nächsten Mittage seine Schlingen nachsehen will, findet er statt deren etwas ganz Merkwürdiges. In den Sand geschrieben steht deutlich: Schafskopf!

Drei Tage später wird der Roggen abgemäht, und »Dolchspieß« muß auswandern. Nirgends spürt er jetzt sich mehr. Vermutlich steckt er nun in den Bohnen, die in den tiefen Lagen übermannshoch sind. Aber den alten Vollrath leidet es nun auch um die Unterstunde nicht mehr zu Hause, seit er weiß, was für ein Geist jetzt da umgeht.

Hexenringe

Um gut vierzehn Tage war in diesem Jahre die Entwicklung von Wald und Feld gegen sonst zurückgeblieben. Aber die Rehbrunft wurde nicht davon beeinflußt. Als der Heumond gekommen war, ergriff wilde Unruhe die Böcke, und bald sah man im Felde jene Ringe, die entstehen, wenn der verliebte Bock die Ricke im Kreise herumtreibt. Der Volksmund nennt sie Hexenringe. Oben am Steinholze auf der Roggenstoppel konnte man einen solchen sehen, der um eine Hocke herumging, und an der Mergelgrube einen zweiten, am Bodensteine war einer und im Hafer am Bruchwalde auch einer. Dort mußte ein Mordsbock sein Wesen getrieben haben, denn der mittelstarke Sechserbock, der dort stand, war krumm und lahm geschlagen. Der Oberförster sah ihn eines Morgens aus der Wiese heraufziehen und meinte, daß er lahm geschossen sei. Aber es war an dem Bocke, der ganz nahe an ihm vorbeizog, keine Verletzung zu sehen. In dem Augenblick trat ein Schmalreh aus, und der Bock sprang auf dies zu. Aber schon nach wenigen Fluchten fiel er ins Gras und strampelte mit allen vieren, ohne aufkommen zu können. Drinnen aber, im Bruchwalde, schimpfte mit einer bärengroben Stimme einer, der Wind vom Oberförster gekriegt hatte.

Abends auf dem Heimwege wurde Vollrath ins Gebet genommen und mußte gestehen, daß der »alte Geheimrat« dort im Bruchwalde und im Röhricht am »Düsteren See« seinen Stand habe. Aber er legte ein gutes Wort für den alten Schlaumeier ein, zumal ja in diesem Jahr die Aufsätze gar nichts wert seien.

»Herr Oberförster ...!«

»Na?«

»Ein halbwegs juter muß doch schließlich ran!«

»So? Wo steht denn das Abrahamsopfer?«

»Na, ich meine man bloß! Der ›alte Baron‹, um den wäre es doch kein Schaden!«

»Der hat ja dieses Jahr ganz kurz auf!«

»Hat er woll. Aber knuffig! Und die dicken Rosen. Is doch ein Mordsbock. Und besser wird der nie wieder!«

»Aber kriegen!«

»Jetzt kriegen wir ihn. Mit dem Angstschreiblatter vom Klaren See aus. Da fällt er!«

»Wo steckt denn ›Dolchspieß‹?«

»Wenn ich das wüßte! Oben in den Bohnen is er nich! Wenn den bloß nich doch noch der verdammte Pantoffelmacher jestohlen hat! Der Hundsfott spürt sich nämlich auch nich mehr seit drei Tagen, wo ich ihm die Schlingen im Roggen fortjenommen habe.«

»Wird schon wiederkommen!«

»Hoffe ich ooch!«

»Nanu?« lachte der Oberförster.

