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Wild Welt und Du

Fritz Bley: Wild Welt und Du - Kapitel 10
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleWild Welt und Du
publisherVerlag Deutsche Volksbücher
year1952
editorWulf Bley
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180406
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Luchs

.

Das Nachtgespenst

Wochenlang trank das Knieholz am Kopf des Negovan sich satt und übersatt am Nebelregen, den der Sturm wie graue Schleierfetzen flach über die Siebenrichterwaldungen dahintrieb. Rauh gibt sich der Frühling in Siebenbürgens Bergen. Aber sobald nur der Heulwind jetzt einmal verschnauft und die Sonne einen Blick durch das Lumpengewölk wirft, jodelt und pfeift und flötet es in den Tälern: der Lenz ist da!

Längst sind die Scharen der Wacholderdrosseln, die auf der Wanderschaft auf den Bergkämmen Beeren auflasen, ihrer hochnordischen Heimat zugeeilt; aber die Weindrossel singt, und der Fink schlägt den Reisigerzug. Die Schnepfe brütet. Nur ab und zu noch streicht an gelinden Abenden er, der Schnepf, murksend und puitzend, die Talmulde herauf und hinab. Ab und zu noch döckelt ein verzückter Auerhahn ein paar Gesätzel, um schließlich einzusehen, daß seine Kunst keinen Zweck mehr hat, da keine Henne mehr ihm lauscht. Sie brüten alle.

An Jungbuchen und schlanken Fichten zeigen blitzblanke Fegestreifen, daß der Rehbock an der Arbeit ist. Sein Perlengehörn ist abgefegt: der Lenz ist da! Auch die Ricke hat junge Mutterfreuden und liebkost im tiefen Blattversteck an der Talwiese ihre Zwillinge.

Drüben an der Fichtenwand über der Dornschlucht ist es seltsam still. Dort schreckt kein Bock mehr, kein Auerhahn döckelt, kein Hase hoppelt zur Grasblöße; nur der Häher lärmt und schimpft in hohen Wipfeln. Ein Nachtschreck haust dort, den keiner noch gesehen hat. Denn wer ihn erblickt, um den ist's geschehn!

Wo drei zerzauste Randfichten auf hohem Sägegrat ins Land hinauslugen, bis zur Hohen Rinne als Wahrzeichen sichtbar, da sang im Vorlenz ein starker Urhahn sein heimliches Lied. Der alte Balzkönig: ein ganz Schlauer, Erfahrener war der! Wenn er sich prasselnd eingeschwungen hatte, stand er ruhig, nur den Kopf nach allen Richtungen hin wendend. Jeden Stein, jeden Busch sicherte er ab. Dann lief er den Ast entlang bis zur Spitze hin, trat wieder langsam zurück, überstellte sich auf einen anderen Ast, auf noch einen dritten, und kehrte dann erst auf den ersten zurück. Nochmals lief er den auf und ab. Dann bresselte er. Dann erst stand er still, flauschte das Gefieder, streckte den Kragen weit vor und worgte tief. Noch ein Schütteln. Dann mit hereinsinkender Nacht ward es ruhig. Der alte Urhahn schlief ein. Aber sobald die Sterne erblichen, knisterte es leise: der Balzkönig sicherte schon wieder. Und die Balz begann. Bald vom aufflammenden Morgenlicht umgössen, klippte und döckelte er, aber nach dem Hauptschlag verschwieg er mißtrauisch und sicherte. Erst wenn er sich völlig beruhigt hatte, überließ er sich der süßen Glut des Herzens und schliff länger aus. Sein Knappen klang lauter, der Triller fester und der Hauptschlag wie ein lustiger Schnalzer. Dann durchbebte ihn die Leidenschaft, weit strafft er die Schwingen, tief hinab senkte er den Kopf und Kragen, um dann wieder wie verzückt zum bleich im Westen abschiednehmenden Monde hinaufzujubeln.

Nicht lange trieb er es so. Eine Nacht, als man den Tau zählen konnte, wie er von den Nadeln tropfte, prasselte der Hahn im Fichtenwipfel. Fittichschlag und dumpfer Fall. Morgens Schweißtropfen und Federn auf dem Moos am Boden. Nimmer sang der Balzkönig mehr! –

Wo die Sohle der Dornschlucht sich zu einem Waldsiefen erweitert, trat sonst um diese Jahreszeit ein starker Bock zur Äsung aus. Die Jäger sind ihm grad oft genug nachgeschlichen. Vor acht Tagen fand der Heger den Langgesuchten – ohne Kopf! In der dritten Nacht darauf hörte er ein Reh klagen. Als der Tag heraufzog, fand er auch dies Stück ohne Kopf.

Die alte Dächsin, die im tiefen Mutterbau unter der Gesteinswand ihr Geheck hatte, lag eines Morgens zerrissen unweit des Einganges mit durchbissener Kehle und ersichtlichen Spuren des Bluttrunkes.

Das Rotwild, das sonst durch diesen Graben seinen Wechsel zur Höhe des Bergrückens zu nehmen pflegte, war längst nicht mehr zu spüren, die Rudel zeigten im weiten Umkreise der Dornschlucht angstvolle Scheu und flüchteten in stummem Entsetzen bei jedem verdächtigen Geräusch.

Von Hasen und Haselwild war längst ebensowenig mehr zu hören oder zu sehn.

Es hätte nicht des schimpfenden Markolf bedurft, um dem Heger klarzumachen, daß es hier nicht mit rechten Dingen zugeht. Aber wie er auch sucht, die Spur des blutdürstigen Unholds findet er nicht, und immer noch ist er im Zweifel darüber, ob nicht doch Bär oder Wolf hier gehaust haben, die beide sich frisch im Wege spüren, wo das Sickerwasser den Boden weich hält.

Janku, der Zigeuner, will's besser wissen. Er hat dem Heger schon im Hornung erzählt, wie des Nachts dort in der Dornschlucht die Blutschrecken raufen. Grauslich soll's geklungen haben, das Geschrei, bei dem einem die Haare zu Berge stehen konnten. Keine Zigeunerfidel und kein Zymbal könne so herzbrechend wild schluchzen wie die Teufelsbiester dort unter der Wand. Erst klinge es wie süße Sehnsucht von Verliebten, dann wieder wie der Angstschrei eines Gefolterten oder das letzte Röcheln eines Gehängten. Wißt's: ohach-k! Akkrat so! Dann später plärre und keife eine scheußliche Hexe schrill dazwischen, und ein alter Urteufel grunze vor Lüsternheit im tiefsten Baß.

