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Wiener Lebensbilder

Ignaz Franz Castelli: Wiener Lebensbilder - Kapitel 9
Quellenangabe
typesketch
booktitleWiener Lebensbilder
authorIgnaz Franz Castelli
yearca. 1995
noteFaksimiledruck der Ausgabe von 1828
firstpub1828
publisherReperio-Verlag
addressWien
isbn3-85168-000-7
titleWiener Lebensbilder
pages202
created20101006
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VII.
Wohnungsschau.

»Höre, lieber Bruder!« sagte ein Fremder zu mir, der aus Norddeutschland hier angekommen war, um unsere Residenz und ihre Merkwürdigkeiten zu sehen, »ich mag im Gasthofe nicht wohnen bleiben, es ist mir da zu kostspielig und auch zu lärmend, ich wünschte für die Zeit meines hiesigen Aufenthaltes, der sich wohl bis zum künftigen Frühjahre verlängern dürfte, ein Monathzimmer zu beziehen, weißt du keines?«

Ich. In diesem Augenblicke eben nicht, aber dazu bedarfst du ja keines Mittelmannes, sieh dich nur ein wenig an den Hausthoren um, es kleben ja überall Zettel, worauf Monathzimmer angebothen werden.

Mein Freund. Ganz recht, allein ich wünschte doch, daß du mit mir gingest, denn erstens kannst du mit deinen Landsleuten besser reden, welche ich nur halb verstehe, und die mich oft gar nicht verstehen; und dann – ich muß es dir schon aufrichtig gestehen – die meisten dieser Zettel sind so kauderwälsch geschrieben, daß ich sie gar nicht einmahl lesen kann.

75 Ich konnte mich des Lachens nicht erwehren, und antwortete ihm mit einem Achselzucken: »Ja, warum kannst du nicht Deutsch?« Endlich fragte ich ihn, was für Eigenschaften er denn eigentlich bey einer Wohnung fordere, wenn sie nach seinem Wunsche seyn solle.

Mein Freund. Vor allem Reinlichkeit und Ruhe, Licht und Luft; – kann ich daneben bey freundlichen, zuvorkommenden Leuten wohnen, mit denen in langen Abendstunden ein kluges Wort zu wechseln ist, und welche demjenigen, der unter ihrem Dache wohnt, etwas mehr thun, als sie eben müssen, so wird es mir – versteht sich – wohl noch angenehmer seyn.

Ich. Nun, dazu könnte wohl Rath werden; denn an Gutmüthigkeit und freundschaftlichem Zuvorkommen fehlt es meinen Landsleuten nicht; aber mit dem lieben Gotteslicht wird's seine Noth haben, wenn du anders dir nicht die Lungensucht an den Hals steigen willst. Nun wir werden schon sehen. Komm Montags früh zu mir, da wollen wir einen Gang durch die Stadt machen, um Wohnungen zu suchen und zu besehen, bey der Gelegenheit lernst du vielleicht auch lesen.

Am folgenden Montag begannen wir des Morgens um 9 Uhr die Wohnungschau. Gleich in der ersten Straße, die wir durchwandelten, fanden wir an einem der Thore einen Zettel kleben, worauf geschrieben stand: 76

Monatliches Zimmer zu verlasen Selbiges wohnt im dritten Stock, hat einen egstra abarten Eingang, ist schön merbelirt, Alles von feinen Holz und ruhig. Ein Saliter-Mann kann es täglich bestechen und einziehen. Das Nähere wird oben erfragt.

Nachdem ich meinem Freunde, der nach Durchlesung den Kopf schüttelte, die Worte merbelirt, Saliter u. s. w. übersetzt hatte, fragte ich ihn, ob ihm der dritte Stock nicht zu hoch wäre, und ob er hinauf steigen wolle, die Wohnung zu besehen. Er bejahte es, und wir traten ins Haus. Lange sahen wir uns im Hofe um, gewahrten aber gar keine Stiege, und schon wollten wir wieder hinaus wandern, als eine Nasenstimme ertönte (wir wußten nicht – woher sie sich Bahn zu unsern Ohren brach), welche uns entgegen schmetterte: »Was gibt's da?« –

»Wir suchen die Stiege!« antwortete ich in die Luft hin.

»Zu wem wollen Sie?« ertönte eine neue Frage.

