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Gutenberg > Ignaz Franz Castelli >

Wiener Lebensbilder

Ignaz Franz Castelli: Wiener Lebensbilder - Kapitel 13
Quellenangabe
typesketch
booktitleWiener Lebensbilder
authorIgnaz Franz Castelli
yearca. 1995
noteFaksimiledruck der Ausgabe von 1828
firstpub1828
publisherReperio-Verlag
addressWien
isbn3-85168-000-7
titleWiener Lebensbilder
pages202
created20101006
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XI.
Die Leih-Bibliothek.

Auch einmahl ein Guckkastenbild, mein lieber freundlicher Leser, in welchem die einzelnen Gestalten schnell vor deinen Blicken vorüber wandeln werden, und schneller wieder verschwinden, als manche Bücher der Leih-Bibliothek. Es ist doch etwas schönes, daß die Nahrung für den Geist nicht so theuer ist, als die consistente Leibesnahrung, und daß man sich für wenige Kreuzer des Tages satt – ja übersatt lesen kann. Geistes- und Leibesnahrung kann man übrigens recht gut mit einander vergleichen: Die Cataloge sind bey jener was bey dieser die Speisezettel sind, nur mit dem kleinen Unterschiede, daß auf dem Speisezettel der Kellner doch wenigstens durchstreicht, was nicht vorhanden ist, bey den Catalogen aber die Speisen stehen bleiben, wenn man auch bey hundertmahligem Verlangen immer die Antwort erhält: »Ist für dießmahl nicht zugegen!« Der Commis, welcher der Leih-Bibliothek vorsteht, (denn der Principal selbst betrachtet diesen Zweig seines Buchhandels nur als ein Appertinens, und bekümmert sich nur um den 137 Profit, den er abwirft,) also der dirigirende Herr Commis ist der Aufwärter, der die Speisen den Lesehungrigen recommandirt oder ausredet, bey neu angekommenen Werken Protectionen austheilt, so wie beyläufig der Kellner zu thun pflegt, der einem Gaste in's Ohr versichert, die Mehlspeise sey von gestern, und daher schon trocken und altgebacken, indessen er einen andern, der eben davon verlangt, versichert, sie schmecke sehr gut, und ihm diese Speise reicht. Ich könnte den Vergleich zwischen leiblicher und geistiger Nahrung hier bis in's Unendliche fortsetzen, und vom Verderben des Magens, unausgekochten Speisen, verbrannten Leckerbissen &c., noch ein Sattsamliches schwätzen, allein die Einleitung würde manchen Leuten eben so lange werden, als manches Buch, welches sie aus der Leih-Bibliothek erhalten, daher unverzüglich an das Guckkastenbild selbst.

Belieben Sie zu schauen, meine Herrn und Damen, ein gewölbtes Zimmer zu ebener Erde, worin Ihr Auge keinen andern Gegenstand gewahr wird, als Bücher; sie sind vom Boden bis zur Decke in Stellen gereiht, bald liegend, bald stehend – hinter einander, über einander, die meisten in gleiche Farbe gebunden, nur wenige, die sich gleich den weißen Raben auszeichnen, in Maroquin- oder Lederband. Sie werden bemerken. daß viele sehr abgegriffen sind – das sind die Glücklichen, die von Hand 138 zu Hand wandern, nicht weil sie die besten sind, sondern weil sie dem herrschenden Geschmacke am meisten zusagen. Es sind meist Romane, Zeitschriften und Taschenbücher. Historische und geographische Werke werden von 1000 Pränumeranten des Jahres nicht Ein Mahl verlangt, von den Werken der sogenannten Mode-Erzähler hingegen ist nie Ein Band zu Hause, und der Herr Commis versichert, von den 20,000 Bänden der Bibliothek seyen 19,000 rein überflüssig, und nur 1000 im beständigen Umlaufe, die übrigen kämen nicht von ihrer Stelle, außer wenn sie des Jahres zwey Mahl gereinigt werden.

Ich bat den Inhaber und den dirigirenden Commis, der mein sehr guter Freund ist (wir wollen ihn Sprung nennen) einmahl einen halben Tag im Zimmer, wo die Leute die Bücher hohlen, zubringen zu dürfen, und es wurde mir gestattet. Was ich nun da sah und hörte, soll die einzelnen Decorationen meines Guckkastens ausmachen. Siehe und höre mit mir zu, mein lieber Leser.

