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Wiener Lebensbilder

Ignaz Franz Castelli: Wiener Lebensbilder - Kapitel 12
Quellenangabe
typesketch
booktitleWiener Lebensbilder
authorIgnaz Franz Castelli
yearca. 1995
noteFaksimiledruck der Ausgabe von 1828
firstpub1828
publisherReperio-Verlag
addressWien
isbn3-85168-000-7
titleWiener Lebensbilder
pages202
created20101006
sendergerd.bouillon@t-online.de
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X.
Mein Freund Spitz.

Mein Freund Spitz ist ein guter lieber Mensch, aber er besitzt den Fehler, die Blicke überall auf sich zu ziehen und die Aufmerksamkeit an seine Person fesseln zu wollen. Er hält sich auch überzeugt: die ganze Welt beschäftige sich nur mit ihm. Seinem Schuster schärft er strenge ein: ihm Kartenblätter zwischen die Sohlen seiner Stiefel und Schuhe zu legen, damit sie nur recht knarren. Geht er spazieren, so redet er so laut, daß alle Vorübergehenden seine gewählten Worte hören müssen. Tritt er in's Parterre des Schauspielhauses ein, so schreyt er nach dem Sperrsitzschließer, schimpft über die schlechte Einrichtung, daß die Gänge zu den Bänken so eng seyen, und kommt er endlich zu seinem Sperrsitz, so klappert er erst dreymahl damit auf und zu, stellt sich dann, mit dem Rücken gegen die Bühne gewendet, auf die Zehen, daß er über alle Leute hervor ragt, zieht sein stets mit den feinsten Wohlgerüchen parfümirtes Schnupftuch heraus, und schüttelt es also aus einander, daß alle Nasen seiner Umgebung ihn wenigstens riechen müssen, wenn sie ihn 133 nicht sehen. Das Schrecklichste ist ihm, wenn er gerne ein Compliment in eine Loge anbringen möchte, und die Leute darin ihn gar nicht bemerken, da räuspert er und hustet und fixirt, und ist bemüht, den Strahl seines Perspectiv-Glases dahin zu wenden, da wedelt er mit dem Schnupftuche und macht allerley Getöse, um nur bemerkt zu werden. Ja, er grüßt auch sogar Personen in Logen, die er gar nicht kennt, um nur der Leute Blick auf sich zu ziehen, und sie glauben zu machen, er habe sehr noble Bekanntschaften. Speist er in einem Gasthause, so findet er Alles schlecht, läßt den Wirth kommen und zankt mit ihm, setzt alle Aufwärter in Bewegung, und will immer gerade das essen, was heute nicht vorhanden ist. Er macht dabey immer Witz, der manchmahl nicht übel, oft aber auch so platt ist, daß man gekitzelt werden müßte, um darüber lachen zu können. Indessen platzt er immer darüber zuerst selbst in ein schallendes Gelächter aus. Man mag sprechen, wovon man will, er hat Alles schon besser gesehen: man mag in einem Lande gewesen seyn wo man will, er weiß einen Tadel daran zu finden. In Gesellschaften will er alles leiten, ordnen; er führt den Tanz an, er schlägt den jungen Leuten Spiele vor, er spielt mit den Alten. Versteht sich, daß er beym Spiel über jede Karte was zu sagen weiß, und daß der Diskurs über jede Parthie 134 immer länger dauert, als die Parthie selbst. Auf der Gasse erblickt man ihn immer mit einer unruhigen, äußerst wichtigen und geschäftigen Miene, er geht nie, immer läuft er. Wollt ihr ihn aufhalten? er hat keine Zeit euch Rede zu stehen! er hat zwanzig Bestellungen für diesen Tag. Fragt ihr ihn, wie es ihm gehe, so meldet er sich immer krank, obschon ihm die Gesundheit aus den Backen zu springen droht, und er mit außerordentlichem Appetit ißt. Wenn er nach Krems reisen muß, so läßt er ein Lebewohl an alle seine Freunde in die Zeitungen einrücken, und wenn er krank wird, so ist er überzeugt, die Papiere müßten auf der Börse fallen. Er trägt immer die auffallendsten, schreyendsten Farben, auf seiner Dose hat er eine Uhr, in seiner Berlocke ein Spielwerk, und auf seinem Spazierstäbchen ein Pfeifchen angebracht; seine Spornen klingen wie Glöckchen, ein Alliance-Ring glänzt an seinem Finger und seine Busennadel wirft Strahlen. In seinem Zimmer stehen fünf Schlaguhren, und an seiner Hausthüre befinden sich drey Täfelchen. Auf dem einen steht geschrieben wer hier wohnt, dabey stehen alle seine Titel, nähmlich: Carl Spitz, Doctor beyder Rechte, beeideter Notar, Mitglied des Vereins der Musikfreunde des österreichischen Kaiserstaates, der Lesegesellschaften in Prag und Grätz, Privat-Professor und Inhaber eines Hauses sammt 135 Garten und Weinbergen zu Enzersdorf nächst Wien; das zweyte Täfelchen besagt, wann er zu Hause zu treffen sey. Das dritte ist leer, und es steckt ein Weißstift dabey, damit man ihm auf diese Art Nachricht ertheilen kann. Wenn Spitz auf der Violin spielt, so thut er es immer am offenen Fenster, wenn er fährt, so darf es kein Fiacker seyn. Alle Bijouterien, die er besitzt, stellt er auf seinem Kasten zur öffentlichen Ansicht aus. Bey alle dem aber ist mein Freund Spitz ein guter braver Mensch. 136

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