»Nach dem dritten Stock wollen wir,« versetzte ich. – Da ertönte ein schallendes Hohngelächter, welches mit den Worten schloß: »Unser Haus hat gar keinen dritten Stock,« und ein Fenster wurde zugeworfen. Da standen wir nun, sahen einander an, lächelten, traten Beyde 77 vor's Haus quer über die Straße, und bemerkten, als wir das Gebäude betrachteten, daß es wirklich nur zwey Stockwerke zähle.

»Das ist ein Bodenzimmer,« sagte ich zu meinem Freunde, »welches für dich auf keinen Fall passen würde,« und wir gingen weiter.

»Schau' einmahl das artige Kind an!« lispelte mir mein Freund zu, indem er mir auf ein sehr schön geformtes Mädchen der dienenden Classe zeigte, welches vor uns hinwandelte, und Bücher unter dem Arme trug. Ich mußte ihm beystimmen, und wir fingen Beyde eben unwillkührlich an, unsere Füße etwas schneller zu bewegen, und standen gerade auf dem Punct, mit einer kleinen Wendung unserer Köpfe auch das Gesicht in Augenschein zu nehmen, als die kleine Anmuthige in ein Haus einbog. Maschinenmäßig drehten auch wir uns hinein, mein Freund trat zu dem Mädchen, und fragte in seinem norddeutschen Dialecte: »Vergeben Sie mahl, Jüngferchen, ist in diesem Hause keine Monathstube zu vermiethen?« – Sie sah ihn an, lächelte, wandte sich zu mir und fragte: »Was schafft der Herr?«

Ich. Er fragt: ob hier kein Monathzimmer zu verlassen sey?

Das Mädchen. Ah ja so! Ja, im zweyten Stock ist ein's zu verlassen, ein recht schönes Zimmer. Wenn 78 Sie's anschauen wollen, ich will Sie sogleich hinauf führen, ich lege nur die Bücher vorher ab.

Ich. Du wohnst also auch hier im Hause?

Das Mädchen. Zu dienen, ich bin die Tochter des Hausinspectors. Wollen Sie vielleicht mit herein spazieren?

Mit diesen Worten trat sie zu ebener Erde in eine Thüre, worüber auf einer Tafel zu lesen war: Hausmeisterswohnung. Wir traten dem Mädchen auf dem Fuße nach, und befanden uns in einem kleinen niedrigen Zimmerchen, das mit Möbeln vollgepfropft, aber reinlich aufgeräumt war. Ein Stickrahmen lag auf dem Tische, auf welchem ein zahmer Canarienvogel umher trippelte. Zwey neben einander stehende Betten standen an einer Wand, an der andern ein Quer-Pianoforte, worauf eine Guitarre lag. Nun blieb in der kleinen Stube nur mehr Raum für ein winziges Tischchen und zwey Stühle, welche uns das liebliche Kind anboth, und auf welche wir uns setzten.

»Das Zimmer ist etwas klein!« eröffnete mein Freund das Gespräch.

Das Mädchen. Ah! es sieht nur so klein aus, für mich und meine Mutter ist's eben recht, und diejenigen, so setzte sie schnippisch hinzu, die gerne kommen, denen ist's auch groß genug. 79

Ich. Ja das glaub' ich gern. Sie haben also keinen Vater mehr?

Mädchen. Nein, der ist schon lange todt. – Meine Mutter ist auch schon sehr alt und schwach.

Ich. Und Sie ernähren Ihre Mutter, braves, liebes Kind? –

Mädchen (verschämt geziert). Ja das thu' ich. – Die Mutter hat nichts zu thun, als aufzuräumen, zu kochen, die Stiege zu kehren und bey der Nacht das Thor aufzusperren, wenn Jemand läutet. Alles, was unser Dienst sonst mit sich bringt, das thu' ich.

Mein Freund sah mich an, und um das Lachen zu verbeißen, nahm er eines der Bücher in die Hand, fragend: »Was sind denn das für Bücher?«

»Das müssen Sie ja gleich an dem grün marmorirten Einband sehen,« antwortete das Mädchen, »daß sie aus der Armbruster'schen Leih-Bibliothek sind. Mein Liebhaber hat dort für mich auf ein ganzes Jahr pränumerirt, und da les' ich denn den ganzen Tag.«

Mein Freund. Sieh einmahl. Walter Scott.