»I, ich meine man bloß so! Wenn der schabbelbeinige Kerl nich wäre, machte das Leben ja gar keenen Spaß mehr!«

»Ich wollte nun aber doch, daß ihr ihn endlich erwischtet! Sonst lasse ich einen Polizeihund kommen!«

»Was der kann, kann ich schon lange. Kann der Polizeihund beweisen, daß die Rehe, die Weddermann zu seinem Schwager schleppt, nich in der Voßmaratzer Jagd geschossen sind, die er gepachtet hat? Wenn wir den Halunken nich auf frischer Tat erwischen –«

»Stimmt!« erwiderte der Oberförster einsilbig. Und sie trennten sich an der Landstraße, um jeder seinen Heimweg anzutreten. –

Am dritten Tage wußte der alte Andres Vollrath, wo »Dolchspieß«, seit er aus dem Roggen vertrieben war, seinen Stand genommen hatte. Ärgerlich über die Vorwürfe, die der Oberförster ihm wegen des Schlingenstellens gemacht hatte, war er frühmorgens durch das halbe Revier gekrochen, hatte am Bodensteine alle Wechsel abgesucht und dem Treiben des »alten Baron« im Weizen am Klaren See belustigt zugeschaut, am Steinholze und in den Bohnen vergeblich nach »Dolchspieß« ausgespäht, an der Heideneiche zwei Böcke beobachtet, die sich über einen Graben hinüber und herüber knufften, und war dann wieder zu der Wiese am Buchenwalde gekommen, wo der Hexenring ausgetreten war. Da war es seltsam still heute früh. Kein Bock, keine Ricke regte sich. Nur ein Schmalreh stand in der Wiese und äugte wie dumm und verstört zu Vollrath herüber. Kopfschüttelnd ging der Alte weiter, da traf er auf ein rubinrotes Tröpfchen, das im Grase perlte. Und nicht weit davon ein zweites, ein drittes – und hier ging die Fährte! Auf der Wiese ins Bruch hinein. Wenige Minuten später stand der Alte neben dem starken Bocke, der noch warm war und eben verendet sein mußte. Mitten ins Herz war ihm ein starker Stoß geführt.

Der alte Waldgänger streichelte ihm die spiegelglatte tiefrote Decke und das griese Haupt mit der schweren reichgeperlten Krone. Dann aber fuhr er wie aus Träumen auf, reckte sich hoch, nahm seinen Eichenstock und ging, nachdem er den verendeten Bock gelüftet hatte, hinaus, um den Wiesenrand abzuspüren. Drüben gingen die Fährten hin und her, nach den Erbsen. Vollrath brauchte nicht allzu lange zu suchen. Als er an der Kante des Erbsenschlages hinschlich und eben über den flachen Bergrücken schaute, sah er »Dolchspieß« bei dem Schmalreh stehen, das vor drei Tagen der »alte Geheimrat« getrieben hatte. Mitten in dem dort getretenen Hexenringe stand der schwarze Teufel, und in der Morgensonne leuchtete hellrot sein vom Herzschweiße des überwundenen Gegners gefärbtes Mördergehörn. Hoch über ihm zog ein Räuber der Lüfte seine weiten, sich immer steiler hinaufschraubenden Kreise.

Aufs Blatt genarrt

Die beiden Kitze in der Schonung am Klaren See sind nun schon flink auf den Läufen und müssen sich jetzt selbst im Felde behelfen, da die Mutter auf Abenteuer geht und die Kleinen abschlägt. Das kleine Böckchen spielt sich stark als den Beschützer des Schwesterchens auf. Aber in Wirklichkeit übernimmt dies die Fürsorge für den ewig zerstreuten kleinen Bruder. Nein, hat es mit dem seine liebe Not; er ist auch zu dumm! Äst er im Klee, so schaut er gar nicht auf, als ob es keinen Fuchs und keine bösen Bauernhunde gäbe auf der Welt! Und auf die Menschen versteht er sich gar nicht! Ein Glück nur, daß Schwesterchen Bescheid weiß mit denen, und daß es mit allen Vögeln im Walde gute Freundschaft geschlossen hat. Sogar mit der Krähe, die früher so garstig nach den kleinen Kitzen zu hacken versuchte. Jetzt ist sie eine nützliche Warnerin geworden. Sie besitzt eine große Menschenkenntnis, das Rehkitz hat schon viel von ihr gelernt. Zum Beispiel, daß die Menschen, die hinter Pferden hergehen oder darauf sitzen, gute Leute sind, aber die Kleinen, die hinter Kühen hergehen, nichts taugen. Solche, die unten dick und rund sind und im Walde Dürrholz sammeln, sind ganz unschädlich. Aber solche, die aussehen wie verfaulte Baumstümpfe und an der Waldkante hinschleichen, um plötzlich dazustehen, als seien sie aus dem Boden herausgekommen, die können Blitz und Donner machen, und vor denen hat die Krähe schreckliche Angst. Auch der Häher meldet diese Schlimmen kreischend an; aber der Zaunkönig schimpft mit dem ängstlichen »Zerr, zerr!« über die Halbwüchsigen und zetert ihnen eine Elendsweite nach.