Der Heger lachte zu dieser anschaulichen Schilderung. Aber dann schüttelte er den Kopf; auf den Bären stimmt sie so wenig wie auf den Wolf. Und sonst spürt sich nichts, gar nichts auf Elendsweiten herum!

Inzwischen liegt die Urheberin all dieses Landunfriedens glückselig schnurrend am Spätnachmittag über dem alten Mutterbau. Nicht an der Hauptröhre, wo sie die Dachsmutter beschlichen und zerrissen hat. Unter einer Schirmfichte hat der letzte Dachs sich eine Seitenröhre gegraben, die nun der Räuberin als Schlupfpforte dient. Keine Spur mündet hier her; mit gewaltigem Satze springt die Luchsfähe stets in das Dickicht ab, wenn sie über freien Boden hin gewechselt ist, wo ihre mächtig starke Fährte lesbar stehen könnte. Die würde dann sicher zur Verräterin werden; denn die Branten des Luchses sind viel stärker als die des Wolfes. Der Tritt ist auffallend rund, weil die Krallen beim Gehen eingezogen werden, vorn stumpf. Der Schritt ist, entsprechend dem gedrungenen, stämmigen Leibesbau, verhältnismäßig kurz; die Spur, da Tritt in Tritt gesetzt ist, einer Perlenschnur gleich. Das müßte schon ein besonderer Dummerjahn sein, der die nicht von jeder anderen Fährte zu unterscheiden verstünde, wenn – nun ja, eben deswegen gibt sich die kluge Alte so viel Mühe, ihre Spur überhaupt zu verhehlen.

So kann sie also den lieben langen Tag entlang hier im Halbschlaf ruhen. Das Fleckchen neben der Fichte wird von der Sonne erreicht, sobald die über dem Grat herüberschauen kann, lange bevor sie im Mittag steht. Dann wärmt sich das Moos mollig an, und es ruht sich noch mal so gut im tiefen Versteck. Die pinselförmigen Büschel der lang zugespitzten Geöhre stehen dabei selten still. Wenn die Schläferin sich süßer Träumerei überläßt, legen sie sich zurück. Doch beim leisesten Wispern richten sie sich auf. Selbst im tiefsten Traum ist die Luchsin durch ihre feinen Sinne vor Überraschungen geschützt.

Eine Haselmaus raschelt im Laub. Sofort öffnen sich die Seher der Raubkatze, und blinzelnd verfolgt sie die Bewegungen des Mäuschens, das an einer Himbeerstaude in die Höhe klettert. Die steifen und langen Schnurren an der dicken Oberlippe richten sich auf, und der Kopf hebt sich ein wenig aus dem dichten Kragen heraus, der nun als zweispitziger breiter Backenbart das Gesicht umrahmt. Die Lippen rümpfen sich, und die Lunte stelzt sich auf. Ihr Zucken beweist, daß der Geist nicht schläft, wenn die Glieder ruhen. Nachlässig sind die breiten Branten gekreuzt, die rechte Tatze unter das Herz geschoben, die linke geradeausgestreckt. Der Hinterleib ruht auf der linken Keule, die rechte Hinterbrante ist freiweg gestreckt. Die bräunlichen Flecken des Kopfes sind kaum von den Schatten zu unterscheiden, die das Sonnenlicht durch das Geäst auf den rötlichgrauen Rücken wirft. Die weiße Unterseite ist in der liegenden Haltung verdeckt, die gefährliche Räuberin deshalb trotz ihrer lebhaften Zeichnung der Umgebung täuschend angepaßt.

Mit tiefem Schnurren spinnt sie ihren groben Faden vor sich hin. Plötzlich blickt sie zurück. Aus dem Eingang des Baues kommt ihr hellweißlich schimmernder Jungluchs hervorgekrochen, dem erst kürzlich die Spalten der Lichter sich geöffnet haben. Blinzelnd und leise mauzend nähert er sich der Alten, die sich seitlich zurechtlegt, um dem Einzigen die Zitzen zu reichen, die er während des Saugens mit den kleinen Branten knetet. Mit stillem Behagen duldet die Mutter diese Mißhandlung. Nichts unterbricht ihren würdevollen Ernst als das lebhaftere Zucken der dick behaarten geringelten Lunte. Langsam wie ein Uhrtickel geht die breite schwarze Spitze hin und her.

»Was ein Häkchen werden will ...«

Am Wurzelspiegel einer umgeworfenen Fichte hatte der Zaunkönig sein Schlafnest. Aber als es ans Brüten ging, hat er doch vorgezogen, seine kleine Burg an unzugänglicherer Stelle zu bauen. Wo das Gemengegestein eine glatte Stirnwand zeigt, hat sich ein Spalt gebildet, über den das Sickerwasser hinwegschießt. Da hinein hat Stelzschwänzchen mit seinem Weibchen Moos und weiche Federn getragen. Herrgott, war das eine Zankerei beim Bauen! Zerr, zerr, zerr! Hatte sie einen Halm quergelegt, mußte der nach seinem Kopf geradeaus liegen; und fing sie die Auspolsterung des Bettchens an, so schmiß er alles wieder raus, weil ihm der Unterbau noch nicht dicht genug erschien. Dann aber, als schließlich höchste Eile geboten war, schleppten sie beide einträchtig alles Daunenzeug hinein, und seit am nächsten Tage das erste Ei im warmen Neste lag, hat es kein Gezänk mehr gegeben. Jetzt hat Meister Schlupf seine liebe Not, um die Anwesenheit der Jungen allen bösen Feinden zu verhehlen. Er weiß schon, was für eine dort unten im Mutterbau ihre nichtsnutzige Brut hat! Ihm kann die ja nichts! Er ist selbst für die Luchsin viel zu flink, und beschleichen läßt er sich schon gar nicht. Aber das Nest soll sie doch nicht erfahren! Also heißt es, die hungrigen Jungen fleißig mit Atzung versorgen. Schweigt doch nur still, ihr Schreihälse! Wie sie da schon wieder alle vier gierend die weitaufgerissenen Gelbschnäbel zum Nestloch herausstrecken! Stopf, stopf, stopf! So, da habt ihr jedes ein Insektenbündel im Rachen! Im selben Augenblick macht die ganze Sippschaft kehrt, und vier in dicke Haut gehüllte Kotballen quellen zum Nestloch heraus. Jedes der beiden Alten schnappt nacheinander zwei auf, deren jedes fast ihr eigenes Gewicht ausmacht, und schleppt sie weit, weit weg, um ihr heimliches Glück zu verhehlen.