Mädchen. Ja, der ist mir der Liebste, ich habe schon eine Menge von ihm gelesen, den Alterdummen und den rothen Robinson und das Herz in der Mitten von Lothian und Olivenhu, das Kloster und was weiß ich was Alles. Wie der 80 Mann seine Reden setzt, und wie der die Leute in dem Schottnerland zu beschreiben weiß, das ist schon eine helle Pracht auch. Ich sag' Ihnen, meine Herren, ich wein' oft mehr als ich lese, und selbst beym Essen ist mir schon oft die Suppe kalt geworden, aus lauter Begierde zum Lesen. Aber jetzt, wenn's Ihnen gefällig ist, will ich Sie hinauf führen.

Wir folgten dem Mädchen, und sahen nur noch in der kleinen engen Küche, wie unsere Führerinn schnell einen grünen Vorhang zuzog, der sich vor dem Herde befand, vermuthlich um ihre Mutter vor unsern Augen zu verbergen, die in ihrem etwas unsaubern Negligee gegen ihre Tochter freylich nicht wenig abstach.

Im Hinaufsteigen über die Treppe fragte ich die Hausinspectorsgeborne, wer jenes Monathzimmer vermiethe.

»Eine sehr brave Person,« gab sie mir zur Antwort, »nur unvermögend, und eine Ausländerinn. Sie wünscht, wie mir ihre Köchinn sagte, am liebsten einen Fremden, und zwar einen reichen Engländer zu ihrem Miethsmann.«

Wir waren nun im zweyten Stockwerk, unsere Führerinn schellte und es wurde aufgethan.

»Kathy!« sprach die Hausmeisterische zu dem Stubenmädchen, das uns öffnete, »die beyden Herren wollen euer Zimmer anschauen,« und empfahl sich gleich an der 81 Thüre. Wir traten ein, und mußten einige Augenblicke im Vorgemache verziehen, bis wir gemeldet waren, dann öffneten sich die Flügelthüren und wir wurden eingelassen.

Auf einem Sopha, vor sich ein Nähtischchen, mit Wollstickwerk zu Fensterpolstern belegt, saß ein Frauenzimmer, dem man's auf den ersten Blick ansah, daß sie die Kinderschuhe nicht nur schon lange ausgetreten habe, sondern sich auch bey dem besten Gedächtnisse vielleicht gar nicht mehr daran erinnere. Bey der außerordentlichsten Galanterie gegen das schöne Geschlecht und sein Alter hätte man ihr doch ohne Umstände 40 in den Bart hinein sagen können. Ich sage ganz recht: in den Bart, denn selbiger Mannesschmuck ließ sich über dem etwas breiten Mund nicht undeutlich gewahren. Das Frauengebild trug übrigens ein kirschroth-sammtenes Kleid, ferner ein neckisches Spitzenhäubchen, aus welchem sich von beyden Seiten blonde Seidenlocken hervordrängten, ober der Stirne mit einer großen Klatschrose geschmückt, und unter dem Kinne durch eine gelbe Schleife fest gemacht. Sie trug Handschuhe an den Händen, wovon die Spitzen weggeschnitten waren, und deren oberen Rand man eben nicht ganz reinlich nennen konnte. Neben ihr auf dem Sopha lag ein kleines Jagdhündchen, das uns, als wir eintraten, sogleich entgegen knurrte, von ihr 82 aber durch »Kusch kusch Bartolo!« und Anbiethung eines Stückchens Biscuit zur Ruhe verwiesen wurde.

Das Fräulein machte uns eine leichte Verbeugung und fragte was wir wünschten.

Ich. Mein Freund hier wünscht das Monathzimmer zu besehen, welches hier zu vermiethen ist.

Das Fräulein (mit einem verstohlenen Blick auf meinen Freund). Wollen Sie sich nicht ein wenig niederlassen? (Sie rückt das Hündchen sammt seinem Polster näher zu sich, und nöthigt meinen Freund neben sich auf den Sopha, mir zeigt sie stumm auf einen Stuhl.)

Mein Freund. Das Zimmer ist doch möblirt, mein Fräulein?

Fräulein. Allerdings, ein gutes Bett, Kleiderschrank, Secretair, Tisch, Stühle, Spiegel, ja selbst an den kleinern Bequemlichkeiten z. B. an einem Queridon, einem Schämel, den ich selbst gestickt habe, fehlt es nicht.

