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Wild Welt und Du

Fritz Bley: Wild Welt und Du - Kapitel 11
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleWild Welt und Du
publisherVerlag Deutsche Volksbücher
year1952
editorWulf Bley
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Wildkatzen

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Die wilde Jagd

Eine neue Zeit ist heraufgezogen. Tius heilige Malbäume sind gestürzt. Anstatt des Zithergeklöppels der Hillebille dringt dumpfer Erzton gewaltiger Glocken aus fernem Flachland ins Gebirge herein. Noch immer schmückt der Klosterjäger von Walkenried die Giebelstirn unter dem Vorsprung seines Schindeldaches mit den Köpfen der Luchse, die er für die Tafel des gnädigen Abtes geliefert hat. Aber gar vieles ist anders geworden draußen in der Welt und auch im Gebirge.

So Ritter wie Besuchsknechte im ganzen Harz blicken mit Zorn und Verachtung auf die Schießjagd, die an die Stelle des ritterlichen Gejaides getreten ist. Nicht mehr wird in fröhlichem Überlandjagen das edle Wild von scharfen Rüden gestellt und vom Weidmann mit ritterlichem Speer gefällt, sondern mit List wird es auf leisen Sohlen nach Art des wilden Luchses beschlichen, damit der aus dem Hinterhalt zischende Pfeil es töte. Oder man treibt es zum großherrschaftlichen Massenmord zusammen. Im einen wie im anderen Falle sieht Wodes Rabe mit Verachtung auf solche Jäger herab. Der Pfeil wird dem Wild zur Qual, dem Schießer zur Schande. Und der ehrliche alte Hadamar von Laber singt:

»Wilent dô die alten
krefticlîchen schône
ir verte kunden halten,
dô hôrt man ouch von jagen süeze dône.
Nu wil man ez mit birsen sô durchwalken,
und manic sätze râten,
da von daz wilt vor noeten muoz verschalken.«

Da sinkt mit dem letzten Ur der letzte Bär dahin, dem dürren Grauhund werden die Tage knapper und knapper gezählt, und des Luchses Gewaltherrschaft wird gebrochen, wie der Rabe, Wodes wissender Warner, ihm längst vom dürren Ast der Wettereiche herab geraunt hat.

Mehr und mehr begründet das nun vom Druck der Zwingherrschaft des Luchses erlöste Geschlecht der Waldkater seinen blühenden Stamm im Harzgebirge. Wo ehedem Steinadler, Bär und Luchs den Tod durch die Täler trugen und der Grauhund die Reste von Wodes Opfermahl nahm, sind mit den alten Göttern auch die alten Fürsten der Tierwelt verschwunden. Aus Siegvaters stürmend wildem Frühlingszug haben die Mönche das scheue Nachtgejaid des Wilden Jägers gemacht, dem der Uhu voranstreicht und das Mauzen der Wildkatzen folgt, die einst Freias Wolkenwagen gezogen haben und als Hüter der Haustreue galten. Nun sind sie zu verfemten Gespenstern des Aberglaubens geworden, wie der Schuhu des wilden Wode.

Haha – au uh, wuhuuh, schuhuh! Hört ihr Glutauges Ruf und heftigen Fittichschlag im wilden Märznachtsturm? Dazwischen hinein tönt aus dem Geschröff der im flackernden Mondlicht grinsenden Felsnasen der zornige Liebesschrei des Kuders und seiner fauchenden Liebsten wie das Elendswimmern geräderter Teufelsbuhlinnen, die mitreiten möchten im Nachtgejaid des Wilden Jägers in friedlose Ewigkeit!

Bis hinab zu den Köhlersleuten am dampfenden Meiler hallt die ganze Nacht hindurch das Locken, Rufen, Klagen und Jauchzen der verliebten wilden Sippe. Erst hatte man Nacht um Nacht aus finstern Schrunden nur den rauhen Sehnsuchtsschrei der Katze vernommen, die sich einsam dort herumtrieb. Es klang wie Greinen, Heulen und Weinen und wieder dann wie verzweifeltes Grollen und erschreckender Zorn, so furchtbar, daß alles Getier des Waldes erschauerte und mit dem heraufziehenden Morgen die unheimlichen Klippen mied.

Dann aber in einer dunklen Sturmnacht war ein Waldkater gekommen, der es mit der wilden Teufelin aufnahm. Die tiefen Ballen seiner weitstehenden Fährte zeigten die Fülle seiner Jugendkraft, und in seiner würdevollen Anmut prägte sich ein Selbstbewußtsein aus, das ihn von echtem Raubsinn beseelt erwies. Auch der Wildkatze erschien er in Gang und Haltung als ein Kuder gar edler Art, und – ach! – die Gewalt seiner Stimme hatte es ihr gleich angetan. Er hatte sich ihr nicht mit krummem Rücken und schmeichelnd bittendem Mauzen genaht wie der Milchbart, den sie mit ein paar derben Ohrfeigen tags zuvor heimgeschickt hatte. Nein, mit dumpfem Knurren kam er dahergerannt, und mit gellendem Schrei sprang er auf sie wie auf sichere Beute ein. Und als sie ihn grob anfauchte, sagte ihr sein Kreischen und Wutgeheul, das ihr Herz im Innersten erbeben ließ, noch mehr als seine groben Brantenhiebe, daß er nicht viel Federlesens zu machen gewohnt sei, sondern Unterwerfung nach dem Recht des Stärkeren fordere.