Die Welt ist so voller Gefahren, und Brüderchen ist so sträflich leichtsinnig! Ein Glück, daß er sein Schwesterchen hat, das für ihn sorgt! Ihr feines Näschen sagt ihr, was los ist, wenn die Wildtauben klatschend abstreichen oder der Entenvogel knäkend aufsteht. Aber daß der moosgrüne Mann mit der Blitzröhre nicht so schlimm ist, wie die Krähe ihn macht, hat das Rehkitz längst begriffen. So oft er an ihr vorübergeht, wirft er ihr einen freundlichen Blick zu; die spitzbübische Krähe wird ihm wohl auch nach den Augen gehackt haben, als er klein war! Neulich pickte sie den Junghasen tot, so jämmerlich er auch klagte. Jetzt brauchen die Rehkitzen diesen grauen Strolch, die Krähe, nicht mehr zu fürchten. Und auch der Fuchs kann ihnen nichts mehr anhaben. Desto mehr müssen sie vor den Dorfkötern auf der Hut sein, die zu zweien jagen. Und auch sonst sind Wald und Feld voller Gefahren. Neulich fanden die Geschwister ein anderes Kitz, das hing in einer Schlinge und war ganz steif und stumm. Als Brüderchen es stieß, regte es sich nicht mehr. Und Schwesterchen prallte zurück, als es die Stumme liebkosend lecken wollte. Die Witterung des stillen Rehes war so sonderbar. Seitdem weiß das Kleine: wenn eins kalt und starr wird, das ist der Tod! Als es an der Leiche des Verunglückten zitternd die Wahrnehmung machte, schlich sich ein langer, dürrer Mensch heran, der nahm das Tote aus der Schlinge heraus, steckte es in einen Sack und trug es auf dem Rücken davon. Der ist noch schlimmer als Krähen und Dorfhunde, der Rehfresser!

Wo nur die Mutter heute stecken mag? Nirgends können die Kitze ihre Fahne finden!

An dem Weizenschlage beim Klaren See hat sie einen Hexenring getreten, und hinter ihr jagt ein alter tiefroter Bock mit fast schwarzem Gehörn. Vorhin waren Bock und Ricke in der Wiese, ohne zu merken, daß der Oberförster ihnen dort auflauerte. Er hatte schon die Büchse abgestochen, aber so oft er ansetzte, so oft stellte sich der Bock ungünstig, oder die Ricke kam in die Schußlinie, und schließlich jagten beide wieder in den Weizen hinein. Sollte er hier blattern? Der alte Bock würde ihn dann sicher umgehen, um sich Wind zu holen. Aber der alte Holzmeister hatte gut geraten: drüben in der Wiese am See, da mochte es gehen! Dort stand der Wind auf den See hinaus, und die Erlen am Ufer boten gute Deckung. Langsam ging der Oberförster fort und wendete sich erst nach ein paar hundert Schritten zum Seeufer hinab, an dem er dann zurückschlich. Als er an dem Erlenbusche angekommen war, wartete er noch ein Weilchen. Dann blattete er. Zunächst den Fiepruf. Nichts rührte sich. Noch einmal den Fiepruf. Dann: Pi-juh! Wieder alles stille. Der Oberförster rührte kein Glied, achtete aber sorgfältig auf die Weizenhalme. Vielleicht, daß der Bock geschlichen käme? Aber der saß befriedigt im hohen Weizen bei seiner Ricke und kümmerte sich den Teufel um das Fiepen dort unten.

