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Wie kam es doch?

Fritz Bley: Wie kam es doch? - Kapitel 9
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleWie kam es doch?
publisherErich Matthes
year1918
firstpub1917
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171204
projectide15dc5a9
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Die Demokratie der Krieg!

 

»Wenn eine ganze Klasse darauf ausgeht, nur ihrem eigenen Vorteil zu dienen, so vermag sie auch mehr Ungerechtigkeit auszudenken, als ein einzelner Herrscher, und ihre Unverschämtheit wird schließlich immer die Menge zu heißer Empörung und Revolution treiben.«

Prof. Woodrow Wilson in »Der Staat« 1894.

 

Man hat in Frankreich zur Zeit der Wahlen in den Vereinigten Staaten viel über die Vorzüge oder Nachteile der beiderseitigen Verfassungen gestritten; zumal in Frankreich die Monarchisten und in den Vereinigten Staaten die Bindestrich-Amerikaner seufzten in ihrem Ekel über eine Republik, die immer mehr sich von den Hochgedanken entfernte, die sie bei ihrer Begründung erfüllt hatten oder zu erfüllen schienen. Die Monarchisten in Frankreich priesen die Stellung des Präsidenten im Weißen Hause zu Washington um der ihm verliehenen Machtfülle willen, die ihn gleich einem Könige von Gottes Gnaden nur vor sich selbst und seinem Herrgotte verantwortlich erscheinen ließ. Im Vergleiche zu ihm ist der französische Präsident nach dem eingebürgerten parlamentarischen Brauche dem Willen der Kammer unterstellt. Diese entläßt nach ihrem Gutdünken eine Regierung und deutet durch eine Tagesordnung an, wer oder welche Partei die Neubildung des Kabinettes zu übernehmen hat. Der Präsident hat dazu nur der guten Form wegen sein »Ja« zu sagen, und noch niemals ist es einem Präsidenten eingefallen, dem »Ja« der Kammer sein »Nein« entgegenzusetzen. In der Hauptsache bleibt ihm nur zu tun, die Gesetze und Ernennungen mit seinem Namen zu unterzeichnen, und selbst dieser letzte Machtschein ist ihm oft genug verkümmert, da, wie Claude Casimir-Périer, der Sohn des ehemaligen Präsidenten schamloserweise in einem amerikanischen Blatte erzählt hat, sein Vater aus dem Grunde zurückgetreten ist, weil er es nicht ertragen konnte, daß die Minister es nicht mehr für notwendig hielten, bei wichtigen Ernennungen auch nur seine Unterschrift einzuholen. Gegenüber dieser Übermacht des Parlamentes erschien die Stellung des Mannes im Weißen Hause allerdings königlich.

Aber in Wahrheit hat auch dort das Parlament nach und nach die Präsidentschaft in den Hintergrund gedrängt, und selbst der oberste Gerichtshof wird in staatsrechtlichen Fragen immer weniger in Anspruch genommen, wie sehr auch der amerikanische Präsident gleich seinem Berufsgenossen in Paris nur der Geschäftsbesorger seiner Auftraggeber ist und wie sehr diese Stellung ihn in Gegensatz mit seinem besseren Selbst und seinen innersten Überzeugungen bringt, beweist ja handgreiflich der Fall Wilson.

Gewiß ist die Philosophie dieses wunderlichsten aller Professoren mit ihrer Verherrlichung der Steppenmoral weltweit entfernt nicht etwa nur von der Gedankenwelt Fichtes und Kants, sondern auch von der der Puritaner und der der Lockeschen Erziehung, denen die geistige Art der Yankees entwachsen ist. Immerhin lag noch in seiner Kennzeichnung des Amerikanertums, die er in dem Buche »Nur Literatur« gegeben hat, ein Zug von frischer Offenheit:

»Als sie Amerikaner wurden, setzte die große, entscheidende Bewegung unserer Geschichte ein. Selbst die Gesichter der Menschen veränderten sich. Die schnelle Beweglichkeit des Auges, die Bereitwilligkeit, jeden kühnen und abenteuerlichen Gedanken aufzunehmen, das nomadische Gebaren, das keine bestimmte Heimat kennt und Pläne erweckt, die überall ausgeführt werden können – alle jene Kennzeichen des echten »Amerikaners« traten damals in unser Leben ein. Der Knall der Peitsche und der Gesang des Fuhrmanns, das Keuchen der Bootsleute, die ihre schweren Flöße auf den Flüssen vorwärtsschoben, das fröhliche Gelächter am Lagerfeuer und der Schall von Menschentritten in stillen Forsten wurden die charakteristischen Laute unserer Atmosphäre. Es war eine rauhe, sonnenverbrannte, durch ein hartes Leben wechselnden Glückes und ständiger Gefahren gehärtete Rasse, die damals entstand; unwegsame Urwälder waren das Paradies ihrer Unternehmungslust, der Knall der Büchsen war ihren Ohren Musik, ihr Leben begann mit jedem Morgen von neuem, ihr Handschlag war derb und freimütig und feinfühlend war ihr Finger nur, wenn er am Abzug des Gewehres lag. Auf den Spuren ihres Wanderzuges entstanden hinter ihnen die Städte; und als die Notwendigkeit gekommen war, paßten sie sich auch dem geregelten Leben an und wurden ansässig. So war das amerikanische Volk geartet, dessen Großtat es wurde, sich einen Erdteil von einer Meeresküste bis zur anderen zu erobern, noch ehe die Nation 100 Jahre alt geworden war. Das Bild ist seltsam! Geregeltes und wildes Leben Seite an Seite; die Zivilisation schliff die Kanten ab, sie wurde rauh und bereitwillig, mit einem Liede und einem Prahlwort willkommen geheißen – nicht durch Staatsmänner, sondern durch Viehtreiber und Waldläufer, deren Hände Axt, Peitsche und Büchse führten.«

Mit anderen Worten hat man diese Lebensauffassung als Steppengeist gekennzeichnet im ausgesprochenen Gegensatze zu der tiefen Achtung vor der Natur und der Überlieferung des boden- und rückständigen alten Europa, dessen Kulturvölker nach englischem Worte »alle aus dem deutschen Walde« stammen.

Wahrmund hat als den Hauptfeind deutschen Geistes die selbstzufriedene Sorglosigkeit gegenüber von auswärts anschleichenden Gefahren hingestellt. Gegenüber diesem Hange der »germanischen Waldvölker« unbesorgt vor plötzlichen Gefahren dahinzuleben, sei der dem Lauern und Spähen zuneigende Sinn der Wüsten- oder Steppenvölker im Vorteil, welche überschauend und Gefahren von weitem gewahr werdend, auch ihre Sinnesart mit den Kräften ausstatten konnten, deren sie zur rechtzeitigen und ungefährlichen Abfertigung des Gegners benötigten. Diese Unterschiede haben sich mit zunehmender Verfeinerung der Kampfesweise auf den sozialen und völkischen Daseinskampf übertragen. Das blutige Morden ist der milderen Form des allmählichen Erdrosselns gewichen, aber dennoch lebt es in Grundsätzen weiter, die in verschiedenerlei Rechtsabstufungen und Verzweigungen ihre klassische Gestalt angenommen haben. Merkwürdigerweise sehen wir die tiefer stehenden, mit nomadenhafter Veranlagung sich weitergrasenden Weide-, Kutscher- und Schnorrervölker ihre Triebe mit Erfolg an den seßhaft schaffenden Acker- und Städtebauvölkern betätigen, ohne daß diese recht in der Lage sind, sich der Schlingen zu entledigen, welche netz- und lassoartig ihr gesamtes öffentliches Leben durchziehen und überspannen.

