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Wiener Lebensbilder

Ignaz Franz Castelli: Wiener Lebensbilder - Kapitel 7
Quellenangabe
typesketch
booktitleWiener Lebensbilder
authorIgnaz Franz Castelli
yearca. 1995
noteFaksimiledruck der Ausgabe von 1828
firstpub1828
publisherReperio-Verlag
addressWien
isbn3-85168-000-7
titleWiener Lebensbilder
pages202
created20101006
sendergerd.bouillon@t-online.de
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V.
Das Haustheater.

Nichts lockt die jungen Leute mehr an, als ein Haustheater; von nichts versprechen sie sich größere Unterhaltung, als von diesem; nichts scheint ihnen leichter, als das Komödiespielen, und nichts ist ihnen einleuchtender, als daß sie die ersten Künstler der Residenz gleich mit dem ersten Worte in Grund und Boden bohren werden. Die Coulissen haben etwas außerordentlich Anziehendes, das Treiben hinter denselben etwas sehr Lockendes; Jeder hält sich für einen gebornen Künstler in diesem Fache, und das Mißglücken wird als unmöglich vorausgesetzt. Die lieben Ältern halten eine derley Unterhaltung für ein zugleich angenehmes und sicheres Mittel, dem schönen Töchterchen Anstand in seinen Haltungen, Feinheit und Lieblichkeit im Ausdrucke, Grazie in den Geberden beyzubringen, und sehen nicht die Schlange, die hinter allen diesen Rosen lauscht. Die Intrigue steht immer mit hinter den Coulissen, hinter papiernen eben so gut als hinter den leinwandenen; der Neid hebt sein Haupt auf dem Podium, wie auf dem ebenen Zimmerboden; die 37 Verstellungskunst wird gar leicht zur zweyten Natur; ein Druck der Hand auf dem Theater wird nicht selten der Vorbothe mehrerer Händedrücke außer dem Theater: wer mit Liebeleyen spielt, dem wird das Liebeln nur zu bald Ernst, und wer es hundertmahl mitgemacht hat, Ältern und Vormünder zum Scherze zu betrügen, der versucht's auch einmahl im wirklichen Leben. Ich glaube das Theater für den Schooß halten zu dürfen, aus welchem die Koketterie zuerst hervorgegangen ist. Darum, wenn ich Kinder hätte, so wollte ich ihnen lieber Alles zugestehen, als das Komödiespielen, am wenigsten aber meinen Töchtern. Ich will es versuchen, dir, lieber Leser, der du meine Lebensbilder so freundlich aufnimmst, auch ein solches von einem Haustheater zu entwerfen, und ich fürchte nur, die Menge des Stoffes möchte mich erdrücken.

