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Wie ward Fritz Stolberg ein Unfreier? (1)

Johann Heinrich Voß: Wie ward Fritz Stolberg ein Unfreier? (1) - Kapitel 1
Quellenangabe
typeessay
booktitleWerke in einem Band
authorJohann Heinrich Voß
year1966
publisherAufbau Verlag
addressBerlin und Weimar
titleWie ward Fritz Stolberg ein Unfreier? (1)
pages293-320
created20051225
sendergerd.bouillon
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Johann Heinrich Voß

Wie ward Fritz Stolberg ein Unfreier?

beantwortet von Johann Heinrich Voß

Dumm machen lassen wir uns nicht!
Wir wissen, daß wir's werden sollen.
Gleim.

Allerdings, Freund, wird es ernsthafter mit den Lockungen der römischen Hierarchie. Was wir mit unserem Griesbach manchmal als flüchtige Modesucht, als ansteckenden Pips unter verdumpften Zärtlingen, die an ungewohnter Heitere sich verschnupft hatten, mitleidig belächelten, das kann, wenn nicht Einhalt geschieht, zu einer hartnäckigen Seuche sich verschlimmern, zu einer hinraffenden Geistespest. Das römische Pfaffentum verbindet sich mit dem Rittertum, beide mit feilen Schriftstellern, um die Roheit des Mittelalters zu erneun. Herrscher, die man der Vorzeit so unkundig achtet wie der jetzt regsamen Zeit, täuschte man gern durch Einraunungen, ihr und der Völker Heil von der Seite zu erwarten, woher grade die Gefahr droht. Römlinge in allerlei Form schlängeln umher, zischend und Gift spritzend: ein Graun, nicht uns Evangelischen allein, sondern auch unseren katholischen, nicht mehr unduldsam verketzernden, Glaubensbrüdern. Mißlingen wird der Plan der neueren Hildebrande gewiß; denn Arglist ist nicht Klugheit. Die begeisterte Feier der großen Anstrengung, die vor dreihundert Jahren uns evangelische Freiheit errang, ist Bürgschaft genug, wir werden nicht leichtsinnig unter das Joch der römischen Willkür zurückkehren. Aber viel Böses kann im einzelnen geschehn. Wem Gott Einsicht und ein Herz verlieh, der warne, der eifere, der beschwöre.

Der Verfasser des mir mitgeteilten Schreibens hat die neuesten Religionsgärungen in Holstein sehr richtig für eine Fortsetzung früherer, durch einen adeligen Bund erkünstelter Unruhen erklärt. Die Triebfedern dieser früheren Unruhen kenn ich genauer als er, vielleicht genauer als einer der jetzt lebenden Wahrheitsfreunde; aber ich scheute die unheitere Erinnerung. Ein wahrheitsforschender Besuch hat, wie eine Engelerscheinung, mich erweckt, einen Lichtstrahl zu werfen in das unheilbrütende Geheimnis. Achtzehn Jahre lang schwieg ich, mit dem Vorsatz, immer zu schweigen; auch nachdem der Graf Stolberg meine treue Warnung bei seinem unbesonnenen Übertritt, in der Vorrede seiner Religionsgeschichte S. XVIII, so erwidert hatte. Nicht länger darf Wehmut um einen Jugendfreund mich überwältigen; da er, mit Selbstberuhigung nicht vergnügt, uns anderen Ruh und Glückseligkeit zu verkümmern fortfährt und in dem jüngsten Aufsatz »Über den Zeitgeist« sein rastloses Streben für hierarchische und aristokratische Zwangherrschaft unverhohlen bekennt. Zeugen muß ich und will ich, ein Greis gegen den Greis, eingedenk, daß wir bald jenseits, wo kein Ritter noch Pfaff schaltet, den Gebrauch der anvertraueten Talente verantworten müssen. Nicht frank und getrost für die Wahrheit gezeugt zu haben, wäre das erste, was ich nach dem Erwachen aus dem letzten Schlummer zu bereun hätte.

Wie ein Mann von Friedrich Leopold Stolbergs Geiste, der Sohn streng evangelischer Eltern, erwachsen im lehrreichen und heiteren Umgang mit dem Hofprediger Joh. Andr. Cramer, dem Sänger Luthers und Melanchthons, mit dessen Hauslehrer Funk, den Magdeburg noch dankbar verehrt, mit des frommen Friedrichs des Fünften würdigem Staatsminister Bernstorff, mit dessen gleichsinnigem Neffen, dem zweiten Bernstorff, mit dem von beiden erkannten Klopstock und dessen jüngeren Freunden Gerstenberg, Preißler, Schönborn, Sturz, Munter, Resewitz – wie ein solcher im fünfzigsten Jahre vermocht habe, den Glauben der Väter, der Jugendpfleger und der nachmaligen Jugendfreunde, seiner Mitbegeisterten für Luthers unsterbliches Verdienst, den zu verleugnen und aus dem Lichte des geläuterten Evangeliums in die Nacht Hildebrandischer Verunreinigung überzugehn, aus freier Kindschaft sich zur unwürdigsten Sklaverei zu erniedrigen? Diese Frage hab ich seit achtzehn Jahren oft abgelehnt, oft flüchtig beantwortet. Zur genügenden Antwort ist unvermeidlich eine aufrichtige Darstellung, welcher Art Stolbergs Geist sei und wie ein so gearteter Geist auf seinem allmählichen Fortgange zu dem befremdenden Ziele gedacht und gehandelt habe. Das, und nichts, was seitab liegt, will ich mit redlichem Herzen aussagen. Stolberg, der nie in sein Inneres sah, wird auffahren bei dem Bilde, das ich ihm zeigen muß. Sei es ihm ein Gesicht von Gott; und erheb er sich zu dem Entschluß, noch hier wieder gutzumachen, was er kann!

In F. L. Stolbergs Seele ist die Urteilskraft untergeordnet dem Gefühl, beide dem Witz und der Phantasie. So erkennt ihn jeder im lebhafteren Gespräch und im zufahrenden Parteinehmen. So zeigt ihn jede Schrift, wo er abhandeln will, von seinem frühesten »Brief über Lavater« bis zu seiner »Religionsgeschichte« und dem, was ihm »über den Zeitgeist« dünkt; so schon der Anfang seiner »Reisebeschreibung«, wo der Rhein bei Düsseldorf, obgleich schmal und nicht sonderlich schön, den Vorzug erhält vor Hamburgs Elbe, die mit ihren Schönheiten sich zu breit mache. Oft hat St. gutmütig gelächelt, wenn ich auf ihn, der das Einfachste nicht begriff, Platons Wort anwandte: »Den Dichtern nimmt der Gott ihren Verstand und gebraucht sie zu Dienern, wie Wahrsager und heilige Propheten; damit wir sie hörend erkennen, daß nicht sie es sein, die reden so Köstliches, da sie keinen Verstand haben, sondern daß der Gott selbst der Redende sei und durch sie töne zu uns.«

Das Christentum, in welchem die Stolbergischen Kinder aufwuchsen, war Baumgartensche oder noch ältere Rechtgläubigkeit, in Gedächtnis und Phantasie aufgefaßt und für das Herz Andachtsübungen nach pietistischer Art, soweit sie der vornehme Ton zuließ. Ihr Hauslehrer war ein gutherziger, schwacher Mann. Forscht in der Schrift! ward nicht geübt, sondern: findet in der Schrift, was die Dogmatik vorschreibt.