Von den ältesten Zeiten östlicher Wanderschaft an, besonders dann später unter Attila und der Goldenen Horde sehen wir dieses Völkerschicksal sich vollziehen. Zumal die versprengten arischen, insbesondere germanischen Posten an der Grenze der beunruhigenden Reit- und Raubvölker sarmatisch-tartarischer Herkunft oder Mischung sehen wir physisch durch Nachbarschaft oder drückende Herrschaft der Changenossen leiden, während die um den Chan den bequemeren Weg durch Hintertüre und Schlüsselloch wählen, um über die sonst mit Blut verteidigten Grenzstriche unseres Kulturgebietes hinweg sich zur Geistes- und Handelsherrschaft über das Ganze ergießen. Die Formen völkischen Daseinskampfes gegen verschlagene und vertragsuntreue Horden des Ostens bieten ein anziehendes Studium, das sich auch auf die Erinnerungen daran erstreckt, die noch in Sagen, Liedern und Sprichwörtern einzelner Gegenden widerhallen; und obgleich ihr Atem die ganze Geschichte unseres Ostens durchzieht, sehen wir dennoch weite Kreise des ganzen germanischen Stammes vom skandinavischen Norden bis hinab gen Siebenbürgen oft unfähig, zu begreifen, worum es sich hierbei eigentlich handelt. Es nimmt also nicht gerade wunder, zu beobachten, daß die bei aller Verschiedenheit dem östlichen Steppengeiste sehr ähnliche Auffassung Woodrow Wilsons in Deutschland so gutgläubige Verehrung gefunden hat. Und es darf dabei auch nicht der starke Zustrom ostöstlicher Einwanderer nach Amerika und ihr schnelles Aufsteigen zu Reichtum und Handelseinfluß übersehen werden. Herr Wilson selbst scheint das herauszufühlen, denn er macht nach dem letzten vorstehend von uns angeführten Satze den versuch, auch die neuamerikanische Sittenlehre als Waldgeist zu retten:

»Man hat behauptet, wir hätten hier etwas von dem Urprozesse aller Geschichte wiederholt; das Leben und die Sitten unserer Grenzmänner führe zurück zu dem Leben und den Hoffnungen jener Menschen, die durch Europa schweiften, als auch dort die Wälder noch dicht und dunkel waren. Aber der Unterschied ist groß und der Betrachtung würdiger als die Ähnlichkeit.«

Sonderbarer ist die Geschichte der Völkerwanderung noch niemals entstellt worden, als von diesem Amerikaner, der sich vermißt, die Waldtreue der Germanen, die vom Römer nichts forderten als eine Scholle, die sie bebauen und als eine neue Heimat lieben dürften, zu vergleichen mit der rohen und rücksichtslosen Ausbeutung der Naturschätze, wie sie der amerikanische Steppengeist bewirkt hat, den er selbst bezeichnet als »das nomadische Gebaren, das keine bestimmte Heimat kennt und Pläne erweckt, die überall ausgeführt werden können«. Und doch hat auch er sich nicht der zwingenden Kraft des Ordnung schaffenden deutschen Gedankens entziehen können, wie er insbesondere in dem preußischen Staatswesen greifbar und faßbar in seiner Machtpolitik sich offenbart. In seinem Buche über den »Staat« rühmt er der Schöpfung des Großen Kurfürsten und Friedrichs II. nach:

»Preußen ist erfolgreich bestrebt gewesen, eine größere Vollkommenheit in seiner Verwaltungsorganisation zu erreichen als irgendein anderer Staat Europas.«

Und in dem Vorworte, das er für die von Günther Thomas besorgte deutsche Ausgabe dieses Buches geschrieben hat, heißt es:

» Das amerikanische Volk verdankt der geistigen Befruchtung durch Deutschland soviel, daß es einem jeden Amerikaner nur große Genugtuung bereiten kann, wenn auch Werke amerikanischer Verfasser in Deutschland Verbreitung und Anerkennung finden, zumal wenn sie, wie in diesem Falle, ihrerseits vielfach auf der deutschen Fachliteratur fußen

Die Nutzanwendung aus dieser Bewunderung der deutschen Staatsauffassung hat er auch als Lehrer und Schriftsteller des Staatsrechtes in bestem Bemühen zu ziehen versucht und u. a. in folgenden Sätzen gefordert:

»Nichtsdestoweniger ist es von Wichtigkeit, die Tatsache hervorzuheben, daß die Regierungsfunktionen ... an Zahl und Umfang doch so ziemlich dieselben sind, die sie von jeher waren.

Ihre (der Regierung) Sphäre wird nur durch die Klugheit begrenzt, unter einer republikanischen Regierungsform ebensogut wie unter der absoluten Monarchie.

Die Regierung tut heute, was ihr ihre Erfahrung erlaubt oder was die Zeit verlangt; und wenn auch nicht genau, so tut sie doch im wesentliches dasselbe, was der alte Staat getan hat.«

Ganz besonders herzerquickend aber wirkt heute folgende seinen Amerikanern erteilte Lehre:

»Ein jedes Volk muß in steter Fühlung mit seiner Vergangenheit bleiben.

Der Weg politischer Entwicklung ist konservative Anpassung, Umwandlung alter Gewöhnung in neue, Benutzung alter Mittel für neue Zwecke.

Eine freie Regierung kann nicht gedeihen, wenn sie die Traditionen ihrer Geschichte aufgibt ... Von einer Regel darf man unter keinen Umständen abweichen, und das ist die der geschichtlichen Zusammenhänge.«

Da wurde aus dem Bewunderer der Gedankenwelt Treitschkes der Präsident der Vereinigten Staaten, und mit dem Einzuge in das Weiße Haus beugte er das philosophische Haupt unter das Joch der Könige der Republik, deren im Lande der reinen Trusts freilich sehr viel weniger sind als in dem vergleichsweise stümperhaften Frankreich. Diese Abhängigkeit des Präsidenten von den Trustprotzen fand Wilson freilich bereits vor. Schon Roosevelt hatte sie zu seinem Schaden erfahren, als er im Herbste 1907 versuchte, die Vereinigten Staaten von der Zwinglandei der Trusts zu erlösen, die er, solange er Kandidat war, bekämpft hatte. Die Antwort war ein Brief von J. Pierpont Morgan, der dem Präsidenten im Namen des Stahltrusts und der hinter diesem stehenden Geldmacht einen Sturz aller Wirtschaftswerte androhte, falls er sich nicht verpflichtete, der Aufsaugung der Tennessee-Kohlen und -Eisen-Gesellschaft durch den Morgantrust keinerlei Schwierigkeiten auf Grund der Anti-Trust-Gesetze zu bereiten. Diese Tenessee-Gesellschaft war mit ihren eigenen Eisenerz- und Kohlenlagern der einzige große Wettbewerber des Stahltrusts. Roosevelt besaß weder den Mut noch die Zähigkeiten, diesem unerhörten Erpressungsversuche zu trotzen und die Riesengauner den Gerichten zu überliefern, wie es George Washington sicher getan haben würde; wohl aber wurde im Oktober 1912 vor einem Untersuchungsausschüsse des Kongresses festgestellt, daß Morgan im Jahre 1904 für Roosevelts Wahl nicht weniger als 630 000 Mark beigesteuert hatte. Selbst dem »Berliner Tageblatte« war das damals zu viel, und es gab sich in seiner selbstlosen Bewunderung des Amerikanertums der schönen Hoffnung hin, »daß die demokratische Flamme aufs neue stärker denn je auflodern und im nächsten Jahre mit der Waffe des Stimmzettels in der Hand das wirtschaftliche und besonders drüben damit auch das politische Joch einer zügellosen Plutokratie, einer nur minimalen Volksgruppe, zerbrechen wird«.