In dem Hause des Kaufmanns Bratsch saßen die jungen Leute in einem abgesonderten Zimmer beysammen und trieben tolles Zeug: sie spielten Pfänderspiele, blinde Kuh, Mehlschneiden, und wie die Spiele alle heißen, die Bewegung oder Scherz machen. Die Ältern dieser jungen Leute befanden sich in einem andern Salon, wo ein Paar Whist- und eben so viele Tarok-Tische etablirt waren, an denen Alles, bis auf einige Frauen, Antheil nahm, die, mit ihrem Strick- und Stickwerk beschäftigt, der Zunge freyen Lauf ließen. Die jungen Leute waren des 38 Spielens schon müde; sie saßen jetzt ruhig und sprachen von dem gestrigen neuen Stücke. Versteht sich, daß Jedes von ihnen etwas auszustellen fand an Dichtung, am Spiel, am Costüm u. s. w. »Wie wär's,« nahm endlich der Practicant Mühlleitner das Wort, »wie wär's, wenn wir selbst diesen Winter ein Theater errichteten?« »Das wäre schön!« sagte der Handlungs-Commis Perzel drauf: »Da könnte man den Leuten doch zeigen, was eigentlich Komödiespielen heißt.« – »Aber wenn wir schon spielen,« versetzte der Studiosus Reitter, »so geben wir lauter große, classische Stücke, nicht wahr? Den Balboa muß ich einmahl spielen, und den Fiesco, das laß ich mir nicht nehmen!« »Ja ja, Komödiespielen!« schrie Xavier, der junge Herr vom Hause; »das ist prächtig.« – »Komödiespielen, Komödiespielen!« schrie Alles mit funkelnden Augen, und alsogleich brachte der junge Herr Feder, Tinte und Papier, um auf der Stelle alle Bestimmungen, Bedingungen, Anordnungen, Verhältnisse, kurz Alles, was dabey zur Frage kommen kann, zu erörtern und aufzumerken. Man setzte sich um einen großen, runden Tisch. Der Studiosus Reitter warf sich sogleich zum Secretär und Theaterdichter auf, und stellte folgende Fragen an die Gesellschaft: »Erstens: Wo werden wir spielen?« – »Nun, wo anders, als da bey uns,« versetzte der junge Herr vom Hause. »Wenn ichs der Mama 39 sage, daß ich spielen will, so hat sie nichts dagegen, und wenn sie ja sagt, so sagt der Papa auch ja. Unser Speise-Salon ist groß genug dazu, und damit das Theater immer aufgerichtet stehen bleiben kann, so werd' ich's schon dahin bringen, daß wir den Winter über in einem andern Zimmer speisen. Aber das bitt' ich mir aus, recht große Rollen muß ich bekommen, sonst verwend' ich mich für nichts.« – »Schon recht,« versetzte der Secretarius, indem er dabey dem Herrn Practicanten Mühlleitner in's Ohr sagte: »Lassen Sie's nur gehen, wir werden den dummen Knaben schon über'n Daum drehen.« – Die zweyte Frage war: »Wo nehmen wir ein Theater her?« – »Ein Podium muß seyn!« schrie Alles mit Einer Stimme; denn auf ebenem Boden nimmt sich nichts aus. »Freylich,« versetzte der Secretarius, »aber das kostet Geld. Wir müssen also vor Allem einen Fond haben, woraus wir die nothwendigen Vorauslagen bestreiten, und dazu heißt es geben, was Jeder kann.« Bey diesen Worten verlängerten sich die Gesichter sämmtlicher Interessenten. Herr Mühlleitner spann ein Gespräch mit Fräulein Rosinen an, und that, als ob er gar nichts gehört hätte. Der Herr Handlungs-Commis Perzel spielte mit seiner Uhrkette; ein anderer junger, galanter Herr meinte, man müßte einen Gönner suchen, der die Bestreitung der Unkosten auf sich nähme. Endlich trat der junge Herr von 40 Rütteles auf, und erboth sich, die Herstellung des Podiums bey einem bekannten Tischler zu erwirken, wenn dasselbe ein Eigenthum des Tischlers bleibe, und man monathlich 10 fl. dafür bezahlen wolle. Dieser Vorschlag ward acceptirt. – Nun wurde beschlossen, daß jeder der Mitspielenden monathlich 5 fl. bezahlen sollte, wovon die Ausgaben bestritten werden. Zum Cassier wurde der junge Herr vom Hause ernannt, und ihm sogleich aufgetragen, die ersten 5 fl. für alle Mitspielenden sogleich vorzuschießen, da man eben nicht so viel Geld bey sich habe. In der Freude seines Herzens über das Komödiespielen that der junge Herr Alles, und die Casse war voll. Jetzt kam die Rede auf das Theater selbst, das heißt, auf die Gardinen, Scenen u. s. w. Es befand sich ein Jüngling in der Gesellschaft, der nach dem Storchenschnabel silhouettirte, und sehr schöne Barometerfigürchen zu machen verstand; er hieß Riffler. Dem trug man das Geschäft eines Theatermahlers und Maschinisten auf, welches er auch im Gefühle der hohen Ehre annahm. Die Statuten der Gesellschaft zu entwerfen, ohne die kein Theater seyn kann, und die doch bey keinem gehalten werden, am wenigsten aber bey einem Privat-Theater, wo Jedermann umsonst spielt, und also auch zu nichts gezwungen werden kann: dieses wichtige Geschäft wurde dem Secretario anvertraut, der nur beyläufig 41 meldete, daß er auch Strafen für die Übertreter beyfügen werde, welche die Verbesserung der Casse erzwecken sollten. Jetzt entstand die Hauptfrage: »Wer soll spielen, und was soll Jeder spielen?« Mit dem wer war man sogleich in Ordnung, denn spielen wollte Jeder in der Gesellschaft, und das können zu bezweifeln, wäre lächerlich gewesen; aber was Jeder spielen sollte, das war eine um so kitzlichere Frage. Jeder wollte Alles spielen, was gut ist, und Keiner wollte Etwas spielen, was nicht gut ist. Da man also mit einer sichern Bestimmung der einzelnen Fächer nicht zu Stande. kam, so wurde beschlossen: es sollte Einer nach dem Andern in der Reihe ein Stück zur Aufführung bestimmen können, und diesem sollte es auch stets unbenommen bleiben, sich erst selbst eine Rolle zu wählen, und dann die übrigen nach seinem Gutdünken zu vertheilen. Wie dieser sie vertheilen würde, so müßte es bleiben, und Keiner von der Gesellschaft dürfe sich weigern, eine, auch die unbedeutendste Rolle anzunehmen. Dem jungen Herrn vom Hause wurde als Besitzer des Locals der Vorrang gelassen, und er wählte alsogleich Donna Diana. Sich selbst theilte er, wie natürlich, die Rolle des Cäsar, Fräulein Rosinen, der Tochter des Exprofessors Mappe, die Rolle der Diana, dem Studiosus Reitter jene des Don Diego, dem Practicanten Mühlleitner die 42 des Luis, dem Commis Perzl (dem gewöhnlichen Spaßmacher der Gesellschaft) den Perin, zwey Cousinen die Rollen der Fenisa und Laura mit. Da fehlen aber nun noch Don Gaston, und das Kammermädchen Floretta. Für den Gaston versprach Mühlleitner unter seinen Collegen ein Mitglied zu suchen. Er kenne Einen, versicherte er, der dem Teufel ein Ohr wegdeclamire, und bey einem der berühmtesten Schauspieler als Lehrer von dessen Kindern angestellt sey, und zur Rolle der Floretta wollte Fräulein Rosine eine ihrer guten Freundinnen bereden, welche sehr geschickt sey, und deren Nahmen man als Auslöserinn aller Charaden in jedem Sonntagsblatte des Wanderers lesen könne. Somit war die Sache für heute in Richtigkeit, und man ging aus einander. Der Practicant Mühlleitner nahm das Buch des Stückes mit sich, um die Abschriften der Rollen alsogleich zu besorgen. Über drey Tagen war die erste Probe, nähmlich die Leseprobe, festgesetzt.

Wie es nun während dieser drey Tage unter den Gesellschaftsmitgliedern zuging, welche Feder vermag das zu beschreiben? Der Herr Studiosus Reitter versäumte alle Collegia, weil er zu Hause saß, und über der Verfassung der Statuten und Theaterregeln schwitzte. Er bekam drey Absenzen. Der Practicant Mühlleitner hatte auf seinem Kanzleytische vor sich eine zu 43 bemängelnde Rechnung liegen, revidirte aber keine Ziffer derselben, sondern schrieb verstohlener Weise unter der Rechnung an den Rollen. Xavier, der junge Herr vom Hause, hatte mit der Mama gesprochen, die Mama hatte dem Papa ihre Willensmeinung geäußert; sie sah ihr Söhnlein schon im spanischen Mantel glänzen, und Alles war, in Rücksicht auf das Locale, in Richtigkeit. Xavier gab dem Guitarre-Meister und französischen Sprachmeister geschwinde ihre Billeten, und sandte sie wieder fort, ohne etwas zu lernen, weil er nichts Angelegentlicheres zu thun hatte, als seinen Don Cäsar zu memoriren: machte auch des Tages dreymahl Rosinen Visiten, welche des Mädchens Ältern mit Vergnügen sahen, da sie ihre Tochter gerne unter die Haube hätten bringen mögen. Rosine war nie fleißiger als jetzt, sie nähte den ganzen Tag an Halskrausen und Gewändern und Hüten für die Diana, besonders lag ihr das ideale Kleid am Herzen, womit sie im zweyten Acte im Garten zu erscheinen hatte. »Das soll nur hingehaucht seyn!« rief sie zu sich selbst. Daneben auf dem Arbeitstische lag das Buch der Donna Diana, welches sie auch selbst zum Speisen und in das Bett mitnahm. Der Commis Perzel war aber von Allen der Ärgste. Er stand in seinem Schnittwarengewölbe und lernte, daß ihm der Schweiß auf der Stirne stand, und vertiefte sich so in den Geist seiner Rolle, daß er jede Dame, 44 die eintrat, eine Elle Band zu kaufen, Hoheit nannte. Er hatte etwas von dem Greifen einer Rolle läuten gehört; damit wollt' er aber nicht zu rechte kommen; der Griff schien ihm das allerschwerste, bis er sich endlich entschloß, das Ding so spassig zu spielen als möglich, damit die Zuseher nur recht lachen; damit schien ihm das höchste Ziel erreicht. Der Herr von Mühlleitner hatte auch mit dem Herrn, den er anwerben wollte, (er hieß Wachsberger und war Diurnist) gesprochen, und die Rolle des Gaston an Mann gebracht. Auch Rosine hatte ihre Freundinn Therese Silber zur Annahme der Rolle der Floretta bereitwillig gefunden, und so schien Alles den besten Gang zu gehen. Der Tag der Leseprobe rückte immer näher, Alles freute sich schon darauf, denn eben die Proben, welche den Schauspielern vom Metier so sehr zuwider sind, machen eine der Hauptunterhaltungen der Diletanten aus. – Da erschien plötzlich am Abende vor derselben folgender Brief mit der Adresse des Studiosus Reitter, an welchen er auch gesandt wurde.