Meister Schlupf hat ganz recht. Anderen, die weniger klug sind, ist es schlecht ergangen. Der Singdrossel zum Beispiel. Die hatte ihre Jungen so hübsch herangefüttert im offenen Nest, das so glatt ausgestrichen war und so lauschig sich an den Stamm der hohen Fichte anschmiegte. Aber als die jungen Zippen zu gieren anfingen, war es um sie geschehen. Eines schönen Nachmittages mußten die wehklagenden Alten sehen, wie ihre Kleinen dem Jungluchs zum Fraße gebracht wurden, der unweit seines Baues im Spielen unterwiesen wurde. Freilich lebten die Kleinen nicht mehr, aber die Fähe schleuderte eins nach dem anderen mit der Brante ein Stück weit weg, damit der Junge ihnen nachspringen und sie haschen mußte.

Oh, der! Der ist überhaupt jetzt schon ein ganz Schlimmer! Er übt sich bereits im Klettern und schwimmt lustig durch den rauschenden Wildbach. Alles was ihm wichtig erscheint, muß er mit seinen Schnurrhaaren betasten, und beim leisesten Wispern richten sich die Pinsel seiner Geöhre auf. Wenn er nachmittags sich mit der Mutter im Sonnenschein rekelte, so braucht nur ein Vogel vorbeizufliegen, um sofort seine gespannteste Aufmerksamkeit zu wecken. Mit leisem, sehnsüchtigem Mauzen gibt er seiner lüsternen Mordgier Ausdruck. Surr, da fliegt ein Käfer vorbei. Sofort heften sich die Lichter des Jungluchses an die Bewegungen des Burrenden. Jetzt kommt der Brummkäfer zurück. Da springt der Kleine auf und holt ihn mit einem flinken Hiebe der Brante herunter.

Nicht lange wird es dauern, daß er der Mutter zur Nachtzeit auf ihren einsamen Schleichwegen folgt. Aber noch kann sie ihm dies nicht erlauben, und wenn der Abend hereinfällt, weist sie ihn in den Bau zurück. Sie selbst liegt dann noch lange in fürstlicher Ruhe unbeweglich wie ein Steinbild auf ihrem Platz. Längst trabt der Wolf, der ewig hungrige Gierfraß, durch Schluchten und Tann den Rehen nach. Häher und Amsel verraten schimpfend und schäkernd seinen Weg, und das Schmälen der Altricken schallt von Stand zu Stand durch den dunkelnden Wald.

An solche Torheit denkt die Luchsin nicht. Erst wenn das letzte Gezwitscher der Vögel verstummt ist und die Schatten der Nacht sich tiefer herabsenken, erhebt sie sich und schreitet weit ausgreifend durch den Wald dahin. So derb sie aufzutreten scheint, so weich und geräuschlos ist doch ihr Tritt und ihr geschickter Sprung. Da hilft dem armen Waldhasen, der zur Äsung hinausgehoppelt ist, kein noch so fixes Hakenschlagen, der ungeheure Sprung der furchtbaren Räuberin holt ihn ein. Verglichen mit ihr, sind Bär und Wolf Stümper im Birschen und im Vergleich mit ihr harmlos in ihrer Mordlust. Mit Entsetzen erkennt der Cioban drüben in den Waldungen von Rezinar am nächsten Morgen, daß fünf, sechs von seinen Schafen mit durchbissener Kehle kalt und steif daliegen. Der Blutschreck war da über Nacht, und nichts hat ihn verraten!

Gestörte Brunft

Drunten im Lande bei den Bauern Rezinars sind die Felder freigegeben, und wer sich nicht beeilt hat, das letzte Kukuruzblatt zusammenzuklauben, hat das Nachsehen. Denn nun stürzt sich die grunzende Herde der Schweine über die Gemeindeflur, um die Felder nach Brocken von Kürbis und Maiskolben zu durchwühlen. Der Altweibersommer zieht in feinen Fäden über das Flachland hin. Droben aber in den Bergen glänzte der Fichtenwald bereits mehr als einmal in duftigem Rauhreif, und in dieser letzten Nacht ist sogar eine Neue gefallen, die bis gegen Mittag hin der Sonne standhält. Was gilt's? In der nächsten Nacht wird es wieder schneien!

Dem starken Vierzehnender, der an Bucur Bloncas kleiner Stina allnächtlich mit grobem Trenzen ein Schmaltier treibt und erst spät nachts über die Täler hinausschreit, ist solch hartes Wetter gerade recht. Ist ein uralter Kerl. Letztes Jahr hat er achtzehn Enden getragen, und wer weiß, ob er es früher nicht auf noch mehr gebracht hat. Ringsum in den Siebenrichterwaldungen ist kein so alter Kämpe wie er, und ein Heimlicher ist er, das weiß der Teufel!

Der Herrenjäger, der jetzt unten an der Bachwiese sein Lager aufgeschlagen hat, wo Janku ihm Holz hackt und die Pferde bewacht, kennt sich schon aus auf diesen alten Schlauberger. Dort, wo der Hirsch in letzter Nacht sein Schmaltier getrieben hat, steht am feuchten, vom Schmelzschnee übersickerten Weg seine Herfährte drei-, viermal schön deutlich ausgesiegelt. Alle Wetter auch, sind das abgenutzte Schalen! Ein Steinbock könnte sie nicht kürzer haben! Nur daß sie doppelt so breit und lang sind; die ganze Faust kann der Jäger in den Tritt hineinlegen! Und dazu die grobe Brummstimme; ist schon der rechte Hirsch, der die weite Reise her ins Karpathenland verlohnt!