Bernstorff hatte so viele Deutsche nach Kopenhagen gebracht, daß die Dänen sich gekränkt fühlten; durch häufige Reibungen entbrannte der noch fortlodernde Haß, der auf alles, was deutsch heißt, überschlug. Im Kampfe der Parteien gewöhnte sich Friedrich Leopold früh an ein hohes Wir, das Anhänglichkeit foderte und gegenüber nur Gemeines und Verächtliches erkannte. So entstand jenes Gemisch vornehmer, sich einander verklärender Gefühle, die bald in lyrischem Tone laut wurden: Ich bin ein Deutscher! Ich ein Graf! ein Stolberg aus mythischem Altertum! ein Muttersproß vom alternden Castell! Ahnherr künftiger Freiheitshelden! ein mehr als gräfliches Genie! ein gottbegeisterter Poet! ein rechtgläubiger Christ! Daher das Titelkupfer vor den Gedichten der ritterlichen Stolberge, zwei Bergkentauren mit strebendem Schweif von der Höhe trabend. Daher Aussprüche, wie im M[usen] Alm[anach] für 1785: »Zu der Himmelsleiter der Weisheit klimmt der Gelehrte purzelnd hinan, indes dem Dichter, der unten wie Jakob träumt, die Engel höhere Erkenntnis herabbringen.«

Als Zwanzigjähriger ward St. uns Freunden in Göttingen wert durch aufstrebenden Geist und Biedersinn. Beide Brüder, Fritz und der ältere Christian, traten dem Bunde bei, wovon in »Höltys Leben« geredet wird. Gleichwohl kamen sie uns weniger nah als Jünglingen ihres Standes, vorzüglich den Grafen Cai und Friedrich von Reventlow und dem Baron Haugwitz, der später als Graf in Berlin sich bekannt gemacht. Sie besuchten unsere wechselnden Versammlungen und waren dann rein menschlich; bei ihnen wurden wir ein- oder zweimal zum Tee geladen, wo das rein Menschliche vermißt ward. Einer von uns meinte, der ältere sei weniger adelstolz, weil er seine Verse bloß Christian Stolberg unterschrieb; ich behauptete, der jüngere sei's, denn der denke bei Graf nichts weiter als einen Teil des Namens.

Aus Klopstocks Umgange brachten sie, vorzüglich Friedrich Leopold, eine schwärmerische Liebe für Freiheit mit. Im Vertraun, daß sie gefaßt hätten, was Vernunftrecht und was Schwertrecht sei, widmete Klopstock ihnen im Jahre 1773 die Weissagung:

                    Frei, o Deutschland,
Wirst du dereinst! Ein Jahrhundert nur noch;
    So ist es geschehen, so herrscht
        Der Vernunft Recht vor dem Schwertrecht.

Der Dichter will wohlgeordnete Verfassung unter gesetzlicher Obrigkeit und verabscheuet Willkür der Gewalt. Aber die Stolberge dachten sich bei Vernunftrecht zunächst adliges Vorrecht, ehmals mit dem Schwert erkämpft, jetzt vernunftmäßig. Sie wollten nicht gleiches Gesetz und Recht, sondern was damals in Polen und vor 1772 in Schweden Freiheit hießFriedrich Leopold sang damals von Schwedens Gustav: Ob dort ein schlauer junger Octavius / Ein Volk bejoche, welchem noch Freiheit galt. : Beschränkung der Obermacht durch Geburtsadel, Freiheiten der vornehmen Geschlechter, Oligarchie. Sie für ihre Person wollten dann gegen das Volk recht gnädig sein. Indes, durch den Laut Freiheit entflammt, glühten sie auch für die sämtlichen Schweizerkantone, ja später für des unadligen Amerikas Freiheit, verehrten Franklin und Washington, jubelten über den Anfang der französischen Umwandlung. Als aber die Vorrechte schwanden, verlor Graf Friedrich Leopold zuerst, und bald auch Graf Christian, allen Geschmack an Freiheit; Franklin und Washington fielen in Ungnade, selbst Milton ward widerlich, in der Schweiz glänzte Bern.

Von den sechziger Jahren an ward die herrschende Dogmatik, freier als zuvor, beleuchtet durch Kirchengeschichte, unbefangnere Kritik, hellere Kunde der biblischen Sprachen, Sitten und Vorstellungen. Man wagte mit Luthers Redlichkeit sich selbst und anderen zu gestehn: dieser und jener Glaubenssatz, worauf ewiges Heil ruhen soll, ward Jahrhunderte lang so oder so gedacht, bis in Priesterversammlungen Ausspruch der Mehrheit die eine Meinung gebot, die andere, vielleicht des Gelehrteren, des Frömmeren, die gestern noch erlaubt war, heute verwarf und verketzerte. Männer wie Spalding, Jerusalem, Zollikofer lehrten jetzt, nach Bibel und Vernunft, das einfachere, von fruchtlosen Vorwitzigkeiten entladene, herzerwärmende Christentum, welches Christus gegen die mosaischen Dogmatiker aufgestellt und in den letzten Jahrhunderten Johann Hus, Taulers Laienbruder, Geiler von Kaisersberg, Luther, Zwingli und andere geahnt hatten. Daß zu sanfter Verständigung der Weisen auch stürmischer Unverstand sich gesellte, war das gemeine Los alles Fortstrebens zum Besseren. Die Altgläubigen, die in dem mühsam erlernten System einmal festsaßen, ereiferten sich, daß man ihnen noch Mühe des Nachlernens und, statt der dumpf träumenden, eine herzerhebende Andacht zumutete; die Herstellung der alten ursprünglichen Religion ward Neuerung genannt. Auch Lavater, ein geistreicher und gefühlvoller Mann, aber an theologischer Kenntnis arm, schwärmerisch und eitel, seufzte und empfindelte dagegen, weitwirkend durch Phantasien für den vornehmen Modegeschmack, mehr noch durch heimliche Zirkelbriefe, aus welchen eine unchristliche Anschwärzung öffentlich von dem jüngeren Spalding, seinem bisherigen Verehrer, gerügt ward.

Im Jahre 1775 war's, als bei dem vielgefeierten Lavater, der allen alles zu sein wußte, die Brüder Stolberg mit ihrem Haugwitz eine geraume Zeit verweilten. Drauf erschien im »Deutschen Museum« 1776 von Friedrich Leopold ein begeisterter Brief an Claudius, voll Posaunentons für den unvergleichbaren Lavater und dessen höfischen Posauner Zimmermann, gegen »die Schulweisen, die, ungehorsam dem Glauben, viel schwatzten von Menschenliebe«, ja gegen alle, die an Lavater Flecken sahn: so seicht und dünkelhaft, so aufsprudelnd und bombastisch, so schnöd und wegwerfend, daß nicht leicht gräfliche Anmaßung eines Vierundzwanzigjährigen ihn überbieten konnte. Lessing, der eben in Hamburg war, erkannte in dem frühzeitigen Genie – Wurmstich. Am Schlusse des Briefs wird das liebenswürdige Weibchen holdselig gegrüßt und Claudius selbst von beiden Brüdern umarmt. Kein Wörtchen für Voß, der in dem einsamen Wandsbek bei Claudius aus und ein ging, den aber, wie bald verlautete, Lavater schon an der gesetzten Hand als einen Vernunftmenschen erspäht hatte.