»Mein Herr!

»Wir haben öfters das Verknicken gehabt, Ihnen bey unsern Kussin dem jungen Herren Gsafer Bratsch in der Geseelschaft zu sehen und wir haben Sie alleweil für den Geschaidesten und galantesten von allen jungen Männern, die hinkommen, gehalten. Besonders hat 45 die ältere von uns beyden – wir schamen uns nicht es zu gestechen – sich zu Ihnen hingezogen gespürt – und denkt noch mit Wanne jenes Abends. wo sie die Rossen aus Ihneren Knopfloch genommen, und ihr mit den schönen Worten gegeben haben: Nehmen Sie hier ihre Schwester! Die Blätter dieser Rosse liegen noch immer in ihren Buch. Darum wenden wir uns auch jetzt in einer fatalen Angeleckenheit an Ihnen. Wir sollen bey der Komödi, die gespielt wird, zwey Rollen spielen, die nur so daneben daher gehen, wo gar nicht gepatscht werden kan, wann wir auch so schön aussehen als möglich. Das können und wollen wir nicht thun. Wir sind nicht dazu gemacht um Anderen Stubenmadeln abzugeben, und die Rosi ist uns noch viel zu wenig, als daß sie die Erste seyn könnt, wenn wir die Andern sind. Darum schicken mir Ihnen durch unsern Dienstbothen Kadi hier die Rollen zurück; denn an unsern Kussin Gsafer wollen wir nicht schreiben, er ist uns zu dumm und wir wissen daß er die Rosi gern sieht, und bedanken uns schön. Wir können wo anders die Diana selber spielen, wenn wir nur mögen.«

»N. S. Besuchen Sie uns, wenn Sie Zeit haben, der Papa hat nichts dawider.

Ihre Dienerinnen
Leni und Lisi Bratsch.«
       

46 Dem Herrn Studiosus Reitter kam dieser Brief sehr gelegen. Er selbst war mit der Rolle des alten Diego nicht zufrieden, und wünschte schon lange eine Gelegenheit, sich der hübschen Leni Bratsch gefällig zu beweisen. »Vielleicht können wir durch diesen Brief die ganze Donna Diana vereiteln,« sprach er zu sich selbst, steckte seine angearbeiteten Theater-Statuten in den Sack, und begab sich zur Leseprobe. Noch war Niemand vorhanden, und nur der junge Herr Xavier ordnete im Zimmer einen großen Tisch, darauf Schreibgeräthe und das Buch der Donna Diana, rund herum Stühle. Reitter grüßte und gab Xaviern stillschweigend den Brief. »Nun, da haben wirs!« schrie dieser:, »aber den beyden hochmüthigen Fliegen will ichs einbrennen. Die Mama hat ihnen immer die Kleider geschenkt, die sie ablegte; von der Stunde an bekommen sie nichts mehr.« »Aber was ist jetzt zu thun?« fragte Reitter, hinzusetzend: »Ich dächte wir ließen die Donna Diana ganz liegen, sie ist ohnedieß zu schwer zu spielen.« »Was schwer? – warum schwer? Nichts ist schwer, am allerwenigsten dieses Stück, das sich selber spielt. Man darf nur die Rolle gelernt haben und angekleidet seyn, so muß man gefallen. Und ich capricire mich einmahl auf den Cäsar, und wenn ich den nicht spielen kann, so wird gar nicht gespielt, damit Punctum!« Das war ein Argumentum ad hominem, 47 und der Studiosus Reitter lenkte ein, indem er fragte, wer denn aber nun die beyden zurück gesandten Frauenrollen spielen sollte? »Da werden wir gleich damit fertig seyn,« erwiederte Xavier. »Ich gebe sie den beyden Töchtern der Marchandemode, die in unserem Hause wohnt. Die Mädels sind in der Leihbibliothek abonnirt, und fressen alle Tage unter der Arbeit wenigstens zwey Bücher; alle Scott'schen Romane haben sie schon gelesen. Die werden doch die Paar Worte sagen können.« Gesagt gethan. Xavier ging sogleich zur Mama Marchandemode im vierten Stock hinauf, die sich ein Vergnügen daraus machte, dem Sohne ihres Hausherrn gefällig seyn zu können, und die zwey Mädchen Amelie und Theodore zitterten vor Freude, endlich einmahl bey einem Haustheater mitspielen zu können, was schon lange ihr Wunsch war. Sie gingen gleich mit hinab, um der Leseprobe beyzuwohnen.

Versammelt war bereits Alles, und die Leseprobe begann. Xavier las so schnell, daß man nur die Hälfte von dem verstand, was er sprach. Der Studiosus Reitter hingegen las so langsam und pathetisch, daß man glaubte, seine Reden nehmen gar kein Ende; dabey ließ er den Fall der Verse und das Klappen der Reime so deutlich vernehmen, daß sein Vortrag dem Geklapper einer Mühle nicht unähnlich war. Rosine las so leise, so leise, daß sie fast nur lispelte; sie behauptete, sie schäme 48 sich und könne erst dann so sprechen wie sie wollte, wenn sie in den Kleidern stecke, und auf dem Theater stehe. Die beyden Marchandemode-Mädchen waren schon kecker: die Eine las ihre Fenisa in einem sehr hohen Discant, die Andere ihre Laura in einem Contra-Alt, daß die Wände zitterten. Nur schienen sie mit der Accentuation und mit dem Dativ und Accusativ nicht ganz im Reinen: so las Amelie als Laura z. B.