Herrgott, ist so ein Mittag langweilig auf der Alpenwiese, wenn das Jägerherz sich hinaufsehnt zu den kahlen Gesteinsplatten, zwischen denen zerzaustes Knieholz trotzt. Endlich kriecht die Sonne, die heute wieder einmal gar kein Ende finden will mit ihrem Strahlen und Funkeln, hinter die Bergriesen, und aus den Schrunden und Schluchten blaut die feine Kühle auf. Wippenden Fluges streichen Wacholderdrosseln auf dem Zuge den Höhen zu, wo ihre Lieblingsatzung mählich heranreift. Der Jäger liebelt noch einmal die ernst zu ihm aufblickende Schweißhündin und steigt dann langsam, dem Lauf des Baches folgend, der Höhe zu. An drei zerzausten Dürrlingen auf dem Grat macht er halt. Hier steht der Wind fest und gut. Wo immer der Hirsch stecken mag, aus einem der beiden dort unten zusammenlaufenden Gräben muß er heraufziehen. Wird freilich spät werden, und geduldig sieht der Jäger die Sonne sinken, sieht den Mond im ersten Viertel aus dem Tage heraufsteigen und lauscht dem letzten Wispern der einschlafenden Vögel. Sonst kein Laut ringsum. Nur tief aus dem Grunde zur Rechten dringt es herauf wie ein leises Rauschen: das alte ewige Hochzeitslied des tosenden Wildbaches, dem der Schneefall neue, schnell verrauschende Verstärkung gebracht hat.

Da, horch! Drüben an der Fichtenwand ein paar kurze Trenzer: der Hirsch! Alles still. Kein Zweifel, er zieht herüber. Richtig: dort unten treibt er das Tier: »Ho, ho, ho, ho-ooah!« Seltsam: kein Gegner antwortet ihm! Mag mit diesem Urian kein Schneider anbinden und gehn auch die Starken ihm aus dem Wege?

Jetzt, als die Schatten der Nacht sich tiefer herabgesenkt haben, dringt mit der vollen Grundgewalt des Basses der Schrei über die Täler her: »Uo-ooh-haoh!« Auch jetzt keine Antwort!

Ob er herüberziehen wird? Der Jäger überlegt und findet es geraten, den Platz hier zu räumen, um unter Wind am Hang den Morgen abzuwarten. Im frischen Luftzuge hier oben wird seine Fährte bald verwittern und kann schon nach einer Stunde verkühlt sein. Also hinab bis zu den schwer behangenen Schirmfichten!

»Uo-ooh-haoh!«

Näher zieht der Hirsch, aber noch immer hält er sich im Talgrunde. Schwärzer und tiefer erscheinen die Schatten des Waldes, und der Mond wird vom leichten Gewölk umschleiert. Vermutlich wird es wieder schneien.

Macht nichts! Der Jäger setzt sich auf den Rucksack, drückt sich, in den Wettermantel gewickelt, dicht an den Stamm der alten Riesenfichte heran und trinkt in vollen Zügen den Zauber der tiefen Waldesstille.

»Ho-ho-ho!«

Wieder treibt der Hirsch. Er scheint bereits am diesseitigen Hang zu stehen, denn der Widerhall gibt den Ton von drüben zurück. Wie diese herzerquickende Weise alte Erinnerungen weckt! Bilder aus fernen, weiten Ländern ziehen durch die Seele des Weidmannes: mühsame Birschen hinter scheuem und schwerem Raubwild, doch darüber als Krone seines Jägerlebens die stillen Nächte im heimatlichen Walde, vom Schrei des edlen Hirsches durchdröhnt.

Wie ein Gesicht aus diesen Träumen sieht der Aufblickende vor sich zwei weich schillernde grüne Lichter. Zu dunkel für Leuchtkäfer, zu tief lebendig für funkelndes Faulholz. Unwillkürlich geht die Rechte mit dem Kolben der auf dem Schoße liegenden Büchse hoch. Da ist der Lichterspuk verschwunden, geräuschlos, wie er gekommen war.

Jetzt erst reißt es den Jäger in die Höhe: zum Teufel, was war das? Nur drei Schritt vor ihm – – – ja, was war denn das? Kein Wolf konnte es sein, und noch weniger ein Bär, und doch war es der heimlich funkelnde Blick von Raubtierlichtern! Ohne Zweifel: ein Luchs! Nun, mag sein, was will; der Morgen wird es erweisen! Behaglich drückt der Jäger sich an den Stamm zurück und sinkt schließlich in leichten Schlummer. Gegen vier Uhr schnurrt es auf seinem Herzen. Die Weckuhr in der Tasche sagt ihm, daß es Zeit zum Weiterbirschen wird.

Aber wo steht der Hirsch? Wie kommt es, daß er um diese Stunde gar keinen Ton von sich gibt, da er doch die halbe Nacht hindurch so gut geschrien hat? Ein wenig Schnee ist frisch gefallen und hat den grünen Fichtenmantel weiß überzogen. Der Mond ist untergegangen. Aber aus leichtem Gewölk blickt der feierliche Schein der Sterne lustig hernieder. Es wird ein kalter, frischer Morgen, recht wie zur Brunft geschaffen. Und doch kein einziger Schrei?

Langsam und vorsichtig schleicht der Jäger bergan. Nichts, aber auch rein gar nichts ist zu vernehmen. Als sei der Wald ausgestorben und Todeshauch liege über Bergen und Tälern. Drüben im Osten graut es, und mählich zieht der Morgen herauf. Der Jäger hat die Höhe erstiegen. Drüben, weit drüben in der Nachbarjagd ruft ein guter Platzhirsch. Von dem starken Vierzehnender ist noch immer nichts zu hören.

Als endlich das Licht voll und voller geworden ist, erzählt die leichte Neue vom Tun und Treiben der letzten Nacht. Und da steht es denn zu lesen: hier am Hange des Berges ist der Hirsch hinter seinem Schmaltier in langsamem Troll heraufgezogen. Hier war es wohl, wo er den letzten Trenzer vernehmen ließ. Doch hier gehen die Fährten flüchtig ab! Und da steht die Bescherung: ein Luchs ist herbeigeschlichen und hat in vier Meter weitem Sprunge das Schmaltier zu schlagen versucht, aber gefehlt! Eine Fähe ist es; dort im Schatten der Fichten hat ihr Junges gestanden das dann hinter der beschämt davonschleichenden Alten fortgezogen ist. Und richtig: dort, wenige Schritte vor dem Ruheplatz des Jägers, haben ja beide, die Fähe und ihr Jungluchs, gestanden. Das also ist die Lösung des Rätsels dieser Nacht!