Immerhin gibt es nun noch eine wütende Katzbalgerei, ehe er zu seinem Recht kommt. Wenn er die unruhig schmachtend an der Felswand hinstreichende Mauze mit rauhem Lecker liebkost, so duldet sie das. Aber sobald er zudringlich wird, springt sie mit wütendem Kreischen auf ihn ein. Aber bebend vor Wut zahlt er ihr zurück. Fauchend fassen sie sich in der Luft, bis Mauze mit neckischer Bosheit in wilden Sätzen davoneilt und sein klagendes, drohendes Werbeständchen von vorn beginnt. Das ganze Gebirge ringsum muß teilnehmen an der wilden Höllenmusik dieses Liebesstreites. Der Rabe schüttelt sich, befriedigt aufatmend, das Gefieder, als er vernimmt, daß der Kuder endlich wütend dreinschlägt und der dummen Geschichte, die dem ältesten Raben den Schlaf raubt, ein Ende macht und das Wonnemauzen, mit dem die Katze sich dann in ihrem Schmerz wälzt, den Schluß des Zwistes verkündet.

»Krauh, kroh!« ruft im Tone tiefster Genugtuung vom Gipfel seiner Dürrlingstanne herab der alte Rabe.

Raubritter

Als endlich der Lärm verstummt ist, sind aus den nächtlichen Unholden unheimlich heimliche Gespenster geworden, die man bei Tage nur spürt und nachts nur mit grünen Lichtern an Baum und Stein im Finstern funkeln sieht. In einer tiefen Felsspalte unter den Hexenklippen, wie nun der waldige Tanzsaal der hagischen Jungfrauen heißt, hat sich Mauze häuslich eingerichtet. Der Kuder darf ihr dorthin nicht folgen. Aber wenn er in der Abendsonne vor seinem Bau unter dem »Weißen Hirsch« liegt und sich putzt, so streicht Mauze, die gern noch mal auf Besuch zu ihm kommt, ihm wohl unter der gelblichweißen Kehle so recht dicht und schnuckelig, daß ihre dicke Rute ihm kosend über das Gesicht fährt und es ihn heiß überläuft. Aber als er zudringlich werden will, verbittet sie sich mit einer kräftigen Maulschelle solche Unziemlichkeiten, und er nimmt die Zurechtweisung ohne Murren hin. Denn schließlich muß er sich ja sagen, daß sie nun im guten Recht ist. Sie sitzt dann wohl noch ein Weilchen bei ihm und bewundert, wenn er sich putzt, den schwarzen Sohlenfleck am Hinterlauf Die Falbkatze (felis maniculata) darf mit größter Wahrscheinlichkeit als Stammform unserer Hauskatze (felis maniculata domestica) betrachtet werden, wenn auch nicht ausgeschlossen erscheint, daß einzelne Rassen der letzteren anderer Abstammung sind. Mit Recht hat z. B. schon Blasius die Abstammung der Angorakatze von der Steppenkatze (felis manul) als sehr wahrscheinlich bezeichnet. Wenn diese Annahme zutreffend wäre, so wurde die Angorakatze den jetzt für sie wissenschaftlich gültigen Namen (felis maniculata domestica angorensis) zu Unrecht führen, müßte vielmehr heißen: felis manul domestica. Daß die Wildkatze (felis catus) die Stammform für irgendeine Rasse der Hauskatze gebildet haben könne, erscheint wenig wahrscheinlich, obgleich es zuweilen noch als offene Frage behandelt wird. Dagegen steht fest, daß in jüngster Zeit die Kreuzung zwischen Wildkatze und Hauskatze in manchen Gebirgsgegenden zu einer sehr starken Verwischung der ursprünglichen Artunterschiede geführt hat. Von diesen sind hauptsächlich folgende hervorzuheben:
Das Gebiß ist der Zahl und Stellung der Zähne nach bei beiden Arten gleich, das ganze Schneidezeug und namentlich die Fänge (Eckzähne) der Wildkatze sind aber größer und kräftiger als die der Hauskatze. Die Branten der Wildkatze sind größer, und die Sohlen der Hinterläufe haben unten einen schwarzen Fleck. Auf diesen hat zuerst Professor Dr. Nehring-Berlin hingewiesen. Da er ihn später aber auch an Katzen fand, die ihrem ganzen übrigen Aussehen nach als echte Wildkatzen nicht angesprochen werden konnten, so hat er selbst betont, daß zwar der schwarze Sohlenfleck als unerläßliches Kennzeichen jeder echten Wildkatze bezeichnet werden müsse, sich aber durchaus nicht auf diese beschränkt. Um ein bestimmtes Urteil abzugeben, muß man also die Gesamtheit der Artmerkmale ins Auge fassen, zu denen noch folgende gehören:
Das Haar der Wildkatze ist rauher, der Hals länger, der Kopf platter, gedrückter, die Lauschermuskeln sind breiter und steifer als bei der zahmen Katze. Der Darm der Wildkatze ist um ein Drittel kürzer als der der zahmen, die zur Verdauung pflanzlicher Nahrung ein längeres Gescheide braucht. Die Lunte der Wildkatze ist kürzer, dicker, schwarz geringelt und auch im abgestumpften Ende schwarz. Die Wildkatze hat einen schwarzen Rückenstreifen, von dem schwarze Querstreifen ausgehen. Ihre Nase ist fleischfarben, die Lippen sind schwarz.
als Zeichen seiner hohen Geburt. Dann aber erhebt sie sich, reckt und streckt sich, macht einen Buckel, ringelt und wendet die Rute und schleicht dann lautlos auf Raub davon. Rechts ab von ihr wendet sich der Kuder dem Hochforst zu, den weder Uhu noch Dachs noch Fuchs ihm streitig zu machen wagen. Aufschakernde Drosseln, angstvoll kreischende Holzschreier und schreckende Rehe verkünden die Wege, die Katze und Kuder genommen haben.