Ich habe ihm gewarnt,

und Theodore als Fenisa declamirte:

Wahr mag es seyn, doch find' ich es betrübt,
Das man sie hassen soll, auch ohne sie zu kennen.

Der Studiosus Reitter machte sie darauf aufmerksam, allein sie machten ein böses Gesicht darüber, und schoben die Schuld auf die unleserliche Schrift der Rollen, worüber wieder der Practicant Mühlleitner ein böses Gesicht machte, der sie geschrieben hatte. Überhaupt gab es der bösen Gesichter viele. Xavier machte ein böses Gesicht, weil Rosine dem Souffleur, einem Herrn Sitz, ein bonbon aus ihrem Arbeitsbeutel gereicht hatte. Rosine machte ein böses Gesicht, weil sie die beyden Marchandemode-Mädchen da erblickte, denen sie schon gram war, seitdem sie sie in schönen, sammtenen Pelzen auf der Gasse hatte gehen gesehen, wozu sie selbst es noch nicht hatte bringen können. Der Studiosus Reitter machte 49 ein böses Gesicht über seine schlechte Rolle, und Herr von Rütteles, der zwar nicht selbst mitlas, weil er nicht mitspielte, aber als ein anerkannter schöner Geist der Leseprobe beywohnte, um seine Meinung zu äußern, machte ein böses Gesicht über den Vortrag vieler Stellen, und rief einmahl über das andere in seinem Dialecte aus: »I! das ist nicht recht, das müß' besser gehen. bedenken Sie doch, Xavier, daß Sie ein Ferst sind,« u. s. w. Am Ende aber verzogen sich alle bösen Gesichter und alles war darüber einstimmig, daß die Vorstellung vortrefflich gehen werde.

Man beschloß bis zum nächsten Sonntage, wo gespielt werden sollte, noch drey Proben zu halten. Der Tischler hatte das Podium aufgeschlagen, Riffler bereits die Scenen und Gardinen aus Papier zusammen gepappt, und war nun mit dem Mahlen beschäftigt. Nur die Vordergardine allein war von Leinwand. Xaviers Mama nähmlich hatte hiezu ein Paar alte Leintücher spendirt, und die beyden Marchande-modischen (so nannte man sie in der Gesellschaft) hatten sie zusammen genäht und mit Ringen zum Aufziehen versehen. Nach des Studiosus Reitter sinnreicher Angabe sollte das Gemählde auf der Vordergardine den Tempel der Kunst vorstellen, in welchem Apollo steht, mit der Leyer in der Hand, und darunter die Worte. Lasset die Diletanten zu mir kommen. Zwar 50 nicht sehr bescheiden, aber Bescheidenheit ist auch gewöhnlich nicht die Tugend der Diletanten. Tempel und Apollo wurden nun von Riffler so zierlich und steif gemahlt, als hätte er sie von einer Torte abconterfeyt. Auch die Statuten wurden sanctionirt und zu Tage gefördert, und Jedem der Gesellschaft ein Exemplar mitgetheilt: aber sie waren eben nur pro forma, und nachdem sie erschienen waren, keine weitere Rede mehr davon.

Ich übergehe die Zeit von der Leseprobe bis zur Vorstellung ganz kurz, und will nur Bruchstücke aus dieser Epoche aufführen. Die Proben wurden immer an den bestimmten Tagen gehalten, aber auch jedesmahl um eine Stunde später angefangen, als festgesetzt war, weil Einer oder der Andere immer später kam. Perzel war wider seinen Willen stets der Letzte, weil ihm oblag, das Gewölbe zuzusperren. Daß viele Zänkereyen bey diesen Proben Statt hatten, kann man sich leicht denken, denn Jeder wollte drein reden, verbessern, anordnen, und niemand wollte sich etwas drein reden, verbessern und anordnen lassen. Xaviers Mama saß immer mit dem Strickstrumpfe dabey, und weinte Freudenthränen, wenn sie hörte, wie ihr liebes Söhnlein die schönen Worte so schön herab plapperte, und bald die Stimme hob, bald senkte. Sie wußte schon die Rolle besser auswendig als er, und war so entzückt über das Genie ihres Entsprossenen, daß 51 sie bey jeder Probe einige Maß Bier und einige Dutzend Selchwürstel zum Besten gab, worein denn die Künstlergesellschaft mit Macht einhaute. Rosine und der Studiosus Reitter schienen die Rollen des Cäsar und der Diana im wirklichen Leben unter einander zu spielen, denn der Studiosus stellte sich an, als ob er sich aus der hübschen Exprofessorstochter gar nichts machte, während sie mit neidischen und glühenden Blicken die Marchande-modische Amelie zu durchbohren drohte, wenn er dieser den Arm both, um sie nach Hause zu begleiten. Die kleine Freundinn Rosinens, welche die Floretta spielte, hatte an dem Commis Perzel ihren Ritter gewonnen, und bereits hatte er in seinem Gewölbe von dem schönsten Stück Merinos auf ein Kleid herabgeschnitten, und es ihr, versteht sich insgeheim, verehrt. Riffler mahlte und bohrte und nagelte den ganzen Tag; aber noch war gar nichts fertig, nicht einmahl die kleinen Versetzstücke. Thüren, Lauben u. s. w. In Ermanglung derselben stellte man sich an die Plätze derselben Stühle, um zu bezeichnen, wo man aus- und einzugehen, zu sitzen und zu stehen habe. Allein heute war's so ausgemacht und morgen wieder anders, und so wußte zuletzt doch Keiner wieder wo aus und ein. Der Lehrjunge Perzels, zwey Schreiber vom Comptoir des alten Bratsch und der Sohn des Hausmeisters waren zu den Hofbedienten beym Einzuge bestimmt. Die 52 Einzugsmusik sollte das Orchester spielen, zu dessen Direction ein junger Philosoph (das ist ein Hörer der Philosophie) genommen wurde, der bey dieser Gelegenheit ein von ihm componirtes Saiten-Quartett aufzuführen beschloß. Die Stelle der Laute mußte natürlicher Weise ein Clavier hinter der Scene vertreten. Der Gesang, welcher in der Scene gesungen werden muß, wurde von dem oben berührten Philosophen der Melodie des Holzhauer-Chors aus dem Rothkäppchen unterlegt, und er übernahm es, zu dessen Absingung auch Diletanten zu verschaffen.