Der Hirsch ist weg. Drei Tage später kommt die Nachricht, daß er drüben in der Nachbarjagd mit dem Schmaltier gespürt sei, aber bis jetzt noch nicht gemeldet habe. Wieder drei Tage später steht der Förster der Siebenrichterwaldungen morgens auf dem Rückwechsel einer Rotte Sauen, die Nacht für Nacht auf der Talwiese gebrochen haben. Diesmal scheinen sie ausgeblieben zu sein, und ärgerlich über den Mißerfolg schultert der Förster, als der Morgen heraufzieht, am Riemen die Büchse, um sich heimwärts zu begeben. Kaum aber ist er, alter Gewohnheit getreu, vorsichtig birschend, fünfzig Schritt weit vorgerückt, als er in der Fichtenjugend einen verdächtigen Fleck sieht. Die Büchse im Anschlag haltend, bleibt er regungslos stehen. Da tritt in voller wuchtiger Gestalt die alte Luchsfähe heraus. Auf den Knall der Büchse überschlägt sie sich, und flink wie ein Hase flüchtet der Jungluchs über sie hinweg. Aber schon hat der Schrotschuß ihn herumgeworfen. Doch klagend richtet er sich in die Höhe; der Postenschuß hat das Rückgrat zerschmettert. Bei den greinenden Tönen ihres Kleinen packt die sterbende Alte eine rasende Wut, und fauchend nimmt sie den Jäger an. Doch nur, um verendend vor seinen Füßen zusammenzubrechen. –

Nun hatte das Rotwild am Negovan wieder für eine Weile Ruhe. Aber der Vierzehnender war für lange Zeit vergrämt. Erst lange nach der Brunft hat der Förster den Hirsch, stark abgefallen und schlafend, auf der Morgenbirsch zur Strecke gebracht. Ein uralter Bursche war es, grauweiß die ganze Haut, selbst in der kurzen, dunklen Mähne grau gestichelt. In Hermannstadt hängt sein mächtiges Geweih.

Vor den Hunden

Der Januar hat mit schwerem Schneefall das Raubzeug heruntergedrückt von den Schroffen am Königstein, unter denen auch das Gamswild fortgezogen ist, um tiefer im lawinensicheren Wald seine Einstände zu nehmen. Das ist die Zeit, in der der echte Jäger seine Gewissenhaftigkeit ernstlich zu erweisen hat. Und zudem: welchen wirklich passionierten Weidmann litte es denn an solchen Tagen in der dumpfen Stube, wenn draußen die Höhen in ihrer Schneepracht funkelnd locken? Freilich keine leichte Arbeit solch ein Revierbegang! Aber seit man auch in Siebenbürgen die Schneeschuhe benutzt, ist's eine doppelte Lust geworden. Auf dem weißen Blatt steht geschrieben, was in jeder Nacht sich zugetragen hat, warum die Rehe hier versprengt sind und dort die Gamsen trotz hoher Schneelage bergan geflüchtet sind, um in einem Spalt sich einzustellen.

Da haben wir ja die Bescherung: hier an der steilen Sonnenlehne spürt sich ein Luchs flüchtig weg von der Felsnase, auf der er sich niedergetan hatte. Es ist aber außerdem eine Fähe mit zwei Jungluchsen im Revier, die der Heger nur nach dem letzten Schneefall nicht mehr gespürt hat. Mag der Kuckuck wissen, wo die nun stecken! Bei solchen Gästen kann freilich kein Rehstand in die Höhe kommen, denn der Luchs hält sich doch in erster Reihe an die Rehe. Drüben in den Rotwildrevieren reißt er ja freilich auch gern ein schwaches Stück. Überhaupt haben sich die Luchse in den ganzen Karpathen hauptsächlich seit der Zeit vermehrt, als über die Marmaros her das Rotwild gegen Süden vorgedrungen ist.

Na, den hier wird der Jäger bald haben! In kurzem Bogen umgeht er die Fährte und saust dann in flotten Sprüngen talab, um aus der Hütte die scharfen Bracken zu holen. Herrgott, die Freude von den Kötern, als sie aufgekoppelt werden. Der stämmige »Vadas« weiß sich vor Aufregung kaum zu lassen, und selbst der alte »Heccoli« verzieht sein greises Gesicht zu vergnügtem Grinsen. Er kennt sich schon aus und weiß, daß es heute ernste Arbeit gibt. Sonst wäre der Jäger nicht so schnell heimgekehrt, um ihn zu holen, ohne den es, wie man hier wieder mal sieht, schließlich, wenn die Sache Ernst wird, doch nicht geht!

Der alte Bursche hat manch harten Strauß bestanden. Die breiten Narben an Brust und Nacken hat er sich einst geholt, als er zusammen mit seinem Vater »Zoltan« eine Luchsfähe abwürgte, die sich zur Verteidigung auf den Rücken geworfen hatte und mit ihren Branten bös um sich schlug. Dem alten »Zoltan« hat das damals so ziemlich den Rest gegeben. Aber »Heccoli« ist seit der Zeit erst der scharfe Raubzeugjäger geworden, als den ihn das ganze Burzenland nun rühmend kennt.

Der Heger hatte seine liebe Not, mit den heftigen Hunden durch den tiefen Schnee bergan zu kommen. Am verlassenen Bett des Luchses angekommen, steckt der alte »Heccoli« die Nase tief in den Schnee, sträubt das Nackenhaar und saugt mit ingrimmiger Lust die Witterung ein. Nur ein paar kurze Jauler sagen »Vadas«, daß es hier scharfe Arbeit gibt.

Der Heger gürtet jedem der beiden Hunde ein breites, bis zur Brust reichendes Wolfshalsband um, das mit scharfen Stacheln gespickt ist. Dann schnallt er sie und läßt sie mit aufmunterndem Rufe zur Hetze los, die sofort laut beginnt.

Nach kaum fünf Minuten geht in einer Schlucht jenseits des Bergrückens der Spektakel an, und was die Schneeschuhe hergeben, jagt der Heger auf den Kampfplatz zu, um seinen Hunden zu Hilfe zu kommen. Als er jenseits des Berges lauscht, rückt die Jagd abermals talwärts. Mehr springend als schreitend saust er hinterdrein. Was macht's, daß er sich da einmal in dem weichen Schnee überschlägt? Die Nässe im Nacken spürt er nicht bei solcher Hetze. In stürzenden Sprüngen erreicht er schließlich eine Felsnase, von der aus er das gegenüber sich abspielende Bild deutlich einsehen kann; mit hellem Geläute verbellt »Vadas« den stehenden Luchs, während »Heccoli« sich von rückwärts gegen den Feind in die Höhe arbeitet, nur ab und zu einen tiefen Boll ausstoßend. Er muß die Klippe nahezu erreicht haben; denn jetzt wendet sich der Luchs mit gekrümmtem Buckel und bietet dabei dem Heger unvorsichtigerweise die Breitseite.