Es schlägt neun Uhr Morgens. Die Thüre wird von dem Hausknechte aufgeriegelt. der auch dießmahl seine Verwunderung gegen mich äußert: wie es möglich sey, daß die Leute so viel lesen. »Ich versichere Euer Gnaden,« spricht er lächelnd zu mir, »wir haben 139 Kundschaften, die täglich zwey – drey Bücher hinein fressen, wie nichts, es ist wirklich schauderhaft!«

»So,« antwortete ich, »du hast ja aber dabey deinen Erwerb. Es soll dich ja freuen, wenn das Geschäft gut geht.«

»Es freut mich ja auch,« versetzte er, »wenn's nur was anders wäre, als Bücher, wobey ich zu thun habe; ich kann's ja gar nicht mehr aushalten, wie mich meine Cameraden foppen. Sie heißen mich immer den Gelehrten und ein solches Thier mag ich nicht seyn.« Recht herzlich lachend traten wir in die Bibliothek, und uns auf dem Fuße nach eine junge, recht hübsche Köchinn mit ihrem Einkaufkorbe im Arme, worin sie auf Spinat, Salat und Eyern zwey Bücher liegen hatte, welche sie zurück brachte; sie sprach, indem sie sich in einen Stuhl warf:

Köchinn. Guten Morgen Herr von Sprung. Heute machen Sie wieder sehr spät auf; ich war schon Ein Mahl da, und es war noch nicht offen.

Sprung (lehnt sich über den Tisch herüber, und faßt die Köchinn bey der Hand). Seyn Sie nicht böse, schöne Netti! dafür sollen Sie aber heute auch ein Buch haben, das sich gewaschen hat.

Köchinn. Sie, die letzten zwey haben mir nicht gefallen, das Spassige mag ich nicht, das ist fad, wenn ich nicht weinen kann, so bedank' ich mich für's Lesen. 140 Zum Herzen muß mir eine Geschichte gehn, sonst werf' ich sie gleich weg. Da haben Sie Ihre zwey Bücher, und geben Sie mir keine solchen mehr, das bitt' ich mir aus.

Mit diesen Worten warf sie die Bücher auf den Tisch hin. Ich sah sie an, es war Hegrad's komischer Roman und ein Band Erzählungen von Laun. Ich fragte die hübsche Küchenprinzessinn, ob sie denn die Bücher selbst lese, die sie hohle? Mit einem etwas empfindlichen Tone antwortete sie: »Nun! glauben Sie etwa unser Einer liest gar nichts? Ich versichere Sie, ich könnte nicht kochen, wenn nicht ein Buch neben mir auf dem Herdbret liegt, und wann ich so etwas recht Interessirtes habe, so ist mir die Einbrenn öfters angebrennt, oder meine Thränen sind mir beym Anrichten in die Sauce gefallen.«

Indessen hatte Sprung von der obersten Stelle zwey Bücher herabgenommen, das Titelkupfer des einen aufgeschlagen, und reichte sie ihr mit den Worten hin: »Da, liebe Netti! das wird Ihnen gefallen.« Er las ihr den Titel: Kuno von Kyburg nahm die Silberlocke des Enthaupteten, und ward Zerstörer des Vehmgerichtes.

»Ah, das laß ich mir gefallen,« rief freudig die schöne Netti, »so ein heimliches Gericht, und eine Haarlocken, und Einer, der geköpft wird, das ist meine 141 Sache: Ich dank' Ihnen, Herr von Sprung, und damit Sie sehen, daß ich auch auf Sie gedacht habe, so hab' ich Ihnen hier eine kleine Torte mitgebracht. Wir haben gestern Leute gehabt, da hab' ich eine große Torte backen müssen, und da hab' ich die kleine gleich mitgemacht.« Sie reichte ihm ein Törtchen in Papier gewickelt aus ihrem Korbe, machte ihm einen Knix, und hüpfte zum Gemach hinaus, indem ihr Sprung noch eine Kußhand nachwarf.

»Sehen Sie,« sagte Sprung, indem er mir die recht appetitlich aussehende Torte zeigte, »das sind so meine Accidenzien.«

Nach den zärtlichen Blicken der schönen Netti zu schließen, antwortete ich ihm, »gibt's auch noch süßere Accidenzien, als diese Torte.« Er schmunzelte in sich hinein und schwieg.

Jetzt öffnete ein Bedienter die Thüre, eine ältliche Frau nahm ihm Bücher aus der Hand, trat damit herein, und der Bediente blieb vor der Thüre stehen.

