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Wild Welt und Du

Fritz Bley: Wild Welt und Du - Kapitel 12
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleWild Welt und Du
publisherVerlag Deutsche Volksbücher
year1952
editorWulf Bley
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180406
projectide8d185de
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Fischotter

.

Der Herr der Seen

Die Märzsonne läßt nicht länger mit sich spaßen. Es ist vorbei mit den schönen Brücken, die der Winter über die Masurischen Seen gebaut hatte. Der Spirding und der Taltowisko werden schon lange von Wellen gekräuselt, auf dem Glemboki und dem Ploczisko gründeln die reihenden Enten, am waldumrauschten Gartensee rascheln die letzten morschen dunkelgrauen Schollen gegen das dünne Röhricht, und Hans Spielhahn meldet sich auf der feuchten Wiese: tschjuih!

Nun ist es für die Gehilfen Baruch Zochers, des alten Fischpächters, vorbei mit der Winterarbeit, mit dem großen Niewod und den Stellnetzen; und die Filipponen können nun nicht mehr mit Puppen und Handangeln an den »Bergen« den Hechten und Barschen nachstellen.

Die Seen haben Ruhe.

Desto schlimmer geht es an den Abflüssen zu. Jetzt wandern ja die lieben Aalchens, denen man nachts so hübsch mit Reusen beikommen kann. Und in die Gräben steigt das Hechtchen hinauf, das liebe Hechtchen, das so leicht sich nun im Sack fangen läßt und gebraten so gut schmeckt, ei, ei!

Große Hechte freilich sind schwerer zu kriegen. Die bleiben im See. Dort steht so einer im Jurecz am Rande des Rohres unter dem hohen Ufer; das ist ein Kerl! Kuba Przygoda leuchten die Augen und wässert der Mund bei dem Anblick des mächtigen Fisches. Aber dem leuchten die Augen auch; denn er weiß Bescheid. Sein Hochzeitskleid glänzt wie Metall in gelben und grünlichen Flecken, und als er die Erschütterung des Ufers durch menschliche Tritte spürt, bewegt er etwas lebhafter die Flossen und schaut auf. Gleichmäßig zieht und bläht sich die Schwimmblase, leise spielt die Schwanzflosse, und die Brustflosse hält den Starken auf der gewollten Höhe im Wasser, wo er die Strahlen der Märzsonne in wohliger Beschaulichkeit genießt.

Nun braucht er ja nicht mehr vor der Kälte sich in die Tiefe zu flüchten; die Wärme, die er so liebt, hat das Ufer schon erreicht. Gern sonnt er sich deshalb und läßt sich durch den Menschen dort oben nicht in seinem Behagen stören. Dem geht er längst nicht mehr auf den Köder, und wenn er noch so silbern blinkt. Dazu ist er viel zu alt und erfahren.

Und wozu auch? Für ihn ist Nahrung in Hülle und Fülle: Maränen und Plötzen, die sich nun wieder ins Röhricht wagen, greift er als leichte Beute. Auch Grasfrösche sind nun wieder leckere Speise, und unterhalb des Bohlwerkes der Fastower Mühle wälzen die Wasserratten jetzt sich in tollen Liebestänzen im Wasser herum, um ihre stumpfsinnig dreinschauenden Weibchen zu bezaubern. Dann werden auch die verrückt und umspielen die vor Verliebtheit sinnlosen Männchen. Schwapp! Da hat der Hecht aus dem Versteck heraus eine weg. Hm! Das ist ein saftiger Bissen, und einen halben Tag lang hält er vor. Hellauf blitzen die Augen des Hechtes in grünlichem Feuer über die Freude über diesen Fang und Fraß. Um diese Zeit erwischt er zuweilen auch eine Ringelnatter, die auf der Froschjagd erhobenen Hauptes sich durch das Wasser schlängelt, oder einen Krebsgroßvater, der mit aufgerichteten Fühlern sich aus dem Kraut herauswagt. Auch den Vetter Barsch mag er gern. Den greift er von der Seite, damit er sich nicht an den harten Stachelflossen reißt. Nur den Kaulbarsch mag er nicht und noch weniger den Stichling, der ihm mit seinen spitzen Stacheln im Halse stecken bleiben würde und im Bewußtsein seiner Unverletzbarkeit sich so dummdreist benimmt.

Sonst aber ist kein Bewohner des Sees vor dem breiten Krokodilmaul des großen Hechtes sicher, der drei Viertel seines Körpergewichtes an täglichem Fraß verlangt. Am allerwenigsten schont er seine eigene Art. Mit Vorliebe greift er sich die jungen Grashechte.

Ist das ein molliges Gefühl, diese Schlingel zu verdauen, die den Alten nicht nur beim Fang der Fische, sondern auch in seinen schwülsten Gefühlen beim Laichen stören! Der alte Wonnetrieb macht sich ja nun geltend und läßt das Nahrungsbedürfnis zurücktreten.

Als die Abendsonne die Kiefernstämme von Szadowen vergoldet, die leichten Wolken in purpurnem Scheine glühen und die Blänken des Jurecz silberblau leuchten, streicht der Hecht das Röhricht entlang, wo vor ihm das Weibchen seinen Rogen abgelegt hat. Heftig plunscht er in dem flachen Wasser, er, der Gebieter über alles Leben in diesem See.

Es hat eine Zeit gegeben, da fürchtete er einen Stärkeren in seiner Nähe. Einen, der in aalglatten Windungen durch das Wasser schoß und vorwärts, rückwärts, seitwärts sich überschlug. Anstatt der Bauchflossen hatte der kurze, kräftige Läufe mit breiten, starken Schwimmhäuten, anstatt der Rückenflosse eine lange Steuerrute. Aber die Zeit ist lange vorbei. Den alten Otter haben die Zweibeinigen, die am Lande leben, in einem Eisen gefangen, und darauf ist die Fähe mit ihren Jungen ausgewandert, über die Wiesen von Szadowen, die Gräben entlang in den Selbondzek und Glemboki, den Waldseen zu. Plunsch!

