Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Fritz Bley >

Wie kam es doch?

Fritz Bley: Wie kam es doch? - Kapitel 5
Quellenangabe
authorFritz Bley
titleWie kam es doch?
publisherErich Matthes
year1918
firstpub1917
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171204
projectide15dc5a9
Schließen

Navigation:

»Der kommende Krieg«.

 

»Eine gerechte Kritik darf nicht den nachmaligen Lauf der Dinge, nicht die Kenntnis der Verhältnisse, wie sie nachträglich vorliegen, zum Maßstab ihres Urteils nehmen, sondern muß sich fragen, was konnten die Leiter der Begebenheiten zur Zeit ihres Handelns davon wissen.«

Moltke.

 

Als zum dritten Male die deutschen Truppen siegreich heimkehrend durch das Brandenburger Tor gezogen waren, hatte sich Deutschland wie ein neues Gestirn am Himmel der Weltgeschichte erhoben. Jetzt verblaßte es, ohne daß die Mehrheit der Deutschen selbst es fühlte. Auf der anderen Seite aber blieb der haßgeschärfte Blick nicht blind für diesen langsam gegen Abend weisenden Niedergang und am wenigsten konnte in den Klubs von Paris und London verborgen bleiben, mit welcher Verblendung in Deutschland selbst die Aufgaben verkannt wurden, die sich in die Worte » Jena oder Sedan?« zusammendrängten. Gewiß hat es auf beiden Seiten des Kanals auch damals immer noch Männer gegeben, die tiefer blickten und durchschauten, daß hinter dem Staube der Alltagspolitik unser unbekümmert arbeitsames fleißiges Volk in Wissenschaft, Ackerbau und Industrie seiner Arbeit nachging. Aber wiederum stellte sich diese Unbekümmertheit für alle diejenigen Franzosen und Engländer als eine Beleidigung dar, die sich nicht verhehlen konnten, wie sehr die deutsche Industrie ihre westlichen Nachbarn überflügelte. Schon der eine Blick auf die Roheisenerzeugung, wie sie jedem französischen und englischen Hüttenmanne und Maschinenbauer, den belgischen nicht zu vergessen, sich aus der Beobachtung des Marktes aufdrängte, mußte ihn darüber belehren, was die Anschreibung dann bestätigte: daß von vier Millionen Tonnen deutschen Eisens gegen 7,6 Millionen Tonnen englischen Eisens im Jahre 1867 das Verhältnis sich immer gewaltiger verschob, um schließlich im Jahre 1911 auf deutscher Seite 15,5 Millionen aufzuzeigen, während England es nur auf 10 Millionen hatte bringen können, also von einem Vorsprunge von 3,6 auf ein Zurückbleiben von 5,5 Millionen heruntergekommen war. Unwillkürlich zwang schon diese Wahrnehmung den Eifersüchtigen den Wunsch auf, die deutschen Erzgebiete zu beschränken und womöglich die rheinisch-westfälische Industrie zu zerstören. Die hieraus sich für unsere Feinde ergebenden unerbittlichen Notwendigkeiten konnten, bis zur letzten Folgerung begriffen, nur die völlige Zerschmetterung unsres ganzen Staatsgefüges und die dauernde Wiederherstellung der Zustände bezwecken dürfen, wie sie zur Zeit des großen Colbert und nach der Zerstörung der Pfalz durch Mélac hergestellt waren – oder der Beginn eines Krieges mit Deutschland wäre wahnwitziger Selbstmord gewesen! Deshalb hat das französische Volk nicht ohne Zittern und Zagen sich in die Entschlußkraft hineingelebt, die das Ungeheure von ihm forderte. Man denke nur zurück an den panischen Schrecken, der zuweilen in Lüneweiler und Nanzig ausbrach, wenn um parteipolitischer Mätzchen willen gelegentlich von Paris aus das Gerücht aufstieg, Deutschland plane einen Präventiv-Krieg, wie z. B. im Juni 1908, als Kaiser Wilhelm in berechtigter Entschlossenheit an Bord des Dampfers »Ozeana« dem Bürgermeister Dr. Burchardt zugerufen hatte: »Die Hamburger und ich, wir verstehen uns! ... Sie sollen uns nur kommen!«