Fräulein (fährt fort). Das Zimmer heitzt sich leicht und gut, und hat einen besondern Eingang. Der Bedienung wegen werden Sie aufs beste versorgt seyn. Mein Stubenmädchen macht Ihnen das Frühstück, und ich selbst sehe immer nach. Sie werden sehen, wir werden uns sehr gut vergleichen, bey mir ist's ruhig, ich thue jedem Menschen lieber etwas mehr, als weniger, und wenn 83 Sie unpäßlich seyn sollten, können Sie auch Suppe, Thee – Alles, was Sie wünschen, bey mir haben.

Mein Freund. Ich bin Ihnen sehr für Ihre Güte verbunden, mein Fräulein.

Fräulein (indem sie aufsteht, und ihren Arm in jenen meines Freundes legt). Wollen Sie nun das Zimmer besehen? Wir gehen gleich hier durch meinen Eingang.

Wir gingen und sahen ein ziemlich großes Zimmer, an dessen Decke noch Engelsköpfe von Stukaturarbeit prangten. Der Stubenboden war so ausgetreten, daß die Äste zollhoch hervor standen, und ordentlich zum Fußbrechen eingerichtet; die Fenstergardinen mußten wohl einmahl eine Farbe gehabt haben, aber man konnte jetzt nicht mehr unterscheiden, welche; der Spiegel war blind, hin und wieder zeigten sich mehrere nicht undeutliche Spuren von jenen Thierleins, welche Linée füglich mit den Vampyren in eine Classe hätte reihen können. Das Fräulein zeigte meinem Freunde Alles, und suchte die Mängel, so viel möglich, zu entschuldigen, bey jedem schlechten Möbel behauptete sie, sie habe dafür bereits ein neues bestellt, aber der faule Tischler lasse sie so lange darauf warten. Ich trat indessen zum Fenster, und besah mir die Aussicht, welche eine Decoration darboth, bey welcher man recht füglich das Singspiel auf dem Dache hätte aufführen können. – Da fiel mir in der 84 Fensterscheibe etwas Gekritzeltes auf, ich besah es näher, und fand folgende Worte, vermuthlich mit einem Diamantring in die Scheibe geschrieben:

Unglücklicher! der steht allhier,
Verlaß schnell dieß Quartier,
Du kannst unmöglich dich verschanzen,
Vor diesem Fräulein und den Wanzen.

Als ich mich von dem Fenster wegwandte, hörte ich eben, wie das Fräulein meinem Freunde sagte, das Zimmer koste nur monathlich 15 Gulden Münze, und mit Bedienung 20 Gulden Münze. »Aber,« setzte sie heimlich hinzu, indem sie meinem Freunde eine Feder vom Gehrock nahm, welche bey dem Bette auf ihn geflogen war. »Wenn Sie es miethen wollen, will ich schon noch etwas Gleiches thun.«

»Verzeihen Sie,« fiel ich in die Rede, »mein Freund kann erst morgen zuschlagen, da ein Brief, welchen er heute noch erwartet, über sein längeres Hierbleiben entscheiden wird.«

»Nun,« versetzte das Fräulein, »so hab' ich doch auf jeden Fall das Vergnügen, Sie noch einmahl zu sehen,« und somit empfahlen wir uns. Am Thore stand das hübsche Hausmeistersmädchen, und fragte recht angelegentlich, ob wir das Zimmer gemiethet hätten? Mein 85 Freund drückte ihr ein blankes Guldenstück in die Hand, sagte, er sey noch unschlüssig, und wir gingen.

Auf der Gasse erzählte ich meinem Freund den Spruch, den eine wohlthätige Fee mir in der Fensterscheibe erscheinen ließ, er lachte und meinte, er habe ohnehin nicht den Willen gehabt, hier sich fest zu setzen.

Kaum zehn Schritte waren wir gegangen, und in eine andere Gasse eingebogen, als ein großer Zettel an einem Thor, mit kalligraphischen Schnörkeln verziert, unsere Blicke auf sich zog, er lautete.

»Ein schöneres Zimmer, als in diesem Hause im zweyten Stock zu vermiethen ist, kann man sich nicht denken, es hat drey Fenster, und die Aussicht in einen Wintergarten

Schnell stiegen wir die zwey Treppen empor, und wurden von einem Herrn bewillkommt, der noch von dem verflossenen Jahrhunderte übrig geblieben zu seyn schien. Er trug eine Zopfperrücke, einen Frack von Molton, dito Beinkleider, grauwollene Strümpfe und sammtene Schuhe. Er hatte ein gutmüthiges, immer lächelndes Gesicht, und daß dieses Gesicht nicht log, bewies uns unser Gespräch mit ihm; denn er lachte zu Allem was er sagte, daß sich oft sein Schmerbäuchlein dazu schüttelte. Als er uns erblickte, begrüßte er uns schon 86 mit einem »Ha! ha! ha! mich freuts, wollen gewiß das Zimmer besehen?«

Mein Freund. Allerdings, wenn Sie erlauben.