Nach einem Weilchen aber sah der Oberförster, daß ein Kitz zögernd auf die Wiese trat, dann ein zweites, ein Böckchen, folgte. Beide kamen zögernd näher. Unangenehme Störung. Gleichviel: der Weidmann stieß jetzt auf dem Blatte das Angstgeschrei aus: »Piji-iii-iiä!« Da rauschte es wild auf im Weizen, und in hohen Fluchten stürmte ein Reh heran. Schon hob der Jäger die Büchse. Aber es war die Ricke, die, als sie ihrer Kinder ansichtig wurde und das nochmals ausgestoßene Angstgeschrei eines Schmalrehs hörte, hilfsbereit und in höchster Angst schimpfend auf und ab sprang und sich gar nicht beruhigen konnte: »Baa, bööb, böb, baa-u!« Und dazwischen der Angstschrei: »Piji-iii-iii-ä!«

Jetzt wurde auch dem Bocke im Weizen der Spaß zu bunt. Wer war der Frechling, der sich da unmittelbar in seiner Nähe an einem Schmalreh zu vergreifen wagte? Jetzt kam ein schmachtend schmelzender Klageton: »Piju-pi-jä!« Das durchschauerte den Bock bis ins Herz.

Abermals dieser Schrei, in dem sich der Schmerz und die Süßigkeit des ersten Liebesempfindens paaren. Und dazu immer wieder das grobe Schmälen der Ricke! Da war es um die Selbstbeherrschung des alten Bockes geschehen, und wütend stürmte er herbei, um den vermeintlichen frechen Nebenbuhler zurückzuschlagen. Im nächsten Augenblick hatte er die Kugel und lag verendend im Wiesengrase ...

»Das dachte ich mir wohl«, meinte der Oberförster, als er herantrat, »daß du nicht ruhig bleiben würdest, wenn die ganze Familie schimpft und schreit!« Und lachend blickte er den Kitzen nach, die mit wippenden Spiegeln hinter ihrer noch schmälenden Mutter hersetzten. Dann prüfte er das knuffige, stark zurückgesetzte Gehörn des Bockes, den die Leute den »alten Baron« genannt hatten. Als er ihn aufgebrochen hatte und in den Rucksack steckte, zog das Kitz in den Weizen, an dessen Rande es voller Entsetzen dieser Bluttat zugeschaut hatte.

Und seitdem gibt es der Krähe recht: auch die Menschen, die wie verfaulte Baumstümpfe aussehen, sind schlimme Rehfresser. Die Welt ist schlecht, und die Menschen sind die schlimmsten Raubtiere darin.

Unrühmliches Ende

»Dolchspieß« war, seitdem Andres Vollrath ihn auf frischer Tat ertappt hatte, wieder verschwunden. In Wundshagen wurde ein geforkelter Bock gefunden; vielleicht hatte der schwarze Teufel sich jetzt dorthin gezogen. Auf seinen alten Standplätzen spürte er sich nirgends. Und doch wollte ihn der Oberförster gern abschießen. Er setzte sich deshalb eines Abends oben am Steinholze an und suchte mit dem Glase die Gegend ab. Erst auf der Sonnenseite, dann auf der Schattenseite. Von dort aus hat man eine schöne Fernsicht über das weite Land, rechts über die Wundshagener Wälder und Seen, links über Franzwalde und Heinrichsaue hin bis nach Kasekow und Lüttenhagen. Überall Wald und Wasser, fruchtbare Felder dazwischen und weite Wiesenzüge. Überall auch weite und wohlgepflegte Schonungen, in denen Schwarz- und Rotwild gute Deckung haben und alte Rehböcke erst recht.

