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Wiener Lebensbilder

Ignaz Franz Castelli: Wiener Lebensbilder - Kapitel 10
Quellenangabe
typesketch
booktitleWiener Lebensbilder
authorIgnaz Franz Castelli
yearca. 1995
noteFaksimiledruck der Ausgabe von 1828
firstpub1828
publisherReperio-Verlag
addressWien
isbn3-85168-000-7
titleWiener Lebensbilder
pages202
created20101006
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VIII.
Die Kindeswärterinn.

Ich ging neulich mit einer Dame auf dem Glacis spazieren, um den ersten schönen May-Abend zu genießen, da wurden wir auf dem Grase ein Kind gewahr, welches ganz allein saß, und allerliebst angekleidet war. Wir traten näher und bemerkten, daß es weine. »Warum weinst du?« fragte ich die Kleine.

Kind. Weil ich ganz allein bin.

Meine Dame. Wem gehörst du denn an, wo wohnst du? wir wollen dich nach Hause führen.

Kind. Ich gehöre meiner Mama, wir wohnen in einer Gasse.

Dame. Wer hat dich denn daher geführt?

Kind. Die Christel. (Noch stärker weinend, und nach allen Seiten rufend) Christel! – Christel!

Dame. Wo ist denn die Christel?

Kind. Ich weiß es nicht. Sie ist erst da auf dem Gras gesessen mit dem Herrn Jacob.

Dame. Wer ist der Herr Jacob? 93

Kind. Nun, wissen Sie denn das nicht? Das ist ja der Bediente von dem schönen Herrn, der immer zu uns in's Haus kommt, und mir Zuckerwerk mitbringt. Sie haben mir beyde gesagt, ich soll nicht von ihnen weggehen, aber ich bin meinem Balle nachgesprungen, und wie ich umgeschaut habe, war die Christel nicht mehr da – hi! hi! – hi! meine Christel! ich habe sie verloren.

Dame. Du hast sie nicht verloren, liebes Kind, sey nur ruhig, sie wird schon wieder kommen, bleib' indessen bey uns.

Kind. Nein, sie wird nicht wieder kommen. Sie ist eine Grausame. Der Herr Jacob hat sie erst so geheißen.

Ich. Nein, liebes Kind, die Christel ist nicht grausam, sie wäre sonst wohl noch hier bey dir.

Dame. Komm her zu mir, wie heißt du denn?

Kind. Jenny.

Dame. Komm her, liebe Jenny, wir wollen uns niedersetzen, setze dich zu uns und spiele.

Die Kleine that es, meine Dame gab ihr das Parasol, womit sie sich unterhielt und zu weinen aufhörte. Endlich nach einer halben Stunde sahen wir von der Seite eine junge, recht hübsche Magd athemlos daher laufen. Die Kleine sah sie kaum, so lief sie ihr mit dem Rufe Christel, Christel entgegen. »Eine Stunde such' ich 94 sie jetzt schon,« schrie Christel, »sie ungezogenes Kind, man darf nur die Augen von ihr wenden, so ist sie schon weg: ich werd's der Mama sagen.« – »Ach nein,« bat Jenny wehmüthig, »nicht der Mama sagen.« – Christel riß sie am Arme mit sich fort. Ich und meine Dame standen auf und sprachen darüber, daß die Kindeswärterinnen oft noch weit mehr einer Aufsicht bedürfen, als die Kinder, die man ihnen anvertraut. 95

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