Ja, so hat es am 17. November 1907 im »Berliner Tageblatte« gestanden; aber im Falle des Herrn Wilson ist die Geschichte den alten Weg gegangen und die Flügelpracht, die der Präsidenten-Schmetterling entfaltete, als er aus der Professorenpuppe herausgekrochen war, stammt vom Golde der Schurken, die sich am Blute Europas bereichern. Paul Dehn hat im Juni 1917 in der »Kreuz-Zeitung« einige besonders wertvolle Aufschlüsse darüber gegeben, wie Wilson mit jeder neuen Bestellung von Kriegsbedarf seine Neutralität weiter abgebaut und die Ausfuhr von Bannware in steigendem Maße nach England, Frankreich, Rußland und Italien zugelassen hat. Bis Ende 1916 hatte die Union bekanntlich allein an Sprengstoffen für drei Milliarden Mark an unsre Feinde geliefert. Die Gesamtausfuhr an Kriegsbedarf belief sich auf 6 Milliarden Mark. Der Stahltrust erhöhte seinen Umsatz von 2,2 Milliarden Mark in 1914 auf über 5 Milliarden Mark in 1916 bei unverhältnismäßiger Steigerung des Reingewinnes. In der »Times« vom 3. März 1917 schrieb Isaak Markussohn, ein Freund des Lord Northcliffe:

»Der Krieg ist ein riesenhaftes Geschäftsunternehmen und das Schönste daran die Geschäftsorganisation.«

Im August 1916 tauchten Friedensgerüchte auf. Die Neuyorker Börse verzeichnete diese mit Stimmungsflaute und Verkaufslust. Auf Umfrage einer Neuyorker Bank befürworteten damals 1396 Geschäftshäuser in der Union die Bewilligung erhöhter Mittel an die Regierung zur Herstellung der Kriegsbereitschaft. Nur 78 Geschäftshäuser waren dagegen. Alle Politiker suchten nach Mitteln, um den wirtschaftlichen Aufschwung der Union auf der Höhe zu halten und dem Unglücke eines Friedens vorzubeugen.

Wie insbesondere Herrn Wilsons Freunde die Gunst ihrer Lage zu nützen verstanden haben, trat Ende nach dem Friedensangebote Bethmann Hollwegs und der heuchlerischen Friedensnote Wilsons hervor. Beide drückten naturgemäß in Neuyork auf die Kurse. Die Börse aber diskontierte dies Ereignis schon im Vorhinein. Damals wurde, wie Paul Dehn mitteilt, der Börsenmakler Baruch in Neuyork, zu gleicher Zeit Munitionsminister der Union, wegen seiner Friedensspekulationen vernommen und mußte einräumen, durch Verkäufe zwischen dem 10. und 20. Dezember rund zwei Millionen Mark Gewinn gemacht zu haben. Allerdings bestritt er, vorzeitig von Wilsons Friedensnote Kenntnis gehabt zu haben, obwohl er mit dessen Schwiegersohn, dem Schatzsekretär, in allerengster Verbindung stand und auch andere Freunde Wilsons damals mit gutem Erfolge verkauft haben.

Diese Tatsache ist später bestätigt durch einen der drei amerikanischen Sozialisten, denen es gelungen ist, ohne Pässe nach Stockholm zu kommen, Herrn Reinstein. Er erzählt, daß die Neuyorker Börsenkreise alles getan haben, um einem deutsch-russischen Frieden vorzubeugen. Denn: »Amerika will sein Geld, das es für die Entente engagiert hat, wieder zurückhaben!« Reinstein gibt dann Mitteilungen über die Besorgnisse der Neuyorker Geldmacht angesichts der russischen Revolution, und diese werden ja schlagend genug bestätigt durch Herrn Wilsons »Botschaften« an die russische Regierung, seine Reden und die Entsendung einer Abordnung nach Petersburg, wo heute mehr als je der amerikanische Donner und Dollar rollen, um die Welt endlich von der deutschen Selbstherrschaft zu befreien und ganz mit den Idealen der Uneigennützigkeit, Freiheit und einzigartigen Gleichheit zu beglücken, wie sie in Amerika herrscht und insbesondere von dem uneigennützigen Herrn Wilson in edler Aufrichtigkeit bewundert wird.

Jene Aufregung der Neuyorker Börse, die Herrn Baruch zu seiner schönen Friedensspekulation verhalf, fiel bemerkenswerterweise in die Zeit, als Herr Gerard nach seiner Rückkehr in Berlin gefeiert wurde und im Festsaale des Hotel »Adlon« erklärte, daß unsere Beziehungen zu den Vereinigten Staaten sicherlich solange gut bleiben würden, als »die hervorragenden Staatsmänner, die Führer des Heeres und der Marine, Reichskanzler von Bethmann Hollweg, Hindenburg, Ludendorff, Capelle und Holzendorff an ihren Stellen stehen werden!« Tief müssen wir Atem holen bei solchen Erinnerungen. Aber wie können wir uns wundern über die Nackenschläge, die trotz aller Siege immer wieder unsrer Politik versetzt sind, wenn wir uns vergegenwärtigen, wie dieser Herr Gerard, der selbst und durch seine stellvertretenden Beamten in den Geheimberichten das Vorhandensein einer alles übersteigenden deutschen Friedenssehnsucht nach Washington gemeldet hatte und bei seiner Rückkehr sich eine so gänzlich unpassende Einmischung in deutsche innerpolitische Dinge und zugleich eine Drohung in Haldaneschem Stile erlaubte! Wenn wir uns ferner vergegenwärtigen, wie an jenem Abende der Staatssekretär Dr. Helfferich erklären konnte, wir verlangten von den Neutralen eine Neutralität, »welche beide Parteien mit gleichem Maße mißt«. Und er hoffte noch immer, daß Herr Wilson und seine Leute »Schulter an Schulter mit dem Deutschen Reiche die Freiheit der Meere gegen Großbritannien erkämpfen« würden. Hoffte das, obgleich ihm und den Bankkreisen, die Herrn Gerard in englischer Sprache bewillkommnen ließen, trotzdem er nur allzusehr seine Vertrautheit mit deutscher Sprache und Gepflogenheit bewiesen hatte, die mindestens bisher unwidersprochen gebliebene Nachricht bekannt sein mußte, daß die amerikanische Bot- und Kundschafterin ihren Hund mit dem eisernen Kreuze geschmückt hat!

