Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Fritz Bley >

Wild Welt und Du

Fritz Bley: Wild Welt und Du - Kapitel 13
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleWild Welt und Du
publisherVerlag Deutsche Volksbücher
year1952
editorWulf Bley
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180406
projectide8d185de
Schließen

Navigation:

Seehund

.

Die Verwunschenen

Schschuhschuischt – wurrupp, schschischt! As sühst mi woll!

Wie er stürmt gegen den verhaßten Festungswall des Pellwormschen Deiches, der Blanke Hans! Tief ausholend, aufgrollend und dann wild herausbrüllend, um knirschend dann zurückzutaumeln.

Schschuschischt! Stärtsee en Barleng: schsch – wschjischt!

Weit spritzen die grauen Drachenhäupter ihren weißen Schaum auf den kahlen Strand. Wie ewige Drohung mahnt der Donner der Wogen, den Deich zu schirmen und zu wahren, der die friedlichen Inselfluren vor dem Schicksal des Süderstrand, Süderoogs und Norderoogs schützen soll.

Schschuh – stschischt! Harr dir där to köhmen! Schschchcht!

Habt ihr der Glocken vergessen, die in stillen Nächten aus Vineta und der Tiefe der alten Utlande von versunkenen Türmen emporklingen? Wie jene fröhlichen Dörfer werden eure Halligen eines wilden Tages versinken, Opfer der unersättlichen See!

Dort, wo die Brecher hochauf sich bäumen und zu kochendem Schaum zerspritzen, seht ihr dort an dem Seezeichen dicht neben der brennenden See die schwarzen Köpfe auftauchen und verschwinden? Das sind die Seehunde, die Urbewohner dieses Reiches, die es immer wieder in Besitz nehmen, so oft auch Menschenfleiß es in fruchtbare Fluren verwandelt. Kopfüber, kopfunter wirbeln sie durch die Flut, wälzen sich blitzschnell herum, spielen im Kreise oder springen pielhoch mit voller Brust aus dem Wasser heraus. Selig in ihrem Übermut tollen sie wie Trunkene; ja wahrlich, dies ist ihr Reich, die flutende, wilde See!

Wie sie knurrend und murrend sich nun zurückzieht, als folge sie nur grollend dem Gebot, das die ganze Wassermasse gegen Westen zurückschwingen läßt zu den Neufundlandbänken und dann von dort südwärts, südwärts bis zu den Robben Tasmaniens und zur Höhe der Südsee hin. In den tieferen Prielen gibt das nun hier ein Stoßen und Drängen: der ermattende Flutstrom wird von dem immer heftiger abdrückenden Ebbestrom unterwühlt, bis dieser endlich die Herrschaft gewinnt und die ganze Wassermasse rückwärts rutschend das Watt freigibt. Wie ein flüssiger Metallstrom strömt die See zurück, keine Welle verrät die tiefe Kraft der Rückschwingung. Unschuldig wie ein blaues Kinderauge spiegelt der vor zwei Stunden noch so wilde Blanke Hans den Frieden leise schaukelnder Boote wider; und auf die baumbekränzten Dörfer am Ufer sinkt still der Abend herab.

Mählich taucht aus den abziehenden Wasserresten Bank um Bank heraus, umjagt und umwirbelt von schrill kreischenden, wild jauchzenden Möwen, die nach Kerfzeug stoßen, das in den quirlenden Rinnsalen krabbelt. Ihr Tischleindeckdich ist reichlich besetzt zu leckerem Schmause: saumselige Fischlein, die auf dem feuchten Sande zappeln, verspätete Seekrebse, die in der Masse der von Miesmuscheln gesponnenen Fäden sich verhaspeln oder hastig und ängstlich rückwärts schielend zwischen roten und grünen Algen über den Strand hin rennen. Wie Spinnen sehen sie aus, die großen dunklen, wie die kleinen gelben mit schwarzer Rückenzeichnung. Der Einsiedler hat sich ängstlich in seinen geborgten Strandkorb, das Schneckenhaus, zurückgezogen, und unter der Oberfläche des Schlickes bergen Seerosen und Seenelken ihre Polypenarme. »Kliäh!« schreit die Lachmöwe, da hat sie einen leckeren dicken Jungdorsch erwischt, der in einem flachen Becken zurückgeblieben war. Aber sofort sind ihr ein, zwei Dutzend nach, und fort saust die futterneidische Sippschaft – der Himmel mag wissen, ob und wo die Gejagte dazu kommt, ihren Fang zu verschlingen.