Somit kam nach und nach Alles in's Reine. Nur die auszugebenden Billete und die Garderobe machten noch Einiges zu schaffen. Die Billete sollten vor allem schön und nobel aussehen, sie mußten also gestochen werden, und die Theaterkasse war arm; denn außer dem, was der junge Herr Xavier gleich Anfangs hinein gelegt hatte, war noch nichts eingegangen. Den zu spät Erscheinenden, den Schwätzern bey der Probe u. s. w. waren zwar schon Strafen andictirt worden, allein wenn's auf's Äußerste kam, so drohten sie, ihre Rollen zurück zu geben, und somit blieb's beym Alten. Stich, Papier und Abdruck kam aber auf 30 fl. C. M. zu stehen. – Woher nehmen? Da mußte der Papa Bratsch herhalten. Der Mann war gewohnt, alle Abende zwischen sechs und acht Uhr seine drey Rhober Whist im nahen Kaffehhause zu spielen. Er 53 fürchtete sich schon auf den Abend, an dem er zu Hause sitzen, schwitzen und eine langweilige Komödie mit anschauen sollte. Es wurde ihm also von seiner Frau unter die Füße geschoben, daß er deßwegen sein gewohntes Leben nicht zu unterbrechen brauche, für welche gnädige Dispens er aber die Eintrittskarten bezahlen müsse, welches er mit Vergnügen that, denn Geld hatte er genug. Nach der Angabe Reitters wurden auf die Eintrittskarten folgende Worte gestochen, auf daß die Karte alle Sprachen enthielte, als ob sie zur Ansicht des babylonischen Thurmbaues ausgegeben würde:

Entrée-Billet

zu den dramatischen Darstellungen in der Krongasse Nr. 512
in der zweyten Etage links die Thüre.

am                         1825

nur für eine Person gültig

(Honni soit qui mal y pense)

On commence à sept heure.

(Oben war eine Leyer und unten eine Larve angebracht.)

Mit der Vertheilung der Billeten war's nun auch eine schwierige Sache. In den Statuten war ausgemacht, daß Keiner der Mitspielenden mehr als drey Karten erhalten sollte, allein dieser begehrte in's Geheim noch zwey, und Jene noch vier, und dieser musikalische Diletant mußte zwey Billeten erhalten, sonst spielte er nicht mit, und 54 sogar der Hausmeisterssohn verlangte für seine Mühe für seinen Herrn Firmpathen, einen Amtsdiener, ein Billet. Man mußte geben und geben, und so kam es, daß, während in dem beschränkten Zuseherplatze nur für 50 Personen Raum war, man 80 Eintrittskarten vertheilte, während außerdem noch Xaviers Mama sich die ersten beyden Reihen Stühle für ihre Bekannten vorbehalten hatte.

Es ist wirklich sonderbar, daß sich so viele Leute dazu drängen, auch das Schlechteste mit anzusehen, wenn's nur nichts kostet, daß sie schwitzen und lange Weile haben, und sich doch nicht darüber beklagen, wenn nur ein Abend ohne Kosten dabey verflossen ist, und daß sie, wie das Sprichwort sagt, einem geschenkten Gaul nie in's Maul schauen. Dieses Drängen nun nach Eintrittskarten sah aber unsere Diletanten-Gesellschaft schon mit Stolz als eine gerechte Vor-Anerkennung ihrer Talente an.

Die Garderobe mußte nothwendiger Weise von einem Theater ausgeborgt werden, allein bey dem ersten Theater waren die angemessensten Verbothe hinsichtlich des Ausborgens der Gewänder bey Cassation an die Aufseher der Garderobe ergangen; die Garderobe des zweyten Theaters war unter Schloß und Riegel gehalten, man mußte sich also an das dritte wenden, bey welchem Xavier Bekanntschaft mit einem Mitgliede des Ausschusses hatte, durch welches er die Erlaubniß erwirkte, für diese 55 Vorstellung das Nöthige ausborgen zu dürfen. Man verhieß dem ersten Garderobe-Schneider eine gute Belohnung, schrieb ihm alles auf, was man brauchte, und dieser versprach, das ganze Costume am Tage der Vorstellung selbst Morgens bis neun Uhr zu bringen.

So kam der sehnsuchtsvoll erwartete Tag immer näher. Alle Augen glühten im Bewußtseyn des einzuerntenden Ruhmes, alle Billeten waren vergeben. Man konnte sich auf dem Theater gar nicht satt stehen, mächtig zogen die Breter ihre Opfer an, und wer nur eine Viertelstunde übrig hatte, der brachte sie dort zu. – Der arme, alte Herr von Bratsch mußte sogar die drey letzten Tage hinter einander mit seiner Frau und seinem Sohne auf der Bühne sein Mittagmahl einnehmen. – An alle ersten Schauspieler der Residenz hatte man Eintrittskarten zu bringen gewußt, im Bewußtseyn ihnen zu zeigen, wie man spielen müsse. An die Eingangsthüre und an die beyden Seitenwände waren Komödienzettel angeschlagen, und zwar mit der Bezeichnung der Nahmen der Spielenden. Xavier hatte schon eine Rede auswendig gelernt für den sichern Fall, hervor gerufen zu werden, und dem Studiosus Reitter war zugestanden worden, einen Prolog zu sprechen, den er sich selbst verfaßt hatte, und worin die Worte Kunst und Künstler sieben und zwanzig Mahl, die Worte Tempel, Thalia und Altar, vierzehn Mahl vorkamen.

56 Nun war der Sonntag, an welchem die Sonne der Verherrlichung über unserem Künstlervölkchen strahlen sollte, erschienen. Die Lust, entspringend aus der sichern Voraussetzung des besten Erfolges, stand auf dem höchsten Gipfel. Der Commis Perzel ging den ganzen Vormittag über den Graben und Kohlmarkt auf und nieder, und meinte, es müsse ihn ein jeder Vorübergehender darum ansehen, daß er heute den Perin in der Donna Diana spiele. Die Mädchen, welche sich die Kleider alle selbst gemacht, und allen Schmuck, den ihre guten Freundinnen besassen, ausgeborgt hatten, liefen in aufgedrehten Haaren herum, und probirten vom frühesten Morgen an, ob ihnen Alles auch genau passe; der Herr Orchester-Director und Philosoph machte eine Probe von den im Stücke vorkommenden Musikstücken und von seinem neuen Quartette, bey welchem gewisse Stellen doch nie recht zusammen stimmen wollten. Darunter nagelte der Maschinist Riffler noch auf der Bühne die letzten Versetzstücke an, so, daß die Spielenden ihre eigenen Töne nicht vernahmen. Reitter ging zu Hause seinen Prolog zum hundertsten Mahl durch; Xavier ging auf der Bühne selbst herum, und übte noch gewisse Stellungen und Abgänge, auf welche er sich Etwas zu Gute that, ein. Der Hausmeisterssohn war damit beschäftigt, die Stühle und Bänke im Zuseherplatze zurecht zu stellen. Der Practicant überhörte den Diurnisten, und 57 der Diurnist vice versa den Practicanten in ihren Rollen. Selbst der Souffleur kam mit seinem Buche, und setzte sich in sein Loch, weil er meinte, auch das Sitzen und das Läuten müsse probirt werden, und der schöne Geist Rütteles ging überall herum, und hatte überall eine Ausstellung, und überall ein bon mot anzubringen.

