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Wiener Lebensbilder

Ignaz Franz Castelli: Wiener Lebensbilder - Kapitel 5
Quellenangabe
typesketch
booktitleWiener Lebensbilder
authorIgnaz Franz Castelli
yearca. 1995
noteFaksimiledruck der Ausgabe von 1828
firstpub1828
publisherReperio-Verlag
addressWien
isbn3-85168-000-7
titleWiener Lebensbilder
pages202
created20101006
sendergerd.bouillon@t-online.de
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III.
Der Hausball.

Es gibt Leute, welche auf das Vergnügen Anderer speculiren, und da es ihre Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft nicht gestattet, öffentlich diese Speculation zu unternehmen, so treiben sie selbe heimlich. Hilf, was helfen kann, wir wollen darüber nicht richten. besonders da das Fas Niemand zur Unehre gereichen kann, und da es die Zeit und die Umstände oft nothwendig machen, daß man sich sein liebes Stücklein Brot zusammen bröckelt.

Ein guter Bekannter, der eigentlich den Allerweltsdiener macht, und bald Concert-Billete, bald Eintrittskarten in die Redoute, bald Subscriptionen auf Gedichte, zu deren Herausgabe der Verfasser von seinen Freunden gezwungen worden ist, bald Lose zu auszuspielenden Uhren, Pfeifenköpfen und Lichtschirmen in der Tasche trägt, und sie Jedermann aufnöthigt, both mir neulich auch ein Ball-Billet an: »Nehmen Sie ein Billet,« sagte er, »gehen Sie hin, Sie werden sich vortrefflich unterhalten, schönes Locale, prächtiges Soupée, noble Gesellschaft, und vor allem die schönsten Mädchen.« – Ich dankte. – »Nein, 16 Lieber!« versetzte er, »Sie müssen ein's nehmen. Der Unternehmer, ein angesehener Mann, sucht keinen Nutzen, er will nur eine lustige Gesellschaft bey sich versammeln. Dazu passen Sie ganz; Sie werden mir es danken, spendiren Sie sich für eine angenehme Nacht die sechs Gulden« und damit nöthigte er mir das Billet in die Hand, wofür ich ihm in's Himmelsnahmen die sechs Gulden reichte.

Ich steckte die Karte in meine Brieftasche und dachte gar nicht mehr daran. Der Abend des nächsten Samstags war einer von den äußerst wenigen im Jahre, wo ich nicht recht wußte wohin damit. Die Theater gaben nichts, was mich interessirte, einen guten Freund hatte ich besuchen wollen und ihn nicht zu Hause gefunden: so kam es denn, daß ich im Kaffehhause saß, die Zeitungsblätter durchschaute, und ein Gläschen Liqueur trank. Als ich mein Brieftäschchen heraus zog, um zu bezahlen, fiel mir das Billet in die Augen. Ich las es jetzt erst. Es stand darauf: »Entreebillet sur le bal de 22. Decembre donné à la cité de S. Leopold a la petite rue de voiturier Nro. 103 bon pour un homme. On commence à 8 heure du soir, et on se separe à 3 heure du matin en frac.« Ich mußte über dieses kauderwälsche Französisch laut auflachen, und in diesem Augenblicke war es auch bey mir beschlossen, den Ball zu besuchen.

17 Nachdem ich zu Hause mich umgekleidet hatte, nahm ich mir einen Fiaker und fuhr, es mochte neun Uhr vorüber seyn, in die cité de St. Leopold, a la petite rue du voiturier, woraus ich mit all' meiner Übersetzungsgewandtheit nur mit Mühe die kleine Fuhrmannsgasse heraus gefunden hatte. Dort angelangt, stieg ich aus, und suchte die angegebene Nummer 103 zu erspähen, allein vergebens, die Nacht war zu finster. Ich blickte überall herum, ob ich denn nirgends Fenster beleuchtet sähe, allein Alles war rabenfinster, und es blieb mir nichts übrig, als in das, dem Ansehen nach schönste Haus einzutreten, worin ich mich, da der Hof gar nicht beleuchtet war, nur mit Mühe, mit Hilfe des Glockendrahtes, bis zur Hausmeisterwohnung zurecht tappte, anpochte und fragte, ob dieses Haus die Nummer 103 trage, und ob hier ein Ball gegeben würde? »Ja,« sagte der Hausmeister, »hinten im zweyten Stocke, beym Sollicitator Maus,« und schlug die Thüre mir wieder vor der Nase zu. »Sollicitator« dacht' ich bey mir selbst, »nun der Mann weiß doch wenigstens quid juris und kennt die Laesio ultra dimidium, ich werde also doch wenigstens für meine sechs Gulden sicher für drey Gulden Unterhaltung finden, steigen wir also hinauf zu dem Herrn Sollicitator Maus.«