Kein Otter hat seit Jahren den starken Hecht in seinem Laichrausch gestört! Plunsch! Plunsch! Je tiefer die Nacht herniedersinkt, desto wohliger wird dem Alten im Röhricht. Plunsch! Plunsch! Plunsch!

Da schlägt der Hofhund des Müllers an, dem der Wind seltsamen Duft zugetragen hat. Er zerrt an seiner Kette, springt und bellt und ist gar nicht zu beruhigen. Aber niemand kümmert sich um ihn. Die Mühle klappert, der Müller schläft, und das Wasser rauscht. Plunsch, plunsch! geht es im Röhricht des Sees.

Es wandern ihrer vier über Berg und Tal daher, denen es im Walde ungemütlich geworden ist, weil die Menschen dort Tag und Nacht stampfen, pfeifen und heulen. Sie buddeln die Erde auf und lassen das Wasser der Seen hineinlaufen, um dann in hohlen Bäumen darauf herumzutoben. Hunderte von johlenden Kerlen mit Schippen und Hacken sind dort zusammengekommen; und kaum daß der Winter Abschied nimmt, geht der Spektakel jetzt wieder los am masurischen Kanalbau, wie sie es nennen. Kein Otter hält das aus, und deshalb führt die alte Fähe ihr Töchterchen und dessen Freier jetzt zurück in die alte Heimat am verkrauteten Jurecz, wo sie groß geworden und glücklich gewesen ist, ehe der Szadowensche alte Inspektor mit seinen verwünschten Eisen kam, in denen sie auch ein paar von den scharfklauigen Zehen ihres rechten Vorderfußes gelassen hat. Das ist nun schon lange her, und der alte Panje Brischeseny ist lange tot. Also wandert die Alte durch Flüsse und Seen, den Sprindgraben in der Czarna-Wiese entlang dem Jurecz zu.

Plunsch, plunsch! geht es im Rohr.

Hochauf hebt der Otter, der der Alten folgt, die kleinen, seitwärts der Seher im glatten Pelz versteckten runden Lauscher. Dann gleitet er lautlos und blitzgeschwind durch das Wasser dem jenseitigen Ufer zu. Keine Welle kräuselt sich, kein Bläschen steigt auf.

Plunsch, Plunsch – da sitzt dem Starken ein Stärkerer an der Gurgel! Mit einem Ruck hat der Otter dem Hecht das Genick gebrochen, und in lauter Freude ruft er pfeifend die Fähe zum Mahle herbei. Zwar, Hecht ist keine Leckerspeise, aber nach weiter Wanderung hat man Hunger, und die dicken Schleien stecken noch zu tief im Schlamm.

Als der Morgen kommt, finden die Krähen im Röhricht die blank genagten Gräten und den noch im Tode frech grinsenden Kopf des großen Wasserwolfes mit den großen Fangzähnen im Unterkiefer. Krächzend zanken sie sich um die letzten Fleischbissen an der Schwanzflosse.

Herr des Sees ist nun der Otter. Bei Tage ruht er mit den Fähen in dem seit langen Jahren nun zum ersten Male wieder befahrenen Bau, der zwischen dem Wurzelwerk einer alten Erle unter Wasser mündet. Der geräumige Kessel ist schön luftig, da ein zweiter Gang, den die alte Fähe sofort aufgearbeitet hat, an die Oberfläche führt. Eine zweite solche Burg liegt drüben am Waldufer, und außerdem bieten über Tag auch die Schilfkaupen gutes Lagerversteck, aus dem man flink zu Wasser fahren kann. Dort drüben sind auch die schönen glatten Uferstellen, an denen es sich so hübsch ins Wasser rutschen läßt, was einen Hauptspaß macht: zur Sommerzeit im feuchten Lehm und zur Winterzeit im Schnee!

Kein Feind ist hier ringsum als der dumme Hühnerhund des Jägers, der vormittags an der Lichtröhre blaffte und winselnd kratzte. Der mag sich schön ärgern, daß er den Bau nicht aufgraben konnte. Hier ist gut sein, solange man hübsch vorsichtig bleibt.

Als der Abend die weite Wasserbahn mit goldigrotem Schein überflutet, gleitet die Jungfähe ins Wasser und ihr nach der stürmische Freier, indessen der Jungrüde mit seiner Mutter spielt. Ungestüm fährt der Hauptotter auf und nieder, umgaukelt kobolzschießend in tollen Wassersprüngen die Fähe und gleitet dann, auf der Seite liegend, neben ihr her, bis ihm endlich am Ufer Sieg und Gewähr zum Lohne wird.

Aber auch seiner Herrschaft ist Maß und Ziel gesetzt! Drei Abende nur währt das junge Liebesglück des stolzen Freiers. Am vierten, als er wie sonst vor der Geliebten seine schönsten Künste zeigt, sieht er plötzlich im Wasser zwei schillernde Seher vor sich auftauchen, und ehe er weiß, wie ihm geschah, überrumpelt ihn ein furchtbarer Gegner. In wilder Jagd geht der Kampf im Wasser auf und nieder, dann treibt der Eindringling den Platzotter an Land. Pfeifend und klagend beißen sie sich dort herum. Kuba Przygoda, der am Ufer steht, meint, es sei dort unten im Röhricht ein Mensch am Ertrinken. Bald aber merkt er, was los ist und rennt, was die Beine winden können, auf den Hof zum jungen Herrn.

Als der mit dem stichelhaarigen Karo am See ankommt, hat die Dunkelheit sich schon tief herabgesenkt. Aber Karo sucht im Röhricht, und jetzt greift er zu. Ein letzter matter Klagelaut, und der Hund bringt den todwund gefundenen Platzotter seinem Herrn. »So recht, mein Hund!«

Und wiederum ein Abend voll goldiger Stille. »Pst, pst – quock, quock!« Murksend zieht die Schnepfe. Drüben unter dem Waldufer kichern die Otter. Der Sieger herrscht und fordert von der Jungfähe sein Recht. Vertraut treibt er sie im Wasser auf und ab, ohne Ahnung, daß am Ufer der beobachtende Jäger lauert. Plätschernd entsteigen die Otter dem Wasser und jagen sich im Uferschilf hin und her. Da blitzen zwei Rohre auf. Und steif liegt der, der eben noch sich für den Herrn dieses Wassers hielt! Die Fähe will verwundet zu Wasser eilen, aber schon hat Karo sie gegriffen und schlägt sie sich zwei-, dreimal um den Fang.