Peng!

Mit gutem Blattschuß sinkt der Prachtkerl in sich zusammen. Im nächsten Augenblick ist »Heccoli« schon oben, und »Vadas« stürmt auf der Spur des Gefährten gleichfalls hinauf. Als der Heger nach rasend wilden Sprüngen den Kampfplatz erreicht hat, liegt »Heccoli« bereits lang ausgestreckt auf »seiner« Beute und hält »Vadas« mit Knurren und Zähnefletschen in achtungsvollem Abstande.

Ja, der »Heccoli«; der kennt sich aus, der alte Bursche! Seit dem Denkzettel, den ihm sein erster Luchs verabfolgt hat, fällt ihm nicht mehr ein, den auf dem Rücken liegenden Gegner für besiegt zu halten und wie blind in seine Branten zu rennen. Wie ein Wirbelwind jagt er um ihn herum, und ehe der Luchs weiß, wie ihm geschah, ist der Hund herumgesprungen und hat ihn von rückwärts bei der Gurgel.

Verzweifelt versucht der Luchs ihn am Hals zu packen. Aber da gibt es nichts als blutige Branten zu holen: an den Nägeln des Wolfsbandes. Und inzwischen hat der Hund den Drosselknopf des Gegners durchbissen und schüttelt ihn knurrend wie ein Plumpsack hin und her. Kann man's ihm verdenken, daß er den Luchs als seine Beute betrachtet?

Erst auf wiederholten Ruf seines Führers gibt er sie frei, und gelassen nimmt er dann die Liebkosungen und Lobsprüche entgegen.

Leuchtenden Auges hebt der Heger den prächtig gefleckten Luchs in die Höhe, Herrgott, was für ein Kerl! 1,15 Meter mißt er. Und was für ein ranker, hochgewachsener, dürrer Traber! Kein Wunder auch, daß der Sätze von 8 Metern im Schnee machen konnte!

Seine 16 bis 18 Kilo wiegt er aber doch; im Rucksack drückt er wie ein geringer Bock! Na, Freundchen, vor dir sind die Rehe und Gemsen nun sicher!

Und doch, wenn der letzte Luchs einmal aus den Karpathen verschwunden sein wird, werden die Böcke dann etwa stärkeren Aufsatz tragen? Und werden alle Rehe und Hasen zusammengenommen die Lust eines Tages, wie heute, aufwiegen?

*

Klarer und kalter Wintertag im Felsengebirge von Kolorado. Der Weiße Fluß knirscht in seinen klirrenden Eisketten. An einer flachen Stelle hat ein starkes Wapiti-Rudel den Fluß überschritten, und auch der Hirsch spürt sich in guter Menge. Der Schnee liegt nicht allzu tief und bietet Roß und Reitern guten Sport.

Mit dem Morgengrauen sind Jim und John Hopkins von Vaters Farm ausgeritten, um mit ihren gut eingejagten Hatzhunden ein bißchen nach Kuguar und Rotluchs Rotluchs, Lynx rufus, von den amerikanischen Jägern Bobkatze genannt. Neben dem stärkeren Polarfuchs, Lynx borealis, im gebirgigen Norden stark verbreitet und um seines Pelzwerks willen hoch geschätzt. zu suchen. Hier am Fuße treffen sie zusammen mit Ben Buttler und Dick Hayes, die ihre tüchtigen Packer mitgebracht haben. Stämmige Kerle, halb Bluthund, halb Hatzrüde, dazwischen wohl auch etwas Doggenblut. Machen mit dem Kuguar nicht viel Federlesens und Klettern dem Rotluchs im Geäst der Fichte bis zu den höchsten Wipfeln nach. Selbstverständlich sind sie alle tadellos hirschrein.

Ben und Dick haben schon eine Fährte bestätigt, und bald jagt die ganze Meute mit hellem Geläute wandab, wandauf durch Schluchten hin.

»Hallo, Rob! Bist du verrückt?«

Der alte Hund kommt schon zurück. Tief beschämt, daß er sich hatte dazu hinreißen lassen, der süßlichen Fährte eines Langohrs ein paar Sprünge weit zu folgen. Vorn umspringt die Meute jetzt eine breitästige Wetterfichte, die einsam auf einem Felsen steht.

»Vorwärts, Rob, Arbeit für dich!«

Mit tiefem Boll jagt der Hauptpacker bereits dem Halte zu und arbeitet sich auf die Platte hinauf. Der Luchs sitzt im Gipfel der Fichte; aber Rob bäumt ihm ohne langes Besinnen in dem derben Gezweig der Fichte nach. Jetzt wird's der Bobkatze doch bedenklich, und sie steigt in die höchste schwankende Spitze des Baumes. Der schwere Hund kann ihr nicht weiter als bis zum letzten Quirl folgen, und so bellen und fauchen beide einander eine Weile an, während unten die versammelte Meute ein wahres Wolfsgeheul anstimmt. Ehe der Luchs zum Entschluß kommt, ob er den Baum verlassen und sein Heil in neuer Flucht suchen soll, wirft ihn eine Kugel aus Bens Winchester herunter, und im selben Augenblick ist auch Rob über ihm. Er hat sich einfach vom Baum herunterfallen lassen. Zwar schont er nun beim weiteren Jagen den rechten Lauf, aber seiner Passion tut das keinen Eintrag. Und als er vollends beim dritten Anjagen mit einem Kuguar anbinden kann, hat er Lähme und Schmarren längst vergessen.

Die zweite Hetze war eine Fehljagd, weil der aufgetane Luchs zu Bau schliefte. Nachgerade hat er ja gelernt, daß mit den scharfen Hunden schlecht anbinden ist; und seit ihm um seines seidenweichen Pelzes willen, für den die Händler immer höhere Preise zahlen, so wütend nachgestellt wird, ist der Rotluchs immer mehr Höhlenbewohner geworden. Aber auch das hilft ihm nichts; die verdammten Köter schliefen ihm einfach nach. Können sie ihn auch nicht heraustreiben, so verbellen sie ihn doch Tag und Nacht, bis Hilfe kommt.