Es hat in Frankreich zu keiner Zeit ganz an der Sorge gefehlt, daß ein neuer Waffengang mit Deutschland, zu dem das Land sich ununterbrochen rüstete und durch Bündnisse zu stärken suchte, zu einer vernichtenden Niederlage von weit schlimmerer Wucht als die von 1870/71 führen könne. Bismarcks Politik war gerade von diesem Rentnertume deshalb wohltuend empfunden. Aber sie wirkte lähmend auf den von den politischen Advokaten »entflammten Volksgeist« und das Programm von Nanzig vom Jahre 1907, nach dem die einflußreichsten Politiker Frankreichs um der Vergeltung willen alle militärischen Überseezüge, die auf Erwerb von Kolonien abzielten, bekämpft sehn wollten. Dies war namentlich auch die Politik der Monarchisten. Erst die diplomatischen Erfolge von Algeciras lenkten die Aufmerksamkeit auf die, freilich den französischen alten Afrikanern längst wohlbekannte Bedeutung der Kolonien für die Verwendung farbiger Truppen auf dem künftigen europäischen Kriegsschauplatze. Die in den Kongosümpfen erstickende deutsche Marokkopolitik befestigte diese Überzeugung um so mehr, als seit 1906 die Grundlagen der englisch-französischen Heeresvereinbarung festlagen. Wie erinnerlich erklärte schon im Januar 1906 der großbritannische Militärattaché Barnardiston dem belgischen Generalstabsführer General Ducarne, daß Großbritannien, für den Fall eines deutschen Angriffes auf Belgien 100 000 Mann britischer Truppen in Calais und Dünkirchen landen lassen würde. Über die Rolle, die Belgien als Hehler des von England und Frankreich geplanten Einbruches in seine eigene Grenze gespielt hat, habe ich in meiner Schrift »Der schlimmste Feind« a. a. O. S. 96 ff. das Erforderliche gesagt. Inzwischen haben die wertvollen Funde, die sich für unsre amtliche Politik in den Archiven von Brüssel ergeben hatten, sich durch entsprechende Aktenstücke von Nisch und Bukarest in bemerkenswerter Weise vermehrt und der breiten Öffentlichkeit bewiesen, welche maßgebenden Belege für den feindlichen Willen Englands, Rußlands und Frankreichs bestanden haben. Auch aus dem veröffentlichten Berichte des früheren russischen Gesandten in London, Grafen Benkendorff, ergibt sich, von welcher Seite die Anregung ausging, die Landmächte des europäischen Festlandes gegen die Mittelmächte in den Krieg zu zwingen. England wollte ja zunächst sich nur mit schwacher Kraft beteiligen, um dabei gewesen zu sein und beim Friedensschlusse den Rahm abschöpfen zu können. Insbesondere aber haben die Erklärungen des redseligen englischen Generals Townshend den letzten Schleier von der Sachlage gerissen. Nach einem von der »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung« am 20. Mai 1916 veröffentlichten Berichte des früheren kaiserlichen Konsuls in Johannisburg hat Lord Townshend ein Gespräch wiedergegeben, das er über Englands Kriegsabsichten mit Lord Roberts geführt hatte. Letzterer hatte darin erklärt, es werde bestimmt ein Krieg zwischen Deutschland und Frankreich ausbrechen, in dem England sich auf Frankreichs Seite stellen werde. Der ganze Kriegsplan sei bis aufs einzelste zwischen Frankreich und England abgekartet. England werde 120 000 Mann in die Gegend von Lille werfen. Townshend, der inzwischen bei Kut el Amara gefangen genommen worden ist, hat die Tatsache dieser Unterhaltung gegenüber dem Vertreter der türkischen Zeitung »Hilal« am 17. Juni 1916 zuzugeben.

Welchem mit halbwegs offenen Augen in die Welt blickenden Politiker oder Tagesschriftsteller wäre denn diese Sachlage damals verschlossen geblieben? In Belgien war bereits 1906 die bekannte Schrift » Une guerre franco-allemande« erschienen, deren Verfasser sich »Cassandra« nannte und bei seiner gründlichen Kenntnis des ganzen Kriegsplanes ohne weiteres als ein belgischer Generalstabsoffizier erkennbar ward, dem es darauf ankam, durch ein düsteres Gemälde des deutschen Einfalles in Belgien die Bevölkerung für die Aufgaben einer größeren Rüstung im Sinne des französisch-englischen Zusammengehens zu entflammen.

Das Buch ist noch heute sehr empfehlenswert. In deutscher Ausgabe ist es in der Übersetzung von Max Roeder im Verlage der Kameradschaftlichen Kriegsbeschädigten-Fürsorge der Deutschen Hauswirtschaftsgesellschaft in Aachen erschienen. Generalarzt Prof. Dr. Jaeger weist in einem Geleitworte noch besonders darauf hin, wie der Verfasser ausführlich den tatsächlichen Stand unseres Einmarschrechtes in Belgien aus dem Vertrage vom 19. April 1839 klargelegt hat.

Eine ganze Bücherei dieser Art lag bereits vor. Bereits im Jahre 1894 hatte der Konteradmiral P. Colomb im Vereine mit drei Schriftleitern der »Times« ein Zukunftsgemälde »Der große Krieg von 189*« herausgegeben, das eine ganz merkwürdige Vorahnung bestimmter Vorgänge enthält, den Fürstenmord vom Belgrader Konak und russische Umtriebe schildert, die außerordentlich lebhaft an die Ereignisse des Sommers 1914 erinnern. Deutschland erklärt darin, nachdem Österreich in Serbien eingefallen ist, Rußland den Krieg. Frankreich läßt seine Kriegserklärung gegen Deutschland folgen, das dann durch Belgien marschiert. England nimmt nach dieser englischen Darstellung natürlich am Kampfe nicht teil, sondern spielt den Friedensengel.