Die hintere Stiege war eine Schneckenstiege und ziemlich spärlich beleuchtet, so daß ich bald über einen Herrn 18 gepurzelt wäre, der zwischen dem ersten und zweyten Stocke auf einer Stufe saß, sich da der schmutzigen Stiefel entledigte, die er einem Knaben zum Wegtragen gab, und sich mit Strümpfen und Schuhen in Ballstaat versetzte. Im zweyten Stockwerke zeigte mir endlich ein beleuchtetes Küchenfenster und ein Tellergeklapper an, wo ich anzuläuten habe. Ich thats, eine alte Magd, mit einem Pelzkäppchen auf dem Kopfe, öffnete und fragte: »Haben Sie eine Ballete?« »Allerdings,« sagte ich, indem ich ihr dieselbe einhändigte, und ohne mir den Mantel abzunehmen, ging sie, indem sie mir auf eine Thüre zeigte, mit einem kurzen: »dort hinein!« wieder in ihre Küche zurück. Ich legte meinen Mantel selbst auf einen Reisekoffer, welcher im Vorhause stand, und worauf schon mehrere Überkleider in Unordnung über einander gehäuft lagen, und trat, mir die Cravatte zurecht richtend, bey der bezeichneten Thüre ein. Da befand ich mich nun in einem Vorzimmer, in welchem ich bey der sparsamen Beleuchtung von zwey Talglichtern, welche einander gegenüber in zwey mit Goldpapier überzogenen Wandleuchtern düster brannten – kein lebendes Wesen. In dem Zimmer stand ein Gläserkasten, der, seines gewöhnlichen Inhaltes beraubt, offen stand, zwey Strohstühle, ein hölzerner Schämel, auf welchem eine Schuhbürste lag, und in einer Alkove ein Sofa. Musik und Gelächter tönten aus 19 einem Nebengemache, wozu die Thüre aber zugeschlossen war, mir entgegen. Geradezu in den Tanzsaal eintreten mocht' ich nicht, ich warf mich daher für's Erste auf das Sofa in der Alkove, wo mich etwas ziemlich unsanft in den Schenkel drückte, es war ein abgenagtes Schinkenbein. Da wartete ich denn, ob nicht etwa Jemand käme, der mich kennte und mich der Gesellschaft vorstellte. Die Alkove war ziemlich düster, und folgende Erscheinungen kamen, ohne daß ich von ihnen bemerkt wurde, aus dem Tanzgemache und gingen an mir vorüber.

Nr. 1. Ein junger Herr, der die Schluß-Polonaise aus der Oper Tancredi singt, sich vor den Spiegel stellt, der im Vorgemache hängt, einen frischen Halskragen aus der Tasche zieht, und denselben statt des bereits durch Schweiß und Staub zerknitterten umbindet.

Nr. ^. Zwey Stück Fräuleins, Arm in Arm, die eine von der Hitze zinnoberroth im ganzen Gesichte, die zweyte eben von der Hitze leichenblaß; sie führten, indem sie sich durch Promeniren abzukühlen suchten, folgendes französisches Zweygespräch.

Die Rothe. Quel beau bal, ma chère Henriette!

Die Blasse. Il y a de la haute volaille

Die Rothe. Avez-vous vu la fille de Madame Spät? Comme elle est coiffé! Quand je vais dans un bal, je me fais coiffer toujours par Weber. 20

Die Blasse. Je aussi. - Ecoutez! la tempête! Allons! allons! Je suis engagée.

Nr. 3 ging ein Knabe durch das Zimmer, er kam aus der Küche und trug einen Teller voll Backwerk, vorsichtig sah er sich um, nahm dann geschwinde eine handvoll Backwerk von dem Teller, und warf es hinter den Gläserkasten, dann steckte er noch ein Stück eben so geschwind in den Mund und ging in das Tanzgemach.