Im Eisen

Unter dem Königstein spürt sich auch die Luchsfähe wieder. Zuweilen neben ihr noch die beiden Jungen. Offenbar stecken die in irgendeinem Bau und vermutlich die Alte meistens mit ihnen. Sie scheint nur zur Nacht zu jagen. Jedenfalls ist kein Lager zu finden. Da wird das Eisen an Stelle der Hunde seine Schuldigkeit tun müssen! Dicht neben die Schneeschuhspur eingebettet, wird es ja vom Luchs leicht angenommen. Denn im Gegensatz zu Wolf, Bär und Fuchs folgt der Luchs gern der Schneeschuhbahn. Oder noch besser, man richtet die Fanggrube an dem alten Hauptwechsel fängisch her, zumal man ja nicht wissen kann, ob nicht auch die Jungluchse in der Fährte der Fähe schnüren. An einem Stein unweit der Grube hatte neulich anscheinend einer genäßt. Heute aber ist jedenfalls die Alte allein gewesen, denn sie hat den Rest eines Hasen im Schnee verscharrt. Zu solchen Rissen kehrt jeder Luchs gern zurück!

Also bettete der Jäger nach allen Regeln alter Weidmannskunst im Schnee ein Eisen ein, fegt mit Fichtenreisig den Platz hübsch sauber und überläßt den Rest vertrauensvoll dem bleigrauen Himmel. Richtig, gegen Abend fängt es an zu schneien, und nicht zu knapp. Als der Jäger aber am nächsten Tage sein Eisen nachsehen will, ist es verschwunden, und die Zerrspur im Schnee geht geradeswegs auf die Luchsgrube zu. Richtig ist die Alte da hineingeraten! Aber als der Jäger vorsichtig die fängische Decke abnimmt, traut er seinen Augen nicht, denn er findet die Grube leer. Mitsamt dem Eisen ist die Luchsin aus der drei Meter tiefen Grube herausgesprungen und hat sich offenbar einschneien lassen, denn keine Spur ist mehr von ihr zu finden.

Da müssen denn also doch wieder die Hunde dran!

Bald sind beide herbeigeholt, aber lange suchen sie vergeblich im Schnee herum. Endlich gibt »Vadas« wütend Hals, und bald ist auch »Heccoli« herbeigeeilt. Wildes Durcheinander. Fauchen und grollendes Knurren der Luchsin, tiefer Boll der Hunde. Endlich nur noch ein Röcheln und Würgen. Als der Jäger hinzukommt, ist die alte starke Fähe abgewürgt.

Unter der Lehne, an der dieser Kampf sich abspielte, hat der Heger noch tagelang die beiden Jungluchse gespürt, aber keiner ist zur Strecke gekommen. Vermutlich sind sie ausgewandert, nachdem sie die Vergeblichkeit der Suche nach der Mutter erkannt haben.

Der Luchs in Mittel-Europa

Im Deutschen Reiche ist der Luchs bei weitem früher als der Wolf vertilgt. Am letzten hat er sich natürlich in den Gebirgen gehalten, insbesondere im bayerischen Allgäu. Dort haben zu Beginn des 19. Jahrhunderts zwei Jäger, Vater und Sohn, mit Namen Georg und Kaspar Angerer in 48 Jahren 30 Luchse gefangen. Bei Kreuth wurden im Jahre 1826 zwölf Luchse erlegt. Im gleichen Jahre bei Berchtesgaden sieben Stück und damit der letzte in dieser Gegend. Bei Partenkirchen wurden in den Wintern von 1820-30 dreizehn Stück erlegt. Im Jahre 1832 erschien einer im Markte selbst, in den folgenden Jahren wurden in dieser Gegend jährlich zwei bis sechs Stück geschossen. Im Allgäu und damit in Bayern und Deutschland überhaupt ist der letzte Luchs 1840 bei Hindelang zur Strecke gebracht. Im Bregenzer Wald hat ein Luchs im 18. Jahrhundert auf einer Alpe in der Nähe des Hohen Iffer eine ganze Schafherde von 600 Stück in den Abgrund gejagt, und der Besitzer ist dadurch verarmt. Der letzte Luchs ist dort 1855 abgeschossen. In Tirol ist er früher das häufigste Raubtier gewesen. In den Jahren 1521-89 wurden im »Land im Gebirge«, wie Tirol damals hieß, 645 Stück erlegt und zur Preiskrönung eingesandt. Im 17. Jahrhundert weisen die Rechnungen noch mehrfach solche Prämiierungen nach, und Groß schreibt, daß »bis in die zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts der Luchs im Gebiet der oberen Iller und Osterach eine gewöhnliche Erscheinung« gewesen sei. Ende der zwanziger Jahre wurde bei Raggal im Walsertal ein Luchs geschossen, trotzdem im angrenzenden Kanton Appenzell der letzte schon 1791 gestreckt war. Zwischen 1837 und 1852 wurde eine Fähe bei Brixen und eine in Vorarlberg erlegt. Im Stubai wurden 1842 zwei Luchse beobachtet, die großen Schaden an den Rehen anrichteten. Der Luchs wurde vom Wegereutter Pfarrer unter dem Sailjoch, die Fähe später bei Grün im Navistal vom Osterbauern erlegt. Auf der Zipfelalpe wurden 1850 zum letzten Male zwei Luchse gespürt. In ganz Tirol ist der letzte Luchs am 3. Mai 1872 vom Färber Mathoy in Stauders unterhalb dem Piz lat geschossen, aber erst zehn Tage später verludert gefunden. Er hatte nach dem Schuß noch einen Hasen gerissen. Der Balg löste 200 Frank und steht ausgestopft heute in der zoologischen Sammlung des Kantonal-Gymnasiums in Chur. In demselben Jahre wurde auf dem Friedhof von Schlanders im Vintschgau »ein Wolf« erschlagen. Als man die rechte Vorderbrante zur Einlösung des Schußgeldes der Bezirkshauptmannschaft einlieferte, stellte sich dort heraus, daß sie von einem Luchs war. In den Karawanken ist der letzte Luchs im siebziger Jahre gesehen. In Graubünden dürfte noch ab und zu einer vorkommen. Überraschend ist das fast völlige Verschwinden des Luchses aus Bosnien. In den Karpathen ist er noch heute häufig genug, seine Vermehrung wird dort zurückgeführt auf die Ausbreitung des Rehwildes.