»So recht, mein Hund!«

Herr der Seen ist das furchtbare Raubtier Mensch. Wehe dem Besiegten!

Mutterglück und -sorgen

Nach den trüben Erfahrungen der letzten Zeit hat die alte Fähe sich hübsch verborgen gehalten. Kurze Zeit nach dem Tode ihrer Tochter lernte sie beim Krebsen im Taltowisko einen älteren Otter kennen, der die Einsamkeit über alles schätzte, ihrer Witterung aber doch nicht widerstehen konnte. Schließlich folgte er ihr in den stillen Bau unter dem hohen Ufer, stellte aber in seiner griesgrämigen Art die Bedingung, daß der Stiefsohn den Bau verlassen müßte. Die Altfähe holte den Jungen ein paarmal wieder, war's aber schließlich zufrieden, daß er auf eigene Kraft sein Heil in der weiten Welt versuchen möge.

Der arme Bengel ist auf der Wanderschaft nicht weit gekommen. Eines Morgens, als er sich am Ufer des Ploczisko beim Aufknabbern von Möweneiern und Kiebitzbrut verspätet hatte, überraschte ihn der Jäger. Zwar schliefte der Otter in der Not in eine Durchlaßröhre ein. Aber der Hühnerhund hatte ihn gleich los und stand lautgebend vor, während der Teckel auf der anderen Seite einfuhr und rückwärts anpackte. Das Ende war ein Hieb auf die Nase. Aus!

Um dieselbe Zeit kam auch der Stiefvater zu Schaden. Er hatte eine sträfliche Vorliebe für Enten, und zwar nicht nur für März- und Kriekenten, sondern auch für die schönen weißen aus der Fastower Mühle, die sich, wenn die Abendsonne die Föhren vom Jauerschen Ufer vergoldete, gründelnd unterhalb des Mühlenwassers vergnügten. Der Müller hatte schon lange bemerkt, daß der Jungen immer weniger wurden, schob dies aber anfangs auf die Ratten oder einen Iltis. Eines Abends kam die Mutterente aufgeregt gackernd schon sehr frühzeitig auf den Hof, und beim Nachzählen fehlte wieder ein Junges. Am nächsten Abend wieder eins. Nun stellte sich der Müller auf Anstand, um den Ilske zu schießen. Die Enten wurden wie gewöhnlich auf den See gelassen. Kurz vor Untergang der Sonne wurde die Mutterente unruhig und sammelte ihre Kleinen. Da, plötzlich fuhr vom Grunde des Wassers der Otter zwischen die Enten, ergriff eine Jungente und schwamm mit ihr zur Wiese am Mühlenfließ, wo er ausstieg. Zu seinem Verhängnis unweit des Müllers, der ihn mit feurigem Hagel begrüßte. So war auch der weg und die Altfähe nun ganz allein.

Aber nicht lange. Als der Mai gekommen war und die Fohlen die zuckersüßen Rohrspitzen im See abweideten, da piepste es eines Morgens im Uferbau unter den Jauerschen Erlen: zwei blinde Junge lagen auf dem weichen Polster des Baues. Zärtlich pflegte die Otterin diese dunkelbraunen unbeholfenen Plumpsäckchen, und ängstlich vermied sie nun alles, was das Lager verraten könnte. Weder Raub noch Losung ließ sie in der Nähe des Baues zurück, und niemals fuhr sie anders als unter Wasser ein und aus.

Nach zehn Tagen öffneten die Kleinen ihre Seher, und nun ging das Spielen mit der Mutter los. Auf dem Rücken liegend, erwehrte sich die Alte der Angriffe ihrer Kleinen, um sie schließlich an die Zitzen zu nehmen und ihnen Nahrung und süßen Schlaf zu geben.

Als die Otterchen acht Wochen alt waren, wurden sie zum ersten Male von der Mutter auf den Fischfang geführt, und bald lernten sie, wie man die großen Fische unterschießt und am Bauch packt. Um kleines fingerlanges Brutzeug kümmerten sie sich nicht; jeder suchte einen möglichst großen Fisch zu erhaschen. Schwesterchen war darin dem Brüderchen überlegen, sie merkte sich auch schon die Stellen, wo die guten Fische standen. Eines Tages aber, als sie gerade einen pfundigen Brachsen gelandet hatte und verzehrte, ward sie von Männe, dem schwarzen Teckel des Szadowenschen jungen Herrn, gestellt, und ehe die Altfähe der ängstlich pfeifenden Kleinen zu Hilfe kommen konnte, hatte der Jäger sie ergriffen und in seinen Rucksack gesteckt.

Tagelang und viele, viele Nächte hat die Altfähe ihre Spur gesucht. Zuweilen war ihr, als höre sie die Kleine nachts pfeifen auf dem Berge von Szadowen. Aber dort hinauf wagte sie sich nicht, da Rolf, der große Hofhund, Karo, der Stichelhaarige, und der giftige Manne dort oben hausten und Wache hielten. So lebte sie wieder mit einem Jungotter zusammen wie früher und hatte die Toten längst vergessen, die einst ihr in dies neue Reich, ihre alte Heimat, gefolgt waren.