Weiter und weiter tritt der Silberstreifen der Flut gegen die still herabdunkelnde Nacht hin zurück. Der vom Wellenschlag fein gestreifte Sand glänzt im letzten Abendlicht wie gerippter Sammet. Weitum rings kein grüner Halm. Aber dort! Was ragt dort aus dem Sand hervor? Ein Leichenstein mit verwitterter Inschrift! Ein schlafender Strandvogel darauf. Und dort: verschlammtes Gemäuer, vielleicht der Rest eines Brunnenkranzes oder einer Warftmauer. Vielleicht gar der Grundstein vom Altar eines zerstörten Kirchleins! Wo sind sie geblieben, die fruchtbaren Inseln, die ehedem für schweres Vieh fetten Weidegrund und fröhlichen Menschen trauliche Wohnstätte boten? Tiefer sinkt die mondlose Nacht herab. Da schwimmt einer auf weiter Wasserfläche daher: sichernd hebt er den dunklen Kopf mit den sammetweichen Sehern. Dann wirft er sich mit einem Ruck aus der See auf die Bank, rutscht und rumpelt auf dem feuchten Sand vorwärts. Er hebt sich auf den Vordertatzen, wirft den Leib ruckweise nach vorn, zieht dann die Vorderglieder an, legt sich auf die Brust, wölbt den Rücken auf und holt damit die Hinterhand heran, stemmt diese gegen den Schlickgrund, hebt wieder die Vordertatzen und bewegt sich so in Raupenwindungen vorwärts. Ihm nach die ganze Sippschaft: fünf, sechs, zehn, zwanzig. Immer mehr; die Dunkelheit verhindert, sie zu zählen. Einige davon übernehmen die Wache. Die anderen ziehen die Flossen an den Leib, schließen die glänzenden Lichter, öffnen sie wieder, gähnen, schlafen ein Weilchen, wachen wieder auf und faulenzen – bis die Flut zurückkehrt. Kein freches Zweibein stört jetzt den Frieden im Seehundreich. Die alten Ansiedlungen, die einst hier standen, denen ist recht geschehen! Oh, wie viele Tausende armer Seehunde sind erschossen hier auf dem Hoogeschen Knoll, auf dem Jungnamensand bei Amrum, auf der Robbenplatte bei Juist, und wie viele Abertausende sind erschlagen in den alten Utlanden, bis dann die brüllende See das Menschenvolk verschlang und die Bänke ihren Kindern zurückgab. Siebzig Kirchspiele allein auf Nordstrand! Und immer mehr will sie haben, immer mehr für ihre blitzblanke Brut! Hat sie nicht recht in ihrem guten Kampf, die wilde, grollende See?

In der Ferne drüben blinzelt ein Riesenauge. Genau so wie die Seehunde blinkt es zuweilen klar auf, um dann wieder schläfrig sich zu schließen.

Es ist das Leuchtfeuer von Helgoland!

An der Arbeit

»Ujscheh, uhschjeh, juschüscht! Dor sen wi wedder! Jong, min Jong, wiar dü engelsche Locht tjock en fochtig! Ah, schuhuischt, dat holl nig lahng uhn: hiar wayt en fräsker Locht. Schuhischt, Düwels Nüad, wat will de oll Graafsteen diar! Schjuhischt – schjüh; diar jahnmal duad es, dü hatt er weesen! O hey, ick smiet Berlang en Stört öwer dät ohleng Stack hen! Schjuhschücht!«

So brüllt und donnert und rauscht der Blanke Hans nun auf gut helgolandsch wieder in Gesellschaft des Westwindes ums Morgenlicht über das Watt her. Lachend wirft die heranrollende Brandung einen Kranz von rotschimmerndem Tang auf den alten Grabstein hin. Jauchzend reißt die nächste Sturzsee ihn herunter. Mit weißer Mähne stürmen die grünen Wellen gegen den fetten Kleiboden der Halligen, als dreckiger Schaum rollen sie verekelt aus dem harten Schilf zurück, das die Ufer beschützt. Darüber hin jagt das kreischende Möwenvolk in den dämmernden Morgen hinein, Enten und Scharen von Seeschwalben stehen auf. Eilig flüchtet die entsetzte Nacht vor dem wüsten Lärm, in dem nun der Hunger zur Arbeit drängt.

