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Wiener Lebensbilder

Ignaz Franz Castelli: Wiener Lebensbilder - Kapitel 4
Quellenangabe
typesketch
booktitleWiener Lebensbilder
authorIgnaz Franz Castelli
yearca. 1995
noteFaksimiledruck der Ausgabe von 1828
firstpub1828
publisherReperio-Verlag
addressWien
isbn3-85168-000-7
titleWiener Lebensbilder
pages202
created20101006
sendergerd.bouillon@t-online.de
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II.
Der Unentbehrliche.

Ich kenne einen jungen Mann, der mit Dingen handelt, welche an und für sich betrachtet nichts sind, und doch in der Gesellschaft für unentbehrlich, und daher sehr hoch gehalten werden. – Er kramt diese Dinge immer zur rechten Zeit aus, er weiß sie immer an den rechten Mann zu bringen, und gibt sie bald für das holde Lächeln eines hübschen Mädchens, bald für den gnädigen Blick eines Höheren, bald für eine Einladung zum Mittagsmahle, auch wohl aus bloßer Eitelkeit, daß man sich an ihn wandte, aber nie für Geld hin. Der junge Mann besitzt eine außerordentliche Lebhaftigkeit des Geistes und Gelenkigkeit des Körpers, ein unbeschreibliches Gedächtniß, eine Art, Gedanken, Urtheile, Neuigkeiten, Geheimnisse u. s. w. an sich zu bringen und von sich zu geben, welche unwiderstehlich genannt werden können. Seine Säcke sind immer voll kleiner Zettelchen, worauf er die sogenannten Currentia aufnotirt hat. Zu Hause aber hat er 270 dicke Bände mit den Praeteritis vollgeschrieben, woraus er eigentlich sein ganzes Heil schöpft. Es gibt 10 nicht leicht eine Gelegenheit, eine Lage in der menschlichen Gesellschaft, wozu man nicht gewisse Kleinigkeiten nothwendig hat; alle diese Kleinigkeiten zu allen Lagen und Gelegenheiten sind darin vorfindig, alle werden bey ihm gesucht, und dadurch allein wird er schon unentbehrlich. Ich habe mir diese 270 Bände von ihm zum Durchlesen erbethen und folgende Rubriken gefunden, welche ich mit seiner Bewilligung hier bekannt mache.

1.) Gedichte zum Declamiren geeignet .Unter dieser Rubrik sind auf 65 Seiten bloß allein die Seitenzahlen bemerkt, unter welchen in bereits gedruckten Dichterwerken derley Gedichte vorkommen, außerdem sind aber auch noch 10 Bände von solchen vollgeschrieben, welche theils in Journalen zerstreut sind, theils noch im Manuscript existiren.

2.) Gelegenheits-Gedichte. Es läßt sich keine Gelegenheit im menschlichen Leben denken, wofür unter dieser Rubrik nicht ein Gedicht vorfindig wäre. Da gibt es Nahmenstags-, Geburtstags-, Stammbuchs-, Hochzeits-, Trauer-, Tauf-, Begräbniß-, Willkomms-, Abschiedsgedichte u. s. w. Wie sehr diese Rubrik ins Einzelne geht, möge man daraus ersehen, weil ich darin sogar ein Gedicht fand, für eine Tochter an jenem Tag zu recitiren, an welchem ihr Vater, von einem Beinbruch geheilt, wieder zum ersten Mahle im Zimmer auf und nieder geht. 11

3.) Adressen der Wohnungen der besten Künstler und Handwerker. Fragt ihn, wo man die besten Lorgnetten, das schönste Pferdegeschirre, die geschmackvollsten Pastetchen bekommt, wo der beste Abschreiber, der wohlfeilste Visitkartenstecher, der schnellste Landkutscher wohnt, der Unentbehrliche wird es euch aus dieser Rubrik genau zu sagen wissen.

4.) Repertoire der verschiedenen Theater seit 25 Jahren. Er muß natürlicher Weise oft Auskünfte über die wichtigen Fragen ertheilen: Ist dieses oder jenes Stück schon gegeben worden? – oder welche Schauspieler haben einstmahls darin gespielt? – Wie lange war Madame S. auf Reisen? – Wann hat Herr F. hier zum ersten Mahle Gastrollen gegeben? u. s. w. Am Rande manches Stückes fand ich auch die Buchstaben sg, oder g, oder m, oder s, oder ss angemerkt, und erfuhr dann, daß sie sehr gut, gut, mittelmäßig, schlecht, oder sehr schlecht bedeuten. – Das nenne ich doch kurze Recensionen.