Taugenichts

Einen Sommer und Herbst lang fischte der Jungotter unter Aufsicht und Anleitung seiner Mutter. Dann wurde er selbständig und besuchte sein Mütterchen nur noch ab und zu im Bau. Die meiste Zeit trieb er sich im Geschilf und Röhricht herum, sonnte sich auf Kaupen und schlief in alten Rohrhaufen. An die Fortpflanzung dachte er, selbst als das Frühjahr kam, noch nicht, denn erst im zweiten oder dritten Jahr kommen einem Otter Liebesgedanken. Übrigens, wenn die entsprechende Fähe nur dazu da ist, im Herbst oder Winter genau so gut wie im Vorfrühling.

Als seine Mutter sich dann wieder einen Otter zum Männchen nahm, wurde er noch unhäuslicher und ein rechter Herumtreiber. Zu Lande und zu Wasser hinterließ er die Spuren seines frechen Tuns.

Bald fand Karo oder der Deutschkurzhaar des Försters Weiskuschat die restlichen Beweise seiner Vorliebe für Wilderpel oder sogar für junge Rebhühner, bald schlug der Heidesee-Müller die Hände über dem Kopf zusammen, weil der halbe Bestand aus seinem nur halbverdeckten Krebsbehälter geraubt war, bald lag das Grätenzeug eines schweren Brachsen oder Schleis am Ufer des Mühlenfließes, bald zeigte des Otters hinterlassene Besuchskarte die Reste der Schalen von Hühnereiern. Und obwohl die Hofmagd des Heidesee-Müllers einen Marder als Einbrecher bezeichnete, blieb der Otter in dem schweren und begründeten Verdacht, auch zwei von den lieben Gänsen gemordet zu haben. Sein Ruf war bald landauf, landab der denkbar schlechteste, und als er auf dem ersten Schnee zuweilen deutlich seine Handschrift und anderes hinterließ, was man nicht als Ausdruck schuldiger und vorzüglicher Hochachtung deutete, wurde ihm der Tod geschworen.

Sie kriegten ihn aber nicht und schufen nur sich selbst viel Kummer und Weh. Zuerst versuchten sie es mit einer Otterstange. Das ist ein Stangeneisen, das unter Wasser mit einem durch ein Schilfrohr gezogenen Haardraht fängisch aufgestellt wird. Es muß sehr starke Federn haben und mit Rohrhalmen gut verdeckt und verblendet sein. Der Haardraht des auf flachem Grunde eingebetteten Eisens muß dem Wasserspiegel gleichkommen, damit der Otter ihn auslöst. Tut er das, so packt das Eisen ihn in der Mitte des Leibes, und er ist verloren. Aber unser Taugenichts tat es nicht. »Nein, tun tut er es nicht!« meinte der ärgerliche Knappe.

Dagegen geriet des Müllers junger Hund hinein, der am Ufer des Fließes spielte. Und als der Knappe darauf das Eisen wieder stellen wollte und eben den Sicherheitsstift unter dem Abzugshaken im Schloß entfernt hatte, schlug das Eisen zu und erwischte die Spitze seiner Nase.

So ging die Geschichte also nicht! Aber da der Otter immer frecher wurde, verschrieb man ein Tellereisen, das weniger gefährlich sein sollte. Das war es auch, und es fing auch gut, nur den Otter nicht!

Der Heidesee-Müller war ein verständiger Mann. Er spürte nun den Ausstieg des Otters selbst aus und fand ihn auf einer kleinen Schwemmbank im Mühlenfließ. Dort lagen zuweilen auch Reste der Ottermahlzeit. Also wurde das Tellereisen dort mitsamt der Kette nach allen Regeln der Kunst eingebettet, der Anker gut befestigt und verblendet, und am nächsten Morgen konnte der Müller kaum die Zeit zum Nachsehen abwarten. Schon von weitem erkannte er, daß das Eisen im Wasser verschwunden war. Und als er die Kette anzog, merkte er, daß eine schwere Beute im Eisen saß. Aber diesmal war es ein Fuchs, der sich an den Resten der Ottermahlzeit hatte laben wollen. Ein starker Rüde. Auch nicht übel, aber doch eben der Otter nicht! Der hatte sich nämlich im Wasser das Näschen am Eisen der Ankerkette gestoßen und stieg seither an der anderen Seite aus. Wieder wurde das Eisen gestellt, und am zweiten Tage lag es wieder im Wasser. Wieder zog der schon ärgerliche Müller einen Fuchs heraus, diesmal einen heurigen. Unverdrossen stellte er sein Eisen wieder auf. Doch als er am dritten Tage es wieder im Wasser fand, fluchte er das Blaue vom Himmel herunter schon in Ahnung abermaligen tückischen Pechs. Aber sprachlos stand er, als er zum dritten Male einen Fuchs, diesmal eine alte Fähe, herauszog.

Schwermütig blickte er auf das verwünschte Eisen. Aber dann sagte er sich, daß Fuchsbälge Fuchsbälge bleiben und daß nach dem masurischen Sprichwort »Kleinvieh auch Mist macht«, und stellte mit Ergebenheit in sein widriges Geschick das Eisen zum vierten Male auf. Für den vierten Fuchs? Nein, Gott sei Dank, am nächsten Morgen zog es sich viel leichter hoch, und was Graues hing drin. Aha, gewiß der Otter? Leider nein! Aber Hinz, der schöne graue Kater des Müllers, hatte seine Vorliebe für Otters Fischreste mit dem Tode gebüßt und bot mit dem durchnäßten Pelz ein Bild des Jammers. Da nahm der Müller das Eisen auf und zog damit und mit dem ersoffenen Kater betrübt zur Mühle. Er sah wohl ein: so ging die Geschichte auch nicht!

Der Otter aber hatte schon am nächsten Morgen wieder die Reste seiner nächtlichen Mahlzeit auf der nun verdachtsfreien Sandbank im Fließ hinterlassen.