Pfeilschnelles Niederschießen, sausender Flug. Zappelnde Fischlein. Schling, Schlund, flink, flink! Kläih, weiter kliäh! Agg, agg! Friß oder stirb! Schluck, schluck! Agg, agg!

Draußen, wo die weißen Sturzseen die letzten Untiefen verkünden, geht dasselbe Geschäft. Tauchen, greifen, fressen, schlucken. Nur still, ganz still treiben die platten schwarzen Dickköpfe ihr Gewerbe. Es ist eine Verleumdung der Zweibeine, daß der Seehund belle oder plärre; nur als Säugling tut er das. Sobald er erwachsen ist, hat er nur im Liebeskampf ein dumpfes Grunzen, und im Zorn knurrt oder schnaubt er. Sonst trägt er schweigend Lust und Leid, sogar den Tod von der Hand des rohen Zweibeins. Alles, was sonst an Empfindung in ihm lebt, müssen die schönen, schwarzbraunen Lichter ausdrücken, deren Regenbogenhaut fast den ganzen von den Lidern freigelassenen Raum ausfüllt. Dazu sind die Seher von schwarzen Ringflecken umgeben, die von der grauweißen Grundfarbe der Haut sich wie Brillen abheben. Das Weiße im Augapfel zeigt sich fast nie, und dies Dunkel gibt dem weichen, von Klugheit und harmloser Güte sprechenden Blick etwas unsagbar Beschauliches. Aber zum Träumen ist jetzt nicht Zeit, jetzt heißt es tauchen – schubb, da schießt eine Flunder! Flink hinterher, rundherum, schwapp: die hätten wir! – Schubb, kehrt über die Hinterflosse, bald wäre der dicke Dorsch entkommen! Ja, wenn man nicht rückwärts rudern könnte! Hmm, solch ein Pomuchelskopp ist ein guter Bissen; hübsch von hinten muß man den mit den Eckzähnen greifen und, derweilen er sich wehrt, ihn mit den Flossen stramm festhalten. Hoho, dort unten schießt noch einer dahin, den werden wir bald haben! Hui, darüber hin, herum und drunter durch: siehst du, nun zappelst auch du!

Lustig taucht der alte Dickkopf mit seiner Beute herauf, schaut sich im hohen Wogengang auf der Höhe des Wellenrückens sichernd um und schmaust dann den letzten Dorsch wie die vorigen. Dann streicht er, auf die Seite gelegt, durch die Wellen der Bank zu, an der er die dicken Scharen von Krabben und Weichtieren weiß, die er über alles zur Nachspeise liebt. Hinter ihm her der ganze Schwarm seiner Sippe. Kopfüber, kopfunter, kauen und schlucken. Die nur wenig verlängerten, aber starken Eckzähne wirken dabei als Fänge, und sobald sie die Beute durchschlagen haben, geht die Scherenarbeit der übereinandergreifenden seitlich gelappten und gezackten Backenzähne los. Wie die Lust am Schmause sich in den dunklen Sehern spiegelt!

Schließlich wird die ganze Gesellschaft satt. Mehr als fünf, sechs dicke Dorsche und etliche Schock Krabben und Muscheln lassen sich auch im größten Seehundsmagen nicht verstauen. Und dann ist man restlos zufrieden, treibt auf den Wogen dahin, setzt Speck an und schläft der Ebbezeit entgegen. Ganz unbewußt öffnet jeder dabei alle zwei, drei Minuten die Lichter, blickt sichernd ringsum und schläft weiter. Oh, das ist mollig, so im Schein der Morgensonne – immer leewärts natürlich – auf der weiten, wogenden Wasserfläche dahinzutreiben! Heya, heya! Mal ein bißchen unten, mal wieder oben – heya, heya! Junge, Junge, wie ist das nett! Heya, heya!

Sonnenbad

Aber viel, viel schöner als alles Spiel in Flut und Wellen ist doch der süße Schlummer zur Zeit der Mittagsebbe. Wenn die See zurückgleitet und die Bänke am ersten Knoll zum Vorschein kommen, dann öffnet sich den Seehunden die Pforte zur Seligkeit.