Es schlug Mittag, und der wortbrüchige Garderobe-Schneider war mit der bestellten Garderobe noch nicht gekommen. Xavier war in der größten Bangigkeit; denn die Kleider mußten doch vorher besehen, sortirt, anprobirt werden. Er nahm sich einen Fiaker, und fuhr zu dem zaudernden Menschenbedecker. Himmel! Er war nicht zu Hause, man wußte auch nicht, wo er sey, da er am Sonntag immer bey seinem Vetter, dem Salzversilberer, in einer Vorstadt speist. Xavier erkundigte sich näher um die Wohnung des Salzversilberers, stürzte über die Stiege hinab, und in den Wagen hinein, indem er dem Fiaker zurief: »Nach . . . . Dorf. Mit zornentbranntem Gesichte, im Begriffe, dem Schneider seine Schändlichkeit vorzuwerfen, trat er in des Salzversilberers Zimmer, wo man eben am Tische saß, und der Schneider mit hinaufgeschobenen Hemdeärmeln einen ungeheuern Indian nach allen Regeln der Vorschneidekunst zergliederte. »Herr!« schnarchte ihn Xavier an, »ist das eine Art? die Garderobe! die Garderobe!«

58 Der Schneider (ohne sich stören zu lassen). Wird schon kommen, ist ja noch Zeit genug, Sie werden ja nicht zu Mittag spielen?

Xavier. Aber sie haben die Kleider ja Vormittag zu bringen versprochen?

Schneider. Hab' keine Zeit gehabt.

Xavier. Wir müssen doch alles erst probiren.

Schneider. Was ich bring' wird schon recht seyn, ich habe die schönsten altdeutschen Kleider zusammen grechtelt, die wir haben.

Xavier. Aber das Stück ist ja spanisch, nicht altdeutsch.

Schneider. Spanisch oder altdeutsch, das ist ein Kaffeh. Sie werden gewiß damit zufrieden seyn.

Xavier (bessere Seiten aufziehend). Herr! ich habe einen Wagen bey mir, fahren Sie wenigstens jetzt gleich mit mir, um die Garderobe zu hohlen.

Schneider. Jetzt? Nun das ging mir ab, daß ich mich wegen einer solchen Hauskomödie beym Essen auch noch geniren sollte.

Xavier (ihm in's Ohr). Wenn Sie mitgehen, so bezahlen wir Ihnen für die geliehene Garderobe 10 fl.

Schneider. Unter 10 fl. könnte ich's ohnedem nicht thun.

Xavier (wie oben). Also noch 5 fl. mehr. 59

Schneider (steht auf, legt die Serviette weg, und trinkt noch ein volles Glas Wein aus). Ich muß schon. Adieu, Herr Vetter und Frau Mahm! Heute kann ich schon nimmer auf den delicaten Neunzehner warten, muß fort; denn was das für ein Kreuz mit den Hauskomödien ist, das ist schon fürchterlich. Es gibt bey uns, bey der großen Komödie, auch Leute, mit denen nicht auszukommen ist, aber die kleinen Komödianten sind noch ärger; (leise zum Salzversilberer) aber schwitzen müssen sie, und da tragt's doch Etwas. Adieu, Herr Vetter, nichts für ungut.

Der Schneider fuhr mit Xavier, und solcher Gestalt war doch die Garderobe bis drey Uhr Nachmittags beysammen, zu welcher Stunde der alte Herr von Bratsch schon gewaltig brummte, daß er wegen längerer Abwesenheit seines Sohnes nicht zur Mittagssuppe kommen konnte. Da aber seine Frau behauptete, einem edlen und schenialischen Gemüthe müsse die Kunst über Alles geben, und sie liebe das an ihrem Sohne, so schluckte der alte Herr seinen Ingrimm hinunter und schwieg.

Das Costüm war eben nicht das richtigste, aber doch ziemlich honett, und mitunter sogar glänzend, nur für die Hofbedienten hatte der dumme Schneider vier Schweizerkleider aus dem Wilhelm Tell gebracht, worüber man aber hinaus ging. Alles übrige sah wenigstens nicht übel aus, wenn's eben auch nicht gerade spanisch war.

60 Um vier Uhr kamen schon die Mägde der Frauenzimmer (bey dem Theater immer Damen genannt), bepackt mit Cartonen und Schachteln und Spiegeln, und nicht lange nachher erschienen die Damen selbst, in Mäntel und große Hüte gehüllt. Auch die Herren fanden sich ein, unter denen der erste und eifrigste jener war, der um halb sieben Uhr noch Zeit gehabt hätte zu kommen, nähmlich der Souffleur. Alles fand sich im Garderobezimmer, welches gleich hinter dem Theater gelegen war, ein; die Damen fingen gleich an sich anzukleiden. Die jungen Herren aber stellten sich noch ein Stündchen hinaus an die Hausthüre, zu welcher Xavier seinen Stiefelputzer, einen alten barschen Invaliden, gestellt, und ihm auf's strengste eingeschärft hatte, keine Person ohne Billet einzulassen. Die jungen Herren wollten nähmlich an der Hausthüre die Leute sehen, die da kämen, und auch sich von den Leuten ansehen lassen; denn Diletanten geben sich alle erdenkliche Mühe, den Leuten zu wissen zu machen: »Seht da ihr Leute! Wir sind diejenigen, die das große Kunstwerk beginnen!«

Schon fanden sich nach und nach alte Frauen und Herren, die einen bequemen Sitz zu erhalten wünschten, ein, und brachten mitunter einen ganzen Rudel von Kindern mit, die aber Bertram der Invalide, obschon die Ältern kein Billet für sie mitbrachten, dennoch 61 einließ, weil ihm Xavier aufgetragen hatte, keine Person ohne Billet einzulassen, Kinder aber, seiner Meinung nach, keine Personen waren. Der alte Herr Bratsch aber huschte, so schnell er konnte, hinaus.