Wo Düsternlanke an Franzwalde grenzt, nennt man den alten Wald Eichenworth und den Berg daneben den Eichenberg. Es ist der unsicherste und am meisten beunruhigte Teil der Grenze des Reviers, und der Oberförster sah gestern mit Mißbehagen, daß der gute Bock, der am Eichenberge stand, sich nach dort hinübergezogen hat. Da er von »Dolchspieß« ohnehin nirgends etwas zu sehen kriegte, pirscht er langsam um das Steinholz herum und dann in der Kiefernschonung bis zum Eichenberge hinan. Von dort aus muß dem Bocke beizukommen sein. Es ist recht schwül geworden. Die Schwalben fliegen tief über die goldenen Ährenhocken hin, sie sammeln sich wohl schon zur großen Reise. Stieglitze streichen über die Stoppeln und tummeln sich an den Distelbüschen am Waldesrande. Auf den Hocken fallen Wildtauben ein; klatschend steigen sie wieder auf und kreisen, um schließlich doch wieder auf derselben Stelle einzufallen. In den Eichen schnickert und schimpft ein Rotkehlchen, und ein Häher warnt. Vorsichtig schleicht sich der Oberförster hinab bis zu der großen, etwas vor dem Bestandrande stehenden Eiche, auf der der Hochsitz angebracht ist. Der alte Vollrath hat ihn gebaut. Hübsch weit, daß man die Beine ordentlich ausstrecken kann, eine bequeme Rückenlehne dazu und rechts vom Sitzbrette in handlicher Nähe ein Nagel für die Büchse. Der Oberförster ist hinaufgestiegen und macht es sich bequem. Der Wind stößt sich heute nicht. Also kann er ruhig sein Pfeifchen anzünden: die Stechfliegen sind noch immer recht lästig. Belustigt sieht er den Eichhörnchen zu, die sich drüben an einem Stamme jagen, und den Steinschmätzern mit ihrer flüggen Brut am Ackerrande, der Haselmaus, die durch welkes Fallaub raschelt, und der Kröte, die auch einen Ansitz bezieht: auf Regenwürmer. Die Dämmerung zieht langsam einher, aber es will nicht kühl werden. Gegen Abend hin ist der Himmel blaugrau bezogen. Eine Natter kriecht züngelnd und spähend durch das Laub. Plötzlich raschelt sie davon. Aber da ist der alte Fasanenhahn schon zwischen ihr und dem Waldgraben. Und ehe sie es sich versehen hat, springt er zu und gibt ihr einen Schnabelhieb. So, noch einen und noch einen! Und nun tritt er auf die Schlange, drückt ihr den Sporn ein und hackt sie dann in Stücke. Wenn die Sonne sein Goldgefieder trifft, glänzt und funkelt es in voller Pracht. Plötzlich aber läuft der Gockel in den Wald, die Eichhörnchen bäumen auf, in dem hohen Kunigundenkraute und Distelzeuge am Waldgraben rauscht es, dann prasseln dürre Zweige. Aber dann ist alles still: der Bock hat dort geschlagen und geplätzt.

Das kann gut werden! Nun heißt es warten, bis der wieder aufsteht! Und dabei zieht das Gewitter näher und näher heran. Schon leuchten in der Ferne die Blitze, und die Donner rollen. Bei solchem Wetter ist ein Hochsitz auf einer einzeln stehenden Eiche nicht gerade der angenehmste Platz.

Der Oberförster denkt daran, wie einmal der Blitz in solchen Baum schlug, kurz nachdem er ihn verlassen hatte. Aber er will den Bock auch nicht vergrämen und deshalb nicht früher als nötig herunterklettern. Schließlich aber wird es Ernst. Mit wirbelndem Staube jagt die Eilung heran, und die Baumkronen biegen sich ächzend im rauschenden Sturme. Der Regen prasselt, mit Graupeln gemischt, hernieder, und die Blitze folgten sich immer heftiger und schneller. So muß es denn sein! Noch einmal wirft der Weidmann, bevor er den Hochstand verläßt, einen Blick auf die Stelle, wo der Bock sich niedergetan hatte. Aber er kann in dem Unwetter kaum die Hand vor Augen sehen. Und da kracht und blitzt es auch schon wieder. Also hinunter. Dann aber drauflos. Man kann nicht wissen: vielleicht – – Richtig, da springt der Bock davon, und der Oberförster hat ihm schon den Schuß nachgeworfen. Jetzt bereut er, es getan zu haben. Der rauschende Regen erstickt jeden Laut und verwischt jede Spur. Der Oberförster geht zwanzig, dreißig Schritte der Fährte nach, nichts zu finden! Es bleibt ihm nichts übrig, als heimzukehren und morgen mit dem Hunde Nachsuche zu halten.