Jedes Wiedersehn war Erneuerung unserer Bundesfreundschaft. In Eutin, wohin ich im Jahr 1782 zog, wurden wir vertraulicher als je durch Stolbergs Gemahlin Agnes. Ein Gedicht an Stolberg vom J. 1794 gedenkt des Vergangenen:

Sie hieß die Freundin Agnes hier;
Dort heißt sie anders nun.
Ach! sanft und ruhig sprachen wir!
Man pflegt' auf ein Gespräch mit ihr,
Wie selig schon, zu ruhn.

Diese Vertraulichkeit dauerte fort, da St. 1783 in das Herzogtum Oldenburg versetzt ward, in Briefwechsel und in seinen häufigen Besuchen. Auch über göttliche Dinge besprachen wir uns, bei verschiedenen Ansichten, mit Ruhe, mit Herzlichkeit, mit Erhebung. St. milderte seinen Groll gegen Vernunftschriften, da er Klopstock und Cramer, der jetzt Kanzler in Kiel war, unfruchtbaren Glaubensformeln so abhold wie der dumpfen Schwüle der Empfindler, im heiteren Lichte fortstreben sah; besonders nachdem, bei einem Besuch in Berlin, Spaldings Weisheit und warme Frömmigkeit seine Verehrung, seine Liebe gewonnen hatte.

Ein starker Beweis von Stolbergs damaliger Gesinnung ist folgendes. Uns Bundesfreunde hatte Schönborn, der im Jahr 1773 durch Göttingen als dänischer Konsul nach Algier ging, zur Freimaurerei beredet. Ich, im folgenden Jahr zu Hamburg von Klopstock und Busch, die ich um Rat fragte, nicht abgemahnt und durch Lessings gerühmten Vorgang sicher gemacht, ließ mich aufnehmen, mit der ausdrücklichen Bedingung: Geistesfreiheit! Die Sinnbilder der drei ersten Grade entzifferten wir uns, jeder seinen Neigungen gemäß. Als aber im Inneren die Sinnbildnerei sprechender ward, trat ich zurück und mied seitdem alle heimlichen Verbindungen. Die Brüder Stolberg hatte man früher in Berlin, mit Claudius zugleich, noch weiter geführt; mehr noch wußten sie durch Haugwitz. Den, sagte mir Friedrich Leopold, hatten in Venedig ein paar Geistliche besucht und als einen lange Beobachteten geweiht zu höherer Erkenntnis. Zu warnen vor den heimlichen Beobachtern aus Italien, wollten wir drei öffentlich uns lossagen, wenn der Landesgroßmeister uns begleitete; der aber ward nicht durch unsere Briefe, sondern später durch eigene Wahrnehmungen von der pfäffischen Heimtücke überzeugt. Nicht so Claudius. In einem Gespräche gab er mir Ausartung zu; doch eine Loge sei rein. »Sie meinen die«, sagte ich, »zu welcher Ihr Freund Haugwitz gehört. Wissen Sie denn, daß der seine Weihe von Klerikern in Venedig empfing?« Claudius stutzte, spottete und ging seitdem seinen eigenen Weg. Dies geschah in den Jahren, da viel von geheimen Obern und Jesuiten gesprochen ward und von dem Oberhofprediger Stark, der, wie sehr ihn Feinde der berlinischen Ankläger verteidigten, jetzt in katholisch geweihter Erde – ruht. Bald nachher entstand in Berlin das nach Wöllner benannte Unwesen, welches den Greis Spalding sein Amt niederzulegen bewog.

So blieb in den achtziger Jahren, bei seltenen Störungen, mein Verkehr mit Stolberg. Abweichende Meinungen in Wissenschaft, Dichtkunst und Religion ertrugen wir gegenseitig. Er begriff, daß mir an Lavater mancher Kasparstreich, wie sein Glaube an Pater Gaßner, sein Mißbrauch des tierischen Magnetismus, sein pfäffisches Einherprangen, sein Anpreisen katholischer Zeremonien bei seinem Haß gegen evangelische Denkfreiheit, nicht gefallen konnte. Ich dagegen nahm es für Rüge der Übertreibung, als Stolberg das Zimmermannische Wort »Jesuitenriecherei« nachzusprechen begann. So blieb es auch, nachdem im Herbst 1788 Agnes, der Friedensengel, zu den Engeln geschieden war.

Frankreich, durch bevorrechteten Adel in Verderben gestürzt, erhub sich und foderte Abstellung der Willkür, gute Haushaltung und gleiches Gesetz. Im Sommer 1789 besuchte ich Klopstock in seinem Gartenhause vor Hamburg. Voll der großen Begebenheit, begleitete er mich zum Dammtore zurück. Hier stand er still und sprach mit prophetischer Erhabenheit: »Großes ist geschehn für Gesetzlichkeit der Obermacht. Aber Größeres steht bevor: Kampf der Patrizier und der Plebejer durch Europa. Die Fürsten im Dunstkreise der Patrizier werden verkehrt sehn und verkehrt handeln, nach vielem Elend wird Vernunftrecht walten vor dem Schwertrecht; aber wir beide erleben es nicht.« So sprach er und wandte sich plötzlich mit gesenktem Haupt.

Nach Agnes' Tode trat Fr. Leopold in den dänischen Dienst und ging als Gesandter nach Berlin. Vorher im März 1789, nachdem Ludwig XVI. die drei Stände berufen hatte, kam er nach Eutin zum Besuch. Froh sprach er von der Beschränkung des Throns; und als mich die ungleichen Wünsche der drei Stände besorgt machten, warf er mir zaghafte Kälte vor mit Ereiferung. Aus Berlin am 21. Julius, nach vereinigter Nationalversammlung und begonnenem Konstitutionsplan, schrieb er mir jubelnd über die Morgenröte der Freiheit und am 30. Julius über den hellen Tag, nachdem er die Stürmung der Bastille, die Errichtung der Nationalgarde, die Entfernung der Truppen und die ersten Ermordungen vernommen hatte. Aber sobald man am 4. August die Lehnrechte und Privilegien des Adels aufhob, erkaltete Friedrich Leopold.

Graf Christian und seine Gemahlin äußerten mir noch im Herbst ihre Freude, wie die alten Stammbäume so ruhig und still aufflammten in der Freiheitsglut, indes das junge Holz knatterte und sprühte. Sie beklagten die Laulichkeit des Bruders Fritz und fürchteten Einwirkung der berlinischen Hofluft, die damals sehr dumpfig war. Mir selbst fiel es auf, daß Friedrich Leopold seit jenem Jubel mir nichts von seinen Empfindungen über den hellen Tag der Freiheit mitteilte; auch daß, obgleich er Spaldings mit alter Ehrfurcht erwähnte, er doch kein bedauerndes Wort von dessen Beunruhigung hinzufügte; noch weit mehr, daß er nach seiner Zurückkunft aus Berlin über Haugwitz, den Geweiheten der ingeheim beobachtenden Kleriker, und über alles, was ihm anhaftete, sich zu äußern mied.