Nr. 4. Eine dünne Frau und ein dicker Herr kamen disputirend heraus.

Die Frau. Wir können jetzt nicht fort, die Mimi ist noch auf vier Walzer engagirt.

Der Herr. Bleibt ihr da, so lang ihr wollt, ich walze mich nach Hause, ich habe ja nicht einmahl einen Tropfen trinkbaren Wein gesehen.

Die Frau. Wer soll uns denn aber nach Hause führen?

Der Herr. Ich schick' euch den Lehrjungen mit der Laterne.

Die Frau. Geh', du Schlafmütze!

Die Frau ging wieder in das Tanzgemach, der Herr aber mit einem seelenvergnügten Gesichte zur Hausthüre hinaus.

Das Alles hatt' ich ruhig angehört, da ich aber nun fühlte, daß sich mein Magen doch einiger Maßen 21 anmeldete, und daß mich auf meinem Sofa in der Alkove nie Jemand bemerken würde, so stand ich auf, um mich bemerkbar zu machen, da trat eben wieder ein Herr aus dem Tanzgemache, der sich mit den Worten zu mir wandte: »Verzeihen Sie, aber Sie waren gewiß an einem Orte, wo ich eben hin möchte, seyn Sie so gütig und zeigen Sie mir den Weg!« – Das fehlte noch' »nein!« sagte ich etwas barsch, »ich komme eben an,« und wandte mich von dem Herrn, um in den Tanzsaal zu treten.

Kaum hatte ich die Thüre geöffnet, so fiel mich eine fast sichtbare Composition von Hitze, Lichterdampf und Speisengeruch so heftig an, daß ich zurücktaumelte, und nur mit Selbstüberwindung, und indem mir große Schweißtropfen auf die Stirne traten, vortreten konnte. Ein Walzer war so eben geendet, und in verschiedenen Gruppen trieb sich Alles im Saale (wenn man anders ein niederes, aber ziemlich großes Zimmer mit zwey schiefen Wänden so nennen kann) herum. Wie sollt' ich nun den Ballgeber und seine holde Gattinn herausfinden? Wem sollt' ich mein Begrüßungs-Compliment machen? Aller Augen waren auf mich gerichtet, und ich hörte rings um mich zischeln und fragen: »Wer ist der Herr?« Plötzlich aber hüpfte ein junger Mann mit den Worten: »Ah, das ist schön, mein Herr von C., daß Sie kommen,« auf mich zu. Es war der Hofmeister von zwey jungen Herren, 22 dessen Vater ich oft zu besuchen pflegte, und dessen Klage, daß seine Buben im Studiren es nicht weiter brächten, ich oft vernehmen mußte. Ich hatte mit dem jungen Manne früher kaum zwanzig Worte gewechselt, denn seine Arroganz war mir immer unleidlich, allein hier war mir sein familiäres Entgegenkommen doch erwünscht, und ich ersuchte ihn, mich dem Herrn und der Frau vom Hause vorzustellen. Er that es sogleich mit den Worten: »Das ist Herr von C., sein Nahme wird Ihnen ohnedieß bekannt seyn.« »Weiß mich nicht zu erinnern,« sagte der Herr vom Hause – »ach ja doch! – Waren Sie nicht in Pohlen damahls beym Fuhrwesen?« – »Nein,« antwortete ich lächelnd, »ich habe in meinem Leben nur mit einem einzigen Pferde zu thun gehabt, welches Flügel hat.« »Das ist ein guter Gedanke,« sagte der Herr, und lächelte so, daß man es ihm ansah, er wisse nicht warum. – »Es freut uns,« sprach die Frau vom Hause, »Sie bey uns zu sehen, ich habe schon viele pudelnärrische Sachen von Ihnen gelesen, die mich sehr unterhalten haben. Ich bitte, machen Sie sich's bequem, unterhalten Sie sich, essen Sie, trinken Sie! Es ist nur Schade, daß Sie so spät gekommen sind; Warmes wird nicht mehr vorhanden seyn.« Mit diesen Worten führte sie mich in ein Nebenzimmer zu einem Tische, leerte aus zwey Schüsseln das noch übrige Kalb- und Schinkenfleisch auf einen Teller 23 zusammen, setzte mir noch einen andern Teller, worauf zwey vom Zucker entblößte Krapfen lagen, vor, legte eine halbe Semmel dazu, zeigte mir auf zwey ungeheure Essigflaschen, in welchen kaum noch der Boden mit weißem und rothen Wein bedeckt war, und mischte sich wieder unter die Übrigen.