Das geschah denn auch mit aller Sorgfalt! Aber was fand man? Etwa hundert Schritte vom Waldgraben war trotz des Regens ein Wundbett erkennbar und daneben verwaschene Stiefelspuren. »Molly« suchte weiter und gab nach kurzer Zeit Laut: unter einem Busche im Laube verscharrt lag der Aufbruch des Bockes! Vollrath und der Oberförster sahen sich lange schweigend an und sagten nichts. Erst auf dem Heimwege meinte Vollrath trocken: »Den hat der verdammte Kerl noch lebend im Wundbette jefunden. Bei Jewitter kriecht er alleweile im Walde herum. Natürlich hat er alles beobachtet!«

Der Oberförster antwortete nichts. Wozu auch?

Sie spüren die ganze Waldkante ab. Aber jede Fährte war verwaschen. Und welchen Zweck hätte es gehabt, bei Weddermann Haussuchung halten zu lassen! Daß bei dem Erzgauner nichts zu finden sein würde, war ja klar. Das zerwirkte Wildbret war offenbar längst bei dem Jagdpächter, dem Schwager des Wilderers.

Wer weiß, in welchem verräucherten Schlupfwinkel nun das Gehörn des guten Bocks vom Eichenberge hängt, der hier ein so unrühmliches Ende gefunden hat! Aber so viel steht fest: gegen den Pantoffelmacher muß jetzt Ernst gemacht werden!

Des Wilderers Mörder

Der Herbst ist ins Land gekommen. Die Hirschbrunft ist vorüber, das wilde Eifersuchtslied der starken Kämpfer dröhnt nicht mehr über die Wälder und Seen. Die letzte Oktobersonne liegt auf dem schweigenden Walde und löst mit sanfter Gewalt Blatt um Blatt von den rotgoldenen Buchen. Müde fällt das welke Laub zur Erde, und in der hellhörigen Luft ist das Krächzen der Krähe weithin vernehmbar, die faul auf der Kartoffelmiete an der alten Mergelkule sitzt. Über den Seen liegt noch der feine Morgendunst und über dem Walde ein köstlicher blauer Schmelzhauch: Herbststimmung der sterbensmüden Natur! Längst sind die Sänger der Sehnsucht zum fernen Süden gezogen. An der Landstraße streichen nordische Drosseln von Baum zu Baum, um die letzten Ebereschenbeeren abzulesen. Im Walde aber herrscht fröhliches Treiben der Strichvögel. Auf den Fichten flattern Meisen und Goldhähnchen von Zweig zu Zweig, in den Erlen am Bruchwalde treibt eine muntere Gesellschaft von Zeisigen sich herum, die jetzt von Waldsaum zu Waldsaum streifen. Lustige Kerle in ihrer schönen grünen und gelben Zeichnung! Da hängt einer kopfüber an einem schwankenden Zweige und pickt den Samen aus den Erlenäpfeln. Jetzt macht er eine Riesenwelle, frei aus den kleinen Ständern, ohne mit den Flügeln zu schlagen, und schubb ist er oben, siehst du wohl! Wippend geht der schwache Zweig mit ihm auf und nieder, er aber sitzt fest und leicht, wie ein Husar im Sattel über Koppelricken und Gräben, und schaut vergnügt und liebenswürdig in die Welt mit seinem schwarz gezeichneten Köpfchen. Dann stimmt er sein Liedchen an, das sich ja nicht messen kann und mag mit dem schmelzvollen Gesang der Nachtigall. Aber der Zeisig meint: nach Süden ausrücken könne jeder, aber der Heimat treu bleiben in Sturm und Wintersnot: dazu gehöre ein tapferes kleines Herz. Und darin stimmt ihm der Kreuzschnabel bei und der kleine Zaunkönig, und alle drei loben den goldigen, sonnigen deutschen Herbst, so krumm oder gerade, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Und da der Zeisig den schönsten Gesang von ihnen hat, so bleibt ihm der Ruhm des Sängers der Herbstlieder unbestritten.