Die Frau. Gehorsame Dienerinn! Geben Sie mir andere Bücher.

Sprung. Welche befehlen Euer Gnaden?

Frau. Wenn Sie von der Madame de Montolieu oder Madame Cottin noch etwas haben, das wäre mir das Liebste. Die Frauen schreiben superbe! 142

Sprung. Wollen Euer Gnaden die Bücherreihe zu Ihrer Rechten besehen, da stehen die Werke dieser beyden Schriftstellerinnen.

Die Frau setzte Augengläser, in Schildkröte gefaßt, auf, und besah die Reihe der Bücher, auf deren Rücken die Titel derselben nebst den Nahmen ihrer Verfasser geschrieben waren. Endlich zeigte sie mit der Hand auf einige Bände, worauf Chateaubriand stand, und welche eben neben die Werke der Mad. Cottin gestellt waren, und fragte: »Monsieur! ist der Chateaubriand auch von der Madame Cottin.«

Wir konnten Beyde nur mit Mühe das Lachen unterdrücken: Sprung klärte sie über ihren Irrthum auf, und sie nahm endlich eine Übersetzung, welche Madame Montolieu von einem Romane unserer geachteten Pichler gemacht hatte. Sprung fragte sie, ob sie ihn nicht lieber im Originale deutsch lesen wollte. Sie versetzte aber: das wäre ihr nicht möglich, sie lese nicht deutsch, und im Deutschen sey er auch gewiß nicht so gut als im Französischen. Mit mitleidigem Lächeln entließen wir die Deutschfranzösinn!

Eben als sie die Thüre öffnete, trat ihr ein Bauer in derselben entgegen. Ein Buch fiel ihr aus dem Arm auf den Boden; sie sah den Bauer an, ob er es ihr nicht aufheben würde, er sah sie auch an, und ging ganz 143 phlegmatisch zur Thüre herein, indem sie ihm zwischen den Zähnen nachmurmelte: »bête allemande!«

Der Bauer (indem er hereinstiefelt). Geh' ih da recht um die Biacha?

Sprung. Was will er denn, will er Bücher kaufen?

Bauer. Gott bewahr mi! da kauf ich mir liaba a Halbi Hairinga. – Unsa Vawalta schickt mi her, und ich soll da Biacha kriag'n.

Sprung. Habt ihr ein Büchel bey euch?

Bauer. Ja, da is's! und es liegt no a Zödl drin, wo's drauf gschrib'n steht, was's eam schicken sollt's!

Wir sahen den Zettel an, er war auf beyden Seiten beschrieben, und zwar standen auf einer Seite dieselben Werke aufgeschrieben, wie auf der andern. Sprung bemerkte dieß, und sprach laut mit mir darüber. »Ja! Herr!« sagte der Bauer, »das hob ich than! Ich had ma die Biacha von mein'n Buab'n auf der andern Seiten ah aufschreib'n lassn, damit ich's nuh amahl hab', wan ich's öppa valiarad.«

»Das ist etwas für Ihre Bären,« raunte mir Sprung in's Ohr.

»Ganz recht,« antwortete ich, »aber die Leute glauben nicht, daß sich der Spaß wirklich zugetragen hat.«

»So weisen Sie die Ungläubigen an mich,« versetzte Sprung, »ich will die Echtheit verbürgen.«

144 Der Bauer erhielt nun mehrere Bücher, und bat nur, man möchte ihm die Dinger in ein Papier einwickeln. Dieß geschah, er ging damit, kehrte aber bey der Thür noch Ein Mahl um, und sprach: »Ich bitt gar schön, wann's ma an Mandelkalenda schenk'n thät'n, ich hab den meinigen verlor'n.«

Als Sprung ihm bedeutete, er besitze keinen, drehte er sich grimmig um, und ich hörte, wie er zu sich selbst sagte: »Haben die Leut' 's ganze Gewölb voll dumme Biacha, und wan ma um was G'schaits fragt, so habn sie's nit.« –

Zwey Fräuleins nahmen dem Bauer die Klinke aus der Hand, und hüpften Arm in Arm zur Thüre herein. Die eine ein hübscher Blondkopf, die andere eine ganze Batterie von kastanienbraunen Kanonenlocken um die erhabene Stirn und die blitzenden Augen gereiht. Auch sie brachten Bücher zurück, welche die Blonde mit einem rosenfarbnen Seidenbändchen zusammengebunden, die Braune nur in ihr Schnupftuch eingehüllt hatte.