Heute ist solch ein schöner Sommertag. Um die Hallig-Warften flimmert es, als ob die Luft mit Falkenfittichen rüttele. Die Flügel der Windmühlen, die über den fernen Deich in unsicheren Umrissen herüberragen, stehen still. In den Kornbreiten geht jetzt zur Unterstunde dort die Roggenmöhn um. Gesenkten Hauptes dösen die Pferde auf der Weide. Hier draußen liegt die See wie blaues Öl, durch das sich silberne Bänder schlingen. Keine Möwe zieht; wie weiße Blumen erscheinen die Scharen ruhender Seeschwalben auf der blanken Wasserfläche.

Da rudern die Seehunde heran. Ein Glattkopf nach dem anderen taucht auf, stellt die gewellten Schnurrhaare hoch, öffnet die großen Gucklichter, dreht sich, um zu sichern, langsam ringsum und hebt dann die geöffnete Nase, um Wind zu holen. Allen voran ein dreijähriger Hund. Ein Ruck, und draußen liegt er auf dem warmen Sand, wo er die Vorderflossen anzieht und mit halbgeschlossenen Lichtern schläfrig in die Sonne blinzelt, die ihm den schwarznassen Pelz grau und schließlich silberhell trocknen soll. Zwei, drei andere in der Blüte ihrer Halbwüchsigkeit folgen ihm und machen es sich bequem. Aber da kommen sie alle miteinander schlecht an! So geht das hier auf der Bank nicht her! Der Platz gehört dem großen Haupthund, der eben ärgerlich schnaubend und mit den Kinnladen klappend herangehumpelt kommt und die Weichmäuler von seinem Stammplatz vertreibt. Hier ist man nicht unter hergelaufenem Volk, hier herrscht gute alte Sitte, und dem Alter und der Stärke gebühren ihr Recht! Schert euch davon, ihr mattblassen Rüpel, und sucht euch drüben im Wasser einen Platz. Diesen hier im warmen Sande beansprucht das Familienhaupt.

Überhaupt – aber weiter kommt er nicht im Denken. Wozu auch? Ein altes Weibchen hat den Wachtposten bezogen. Die Luft ist rein. Heute wärmt die Sonne durch den dicksten Speck hindurch. Kein Windhauch wehrt ihren Strahlen. Blinzeln, dösen, schlafen, sichern, gähnen, weiter dösen. Zur Abwechslung mal rumdrehen, damit die andere Seite auch was abkriegt. Oder mal auf den Rücken, um den Bauch zu wärmen. Und an nichts denken müssen. An gar nichts! Nicht mal an die Weiber, um die es bald so viel wilde Beißerei gibt. Jetzt kriegen sie ihre Jungen, und kein Hund fragt nach ihnen. Oh, oh! Zu nett ist das! Ihr ahnt es nicht, wie mollig!

Und doch hebt der Alte den verschlafenen Glattschädel. Ihm war, als habe er einen seltenen Ton gehört. Unsinn, Träumerei!

Bimm, bimm!

Abermals lauscht er auf. Die Nickhaut hebt sich bis zum letzten Rest über den dunklen Sehern. Der muschellose Gehörgang, der unter Wasser durch besondere Muskeln verschlossen war, steht weit offen.

Bimm, bomm, bamm! Wie Immensummen tönt es durch die Unterstunde über Langeneß vom Olander Kirchlein her, selbst über das Watt trägt der laue Südost den Glockenton herüber.

Auch das Wachtweibchen hat sich aufgerichtet. Die faulsten Jungen lauschen auf. Alle Süßigkeit von Traum und Schlaf ist vergessen. Bamm, bimm, bamm, bomm! Mit geheimnisvoller Macht zieht der seltsame ferne Vierklang die ganze Sippe in den Priel. Und, bis zur Brust aus dem Wasser erhoben, streben sie verzückt der Quelle des feierlichen Wohllautes zu. Erst als das Geläute des Kirchleins verschweigt, kehren sie zu ihrer Bank und zu ihren Schlafplätzen zurück. Aber noch immer hallt der Ton, der sonderbare, rätselhafte Zauberlaut, in ihrer Erinnerung nach. Und es ist, als ob das Sonnenbad und der Halbschlaf nun nicht mehr so schön seien, seit der geheimnisvolle Ruf aus der Menschenwelt sie gelockt und angezogen hat.