»Der verdammte Beest-Krät macht uns alle zum Narren! Aber warte nur: geschehn geschieht was, du Lorbas!«

Wie wär's, wenn man es mal mit dem Ansitz am Ausstieg versuchte? Gesagt, getan! Am Abend saß der Müller auf der Kopfweide am Ausstieg und wartete. Aber kein Otter kam und in der zweiten, dritten, vierten Nacht auch keiner. In der fünften Nacht kam er, und vorsichtig steckte er das Näschen unter dem Eise hervor. Merkwürdiges Geräusch in der Nähe! Es hörte sich an, als ob eine Säge in ihren letzten Zügen ginge. Und dann gab es einen Ruck: rrh-ch! Weg war der Otter, und der Müller erwachte vom eigenen Schnarchen aus dem Schlaf.

So ging es also auch nicht! Aber alle Kreuzhimmeldonnerwetter wurden trotz Schnee und Wintereis polnisch und deutsch auf den nichtsnutzigen Otter herabgeflucht!

Dieser Gauner! Der Schaden, den er da anrichtet, ist ja gar nicht zu sagen. Sechs Pfund Fische frißt er alle Tage, und die doppelte Menge reißt er aus reiner Mordlust tot. Macht täglich achtzehn Pfund zu mindestens zwei Achthalber, aufs Schaltjahr gerechnet mindestens dreihundertsechsundsechzig mal fünf Dittchen, gleich 188 Mark! Ein halbes Dutzend von der Sorte sind gewiß hier an der Mühle! Macht 6 x 188 = 1128 Mark! Aber na ja, erbarm' dich! Und all dies schöne Geld hätte der Müller bar in der Tasche, wenn die beestkrätigen Otter nicht wären!

Ungefähr so denken auch die eingeschworenen Nützlichkeits-Meyer, die jeden »Naturschwärmer«, der über den Ausgleich im Naturleben sich eine eigene und selbständige Meinung erlaubt, für einen ausgemachten Phantasten halten. Genau so denken die Fischereivereine, die dem letzten Reiher den Tod an der letzten Otterkaldaune wünschen. Genau so denkt mancher übereifrige Schriftsteller, der Jäger, Fischer und Fänger zu der Losung vereinigen möchte: »Tod dem Otter!«

Sein Ernährer

Anders denkt Michel Skala, der alte Losmann am Heideseefluß. Er hat das Otterchen lieb und wünscht ihm langes, gesegnetes Leben! Alle Tage bringt es ihm, bald hier, bald dort am Ufer ein Fischchen, dem es nur einen Happen aus dem Rücken gerissen hat. Und wie spaßig es das macht! Vom hohen Ufer an seinem Häuschen aus kann der Alte beobachten, wie der Otter im klaren Wasser angeschwommen kommt. Wenn er einen großen Brachsen von unten am Bauch ergriffen hat, so trägt er ihn im Fang und hält ihn mit den Vorderfüßen fest, damit der Glibbrige ihm nicht entgleitet. Ja, der ist gescheit, der Otter, das liebe Otterchen! Dann landet er den Fisch und beginnt an der Schulter seine Mahlzeit. Ist er sehr hungrig, so läßt er von dem ganzen Fischchen nur Schwanz und Kopf übrig. Aber das kommt selten vor. Meistens nimmt er nur ein Stückchen vom Rücken, und dann liest sich der alte Skala frühmorgens die Reste zu guter Mahlzeit auf. Sieht er aber den Otter kommen, so geht er, wie zufällig, vorbei. Dann fährt der liebe braune Kerl ins Wasser und läßt Skala den ganzen schönen Fisch.

Das treibt der Alte nun schon lange Zeit so. Und wenn ihm böse Menschen seinen Otter fortfangen würden, so würde er sehr traurig sein. Denn er verlöre, nicht nur seinen Ernährer, sondern den liebsten Gesellen seiner einsamen alten Tage. So schön wie Otterchen kann ja doch das hübscheste Hündchen nicht spielen. Das muß man bloß sehn, so hier oben von dem Bänkchen aus, das vor Skalas alter Strohdachkaluppe steht! Wenn Otterchen mit seinen kurzen Läufen durch die Wiese schlüpft, so sieht es aus, als ob eine Schlange dahinschösse. Und rutschen kann es: hast du gesehn, die Rutschbahn hinunter ins Wasser bis auf den tiefsten Grund! Kein Wiesel ist so wendig, kein Windhund so flink, kein Aalchen so glatt wie Otterchen, das liebe schwarzbraune! Sein Pelz wird niemals naß und ist immer schmuck und sauber. Und aus seinen schwarzen Sehern schaut es so lustig und kreuzfidel in die Welt wie kein anderes Geschöpf auf Erden. Das liebe Gottchen hat es wie kein zweites Tier erschaffen zur Freude an seiner schönen Welt! Er gab ihm seine Klugheit zum Schutze gegen die Arglist seiner Feinde. Das liebe Gottchen möge ihm ein langes, fröhliches Leben schenken.

Kahnbirsch

Vor einiger Zeit ist ein junger Forstassessor nach Masuren gekommen, der eine besondere Leidenschaft für Otterjagd hat. An den hat sich der Heidesee-Müller gewendet mit der Bitte um Abschuß des nichtswürdigen Otters, der ihm soviel Schaden in der Gegend seiner Mühle verursacht. Es ist inzwischen wieder Frühling geworden, das Eis ist abgegangen, und der Fischdieb hält sich, wie die weichen Lager zeigen, viel im Freien auf.

Dies scheint dem Jäger die richtige Zeit zur Kahnbirsch zu sein. In leichtem Flachkahn spürt er das ganze Seeufer und das Röhricht ab und merkt sich die Lagerstellen des Otters. Dann fährt er vormittags, wenn der Otter den warmen Frühlingsonnenschein sich auf den Balg brennen läßt und zu schlafen pflegt, ganz leise und vorsichtig die Lager ab und beobachtet diese mit dem Jagdglas schon aus der Ferne. Liegt der Otter oben, so besteht das Kunststück darin, unter Wind geräuschlos möglichst nahe an ihn heranzukommen und ihm dann auf etwa fünfundzwanzig Schritt einen gut deckenden Schuß mit grobem Schrot zu geben. Oft genug ist dem Forstassessor das gelungen. Oft freilich auch hat der Otter ihn rechtzeitig bemerkt und ist geräuschlos ins Wasser geglitten.

