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Wiener Lebensbilder

Ignaz Franz Castelli: Wiener Lebensbilder - Kapitel 6
Quellenangabe
typesketch
booktitleWiener Lebensbilder
authorIgnaz Franz Castelli
yearca. 1995
noteFaksimiledruck der Ausgabe von 1828
firstpub1828
publisherReperio-Verlag
addressWien
isbn3-85168-000-7
titleWiener Lebensbilder
pages202
created20101006
sendergerd.bouillon@t-online.de
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IV.
Die Lotto-Collectur.

Ich pflege manchmahl einen Spaziergang in die entlegensten Vorstädte zu machen, ich sehe dort immer etwas Neues und Interessantes. Neue Gassen, neue Häuser, neue Mädchen, neue Menschen, möcht' ich sagen. Gewiß kommt es selbst einem eingebornen Wiener, wenn er sich des Jahres einmahl nach einer der entferntesten Vorstädte verirrt, so vor, als ob er zwanzig Meilen weit von der Residenz entfernt wäre.

Vor einigen Tagen macht' ich eben wieder einen solchen Spaziergang und schlenderte durch eine Hauptstraße, einer der volkreichsten Vorstädte, als ich schon von Ferne einen Haufen Menschen vor einem Hause versammelt sah. Ich dachte, es habe sich vielleicht ein Unglück ereignet, und eilte hinzu, fand aber die Menge in sonderbaren Gruppirungen und im eifrigsten Gespräche vor einer sogenannten Lotto-Collectur stehen, wo man eben die heute gezogenen fünf Lottotreffer zu Jedermanns Ansicht mit großen Nummern auf eine schwarze Tafel geschrieben hatte. Alle Anwesenden sahen mit Begierde darauf, 32 und was ich so vor, hinter und neben mir von den Gesprächen erhaschen konnte, zeichne ich hier auf.

Ein Weib (vor mir, indem sie beyde Hände in die Seite stemmt, zu einer andern, welche Brillen aufgesetzt hat, um die Nummern besser zu sehen). Sind das auch Nummern? Nein, eine so dumme Ziehung ist mir noch nicht vorgekommen.

Die Andere. Die Nummern sind gescheit, aber ich war eine dumme Gans. Zehnmahl nach einander hab' ich den Terno gesetzt, ist kein's von allen drey Nummern gekommen; dießmahl hab' ich sie ausgelassen, jetzt sind sie alle drey da.

Die Erste. Was ich einmahl setze, dabey bleib' ich, und wenn ich keinen Kreuzer mehr habe, und die letzten Hosen meines kleinen Buben in's Versatzamt tragen sollte, der Mensch muß Charakter haben.

Die Andere. Die Frau Gevatterinn kennt doch die Köchinn des Sollicitators in unserem Hause?

Die Erste. Freilich kenn' ich sie, die Person trägt jetzt sogar einen sammtenen Spencer.

Die Andere. Kann ihn leicht tragen, hat ja in der letzten Ziehung einen Terno gemacht.

Die Erste. Ah nein! 33

Die Andere. Ah ja, mit drey Nummern, die ihr geträumt haben.

Die Erste. Da kann man sehen. Mir hilft kein Traum. Mir hat dreymahl hinter einander geträumt, mein Mann sey in einen Hirsch verwandelt worden, ich habe gemeint, das sey gewisses Geld; der Hirsch ist der klare Siebenundzwanziger, hab' ihn gesetzt, ist doch nicht gekommen.

Die Andere. Ey! ey! ey!

(Beyde traten weiter sprechend in die Lotterie-Collectur.)

In diesem Augenblick hört' ich einen Holzhauer neben mir laut auflachen. »Was gefällt dir denn so, Hans?« fragte ihn ein Maurer.

Der Holzhauer. Ha! ha! ha! – schau einmahl her Christian, dasmahl ist er da, der umgekehrte Sechser, Einen Gulden hab' ich darauf gesetzt. – Halloh, vierzehn Gulden sind mein!

Der Maurer. Was thust du denn jetzt mit dem Geld?

Der Holzhauer. Einige Gulden spendire ich meiner Gurgel, und das übrige trag' ich wieder in die Collectur. Mit einem Extract bin ich nicht zufrieden, ich muß einen Terno haben. Drey Nächte hindurch seh' ich schon eine Spinne, die Spinnen bringen Glück, diese Spinne setz' ich. 34

Der Maurer. Verspinn dich nur nicht.

Eine alte Frau, die in der Nähe stand, wurde jetzt, nachdem sie zuvor starr auf die Treffer geblickt hatte, ohnmächtig, man beschäftigte sich um sie, und brachte sie wieder zur Besinnung zurück. Die Alte stand auf, blickte noch einmahl die Treffer an, griff dann in ihren Busen, zog ein Papier heraus, verglich die darauf gedruckten Nummern mit den auf der Tafel geschriebenen, und schrie laut: »Gewonnen! gewonnen! einen Terno! oh! oh! ich bin glücklich auf Zeitlebens!« und stürzte davon.

»Um ein Aug' ist die Kuh blind,« hört' ich jetzt einen kleinen zerlumpten Kerl hinter mir sprechen, indem er sich eine Pfeife stopfte. »Bey der Linzer-Ziehung soll man gar nicht setzen, dort ziehen sie lauter verzwickte Numero.«

Ich trat nun in die Collectur selbst, um zu sehen, wie es auch da drinnen zuging. Ein ältlicher, kleiner, buckeliger Mensch und eine Frau saßen hinter einem langen, mit Protokollen vollgelegten Budentisch, und schrieben auf kleine, fingerlange Zettelchen die Treffer, die sie den Herandrängenden unentgeltlich austheilten. Bey manchen bekannten Kunden ging das nicht ohne Anmerkungen ab, so sagte der kleine Mann zu einer Frau, indem er ihr den Zettel gab: »Was hab' ich prophezeyt, die Dreyßiger haben dießmahl die Vorhand?« und 35 zu einer andern: »Thu die Frau für's künftige Mahl den Sechser stürzen, in diesem Monath leidet er's schon!« – Zu einer Frau, welche mit ihrem kleinen Kinde da stand, um die Nummern in Empfang zu nehmen, sprach die Collectursfrau: »Nu, nu, die Händchen der kleinen Fräule waren halt auch nicht glücklich, sie hat die unrechten heraus gezogen;« und die Frau erwiederte zornig: »Zum Essen ist die Flitschen gut genug, aber sonst kann sie nichts!« sie stieß das arme kleine Wesen zur Thüre hinaus, und ging.

Das Gesurre und der Lärm wurden mir zu toll, und ich ging auch. Vor der Thüre standen noch zwey Schusterjungen und führten folgendes Gespräch:

Der Eine. Schau! hab wieder keinen Terno gemacht.

Der Andere. Hast du denn gesetzt?

Der Erste. Nein, aber wann's seyn soll, so geht eine Butten los. 36

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