Robbenerziehung

Jedem Besucher von San Franzisko wird der Anblick der auf dem Felsen am Klippenhause lagernden Seelöwen unvergeßlich sein, deren drolliges Gebaren schon Finsch beschrieben hat, und die dort seit langer Zeit sich eines vollständigen Schutzes erfreuen.

Der liebenswürdige Charakter dieser Robben wie der meisten ihrer Verwandten, mit der vielleicht alleinigen Ausnahme der Klappmützen, ist allen Dresseuren bekannt. Gefangene Robben erweisen ihrem Pfleger geradezu zärtliche Anhänglichkeit, gehorchen aufs Wort und lassen sich sehr leicht zu Kunststückchen abrichten, die man von diesen anscheinend unbeholfenen Tieren am wenigsten erwartet. Bei näherem Zublicken wird man freilich in der Mehrzahl der Fälle erkennen, daß die Erzieher nur Fähigkeiten benutzt haben, die in der Natur des Tieres begründet sind. Wenn man bedenkt, wie geschickt und flink an den Inseln des Stillen Weltmeeres Seelöwen und Seebären die steilen Felsen erklettern, so wird man nicht besonders überrascht sein, sie auch im Zirkus entsprechende Kunststückchen ausführen zu sehen. Noch weniger kann die Vorliebe des Seehundes für solche Musikinstrumente überraschen, deren Bearbeitung ihm der Bau seiner Flossen gestattet. Vielmehr sieht man ihm an, welch ganz außerordentlichen Spaß ihm Paukenschlagen, Orgeldrehen und »chromatische Läufe« auf seiner »Gitarre« bereiten. Selbst die viel bestaunte Geschicklichkeit der Robben als »Equilibristen« beruht auf alt eingewurzeltem Instinkt. Seit Jahrtausenden ist ihre Art im wilden, wogenden Meere gewohnt, den verfolgten Fisch gegen die Oberfläche des Wassers hin zu jagen, und ihn, sobald er nach einer Seite ausweichen will, sofort von dieser zu bedrohen, ihm den Rückweg in die Tiefe abzuschneiden und ihn so zu zwingen, sich doch wieder an die Oberfläche zu flüchten, wo er dann erwischt wird. Dies ist den Robben möglich, weil sie in übermütigen Spielen kopfüber, kopfunter ihre Wendigkeit und namentlich die Beweglichkeit des Halses außerordentlich entwickelt haben. Gerade dies und das sichere Augenmaß für die kleinsten Schwingungen des im Gleichgewicht zu haltenden Gegenstandes sind aber die Fähigkeiten, die dem Jongleur ermöglichen, einen langen Gegenstand auf der Nase im Gleichgewicht zu halten. Um die Robbe für solche Kunststücke auszubilden, setzt der Dresseur ihr einen Stock auf die Nase, an dessen Spitze ein Fisch befestigt ist. Sobald sie diesen einige Male im Gleichgewicht gehalten hat, genügt es, daß sie an dem Stock einen Fischgeruch wittert. Und sobald der Lehrer sie so weit gebracht hat, kann er zu weiteren und schwierigeren Übungen übergehen.

In der Wirklichkeit, auf alle Wünsche ihres Erziehers einzugehen, werden die Robben kaum von einem anderen freilebenden Tier überboten. Der Amerikaner Wood Ward ist der erste gewesen, der dressierte Robben öffentlich zur Schau stellte. Aber er fand begreiflicherweise sehr bald erfolgreiche Wettbewerber, insbesondere in zwei jungen Engländern, den Gebrüdern Judge, die in Hagenbecks Tiergarten tätig waren und namentlich die hohen geistigen Fähigkeiten des Seelöwen vor aller Welt erwiesen haben.

Wenn man der Bedeutung dieser Tatsachen sich bewußt wird, tritt die ungeheure Schuld in ihrer ganzen Wucht hervor, die der Mensch mit der rücksichtslosen Hinmetzelung dieser eigenartigen Tierwelt auf sich geladen hat, von der Südsee bis hinauf zum wilden Beringmeer, von Deutsch-Südwest bis zu den Eistriften Grönlands und Spitzbergens!

Der Robbenschützer

Schschuhschuischt, wrupp, schühschischt!

Wieder ist die Flutwelle aus der Südsee her um Afrikas Südspitze herum an den Robbenfelsen vor Lüderitzbucht vorbeigezogen. Wieder hat ihre Schwingung über Neufundland und Irland her die Friesischen Inseln erreicht und donnert gegen den Deich. Schüschüscht!