Da saß ich nun, indeß mir der Geruch des mit Knoblauch durchspickten Kalbfleisches unangenehm in die Nase drang, und betrachtete mir die Gesellschaft, indem ich die halbe Semmel gierig verzehrte, und ein Paar Gläser von dem rothen Krätzer, den mir mein Freund Hofmeister im Vorübergehen sehr empfohlen hatte, hinab schüttete, und ich will dir, mein lieber Leser, die Resultate meiner Beobachtungen mittheilen.

Der Herr vom Hause war ein kleiner Mann von etwa fünfzig Jahren, mit ganz rund geschnittenen Augen, bausbackig, mit einem Doppelkinn, und so glänzend im Gesichte, als ob er gefirnißt wäre; seine kleinen Füße, deren einer ein bischen kürzer war und ihn zu hinken zwang, schienen eigentlich zu einem andern Körper zu gehören, und ein Spaßvogel in der Gesellschaft sagte mir, er habe sie ausgeliehen. Er schnupfte unmäßig Tabak, und wollte überall Ordnung herstellen, indem es ihm nirgend glückte. Die Frau mochte vierzig Jahre alt seyn, war etwas mager und verlebt, aber trug Spuren 24 einstmahliger Schönheit im Gesichte und in den noch funkelnden Augen; ihr Anzug zeigte alle möglichen grellen Farben, und ihre Finger waren so voll Ringe, daß ein Geklapper hörbar wurde, so oft sie sich die Locken in Ordnung richtete, und dieß geschah oft; denn sie kokettirte und minaudirte noch, so viel es eben gehen wollte. Von alten Herren sah ich eigentlich nur fünf Exemplare. Drey saßen im Tanzgemache selbst in einer Ecke und spielten Tarok-Tappen. Der Eine fluchte beständig, der Zweyte lachte immer und der Dritte veränderte keine Miene; nach jedem Spiele zankten sie, und bey jedem Tanze wurden ihnen durch Stöße, welche ihnen die Vorbeytanzenden versetzten, die Karten und die Marken unter einander geworfen, so daß keiner mehr wußte, was ihm gehöre. Zu dem Einen dieser drey alten Herren, nähmlich zu dem Lächelnden, kam öfters ein junges Weibchen, seine theure Ehehälfte, am Arme eines jungen Comptoirhelden, gab ihm ein Liebespatschchen und versicherte ihn mit einem zärtlichen Seitenblick auf ihren Führer, daß sie sich superbe unterhalte. Der Mann, unverwandt auf seine Karten blickend, küßte geschwind die Hand, die ihn schlug, und sagte: »Schön, Kind, schön. mach' dich nur lustig.« – Noch zwey alte Herren hatten sich in die Kammer salvirt, wo der Kredenz-Tisch stand, und dort einen langen Puff herunter gearbeitet, wobey ich den Einen 25 unaufhörlich schreyen hörte: »Ist das ein Spiel? – o Spiel! – verdammtes Spiel!« –Frauen, über vierzig Jahre alt, bemerkte ich gar keine. Die zwischen achtundzwanzig und vierzig mischten sich aber unter die Mädchen, waren mitunter auch à l'Enfant frisirt, und thaten jung was sie konnten. Das junge Volk sprang unmäßig herum, die jungen Herren, alle in Stiefeln, nur mein Hofmeister in Schuhen und mit einem Federclaque bewaffnet, machten die Cour, wie es jeder verstand. Der Eine präsentirte den Mädchen Catarrh-Zucker, den er selbst mitgebracht hatte, der Zweyte hatte vier Fächer aufzubewahren bekommen, und jeden derselben, als Siegeszeichen, in einem seiner Knopflöcher stecken. Der Dritte machte den Spaßmacher, lief von einer Gruppe zur andern, schnitt geschwind ein Gesicht, und husch war er wieder weiter, worüber denn nicht wenig gelacht wurde. Der Vierte schmachtete, an die Thüre gelehnt, auf eine junge Frau hin, die vor Verlegenheit nicht mehr wußte, wohin sie die Augen wenden sollte. Der Fünfte führte die Tänze an, das Blut sprang ihm vor Echauffement fast aus den Wangen, dennoch hüpfte er in einem fort und schrie: donnez die Hand! – La chaine! – Andere tanzten bloß, um ihre sechs Gulden heraus zu tanzen. Wieder Andere sahen sich immer im Cabinette um, ob denn nicht bald wieder eine volle Schüssel aufgesetzt werden würde, und drey oder vier junge Leute 26 spielten die Tänze auf. Sie waren unermüdlich, und kaum daß Einer die Geige niederlegte, nahm sie der Andere schon wieder auf. Sie scharrten ganz unbarmherzig, jeder wollte sich am vernehmlichsten machen, und Einer suchte dem Andern die höhere Terz abzugewinnen; dabey wurden sie im Tacte immer geschwinder, so daß am Ende eines Walzers das Tempo so schnell genommen wurde, daß sich die Tanzenden hätten Leib und Seele austanzen mögen. Ein Paar kleine Knaben unter hielten sich damit, die Vorbeytanzenden am Rockzipfel zu fangen, und ein kleines Mädchen heulte laut, daß sie niemand zum Tanze nahm.