Das ist wie alle richtige Birsch ein sehr edles Jagen und verlangt einen ganzen Jäger. Aber auf den Otter vom Heidesee will auch die Birsch nicht glücken. Zweimal hat der junge Jäger ihn bereits ausgestoßen, und vergeblich ist er den aufsteigenden Bläschen gefolgt, die des Otters Fahrt kennzeichnen. Sonst kommt Otterwild bei ruhiger und unauffälliger Verfolgung ein- oder ein andermal an die Oberfläche, um Luft zu schöpfen. Aber auf diesen ist kein Schuß loszuwerden, er fährt gleich zur Tiefe, schlägt unter Wasser Haken und verschwindet irgendwo.

Vergebens sucht der Jäger mit einem an langer Stange befestigten Dachshaken die Erlenstöcke am hohlen Ufer ab. Nirgends ist dieser Schlaumeier zu finden. Und als die dritte Birsch vergeblich bleibt, wird auch der alte Skala traurig. Denn am Ufer findet er am nächsten Morgen kein Fischchen, kein leckeres Fischchen. Der Otter, sein Ernährer, das liebe Otterchen, ist verschwunden. Ausgewandert, Herr, erbarm' dich!

Nach acht Tagen aber fehlt in der Mühle wieder eine Henne, die nach dem Legen gackernd am Wasser ihre Heldentat verkündet hatte. Und am nächsten Tage kommt der alte Ganter mit zerbissenem Schwimmer angehumpelt. Der Müller tanzt vor Verzweiflung einen »Kossak«. Der alte Skala schmunzelt. Otterchen ist wieder da, das liebe Otterchen!

Mit der Meute

Der junge Forstassessor hat aus seinem Mißerfolg die nötige Belehrung gezogen: was in den Fließen des Spreewaldes gelingen mag, ist deshalb noch nicht ohne weiteres anwendbar auf den dicht verkrauteten Masurischen Seen. Er hat deshalb in seine Heimat geschrieben, und nach einiger Zeit ist auf Bahnhof Rudzany eine Kiste mit zwei merkwürdigen Geschöpfen angekommen. Ihr Ahnherr war ein polnischer Wasserhund, der in sträflicher Leidenschaft zu einer Teckelhündin entbrannte. Eine Hündin aus diesem Wurf hatte sich in eine Airedale-Terrier verliebt, und das Ergebnis war ein Wurf, der hätte eine »Internationale Hundeausstellung« in sich darstellen können. Zwei Hündinnen dieser sonderbaren Mischrasse wurden einem echten englischen Otterhunde zugeführt, dessen Art verbürgten Nachrichten zufolge von einem Schweißhund und einer schottischen Wasserhündin abstammen soll, aber schon seit langer Zeit in einem Vollblutstammbuch geführt wird. Einerlei, woher der Fahrt und Art: die tiefgestellten, kräftig gerippten, starkknochigen, harthaarigen grauen Hunde, die dem Forstassessor beim Öffnen der Kiste entgegensprangen, sind mutige und lebendige Kerle; das sah man auf den ersten Blick. Und daß sie im Wasser tüchtige Raufer sind, sollte bald genug die erste Jagd mit der Meute im Heidesee lehren.

Ein duftiger Septembermorgen lag über Wald und Feld. Im Glanz der Morgensonne flogen die Fäden des Altweibersommers über die Stoppeln, Kraniche zogen in langem Pfeile mit heiserem »Krah, kroh!« dem Süden zu. Über dem Heidesee dampfte im Schatten des hohen Südufers noch der letzte Morgennebel. Da fuhren vom Fluß her zwei Kähne auf, in denen vor dem Führer je ein Jäger mit je einem Otterhund und einem Teckel saß. Förster Weiskuschat hielt sofort das Südufer, während der Forstassessor das Nordufer absuchte. Ein dritter und vierter Jäger folgten auf masurischen Pferdchen an den Seeufern der Jagd. Alle waren mit Flinten bewaffnet, der Forstassessor außerdem mit der Ottergabel. Zuerst ließ er nur Donald, den von ihm geführten Otterhund, suchen, während der Teckel angeleint blieb. Auch Förster Weiskuschat hielt die von ihm geführten Hunde, Harald und Waldine, zurück. Der suchende Hund hielt sich anfangs am Ufer, durchstöberte schnüffelnd das Schilf; dann fand er an einem alten Pappelstubben, dessen Wurzelwerk bis ins Wasser reichte, Fährte und meldete dies damit, daß er sich auf die Keulen setzte und dem schwindsuchtsbleich am Himmel stehenden abnehmenden Mond ein Ständchen heulte, worin sein Gefährte Harald im Kahn des Försters Weiskuschat tief ergriffen einstimmte. Nachdem die Hunde in dieser Weise die Jagd angeblasen hatten, ging sie aber nun wirklich los. Donald, der Finder, verschwand sofort im hohen Ufergebüsch. Dort stieg ihm nämlich aus einer kleinen Luftröhre die Witterung des im Bau liegenden Otters entgegen. Doch hielt er sich nicht etwa da oben mit Buddeln auf, sondern stürmte sofort zum Ufer, um den Otter von der unter Wasser liegenden Mündung aus anzugreifen. Ehe er aber die Röhre erreichen konnte, zeigten die im Wasser aufperlenden Bläschen – Luft, die zwischen den Haaren des Balges sitzt und durch den Wasserdruck herausgepreßt wird –, daß der Otter ausgefahren war. Wie ein Hecht schoß er in die Tiefe, Donald aber wurde vom Jäger in den Kahn gehoben, an dessen Spitze er Posten faßte und die Fahrt des Otters verfolgte. Der andere Kahn war, so scharf das Ruder wricken konnte, herbeigeglitten, und beide Hunde wachten über dem Wasser. Aber das blieb still, der Otter schwamm dicht über dem Grunde des Sees hin; nur zuweilen war in der Tiefe etwas wie ein huschender Schatten von ihm zu sehen, was die Hunde durch Unruhe meldeten. Jetzt hatte er einen mit Schilf bestandenen Barschberg erreicht und tauchte vorsichtig empor, um zwischen dem Röhricht das Näschen zum Atemholen herauszustecken. Aber da schossen auch schon die schnell und lautlos getriebenen Kähne heran, mit einem Satz war Donald im Wasser und Harald sprang ihm bei. Dem Otter nach tauchten beide in die Tiefe, und weiter ging die Fahrt. Am Südufer unter den versunkenen Erlenstubben suchte der Otter sich zu verstecken, aber die Hunde waren bald heran und bemühten sich, ihn tauchend herauszutreiben. Der Forstassessor kam ihnen mit der Gabel zu Hilfe. Und wieder schoß die Fahrt über den See hinüber. Von den Hunden wurde einer in den Kahn genommen, und sie durften nun immer nur abwechselnd den Otter verfolgen, bis dieser wieder unter Deckung Luft zu schnappen suchte. Diesmal gelang ihm das – unter dem Kahn. Ehe Harald ihn dort entdeckte, war er mit neuem Atem wieder zur Tiefe gefahren, und die Jagd ging wieder zum Südufer zurück, wo der Otter augenscheinlich einem Durchlaß zustrebte. Aber der Fall war vorgesehen. Als unter Wasser sein Schatten sich zeigte, gab der dort am Ufer stehende Jäger Feuer. Und wenn die Schrote auch den Otter nicht trafen, so zwang der Schuß ihn doch zur Umkehr. Im Schilf suchten beide Hunde ihn zu haschen, und auch die vor Aufregung halbverrückt gewordenen Teckel wurden geschnallt und stürmten, der Halsung ledig, der tollen Jagd nach. Noch einmal ging es ins freie Wasser hinaus. Dann versuchte der Otter auszusteigen, um Atem zu schöpfen. Aber da waren ihm auch die Otterhunde schon im Genick, und ehe die plunschenden Teckel herangepuddelt kamen, hatte die Gabel ihren Dienst getan und drückte ihn auf den Grund. Förster Weiskuschats Waldinchen kam gerade noch zur rechten Zeit, um von dem in den letzten Zügen liegenden Otter einen gründlichen Denkzettel zu kriegen. Mit kurzem Schlage seiner scharfen, nach innen gezackten Fänge schlug er ihr das Vorderpfötchen ab. Es ist zwar wieder angewachsen, aber schief. Doch das macht nichts. Waldinchen kommt sich mit dem Knickebein nur noch hochgeborener vor. Und dies erste Wasserabenteuer hat sie nun erst recht scharf auf Otter gemacht.