In den baltischen Landschaften ist der Luchs schon selten geworden, er tritt aber in Ostrußland noch ständig auf. Vermutlich handelt es sich auch bei den estländischen Beuten nur um Herbst- und Wintergäste, die aus den russischen Gouvernements Pleskau und Ingermanland herübertreten, wo ihnen nicht so scharf aufgepaßt wird wie seitens der estländischen Jäger. Im Maße der Entfernung ist er seltener in Livland, und nur ab und zu mag sich einmal ein einzelnes Stück oder eine Fähe mit ihren Sprößlingen nach Kurland verirren. Ja, ein solcher Irrgast wurde sogar am 25. November 1901 in der ostpreußischen Kgl. Oberförsterei Schorellen anläßlich einer Treibjagd gestreckt, die ihm zu Ehren veranstaltet war, nachdem er sich in dem Schutzbezirk Ußbördßen und den angrenzenden Belaufen übel genug bemerklich gemacht hatte. In der zoologischen Sammlung der Landwirtschaftlichen Hochschule ist ihm ein besonderer Glasschrank eingeräumt als dem letzten Luchs in Ostpreußen. Aber solcher Ruhm ist vergänglich, denn eines schönen Tages mag ein anderer Abenteuerlustiger sich auf Wanderschaft begeben und dabei seine Haut zu Markte bringen. Man sollte in solchen Fällen nicht von dem »letzten Luchs in Deutschland«, sondern nur noch von einem Irrgast reden und schreiben.

Gezähmte Luchse

Der Luchs läßt sich leicht zähmen und wird, wenn jung eingefangen und aufgezogen, ein selten liebenswürdiger Hausgenosse. Unter anderen berichtet Wasmuth von einem auf dem Gut Saksamois in Estland mit der Flasche aufgezogenen Luchs. In Schweden wurde einem Jungluchs eine Katze als Amme gegeben, und er gedieh in deren Pflege prächtig und wurde später ein Liebling der Familie. Als er doppelt so groß war wie seine Pflegemutter, leckte diese den Rüpel noch zärtlich bis oben hinauf. Wenn er aber dann mit ihr spielen wollte, wurde Mieze mißtrauisch, sprang ihm auf den Rücken und backpfeifte ihn, daß es rauchte.

Die ausführlichsten Mitteilungen verdanken wir Löwis, der auf dem Gute Panthen in Livland eine junge Luchsin »Lucy« hielt, die mit musterhaftem Gehorsam bei Anruf ihres Namens Folge leistete. Ihre Erziehung war ohne alle Mühe eine so feine geworden, daß sie in der wildesten, leidenschaftlichen, aber verbotenen Jagd auf Hasen innehielt, falls sie angerufen wurde. Sie warf sich dann beschämt zu Boden und erwartete nach Art der Hunde Gnade für Recht. Hatte sie sich zu weit entfernt, um die rufende Stimme zu erkennen, so genügte ein Gewehrschuß, um sie in höchster Eile herbeizuführen. Mit Leidenschaft machte »Lucy«, ihrem Herrn auf dem Fuße wie ein Hund folgend, alle Herbstjagden mit. Stand ein armer Hase vor dem Schützen auf, so begann die hitzigste Jagd, und trotz aller unbeschreiblichen Aufregung behielt sie so viel Überlegung, um das Verhältnis ihrer Geschwindigkeit und der des Hasen zutreffend abzuschätzen. An ihren Herrn hatte sie sich ganz im Gegensatz zu den Gepflogenheiten der Katze, wie ein Hund gewöhnt. Sie hörte nur auf seine oder seines Bruders Stimme. Fuhren beide auf einen Tag in die Nachbarschaft, so war »Lucy« nicht zu bändigen. Dann wehe jedem unbedachten Huhn und jeder unbesorgten Ente oder Gans! Beim Dunkelwerden kletterte sie auf das Dach des Wohnhauses, um dort, an einen warmen Schornstein gelehnt, ihre Ruhe zu halten. Rollte dann nachts der Wagen vor die Haustreppe, so sprang sie vom Dach herab und flog in Bogensätzen ihrem Herrn an die Brust, ihre Vorderbranten um seinen Hals schlagend, laut schnurrend und mit dem Kopf nach Katzenart sich an ihm stoßend und reibend.

Ihr Ehr- und Schamgefühl war bemerkenswert entwickelt. Eines Novembertages versuchte sie, platt auf das Eis gedrückt, eine Gänseherde zu beschleichen, die auf der Mitte der frischen Eisdecke stand. Aber als sie mit gespreizten Branten im Bogen mitten unter die erschreckten Gänse sprang, nicht ahnend, wie dünn die Eisdecke war, brach sie durch. Mit ihr natürlich auch die Gänse. Aber diese waren flink aus dem Loch hinausgesprungen oder geschwind untergetaucht. Anstatt aber nun eine der auftauchenden zu ergreifen, schlich »Lucy« triefend, mit gesenktem Kopf, Scham in jeder Bewegung zeigend, mitten durch die Wehrlosen fort und verbarg sich viele Stunden an einem einsamen Platz. Hunger und angeborene Blutgier konnten die Beschämung über den verfehlten Angriff nicht unterdrücken.

Unter ihren eingewurzelten Instinkten trat am wildesten ihr geradezu unausrottbarer glühender Haß gegen die verwandte Hauskatze hervor. Ehe der Winter kam, war die letzte Katze in Panthen ergriffen und mit gräßlicher Wut zerfleischt. Nur einmal wagte ihr Herr, »Lucy« zu einem Besuch auf ein benachbartes Gut mitzunehmen. Kaum war man eine Stunde dort, so meldete schon der Diener, daß soeben die weißbunte Katze vom Luchs erwürgt worden sei.

Im Hause war »Lucy« der liebenswürdigste aller Gesellschafter. Hinter dem Rücken der vorlesenden Mutter des Besitzer auf dem Sofa lang ausgestreckt, gemütlich schnurrend, gähnend oder auch tüchtig schnarchend, bot sie allen Gästen ein seltenes und ungewöhnlich fesselndes Schauspiel.

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