Der Alte. Belieben nur herein zu spazieren, ich werd' es Ihnen sogleich zeigen, müssen sich aber nichts daraus machen, es liegt jetzt meine todte Magd darin, die gestern am Schlag plötzlich gestorben ist, ha! ha! ha! ha! (Hier lachte er sehr stark.)

Wir traten hinein, das Zimmer war nicht übel. Der Leichnam lag auf einem Brete mit Tüchern verdeckt. Der Alte lüftete eines dieser Tücher, sah die Todte an, fing laut an zu lachen und sprach: »Hast auch einrücken müssen, alte Margareth? ha! ha! ha! hast gut gekocht, und deine Schuldigkeit gethan durch 32 Jahre; und mußt mich auch nicht betrogen haben, weil du nicht mehr als 200 Gulden hinterlassen hast. Tröst dich Gott! ich komme dir bald nach, ha! ha! ha! ha! ha! ha!

»Der Mann geht sicher einmahl lachend in die andere Welt hinüber,« flüsterte mir mein Freund in's Ohr, und fragte den Herrn vom Hause, wo denn die hochbelobte Aussicht in den Wintergarten sey?

»Gleich werden Sie sehen,« antwortete der Alte lachend, und öffnete die Fensterbalken, welche geschlossen waren (das Zimmer war bisher nur durch die Lichter erleuchtet, welche bey dem Leichnam brannten); sieh da – die 87 Aussicht ging auf einen mit Glasfenstern versehenen Gang, in welchem auf erhabenen Stellen mehrere Blumentöpfe standen. In zweyen derselben sahen wir Schnittlauch, in zwey andern sogenannte Hauswurzen, einige verblühte Levkojen und gelbblättrige Geranien standen in den übrigen. Wir mußten laut zu lachen anfangen, und fragten, was denn das für ein Gemählde sey, welches am Ende des so genannten Wintergartens sich befinde.

»Das ist eine prächtig gemahlte Grotte,« sagte der Hauswirth, »mein Vetter hat sie gemahlt, aber eigentlich ist das die Thüre zum geheimen Gemache. Ha! ha! ha! rief er, »ist der Garten angenehm? Hätten Sie sich das mitten im Winter hier vorgestellt? und mit alle dem verlange ich für das Zimmer monathlich nicht mehr als zwölf Gulden Münze.« Wir versicherten, das sey sehr wohlfeil und empfahlen uns mit dem Versprechen, wir würden noch diesen Nachmittag die Nachricht senden, ob mein Freund das Zimmer nehmen werde oder nicht.

Der Hauswirth begleitete uns bis an die Thür, und als ich ihm beym Abschied noch eine Prise Tabak reichte, wollte er sich darüber halb todt lachen, daß ich Galizier schnupfe.

Wir besahen wenigstens noch zehn Quartiere, wovon ich dir, lieber Leser, nur ganz kurz das Auffallendste mittheilen will.

88 Bey einer alten Witib war, wie der Anschlagzettel zu lesen gab, ein Zimmer sammt Tisch zu vermiethen. Der Tisch sollte aber so viel ausdrücken, als daß die gute Frau auch ihrem Miethsmanne zu Mittag und Abends die Kost reiche. Das Zimmer hier hatte gar kein Fenster, und die Madame meinte, das sey auch gar nicht nöthig, wenn der Herr etwas lesen oder schreiben wollte, so könnte er's in ihrem Zimmer thun.

In einer andern Wohnung wimmelte es von Kindern, Hunden, Katzen, und als wir beym Hineintreten eines von den Mauzchen auf die Pfote traten, nahm die Frau dasselbe und legte es auf das Bett, welches für den einziehenden Miethsmann bestimmt war.

Bey einem alten Junggesellen sahen wir ein recht hübsches, wohl eingerichtetes Gemach, allein der gute Mann suchte einen Miethsmann, der Violin spielen könnte, und sich herbey ließe, mit ihm des Vormittags Duetten, und Abends Piquet zu spielen.