Gegen den Herbst 1790 ging Fr. Leopold mit seiner in Berlin gefundenen Gemahlin Sophia nach Dänemark; den folgenden Winter verlebten sie in Emkendorf unweit Kiel, bei dem Grafen Friedrich von Reventlow und dessen Gemahlin Julia, einer Tochter des reichen Kaufmanns Schimmelmann, der durch Finanzgaben zum Baron und dann zum Grafen gestiegen war. Beide ragten in der Gegend hervor: der Gemahl an geschliffener Weltklugheit und üppigem Witz, die Gemahlin an empfänglichem Geist und bis zur Kränklichkeit zartem Gefühl; er streng haltend auf Vorrechte der Geburt, sie des ererbten Katechismus und daher die fromme, auch wohl der Engel Julia genannt. Reich und gefühlvoll und fromm und kinderlos, sorgte sie für ihre Gutsangehörigen, das ist Leibeigenen, durch leiblichen Trost und durch den geistlichen eines selbstgeschriebenen Lehrbüchleins. Dennoch gelang mir's nicht, ihr Herz mit rührenden Briefen zu einem segensreichen Beispiele der Freilassung zu bewegen; die Leute sein noch nicht reif, hieß es, bis kurz darauf der öffentliche Unwille die Reife beschleunigte. Aus diesem Sitze des politischen und des frommen Eifers für Hergebrachtes schrieb mir Stolberg im Dezember 1790, in Frankreich gehe es schlecht; er sehe dort nichts als »Leutlein mit kleinlichen Leidenschaften«. Man weiß, daß damals hellsehende Männer ohne kleinliche Leidenschaft noch sehr auf Gemeinwohl hofften, welches, man weiß auch woran, scheiterte.

Was jetzt in Emkendorf für rechtgläubige Politik und Religion waltete, zeigt Stolbergs Gedicht an den Baron Hompesch aus Düsseldorf, im Musenalmanach für 1792. Hompesch hatte gegen den Kaiser Joseph dem ungrischen Adel, dessen Freiheiten beschränkt werden sollten, sich zugesellt, auch vorher, mein ich, in den Niederlanden gewirkt. Diesen Deutschen mit pannonischem Freiheitssäbel besingt Stolberg – verweist ihm aber, ein Protestant dem Katholiken, die Verkennung der deutschen Sprache voll deutsches Geistes, aus deren Donnerwolke der Held Luther, kühner als Franklin, den erschütternden Blitz auf die sieben Hügel gelockt habe. Zugleich vertrauet er ihm, der Genius in der Wolke sinne darauf, mit neuer Erschütterung am gereiften Frevel die Seufzenden zu rächen. Seufzt unser Adel nach pannonischer Magnatenfreiheit, nie wird für eine so faule Sache der Sprachgenius Donner des Worts oder Gesangs erregen. Nur anschleichendem Geflister verschließt euer Ohr, ihr Volksväter.

Im Frühling 1791 wollte Friedrich Leopold als dänischer Gesandter nach Neapel gehn; bald zog er vor, in eutinische Dienste zurückzutreten als Präsident, mit Urlaub für eine Reise nach Italien. Was ihn zu dieser Reise bewog, war nicht der klassische Boden allein, sondern ein dunkles Sehnen nach dem Hauptsitz jener Religion, die, wie sein Brief an Lavater bekennt, ihm immer so ehrwürdig war, daß er bei Lesung des Liedes, worin Lavater deren Gebräuche pries, zu jeder Zeile sein herzliches Ja und Amen sagte. Diese von der Gräfin Sophie genährte Sehnsucht drängte sich gleich jenseits der Alpen vor; und bald büßten die lieben Alten ihr ruchloses Heidentum. Vor der Reise sprachen wir einst lebhaft vom alten Italien und Sizilien, ich auf und ab gehend, er in der Ecke sitzend. Als ich lebhafter mich kurz wandte, sah ich in Stolbergs Gesicht, was ich nie gesehn, ein Lächeln so schrecklicher Art, daß ich schauderte; meiner Frau nannt ich's ein wahnsinniges und stärker. Sein Geist war, während der Mund einstimmte, anders beschäftigt und freute sich der Täuschung. Im Sommer 1791 reiste St. ab, samt seiner Gemahlin, dem ältesten Sohn und Nicolovius; und früh im Jahr 1793 kamen sie zurück.

Stolberg ging über Münster zur Fürstin Gallitzin, deren Einladung, wie er mir sagte, er nicht wohl ablehnen könnte, da er doch bei dem Fürstbischof in Oldenburg sich beurlauben müßte. Woher seine Bekanntschaft mit dieser Dame, weiß ich nicht; denn von jeher hatte Stolberg, so offen mein Herz ihm war, in dem seinigen ein geheimes Verschloß. Nach seiner Reisebeschreibung scheint's, er kam nicht über Oldenburg, sondern geradezu über Osnabrück, wo er einen Vormittag mit Kleuker, dem »redlichen Denker«, und einen Abend mit Möser zubrachte. Auch diese Vertraulichkeit mit Kleuker, dem man in Göttingen als düsterem Kopf auswich, war mir ganz unbekannt. In Münster blieb er drittehalb Tage im Hause der Fürstin Gallitzin und ward entzückt von der »Freundin des Philosophen Hemsterhuis« (vorher Diderots), von dem »aufklärenden Staatsmann Fürstenberg«, von dem »weisen und, bei glühendem Eifer, milden Overberg« und mehreren gleich milden Geistlichen. Diese drei überraschten ihn noch bei Jacobi in Pempelfort mit einem Besuch auf drei Tage (die ihm unvergeßlich blieben). J. hat mir gesagt, er habe gestaunt über die Verwandlung der heiteren Philosophien, die jetzt durch Regen und Wind nach Düsseldorf in die Messe gewandert sei.

In Ulm veranlaßte Stolberg bei unserem Bundesbruder Miller ein merkwürdiges Mißverständnis. Gleich nach seiner Abreise von dort schrieb M. mir einen herzlichen Ermahnungsbrief wegen meiner »verfluchten Intoleranz«, worüber St. geklagt habe. Ich wunderte mich; und es kam heraus, über meine »verfluchte Toleranz« hatt er geklagt, weil ich seinen Verfluchungen nicht beistimmte; das hatte der sanftmütige Miller verhört.

Aus Konstanz schreibt St. mit noch ungefälschtem Gefühl von der treulosen Verbrennung des »edlen Johann Hus« und des »gleich heldenmütigen Hieronymus«, und wie ebendaselbst Luthers »geläuterte Religion« zwei Jahre nach seiner Bekämpfung des Ablasses gelehrt worden sei. Beides sehr gegen den Sinn seiner verehrten Fürstin, die bald, wie man hören wird, den Schleier der milden Duldsamkeit ablegte.