Eine Stunde mochte der Spectakel so fortgedauert haben, als der Herr vom Hause zu dem Primgeiger hinkte und zu ihm sprach: »Lieber Herr von Sangelhuber! jetzt bitt' ich mit den schönen Ländlern ein Ende zu machen. Meine Frau will jetzt die Mandelmilch serviren.« Der Walzer nahm ein Ende, indem die Geigenden durch ein diminuendo die Tanzenden foppten, und siehe da, die Mandelmilch erschien. Zwey Buben von dreyzehn bis vierzehn Jahren trugen auf zwey Tassen Gläschen, deren jedes höchstens ein halbes Seitel faßte, herein. Die Hausfrau trug in einer großen Flasche das Getränk und schenkte jeder der Damen (je nachdem sie eine derselben in Protection genommen hatte, entweder um einen Schluck mehr oder weniger) ein; ein junger Herr, der sich eines 27 vollen Glases bemächtigen wollte, wurde mit einem kurzen: »Das gehört für die Damen, für die Männer steht Wein drinnen!« in die Kammer verwiesen, wo die großen Essigflaschen wieder halb angefüllt worden waren. – Nebst den fünf alten Herren war ich allein der glückliche Mann, der Mandelmilch von der Frau und zwar mit den Worten erhielt: »Sie haben ja noch gar nichts genossen, Herr von C. Ich bitte, bedienen Sie sich.« Ich glaubte für diese Aufmerksamkeit durch eine kleine Galanterie dankbar seyn zu müssen, und versicherte, obschon die Mandelmilch wie gezuckerte, dünne Mehlpappe schmeckte, daß ich nicht sobald bessere getrunken habe. »Das freut mich,« versetzte sie lächelnd, »und dennoch, Sie dürfen mir's glauben, ist auch nicht ein Mandelkern dabey, nichts als Plutzerkerne (Kürbiskerne).«

Es war jetzt Ruhestunde, und ich dachte eben so bey mir nach, ob ich mich weg begeben, oder den Spaß noch länger mit ansehen sollte, als ich bemerkte, daß mein Freund Hofmeister mit der Frau leise sprach, und dabey mit seinem Claque, den er gar nicht aus den Händen ließ, auf mich hindeutete. Gleich darauf trat die Frau auf mich zu und sprach: »Lieber Herr von C., die jungen Leute müssen jetzt ein wenig ausruhen, da könnten Sie uns einen rechten Gefallen erweisen.« – Ich fragte welchen? – »Sie wissen so viele lustige Anecdoten, besonders 28 ungarische,« fuhr die Frau fort, »ich bitte, erzählen Sie uns einige, wir setzen uns in einen Kreis um Sie und lachen.« Ich versicherte, über diese Zumuthung nicht wenig betroffen, daß ich gegenwärtig gar nichts Neues wisse, und das Alte doch keinen Spaß machen könne. Aber die Frau meinte, Alles sey ihnen neu, und als ich abermahls deprecirte, ging sie zu einigen hübschen jungen Mädchen und trug ihnen auf, mich zu bitten, daß ich Anecdoten erzählen möchte. Da kam nun eine ganze Schar junger Gänschen mit ihrem »Bitte! bitte!« auf mich zugelaufen, man setzte mir einen Stuhl zurechte, nöthigte mich darauf, schloß einen Kreis um mich, und ich mußte nolens volens einige Anecdoten auskramen, die ein sehr dankbares Publicum fanden, da noch früher gelacht wurde, als die Pointe zum Vorschein kam. »Sie sind ein Tausendsasa!« – sagte endlich der Herr vom Hause, »Sie müssen öfters bey uns speisen!« – und man entließ mich meiner aufgenöthigten Spaßmacherrolle.