Die Rehe ziehen sich jetzt, da es im Walde nur wenig frische Äsung mehr gibt und die Roggensaat noch nicht aufgelaufen ist, auf die Rübenfelder, wo sie die Blattreste aufnehmen, und bevorzugen namentlich Serradelle, wo ihnen solche geboten ist. Unter dem Steinholze neben der Kranichbruch-Schonung steht die Serradelle gut; und dort ist abends und morgens starker Zuspruch von Rehen.

Da heißt es für Vollrath scharf aufpassen, daß keine Schlingen auf den Wechseln gestellt werden. Morgens und abends ist er unermüdlich auf den Beinen. Aber er findet nichts, und das Rehwild ist auch überall vertraut. Weddermann weiß gut genug, daß bei dem Wetter für ihn keine Geschäfte zu machen sind. Aber er studiert jetzt alle Tage den Wetterbericht, der vor dem Schulzenamte angeschlagen wird. Denn er ist ein aufgeklärter Mensch, der etwas für seine Bildung tut. Wenn »eine Depression von Westen her im Anzuge« ist, dann gibt es Schlackerwetter, und das ist es, worauf er lauert. Dann sitzen die Rehe unweit der Rüben oder Serradelle im raumen Walde, namentlich im Steinholze, das an den Bestandrändern mit Schlehen, Weißdorn und Knirckbüschen besetzt ist. Da haben sie schöne Deckung und leiden nicht so unter dem Tropfenfalle wie in den Schonungen.

Außerdem studiert der Wilddieb aber auch ganz genau die Gewohnheiten des alten Vollrath. Im Dorfe dient ein Mädchen, das ein Kind von ihm hat und noch immer zu ihm hält. Beim letzten Sonntagstanz in Franzdorf hat er sie gründlich über alles, was im Forsthause vorgeht, ausgefragt. So weiß er nun, daß der alte Vollrath jetzt früh und spät auf den Beinen ist, aber nach dem Mittagbrote ein Nickerchen zu machen pflegt; denn die Förstersfrau leidet nicht mehr, daß der Meister auf seine alten Tage sich so ruhelos und rastlos abrackert. Der Förster hat jetzt mit der Auszeichnung der Stämme in den Verjüngungsschlägen zu tun, den Fuhrleuten Brennholz anzuweisen und außerdem fünfzig Polacken bei den Grabenarbeiten zu kontrollieren; da ist er mittags auch müde wie ein Hund.