Ärgerlich verhoffen beide. Dann lauschen sie mit geschärfter Aufmerksamkeit in die Nacht hinaus. Ein leises Rascheln im Welklaube dringt vom Tal herauf. Ein Waldhase hoppelt der Äsung auf der Bodewiese zu. Vorwärts! Die Lauscher in höchster Spannkraft nach vorn gedrückt, die Lider bis zur vollen Rundung der Seher aufgerissen, den Schnurrbart unternehmungslustig hochgestellt, schleicht der Kuder, tief in den Boden gedrückt wie ein Aal dem Rascheln nach, springt in weichen, unhörbaren Sätzen abwärts von Fels zu Fels, duckt sich hinter Strauchwerk und bringt sich so ruckweise bis dicht an den äsenden Krummen heran. Ein wohlgezielter letzter Sprung: »Auwäh, oweh – wäh!« klagt der arme Hase unter den Waffen und Fängen des Räubers. Er klagt nicht lange. Ein Wildkuder quält, schon aus nützlicher Vorsicht, sein Opfer nicht. Auch die Wildkatze tut das nicht, es sei denn zur Erziehung der Jungen. Verröchelnd nur klingt Lampes letzte Klage durch den stillen Wald: »Wäh – owehi – wähi!«

Über den Klippen des tiefen Waldes streicht der Uhu zornfunkelnden Blickes hin. Und rauschenden Fluges eilt, als der Morgen sich ankündigt, der Rabe daher, der sich gut die Stelle gemerkt hat, wo das Todesgeschrei des Hasen erscholl. »Klong, klong!«

Auch er ist nicht mehr, der er einstmals den Menschen heilig war: Siegvaters heilkündender Bote. Zum Unglücksraben hat ihn der Aberglaube gestempelt, und in platter Vertraulichkeit nennt und ruft das Köhlervolk ihn: Jakob! Nirgends wird er geduldet, und so ist er, der ehedem hohe Verehrung genoß, zum Tagedieb und Frechling verkommen, der überall dabei sein muß, wo Unheil geschieht.

»Klong, kroh!« Der Kuder ist fort. Der Alte weiß schon Bescheid. »Klong, krauh, kroh!« Er kommt nicht allein. Er hat jetzt auch wieder eine Frau, die sich in sein blauschillerndes Kleid und seine Späße verliebt hat. Lustig hopsen beide vom Eichenast herunter auf den Schauplatz des nächtlichen Trauerspiels. »Kraoh!« Als die Rabin die gute Arbeit des Kuders betrachtet, den scharfen Biß durch des Hasen Drossel und das säuberlich von beiden Seiten benagte Rückgrat, lobt sie das sehr und ist erfreut über den leckeren Fund. Der Rabe legt ihr ein Stück von den saftigen Keulen vor und läßt sich selbst das duftende Ingeräusch munden. Das ist doch was anderes, als wenn der Schmutzfink Reineke Mahlzeit gehalten hat! Da sieht es aus, als sei eine Sau niedergemacht, und dabei hat er nichts übrig gelassen, als die elenden Hasenpfoten! Und er selbst, der rote Spitzbube, schnürt bis über die Lauscher besudelt davon und muß sich erst im Bach, wo er sich den Wanst vollschlappt, waschen und säubern, damit er sich im Walde wieder sehen lassen kann. Da ist der Kuder von edlerer Art! Der braucht sich kaum Schnäuzchen und Pfötchen zu putzen, und sein blaßgelber Fleck unter dem Kinn ist nach dem Fressen so blank und sauber wie zuvor.

Art hält auf Art! Behaglich glättet auch der alte Rabe sich die Schwingen. Dann ordnet er sein Hochzeitskleid, schüttelt und zupft alles zurecht, hüpft ein paar Schritte weiter und beäugt mit schief gehaltenem Kopf befriedigt die saubere Arbeit, die Murk im Moos nach Verrichtung seiner Notdurft gemacht hat. Auch der Rabin flößt das Achtung ein: alles hübsch sauber verscharrt, das muß man sagen! Ja, das hat Lebensart! Dagegen der Fuchs, der Schmierfink! Der setzt alle Naselang ein Meilensteinchen, und an jeder Ecke hebt er den Hinterlauf. Kraoh!

Der alte Rabe hält den Kopf schief, plustert sich auf und putzt das Gefieder. Bei sich denkt er, daß der Fuchs eben kein Kuder ist, und daß jeder auf seine Weise durch die Welt zu kommen sucht: der Wildkater mit seiner Heimlichkeit, seinem feinen Vernehmen und scharfen Blick, der Fuchs mit seiner guten Nase. Na, da kann man es Reineke doch nicht verdenken, daß er sich Wegweiser setzt und Witterungsmarken pinselt, um bei seinen Irrfahrten nicht Weg und Heimfahrt zu verlieren, wenn Frühnebel oder nächtliche Dunkelheit den Ausblick verhängen.