Als die Ebbe kommt und die Südsee rückwärts rutschend die Bänke freigibt, rücken die Seehunde nach, denn seit längerer Zeit ist die Luft hier nicht rein. Es blitzt und donnert manchmal aus heiterem Himmel. Und wenn dann stinkender Qualm über das Watt zieht, liegt meistens ein armer Meerköter tot, oder ein verwundeter schleppt sich mit Mühe zum rettenden Wasser. Man muß vorsichtig sein! Hier ist gut sein am nahen Wasser, und so liegen sie denn hier Stunde auf Stunde. Plötzlich aber werden sie unruhig. Was ist los? Die alte Großmutter drüben vom breiten Knoll rutscht in den Priel und verschwindet – erst dort ganz hinten taucht ihr grämliches Gesicht sichernd wieder auf. Schupp, rumpeldipumpel, schumps, sind die acht Stück von der flachen Bank im Wasser, und eine ganze Weile dauert es, bis der erste ein gut Stück weiter den Kopf herausstreckt. Nur einen Augenblick. Aber nach einem Weilchen taucht er wieder auf und mit ihm einer nach dem andern. Verdutzt sichern sie nach ihrem Lagerplatz zurück, tauchen wieder, um wieder hochzukommen. Es war wohl nichts? Aber die Alte, die Schlaue, wo ist die? Dort zieht sie auch wieder herbei, sichert ringsum – es war wirklich nichts, sie wird ja ganz vertraut! Jetzt gleitet sie selber auf die flache Bank zu, auf der es sich so mollig ruht. Also hin, ihr nach!

Aha, dort ist ja schon ein Haupthund! Er humpelt am Strande der Schlickbank hin, wälzt sich, schnellt die Hinterflosse hoch – da ist keine Gefahr.

Vorsichtig steigt die ganze Gesellschaft aus dem Wasser, schnaubend als letzter ein starker Hund.

Paff, peng! Peing!

Und stinkender Qualm!

Und der stramme Althund liegt starr und steif! Und der Vierjährige gewinnt nur ächzend und stöhnend das Wasser!

Da springt der Seehund, der vorhin so hübsch gespielt hatte, auf, und – das andere sehen und hören die Flüchtenden nicht mehr.

Jens Hilmers aber ist im Nu bis an die Hüften im Wasser und schlägt dem verwundeten Seehund die Hakenstange ins Genick, ehe er entkommen kann. Und dann lacht das Scheusal und zieht die schwarze Kappe ab, die ihm Kopf und Hals bis zum Kinn bedeckte, so daß nur der Schnurrbart herausstand und er einem Seehund täuschend ähnlich sah. Nun kommen auch die Schützen herbei, betrachten und messen ihre Beute, danken Jens Hilmers und versichern ihm in einer Sprache, die er nicht versteht, er habe mit seinen Kapriolen und spaßhaften Seehundbewegungen »reenewech wie'n Mährkether ausjesähn«.

»Hähren Se«, meint der andere, »weesen Se doch mal Ihre Händchens här! Ham Se denn ooch Schwimmhaite zwischen de Fingersch?«

Es ist gut für die Sportsmen, daß Jens Hilmers sie nicht versteht. Aus seinen stahlblauen Friesenaugen wirft er ihnen nur einen langen Blick zu. Dann streift er auch die gestrickte Wolljacke ab, die seine Seehundmaskerade vervollständigt hatte, und schleift den starken Seehund zu dem Beiboot. Alsbald holt er auch den anderen. Und dann sieht er sich die Sportsmen wieder mit einem so merkwürdigen Blick an, daß diese »wees Kneppchen verlägn wär'n« und ihm aus Verlegenheit die Flasche mit den drei Sternen hinhalten, an der sie eben erst jeder ein wenig gesogen haben.

»Dat's doch mal en vernünftig Wuord!« denkt Jens, und »lumpen laten w'uns nich!« denkt er dazu. Also trinkt er die Buddel leer.

Na ja, es ist kühl und feucht ringsum geworden. Die See fängt auch schon an zu steigen. Das ist ja auch schön, da kann man das schwer beladene Beiboot desto besser vor sich her schieben bis zum Hauptboot hin.