»Wünschen Sie wieder etwas von Clauren, mein Fräulein?« fragte Sprung die Blonde.

145 »Ja ich bitte Sie,« versetzte diese, »Clauren ist mein Lieblingsschriftsteller, seine Sachen lesen sich wie Butter, und das Touchante wechselt mit dem Komischen; ich kann wohl sagen, ich habe in meinem Leben nichts gelesen, was mich so unterhalten hätte.«

»Sogleich sollen Sie bedient seyn,« versetzte Sprung, und wollte von der Bücherstelle andere Werke des viel gelesenen Schriftstellers herab langen, als der Hausknecht ihm in den Weg trat und sagte: »Bemühen Sie sich nicht, Herr von Sprung, die Bücher von den Klar'n, die weiß ich ja auch, ich werd' gleich was bringen.«

»Und Sie, mein Fräulein?« wandte sich Sprung an die Braune.

»Mir,« antwortete diese, »etwas von Walter Scott.«

Der Hausknecht, der auf der Leiter stand, rief herab: »Herr von Sprung, den Waldischgot bring' ich auch gleich mit.« Der galante Sprung both den beiden Mädchen indessen Stühle, und fragte sie, ob sie das neue Stück in der Leopoldstadt schon gesehen hätten? Die Blonde versicherte, sie besuche kein anderes als das Burgtheater, die Braune aber sagte, sie hab' es schon zweymahl gesehen.

»Sieh, liebe Caroline,« sagte sie zur Blonden, »das ist fad von dir, daß du nicht einmahl noch den Naimund gesehen hast.«

146 »Du kennst mich ja, liebe Pepi« – versetzte die Blonde, »ich bin keine Freundinn von Spässen.« –

»Nun so seufze meinetwegen, so lange du willst« – erwiederte Jene – »ich lache lieber.« –

Der Hausknecht brachte die verlangten Werke, und die beyden Mädchen entfernten sich damit.

Nach ihnen trat ein alter Bedienter in das Gewölbe.

Bedienter. Einen schönen guten Morgen, und meine Gräfinn möchte wieder frische Bücher haben.

Sprung. Hat die Gräfinn nicht gesagt, welche?

Bedienter. Ja, Dings da hat sie gesagt, Tatschenbücher möcht' sie gern haben, ich hab' mir die Nahmen da aufgeschrieben. (Er nimmt seine Brieftasche heraus.) Die Arglar oder die Hurania, oder die Karnalia oder das selige Vergnügen – oder die Verschuldung der Frauen, oder die schöne Lope, oder die Trophäa, oder was sie halt sonst von solchen Büchern haben, wo Bilder drin sind.

Sprung. Werde gleich sehen was zugegen ist.

Bedienter (setzt sich nieder). Wenn ich nur schon einen andern Dienst hätte. Wissen Sie mir keinen, meine Herren? Mit meiner Herrschaft ist es nicht mehr auszuhalten.

Ich. Weßwegen denn? 147

Bedienter. O je! da wären ganze Bücher zu beschreiben. Sie ist in einen Herrn verliebt, er ist glaub' ich, auch ein solcher Weltschreiber, ein Liedermacher; und da setzt ihr die Eifersucht gewaltig zu. Darum lest sie auch alle die Kalender gern, weil er, glaub' ich, auch Lieder hinein macht, aber wann hernach so ein Lied drin steht, von ihm an eine Andre, da kriegen wir wieder eine ganze Woche hindurch kein gutes Gesicht.

Ich. Ja, das ist freylich schlimm.

Bedienter. Darum möcht' ich auch weg aus dem Hause, und bey einem einschichtigen Herrn wär's mir halt am liebsten.

Ich. Nun, wenn ich etwas erfahren sollte –

Bedienter. Ja, ich bitt' recht schön.

Sprung. Da hat er einige Almanache.

Bedienter. Ich bedank mich schön. Ah das ist ein großer Pack, da haben wir wieder etwas zu kifeln. Noch um etwas muß ich bitten. Sie möchten auch die Güte haben, und möchten ihr das neueste Ding da – schicken.

Sprung. Was soll das seyn?

Bedienter. Nun, das Büchel, wo die Bücher alle drin stehen.

Sprung. Ah den Catalog, da hat er ihn.

Der Bediente ging.

148 Ein Stutzer hüpft herein, besieht uns mit seiner Doppelbrille und spricht: »Ich möchte gerne prämuneriren

Sprung. Zu Befehl.