Er, Wodes wissender Warner, braucht das nicht, denn ihm ist der weite Blick gegeben, der ihn erhebt über alles armselige Volk, das auf vieren im Staube läuft. Mit einem Ruck schwingt er sich polternd auf. Ihm nach seine schmucke junge Frau. Hell jauchzend klingt der Schrei des Alten über dem Walde: Kraook, krauh! Dann schwimmen beide in weiten Kreisen über Bergen und Tälern hin, um auszuspähen, was der junge Tag ihnen bringt.

Inzwischen liegt Mauze in ihrem Bau und Murk in dem seinigen, und beide träumen. Sie von der Kinderzeit, als sie mit den Geschwistern um Mutters Rute spielte. Er von dem milchbärtigen Nebenbuhler, dem er neulich die Liebe für immer versalzen hat. Leise zuckt die Rutenspitze, die Waffen greifen aus den Sammetpfötchen heraus und treten wieder zurück. Aufblinzelnd wendet er den dicken Kopf mit den hellhörigen Lauschermuscheln. Dann schnurrt er im Halbschlaf behaglich weiter den lieben langen Tag entlang. Den Hinterleib auf die rechte Keule gelegt und den linken Achterlauf weit ausgestreckt, ruht er mit gekreuzten Vorderbranten wie ein kleiner Löwe da, selbst im Halbschlaf noch in achtunggebietender, trotzige Kraft bekundender Stellung.

Hingegen muß Mauze es sich bei der wachsenden Last ihres Leibes nun bequemer machen als ihr herrischer Gebieter. In weicher Lösung der müden Glieder liegt sie zusammengerollt auf dem dürren Laub, das der Dachs vor Jahren in seinen Kessel eingekarrt und das sie sich hübsch locker gescharrt hat. Ihr Kopf ruht auf den Vorderbranten, und die Rute bedeckt die Hinterläufe.

Gern legt sie sich auch jetzt, um den gesteigerten Wärmeverbrauch auszugleichen und den kribbelnden Flöhen zu entrinnen, über Tage unter eine nur ihr zugängliche Klippe und läßt sich die liebe Sonne auf den Pelz brennen, bis die es allzu gut meint. Im übrigen bleibt sie auch in ihrem jetzigen Zustande bemüht, ihr rauhes Kleid in Ordnung zu erhalten. Mit dem Behagen innerer Zufriedenheit leckt sie, sobald sie nicht schläft, ihre Vorderbranten abwechselnd, fährt dann mit der gesäuberten von hinten nach vorn über Kopf und Lauscher, beseitigt jedes Stäubchen, glättet mit ihrem rauhen Lecker jedes abstehende Haar, bis alles in bestens geordnetem Zustand ist. Sie hat auch Ursache dazu. Denn später, wenn die großen Nahrungssorgen und um der Kleinen willen die Angst vor dem Kuder kommen, putzt und schläft es sich so ruhig nicht mehr!

Mutterglück

Als der Mai kam und der Wal-Burg-Tanz um die Brockenmoore tobte, hatte Mauze natürlich dabei sein müssen, so gut wie Feuerauge und der alte Rabe.

Der alte Köhler unter den Hohne-Klippen meinte, als er Mauzen spürte und des Raben Ruf über seinen Tannen hörte, ohne die Wahrsagersche und den Allwisser sei eine wilde Jagd im Märzsturm und ein richtiger Hexenritt in Wal-Burgs-Nacht so wenig zu denken wie ohne den Schuhu! Aus Mauzens schränkender Schleichfährte las er kundigen Blickes ihre gute Hoffnung heraus und murmelte etwas von Hexenart, die nicht vergeht. Das war am Morgen. Mittags ging es »kraoh, krauh« über seinem Kopfe; da hatte der Rabe ihm den Speck aus der Dachstasche gestohlen. Und um Mitternacht prasselte dicht bei seiner Köte der Uhu mit einem Auerhahn von den verwachsenen drei Eichen herunter.

Da wußte der Köhler, daß morgen am Blocksbergkopf der Tanz losgehen würde. Und so kam es auch: dunkles Gewölk jagte sich in wildem Ringelreihen um den Vater Brocken, bis der frühe Morgen den Spuk vertrieb und das erste Frühlingsgewitter in den ruhenden Wald herunterrauschte. Da duckte der Rabe geduldig unter im Schutz einer hohlen Eiche, der Uhu saß verdrießlich bei seiner Brut am Horst unter dem Arneklinte, und Mauze hatte längst ihre Decke ins Trockene gebracht, ehe das Pladderwetter losbrach, das sie nicht leiden kann. In der Felsspalte unter dem Giersklinte, weit weg von ihrem alten Bau und von den Lagerstätten des Kuders hatte sie hier oben im wildesten Gebirge ihre Zuflucht gesucht. Von dem Felsen war dort durch das Schmelzwasser grüngraues und weißes Torfmoos abgeschwemmt, das die Sonne dann getrocknet und der Herbststurm auf Haufen geblasen und unter die Felsnase gejagt hatte. Eigens zu dem Zweck, um Mauzen ein molligweiches und unfindbar heimliches Wochenbett zu bereiten! Das gefiel ihr sehr. Und noch einen anderen Vorzug hatte die Gegend. Drüben auf dem Moor stand unter Birken und Krüppeltannen stark duftender Porst. In den legte Mauze sich mittags beim schönsten Sonnenschein hinein, und als sie das drei Tage hintereinander getan hatte, war sie den letzten von den Flöhen los, die sie sich in dem Dachsbau geholt hatte. Auch konnte sie der Stunde ihrer Schmerzen und Wonnen hier um so ruhiger entgegensehen, als es rundherum nicht an Nahrung fehlte.