Endlich mußten auch die an der Hausthüre sich zeigenden jungen Herren zum Ankleiden in die Garderobe wandern, und da nun Zuseher und Spielende von einander getrennt waren, und jeder Theil eine abgesonderte Gesellschaft ausmachte, so kann ich dir, mein lieber Leser, auch nur von jeder der beyden Gesellschaften ein abgesondertes Bild entwerfen. Höre also:

I. Wie gings auf der Bühne vor Anfang des Stückes zu?

Alles kleidete sich an. Dem war eine Weste zu kurz, jenem ein Paar Hosen zu weit, hier ward Amelie gebethen, einen Knopf anzunähen, dort Theodore ersucht, ein Band zu befestigen. Die guten Marchande-modischen ließen sich zu Allem herbey. – Xavier schrie um Schminke. – Reitter verlangte Pinsel und schwarze Farbe, um sich einen Bart zu mahlen. Es waren nur zwey Spiegel in der Garderobe, zu denen Jeder treten wollte. Um alles Verlangte zu hohlen, und hin und wieder zu rennen, dazu war der Hausmeisterssohn aufgestellt, der auch Jedem mit Leib und Seele diente, und die hohe Ehre, mit beym Haustheater zu seyn, mit der treubeflissensten 62 Dienstwilligkeit zu verdienen trachtete. – Ja, sogar die Bande des Blutes vergaß er ob der Komödianten-Ehre, und als Perzel, der glaubte, seine Rolle müsse sich noch spassiger machen, wenn er den Perin dickbauchig spiele, schrie. »Sebastian! einen Polster zu einem Bauche!« so lief unser Hausmeister-Sebastian schnurstracks hinab in die Hausmeisterwohnung, riß seinem kleinen, einjährigen Bruder den Polster unter dem Kopf aus der Wiege heraus, und brachte ihn noch ganz warm dem Commis Perzel hinauf. – In einer der schrecklichsten Verlegenheiten befanden sich die Damen, denn – o Himmel! der bestellte Friseur war noch nicht zugegen. Der Mensch hatte vermuthlich bey den öffentlichen Theatern heute so viel zu thun, und zog, – gemein genug, das Metier der Kunst vor. Auch hier mußten die Marchande-modischen aushelfen, und thaten es mit so vieler Bereitwilligkeit, frisirten Rosinen und ihre Freundinn, welche die Floretta spielte, so schön und geschmackvoll, daß die erstere allen Groll wegen der Pelze vergaß, und Theodoren um den Hals fiel, als diese ihr den Spiegel vorgehalten, und sie sich darin besehen hatte. Als man angekleidet war, versteht es sich von selbst, daß Eines dem Andern sagte: Sie sehen prächtig aus. Rütteles kam auf die Bühne, um die Damen zu schminken, auch einige junge Herren bathen ihn darum. – Perzel, um recht komisch auszusehen, hatte 63 sich die Augenbraunen recht schwarz gemahlt, und auf die linke Backe ein englisches Pflästerchen geklebt, und mußte, wenn er sich in einem Spiegel besah, über sich selbst lachen, welches auch pflichtschuldigst alle Andern thaten, als sie ihn so ausstaffirt erblickten. Während des Ankleidens ließ der alte Invalide an der Hausthüre alle Augenblicke einen von den Spielenden aus der Garderobe rufen, weil ein Herr da sey, der keine Eintrittskarte besitze, und sich auf ihn berufe. Da die Herren nicht angekleidet sich sehen lassen konnten, so hieß es dann immer: »Ich weiß schon, das ist der und der, soll ihn nur hinein lassen!« Als dieß zu oft geschah, protestirten Reitter und Xavier im Nahmen der Theater-Statuten dagegen, allein der Diurnist Wachsberger sagte: »Das ist mein Onkel mit seinen zwey Söhnen, die erst heute angekommen sind, da ich meine Billeten schon vergeben hatte, und wenn man sie nicht herein läßt, so ziehe ich mich aus und spiele gar nicht.« – Was war zu thun, als nachzugeben? – Noch muß ich erwähnen, daß Riffler vergessen hatte, ein Loch in die Vordergardine zu schneiden, um den Spielenden Gelegenheit zu geben, das Auditorium zu besehen. Alles lief also an die Seitentheile der Gardine, schob diese zurück, und konnte sich nicht satt sehen an den vielen Kunstkennern, von denen man heute angestaunt werden wird. Besonders hatten die 64 Marchande-modischen diesen Platz in Besitz genommen, und sich durch Blicke mit zwey jungen Herren unterhalten, deren Einer, man denke, so kühn war, später selbst vom Zuseherplatze die Gardine zurück zu schieben und den Kopf auf die Bühne zu stecken. Überhaupt wollten mehrere junge Herren auf die Bühne selbst gehen, und sich dort umsehen, die aber Xavier recht empfindlich mit den Worten abwies: »Verzeihen Sie, auf die Bühne darf Niemand.« Während man von oben auf die Zuseher hinab guckt: wollen auch wir hinab steigen und

II. sehen: Wie ging's im Auditorium vor Anfang des Stückes zu?

Es war zum Erdrücken voll, und in dem nicht sehr hohen Salon so heiß, daß ich mit Rheuma Behafteten ihre Genesung hätte prophezeyen mögen. Die Papa's und Mama's, Onkels, Tanten, Muhmen der Spielenden machten mit einander Bekanntschaft, und sagten sich im Voraus schon Verbindliches über das zukünftige Spiel der lieben Anverwandten. Ein kleines Gespräch ist hier wohl zur Versinnlichung der Sache am rechten Orte:

Frau v. Sitz (zu Frau von Heiling, der Mutter Marchandemode). Ach! gehorsamste Dienerinn, treffen wir uns auch da?

Frau v. Heiling. Natürlich, gnädige Frau – meine zwey Mädeln spielen ja auch mit. 65

Frau v. Sitz. So? Nun das freut mich, die werden ihre Reden schon zu setzen wissen, sind ja gebildende Frauenzimmer. Was machen sie denn für Charakteurs?

Frau v. Heiling. Sie spielen die zwey Schwestern, haben zwar nicht so viel zu reden, als die Diana selbst, aber man hat sie dazu genommen, weil die Schwestern in dem Stück sehr schön seyn müssen, und eine noble Art haben müssen.