Stutzer. Wie viel ist zu bezahlen?

Sprung. Zehn Gulden Einsatz, und drey Gulden für den Monath.

Stutzer. Haben Sie aber auch alles Neue?

Sprung. Alles erlaubte Neue, ja.

Stutzer. Ich möchte vor Allem immer gleich die Censuren über die Theaterstücke lesen.

Sprung. Das können Sie an allen Tagen, an denen hiesige Blätter erscheinen.

Stutzer. Schön! Hier ist das Geld. Geben Sie mir gleich die Censuren über das neueste Stück von Raupach.

Sprung. Hier (er reicht ihm die Blätter), das Stück wird sehr gelobt.

Stutzer. Ha. ha! ha! ich habe mir's gedacht, und ist ein fades, langweiliges Zeug, ohne alle grammatische Wirkung: die Dizion ist passabel, das ist wahr, aber der dritte Act ist gar nicht auszuhalten. Adieu, meine Herren! (Er pfeift eine Rossinische Melodie, und läuft einem Mädchen nach, das eben am Gewölbe vorüber geht.)

Ein ganz schlicht gekleideter bejahrter Mann mit einem jovialen Vollmondsgesichte trat ein, und ließ 149 seinen Jungen, der ein Paar hellspiegelnder Stiefel trug, vor der Thüre stehen. Der Junge beschaute die Bilder im Auslagkasten.

Der Mann. Wünsche den allerschönsten guten Morgen, gehorsamster Knecht, bildschöner Tag heute, vor dem Thor etwas gefroren, und wie befinden Sie sich Ihnen?

Sprung. Danke, lieber Herr Meister, so so. Womit kann ich dienen?

Meister. Ja. ich möcht' auch gern lesen.

Sprung. Nun da können wir schon dienen.

Meister Ja, kommt darauf an, ob Sie das haben, was ich gern möchte. Lesen Sie Zeitungen?

Sprung. Freylich.

Meister. O ich kann Ihnen versichern, wie mich die jetzigen türkischen Anliegenheiten verinteressiren, da haben Sie schon keinen Begriff nicht. Die Kriege auf der Erden haben mich auch unterhalten, aber das ist kein Vergleich. Wasser ist sonst nicht mein Numero, und außer den wasserdichten Stiefeln will ich das Wort gar nicht einmahl hören. Aber für das Wasser auf dem Meer, da hab' ich schon, seit ich den Robinson gelesen habe, eine enorme Passion, und absonderlich für die Wasserscharmützeln. Jetzt muß ich aber meine Schwachheit gestehen, daß mir die Gegenden und Königreiche im Meere nicht recht bekannt sind. Haben Sie denn, werthliebster Herr 150 von Sprung, keine deutsche Übersetzung von allen den türkischen und griechischen Nahmen, die jetzt in der Zeitung stehn?

Sprung. Hierzu wird Ihnen vielleicht eine Karte dienen, um sich zu orientiren.

Meister. Ja, den Orient heißen sie es, glaub' ich. – Aber Karten meinen Sie – was für Karten?

Sprung. Landkarten.

Meister (droht ihm lächelnd mit dem Finger). Itzt gehen Sie, Sie Spaßmacher, Landkarten für das Wasser?

Sprung. Sie finden dort auch diese.

Meister. Ja, die Nahmen und sonst nichts. Was thu' ich mit den Nahmen? Ich hab' ja schon gesagt, ich will eine deutsche Übersetzung haben, ich will wissen, wie die Örter ausschauen, unter was für ein Grundbuch das eine oder das andere gehört, wie der Wein, das Körndl, die Viehzucht fortkommt, mit einem Wort, so ein Buch, wie einmahl die Wanderungen und Spazierfahrten in die Gegenden von Wien waren, wo sogar alle Wirthshäuser und Kegelstätten drin gestanden sind.

Sprung. Ja, es gibt ausführliche Geographien. –

Meister. Lassen Sie mich mit Ihren Orthographien aus, da ist ja der Titel schon lateinisch, so was versteht unser Einer nicht. 151

Sprung. Dann – mir ist leid – kann ich nicht dienen, Herr Meister.