Waldinchens Klagen hatten die ob des guten Jagdergebnisses erfreuten Jäger nicht in ihrem Frohsinn zu stören vermocht. Am Ufer wartete ihrer bereits der Müller, um dem Otter, der ihm soviel Ärger und Schaden verursacht hatte, die Leichenpredigt zu halten. Alle Sünden hielt er ihm vor. Selbst für die im Eisen gebliebene Nasenspitze des Knappen machte er ihn im Tode noch verantwortlich, dazu für alle Enten und Gänse, die in den letzten Jahren krepiert waren, für die aus dem Hüttkasten gestohlenen Krebse und für die täglich achtzehn Pfund Fische, die er gefressen und erwürgt habe. Macht aufs Jahr bare 188 Mark allein für Fische! Und wer weiß, wie lange der Lorbas das schon getrieben hat! Recht ist ihm geschehn! Dann langte der Müller die Schnapsflasche hervor – solch ein Erzspitzbube an der Speergabel, das ist doch gewiß ein hinreichender Grund, um alten Jägerbrauch in Ehren zu halten. Also wurde der Otter totgetrunken. Der Reihe nach und nicht zu knapp.

»He, Skala, kommt her, Alterchen! Ei Schnaps, mögt Ihr?«

Ä näin! Pan Pog saplatsch, panetzku! Mag ich haite nech ...!«

»He es all duhn!« meint der Knappe, der dem traurig fortschleichenden Alten nachblickt. »He hoat all Woater enne Oage!«

Lutra

Ordentlich einen vornehmen lateinischen Namen hatten sie in Szadowen der kleinen Otterin gegeben, die Manne vor drei Jahren im Röhricht des Jurecz beim Fischen gestellt hatte. Lutra heißt sie. Eigentlich heißen alle Otter so. Sie wissen das bloß nicht, weil sie kein Lateinisch verstehen. Die Szadowensche Lutra versteht es aber; das heißt, sie weiß, daß Lutra soviel wie »trautstes Otterchen« heißt. Sie springt, sobald sie bei dem gelehrt klingenden Namen gerufen wird, dem alten Fräulein oder dem jungen Herrn gleich entgegen und klettert vor Freude kichernd auf den Schoß.

Na, überhaupt: die wird ja wie ein Fräulein gehalten auf dem Hofe! Es ist aber auch wahr, sie ist so klug, wie mancher Mensch nicht ist, und sauber ist sie, viel sauberer als die meisten Menschen! Sie badet ja auch gar zu gern und leckt und putzt sich den lieben langen Tag, daß sie immer schniegelblank und blitzglatt ist, wie aus dem Ei gepellt. Ungeziefer darf bei ihr gar nicht aufkommen. Na ja, wenn man ihr gerade in die Falte unter der Nuß die Nase steckt, dann riecht sie da wohl ein bißchen unangenehm. Der männliche Otter hat am Weidloch zwei Absonderungsdrüsen, die enthalten noch mehr von der Feuchtigkeit, die dem Bisam ähnlich duftet. Aber wenn die Menschen von einem wasserscheuen Schmutzfinken sagen: »Er stinkt wie ein Otter«, so ist das eine Verleumdung der Tierwelt. Sie sollten lieber mal erst ihre eigene Art zu der Sauberkeit des Otters erziehn!