Als sie dann Mutter geworden war und zum erstenmal ihre vier blinden Kleinen verließ, fand sie ein Eichhornnest mit Jungen. Tags darauf fing sie eine brütende Auerhenne und warf unter dem zerwaschenen Ufer eine starke Forelle heraus: hier oben ist gut sein!

So gedeihen denn die Kleinen und öffnen am neunten Tage zum erstenmal ängstlich blinzelnd ihre Seher. Das Licht scheint ihnen freilich nur durch winzig schmale Spalten. Aber Mütterchen Mauze hilft durch fleißiges Lecken nach, bis die runden Guckerln ganz aufgehen und zum erstenmal im vollen Schein das Licht der Welt erblicken. Welch schöne Welt hier in der stillen, kühlen und schattigen Waldesheimlichkeit! Auch die kleinen Lauscher, die anfangs kaum bemerkbar waren, wachsen nun heraus und erschließen den munteren Dingern neue, herrliche Reize. Da summt dicht vor dem Lager ein großer Käfer vorbei. Hei, wie die Muschelchen der Lauscher sich aufstellen und die zaghaften Seher ihm gespannt nachblicken! Wartet nur: die Welt dort draußen hat noch viel schönere Wunder, als ihr heute ahnt!

Geschmack und Geruch hatten sich ihnen ja gleich nach der Geburt erschlossen: an Mutterchens Gesäuge, das sie mit den Näschen gesucht und dann schmatzend mit dem Mäulchen bearbeitet hatten.

Jetzt üben sie auch ihr Tastgefühl, versuchen im Lager herumzukriechen, tapsen an der Wand herum, kippen über und trampeln mit den kleinen Läufen, bis Mauze sie mit zärtlicher Stimme an sich lockt und, als das nicht hilft, gelassen aufsteht und die kleinen Ausreißer im Fang herbeiholt und ins Nest legt, wo sie sofort ihre Melkarbeit wieder aufnehmen. Allmählich lernen sie dies Geschäft ganz meisterhaft und bearbeiten, um die Milch reichlicher zum Fließen zu bringen, das mütterliche Gesäuge, indem sie mit den kleinen Vorderbranten abwechselnd dagegentreten. Diese knetende Melkarbeit bleibt ihnen als unverlierbare Instinkterinnerung für das ganze weitere Leben, und wenn sie später einmal den höchsten Grad von Liebe und Zärtlichkeit ausdrücken wollen, so werden sie die Liebste kneten mit sanftem Auskrallen der Waffen, wie sie es jetzt an der geduldig schnurrenden Mutter tun.

Bald aber, wenn die Lauscher sich versteifen und der Blick fester auf der Umwelt haftet, melden sich die wilderen Instinkte. Das Spiel, in dem der ganze Ernst ihrer kämpferischen Zukunft sich spiegelt, beginnt. Und wieder ist die geduldige Mutter das Opfer ihrer kleinen Tölpeleien. Am meisten hat es ihnen die Stummel-Lunte der Alten angetan. Sie ist auch gar zu nett mit ihren schwarzen Ringeln und ihrem ewigen Zucken, diese liebe, so ausdrucksvolle Lunte! Schwapp! stolpert das Jüngste darüber hin und, schwupp! hat das Älteste die schwarze Spitze erwischt und krallt sich darin ein. Schwapp ist er mit dem nächsten Zuck beiseitegeworfen, und schwupp springt der andere kleine Bruder wieder ein. Siehst du, Mauze, da hast du nun die fröhliche Erfüllung des Traumes, den du träumtest im alten Dachsbau unter der Hexenklippe!

Mauze blinzelt durch die halbgeschlossenen Lider, läßt sich von den kleinen Rangen umspielen und schnurrt dazu!

Aber sie sorgt auch dafür, daß nichts, insbesondere der Kuder nicht, ihren Burgfrieden störe. Sie leckt den Unrat der Kleinen auf, sobald diese sich nach dem Säugen lösen. Alle Reste ihrer eigenen Nahrung hält sie dem Lager fern. Und so oft sie zu ihrer Zufluchtsstätte zurückkehrt, sucht sie vorsichtig die ganze Umgebung ab, ehe sie sich zu den Jungen legt.