Frau v. Sitz. Ah! das begreif ich. (Reden leise weiter.)

Der Student A. (zum Studenten B.). Du, das wird eine saubere Komödie werden. Du, ich bitte dich, zwicke mich, daß ich nur nicht lache.

Der Student B. Lache du nur zu, ist ja ein Lustspiel, da muß man ja lachen.

Der Student A. Der Reitter hält einen Prolog.

Der Student B. Ja, den er selbst gemacht hat. Hat in der Poesie lauter zweyte Classen gehabt, und will einen Prolog machen.

Der Student A. Das kleine Marchandemode-Mädchen ist auch dabey.

Der Student B. Nun die wird wieder die Augen herum werfen. (Gehen von einander.)

Der dicke Exprofessor Mappe (zum Herrn v. Zeller). Es ist nicht auszuhalten. das ist eine 66 schreckliche Hitze. Wenn meine Rosi nicht mitspielte, ich wäre schon beym Tempel draußen; aber ich glaube das Mädchen hat Genie. Und das Stück soll auch sehr gut seyn.

Herr v. Zeller. Haben Sie es denn nie in unserem Hoftheater gesehen?

Exprofessor. Niemahls. Ich gehe nicht hinein. Die Leute spielen alle nicht nach der Regel, haben kein ästhetisches Gefühl. Wenn ich Director wäre, es müßte anders seyn.

(Eine Frau setzt sich in die vorderste Reihe von Stühlen.)

Die Frau v. Bratsch (tritt zu ihr). Verzeihen Sie, die Stühle sind für meine Bekannten, ich bin die Frau vom Hause.

Die Frau. Hinten ist ja kein Platz mehr.

Frau v. Bratsch. Das thut mir leid, aber diese Stühle sind schon bestimmt.

Die Frau. Ich werd aber doch da sitzen.

Frau v. Bratsch. So? Wer sind Sie denn?

Die Frau. Ich bin die Frau von Silber, die Mutter von der Fräule, die in dem heutigen Stück das Kammermädel spielt, und wenn ich keinen Platz bekomme, so geh ich hinauf auf die Komödie, und nimm meine Tochter und geh mit ihr fort, und das Theaterspielen ist aus.

Frau v. Bratsch. Nun setzen Sie sich nur nieder. (Für sich.) Sind das Leute!

Ein sehr eleganter Herr (zu einem andern). Warum sie denn so lange nicht anzufangen kommen.

Der Andere. Es geht immer so in die Länge bey Hauskomödien.

Der Erste. Sie geben heute ein sehr schönes Stück, aber einer fehlt dabey; der junge Rütteles, haben Sie den jungen Rütteles schon gesehen spielen?

Der Andere. Ich habe gar nicht die Ehre den Nahmen zu kennen.

Schon war die Uhr halb acht und noch immer fing das Stück nicht an. Auf dem Theater oben waren sie in der größten Angst, sie fürchteten, ohne Musik anfangen zu müssen; denn der philosophische Musik-Director mit seinen Diletanten war noch nicht zugegen. Endlich kam er mit Schweiß begossen, und die Kunst ging los.

Über Darstellung, Spiel und die einzelnen Theile derselben erlasse man mir zu sprechen, ich will ja nur ein Lebensbild zur Unterhaltung schreiben, und müßte hierbey eingehen in das Innere der Kunst, um zu beweisen, daß nicht Kunst sey, was so viele für Kunst halten, und wo bewiesen wird, da pflegen sich gar wenige Leute zu unterhalten. Darum sey im Allgemeinen gesagt, daß die herrliche Donna Diana herunter gespielt wurde, so, wie – man's eben in's Haus braucht; daß oben viel declamirt, geweint, geschrien, gewinselt, gespaßmacht, 68 und unten entsetzlich viel geklatscht wurde; daß die oben meinten, es könne gar nicht mehr besser seyn, als es wirklich wäre, und die unten ganz damit einverstanden waren; daß die oben sehr wenig leisteten und die unten noch weniger verlangten; daß die oben nur zum Spaß spielten, und die unten sich im Ernst unterhielten; daß die oben einander am Schlusse in die Arme fielen, vor Freude darüber, daß alles so vortrefflich gegangen sey, und daß unten die Papa's und Mama's dasselbe thaten aus Freude über ihre künstlerischen Kinder. Kurz, daß am Ende Alle hervor gerufen wurden, und man oben und unten mit der höchsten Zufriedenheit das Haustheater verließ. Nur muß ich noch anmerken, daß die Spielenden nach dem Fallen der Gardine mit ihren Anzügen unter die Zuschauer herab kamen, um von allen Seiten noch das ihnen gebührende Lob einzuernten, und daß endlich Frau von Bratsch ein großes Souper gab, bey welchem noch alles Lob wiedergekaut und ausgemacht wurde, daß man die herrliche Unterhaltung den ganzen Winter hindurch fortsetzen wolle.

Zwey Tage nachher brachte ein Bedienter einen Brief an Xavier adressirt. Er ward geöffnet und man fand darin eine anonyme Recension, in welcher die Ausdrücke: »er hat sich selbst übertroffen, er hat sehr wacker gespielt, er ist in das Tiefste der Kunst eingedrungen, in dieser 69 Stelle war sie classisch, er hat das Höchste erreicht – hierüber ist nur eine Stimme u. s. w. u. s. w. in Hülle und Fülle vorkamen, und worin es am Ende hieß: Man bemerkte im Geiste des Ganzen die Leitung eines genialen Kopfes.« Die Gesellschaft ließ sichs nicht nehmen, Rütteles sey der Verfasser dieser Recension.

Den ganzen Winter hindurch wurde fortgespielt, und was war endlich am neuen Jahre das Ende vom Liede? daß sich Reitter und Rosine vereinigten, indeß sich Xavier mit Rosinen entzweyte, daß Mühlleitner den Diurnisten Wachsberger über die Stiege warf; daß Amelie aus dem Hause ihrer Mutter ging, und als Kammerjungfer bey einer Gräfinn in Dienste trat, weil sie sich mit Theodoren nicht mehr vertragen konnte; daß Perzel von seinem Principalen weggejagt wurde:, daß Reitter zweyte Classen bekam, und Mühlleitner, der seinen Dienst vernachlässigte, ewig practicirte; endlich daß der Hausmeisterssohn seinem Vater davon lief und sich bey einer herumziehenden Truppe engagiren ließ.

Das ist das Loos des Schönen auf der Erde. 70

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