Schon in Turin jauchzt er dem Meer entgegen, das Israels geweihtes Erbe anspült, wo die Sonne der Wahrheit und der Liebe aufging, zwar oft verdunkelt durch Erddünste, aber fortleuchtend bis zum Ende der Welt. Noch schienen ihm wohl die Erddünste von Rom aufgestiegen und zerstreut durch Hus, Luther, Zwingli und ähnliche. Als er aber am Weihnachtstage den Papst in der Peterskirche das Hochamt halten sah; als der schöne Greis die heilige Handlung mit Würde und Grazie verrichtete, bei schmelzender Musik, von gigantischen Schweizern in alter Rüstung umringt (welches wirklich, sagt Stolberg, etwas zum Feierlichen des Ganzen beiträgt); als er sitzend auf hohem Throne, Wache zu beiden Seiten, hinten zwei Männer mit Pfauenwedeln, die Kardinale voran, aus der Kirche getragen ward und das kniende Volk segnete: wie verlor sich die altevangelische Einfalt im Gedränge der hierarchischen Herrlichkeit! Der Pomp des römischen Gottesdienstes schmeichelte sich ihm je länger je mehr durch die Phantasie in das Herz. Umsonst schreckte die verbreitete Sittenlosigkeit ihn zurück; selbst der empörende Aberglaube, durch leichte Büßungen werde sogar Blutschuld abgebüßt, schien ihm nur »Mißverstand der katholischen Religion«. Den wahren Verstand, wie sein Herz ihn wünschte, hatten ihm schon die Münsterer eingeschwatzt. Mit solcher im Halbtraum schmachtenden Vorliebe für aristokratische Hierarchie beobachtete und beschrieb Stolberg Italien und Sizilien, den Verfall dieser Segenslande durch Pfaffen und Barone verschweigend oder beschönigend. Aus den alten Freistaaten, wo die Menschheit blühete, werden Greuel gehäuft als Wirkungen des Heidentums; da doch kein Heidentum so entmenschend war wie das römische Sankt-Petertum. Jedes Streben aus geistlicher und weltlicher Zwangherrschaft, jede Erleichterung des Jochs, wird mißlich genannt, ja frevelhaft; und das mit dem bittersten Grimm wie gegen Verworfene. In Neapel trafen ihn zwei Herren von Drost aus Münster, deren einer jetzt als Weihbischof für den römischen Hof eifert; sie kamen in Palermo ihm nach und begleiteten ihn durch Sizilien und, wie es scheint (denn sie werden nur beiläufig erwähnt), durch Italien zurück. In Wien verweilte er sieben Wochen mit Vornehmen, die, Josephs gemeinnützigen Anordnungen abgeneigt, sich der Hierarchie anschlossen. Von den Dichtern und Gelehrten fand er keinen bemerkenswert als den Abt Denis, der in seinen »Lesefrüchten« ein vollkommener Jesuit ist. Als ich im Jahr 1796 für das aristokratische Wort »Illuminat« Beweis foderte, berief er sich zuletzt auf wienischer Ehrenmänner, die er nicht nennen dürfte, mündliche Versicherung. Wahrscheinlich meinte er die Anhetzer der drei berüchtigten H., in deren Gebell die »Eudämonia« einstimmte.

Stolbergs auf der Reise gedichteter »Lobgesang« im Musenalmanach für 1793 enthält den Wunsch, daß Gott alle von Sonn und Mond erleuchteten Völker auch mit der Religion der Liebe, das ist der christlichen, erleuchte. Er singt:

Noch tappen ganze Nationen,
Du Quell des Lichts, in Dunkelheit.
Uns, die in deinem Lichte wohnen,
Umzieht die Wolke böser Zeit.

Aus dieser Umwölkung sehnt er sich zum helleren Tageslicht, wie die zerstreueten Israeliten nach Kanaan. Der erleuchteten Gallitzin nicht mehr rätselhaft!

Als Stolberg gegen den Frühling 1793 zurückkehrte, kannten wir unseren alten Freund nicht mehr. Eine für Eutin prunkende Einrichtung, Überfluß von Bedienten des Hauses und des Stalls, von Kutschpferden und von Reitpferden, Verschwendung in Küch und Keller, an der Tafel vornehme Steifheit und Mißlaune. Wie ungleich den traulichen Agnesschmäusen, da noch ein Pfannkuchen mit Lauch was bedeutete! da noch neben Scherzen ein Schwank sich ausnahm! da wir uns homerischen Kykeon mischten: Stolberg nach dem Buchstaben, aus Rotwein, Honig, Mehl und geriebenem Käse, welcher Misch, durcheinandergerührt, ihm und Kätchen antik schmeckte; ich nach dem Geist, griechischen Honig und Blume des Mehls übersetzend in zerkrümelte Zuckerplätzchen und dafür gelobt von Agnes und Ernestine, die den geraspelten Käse im Glase zurückließen. Auch in unserem Hause ward die manchmal sich hervorwagende Fröhlichkeit immer schüchterner. Stolbergs Erzählungen aus Italien hatten Lücken, wie von geheimer Zensur. Gespräche über längst Abgesprochenes wurden durch Anstöße eingeengt; ruhige Erörterung, freundliche Lösung des Mißverständnisses, wahrheitdurstige Ausgleichung mit gegenseitigem Wohlwollen fand sich seltener ein. Mein Freund war ein anfahrender Gebieter und achtete es klein, die erprobte Redlichkeit zu kränken, zu beleidigen, wohlmeinende Vorstellungen von zeitlichem und ewigem Heil in bösartige zu entstellen und zu verketzern.

Einst, nach langer Scheu, sagte ich meiner Frau: »Heute mittag will ich bei Stolberg essen; ich fühle mich so durchaus heiter, daß nichts in der Welt mich trüben kann.« Auf dem Schloßhofe, nahe vor seiner Wohnung, begegnete mir St. mit Nicolovius, aus dem Schloßgarten kommend, im Gespräch über den Druck seiner Reise. »Wie haben Sie's in Sizilien gefunden?« fragte ich in Beziehung auf Theokrit, über dessen Hirtennatur ich ihm Aufträge gegeben hatte. Er mit feierlichem Gesicht: »Ich versteh Ihre Frage; aber, von der ewigen Seligkeit nicht zu reden, will ich nur den irdischen Zustand, wie er vor alters war und wie er jetzo ist, kurz angeben.« Und nun eine unaufhaltsame Belehrung von dem gräßlichen Ehemals und dem erwünschten Jetzo, während welcher ich langsam zurückschlenderte und, ungefragt um den Zweck meines Gangs, von dem Belehrenden bis an die Linden meiner Haustüre begleitet ward.

In jener Zeit über den Adel mit Adligen zu reden, vermied man gern. Die Meinung ruhig erwägender Männer war: Die geschlossene Zunft des Adels ist sowohl durch Altertum ehrenhaft als durch Tugenden, wenn nicht der Stammväter (die kennt man nicht), doch einzelner Sprößlinge; strebt der Adel nach der Ehre, für unsere Zeit vorzüglich edel zu sein an Geist, Gemeinsinn und Tüchtigkeit, so wird er wohltätig für Fürsten und Volk und bleibt mächtig durch alten Ruf und Zusammenhang; trotzt er aber auf das Vorrecht angeborener Tauglichkeit, will er dem Staatskörper nicht mehren die Kraft, sondern entziehn, so ist er ein fremdartiges Gewächs, das, wenn es sich nicht verteilen läßt, den Schnitt fodert. Erbittert durch solche Ansichten, die im Jahr 1792 mein »Gesang der Neufranken für Gesetz und König« aussprach, trug Stolberg mir seine Galle zu und behauptete, der Adel sei ein edlerer Menschenstamm von eigenem Ehrgefühl, erhaben über die niedrige Denkart der Unadligen und dadurch zu Vorzügen berechtigt. »Wer, Teufel!« rief er, »kann uns nehmen, was unser ist?« – »Wer's euch gab«, sagte ich, »die Meinung.« Im Weggehn rief er durch die halboffene Türe zurück: »Verzeihn Sie mir meinen Schuh, ich verzeih Ihnen den Barfuß.« Den fliehenden Parther sucht ich heim mit den Distichen:

Edlere nennst du die Söhne Gewappneter, die in der Vorzeit
    Tugend des Doggen vielleicht adelte oder des Wolfs?
Was dich erhob vom Adel, die edlere Menschlichkeit, schmähn sie
    Als unadligen Tand. Nenne sie Adlige, Freund.