Die hohe Schule

Der tiefe Sinn im anscheinend so kindlichen Spiel der Kleinen enthüllt sich sehr bald. Als sie das Nest verlassen haben, bringt die Mutter ihnen die erste Waldmaus. Mit sanftem hochklingendem Murren, in dem eine Fülle von Mutterliebe und Mutterglück zum Ausdruck kommt, trägt Mauze die Unverletzte herbei. Die erste Maus! – Wie dies große, ewig unvergeßliche Ereignis doch so verschieden in den Sehern der vier drolligen Tolpatsche sich spiegelt! Schon an ihrem Benehmen erkennen wir jetzt, daß es zwei Kater und zwei Jungkätzchen sind. Die Kater sind nicht nur strammer im Bau, sondern nun auch schon schwerer in den Branten, daher plumper in den Bewegungen als die anmutigeren Schwesterchen. Aber aus ihren hellen Lichtern blicken sie so fest und klar in die Welt hinaus als wollten sie fragen: Wo steht der Feind? Als sie der Mutter zärtliches Locken vernehmen, richten sie sich auf. Die Schwesterchen aber laufen gleich der Mutter entgegen und trollen, neugierig auf die Waldmaus schauend neben ihr her. Ducker aber, der stärkste der beiden Brüderchen, schleicht im Grase der Mutter entgegen und springt dann mit täppischem Satze an ihr hoch, um die Maus an sich zu reißen. Als die zappelnde ihm entschlüpft, geht eine wilde Jagd los. Aber Ducker ist wieder der erste, der sie erwischt. Und zum ersten Male erprobt er nun den Wert seiner kleinen Waffen! Ein wonnevoller Stolz durchschauert ihn, eine unbestimmte Empfindung von etwas Großem, grausig Schönem, das nun kommen und das er halten müsse mit diesen Waffen! Jedenfalls trägt er sich furchtbar hochmütig, als er die Maus nun wieder zur Mutter bringt, die ihn schnurrend empfängt. Aber erst, als sie ihm zeigt, daß und wie man solches Spielzeug auch fressen könne, geht ihm die volle Ahnung der Zukunft auf; aber in der Hinsicht sind ihm die Schwesterchen weit überlegen, die gleich begriffen haben, daß die Maus köstlich schmecken müsse. Es bleibt nicht bei der ersten Mahlzeit; denn kurz darauf bringt Mauze ihren Kleinen eine zweite Maus. Damit ändert sich aber nun auch der ganze Haushalt. Den nunmehr scharf witternden Kot mag die Mutter nicht mehr herunterschlucken, dazu ist sie viel zu reinlichkeitsliebend, und eine Wildkatzenzunge ist wohl die feinstschmeckende von allen Zungen der Welt. Die Jungen werden also angehalten, ihr Geschäftchen nun außerhalb des Lagers zu besorgen, und zwar von Tag zu Tag weiter vom Lager entfernt. Ohne weiteres lernen sie, den Kot zu verscharren, wenn die Bedeutung dieser Instinkthandlung ihnen auch zunächst nicht zum Bewußtsein kommt. Später werden sie schon begreifen, wie nützlich diese Vorsicht ist und wie guten Schutz gegen schlimme Entdeckung sie bietet.

Mit großem Jubel stürzt die ganze kleine Sippschaft dann auf Mutter Mauze zu, die es sich nun wieder schnurrend auf dem Lager bequem macht. Aber als die Rangen die gewohnte Saug- und Knetarbeit an den Zitzen der Mutter fortsetzen wollen, leidet diese solches Ungestüm nicht mehr so geduldig wie früher; denn die kleinen Fänge, die nun schon mit der Maus fertig werden, tun ihr von Tag zu Tag mehr weh, und die Milch tritt dementsprechend mehr und mehr zurück.

Mauzes Leib wird wieder glatt und schlank, und die Jungen mögen nun sehn, wie sie ohne Muttermilch fortkommen! Sie sorgt ja auch von Tag zu Tag mehr für unterhaltsames Spiel und guten Fraß.

Mrrr-rau-uh!

Da ist sie wieder und – schubb-diwubb! – rumpeln auch schon die Kleinen heran. Ducker macht ein erstauntes Gesicht: was die Mutter da bringt, ist ein neues Ereignis in seinem Leben. Eine flügge Amsel ist es, die Mauze den entsetzt schäkernden Eltern von der Buche herunter geraubt hat. Sicherheitshalber hat sie ihr einen Flügel gebrochen, ehe sie sie losläßt. Nun geht das Spiel wieder los, das die Menschen grausam nennen, und das dem Raubwild und insbesondere allen Katzen doch als ursprünglichster Trieb so eingeboren ist, wie dem Knaben die Lust am Soldatenspielen und dem Mädchen das Bemuttern seiner Puppe. Früh übt sich, wer ein Meister werden will.

Daß von Mauzes vier Jungen dem herzhaften Ducker einmal die Meisterschaft im Sprunge gebühren wird, zeigt jedes lustige Spiel mit neuer Beute. Seine Schwesterchen Ringellunte und Leisetritt kommen ihm an Draufgängerlust nicht entfernt gleich, und sein Bruder Schnauz führt eine große Brante, ist aber zu langsam im Entschluß. Wenn nicht die Mutter bei der Verteilung der Beute für ihn sorgte, müßte er verhungern. Und doch hat Mauze gerade diesen plumpen Tolpatsch am liebsten. Wenn er sich, um einen dummen verspäteten Maikäfer zu fangen, mit voller Wucht auf die linke Brante stellt und die rechte im Gelenk zuckend spielen läßt, so sieht ihr Mutterstolz in ihm den zukünftigen Schlagedoderoh, und mit verdoppelter Sorgfalt widmet sie sich seiner Erziehung.