Die Yankees hatten wirklich in der schönen Zwanglosigkeit, die sie mehr kennzeichnet als ziert, über die wahre Stimmung, die gegen uns herrschte, die Welt nicht im Zweifel gelassen. Admiral Sims, der Befehlshaber der atlantischen Flotte der Vereinigten Staaten, ist im Herbste 1910 zu längerem Besuche der britischen und französischen Kriegshäfen herübergekommen, während er die deutschen Häfen nicht besucht hat. Bei seiner Anwesenheit in London gab ihm und seinen Offizieren der Oberbürgermeister ein Festmahl, an dem auch der amerikanische Botschafter teilnahm. Dieser wies in seiner Rede auf die Gemeinschaft der beiden angelsächsischen Reiche hin und sprach die Hoffnung aus, daß ihre beiden Flaggen auch in dem kommenden großen gemeinsamen Kampfe nebeneinander wehen würden. Der Oberbürgermeister antwortete darauf, daß dann das alte Mutterland sich an die kraftvolle Kolonie wenden und sie mahnen würde, den alten Stamm zu beschützen, aus dem sie selbst einst hervorgegangen sei. Worauf der Oberbefehlshaber Sims aussprach: Wenn je der Fall einträte, daß der Bestand des englischen Reiches ernstlich bedroht wäre, könne »England auf jedes Schiff, jeden Dollar und jeden Blutstropfen jenseit des Atlantischen Ozeans zählen.«

Auch diesen Vorgang hat die deutsche Regierung als möglichst unbedeutend und unerheblich darzustellen versucht. Eben aus jener traumseligen Wunschstimmung heraus, die es für möglich hielt, die Vereinigten Staaten im Kampfe mit England als ihren Verbündeten zu sehen.

Wo liegen die letzten Quelladern dieses unser deutsches Leben in so verhängnisvoller Weise wie eine molsche Wiese versumpfenden Zustromes?

Über das Ehepaar Gerard braucht man sich ja schließlich nicht allzusehr zu wundern: ihre Zuversichtlichkeit erklärte sich aus dem festverankerten Sicherheitsgefühle, hinter sich die »Bosses« der Heimat zu haben, insbesondere den allmächtigen Pierpont Morgan. Denn in dem Lande der Pilgerväter, wo man die Zwingherrschaft der Trusts längst als die natürliche Entwicklung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hinzunehmen gelernt hat und als letzte Entwicklung der Menschheit nur noch die Vertrustung der Trusts zu einem einzigen Riesentrust erörtert, verachtet und verlacht man alle andersgeartete Bedenkenmeierei und sieht naturgemäß nach heimischem Vorbilde in den »Prominenten« vom Hotel »Adlon« und deren Presse den wirklichen Ausdruck der Kraft oder Sehnsucht des politischen Deutschland.

Um das zu verstehen, braucht man nur einen Blick auf die Geschichte der amerikanischen Vermögensbildung zu werfen. Freilich ist diese noch nicht einwandfrei geschrieben. Die gunsthaschende Art, in der z. B. Theodor Roosevelt in » The winning of the west« in amerikanischer Neuromantik um die Wahlstimmen der Kuhjungen und ähnlicher Helden des wilden Westens wirbt, dringt doch nicht zum eigentlichen Kerne der Sache vor. Daß man den »kämpfenden Elch«, wie er selbst sich als Wahlbewerber auf dem »Stump« hat nennen lassen, in Leipzig und Berlin zum Ehrendoktor ernannt hat, dürfte eine unbefangene Geschichtsschreibung als unzweideutigen Erfolg der verflachenden Wirkung des Austausch-Professorentumes verbuchen. Man vergegenwärtige sich, wie der Dekan der Berliner Akademie, Geheimer Regierungsrat Prof. Dr. Gustav Roethe, bei der Hundertjahrfeier dieser ehrwürdigen Hochschule den Rauhreiteroberst mit dem Lobe begrüßt hat, daß der Gefeierte »sich wohl fühle in unsrer rapid entwickelten Kultur, zu der er gute Zuversicht habe«. Als prangendste Blüte dieser Austauschkultur wird folgender Satz durch die Zukunft duften:

»Wir Philosophen, in deren Doktoreid das Bekenntnis zur Wahrheit durchaus den Kern bildet, ehren an Ihnen, dem ausgezeichneten amerikanischen Bürger, den sittlichen Mut zur Wahrheit, mit dem Sie, ein Erzieher Ihres Volkes, Mißbräuche der Heimat erkennend, nicht schwiegen, sondern von der Erkenntnis zum Willen, vom Willen zur heilenden Tat fortschritten, gleich unbekümmert um Beifall und um Widerstand.

So ehren wir Sie und uns, wenn wir heute, dankbar für diese Stunde, Ihnen die in unseren Augen sehr wertvolle Würde verleihen, zu deren ersten Trägern Helden unserer Geschichte wie Blücher, Gneisenau, Hardenberg gehört haben.«

Der Gefeierte hat nicht ermangelt, sich dieser Ehre mit tiefgründigen Aufschlüssen über die Berliner »Weltkulturbewegung« so würdig zu erweisen, als ihm in der Eile möglich war, und erfreulicherweise klang echt amerikanisch der Schluß seiner Rede: »Ich glaube an Sie und Ihre Zukunft, weil ich so fest an die Einrichtungen und an das Volk – meines eigenen Vaterlandes glaube.« Aber leider gibt diese Rede uns keinen Aufschluß über das drollige Verhältnis zwischen dem Freiheitsdrange des wilden Westens und seiner Beherrschung durch die verhaßten » tenderfeet of the East«. Sie alle hassen die Trustmagnaten wie die Pest, fühlen sich doch aber unaussprechlich geehrt, wenn sie der Ehre einer Anrede gewürdigt werden und haben im übrigen keinen blassen Schimmer davon, wie sehr sie mit ihren Vereinigungen der »Ritter der Arbeit« usw. die Geschäfte der wenigen Drahtzieher besorgen.

Noch immer gleicht der amerikanische Arbeiter in dieser niedrigen Bewunderung von Reichtum und Erfolg dem in Altengland, dessen Mannesstolz zusammenknickt vor einem Baronetstitel und vor dem Anblicke eines prunkvollen Landschlosses in vornehmer Abgeschiedenheit. Und dabei drängt sich in keinem Lande das soziale Unrecht und das Elend der arbeitenden Klassen in so nackter und erschreckender Gestalt hervor, wie im freien Amerika. In Südkarolina erhalten nach den Feststellungen von Dr. Geo L. Knapp viele Hunderte Kinder für 62stündige Arbeit innerhalb einer Woche einen Lohn von 1,32 Dollar und mehrere Tausende von Kindern, die noch nicht das 9. Lebensjahr überschritten haben, frohnden die gleiche Zeit der Arbeitsstunden. Knapp aber, der Mitglied der obersten Regierungsbehörde für Handelssachen ist, bemerkt zu dieser Feststellung: »Es besteht wenig Hoffnung auf baldige Änderung dieser unerfreulichen Verhältnisse.«

Erschreckend ist die Zahl der Unfälle, nach denen kein Huhn und kein Hahn kräht. In den Anthrazit-Kohlengruben von Pennsylvanien kamen in den Jahren von 1870 bis 1903 nach Mitteilung desselben Gewährsmannes durchschnittlich 322 Mann im Jahre ums Leben. In einem sogar 518. Im Jahre 1908 erreichte die Summe die Höhe von 708 und im Weichkohlengebiete des Staates betrug sie 806. Im Jahrzehnt 1898 bis 1907 haben in den Vereinigten Staaten 26 340 Kohlenhauer bei der Arbeit ihr Leben eingebüßt und die gesamte Unfallstatistik vom Jahre 1907 weist mehr als 32 Todesfälle und zwei Millionen Verletzungen auf. Der amtliche Bericht weist darauf hin, daß die Möglichkeit für erfolgreiche Unfallverhütung in anderen Ländern erwiesen sei und betont die Tatsache, daß eine ungeheure Anzahl von Menschenleben vergeudet und eine große Menge von Verletzungen der Gesundheit und Verlust der Arbeitskraft festzustellen ist.