5.) Anecdoten, Charaden, Räthsel und Logogryphen füllen 58 Bände aus, und sind abgetheilt in ganz reine, schillernde und lascive.

6.) Gesellschaftsspiele für jede Art von Gesellschaften eingerichtet. So findet man darin Spiele für alte Herren und alte Frauen allein, für alte Herren und junge 12 Mädchen, für junge Herren und alte Frauen, für eine durchaus junge Gesellschaft. – Für eine ganz gemischte Gesellschaft.

7.) Kunststücke, Kartenkünste, Tafelkünste; Künste, welche bloß zum Spaß zu machen sind, um Lachen zu erregen. – Bey dieser Rubrik existirt auch ein Anhang, wie man das Dessert geschmackvoll auf Teller herrichtet, wie man Servietten bricht, wie man Zimmer geschmackvoll zum Tanzen einrichtet u. s. w.

8.) Recepte. Diese Rubrik umfaßt die heterogensten Dinge. Ich fand ein Recept gegen die Zahnschmerzen neben einem andern, wie man Ostereyer schön färbt. – Ein Recept zu gutem Punsch neben einem andern, wie man Citronenflecke aus Kleidern bringt. – Recepte Wanzen zu vertreiben, – die Haare in der Krause zu erhalten, unsichtbare Tinte zu verfertigen, –Knallkügelchen zu verfertigen, – Feuerräder zu machen, – einen Backenbart aufzukleben, daß er wie ein natürlicher aussieht, und tausend andere stehen in 4 Bänden durcheinander.

9.) Gesellschaftslieder aller möglichen Gattungen mit beygefügten Melodieen, 50 Bände voll.

10.) Tanztouren für alle erdenklichen Arten von Tänzen: für die Ecossaise allein sind 800 Touren darin aufgezeichnet. 13

11.) Allerley. Diese wichtige Rubrik füllt 90 Bände aus. Ich müßte alle diese Bände wörtlich abschreiben, wollte ich den Lesern einen deutlichen Begriff von der Mannigfaltigkeit der darin vorkommenden Gegenstände geben. Lächerliche Aufschriften, bon-mots, Druckfehler, unverzeihliche Fehler, welche bekannte Menschen im L'hombre, – Whist-, Tarok- oder andern Spielen begangen haben. Entstehung verschiedener Orden, Jahrszahl und Datum berühmter Begebenheiten, kurz, von Allem ist Etwas darin zu finden.

Sehen meine Leser nun ein, daß ich den Besitzer eines solchen Schatzes mit Recht den Unentbehrlichen nenne? – Aber gehen wir auf seine Person selbst über. Er ist immer auf das eleganteste gekleidet, so daß man sich auch in den ersten Häusern seiner nicht schämen darf, er ist selbst ein Herr von, er weiß eine Gesellschaft zu empfangen und zu verabschieden, wie kein Anderer. Er zählt es an den Fingern her, in welchen Häusern der Stadt heute Ball gehalten wird, wer morgen große Gesellschaft gibt, wer übermorgen auf das Land zieht, er sagt euch auf einen Kreuzer, wie viel der neue Shawl der Frau von X. oder die beyden Pohlen des Herrn von B. gekostet haben, wie viel der junge S. von seinem Onkel geerbt hat, und wie viel Spennadelgeld der Baron L. seiner jungen Gattinn gibt. Er reitet Pferde zu, wie es kein Stallmeister 14 besser kann. Er weiß Kinder zu unterhalten, besser als eine Kindsfrau. – Er tanzt wie ein Gott, und zieht auf einem Ball immer diejenigen Frauen auf, mit denen kein Anderer tanzen will. – Er macht bey jedem Spiel den abgängigen Mann, er weiß, wann und wo neue Weine angekommen sind, er verschafft euch Pasteten aus Straßburg, Kapaunen aus Grätz, Liqueur aus Marseille, Früchte aus Amerika, Käse aus der Schweiz, Bier aus London. – Er ist überall gewesen, in der neuen Oper, im neuen Ballet, im neuen Trauerspiel, in der Affenkomödie, bey den Seiltänzern, bey der Execution und beym Brand, und weiß über alles die genauesten Auskünfte zu geben. Wer gestern einen Sprossen erhielt, wer heirathete, wer starb, wer Banquerout gemacht hat, – fragt ihn nur, er weiß es gewiß, er hat alle Journale gelesen, und weiß oft auch schon, was in jenen stehen wird, welche am folgenden Tage erscheinen werden. – Sein Humor ist immer gleich, er weint mit den Traurigen, und lacht mit den Fröhlichen, kann kleine Fehler bey Sackuhren verbessern, Leichdornen anschneiden. –Nun, ist der Mann nicht unentbehrlich? 15

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