Sie bringt den Jungen ein quäkendes Junghäschen und freut sich schnurrend daran, wie alle dem kleinen Lampe zusetzen. Wie gewöhnlich kommt Schnauz zu kurz, beim Fangen wie beim Fressen. Da schleicht sich Mauze fort und kommt bald darauf mit ganz besonderer Beute heim. Mrrrauend lockt sie Schnauz herbei und gibt ihm allein, während die anderen kauen, eine flinke Eidechse frei. Wütend springt der Kleine ein. Aber fehl ging der Sprung, und schon witscht die Eidechse auf ein Wurzelloch zu. Da wirft ein Hieb der Alten sie in hohem Bogen zurück, und diesmal trifft Schnauz besser; aber tapsend hat er ihre lange Schwanzschleppe erwischt und hält statt der Eidechse nur den zuckenden Schwanz zwischen den Branten, von dem die Eidechse sich getrennt hat, um das Leben zu retten. Doch abermals wirft die Alte sie dem kleinen Tölpel zu, und nun endlich erwischt er das flinke grüne Ding, das mit mutigem Biß ihm in die Lefzen fährt. Das hatte nun gerade noch gefehlt, um Schnauz scharf auf diese Beute zu machen. Und als Mauze ihn am nächsten Vormittag an den Hang unter dem Giersklinte führt, wo im warmen Sonnenschein die Eidechsen sich im Moose sonnen, gerät Schnauz aus Rand und Band vor Aufregung und Lust an den flinken Dingern. Und in demselben Maße, als dies Haschespiel ihn belustigt, wird er flinker und geschickter in seinen Griffen, so daß er schließlich auch die Grashüpfer fängt und sogar im Sprunge erhascht.

Selbst dem vor ihm davonbrausenden Hirschkäfer springt er nach, und mit gutem Brantenhieb holt er ihn herunter. Kein Zweifel: er wird einmal jeden Gegner bestehn im wilden Kampf um Leben und Liebe.

Mauze ist mit dem Erfolg ihrer Erziehung zufrieden und leckt ihm mit rauher Zunge zärtlich den struppigen Balg. Namentlich das Halsfleckchen, das der kleine Dreckbuddel sich kohlschwarz gemacht hat bei seiner Eidechsenjagd im moorigen Moosgrunde.

Der erste Feind

Herbstlich sonnige Tage! Braunrote Buchen, weiß schimmernde Birken, tiefgrüne Tannen und hellgoldene Lärchen. Darüber der Himmel in unergründlichem Blau. Frühmorgens verhängt ihn der Vater Brocken mit dem großen Nebelschleier. Aber wenn mittags dann doch die Sonne durchbricht, macht der Berggreis selbst das vergnügteste Gesicht dazu. Die Zeit aller Reife ist da, und Wode schreitet segnend durch den Wald, soweit nicht der Schall der Klosterglocken ihn vertreibt. Hier oben allein herrscht er noch und herrschen mit ihm Uhu, Rabe und Wildkatze.

Die Zeit der Reife bringt auch ihnen reiche Ernte. Uhu und Wildkatze greifen das junge Eichhorn, das beim Aufknacken von Bucheckern die Welt um sich her vergißt, und den Häher, der beim Verstecken von Eicheln so viel Lärm macht, daß er die heranschleichende Wildkatze so wenig vernimmt wie den gleich lautlos herbeigleitenden Kuder der Luft, den Uhu. Der Rabe trägt sich einen Vorrat von Pfifferlingen und Eicheln zusammen und streicht sofort herbei, wenn er Rüdelaut und den Ruf des Jagdhorns vernimmt. Denn wo ein Hirsch oder Keiler gefällt wird, ist auch für ihn der Tisch gedeckt. Wenn er auch nicht so große Ohrmuscheln hat wie die beiden, so vernimmt und äugt er doch mindestens ebenso scharf und ist beim geringsten willkommenen Laut sofort mit »krauh, klong, kroh!« über dem Schauplatz der Tat.

Da er aber nicht so lautlos herangleiten kann wie der Schuhu und dessen haariges Gegenstück, die Wildkatze, so macht es ihm besonderen Spaß, beiden nachzuspähen und an ihrem Schmause teilzunehmen. Der Kuder läßt ihm ja fast immer hinreichenden Rest von seiner Mahlzeit, aber der Uhu ruft auch im Herbst seine Brut zur Atzung herbei. Also dem muß der Rabe die Beute abjagen, und das macht ihm Heidenspaß. Freilich gelingt das nur in der Abenddämmerung, denn zur Nachtzeit würde Glutauge den Spieß umkehren und den Raben vertreiben. Solange das Sonnenlicht scheint, darf er sich aber mit keiner Beute sehen lassen. Gleich geht es über ihm: »Krauh, klong, kroh!« Immer gleich zu zweien sind die schwarzen Halunken da. Der Kuckuck mag wissen, wo sie immer gleich herkommen. Mit funkelnden Lichtern und gräßlichem Geschrei fährt der Alte auf den Uhu los, wenn der Beute hat, stößt ihn von unten, schnappt von oben nach ihm. Und die Rabin hilft dabei, daß Glutauge Flaum und Feder stieben und er schließlich, um das Gesindel loszuwerden, seinen Igel fallen läßt und wütend abstreicht. »Schuhuhu!« ruft er ärgerlich aus der alten Eiche, in deren Schatten er aufgehakt hat.