Alledem sehen die Trustmagnaten kaltlächelnd zu ohne einen Finger zu rühren, so daß der Senator Borah von Idaho erklärt hat:

»Ich übertreibe nicht oder entstelle nicht die unwillkommenen und uns anklagenden Tatsachen, wenn ich erkläre, daß wir schon jetzt, in unserer Jugend, die gesetzloseste aller großen zivilisierten Nationen sind. Es gibt kein Land ersten Ranges, in welchem so wenig Respekt vor dem Gesetz existiert, weil es Gesetz ist – der letzte Ausdruck der Souveränität – als hier in unsrer eigenen Republik.«

Auch was Wilson in seiner »neuen Freiheit« sagt, bleibt abseits vom Wege zur Wahrheit: der Knechtung und Entrechtung aller geistig und körperlich arbeitenden Volkskreise Amerikas. Wilson meint:

»Amerika wurde geschaffen, um jede Art von Bevorzugung aufzuheben, um die Menschen zu befreien und sie auf den Boden einer Gleichheit zu stellen, auf dem sie unbehindert ihre Fähigkeiten und Kräfte betätigen können.«

Das ist richtig. Aber das heutige Amerika hat diese seine Bestimmung nicht erreicht, und zwar aus dem einfachen Grunde nicht, weil das Land, das nach dem ursprünglichen Sinne der Heimstätten-Gesetzgebung eine gleichmäßige Freiheit von fest auf ihrer Scholle sitzenden Bauern ernähren sollte, eben dank jenem von Wilson geschilderten »nomadischen Gebaren« zum Gegenstande wildester und bedenkenlosester Schleuderei und Schieberei geworden ist. Denn dies Gebaren, »das keine bestimmte Heimat kennt und Pläne erweckt, die überall ausgeführt werden können«, hat notgedrungen in der Bethlehem-Stahl-Gesellschaft enden müssen. Wo der Boden von vornherein nur als Verkaufsware betrachtet wird und der Bauer von seinem Lande sich leichter wie von einem Pferde trennt, obgleich er es selbst bebaut hat und seinen Kindern darauf eine Heimat schaffen wollte, da bemächtigt sich seiner selbstverständlich die Spekulationswut, die diese Ware in bare Münze umsetzt. Und weil dieser Umsatz in Tausenden von Einzelfällen sich lohnend erwies, fand sich, um mit Herrn Isaak Markussohn zu reden, bald genug in diesem riesenhaften Geschäftsunternehmen das Verständnis für »dessen Schönstes, die Geschäftsorganisierung«. Es ist bekannt, daß durch vorteilhaften Landverkauf der Grund zu den ersten großen amerikanischen Vermögen gelegt wurde und wie dann nach diesen ausgezeichneten Geschäftserfahrungen über Nacht Städte aus dem Nichts geschaffen wurden, um das durch kapitalistischen Kapitalschwindel ergatterte Land an Einwanderer oder sonstige Grünhörner abzusetzen. Wie die Erben der so erworbenen Vermögen dann das Schönste, die Geschäftsorganisierung, gelernt und ihre Erfahrungen parlamentarisch verwertet haben: das ist die Geschichte der »Knownothings«, von der wir leider noch zu wenig wissen, wenn wir sie auch in ihrem letzten Ergebnisse klar vor uns haben. Immerhin zeigt jeder Vergleich unseres rückständigen deutschen Patriziertums mit der amerikanischen Entwicklung uns den tiefgründigen Unterschied von alterworbenem seßhaften Reichtume und jenem Kapitalismus, der nach Herrn Wilsons Worte »keine Heimat kennt und Pläne erweckt, die überall ausgeführt werden können«. Und da Wilsons Buch über »Die neue Freiheit« uns diesen Gegensatz, also die letzte Ursache und den tiefsten Grund dieses Weltkrieges nicht zu erklären weiß, so bleibt es letzten Endes auch »nur Literatur«.

Neuerdings hat ein Sozialdemokrat namens Gustav Myers den Versuch unternommen, die »Geschichte der großen amerikanischen Vermögen« zu schreiben. Das Buch ist in deutscher Übersetzung bei S. Fischer in Berlin erschienen, und der Sozialist Max Schippel hat eine empfehlende Einleitung dazu geschrieben. Myers Darstellung ist aber nach seinen eigenen Worten »eine Erzählung der Mittel, durch welche Eigentum erworben und große Vermögen in Besitz genommen worden sind«. Es behält tatsächlichen Wert um der Aufzählung der unglaublich zahlreichen und üblichen Betrügereien und Diebstähle willen, leidet aber an der Schwäche, daß Myers jeden Reichtum aus Betrug herleitet. So haftet auch seine Aufdeckung der Großschwindeleien zu sehr an der Oberfläche und erweckt damit vielleicht zu Unrecht den Eindruck einer geklitterten Skandalchronik. Dies um so mehr, als er uns die Erklärung der Zusammenhänge schuldig bleibt.

Sehr viel wertvoller ist dagegen eine gleichfalls aus sozialistischer Feder stammende Arbeit über die entsprechenden französischen Verhältnisse. Francis Delaisi, dessen im Jahre 1912 erschienene Kriegsvoraussage »Der kommende Krieg« in ihrer deutschen Übersetzung in Deutschland allgemein bekannt, wenn auch gewiß noch nicht genügend gewürdigt ist, hatte bereits ein anderes Buch über »Die Demokratie und die Geldmänner« veröffentlicht, das leider nur noch im französischen Urwortlaute vorliegt. Weit gründlicher als der anscheinend dem Neuyorker Osten entstammende Myers geht Delaisi den Grundbegriffen zu Leibe, mit denen im Jahrmarktstreiben die Gaukler blitzendes Fangballspiel zu treiben wissen. Er deckt den tiefen Gegensatz zwischen Sozialismus und Demokratie auf, der dem Durchschnitte unsrer Lokal- oder Zentralorganisierten in der Mehrzahl der Fälle wohl aus dem Grunde nicht aufgedämmert ist, weil ihre Führer nicht die Zeit gehabt haben, sich damit zu beschäftigen. Ebenso gründlich behandelt er das Wesen des vielgerühmten Parlamentarismus mit seiner Voraussetzung der Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt, und weist in höchst beachtlichen Schilderungen nach, wie wenig sich die Erwählten des Volkes nach der Wahl um die Geschäfte des Staates kümmern und wieviel mehr dagegen um allerhand eigene Angelegenheiten, zu denen ihnen das Mandat verhilft. In vernichtender Schärfe legt Delaisi dar, daß den wirklichen Vorteil an dieser auf zwei brüchigen Grundpfeilern, unkundigen Wählern und gewissenlosen Gewählten, ruhenden Regierung lediglich die Veranstalter dieses gleisnerischen Schauspieles haben können, an deren Drähten die Parlamentspuppen tanzen. Diese Ausbeuter des gesamten politischen Lebens bezeichnet Delaisi mit Fug und Recht als die Herren, ja als die Erfinder der Demokratie.