Trotzdem war Weddermann gar nicht recht zumute, als er am Donnerstagmittag an der Eichenworth entlang dem Steinholze zuschlich. Als er auf die Höhe des Eichenberges trat und sichernd das Vorland überblickte, strich plötzlich eine Waldohreule vor seinen Füßen ab. Er wußte gut genug, daß jetzt im Herbste die Eulen in größeren Flügen herumstreichen. Dennoch wurde ihm benaut, als die zweite und gar die dritte, vierte, fünfte von dem greulich glotzenden Rackerzeuge quäkend vor ihm aufstand und schwanken Fluges abstrich. Zu allem Unheil kam auch noch ein altes Weib mit einer hohen Reisighucke auf dem Rücken dahergekeucht. Weddermann drückte sich in die Schonung, und als sie vorüber war, spuckte er dreimal hinter ihr her. Er war nicht abergläubisch, das hätte gerade noch gefehlt! Aber als auch noch ein Hase vor ihm ausfuhr und nach links absprang, lachte er doch ärgerlich: ob das vielleicht ein Unglückstag sein sollte, heute! Dann nahm er einen tüchtigen Schluck aus der Schnapspulle und lief geduckt, aber hastig zu dem Steinholze hinüber. Ärgerlich zuckte er zusammen, als zwei Eichelhäher schimpfend und scheltend ihn umkreisen. Doch dann ging er unverfroren an seine Arbeit. Vier Wechsel waren hier bloß. Einer führte zurück in die Kiefernschonung, das war der Hauptrückwechsel, und der hatte noch einen Nebenwechsel. Dann führten drüben zwei festgetretene Wechsel auf das Feld hinaus. Die vier Schlingen waren bald gestellt. Dann schlich der Wilddieb um das Steinholz herum, prüfte nochmals das ganze Vorland, und als er nichts Verdächtiges wahrnahm, ging er los. Leise vor sich hinpfeifend und zuweilen leicht an die Bäume klopfend, trieb er den ganzen Wald mehrere Male durch. Höhnisch lachend bemerkte er, wie mehrere Rehe vor ihm fortspritzten und wie ihre weißen Spiegel durch das Unterholz von Knirck- und Haselstauden hinwippten dem Felde zu. Aber zwischen den dünnen Stangen an der Morgenseite drückte sich einer herum, dessen er nicht recht ansichtig werden konnte und der offenbar nicht gern heraus wollte: das mußte ein guter Bock sein. Weddermann setzte sich ein Weilchen und lauschte: nun hörte er, wie der Bock an der Waldkante entlang zog. Jetzt ging der Wilddieb unter Wind und schlich sich ganz vorsichtig an den Bock heran, als ob er ihn schießen wollte. Das half: mit einem groben »Böb, bööbb!« sprang der Bock ab, um gleich darauf in der Schlinge zu röcheln. Grinsend blickte ihm der Wilddieb zu. Aber jetzt durfte er keine Zeit verlieren. Schnell eilte er am Waldsaume herum und nahm seine Schlinge auf. Auf dem zweiten Wechsel an der Feldkante hatte sich eine Ricke gefangen, die er mit einem kräftigen Hiebe auf die Stirn totschlug. Aber dabei brach sein Eichenknüppel entzwei. Hurtig steckte er die Ricke in einen Kartoffelsack, nahm das Knüppelende auf und dann den Sack auf die Schulter, um den Bock an der Rückseite zu holen. Als er näher kam, erkannte er zu seiner Überraschung, daß es der starke Schwarze mit den spitzen Stangen war, dem er im Roggengraben den ganzen Sommer über vergeblich nachgestellt hatte, und mit einem wilden Satze sprang er auf den anscheinend Verendeten zu. Aber »Dolchspieß« lebte noch. Mit der Kraft der Verzweiflung zerrte er an der Schlinge, und als der Wilddieb, der nur die rechte Hand frei hatte, nach seinem Gehörn griff, stieß der Bock zu und traf den Wilderer, wie er den starken Bock in der Wiese am Bruchberge getroffen hatte: mitten ins Herz! Als Andres Vollrath abends mit dem Förster am Steinholz vorbeikam, fanden sie den Wilderer tot neben dem verendeten Bocke und der gestohlenen Ricke. An der Ursache des Todes konnte kein Zweifel bestehen. Gleichwohl beeilte sich der Förster, dem Oberförster als Amtsvorsteher Meldung zu erstatten. Vollrath sollte solange an der Leiche bleiben, bis der Hilfsjäger Knoth komme und ihn ablöse.

Schweigend stand der Alte, als der Förster sich entfernt hatte, neben dem Wilderer und seinem Opfer, dem schwarzen Bock, der nun auch an seinem Mörder zum Mörder geworden war. Wie oft hatte er beiden nachgestellt – nun hatte der Wald vor beiden Ruhe.

Liebkosend streichelte Vollrath dem Bock das Geäst. Aus der Schlinge durfte er ihn ja nicht lösen, ehe der Oberförster da war. Und auch den Wilddieb mußte er liegen lassen, wie er lag. Aber die starren Augen drückte er ihm mit schonender Hand zu. Und wehmütig seufzte er dann: »Nu is der ooch dot!«

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