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Wiener Lebensbilder

Ignaz Franz Castelli: Wiener Lebensbilder - Kapitel 8
Quellenangabe
typesketch
booktitleWiener Lebensbilder
authorIgnaz Franz Castelli
yearca. 1995
noteFaksimiledruck der Ausgabe von 1828
firstpub1828
publisherReperio-Verlag
addressWien
isbn3-85168-000-7
titleWiener Lebensbilder
pages202
created20101006
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VI.
Der Damenarzt.

Die vormahligen Ärzte waren sehr verschieden von den heutigen. Sie waren zusammen gestutzt, als ob sie eben aus einem Schächtelchen kämen, trugen eine hohe gepuderte Kreppfrisur, Brillantringe strahlten an ihren Fingern, als Zeichen der Dankbarkeit genesener Patienten, oder reicher Erben, Manschetten von den feinsten Spitzen zogen sich um ihre Hände, ein Rock von schwarzem Sammt bedeckte den Körper, und ein spanisches Rohr mit einem goldenen Knopf diente zur Stütze des einen Armes, indem sie unter dem andern das kleine Hütchen trugen.

Jetzt ist so ein Arzt gekleidet, wie alle andern Menschen, alle Gravität ist verschwunden, welche oft bewirkte, daß ein Kranker schon vom Ansehen gesund wurde, und mit dem Äußern der Ärzte hat sich auch die Art, die Kranken zu behandeln, mächtig verändert.

Ich kenne einen Arzt, welcher vorzugsweise der Damenarzt benannt wird, weil er immer schneeweiße, fein gefaltete Wäsche trägt, weder Tabak schnupft, noch 71 raucht, immer Bonbons und riechende Wasser bey sich trägt, auf die Homöopathie und den Magnetismus große Stücke hält, und den Launen der kranken Schönen vorzüglich zu schmeicheln weiß. Wie weit er es darin gebracht hat, mag folgende Anecdote beweisen, von der ich Augen- und Ohrenzeuge war.

Er kam jüngst zur Baroninn M –, deren Ordinarius er ist, und welche er an einem zurück getretenen Schnupfen behandelte. Er trat ein, liebkoste dem Schooßhündchen der Gnädigen, zwickte im Vorübergehen das Stubenmädchen in die Backen, gab dem Papagey ein Stückchen Zucker, trat dann zum Bette, und sprach mit sanfter, lispelnder Stimme: »Nun, wie geht's heute, schönste Baronesse? – O! Sie sehen ja schon wieder aus, wie ein Engel,« setzte er hinzu, »die Augen sind nicht mehr trübe, sie glühen schon wieder, und die Rosen blühen auf den Wangen.« – »Ich bin doch noch nicht ganz wohl,« versetzte die Kranke, und hielt ihm den Arm hin. Er wischte sich die Hand mit einem battistenen Schnupftuche ab, faßte dann den Arm, drückte ihn sanft, und betastete den Puls lange; denn die Frau hatte einen schönen Arm, dann sagte er mit zufriedenem Lächeln und einem Kuß auf den schönen Arm, den er sanft wieder unter die Decke schob: »In drey bis vier 72 Tagen ist Alles gut, nur so fortgefahren, leichte Nahrung nehmen, sich warm halten, und nicht ausgehen.«

Die Baroninn. Nicht ausgehen? Was fällt Ihnen ein, Doctor? Ich muß diesen Abend in's Concert, wobey meine Nichte singt, ich hab's dem Mädchen versprochen. Ich werde mich recht warm einhüllen, und fahren, das versteht sich.

Der Arzt. Nun, wenn Sie fahren, meine Gnädige, so mag's darum seyn, aber bleiben Sie nicht lange.

Baroninn. Ey liebes Doctorchen, den Anfang des Balls möcht' ich doch gern abwarten.

Arzt. Nun, so setzen Sie ein Viertelstündchen zu, (mit dem Finger drohend) aber nicht selbst mitmachen.

Baroninn. Ich werde keine Ecossaise, keinen Walzer tanzen, höchsten eine Polonaise; dabey geht man ja ohnedieß nur herum.

Arzt. Sie liebe, exigeante Frau, nun meinetwegen, aber nichts soupiren.

Baroninn. Ob ich mein Hühnerflügelchen dort oder zu Hause esse, was liegt denn daran, Doctor?

Arzt. So sey's, aber wenigstens keine hitzigen Getränke!

Baroninn. Ah! ein Glas Punsch! das reift den Schnupfen. 73

Arzt. Nun ja, gut, gut. aber nur nicht zu spät nach Hause kommen.

Hiermit empfahl sich der Arzt. Die Dame tanzte viel, soupirte gut, trank Punsch und Liqueurs von allen Sorten, und kam des Morgens um vier Uhr nach Hause. Sie erzählte dem Doctor bey der nächsten Visite Alles aufrichtig, dieser lachte mit ihr darüber, fand sie um Vieles besser, und schloß mit den Worten: »Man sieht wohl, daß das Sprichwort recht hat: Was eine schöne Frau will, das schlägt nie übel aus74

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