Immerhin haben sie es noch nicht soweit gebracht wie die in Amerika; denn es sind wie erwähnt, nach der von Delaisi sehr genau aufgestellten Liste immerhin noch ganze 55 Männer, die das bisher reiche Frankreich beherrschen und ausbeuten. Nur zwei oder drei von ihnen sind Abgeordnete und Senatoren, aber selbst diese treten nicht hervor, und alle anderen halten sich vorsichtig im Hintergrunde. In Deutschland sind wir noch weit mehr rückständig, da nach Herrn Walther Rathenaus in der Weihnachtsnummer der Wiener »Neuen Freien Presse« gegebener sachverständiger Aufstellung 300 Geldgewaltige das festländische Leben beeinflussen, von denen jeder jeden kennt und sich seinen Nachfolger aus seiner Umgebung heraussucht! Der Grund dieser bisherigen Rückständigkeit der deutschen Entwicklung liegt in den heilsamen Schranken, die das wirklich monarchisch regierte Deutschland immer noch schützten und deren Beseitigung deshalb den eigentlichen Grund der Sachlage bildet, die Amerika mit Recht zusammenfaßt in dem Satze: » all the world against Germany!« Erst drüben, im Lande der unbegrenzten Menschenmöglichkeiten, hat die kapitalistische Entwicklung ihre höchste Blüte getrieben.

Die »Finanzoligarchie« gab nach Poincarés Wahl in Frankreich um so mehr für den Krieg den Ausschlag, als sie sich, abgesehen von dem russischen Drucke, den gleichgearteten angelsächsischen Strömungen nicht entziehen konnte. Zudem war von slawischer Seite auch bereits viel zu stark vorgearbeitet und die Mitteilungen aus der französischen Botschaft zu Wien ließen keinen Zweifel mehr daran, daß auch die österreichisch-ungarische Großfinanz rühmlichen Eifer darin entwickelte, vor allen Dingen die Beziehungen mit Frankreich und England zu pflegen. Zum Teil sprach dabei das Anleihebedürfnis mit, denn das deutsche Geld suchte im eigenen Lande Beschäftigung und Frankreich war für die Banken das Land des billigen Geldes. Allerdings waren die Franzosen sehr zurückhaltend, solange Österreich nicht auf das Bündnis mit dem Deutschen Reiche verzichten wollte und diese unangenehme Beeinflussung des Wiener Bankwesens wurde für das österreichische Deutschtum insofern verhängnisvoll, als für tschechische Banken französisches Geld allezeit zu haben war. Heute wissen wir, daß Herr Chéradame, dessen Aufsatz » Germaniam esse delendam« in ganz England unvergessen ist, im Jahre 1912 auf tschechische Anstiftung hin in Paris die lebhafte Bewegung für Ausschließung Österreich-Ungarns vom französischen Geldmarkte entfesselt hat. Und wir vergessen nicht, daß in jenen Tagen bei der Palackifeier in Prag an das Wort des Gefeierten erinnert wurde: »Wir Tschechen waren vor Österreich und werden nach Österreich sein!« Bei jener Feier überreichte eine Abordnung des Pariser Stadtrates eine Denkschrift, in der den Tschechen als einer »unterdrückten Nation« die Hilfe des großmütigen Frankreich versprochen wurde.

Daher die Wiener Geldleute Ach und Weh klagten über das deutsch-österreichische Bündnis, das ihnen noch das letzte bißchen Geschäft verderben würde! während sich die Berliner Regierung der Hoffnung hingab, den tatsächlich doch unvermeidlichen Krieg durch Verständigung mit England vermeiden zu können, betrieb das Großbankentum mit sehr viel offeneren Augen die gleiche Politik aus Besorgnis vor Geschäftsstörung. Wie dies sich verquickte, hatte bereits im Vorjahre der bekannte Bericht der »Neuen Freien Presse« über eine Unterhaltung mit einem englischen Diplomaten in beschämender Weise dargetan. Die Einbläserei lief daraus hinaus, daß Deutschland im Marokkostreite zwischen der Unzufriedenheit der Alldeutschen und einem Streite mit Frankreich zu wählen habe. England bedaure, ja verurteile entschieden Deutschlands Haltung. Nicht Frankreich, sondern das herausfordernde Deutschland sei zur Mäßigung zu mahnen. Aber hinter Deutschlands auswärtiger Politik stehe nicht das deutsche Volk. In Deutschland regiere eine Gruppe, die Tat von Agadir sei von der Umgebung des Kaisers veranlaßt worden. Die deutschen Diplomaten unterrichteten zum Teil ihre Regierung ungenügend über die Volksstimmung der Länder, in denen sie beglaubigt seien. Auch über die Stimmung der Länder sei die deutsche Regierung nicht gut unterrichtet. Österreich und Italien könne die Aufrollung der Marokkofrage durch Deutschland nur unerwünscht sein. Namentlich Italien sei wegen Tripolis auf das Wohlwollen Frankreichs und Englands angewiesen.

Obwohl der Botschafter Cartwright eine gewundene Ableugnung veröffentlichte, blieb doch sonnenklar, daß nur er der Verfasser sein konnte, und die »Neue Freie Presse« stellte dies zum Überflusse am 13. September 1911 fest. Die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung« aber erklärte tags darauf als Beweis der Berliner Unerschüttlichkeit:

»Die deutsche Regierung hat von der englischen Regierung die Mitteilung erhalten, daß der englische Botschafter in Wien weder den Artikel in der »Neuen Freien Presse« inspiriert, noch die ihm zugeschriebenen Äußerungen getan habe. Damit ist der Zwischenfall für die Kaiserliche Regierung in befriedigender Weise erledigt.«

Zu diesen Befriedigungen traten die Fäden, die das in Frankreich zum Freimaurertum in engster Verbindung stehende Großjudentum verknüpften mit ihren noch nicht vergessenen Genossen zu Wien und Berlin. Und in diesen noch immer straffen Aufzug wob der Panslawismus seinen tschechischen und südslawischen Einschuß hinein. Die tschechischen Führer und Zeitungsmänner hatten persönlich auch Verbindungen in Paris, ja sie waren zum Teil dort verschwägert, wie der Leiter des halbamtlichen »Fremdenblattes« Szeps mit der Familie Clémenceau. Die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung« vom 23. September 1866 hat darüber nach Bismarcks Anweisung sehr wertvolle Aufschlüsse gebracht. Alles dies aber wurde überboten durch die leidenschaftliche und weltverzweigte Tätigkeit des Reichsratsabgeordneten Dr. Karl Kramarsch, den man nicht ohne Grund als den eigentlichen Anstifter des Weltkrieges bezeichnet hat. Er ist das mindestens, soweit die östlichen Einflüsse in Betracht kommen; denn niemand hat so sehr wie er es verstanden, die innerhalb des Slawentumes bestehenden Gegensätze wieder und immer wieder zu überwinden und in geeinter Front die ganze slawische Welt gegen das von ihm tödlich gehaßte Deutschtum zu führen. Mit der Tochter eines reichen Moskauer Fabrikanten Chludow verheiratet, hatte er zu den großrussischen Kreisen seiner Verwandtschaft starke Beziehungen und stand nicht bloß mit den Herren Iswolski, Stolypin und anderen Anhängern der Einkreisungspolitik Eduards VII. in innigstem Verkehre, sondern war als Besitzer des in der Krim belegenen Schlosses Barbo auch oft der gern gesehene Gast der Zarenfamilie im benachbarten Livadia. Eng befreundet mit dem russischen Generalleutnant Wolodimirow hat er 1907 im Vereine mit ihm die neuslawische Bewegung ins Leben gerufen, und bei aller Zurückhaltung wird ausgesprochen werden dürfen, wie sehr die von Kramarsch und Masaryk erregte Gärung nach der Wahl Poincarés das Faß des französischen Übermutes zum Überfließen gebracht hat.