Drauf im Sommer zu Meldorf stellt ich den »Junker Kord« als ländliches Bild des menschenverachtenden Geschlechts, über dessen Roheit sich zu erheben ein Stolberg und mancher der Edleren würdig war. Die Höflinge hatte Stolberg zehn Jahre früher in den Jamben als Ungeziefer gestraft, »das am faulenden Staate zehrt«.

Welcher Stand war's in Deutschland, der zuerst, von rohen Befehdungen gezwackt, sich aufrang zu Ordnung und Gesetz durch Gewerbsamkeit, durch Kunst und veredelnde Wissenschaft? Und welches Standes sind die, welche noch jetzt nach dem Marke des Landes lüstern, als geborene Lenker des Staats und der Kriegsmacht sich vordrängen den Tüchtigen? welche, sich selbst entfremdend, in ausländischer Üppigkeit das Volk aussaugen und ihr Kauderwelsch als Herrensprache, unser Deutsch als Sprache der Dienstbarkeit behandeln? welche, damit Stellen genug sein für die Ihrigen, dem Volk ungeheuere Hofhaltungen, Marställe, Jagden, Kriegsheere aufbürden und die nötigen Ämter der Volkspflege durch Mangel und Herabwürdigung verkümmern? Forscht in Frankreich, in England, Amerika, welcherlei deutsche Namen man dort achtet und welches Geschlecht ihnen lächerlich ist in seiner barbarischen Unwissenheit und Anmaßung. Woher denn kommt alle Macht und Ehre des Staats? und woher der Verfall?

Die Unbegreiflichen, in deren Köpfe man sich kaum hineindenken kann! Diese Ansprüche auf Staatswürden ohne Geschick, diese Gier nach Gemeingut, wozu sie nicht beitragen, diesen Dünkel auf Ahnherren, die keiner kennt, nennen sie erhabenes, ihrem Geschlecht eigenes Ehrgefühl. Solches Ehrgefühl rühmte sich, als Warmgeschuheter auf den barfüßigen Freund herabblickend, der Graf Stolberg. Und das in Tagen, wo neuer Adel gleich Pilzen aufschoß; wo der Wucherer, der Kriecher, der Hebräer, wo jeder für sein Geld Stammherr fortaltender Geschlechter ward; wo selbst ein ausländischer, mit entehrender Strafe gezeichneter Edelmann unter die deutschen Reichsgrafen drang und kein Reichsgraf dagegen murrte! Klopstock sagte mir einst: »Der Adel spricht eine moralische Erbschaft an; er muß also mit den etwanigen Tugenden der Ahnherrn auch die sämtliche Schuldenlast ihrer Untugenden übernehmen, von den Vorzeiten der rohen Kraft herab bis zu den neuesten der rohen Untüchtigkeit. Wen schauert nicht vor einem mit so überschwenglicher Schuld belasteten Erbnehmer!« Die Ausführung bestimmte Kl. für eine Ode, die sich wahrscheinlich verloren hat.

Nun ward das dämmernde Gefühl mir klar, warum ich von jeher Scheu hatte, mit Stolberg in vornehmer Gesellschaft zu sein; woher die Mischung von Demut gegen Höhere, von flatterndem Witz gegen Gleiche, von Leutseligkeit gegen den – Gelehrten. Nun begriff ich, wie es möglich war, daß mein sonst herzlicher Freund, wann ihm die Laune kam, in scheinbar freundlichem Gedankenwechsel sich plötzlich herrische Entscheidungen verstattete oder gar ein Zulächeln mit einer ihm eigentümlichen Gebärde des Hohns. Das tat nicht Maecenas oder Messala seinem Horaz, dem Sohn eines Freigelassenen; denn in Rom war man urban, nicht auf chinesische Art höflich. Gewiß anders als Stolberg mit Voß lebte Kleist mit Lessing und Gleim; gewiß anders Hagedorn, dem sein Dresdener Bruder den vergessenen Adel einschärfte, mit den Freunden in Hamburg, wo den Ritter nicht nur der Reiche, sondern jeder Gebildete für das nimmt, was er ist, nicht was er seinen Ahnherren gewesen zu sein anfabelt. Wohl dem, der mit Claudius singen darf:

Mein Vater war ein edler Mann;
    Ich bin es auch!

Welcher Edle von Adel möchte dafür anstimmen:

Mein Vater war ein Edelmann;
    Ich bin es auch!

Der Adelig-Edlen finden sich wohl überall, auch wo noch Leibeigenschaft ist. Aber, was jetzt dem Gemeinwohl not tut, Edel-Adlige drängen sich zu sparsam aus dem Dickicht der Stammbäume hervor. Selbst einem Fritz Stolberg dünkt adliger Bürgersinn Ausartung vom Rittergeist. Aber nicht törichter als er trachtete der Held von Mancha, die Schatten der abenteuerlichen Paladine und ein abgestorbenes Faustrecht zu erwecken.

Im Julius 1793 kam Lavater von Kopenhagen durch Eutin, während ich, ihm ausweichend, in Meldorf war. Er selbst hatte sich gerühmt, zu einem wichtigen Geschäft eingeladen zu sein; und Bernstorffs Eifer, die Kirchengebräuche zu verbessern (der ihn später sogar nach den Anordnungen der Theophilanthropen in Paris sich zu erkundigen bewog), machte das Gerücht glaublich. Nachdem Lavater sich gezeigt hatte, hieß es, nicht Bernstorff, sondern dessen Gemahlin Augusta Stolberg, habe den Besuch veranlaßt. Wie auf der ganzen Reise, und sieben Jahre vorher auf der bremischen, zeigte er sich auch in Eutin. Seine Gespräche mit Stolberg über Glauben und Unglauben waren gewiß freundlich für zwanggläubiges Pfaffentum, feindselig gegen vernunftgläubiges Christentum.

Aber der Dämon, der damals den armen Stolberg, und durch ihn seinen Freund, noch am meisten beunruhigte, war jener durch Frankreichs Umwandlung geweckte oder erbitterte Ahnenstolz. Wer Erbverdienst und erbliche Vorrechte für einen wohlgeordneten Staat schädlich fand, der hieß ein Jakobiner, der sollte die anwachsenden Greuel in Paris verantworten. Aufrührerisch war's zu denken:

Heiliger Gesetze Bürger
Sind ja nicht notwendig Würger.
Was die Vorwelt sah,
Sieht Amerika.

Nach unserer Zurückkunft aus Meldorf lud uns Stolberg zum Abendessen. Ich saß in der Ecke neben Bernstorffs ältestem Sohne Christian, jetzt preußischem Staatsminister, und fragte gleichgültig, ob, wie es hieß, ein französischer Gesandter nach Kopenhagen käme. Die Antwort vernahm ich nicht; denn der lauschende Wirt fuhr auf und beleidigte mich so, daß wir weggingen als Geschiedene. Den anderen Morgen kam St. reuig; es erfolgte Aussöhnung und Ruhe für einige Zeit. Seine Schwiegerin, die Gräfin Luise, betrachtete ihn als gemütskrank und bat mich um Nachsicht und Freundespflege.