Aber über das Warten auf die Seehunde ist es spät geworden. Und im Westen zieht ein Bullkater am Himmel herauf. Jetzt blitzt und kracht es schon. Ehe Jens Hilmers und seine Fremden es sich versehen haben, jagt die Eilung daher und bringt einen prasselnden Hagelschauer mit sich, als ob es Sand und Kiebitzeier durcheinander schneie. Dabei stampft das Boot und droht umzukippen. Und das Wasser steigt, steigt und reicht den Männern bereits bis zur Brust. Solange ihr Weg über die Bank geht, ist das noch nicht so schlimm. Aber wie über die tiefe Rinne kommen, die sie vor zwei Stunden bei tiefster Ebbe in dem Seelenverkäufer überfahren hatten? Bei dem Wellengang sich dem Kahn anvertrauen, wäre Wahnwitz und dazu ist er auch mit den Seehunden schwer beladen!

Ängstlich tasten sie, der eine links, der andere rechts hin im Wasser herum, um eine seichte Stelle zu finden, die ihnen den Rückweg zum Boot ermöglichen könnte. Aber als sie nach einer halben Stunde ergebnislos wieder am Kahn zusammenkommen, hat keiner einen rettenden Steig gefunden. Vom Himmel aber kracht und blitzt es nun Schlag auf Schlag herunter. Inzwischen steigt die Flut und rückt Zoll um Zoll dem dicken kleinen Herrn Rentner aus Bärne näher an die Gurgel. Er möchte gern Signal schießen, aber der patronengespickte Gürtel ist längst unter Wasser, und im Drilling stecken nur noch leere Hülsen. Der lange Herr Müller aus der Hauptstadt des hellsten Volkes der Welt hat sich besser vorgesehen. Er hat, als das Wasser stieg, seine Patronentasche unter den Hut genommen und funkt nun wie »närrsch« in die tosende Finsternis hinein.

Jens Hilmers allein bleibt ruhig und lugt mit seinen Vogelaugen scharf über die in immer wilderen Wogen anrollende See. Sein kleines Boot ist kaum noch zu halten. Hoch bäumt es bei jedem anrollenden Brecher auf. Dann stampft es, und als Jens es nach einem solchen Kopfsteher zu fassen sucht, kommt eine Sturzsee und wirft das mitsamt den Seehunden kenternde Boot vor sich her. Hin ist es!

Herr Müller funkt und knallt. Jetzt lädt er seine letzten Patronen.

Jens gibt noch immer keinen Laut. Er weiß, was es in diesem Augenblick gilt. Da, dort durch Stiem und Regen, durch Spritzer und Wellen hat sein heller Blick den Kutter erblickt.

Nun brüllt er auf wie ein Seelöwe von Frisko: »Ahoi! Ahoi!«

Und nun sehn die beiden andern auch, daß der Kutter beidreht. Nur der kleine Dicke sieht überhaupt nichts mehr und hört nur noch, was der Blanke Hans ihm um die Ohren brüllt: »Schschuhschuischt! Sühst mi woll? Wrupp, schuhschischt!« und alles Wasser muß er schlucken. Immer wieder schlucken!

Hätte nicht Jens im Verein mit dem Langen ihn über Wasser gehalten, wäre es um ihn geschehen gewesen. Jetzt ein Ruck, bautz, quatsch, da liegt er im stoßenden, stampfenden Kutter. Jetzt ist der Lange hinein, und wie der alte Tonnenleger Nis Hansen beidreht, ist Jens auch schon am Segel. Wie eine Möwe jagt der Kutter über die empörte See dahin.

Abends sitzen Nis und Jens, den Stinkhaken qualmend, gemütlich beim Teepunsch und spinnen Garn mit Schiffer Voß und Kaptain Rickmers und den Badegästen, die sich im »Versoffenen Seehund« um sie scharen, um die Geschichte ihrer Fahrt zu hören. Von den Herren aus Sachsen ist heute abend nichts zu sehen und zu hören.

»Dat wir jo oll man so, as dat ümmer is«, meint Jens trocken.

»Schade man üm dat schööne Biboot!«

»Na, und die Seehunde?« fragt einer der Badegäste.

»Nu wesen's man still! Dei Saalhunn hätt sich de Blanke Hans werr haolt!«

Mollig legt sich der Duft von Teepunsch und Tabakwölkchen um die alte Hängelampe. Draußen brüllen die Sturzseen gegen den Deich wie Tausende von wilden Biestern und rollen wutknirschend zurück.

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.