Es ist sehr lehrreich, von diesem Punkte aus zurückzublicken auf die Strömungen im politischen Leben Frankreichs, wie sie unmittelbar vor der Wahl Poincarés bestanden. Das starke Selbstbewußtsein des Herrn Poincaré hatte ja gerade seinem Gegner Pams einen so großen Zustrom von Anhängern gebracht. Und je mehr sich in der Kürze der verhängnisvollen Spannung zwischen der Hauptwahl und Stichwahl Herrn Poincarés Aussichten verstärkten, desto mehr regte sich der Verdacht, daß der neue Präsident vielleicht als Diktator, als alleiniger Lenker des Auswärtigen und »Cousin« von Kaisern und Königen sich aufspielen werde. Der sozialistische Senator Béranger sprach in seinem Blatte »Action« deutlich die höchst bezeichnende und beachtliche Forderung aus:

»Um sein Amt gut auszufüllen, darf der Präsident keine neuen Wege einschlagen wollen, er hat nur die Geschäftsführung des Fallières fortzusetzen.«

Ein anderes Blatt dieser Partei, der »Radical« erklärte, der Präsident müsse »ein Vertreter der republikanischen Mehrheit sein, dem sein Republikanismus die Kraft gebe, in steter Berührung mit seiner Partei zu bleiben«.

Überflüssig ist zu versichern, daß diese Auffassung ganz und gar die der Geldfürsten war, die an der Spitze des Staates einen Mann sehen wollten, der die Bürgschaft dafür trüge, daß immer die Massen an der ministeriellen Macht teilnehmen. Denn zweifellos ist dies das sichere Mittel, um die ministerielle Macht in Grund und Boden zu zerrütten: die Chaîne-Anglaise der französischen Ministerwechsel veranschaulicht dies ja in köstlicher Unzweideutigkeit.

Und wieder ist es lehrreich, mit diesem französischem Streben nach der schrankenlosen Macht des Parlamentes, wie es vor dem Kriege bestand, eine Auslassung der »Frankfurter Zeitung« aus den Tagen des Reichskanzlerwechsels vom Juli 1917 zu vergleichen, die in ihrer Eindeutigkeit unübertrefflich ist:

» Es sind nicht nur parlamentarische Mehrheiten, sondern auch andere Kräfte, gegen die sich ein Kanzler wehren muss, wenn er die Zügel in der Hand behalten will.«

Wie sehr dabei die Pflichten gegen das Vaterland hinter die innerpolitische Begehrlichkeit zurückgestellt werden, bewies in denselben naßkalten Julitagen eine Auslassung der »Internationalen Korrespondenz«:

»Das nächste Ziel, das zu erreichen ist, nachdem der Friedenswille des deutschen Volkes feststeht und das gleiche Wahlrecht zur Tat werden muß, ist die Parlamentarisierung der Regierung. Dabei ist die Hauptsache, daß die Abgeordneten, die in die Regierung eintreten, Abgeordnete und Vertrauensmänner ihrer Parteien bleiben. Mögen sie dann formal tausendmal Untergebene des Kanzlers sein, in Wahrheit haben sie doch Gewalt über ihn, weil hinter ihnen die Kraft ihrer Partei und schließlich der Wille der Mehrheitsparteien steht.«

Lassen wir beiseite, welche Bedeutung diesen Bestrebungen in Deutschland zu der Zeit beizumessen war, als die überwiegende Mehrheit der Wählerschaften unter den Waffen vor dem Feinde stand. Zum Glücke steht in Deutschland diesen Bestrebungen einstweilen noch die Tatsache gegenüber, dass wir eine monarchische Reichsverfassung mit dem Kaiser an der Spitze haben und daß die Kraft unsrer Waffen uns ebenso vor Willensknechtung durch die Horden des Landes der Arbeiter- und Soldatenräte, wie vor der des von seiner Parlamentswirtschaft zugrunde gerichteten Frankreichs schützt.

Noch lehrreicher aber ist die Entwicklung der slawischen Strömungen unter dem Einflusse der angelsächsischen Schlagwörter, hinter denen sich die Selbstsucht der Geldmächte verbirgt. Der anarchistische Friedensfreund Fürst Krapotkin ist diesem Einflüsse so erlegen, daß er aus seiner Schweizer Zuflucht heraus bereits im Winter 1913/14 seine französischen Freunde aufforderte, Maßregeln zu Frankreichs Verteidigung gegen Deutschland zu erwägen, das er ganz im Sinne der gelben Presse und nach der vom »Vorwärts« und »Berliner Tageblatte« gelieferten Vorschrift beschimpfte. Und jetzt, da sein Vaterland doch die Freiheit errungen hat, die ihm zeit seines Lebens als höchstes Leitziel vorgeschwebt hat, ist er nach Rußland gereist, um es im Blutsolde für die angelsächsische Geldmacht zu halten oder, wie er es zu nennen beliebt, »für das gegenseitige Verstehen des englischen und des russischen Herzens zu wirken«.

Ungefähr die gleiche Wendung hat Plechanow, der Hauptvertreter des Marxismus in Rußland, seinem Leben gegeben, und auch der flüchtige Herr Masaryk, des Herrn Kramarsch lieber Gefährte, wirkt dort mit jenen beiden zusammen dafür, daß Mütterchen Rußland in ihrem namenlosen, endlosen Elende sich verblute für die Bereicherung der Trustprotzen.

Der Nihilist Krapotkin, der Marxist Plechanow und der Neoslawist Masaryk und als Lenker dieser Troika der grinsende Wilson:

»Leb wohl, leb wohl, o du mein Moskau!«

Schade, schade um den prächtigen Menschenschlag dort hinten im weiten träumenden Lande zwischen Moskwa und Rama, aus dem soviel zu machen wäre, wenn einmal das Geschick ihm zu einer vernünftigen Regierung verhülfe! Es liegt in seiner unergründlich widerspruchsvollen Seele soviel tiefe Herzensgüte neben wilder Unbeherrschtheit, soviel sonnige Heiterkeit neben hoffnungsloser Schwermut, soviel gute Kameradschaftlichkeit neben grauenvoller Gewalttätigkeit. Ich habe sie lieb gehabt mit all diesen wilden Gegensätzen die prächtigen alten Reiteroffiziere, Gutsherren und Verwaltungsbeamten, mit denen ich auf der Elchfährte über den Jungschnee hin geritten bin im tiefen Walde von Ssamara und im verklüfteten Ural. Ihre liebenswürdigen Frauen haben meinem Hause noch zum Weihnachtsfeste des letzten Friedensjahres herzlichste Grüße geschickt, und so wie ich haben Tausende von Deutschen mit ihnen gestanden: wie oft habe ich gehört, daß man sich außerhalb der Heimat nirgends so wohlfühlen könne, wie in Rußland! Das gleiche kann ich nicht von den Slawen lateinischer Schrift behaupten, und wer könnte es! Sie aber sind und bleiben die eigentlichen Anstifter dieses Weltbrandes. Mit Fug und Recht hat Ssasonow im Februar 1916 in der Duma ausgesprochen:

»Dieser Krieg ist das größte Verbrechen gegen die Menschheit. Diejenigen, die ihn verschuldeten, tragen eine schwere Verantwortung. In der gegenwärtigen Stunde sind sie zur Genüge entlarvt. Wir wissen, wer die unzähligen Leiden entfesselte, unter denen Europa jetzt seufzt.«

Das war freilich auf Deutschland gemünzt und der Mitschuldige der Januschkewitsch und Suchomlinow, der in der bangen Nacht vom letzten Juli 1914 mit Jenen den willensschwachen Zar Nikolaus II. durch Lügen an der Zurücknahme des Mobilmachungsbefehles gehindert hat, pries sich vor der Duma glücklich, nicht zu sein wie die Deutschen,

»deren Politik unvereinbar ist mit christlicher Sittlichkeit, wir wollen in Frieden und als Christen leben, fern gewissenloser Herrschsucht, die auf dem Grundsatze den Waffengewalt beruht und die Welt mit Sklaverei bedroht«.