Jetzt wurden kalter Milchreis und gekochte Zwetschken herum gegeben, von welchem erstern die Frau vom Hause versicherte, er sey viel besser und gesünder als Gefrornes; dann wurde wieder getanzt. Zwey kleine Mädchen tanzten eine Polacca erbärmlich. Eine Tempête, eine Ecossaise, eine Masure und wie die Tänze alle heißen, welche die nachahmenden Deutschen dem herrlichsten aller Tänze, 29 ihrem lieblichen Walzer, vorziehen, wurden herab gestrampft, und das dauerte bis Morgens vier Uhr. Die vier Wachskerzen, welche in der Mitte des Saales in einer mit Guirlanden verzierten Stall-Laterne brannten, waren schon ausgebrannt, der Herr vom Hause hatte sie durch Unschlittkerzen substituirt, einige Mäuler und Mündchen zogen sich schon öfters in die Länge, einzelne Pärchen sonderten sich ab und saßen im trauten Gespräche begriffen, da schallte es auf einmahl: »Den Polstertanz! den Polstertanz!« Wer kennt diesen Tanz nicht, bey dem alle Mäulchen sich spitzen, der am Ende des Balls Gelegenheit gibt, Jemand seine besondere Zuneigung zu bezeigen, und der so manche saure Gesichter und neidische Blicke verursacht? Er gründet sich auf den alten deutschen Spruch: Einen Kuß in Ehren kann niemand wehren! Das Polsterchen ward gebracht, der Tanzanführer nahm es, hüpfte der Erste in den Kreis und legte es zu den Füßen der Frau vom Hause. Sie küßte ihn mit einer Miene, die zugleich zu verstehen gab: Es gebührt mir die Erste zu seyn; der Kreis drehte sich wieder, und die Frau vom Hause legte den Polster zu meinen Füßen. O ich Glücklicher, Beneidenswerther! der ich zugleich mit einem Kuß ein rothes Fleckchen auf der Nase davon trug, welches mir die Schminke der gnädigen Frau zurück gelassen hatte. Ich nahm meinen Ersatz an einem recht 30 hübschen, sittsamen jungen Mädchen, das sich zwar küssen ließ, aber den Kuß nicht erwiederte. Nun kamen die andern an die Reihe. Die hübsche junge Frau, von der ich früher sprach, war pfiffig genug, aus dem Kreise hinaus zu treten und den Polster zu den Füßen ihres alten Mannes, der noch am Spieltische saß, niederzulegen. So ging das Küssen fort, bis endlich noch Einer allein übrig blieb, ohne daß mehr eine Dame vorhanden gewesen wäre. Er wurde ausgelacht, und man sah ihm den Ärger im Gesichte an, obschon er selbst mitlachte.

Jetzt bekamen die Damen Kaffeh und die Herren Einbrennsuppe. Es wurde noch ein Pfänderspiel gespielt, und dann entfernte man sich, indem man den Herrn und die Frau vom Hause versicherte, man habe sich im Leben nicht besser unterhalten als heute, und ein Hausball sey ganz etwas anderes, als ein öffentlicher Ball.

Ich dachte im Nachhausegehen an meine sechs Gulden, und daß man dafür seinem Magen leicht Mehreres und Besseres, aber seinem Geiste kaum größern Stoff zum Nachdenken verschaffen könne, und schlief noch laut lachend ein. 31

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