Auch ein französisches Buch der Art lag seit dem Jahre 1906 bereits vor in Grand-Castenets »Europas Onkel«. Dieser ist natürlich Eduard VII. und für den Verfasser ist die Weltfrage schon damals: wird Europa englisch oder deutsch sein? Für sein französisches Vaterland befürchtet er, daß es infolge des Krieges zu einem Schutzstaate von England herabsinken werde.

Im Jahre 1911 erschien dann im Verlage der Lütticher Zeitung »La Meuse« eine Kriegserzählung von Darlon unter dem Titel »Lüttich unverletzt«, eine Verherrlichung des Größeren Belgiens, wie wir sie auch in den bekannten Kriegszielen des Herrn de Brocqueville kennen gelernt haben. Die Deutschen verlieren darin nach Belgiens Wünschen alle Schlachten, das französische Heer überschreitet die Elbe, während die Russen diesseits der Oder stehen. England schließt alle deutschen Häfen, Sachsen und Bayern fallen vom Deutschen Reiche ab und der Kaiser muß um Frieden bitten. Das Deutsche Reich, dies seit 1870 bestehende Ärgernis der ganzen Welt, wird aufgelöst. Süddeutschland kehrt zu den alten Rheinbundüberlieferungen zurück, Elsaß-Lothringen kommt natürlich an Frankreich und das ganze Deutschland rechts der Oder fällt an Rußland. Belgien ist so bescheiden, sich mit dem Kreise Malmedy und dem Häuflein der Wallonen zu begnügen.

Neben diesen Zukunftsträumereien wies aber das kriegsfachmännische Schrifttum bereits eine ganze Reihe von Werken auf, die aus der Kenntnis bestehender Dinge berechtigte Zukunftsschlüsse ziehen. So gab der Major im japanischen Generalstabe, Otojiro Kavakami, im Jahre 1912 in einem in Groß-Lichterfelde erschienenen Buche »Der europäische Krieg von 1913« eine gute Voraussage der tatsächlichen Ereignisse, wie sie sich erfüllt haben. Nach seiner Vorstellung ist England der eigentliche Anstifter des aus den Balkanwirren entstehenden Krieges und Frankreich unterliegt, obgleich Italien und Belgien sich auf seine Seite stellen. Der Gang der Ereignisse entspricht nicht Frankreichs Wünschen. Lüttich, Namen und Malberghe fallen und die Entscheidung liegt schließlich im Norden Frankreichs. Bemerkenswerterweise rechnet Kavakami auch mit einer vorübergehenden Besetzung Mülhausens durch die Franzosen.

Unter den ernsten französischen Schilderungen ist die von François Delaisie aus dem Jahre 1911 die bekannteste. Sie führt den Titel »Der kommende Krieg« und gibt England als den eigentlichen Urheber und als Ziel die Vernichtung der deutschen Industrie und die Absperrung der deutschen Häfen an. Delaisie rechnet damit, daß sich das Schicksal beider Reiche in der Umgebung von Antwerpen entscheiden werde. Mit dem Verluste von Kiautschou durch Japan, den er voraussieht, haben wir ja alle gerechnet. Unsere Abneigung zur Befestigung von Tsingtau begründete sich auf der Erkenntnis von der Nutzlosigkeit, diese Stellung gegen Japan halten zu wollen. Ausgesprochen hat das im Jahre 1912 der General v. Bernhardi in der Berliner Zeitung »Die Post«. Jeder Kenner Rußlands wußte in jener Zeit, daß die Probemobilisation nichts anderes als die erneute Einleitung zu der großen weltgeschichtlichen Abrechnung darstellte.

Die Mehrheit des deutschen Volkes aber schwelgte damals unentwegt in Liebeswerbungen um Englands Gunst. Die Bürgermeister der deutschen Städte, Vertreter der evangelischen Geistlichkeit, die hellsten Köpfe unter den deutschen Zeitungsmännern wetteiferten in Verbrüderungen mit den innerlich grinsenden englischen Freunden und erklärten es nach der Rückkunft von England für ganz unmöglich, daß wir mit dem prächtigen englischen Volke jemals würden die Waffen kreuzen müssen. Eine im Auftrage unserer Londoner Botschaft verfaßte Schrift »Weltpolitik und kein Krieg« legte die Torheit unsrer Besorgten dar. Und das Auswärtige Amt hielt es nicht der Mühe für wert, unsre Rechtslage gegenüber dem »neutralen« Belgien und insbesondere die Wirksamkeit des von »Cassandra« so eindringlich betonten Vertrages von 1839 zu studieren. Wie ein verschmähter Liebhaber verteidigte sich Deutschland gegen den von britischer Seite mit hündischem Hohne erhobenen Vorwurf, der Weltstörenfried zu sein!

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.