Ssasonow war der Geschobene Suchomlinows und mag wohl geglaubt haben, durch Duldung des »größten Verbrechens« den Zaren vor anderer damals ihm und dem Thronerben drohenden Gefahr bewahren zu sollen. Längst hat auch ihn mitsamt seinen wachsblassen Lügen die Revolution verschlungen. Aber jenes Wort vom größten Verbrechen gegen die Menschheit wird seiner verschollenen Spur nachleuchten durch die Geschichte hin, und erst wenn es in der ganzen Schwere und Tiefe seiner Bedeutung dort verstanden sein wird, wohin es gerichtet war, kann für das deutsche Gesamtvolk die Hoffnung auf eine bessere Zukunft aufkeimen.

Mich hat diese große Sorge auf Grund meiner Erlebnisse in den Karpathen beherrscht in allen den Jahren vor dem Kriege. Auch in Rußland hat es durchaus nicht an Vertretern der gleichen Auffassung gefehlt. Die »Semschtschina« insbesondere hat, solange Mütterchen Rußland noch nicht vollständig auf dem Umwege über das »Nowoje Wremja« von der britisch-französischen Politik beherrscht war, mit sehr scharfem Spotte die französischen Ansprüche an Rußland zurückgewiesen, noch im Jahre 1911 mit dem demütigenden Hinweise darauf, daß Frankreichs eigenes Heer im Jahre 1910 nicht weniger als 13 500 Fälle von Fahnenflucht und 53 000 Fälle von Ungehorsam aufzuweisen gehabt habe. Deutlich las man dabei zwischen den Zeilen den Hinweis auf die preußisch-deutsche Manneszucht heraus. Auch Gutschkow, der Führer der Oktobristen, ermahnte noch im Jahre 1908 mit großer Lebhaftigkeit, gute Beziehungen zu Deutschland zu halten. »Die Überlieferung der früheren Freundschaft«, rief er unter dem Beifalle der Mitte aus, »die Erinnerung an gegenseitige Dienste in der Vergangenheit, die in kritischen Augenblicken der Geschichte geleistet sind, Erinnerungen, die fast moralischen Verpflichtungen gleich sind – das alles bietet eine Bürgschaft für eine friedliche Lösung entstehender Spannungen!« Der Vertreter der äußersten Rechten, Abgeordneter Purischkewitsch wurde noch deutlicher. Er erinnerte daran, daß seit den Tagen Iwans des Schrecklichen noch aus jeder Gemeinschaft zwischen Rußland und England schweres Unglück für sein Vaterland entstanden sei. Allerdings bezeichnete er die Einverleibung Bosniens als für Rußland unmöglich, verwahrte sich aber gegen die Teilnahme an einer Balkankonferenz deshalb, weil dies Rußland in demütigende Abhängigkeit von England bringen würde. Die größte Gefahr für Rußland liege in den Bestrebungen Englands, Rußland in einen Krieg mit Deutschland zu hetzen, um Deutschland zu schwächen, ohne selbst die Kastanien aus dem Feuer holen zu müssen.

Kein zurechnungsfähiger Politiker konnte sich zu jener Zeit den schweren Ernst der heraufziehenden Gefahr verhehlen. Die scheinbare Schwenkung der russischen Politik in den auf deutscher Seite so törichterweise überschätzten Beratungen von Potsdam vom 4. November 1910 hatte lediglich den Zweck, Zeit zur Durchführung der Heeresverstärkung und zum Ausbau der Aufmarschbahnen zu gewinnen. Sassanow, der von der Großfürstenpartei wegen seiner Dämpfungspolitik als Deutschenfreund verdächtigt ward, mußte sich beeilen, im »Matin« zu versichern:

»Die Deutschen Staatsmänner wissen, daß Rußland seine Verpflichtungen (gegen die Westmächte) immer treu halten wird und weder einen Grund noch einen Vorwand hat, dem engen Bündnis mit Frankreich oder dem herzlichen Einvernehmen mit England zu entsagen.«

Noch weniger har die Kaiserbegegnung von Baltischport vom 12. Juni an der inzwischen bereits noch mehr verschärften Lage etwas zu ändern vermocht.

Aber für uns bestand die Pflicht, gleichwohl nach Kräften die Beziehungen zu Kreisen zu pflegen, die bis 1907, wie Graf Witte ausdrücklich erklärt hat, »die Träume der russischen und französischen Schreier von einem Feldzuge gegen Berlin und Wien« als lediglich englischen Zielen dienend erkannt und zurückgewiesen hatten. Ausdrücklich erklärte Witte: »Unser Hauptfeind ist England, wie es stets der Feind einer jeden frei atmenden Großmacht gewesen ist«.

Indessen alle Zuneigungen, die deutscherseits in Rußland erworben wurden und weiter hätten erworben werden können, scheiterten an der russenfeindlichen Tonart gewisser deutscher Blätter, von denen man nicht ohne äußerste Not spricht, und an dem Geschick, mit dem Herr Iswolski in Paris die »deutsche Gefahr« zur Erschließung weiterer Goldquellen für »seinen Krieg« zu benutzen verstand. Freilich ist ihm dies erst fünf Jahre später vollständig gelungen, nachdem der alte Suworin die Augen geschlossen hatte. Unter ihm war das »Nowoje Wremja« zwar leidenschaftlich russisch, aber doch eben auch durch und durch russisch geleitet. Erst als seine beiden Söhne das Blatt übernahmen, kam es zu näheren Verbindungen mit dem sogenannten Lord Northcliffe, sowie anscheinend auch mit Herrn Bunau Varilla, dem geistesverwandten Besitzer des »Matin«. Ich war auf der Ausreise nach dem Ural im Herbste 1912 Zeuge, wie auf dem Newski-Prospekt Offiziere die Nachricht dieses Zeitungsbündnisses serbischen Kameraden und der aufjubelnden Menge beteiligter Nationalisten verkündeten. Die Beteiligung des »Matin« an dem Kaufe wurde damals in Petersburg allgemein behauptet, was nicht überraschen kann im Einblicke auf die überaus rührige Wühlarbeit des Herrn Maurice Jules Bunau Varilla und seine Gewissenlosigkeit in der Verfolgung deutschfeindlicher Ziele.

Während der letzten Lebensjahre von Väterchen Suworin war die Unternehmungslust der abenteuernden Parteien stark gehemmt durch die Rücksichten auf das französische Geld. Nicht auf jenes, das man geborgt hatte, sondern auf das, welches man gern haben wollte und nicht mehr kriegte, weil es nicht zum Kriegführen verwandt werden sollte. Es bedurfte erst stärkeren Druckes durch die Herrn Bunau Varilla zur Verfügung stehenden Finanzfedern, um »das Geld der Rothschild und die Feder der Reinach« für die Pläne des verstorbenen König Eduard zu gewinnen. Die bereits erwähnte Zurückziehung der Drei-Milliarden-Anleihe aus den beteiligten Banken durch die russische Regierung machte den Herren handgreiflich ihre Abhängigkeit von der Politik des Schuldnerstaates klar!

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