Im August 1793 gab die Fürstin Gallitzin ihrem Bruder Leo (so nannte sie ihn, und du) den Gegenbesuch auf mehrere Wochen; mit ihr kam ihre Tochter und eine jüngere Nichte, der geistliche Herr Overberg und zur Bedeckung noch zwei Männer, deren einer die Nichte in Kenntnissen, der andere Stolbergs Kinder in Leibesübungen unterwies. Die Fürstin, eine zurückgezogene Weltdame mit noch reizendem Gesicht, erschien geistreich, heiter, unbefangen, gefühlvoll für alles Schöne und Gute, wohlwollend und entschuldigend. Overberg, ein Bild altdeutscher Redlichkeit, war bescheidener Zuhörer und anziehender Kinderfreund; der »glühende Eifer«, den St. unter der Milde bemerkt hatte, blieb uns anderen verdeckt. Meine Hochachtung für beide ward erhöht durch ein Buch für Volksschulen, welches sie, unter Fürstenbergs Mitwirkung, verfaßt hatten, voll Wärme für die heilbringenden Lehren des Christentums und rein von Verdammungssucht: ein wahrhaft christkatholisches Buch, dem der protestantische Mitbruder bis auf einzelne, für den Zweck der gemeinsamen Religion unerhebliche Meinungen von Herzen beistimmen konnte.

Noch viel war übrig vom echten Stolberg; die klugen Einimpfer ließen dem edlen Stamm noch einige Zugreiser ungekappt. St. bewog mich einst, den Spruch des Tragikers Agathon mitzuteilen:

Drei Lehren faß ein Herrscher wohl ins Herz.
Die eine: daß er über Menschen herrscht;
Die andre: daß er nach Gesetzen herrscht;
Die dritte: daß er nicht auf immer herrscht.

Man ward gerührt, man verlangte den Spruch wiederholt, man lernte auswendig. Der edle Grieche! war ein Gefühl, und keine Andeutung von Heidentum. Eines Abends aß bei uns die Stolbergische Versammlung, mit Büsch aus Hamburg, Ebert aus Braunschweig und dem Kapellmeister Reichardt. Nach Tische erzwang R. meine Einwilligung, ein zum Komponieren empfangenes Lied vorzulesen, den »Gesang der Deutschen«. Mit Nachdruck las er:

Vernunft, durch Willkür erst befehdet,
Doch kühn und kühner, singt und redet
Von Menschenrecht, von Bürgerbund,
Von aller Satzung Zweck und Grund.

Nachdrücklicher:

Nicht mehr verfolgt wird Lehr und Meinung,
Nicht gilt für Gottesdienst ein Brauch;
Nur Lieb ist aller Kirchen Einung,
Der Tempel und Moscheen auch.

Und:

Nur Tugend, nicht Geburt, gibt Würde;
Verteilt nach Kraft ist Amt und Bürde.

Dem Beifall von Ebert und Büsch folgte ein allgemeiner und besonderer Dank von Stolberg, der Fürstin und Overberg.

Allmählich blickte durch die Offenheit der Fürstin etwas Hinterhältiges hervor. Sie hatte mir lang eine vertrauliche Unterredung, ein tête à tête, angekündiget, wozu es doch nie kommen wollte, obgleich sie alle Morgen an meinem Seeufer in die Badwanne stieg. Endlich bestellte sie sich ein Frühstück mit uns allein in meinem Studierstübchen. Kaum hatte bei dem Kaffee eine Art von Gespräch begonnen, so stürmte der ganze Schwarm der Stolberge und der Münsterer in den anstoßenden Saal. Dazu das Schautragen der Zeremonien: alle Freitage nach Lübeck in die Messe, vier Meilen weit; kein Fleisch am Freitag; nach der Mahlzeit ein hochfeierliches Bekreuzen der Stirn und der Brust, welches die Tochter, eine muntere Seiltänzerin, mit einer artigen Gebärde, als wollte sie etwas am Putz ordnen, in der Hast abtat. Den Herrn Overberg traf meine Frau am Bette der kranken Gräfin Sophie, wie er sie und die Kinder mit Legenden unterhielt. Das war nichts weiter, hieß es, als wenn meine Frau (was sie einst vor der Fürstin tun mußte) unseren jüngsten Söhnen in der Dämmerung aus der Odyssee erzählte im niedersächsischen Kinderton. Ich machte die Gräfin Katharina aufmerksam auf die Fürstin. »Sie tun ihr Unrecht«, antwortete die Gute; »Sie glauben nicht, wie die Fürstin Sie ehrt und liebt!« Dann vertrauete sie mir, sie habe im Vorbeigehn an der Laube gehört, wie Fritz im einsamen Gespräch mit der Fürstin voll Zorn sich von Voß zu trennen gelobt habe und wie mild die Fürstin ihn besänftiget. Woher der Zorn, wozu die Besänftigung, ahnte sie nicht.

Stolberg sagt in dem Brief an Lavater, den er als Katholik im Jahr 1800 schrieb, er habe den Schritt zur katholischen Religion nach siebenjähriger Untersuchung getan. Jetzt, also ungefähr im J. 1793, begann die angebliche Untersuchung. Dabei war Voß überflüssig; doch durfte die Verabschiedung nicht plötzlich sein, der Katholik mußte zuvor reifen.

Bald nach dem Abzug der Gallitzin im Herbst kamen Stolbergs Reisegefährten, die Herren von Drost. Der ältere neu vermählt, ein gutmütiges Ehepaar. »Iß doch brav Fleisch, lieber Adolf«, sagte die Liebenswürdige zu Abend, »morgen ist ja Freitag!« Und Adolf aß brav. Der jetzige Weihbischof ward auch als Guter gelobt; er sprach wenig und wandte bei meiner Anrede die Augen hinweg: unbestimmbar, ob aus Scheu des Ketzers oder des Unadligen, oder weil er sich leer fühlte; wahrscheinlich alles zugleich. Er hatte einen geweihten Stein mitgebracht, auf welchem stehend er dem Dutzend katholischer Einwohner Eutins Messe las, mit Gebärdungen, woran ein alter rechtschaffener Leinwandhändler aus Westfalen sich ärgerte.

Einst, da ich mit Hensler an Stolbergs Tische war, fiel das Gespräch auf adlige Landgüter in Bürgerhänden und auf die Menge ausgestorbener Familien. Weitläuftig schilderte H. des Adels Ausschweifungen, die, roh in älterer Zeit, verfeint in späterer, Geist und Leben und Gut verwüstet. Am ärgsten, meinte er, ward es seit Ludwig XIV. Sehr arg, sagte ich, zeigt es schon 1587 der Norddorfer Pastor Meigerius in den niedersächsischen Predigten über die Zauberei: der Adel habe, durch wüstes Leben geschwächt, angebliche Behexer auf der Folter zum Geständnis genötiget und verbrannt. »Warum«, fragte H. auf dem Rückwege, »sah St. so düster aus?« – »Unser Gespräch«, sagte ich, »war jakobinisch.«

Der Winter 1794 vermehrte den Ingrimm auf deutsche Jakobiner. Stolberg hatte im Musenalmanach für 1793 seiner Ode an den Kronprinzen von Dänemark die Anmerkung beigefügt: »Mein Vater war der erste in Holstein, der den Bauern seines Gutes Bramstedt Freiheit und Eigentum gab.« Dagegen erschien in Niemanns Zeitschrift von dem damaligen Besitzer Lawäz aus Urkunden der Bericht: In Bramstedt waren Freibauren bis zum Ausgang des sechzehnten Jahrhunderts; im siebzehnten ward über zugemutete Frondienste geklagt; langer Rechtshandel, kein Urteil; neue Zumutungen, neuer Rechtshandel und kein Urteil; am Anfang des achtzehnten Jahrhunderts waren Leibeigene da; von diesen Überwältigten gab Stolbergs Vater einige frei für Geld, die übrigen entließ Lawäz. Wir anderen an des Sohns Stelle hätten den Kaufschilling der Freiheit, den der Vater gewiß aus Unkunde annahm, den Erben zurückbezahlt mit Zinsen und Schmerzengeld nach gemeiner Rechtlichkeit, ohne Anspruch auf adliges Ehrgefühl. Ihn selbst hätte sein gutes Herz aufgeregt, wär ihm das Glück geworden, ein schlichter Bürger zu sein. In Holstein war's Hans Rantzau auf Aschberg, der zuerst seinen Leibeigenen im Jahr 1739 Freiheit und Eigentum zurückgab.