»Krauh, kroh, klong!« antworten ihm höhnisch die frechen Raben, die sich hoch oben auf dem Ast einer einzelnstehenden Schwarzkiefer ihren Raub mit den herbeigerufenen Jungen teilen und wohlschmecken lassen. »Krauh, klong!« ruft der Alte, als er nach der Mahlzeit sich den Schnabel wetzt, »man muß die Sache nur verstehen, Kinder! Kroh!«

Mit Mauzen bindet der Rabe nicht an. Er weiß, daß die ihn beim Flittchen erwischen könnte – und dann säße sein Kragen in ihrem Fang. Danke bestens! Aber es macht ihm einen Heidenspaß, zuzuschauen, wenn sie mit ihren Kindern Schule hält. Sie kann das aber gar nicht leiden, weil ihr jede, gleichviel welche, Gesellschaft zuwider ist, und deshalb faucht sie den Raben an, sobald er in seiner Dummdreistigkeit sie belästigt. Neulich wäre ihm diese Zudringlichkeit und Neugier beinahe übel bekommen. Er sah nämlich die Katze abends mit ihren Jungen spielen. Sie hatten ein Haselhuhn gefangen und belustigten sich an dessen Angstsprüngen.

»Klong, kroh!« rief der Alte vom Eichenast herab. Ganz wohlwollend, als wolle er Leisetritts schlanken Wuchs loben und seiner Freude über Schnauzens Wachstum gevatterschaftlichem Ausdruck geben. Mauze warf ihm einen verächtlichen Blick zu, blieb aber im Tiefsitz bei ihren Kindern. »Kroh, krauh!« rief der Rabe, der ganz bei der Sache war und überlegte, ob das Haselhuhn nicht doch vielleicht zu erwischen wäre. Dabei hatte er übersehen, wie Ducker sich herangeschlichen hatte und an der Rückseite der Eiche hochkletterte. Erst als er hinter sich verdächtig leises Geräusch vernahm, horchte er auf. Das war nicht Käfer, nicht Maus, nicht Specht, nicht Eichhorn, das war – alle Donnerwetter noch mal, krauh kroh, kraah, kraah! Lärmend war der schwarze Spitzbube abgepoltert; und noch eine halbe Stunde lang schimpfte er oben in der Luft: Kraah, kroh!

Ducker kauerte beschämt über das Mißlingen seines Anschliches auf dem dicken Ast am Eichenstamm. Dann sprang er zu Boden und schlich sich davon. Er fühlte sich schon zu selbständig, um an den Spielen der Geschwister noch Gefallen zu finden, und nur das lockende Murren der Mutter konnte ihn noch zurückrufen. Scharf ausspähend, schlich er unter den Eichen hin, die Lauschermuschel nach vorn gestellt. Da, horch! Piep! Das ist eine Waldmaus. Sie hat eine Buchecker gefunden, knabbert sie auf und schmaust, auf den Keulen sitzend, den Kern, den sie mit den Vorderpfötchen hält. Piep! Ja, jetzt ist Erntezeit, herrliche Zeit! Schon schleicht Ducker sich näher. Da, was ist das? Piep! schreit das Mäuschen schrill, und etwas Braunes raschelt im Laub. Was fehlt dem Mäuschen? Es macht einen Sprung, dreht sich im Kreise, zittert und fällt tot nieder. Vorsichtig schleicht Ducker noch näher. Da kriecht die Otter an ihre Beute heran, bezüngelt sie, greift sie und würgt sie hinunter. Dann kriecht sie in ihr Versteck unter einem Dürrast zurück.

Ducker hat den Buckel gekrümmt. Langsam umschleicht er die Otter, die ihm zornig mit ihren roten Lichtern folgt. Dem Jungkuder steigt der Zorn zur Kehle. Aber er weiß nicht Bescheid. Fauchend krümmt er sich abermals auf. Da antwortet auch schon die Mutter, und mit steif getragener Lunte schleicht sie heran, während ihre Jungen zögernd zurückbleiben. Kckfff! Als Mauze die Otter erblickt, krümmt auch sie sich auf. Dann umschleicht sie den Schlupfwinkel des zischenden Scheusals, das sich immer höher aufrichtet und immer ängstlicher der Katze mit den Blicken folgt. »Was Mutter tut, wird schon richtig sein«, denkt Ducker und schleicht der Alten im Kreise nach. Jetzt wendet sich die Otter züngelnd gegen ihn. Schwapp, da hat sie einen Mutzkopf von der Alten, der saß nicht schlecht! Mit dem Schweife schlagend, ringelt sich die Otter aus ihrer Deckung heraus, aber gleich rollt sie sich wieder zusammen, und das Spiel beginnt von neuem. Inzwischen ist aber Schnauz in den Kreis eingetreten, und nun wird die Otter vollends verwirrt. Als sie sich wieder mal lang macht, gibt Schnauz, der mit dem kriechenden Gewürm umzugehen gelernt hat, ihr eine ins Genick, daß sie sich überkugelt. Und in demselben Augenblick greift Mauze zu und beißt dem Ekelvieh das Rückgrat entzwei, daß rechts und links eine Hälfte herunterringelt.

Mrrrauend lockt Mauze dann ihre Jungen zusammen und zeigt ihnen den verzuckenden Feind. Aber anrühren läßt sie das Scheusal nicht.

Krauh, klong, kroh! Oben im Eichbaum sitzt schon lange der kluge Rabe. Und als die Katzen davonschleichen, ist auch schon seine ganze Sippe zu vieren da. Und so kommt Wodes weiser Vogel doch noch durch die Wildkatzen zu seinem Abendbrot.

Ja, jetzt ist gute, gesegnete Zeit! Klong, krauh, kroh!

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