Meister. Ey! ey. ey! ist mir recht unlieb, hätte gerne so was gehabt. Nun, wann's nicht ist, ist's auch recht. Der Wanderer explicirt ja doch dort und da was – und wenn man halt nicht weiß, wo das und jenes geschehen ist, so macht's grad auch nichts; Meer bleibt Wasser. – Habe die Ehre mich zu empfehlen. (Er schaut beym Fenster hinaus.) Da haben wir's, da macht der Spitzbub draußen einem Herrn schon wieder ein Kreuz mit der Kreiden auf seinen blauen Mantel. Nun warte, Hallunke! (Er läuft hinaus, und beutelt seinen Jungen beym Schopf.)

Noch einige andere Personen traten in die Leih-Bibliothek, an denen ich nichts Auffallendes bemerkte. Lächerlich war allenfalls noch, daß eine Frau fragte: Welche Tante schöner sey, die von Streckfuß, oder die von der Schoppenhauer – daß ein ziemlich wohl gekleideter Mensch Schiller's Possen und Lustspiele begehrte – daß eine Magd Kotzebue's Eduard von Schottenfeld verlangte – daß eine Frau alle vorhandenen Cataloge durchsah, und endlich fragte, wo denn die Bücher seyen, die nicht da drinnen wären – daß eine Frau, welche mit ihrer Tochter kam, bemerkte, Rittergeschichten dürfe das Mädchen lesen, aber beyleibe keine 152 Romane, und daß endlich ein alter Herr seine Pränumeration kündigte, weil er, wie er sagte, gar nichts lesen wolle, wenn er nicht Alles lesen kann.

Es schlug halb zwölf Mittags, und nun breitete mein Freund Sprung alle neuesten Blätter der Journale auf dem Tische vor sich aus, mit der Bemerkung, jetzt werden gleich andere Kunden, das sogenannte belletristische Kränzchen, erscheinen. Er hatte noch nicht ganz ausgesprochen, so kam schon ein junger wohlgebildeter Mann, bald nachher ein Zweyter nicht wohlgebildeter, und ein Dritter und Vierter. Wie sie kamen, fielen sie alle gleich über die daliegenden Blätter her und – man wird sie kennen lernen, wenn man ihr Gespräch vernimmt, das ich mir gut gemerkt habe.

Der Erste. Das ist wieder eine elende Kritik – hast du sie gelesen?

Zweyter. So was les' ich gar nicht.

Dritter. Da schaut einmahl her, da steht ein Gedicht von X., solches fades Zeug nehmen sie auf, und von mir liegt schon drey Monathe ein Gedicht, und ist noch nicht gedruckt.

Der Erste (dem Zweyten in's Ohr). Wird auch was Sauberes seyn!

Der Vierte. Habt ihr schon gehört, daß in —heim wieder eine neue Zeitschrift erscheint? 153

Erster. Nun, der Redacteur hat mir ja schon geschrieben, und hat mich um Gotteswillen gebethen, ich möchte ihm Beyträge schicken.

Der Zweyte. Wer war gestern im neuen Stück?

Erster. Ich! – Dummheit – nichts als Handlung über Handlung, gar keine Diction, reine klare Prosa, von Poesie keine Spur. – Ich schreibe jetzt ein neues Trauerspiel, die ersten drey Acte hab' ich schon unsern ersten Schauspielern vorgelesen, ein Jeder freut sich schon auf seine Rolle.

Der Dritte (zu Sprung). Haben Sie die heurigen Rosen noch nicht da?

Sprung. Nein!

Dritter. Recht schöne Kupfer.

Erster. Ja und ein elender Inhalt. In dieses Taschenbuch hab' ich gar nichts hinaus schicken mögen, es ist mir zu schlecht.

Der Zweyte /zum Dritten leise). Die Fanny war gestern im Theater.

Dritter (eben so). Jetzt geh – hast du mit ihr geredet, hat sie nicht um mich gefragt?

Zweyter. Ja, du möchtest ihr das versprochene Buch bringen.

Dritter. Die dumme Gans soll mich in Ruhe lassen. 154

Vierter. Der Göthe hat vom König von Bayern einen Orden bekommen.

Erster. Ja! – hm! – Apropos von Göthe, gestern hab' ich einen Brief von ihm empfangen.

Dritter. Nun was schreibt er denn?

Erster (etwas verlegen). Er läßt sich in's Breite über unsere neueste Literatur aus, und fragt mich um meine Meinung.

Zweyter. Da seht einmahl auf die Straße hinaus, was ist denn das für ein Auflauf? (Er läuft hinaus, und alle ihm nach.)

Auch ich ging fort, recht böse darüber, daß mir die letzte Scene alle vorhergehenden komischen etwas verbittert hatte. 155

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