Während im Mai 1794 eine Gesundheitsreise nach Braunschweig, Halberstadt, Weimar und Halle mich aufheiterte, kam wieder ein Zug Münsterer nach Eutin: zwei jüngere von Drost und Katerkamp. Mich Heimkehrenden besahn sie einen Augenblick vor ihrer Abreise. Lavater in seinem Briefe an Stolberg, den Katholiken, stellt die Gallitzin, die Droste und Katerkampe zusammen mit Sailer und Fénelon; ihre Tugenden, sagt er, sich eigen zu machen, würde er selbst, wenn das der einzige Weg wäre, noch wohl katholisch werden. Von Katerkamp schrieb mir meine Frau nach Halberstadt, er scheine ein sehr kluger und guter Mann zu sein; und darauf, sie habe auf dem Tische der Gräfin Sophie Münstersche Andachtsbücher gesehn, vier an der Zahl.

Auf dieser Reise vernahm ich allenthalben den lautesten Unwillen und Spott über die Pfaffen Hermes und Hilmer, die grade damals, von Wöllner, dem Knecht anderer, gesandt, ihrem verschimmelten Glauben in gelüfteten Kirchen, Schulen und Universitäten nachschniffelten. Wie man in Halle sie begrüßt habe, ward mit Jubel erzählt, sogar in Dorfschenken. In Halberstadt hatte der Rektor Fischer sie als Abgeordnete des Königs geehrt; das tadelte Gleim, tadelten die Gelehrten, die Domschüler und die ehrsame Bürgerschaft; sie kämen, hieß es, von Verrätern an König und Volk. Ein alter Landprediger, zu welchem mich Gleim führte, saß eben an seinem Schreibtisch und vermehrte des Dorfs Chronik mit einem Aufsatz über die törichten Verdunkler, um ihn dem ausgebesserten Turmknopfe zu vertraun. Freie Forschung, wie unsere von römischem Trug gereinigte Religion sie gebeut, zu hemmen durch weltliche Macht und das gefundene, schon bei Hohen und Niedrigen des Volks verbreitete Licht auszulöschen, das hielt die Bande von Arglistigen, die des Königes Herz mißbrauchten, und ihr erbärmliches Häuflein von Dummköpfen und Heuchlern für ausführbar! Die Kurzsichtigen!

Nach Halberstadt ward mir Stolbergs Ode »Die Westhunnen« gesandt. Die Westhunnen, die er meiner arglos fragenden Frau mit entatmetem Grimm erklärt hatte, sollten nicht Franken heißen, weil seine Mutter eine Gräfin Castell aus Franken sei. Zwischen der »fliehenden Unschuld«, das ist dem auswandernden Adel, und den unbeeidigten »Priestern Gottes« steht in der Mitte der Königsmord ; und solcher Greuel, behauptet er, freuen sich Deutsche mit! Als Gleim die Flüche gehört hatte, sagt er lachend: »Hätten die Franzosen nichts Ärgeres getan, als hochmütige Junker fliehn lassen und aufsätzige Priester gezähmt, sie verdienten Lob.« Meiner Frau schrieb ich aus Weimar: »Stolbergs Gemütskrankheit bedaur ich. Aber daß er mich, den er kennen müßte, zu den rasenden Billigern alles Unheils in Frankreich stellt, ist nicht freundschaftlich. Wieland las seine Ode und fand sie – toll; auch Herdern schien sie unsinnig. Sein Probebrief im »Merkur« hat äußerst mißfallen durch seine Leerheit und den schlechten Stil, dem man doch Ansprüche ansieht. Was wird man zu denen sagen, worin adliger und pfäffischer Sauerteig gärt? Hole der Henker Adel und Pfäfferei, die ein Herz wie Stolbergs entedelten! Sein heilloses Wir! Wir von Adel! wir Rechtgläubige! wir Alleinselige! wir Deutsche! wir Stolberge samt den Unsrigen!«

Daß in Kiel der Professor Karl Cramer entlassen sei, diese bestürzende Nachricht nahm ich mit auf die Reise. Cr. hatte die ewigen Begriffe von Freiheit, die, ohne Bestimmung einer Regierungsform, nur gegen Willkür und Gewaltsamkeit sind, oft so schief gefaßt, so wunderlich ausgedrückt, daß ich dem zürnenden Stolberg riet, um die Freiheit in übelen Ruf zu bringen, müßten die Gewalthaber Cramern zum Fortschreiben durch Auszeichnungen ermuntern, durch höheres Gehalt oder, wie den Herrn von Schirach, durch ein Adelsdiplom. Der sich selbst allein schädliche Mann ward, weil er in adligen Gesellschaften unerfreuliche Dinge hinplauderte, dem edlen Bernstorff als ein gefährlicher angezeigt. B. ermahnte den Sohn seines Freundes, warnte, drohte; umsonst, Cr. trotzte, seiner Unschuld sich bewußt; und es geschah, was bei gelassener Behandlung zu vermeiden war. Bald nachher, da Bernstorff noch Cramers Reue und Herstellung wünschte, trafen sich Cr. und Fritz St. in Preez, Freunde von der Kindheit her und Duzbrüder. Der Unglückliche, der seinem Fritz nichts zuleide getan, der nur dem Adel Bürgertugenden gewünscht hatte, ward wie fremd übersehn, wie verpestet gescheut; er ging in des Wirts Garten und weinte sich aus. Ein trauliches Wort, Stolberg, ein herzlicher Zuspruch, hätte den guten, talentvollen, nur unbesonnenen Freund gerettet.

Einigen schien es, die Anstifter Bernstorffs hätten durch Cramers Absetzung andere Gelehrte Kiels einschüchtern wollen, solche, die heller sahn und würdiger aussprachen, was nötig sei, um ähnliche Erschütterungen wie die französische zu verhüten. Gewiß ist, der holsteinische Adel betrachtete die schreckliche Weltbegebenheit als etwas Zufälliges, durch Schriftsteller voll Neid und Bosheit Erschlichenes, das leicht abzuwehren war durch frühzeitigen Zwang. Man nährte den lächerlichen Wahn, so was wie in Paris könnte wohl auch ausbrechen – in Kiel: die und die wären Männer, wie Sieyès, wie Vergniaud, wie Mounier; der kluge, brave, kriegskundige Binzer (nachmals General) würde wie La Fayette handeln. Solche Politiker von Geburt waren es überall, die, durch französische Geburtsmänner betört, unsere Fürsten zu dem unseligen Kriege und dem übelberechneten Manifeste verleiteten, und als nun eintraf, was verständige Warner aus dem Volke geweissagt hatten, die Warnenden selbst für Verräter ausschrien.

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