Ueber einen Bedienten, den uns ein stolzer Wohnungsinhaber zum Führer gab, um uns das Zimmer zu zeigen, mußten wir herzlich lachen, da er uns Alles, was er uns zeigte, aus allen Kräften schimpfte. »Schauen Euer Gnaden einmahl das Zimmer an,« sagte er, »ist das ein Loch? und die Möbeln, kein Stuhl einen ganzen Fuß. Zur Nachtzeit,« versicherte er, »sey die Stiege nicht 89 beleuchtet, und mit seinem Herrn sey noch keine Afterpartey ausgekommen, den letzten, er war ein Student, habe er sogar geprügelt. Ich bitte Euer Gnaden um's Himmels willen,« sprach er, »ziehen Sie nur bey uns nicht ein.« Wir schenkten ihm für seine Treuherzigkeit ein recht gutes Trinkgeld.

Es war schon Abend geworden, und noch hatte mein Freund keine angemessene Stube gefunden, als wir an einem kleinen, nur zwey Fenster umfassenden Hause von zwey Stockwerken noch einen Zettel gewahr wurden, an welchem mit seiner Frauenschrift geschrieben stand: »Hier im zweyten Stockwerk ist ein Monathzimmer zu vermiethen, man beliebe sich im ersten darum zu melden.«

»Das wollen wir noch besehen,« sagte mein Freund, und wir gingen hinein. Ein junges, nettes Mädchen, öffnete uns im ersten Stock, und wir traten in ein Zimmer, in welchem eine alte Frau saß, das Mädchen, welches uns geöffnet hatte, war ihre Tochter, und hatte der Mutter eben aus einem Buche vorgelesen. Das Zimmer war reinlich, und die Bewohnerinnen eben so. Als wir gesagt hatten, warum wir hier seyen, sagte uns die Mutter, das ganze Haus bestehe nur aus zwey Zimmern, und jenes im zweyten Stock sehe eben so aus, wie dieses im ersten, wo wir uns eben befänden. Kostbare Möbeln, meinte die Mutter, stehen nicht darin, aber ein gutes 90 reinliches Bett und was sonst noch zur Bequemlichkeit nothwendig sey. »Ich habe nicht viel zum Besten,« sprach die Frau, »bin eine arme Witwe, welche von einer sehr mäßigen Pension leben muß, wozu mir die Vermiethung jenes Zimmers noch einen kleinen Zuschuß leistet. Meine gute Louise,« fuhr sie fort, auf ihre Tochter zeigend, welche mit gesenkten Blicken am Ofen stand, »thut zwar, was sie kann, um durch ihrer Hände Arbeit noch etwas beyzuschaffen, aber die Zeiten sind doch etwas zu hart. Wir hatten einen recht braven Mann sechs Jahre hindurch im Quartier, aber der ist nach der Provinz versetzt worden, und mußte uns verlassen. Wollen Sie das Zimmer besehen, so kann es sogleich geschehen.« Wir baten darum, und Louise führte uns nach dem zweyten Stocke. Das Zimmerchen glänzte vor Reinlichkeit; ein Stickrahmen stand darin. Wir besahen ihn und fragten, wer hier sticke.

»Ich,« sagte Louise.

»Aber warum nicht unten?« fragte mein Freund.

»Verzeihen Sie,« antwortete Louise, »aber unten sticke ich am Tage, des Nachts aber will mir's meine gute Mutter nicht leiden, da bin ich denn, wenn sie eingeschlafen war, immer heraufgegangen, und habe gearbeitet, so lang's eben gehen wollte; denn die Mutter ist kränklich, der Arzt hat ihr guten stärkenden Wein verordnet, und der kostet viel. Verzeihen Sie, aber der Rahmen wird 91 sogleich weggebracht werden, und wenn wir das Zimmer wieder vermiethet haben, so ist's auch nicht mehr so nöthig, daß ich zur Nachtzeit arbeite.«

»Was kostet das Zimmer?« fragte mein Freund heftig.

»Der frühere Bewohner bezahlte uns monathlich zehn Gulden Münze.«

»Ich gebe fünfzehn,« sagte mein Freund, leistete sogleich der Mutter eine Vorausbezahlung auf zwey Monathe, bezog es am folgenden Tage, und freut sich noch jetzt, daß ihn der Zufall dahin führte. 92

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