Am Tage schläft Lutra auf seinem Lager, das ihr der Gutsschmied aus alten Sprungfedern hat machen müssen. Darüber ist eine wollne Decke gebreitet, in die wickelt sie sich ein, daß bloß der Kopf herausguckt.

Nachts ist sie wachsam. Und es sollte mal einer versuchen, dem alten Fräulein oder dem Herrn nahekommen zu wollen, den würde sie schön auf den Trab bringen. Früher belästigten Zigeuner und Strolche oft den Hof. Das haben sie sich aber abgewöhnt, und am Wegweiser steht ein Geheimzeichen, das alle Brüder von der Landstraße warnt. Einmal, als alle Leute bei der Erntearbeit und die Herren mit den Hunden fortgegangen waren, kam nämlich eine Zigeunerbande. Als sie merkten, daß das alte Fräulein allein zu Hause sei, wollten sie frech werden und in die Küche eindringen. Da sprang Lutra mit lautem Fauchen und Geschrei dazwischen und biß so wütend um sich, daß die ganze Bande vom Hof hinunter mußte. Vor dem starken Gebiß der wütenden Otter hatten sie eine Heidenangst.

Sie versuchten sich dann damit zu rächen, daß sie vergiftete Fische am Tor niederlegten. Aber da hatten sie sich verrechnet, denn Lutra frißt niemals Fische. Von klein an ist sie nämlich an Hausmannskost gewöhnt, säuft noch immer mit Vorliebe Milch und zieht Pflanzenstoffe dem Fleisch vor. Ihre echte Mardernatur beweist sie namentlich in der Vorliebe für Süßigkeiten, wie Möhren, Zwetschgen, Kirschen, Birnen; gern nimmt sie auch weißen Käse, und im übrigen frißt sie mit den Hunden aus einer Schüssel. Während Rolf, Karo und Manne wütend knurren, wenn einer dem Futternapf des andern nur nahe kommt, spaziert Lutra von einem zum andern, und jeder erlaubt ihr an der Mahlzeit teilzunehmen. Von klein an hat sie mit allen dreien gespielt; aber da sie selbst dabei nicht immer an ihre scharfen Zähne dachte, merkten die Hunde bald, daß sie ihnen überlegen ist. Der guten Freundschaft hat das aber keinen Eintrag getan. Zuweilen, wenn Rolf von der Kette freigelassen wird, jagt sie wie toll mit allen dreien auf dem Hof herum. Aber wenn die Großen ihr zu tolpatschig kommen, bringt sie mit einem Hieb ihnen die nötige Zurückhaltung bei, und der liebste bleibt ihr von allen Männe, der ihr so nett schmeicheln kann und selber so ein Schlankerl ist wie sie.

Von ihrer Herrschaft duldet sie jede Neckerei. Auf Veranlassung spielt sie »faules Mädchen«, das heißt sie wälzt sich auf dem Rücken von einer Seite auf die andere. Ja, sie duldet sogar, daß der junge Herr sie an der Rute ergreift und wie einen Quirl im Kreise herumdreht. Kichernd springt sie dann an ihm in die Höhe und ist selig, wenn er sie sich wie einen Pelzkragen um den Hals legt.

Den Hühnern tut sie nichts zuleide. Ihr höchstes Vergnügen aber ist und bleibt, wenn sie mit »Lutra, fisch!« in den See geschickt wird. Ganz von selbst hat sie gelernt, Fische, die sie greift, ihrem Herrn zu bringen. Und wenn das Lob über ihre Leistung oder die Güte des Fisches mager ausfällt, fährt sie sofort wieder zu Wasser, um einen besseren zu bringen. Auch Krebse sucht sie auf Befehl.

Bis jetzt ist das immer noch gut gegangen. Lutra liefert ihren Fang ab, ohne die Fische anzuschneiden.

Aber es besteht große Gefahr, daß Männe sie auf die Bahn des Verbrechens locken wird. Er ist nämlich ein großer Freund von Fischen und hat sich über die Fertigkeiten seiner Freundin schon lange seine eigenen Gedanken gemacht. Er weiß zwar, daß das eine große Schlechtigkeit sei, daß der Herr dazu »pfui, pfui« sagen und daß es ganz fürchterliche Hiebe setzen würde, wenn man ihn auf solchen Abwegen erwischte. Aber der Firnis seiner Erziehung ist nur dünn, und in der Tiefe seines Wesens lockt eine dunkle Stimme ihn immer wieder zu dem, was die Menschen »dumme Streiche« nennen, und was ihnen selbst doch so tief eingeboren ist, daß die meisten nur mit Mühe und innerem Kampf es unterdrücken können. Wenn man diese Stimme der Natur in der Teckelseele versteht, fragt man sich unwillkürlich: Wieviel Mühe muß es gekostet haben, bis dieser Rackerart das Anschneiden von Wild abgewöhnt wurde? Diese zahme Otterin hingegen hat, wie zahlreiche andere ihrer Art, sich vollständig in den Dienst der Menschen gestellt und über die Freude an seiner Liebe die dunkle Stimme ihrer leidenschaftlichen wilden Art vergessen!

Zähmen Sie einen Löwen, er wird Ihnen immer nur eine aus Furcht und Mißtrauen gemischte Unterwürfigkeit zeigen. Ein Panther bleibt ein entzückendes Schmeichelkätzchen bis zum dritten Jahr; ein Bär ein drolliger Spaßvogel, bis er Sie eines Tages niederschlägt. Ein Wolf bleibt zahm, solange nicht aus dem nächtigen Walde der Ruf der Wildheit zu ihm dringt: Wauu-huh! Wuu-aah!

Aber zähmen Sie einen jungen Fischotter: er stellt alle seine ererbten Fähigkeiten in Ihren Dienst und wird bis zum letzten Atemzug keinen andern Wunsch hegen, als Sie zu erfreuen, um von Ihnen geliebt zu werden!

Nicht wahr, es ist die höchste Zeit, daß Jäger, Fischer und Fänger sich vereinigen, um dem letzten dieser nichtswürdigen Art den Tod zu bringen?

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